Tanya Tagaq: Eisfuchs

  Wenn Zeit und Handlung spazieren gehen

Eisfuchs war mein Einstieg in die Literatur des Gastlandes der Frankfurter Buchmesse 2020: Kanada. Tanya Tagaq, Inuit und 1975 in Cambridge Bay, heute Nunavut, geboren, ist Musikerin und bekannt für ihre indigenen Kehlkopfgesänge, die sie mit modernen Elementen mischt.

Genauso ungewöhnlich wie diese traditionelle Musik ist ihr Romandebüt, das nun auf Deutsch im Verlag Antje Kunstmann erschien. Das Äußere des Buches verdient besondere Beachtung: ein schlichtes Schwarz-Weiß-Cover, die leichte Prägung des Umschlags, die Großbuchstaben in Serifenschrift und der rotgefärbte Schnitt, der für ein leises Knacken beim Durchblättern sorgt, erzeugten bei mir ein wohliges Gänsehautgefühl.

Damit war es jedoch bereits bei der Widmung vorbei:

Für die verschwundenen und ermordeten indigenen Frauen und Mädchen Kanadas, und für die Überlebenden der Residential Schools.

Kindheit und Jugend in der Arktis
Eine namenlose Ich-Erzählerin berichtet in kurzen Sequenzen und Gedichten über ihr Aufwachsen am Rand des kanadischen Eismeeres. Drei Jahresangaben gliedern den Text: 1975 ist sie elf, 1978 und 1982. Es ist ein langweiliges 1200-Einwohner-Dorf, wo Kälte und Dunkelheit die Zeit monatelang anhalten, die Häuser wegen des Permafrosts auf Stelzen stehen, ab minus 50 Grad gefühlter Temperatur die Schule ausfällt und erst im Frühling das Leben zurückkehrt:

Wir Kinder dürfen im Frühling frei durch den Ort streifen. Wir sind das ständige Zusammensein mit den Eltern genauso leid wie sie, die ein halbes Jahr lang unser Herumtoben im Haus aushalten mussten.

Für die sich selbst überlassenen Kinder ist die Tundra ein gefährlicher Abenteuerspielplatz. Dazu schnüffeln sie Butangas und Lösungsmittel, Mobbing und Gewalt sind allgegenwärtig. Die traumatisierte Elterngeneration hat durch Umsiedlung, den Übergang zum Kapitalismus und Zwangschristianisierung jeden Halt verloren, trinkt, feiert und missbraucht die Kinder:

Ich funktioniere nur von der Taille aufwärts
Psychologische PDA
Taub
Zu jung wurde ich missbraucht
Zu jung wurden wir missbraucht
In eine Teergrube geworfen
Je mehr ich strample desto tiefer sinke ich…

Unscharfe Konturen
Mit dem Fortschreiten des Romans löst sich die Handlung immer mehr auf, die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Traum verschwimmen bis zur Unkenntlichkeit. Durch die Hinwendung zu alten Mythen und Gebräuchen der Inuit und zu den Kräften der Natur findet die Ich-Erzählerin zu Stärke und Selbstbewusstsein:

Das Trauma sucht sich uns nicht aus; man entscheidet selbst, ob etwas zum Trauma wird, oder etwa nicht?

Zwiespältiges Fazit
Es ist mir unmöglich, den Inhalt des Romans auch nur annähernd wiederzugeben, zu verschwommen und abstrakt ist die Erzählung, zu fremd die mythische Welt der Inuit. Ergreifende, großartige Naturschilderungen wechseln ab mit schockierenden Gewaltszenen und vielen Passagen, die ich schlicht nicht verstanden habe. Sicherlich ist das Buch für Menschen mit einem besseren Zugang zu Esoterik und Mystik besser geeignet als für mich, die ich mir einen weniger experimentellen, zugänglicheren Text über Geschichte, Leben und Kultur der Inuit gewünscht hätte. Dem sprachlichen Sog und den einfachen Schwarz-Weiß-Illustrationen von Jaime Hernandez konnte ich mich jedoch nie entziehen, selbst nicht in mir unverständlichen Textsequenzen, und die Grundidee der Heilung durch die Natur ist einfach wunderbar, genauso wie solche Formulierungen:

Wie lang ich auf dem Eis liege, weiß ich nicht, die Zeit ist spazieren gegangen.

Tanya Tagaq: Eisfuchs. Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger. Illustrationen von Jaime Hernandez. Kunstmann 2020
www.kunstmann.de

1 Kommentar

  1. Wow, das hört sich nach einem düsteren, aber wichtigen #frauenlesen an. Dazu will ich auch mehr Literatur von BIPoC lesen, das Buch landet gleich auf meiner Liste.

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