Joachim B. Schmidt: Kalmann

  Der Sheriff aus dem hohen Norden

Denn es war noch nie richtig vorwärtsgegangen mit mir. Man vermutete, dass die Räder in meinem Kopf rückwärtslaufen. Kam vor. Oder dass ich auf der Stufe eines Erstklässlers stehengeblieben sei. […] „Run, Forrest, run!“, riefen sie früher im Sportunterricht und lachten sich krumm. (S. 11)

 

Kalmann Óðinnsson ist anders. „Ärztepfusch“ sagt die Mutter, aber dank ihrer und vor allem des Großvaters rührender Fürsorge kann Kalmann heute fast selbständig leben:

 

Großvater übernahm das Denken für mich – wenigstens, als er noch hier in Raufarhöfn [sprich: Reuwarhöbb] lebte. Er passte auf mich auf. (S. 13)

Ein ungewöhnlicher Protagonist
Nun lebt der demente Großvater im Pflegeheim und der 33-jährige Kalmann bewohnt das  Holzhäuschen im äußersten Nordosten Islands alleine. Er ist Jäger, letzter Haifischfänger und stellt den typisch isländischen Gammelhai nach dem Rezept des Großvaters her. Auf Unterbrechungen seiner gewohnten Routine reagiert er mit Unsicherheit, Wut und Aggression. Doch selten gibt es dazu Anlass, denn alle in seinem kleinen Heimatort kennen ihn, akzeptieren sein Anderssein, seine Direktheit, bisweilen Taktlosigkeit, und sein Sheriff-Outfit mit Cowboyhut, Stern und Mauser, Geschenke seines amerikanischen Vaters bei ihrer einzigen Begegnung. Alle wissen um seine Gutmütigkeit, aber auch um seine Lenkbarkeit und die Art, alles wörtlich zu nehmen. Man schenkt ihm Geborgenheit, passt auf ihn auf und nur eine Freundin fehlt zu seinem Glück.

Doch die Ruhe endet schlagartig, als Kalmann bei der Verfolgung einer Polarfuchsspur eine Blutlache entdeckt. Zur gleichen Zeit verschwindet der „Quotenkönig“ und Hotelbesitzer Róbert McKenzie spurlos und im Dorf wimmelt es plötzlich von Suchtrupps, Polizei und Journalisten. Kalmann steht im Mittelpunkt des Geschehens und vermisst seinen Großvater mehr denn je:

Ich wünschte, Großvater wäre bei mir gewesen. Er wusste immer, was zu tun war. Ich stolperte über die endlose Ebene Melrakkaslétta, hungrig, erschöpft, blutverschmiert, und fragte mich, was Großvater getan hätte. (S. 9)

Krimi oder Roman?
Der Diogenes Verlag bezeichnet Kalmann als Roman, obwohl die Krimihandlung sich von der ersten bis fast zur allerletzten Seite zieht. Allerdings steht der Protagonist mit seiner unnachahmlichen Erzählweise so eindeutig im Vordergrund, dass die Entscheidung nachvollziehbar ist. Kalmann ist ein doppelt unzuverlässiger Berichterstatter, der einerseits nicht alles erzählt, was er weiß, andererseits ganz anders denkt, als wir es normalerweise erwarten. Mit kindlicher Naivität geht er manch überraschend philosophischer Überlegung nach und bastelt sich erstaunliche Erklärungen. Hat tatsächlich ein Eisbär den Verschwundenen auf dem Gewissen? In Kalmanns Worten erfahren wir aber auch von der Überfischung der Meere, den Auswirkungen von Fangquoten auf das Dorf, dem Klimawandel, dem verzweifelten Bemühen um Touristen, der Antipathie gegen Zuwanderer und der litauischen Drogenmafia, alles Themen, die der Großvater Kalmann erklärt hat, oder über die er mit erfrischend unverstelltem Blick nachsinnt.

Obwohl der Kriminalfalls nicht im Mittelpunkt steht und der seit 13 Jahren in Island lebende Schweizer Joachim B. Schmidt auf die polizeilichen Ermittlungen weniger Sorgfalt legt, empfand ich den Roman als spannend und sehr gut lesbar. Besonders gut gefallen haben mir die Szenen mit Komik à la Loriot, die wundervollen Landschaftsschilderungen, die Informationen über Island und die spürbare Zuneigung des Autors für seinen Antihelden. Nur die Auflösung hat mir zugesetzt und ich werde sie vermutlich nicht so schnell verdauen.

Joachim B. Schmidt: Kalmann. Diogenes 2020
www.diogenes.ch

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