Sarah Kuttner: Kurt

  Trauer erster und zweiter Klasse

70 Seiten lang erzählt Sarah Kuttner in ihrem neuen Roman Kurt, dessen drei Teile ebenfalls jeweils „Kurt“ heißen, über das Werden einer Patchworkfamilie. Die Ich-Erzählerin Lena ist die neue Lebenspartnerin des großen Kurt, und um dessen Sohn, dem sechsjährigen Kurt, nahe zu sein und den Erstklässler im wöchentlichen Wechsel mit der Mutter zu betreuen, haben die beiden ein Haus bei Oranienburg, im Speckgürtel ihrer Heimatstadt Berlin, gekauft – „zugunsten des kleinen Kurt“. Lena mutiert zum Baumarkt- und Gartenprofi und staunt selbst über ihre neuen, vermeintlich spießigen Ambitionen. Nebenbei ringt sie um ihre Rolle in der neuen Familienkonstellation: „Ich finde es schwierig, eine passende Position in diesem Konstrukt zu finden… Was sind meine Rechte und Pflichten?“ Der große Kurt nimmt ihr die Verantwortung für den Sohn meist ab, aber nimmt er ihr damit nicht auch viel weg? Noch ist vieles in der Schwebe, da verunglückt der kleine Kurt tödlich, ein Sturz vom Klettergerüst, an dem keiner Schuld trägt. Während der Vater in seiner Trauer versteinert und sich zurückzieht, muss Lena wieder einmal verzweifelt nach ihrer Rolle suchen: „Kurt zu trösten ist ein Glücksspiel: manchmal darf ich, oft hingegen nicht.“ Sie weiß nicht, wie sie ihre eigene Trauer leben soll und darf, weil sich „jedes meiner Gefühle entweder zu klein oder irgendwie prätentiös anfühlt“.

Es grenzt an ein Wunder, dass mich dieser Roman von Sarah Kuttner, mein erster von ihr übrigens, so nachhaltig beeindruckt hat. Dabei ist vieles genau so, wie ich es nicht mag: zu viel Sex (will ich nicht so genau wissen), ständige Raucherei (nervt), Alkohol am Steuer (geht gar nicht), zu viele Anspielungen auf Popsongs (kenne ich meist nicht), ein schwieriges Thema (eher verdrängt) und eine sehr flapsige, nicht gerade literarische Sprache. Um mit der Sprache zu beginnen: für knapp 250 Seiten war sie in Ordnung, machte das Thema Kindstod vielleicht überhaupt erst erträglich. Wie meist treffsicher Sarah Kuttner aber auf diese Weise Umstände und Stimmungen erfasst, hat mich immer wieder begeistert. Da wissen zum Beispiel kleine Kinder selten, „wann humoristisch der Peak überschritten ist“, die Protagonistin spricht von „Scheinwerfer-Reh-Situationen“ im Verhältnis zur Mutter des kleinen Kurt oder vom „große Nähe-oder-keine-Nähe-Roulette“ beim in seiner Trauer versteinernden Partner. Selten sind die Bilder so misslungen wie beim großen Regen, während der Vater das Kinderzimmer ausräumt: „…es regnet sich nicht ein, es fällt aus dem Himmel wie ein verdammter Airbus.“

Auch wenn viele Kritiker im Feuilleton Feuer schreien und jetzt auf die Bloggerin hinunterschauen mögen – mir hat der Roman gut gefallen und ich nehme sehr viel aus der Lektüre mit, nicht nur über die richtige Moosbekämpfung im Rasen, sondern vor allem auch über den Umgang mit Trauernden. Dafür gibt es mit dem Nachbarn und Freund Gauger, mit Lenas Schwester und mit der Mutter des großen Kurt bewundernswerte Vorbilder. Aus den genannten Gründen kann ich die Kritik an dem Roman deshalb zwar verstehen, teile sie jedoch größtenteils nicht.

Sarah Kuttner: Kurt. S. Fischer 2019
www.fischerverlage.de

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