Dörte Hansen: Zur See

  Seelengeld

Die Insel ist ein Chamäleon. Sie passt sich den Erwartungen an und ist vom Mythos bis zum Sehnsuchtsort durch alle Zeiten „nur Spiegelfläche des darauf projizierten Anderen“.
Wir sehen, was wir sehen wollen. (Anne von Canal: Mein Gotland. mare 2020, S. 58)

Weit weg vom Meer lebend, üben Inseln eine große Anziehungskraft auf mich aus. Gut möglich, dass meine Erwartungshaltung oder Projektion das Ihre dazu beiträgt, dass Urlaubstage auf Gotland, Bornholm, Föhr, den Ålandinseln, Schiermonnikoog oder Prince Edward Island meine Sehnsucht nach Erholung, Ruhe, Geborgenheit und Einsamkeit in besonderem Maße erfüllen.

Doch was, fragt die Nordfriesin Dörte Hansen in ihrem dritten Roman Zur See, bedeutet diese Inselbesessenheit für die Einheimischen? Wie wirkt sich der Strukturwandel vom Walfängervolk auf hoher See zum Dienstleistungsunternehmen für Sinn- und Erholungssuchende aus, wie der Ausverkauf von Immobilien, die Fremdaneignung der Inselkultur, der Verlust althergebrachter Strukturen und Traditionen?

Inselurlaub beginnt meist auf einer Fähre, wie hier am Fährhafen Dagebüll. ©M. Busch

Tiefgreifende Veränderungen
Dörte Hansen siedelt Zur See bei den Nachfahren der Grönlandfahrer auf einer namenlosen Nordseeinsel „irgendwo in Jütland, Friesland oder Zeeland“ (S. 7) an. Dass sie sich nicht mehr mit den kargen Böden abzuplagen, auf Fischtrawlern und Krabbenkuttern frieren oder auswandern müssen, verdankten sie zunächst den Sommerfrischlern, heute den Kurztrippern, die „schnell entschleunigen“ (S. 181) möchten, und doch:

Man zahlt ein Seelengeld für dieses Leben. (S. 191)

Fünf Stimmen
Dies gilt auch für Familie Sander, wortkarg, jedes Familienmitglied mit schwerem Gepäck. Mutter Hanne und Vater Jens versuchten sich an einer Ehe nach elterlichem Vorbild, aber weder passten Kinder und Seefahrt zu ihm, noch duldsames Warten zu ihr. Sohn Ryckmer verlor sein Kapitänspatent, fürchtet die unberechenbare See, trinkt und setzt jede Beziehung in den Sand. Tochter Eske hält es auf dem Festland nicht aus, hasst die Fremden und Hanne, die als Gastgeberin das Spiel lange mitgespielt hat. Mit ihrer Ganzkörpertätowierung, der lesbischen Fernbeziehung und ihrer Liebe zu ohrenbetäubendem Heavy Metal frönt sie ihrer Wut, kümmert sich andererseits aber rührend um ihre Seniorenheimpfleglinge und hilft beim Bewahren der Inselsprache. Sohn Henrik schließlich, Nesthäkchen und Sonderling, verdankt sein Leben Hannes erfolglosem Versuch zur Rettung ihrer brüchigen Ehe und blieb stets unter ihrem Radar. Jetzt sind seine Figuren aus Treibgut Kult, er jedoch schert sich um nichts und niemanden. Als einziges Familienmitglied hat er im multiperspektivischen Chor der 14 Kapitel keine eigene Stimme und wir erleben ihn ausschließlich aus fremder Sicht.

Die fünfte Stimme gehört dem smarten langjährigen Inselpastor Matthias Lehmann, den Sanders sehr verbunden, auch er im Umbruch, weil nach seinen Töchtern nun seine Frau aufs Festland zieht. Die Wochenendehe und anonyme Schmähkommentare machen ihm schwer zu schaffen und bescheren ihm eine Glaubens- und Sinnkrise.

Verschwommen
Weggehen und Zurückkommen, familiäre Bande, Tradition und Neubeginn, Anteilnahme und Wegsehen sind nur einige der Themen in Dörte Hansens neuem, vergleichbar starken Roman wie Altes Land und Mittagsstunde. In gewohnt pointierter Sprache mit ultrastarken Bildern, melancholisch und doch mit einer Prise hanseatischem Humor, fast ohne Dialoge stellt sie die See in den Mittelpunkt und mit wenigen Strichen gezeichnete Menschen, die sich wie der gestrandete Wal „verschwommen“ haben.

© B. Busch

Ein Highlight des Literaturherbstes 2022, ein Roman wie ein Film und kein Plädoyer gegen Inselurlaube, sondern ein Appell an die Verantwortung der Gäste.

Dörte Hansen: Zur See. Penguin 2022
www.penguinrandomhouse.de

 

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