Dmitrij Kapitelman: Eine Formalie in Kiew

  Zugehörigkeit und Verbundenheit

Migration hört eigentlich nie auf, auch fünfundzwanzig Jahre später wandere ich noch immer nach Deutschland ein… (S. 25)


Alles beginnt mit einem auf einer nach Katzenurin stinkenden Treppe gefassten Entschluss: nach 25 Jahren in Deutschland will Dmitrij Kapitelman einen deutschen Pass und damit schräge Blicke bei der Wohnungssuche vermeiden, Wahlrecht, vereinfachtes Reisen. Der eigentliche Grund aber liegt tiefer: Distanz zu den als jüdische Kontingentflüchtlinge aus der Ukraine eingewanderten Eltern zu erzwingen, zu einer Heute-Mutter im Katzenwahn und einem gebrochenen Heute-Vater.

© B. Busch

 Die Fakten


1994 im Alter von acht Jahren immigriert, deutsch eingeschult, sozialisiert, studiert. Berufstätig, steuerpünktlich, verfassungspatriotisch. Nicht zu vergessen hellhäutig, das bürgert hierzulande besonders verlässlich ein. Stets meine Einkäufe in weniger als sieben Sekunden verstauend, so wie es in diesen Gefilden Brauch ist seit jeher. (S. 8)

Müsste die Einbürgerung nicht eine Selbstverständlichkeit sein? Wer sich noch an Reinhard Meys satirische Ballade Ein Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars von 1977 erinnert, ahnt, dass dem nicht so ist. Tatsächlich hat Frau Kunze, die emotionslos-korrekte Sachbearbeiterin bei der Leipziger Ausländerbehörde, nach eineinhalb Jahren(!) Unterlagensammelei noch ein Ass im Ärmel:

„Mir brauch’n jetzt nür nöch eine arneuerde Gebürdsurgünde un eine Abösdille von Ihn’n. […] Doas ist die behördlich Beschdädi[g]ung einör behördlichen Beschdädigung von dar nächsthöheren’n Behörde. […] Die könn’n Sie nur in dar Ukraine krieg’n.“ (S. 14) 

Eine Reise nach Kiew, ins Land der Kindheit, der lockeren Gullydeckel und der Korruption wird nach 17 Jahren unumgänglich, Erinnerungen an eine behütete Kindheit mit einer lebensfrohen, zugewandten Damals-Mutter und einem tatkräftigen Damals-Vater werden lebendig. Es ist eine Rückkehr in ein zugleich vertrautes und doch fremdes Land und eine Begegnung mit überraschend anderen Sichtweisen:

„Was ist das denn für ein System, in dem ihr in Deutschland lebt? Wo man so gar nichts mit persönlichen Kontakten und ein wenig Geld regeln kann? Das ist doch unmenschlich!“ (S. 135)

Verschiebung des Schwerpunkts
Doch nicht die Apostille ist die größte Herausforderung der Reise, denn nach überraschend erfolgreichen Behördengängen verschiebt sich mit der Ankunft des schwer erkrankten Vaters, später auch der Mutter, der Fokus der Geschichte. Die entfremdete Familie ist zum ersten Mal wieder vereint. Höchste Zeit, Grenzmauern einzureißen und die Für-immer-Eltern zu finden.

Signierte Ausgabe. © B. Busch

Lachen und Weinen liegen eng beieinander
Der Journalist und Autor Dmitrij Kapitelman hat in diesem autobiografischen Migrationsroman so viel Witz und tiefe Traurigkeit vereint, dass sich bei der Lektüre unweigerlich Achterbahngefühle einstellen. Unschlagbar sind sein Sprachwitz und seine Wortneuschöpfungen, allerdings hätte ich nicht deutlich mehr als die 176 Seiten lesen wollen. Die klare Stellungnahme gegen deutsche Neonazis hat mir gut gefallen und nicht nur für die Beschreibung deutscher Grenzkontrollen bei der Einreise ukrainischer Staatsbürgerinnen und Staatsbürger habe ich mich geschämt. Trotzdem mag ich kein pauschales Polizei-Bashing, denn auch in Sachsen gibt es mehr als nur „Einzelfälle von nicht rechtsextremen Polizisten und Justizvollzugsbeamten“ (S. 13). Obwohl völlig ohne Kitsch, hat mich die verfahrene Familiensituation und das komplizierte Eltern-Sohn-Verhältnis fast zu Tränen gerührt, vor allem, weil Dmitrij Kapitelmans tiefe Zuneigung selbst in wütenden Anklagereden noch durchscheint.

Der Schlusssatz des Romans ist unschlagbar:

Nichts ist so gleichgültig wie Nationalitäten. Wollen wir wirklich an etwas so Gleichgültigem zu Grunde gehen, liebe Landsleute? (S. 176)

Dmitrij Kapitelman: Eine Formalie in Kiew. Hanser Berlin 2021
www.hanser-literaturverlage.de/verlage/hanser-berlin

 

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