Giulia Caminito: Ein Tag wird kommen

  Ein Roman wie ein Film

Das herausragende Cover mit einem Ausschnitt aus dem Gemälde Wolf des britischen Malers, Zeichners und Bildhauers Mark Adlington weckte mein Interesse für den Roman Ein Tag wird kommen. Der fließende Zeichenstil, der greifbare Charakter des Tieres und die authentisch eingefangene Bewegung sind nicht nur optisch ein Genuss, sondern passen auch wunderbar zu diesem zweiten Roman der Autorin, ihrem deutschsprachigen Debüt, obwohl ein echter Wolf nur eine Nebenrolle spielt.

Wahrheit und Lüge
Inspiriert von der eigenen Familiengeschichte und ihrem der Anarchistenbewegung angehörenden Urgroßvater taucht die 1988 geborene italienische Autorin Giulia Caminito tief in die italienische Geschichte vom Ende des 19. Jahrhunderts bis kurz nach dem Ersten Weltkrieg ein, beginnend mit einem spannungsgeladenen Prolog über 13 dramatische Kapitel bis zum friedvollen Epilog. Historische Tatsachen wie die Kämpfe der Bauern gegen das ungerechte System der Halbpacht, die anarchistische Bewegung, der Aufstand von 1914 in Ancona, bekannt als Settimana Rossa, der Erste Weltkrieg, die Vorboten des Faschismus, die Spanische Grippe, die Auflösung von Klöstern und die Auswanderungswelle nach Amerika sind gründlich recherchiert, trotzdem warnt die Autorin im Nachwort:

Trotz gründlicher Recherchen, der Sichtung von Dokumenten, der Besuche vor Ort, gibt es in diesem Roman nicht nur einige Wahrheiten, sondern auch viele Lügen.
Ich möchte die Leserinnen und Leser also dazu ermuntern, nicht alles zu glauben und von diesen Seiten keine verlässliche historische Zeugenschaft zu erwarten […] (S. 264/265)

© B. Busch. Hintergrundfoto: © M. Busch

Ein politischer Dorf- und Familienroman
Der erste Haupthandlungsstrang erzählt vom Leben der vom Unglück verfolgten Bäckersfamilie Ceresa aus dem bitterarmen Bergdorf Serra de‘ Conti in den mittelitalienischen Marken. Ihre Kinder sterben bei oder kurz nach der Geburt, durch einen tragischen Unglücksfall oder Krankheit. 

Zuletzt bleiben nur die beiden Söhne Lupo, geboren 1897, und Nicola, geboren 1899, sowie die geheimnisvolle Tochter Nella, die seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr in striktester Klausur im örtlichen Klarissinnen-Kloster lebt. Hier spielt der zweite Haupthandlungsstrang, in dessen Mittelpunkt die ebenso strenge wie weise, empathische und vom Volk verehrte schwarze Äbtissin Suor Clara, genannt La Moretta, steht, eine historisch verbürgte italienische Ordensschwester sudanesischer Abstammung mit atemberaubender Lebensgeschichte.

Wolf und Schaf
Die Brüder Lupo und Nicola ähneln sich weder äußerlich noch im Charakter. Lupo, der Junge mit dem Wolfsnamen und einem Cane, Hund, genannten Wolf als Haustier, eigenwillig, grob und rau, eine Naturgewalt, ein Gotteslästerer und anarchistischer Rebell, bestimmt über Nicola, liebt und beschützt ihn, „ein stilles, fast durchsichtiges Kind“ (S. 10), schreckhaft, unfähig zu körperlicher Arbeit, vor dem jähzornigen Vater und der Priesterlaufbahn und sorgt mit seinem Verdienst für dessen Bildung.

Ein Lese-Highlight
Auch wenn die Struktur der Vor- und Rückblenden von Ein Tag wird kommen eine Herausforderung darstellt und sich nicht jede Szene spontan zeitlich einordnen lässt, hat mich das Buch sofort in Bann gezogen und schließlich verzaubert. Aus den erst allmählich stimmig zueinanderfindenden Handlungssträngen, den düsteren Familiengeheimnissen und vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund Italiens entwickelt Giulia Caminito in kraftvoller, überreich bebilderter Sprache eine ebenso mitreißende wie bewegende Geschichte und bezieht klar Position: gegen die Unterdrückung durch die Padroni und die autoritäre Kirchenführung und vor allem gegen die Lüge, sei es in der Familie, Kirche oder Politik.

Wer die erforderliche Konzentration und Ausdauer mitbringt, wird reich belohnt mit einem psychologisch fundierten Romangeschehen, das wie ein Film vor mir ablief.

Giulia Caminito: Ein Tag wird kommen. Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner. Wagenbach 2020
www.wagenbach.de

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