Stefanie Höfler: Der große schwarze Vogel

  Wie das ist, wenn jemand plötzlich stirbt

Ich will aber nicht, dass das hier nach einer düsteren Geschichte klingt. Ich weiß selbst gar nicht, ob ich die Geschichte düster finde. Ich weiß nicht einmal, ob das hier eine Geschichte wird. Aber falls es eine wird, dann soll sie erzählen, wie das ist, wenn jemand plötzlich stirbt. Wie die ersten Tage vergehen, wie man damit klarkommt. Oder wie man eben nicht damit klarkommt.

Als Ben an einem wunderschönen Oktobersonntag erwacht, versuchen Sanitäter gerade, seine Mutter nach einem Herzversagen wiederzubeleben. Fassungslos erleben der 14-jährige Ich-Erzähler, sein sechsjähriger Bruder Karl, genannt Krümel, und ihr Pa das Scheitern der Rettungsaktion. Von nun ist nichts mehr, wie es war.

Lustig war die Mutter, manchmal so albern, chaotisch und aufgedreht, dass es dem stillen, schüchternen Ben peinlich war. Bunt war alles um sie herum, die Wände der Wohnung, ihre Kleidung, ihr kupferrotes Haar und ihre grünen Augen, aber manchmal war sie genervt und wütend. Immer war sie lebendiger als andere Mütter, liebte die Natur und Gedichte und konnte auch melancholisch sein:

Der Tod ist wie ein Flügelschlag, hatte Ma einmal gesagt. Sie liebte solche Sprüche. Wie der Flügelschlag von einem großen schwarzen Vogel, der vorbeifliegt, und sein Schatten fällt kurz auf den, der zufällig darunter sitzt, und etwas länger auf diejenigen, die vielleicht gerade drum herum sind. Als hätte sie es geahnt, oder?

Die 1978 geborene Lehrerin und Theaterpädagogin Stefanie Höfler lässt ihren Protagonisten das Geschehen beeindruckend sensibel, direkt und völlig ohne Kitsch erzählen. Nie hatte ich Zweifel daran, dass ich einem ungewöhnlich besonnenen, aufmerksam beobachtenden Vierzehnjährigen zuhöre. Chronologisch berichtet Ben über die Woche nach dem plötzlichen Tod, dazwischen finden sich kursiv gedruckt eingeschobene Kapitel mit den Überschriften „Davor“, „Jetzt“ und „Danach“, so dass die Zeit zwischen Bens frühesten Erinnerungen und dem ersten Todestag der Mutter erfasst wird. Damit entsteht einerseits ein Bild der Mutter, die ihren Söhnen die Liebe zu Bäumen, Wald und Pflanzen mitgegeben hat, andererseits erlebt man hautnah die unterschiedlichen Verarbeitungsstrategien der Zurückgebliebenen. Während der Vater zunächst zwischen Erstarrung, Selbstvorwürfen und Wut schwankt, sorgt der pfiffige Krümel dafür, dass er die Ankunft der Mutter im Himmel nicht verpasst, baut ein Mausoleum und bemalt heimlich den Sarg bunt. Ben dagegen schultert zu viel Verantwortung und kann lange nicht weinen.

Ein großes Geschenk ist die Unterstützung für Ben, der mir beim Lesen ebenso sehr ans Herz wuchs wie der patente Krümel. Sein praktisch veranlagter Freund Janus ist unverstellt für ihn da, die spöttische, unnahbare Klassenkameradin Lina entpuppt sich als Expertin in Sachen Tod und kompetente Gesprächspartnerin und Pas Schwester Gerda kümmert sich einfühlsam-zurückhaltend um die drei Trauernden. Sie alle machen die Geschichte heller, als das Thema es erwarten lässt.

Zurecht war Der große schwarze Vogel 2019 in den Kategorien „Jugendbuch“ und „Jugendjury“ doppelt für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert, auch wenn es nicht nur für junge Leserinnen und Leser ab zwölf, sondern auch für Erwachsene eine höchst empfehlenswerte Lektüre ist.

Für den Einsatz im Unterricht bietet der Verlag Beltz & Gelberg eine Lehrerhandreichung für die Klassenstufe sieben bis neun mit Kopiervorlagen an.

Stefanie Höfler: Der große schwarze Vogel. Gulliver 2019

Heike Krauter-Dierolf & Christian Wilken: «Der große schwarze Vogel» im Unterricht. Beltz 2019
www.beltz.de

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