Thomas Beckstedt: 1888

Narben und Dämonen

Zwei Zeitebenen, zwei Orte und zwei Protagonisten sind die Zutaten zu diesem spannenden Debüt des promovierten Philosophen und diplomierten Datentechnikers Thomas Beckstedt. Was ich zunächst für einen sehr intelligent aufgebauten historischen Krimi gehalten hatte, entpuppte sich auf den letzten 150 Seiten doch noch als der auf dem Umschlag versprochene Thriller.

Georg, ein deutscher Soldat des Ersten Weltkriegs, hat seine Zelte in Deutschland abgebrochen, das Familienunternehmen verkauft und ist nach London übergesiedelt, traumatisiert und verwundet an Körper und Seele, ohne Plan für sein weiteres Leben. Da erreicht ihn 1922 überraschend ein Paket aus Indien von einem gewissen Dr. Richard Rollet. Ihn und seine wesentlich jüngere Frau Maria hatte Georg in seinem letzten unbeschwerten Sommer 1914 in einem Hotel in Sils Maria kennengelernt. Nun schickt Dr. Rollet ihm Tagebücher und Manuskripte und bittet ihn, seine Geschichte aufzuschreiben, wozu er selber nicht in der Lage ist. Die Unterlagen, deren Anziehungskraft sich Georg vom ersten Moment an nicht entziehen kann, berichten vom schließlich nicht vollstreckten Todesurteil gegen den Arzt, der 1888 in London wegen des Doppelmords an seinem Kollegen, Dr. Lafitte, und einer Prostituierten schuldig gesprochen worden war.

Die Recherche, die sich wie von Dr. Rollet prophezeit als sehr kompliziert erweist, führt Georg von London nach Wien. Fehlende Bausteine bringen ihn fast an den Rand des Wahnsinns und die Schicksale der beiden Männer verschmelzen nicht nur bedingt durch Georgs Opiumkonsum immer mehr. Denn hat Georg bisher nur mit seinen eigenen Dämonen gekämpft, so kämpft er nun auch mit denen Rollets.

1888 ist kein Thriller, den man nebenbei lesen kann. Der Autor verlangt dem Leser eine Menge Konzentration ab und überfrachtet ihn manchmal mit seiner unerschöpflich scheinenden Kreativität, was bei einem Erstling zu entschuldigen sein dürfte. Dafür belohnt er ihn aber mit einem außergewöhnlichen, dem Durchschnitt des Genres weit überlegenen Schreibstil, mit psychologisch ausgefeilten Charakteren, mit einer sehr atmosphärischen Beschreibung der beiden Städte und mit gut recherchiertem historischem Flair. Die düstere Stimmung, die sich durch den gesamten Roman zieht, wurde für mich so greifbar, dass ich schließlich fast jeder Figur des Buches Böses zugetraut habe.

Mehr noch als die Spannung, die erst in der zweiten Hälfte richtig aufkommt, haben mich bei diesem ungewöhnlichen, sehr empfehlenswerten historischen Thriller die Atmosphäre und die Sprache fasziniert.

Thomas Beckstedt: 1888. Braumüller 2015
www.braumueller.at

1 Kommentar

  1. Huhuu,
    jetzt musste ich wieder mal zu Dir stöbern kommen und ich denke nächstes Jahr werde ich hier öfter bei Dir herumschleichen. Es ist ein „England-Jahr“ geplant, soll heißen: hauptsächlich britische, irische und schottische Literatur. Und Du hast mir nun ein paar Schmankerln auf meine Wunschliste gezaubert.
    Dein Blog ist übrigens toll!!
    Liebe Grüße aus Wien
    Ambermoon aka Pink Anemone

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