Simone Lappert: Der Sprung

  „Nichts war wie vorher. Absolut nichts.“

Die Idee zu Simone Lapperts zweitem Roman Der Sprung ist klasse. Da steht eine junge Frau namens Manu auf dem Dach eines Mehrfamilienhauses in der fiktiven Kleinstadt Thalbach im Schwarzwälder Hinterland, randaliert mit Dachziegeln und droht zu springen. Warum? 20 Stunden dauert das Spektakel, genug Zeit, um das Leben vieler Wartender auf den Kopf zu stellen, sei es, weil sie in enger Beziehung zu ihr stehen, oder weil das Ereignis ihnen Anlass gibt, die eigene Lebenssituation zu überdenken.

Simone Lappert beginnt den Roman mit dem titelgebenden Sprung selbst, der viermal thematisiert wird: am Anfang und nach jedem der drei Teile: „1 Tag davor“, „1. Tag“ und „2. Tag“. Die Sprache in diesen kurzen Abschnitten, in denen zunächst nichts über die Landung verraten wird, ist besonders gelungen: „Eigentlich springt sie nicht, sie macht einen Schritt ins Leere, setzt den Fuß in die Luft und lässt sich fallen, mit offenen Augen lässt sie sich fallen, will alles sehen auf dem Weg nach unten, alles sehen und hören und fühlen und riechen, denn sie wird nur einmal so fallen, und sie will, dass es sich lohnt…“ .

Die drei Teile dazwischen sind in Kapitel untergliedert, die als Überschriften die Namen einer von zehn Personen tragen. Aus ihrer Sicht wird jeweils erzählt, wie die Frau auf dem Dach zum Wendepunkt in ihrer Biografie wird. Da ist Manus Freund Finn, der noch nicht einmal ihren Nachnamen kennt, der Polizist Felix, bei dem die bevorstehende Vaterschaft ein altes Trauma wiederaufleben lässt, ihre Schwester Astrid, die sich als Bürgermeisterkandidatin keinen Skandal erlauben kann, ein Obdachloser, der die Menschenansammlung geschickt für seine Zwecke nutzt, und einige andere mehr. Besonders bewegt hat mich das Schicksal von Theres, die zusammen mit ihrem Mann einen aus der Zeit gefallenen Gemischtwarenladen betreibt. Kurz vor der Insolvenz erleben die beiden einige letzte Blütestunden, denn ihr Geschäft liegt plötzlich inmitten des Geschehens. Die Beschreibung, wie Theres lustvoll und geschickt Überraschungseier auspackt, hat die Lektüre fast schon alleine gelohnt. Auch der Mailänder Stardesigner mit Schaffenskrise, der unerwartet in das Schicksal eines Thalbachers eingreift, ist eine originelle Figur. Zu klischeehaft war mir jedoch die gemobbte übergewichtige Winnie mit ihren Teenieprobleme aus dem Lehrbuch. Gestört hat mich das exzessive Rauchen vieler Protagonisten – überflüssig und für meinen Geschmack zu breit ausgewalzt. Der liebevolle Umgang der sorgfältigen Beobachterin Lappert mit ihren zahlreichen Protagonisten hat mir dagegen Spaß gemacht, auch wenn sie ihr so sehr ans Herz gewachsen sind, dass sie für fast alle einen versöhnlichen Ausgang bereithält. Die Einzelschicksale stehen eindeutig im Fokus, während die Atmosphäre und die zwar immer wieder erwähnte, für mich aber nicht spürbare Hitze etwas zu kurz kommen.

Der Sprung ist ein lesenswerter, sehr gut durchkomponierter Unterhaltungsroman und ein Porträt unterschiedlicher Bewohner einer beliebigen Kleinstadt, die alle irgendwie verbunden sind. Für das nächste Buch wünsche ich mir noch mehr sprachlich exzellente, akribisch beschriebene Passagen wie die über den eigentlichen Sprung, denn hier zeigt sich die große Begabung der jungen Schweizer Autorin besonders deutlich.

Simone Lappert: Der Sprung. Diogenes 2019
www.diogenes.ch

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