Antonio Muñoz Molina: Tage ohne Cecilia

  Verloren in Zeit und Raum

Ich habe mich in dieser Stadt niedergelassen, um dort auf das Ende der Welt zu warten. (S. 7)

So beginnt der Ich-Erzähler seinen Bericht über eine Zeit des Wartens auf seine Frau Cecilia. Erst im vorletzten der 52 kurzen, wie Gedankenschnipsel durch Raum und Zeit schwebenden Kapitel erfahren wir seinen Namen: Bruno. Während einer Reise hatte das Paar sich in die Stadt Lissabon verliebt, eine Wohnung gekauft und sich nun zum Umzug entschlossen. Bruno ist vorausgefahren, beaufsichtigt die Renovierungsarbeiten, packt Kisten aus. Denn während er sich nach dem Verlust seines verhassten Jobs als Frührentner nur noch um Cecilias Wohlergehen kümmern will, arbeitet sie als Forscherin im neurologischen Labor eines Nobelpreisträgers in New York und möchte vor ihrem Wechsel in ein entsprechendes europäisches Institut ihre derzeitige Arbeit abschließen. Gerade sie, die an Ratten die Mechanismen von Erinnerung und Angst erforscht, leidet seit den Anschlägen vom 11. September 2001 unter Albträumen, die in Lissabon der Vergangenheit angehören sollen.

Realität oder Wunschtraum?
So plausibel Brunos Erzählung zunächst klingt, so schnell schleicht sich bei der Lektüre Misstrauen ein. Während er zunächst mit den Arbeiten an der Wohnung beschäftigt ist und wenigstens mit dem vielseitigen Handwerker Alexis und der gesprächigen Putzfrau Cándida Umgang pflegt, kapselt er sich zunehmend in seiner mittlerweile fertigen Wohnung ein, einzig in Gesellschaft seiner Hündin Luria und seiner Bücher. Doch warum muss das neue Zuhause dem alten bis ins kleinste Detail gleichen? Wo ist Cecilia, für die er bei den Mahlzeiten ein Gedeck auflegt, wie ist es um ihre Beziehung wirklich bestellt? Warum gibt es keine Telefonate und vor allem: Wann kommt sie? All dies entfachte bei mir ein Kopfkino mit den aberwitzigsten Erklärungsvarianten, was dieses ruhige, fast lethargische Buch zumindest für mich zum psychologischen Spannungsroman machte. Je sicherer ich mir über die Unzuverlässigkeit des einsamen, immer stärker in Zeit und Raum desorientierten Ich-Erzählers wurde, desto drängender wurden meine Fragen.

© B. Busch

Das Ende
Während ich Bruno bei Joggingrunden am Tejo, im Lesesessel bei der Lektüre ähnlich isolierter Protagonisten, auf einer aberwitzigen Party, beim Verfolgen apokalyptischer Weltnachrichten oder beim Zitieren von Cecilias Wissen zur Hirnforschung begleitete, wuchs meine Sorge, ob es überhaupt eine Auflösung geben würde. Umso beglückter war ich, als das Ende meine offenen Fragen zu beantworten schien – jedenfalls so lange, bis sich in meiner Leserunde ganz andere Interpretationsvarianten auftaten… Aber ist es nicht genial, wenn verschiedene, wohlgemerkt begründete Schlüsse möglich sind, über die sich trefflich diskutieren lässt? Ich jedenfalls bleibe bei meiner Auslegung, die ich hier natürlich nicht preisgebe, obwohl mich der spanische Originaltitel Tus pasos en la escalera (Deine Schritte auf der Treppe) erneut ins Grübeln brachte…

Zwei Städte, zwei Flüsse, zwei Kulturen
Der 1956 in Andalusien geborene Antonio Muñoz Molina zählt zu den wichtigsten Gegenwartsautoren seines Landes und macht Lust auf den Gastlandauftritt Spaniens bei der Frankfurter Buchmesse 2022. Sein Roman Tage ohne Cecilia von 2019, zu diesem Anlass nun von Willi Zurbrüggen übersetzt, hat mich durch den intensiven Erzählstil, Besessenheit und Kontrollverlust des Protagonisten, mitreißende Beschreibungen der sich allmählich zu einem Ort verdichtenden Städte Lissabon und New York,  ironische Sicht auf zwei Kulturen, Widersprüche, Rätsel und Deutungsmöglichkeiten, elegante Sprache und einen raffinierten Spannungsbogen überzeugt.

Antonio Muñoz Molina: Tage ohne Cecilia. Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen. Penguin 2022
www.penguinrandomhouse.de

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