Katja Frixe & Florentine Prechtel: Die hamsterstarken Drei

  Ach du heiliges Salatblatt, was für ein Abenteuer!

Was für ein tolles Team, Die hamsterstarken Drei! Harry, der abenteuerlustige, akrobatische Zirkushamster in der rot-weiß gestreiften Hose, seine Freundin Gerda, die superschnelle, ängstliche Zirkusrennschildkröte, und Herkules, das megaschlaue, unsportliche Schulmeerschweinchen mit Brille, das es lieber gemütlich mag. Damit sie sich kennenlernen, müssen die beiden Zirkustiere erst einmal aus dem Buch fallen, in dem sie zuhause sind. Zum Glück passiert das genau in Herkules‘ Klassenzimmer. Ihn und Griselda, die weise alte Katze des Hausmeisters, können Harry und Gerda sehr gut gebrauchen, denn es gibt viele Rätsel zu lösen: Warum sind sie so mir nichts, dir nichts aus dem Buch gepurzelt? Und wie können sie rechtzeitig zur bevorstehenden Premiere wieder in den Zirkus zurückgelangen, wo man sie sicher schmerzlich vermisst? Schwierige Fragen, aber wenn man im Team zusammenarbeitet doch lösbar! Und so werden gemeinsam Mäuse ausgetrickst, die Abfalleimer der Schulmensa geplündert, Ursachen ergründet, Pläne geschmiedet und ein gefährlicher Stadtspaziergang unternommen, bis es schließlich heißt: Ende gut, alles gut!

Das Kinderbuch von Katja Frixe hat Florentine Prechtel mit zahlreichen farbenprächtigen, seitenfüllenden oder kleineren Illustrationen versehen, die ausgezeichnet zum Text passen und vor allem wirklich – pardon, Harry – niedlich sind. Besonders die Charaktere der Tiere spiegeln sich ausgezeichnet wider. Das Layout mit den blauen Überschriften und den ebenso blauen, großen Anfangsbuchstaben der Kapitel sind ebenfalls sehr gelungen.

Ich kann mir gut vorstellen, dass es zukünftig weitere Abenteuer mit den drei Freunden geben wird, und das wäre schön. Zwar ist mir der Einstieg mit der ausführlichen Zirkusszene und dem Zurechtfinden im Klassenzimmer etwas zu lang geraten, was leider auf Kosten der letzten beiden, auch sprachlich stärkeren Drittel des Buches mit dem spannenden Abenteuer und dem Happy End geht, aber mit dem Auftauchen von Herkules nimmt das Buch so richtig an Fahrt auf und bleibt durchgehend aufregend und unterhaltsam.

Die hamsterstarken Drei – Schnurstracks ins Abenteuer ist ein hübsches Vorlesebuch für abenteuerlustige Jungen und Mädchen ab fünf Jahren, zum Selberlesen dank der etwas größeren Schrift für gute Leserinnen und Leser ab Ende der zweiten Klasse.

Katja Frixe & Florentine Prechtel: Die hamsterstarken Drei. Dressler 2019 www.oetinger.de/verlagsgruppe/dressler-verlag

Arno Geiger: Unter der Drachenwand

  „Das gute Ansehen des Krieges beruht auf einem Irrtum“

Bei Erscheinen 2018 habe ich Arno Geigers Roman Unter der Drachenwand zu meinem Bedauern verpasst. Nun ist das Buch Gegenstand von „Stuttgart liest ein Buch“ im September 2019 mit Begleitprogramm, eine gute Gelegenheit also, die Lektüre nachzuholen. Vielleicht waren aber meine Erwartungen nach diesem langen Vorlauf doch zu hoch, denn zumindest auf den ersten 100 bis 150 Seiten habe ich nicht leicht in das Buch hineingefunden. Mit dazu beigetragen haben die Schrägstriche, die Arno Geiger durchgehend in den Text einbaut, und deren Sinn sich mir nicht erschlossen hat. Sie wirkten bis zum Ende wie Stopper auf mich und unterbrachen meinen Lesefluss. Ab dem zweiten Drittel der knapp 500 Seiten habe ich dann aber doch mit immer größerer Anteilnahme und mit Vergnügen gelesen und freue mich nun auf die geplanten Veranstaltungen rund um das Buch.

Im Mittelpunkt des Romans steht der junge Wehrmachtssoldat Veit Kolbe, der im Herbst 1943 am Dnjepr verletzt und deshalb zur Genesung zurück in seine Heimatstadt Wien geschickt wird. Bei den Eltern hält er es nicht aus, die Durchhalteparolen des Vaters klingen falsch und Veit weiß längst, dass der Krieg verloren ist: „Ich hatte den Irrsinn der Front mit dem Irrsinn der Familie vertauscht.“  Dank eines Onkels, der in Mondsee bei Salzburg Gendarm ist, kommt er dort unter, in einem Dorf, in dem 1944 noch keine Bomben fallen, in dem es mit dem Kinderlager Schwarzindien ein Heim für verschickte Mädchen samt ihrer Lehrerin gibt, und in dem eine junge Darmstädterin namens Margot mit ihrer neugeborenen Tochter Wand an Wand mit ihm wohnt. Eine schroffe, nazitreue Quartiersfrau macht ihren Mietern das Leben schwer, ihr Bruder, ein aus Brasilien zurückgekehrten Gärtner, hält sich dagegen nicht mit lautstarker Kritik an den Machthabern zurück. Und über allem steht die Drachenwand: einerseits bedrohlich und im Verlauf der Handlung totbringend, andererseits abschottend gegen den tobenden Krieg, der fast ausschließlich in Form von Briefen unterschiedlichster Absender nach Mondsee gelangt.

Die herausragende Leistung Arno Geigers ist für mich die Figur des kriegstraumatisierten Antihelden Veit, dessen Tagebuch den Hauptteil des Romans ausmacht. Sein Kampf gegen die Dämonen und Erinnerungen, seine Nervenanfälle mit Schweißausbrüchen und Zittern, seine zunehmende Pervitinabhängigkeit und seine Angst vor einer Rückkehr an die Front sind großartig erzählt. Er hadert mit den verlorenen Jahren seit dem Abitur, trauert dem verpassten Studium nach, leidet unter seinen Kriegserlebnissen und Schuldgefühlen, denn: „Es war auch mein Krieg.“. Der Schwebezustand zwischen der Hoffnung auf ein baldiges Kriegsende und der Angst vor dem „langen Arm“ seines „Dienstgebers“ machen für mich die große Stärke des Romans aus. Die Verbindung zu Margot, „seit Jahren der erste erfolgreiche Versuch, mein Glück zu korrigieren“, wird zum Rettungsanker.

„Der Roman ist ein erfundenes Haus mit echten Türen und Fenstern“ hat Arno Geiger auf die Frage nach der Authentizität seiner Romanfiguren geantwortet, auf die die „Nachbemerkungen“ hinzuweisen scheinen. Die langjährigen Recherchen merkt man dem Buch in jedem Fall deutlich an.

Arno Geiger: Unter der Drachenwand. dtv 2019
www.dtv.de

Deutscher Buchhandlungspreis 2019

Die Buchhandlung Taube in Marbach erhält den von Kulturstaatsministerin Monika Grütters ausgelobten Deutschen Buchhandlungspreis 2019 – herzlichen Glückwunsch zu dieser großartigen Auszeichung! So ein klein wenig fühle ich mich als Stammkundin mit ausgezeichnet, schließlich habe ich es doch schon lange gewusst…

 

Das allgemeine, inhabergeführte Sortiment auf 120qm ist schon rein äußerlich etwas ganz Besonderes, denn es ist in einem ehemaligen Kirchenraum aus dem 15. Jahrhundert, der Wendelinskapelle, in der Fußgängerzone der Schillerstadt Marbach am Neckar beheimatet.

 

Warum ich gerade hier einkaufe, obwohl ich nicht einmal in Marbach wohne, hat viele gute Gründe. Dazu zählen zunächst einmal die anregende Atmosphäre und die Impulse, die ich auf den ästhetisch-fantasievoll gestalten Tischen und im Regal mit den Tauben-Tipps bekomme. Die Gespräche mit dem Inhaber Markus Schneider und seinen Buchhändlerinnen sind immer bereichernd und sehr freundlich, die Beratung ist sachkundig, der Umgang wertschätzend und der Service ebenso umfassend wie kundenorientiert. Das Motto „Buch tut gut“ spricht mir aus der Seele. Die gute Stimmung im Laden und die Individualität und Originalität, die ich bei den großen Filialisten vermisse, machen für mich den Unterschied beim Einkauf aus. Das Veranstaltungsprogramm mit Lesungen, Ausflügen und Buchvorstellungen ist vielfältig und lebendig, der Newsletter absolut originell, inspirierend und oft humorvoll. An der alle zwei Jahre stattfindenen Fahrt zur Leipziger Buchmesse habe ich 2018 teilgenommen und war begeistert von der perfekten Organisation. Und nicht zuletzt freue ich mich, dass hier buchhändlerischer Nachwuchs bestens ausgebildet wird.

Liebe Tauben, bleibt wie ihr seid und feiert euren Preis, ihr habt ihn verdient!

buchhandlung-taube.buchkatalog.de

Lisa-Marie Dickreiter & Andreas Götz & Nikolai Renger: Berti und seine Brüder – Die Schokoladenkugel des Bösen

  Super-Berti oder Was für eine Woche!

Lisa-Marie Dickreiters beklemmender Debütroman Vom Atmen unter Wasser hat mich vor einigen Jahren sehr beeindruckt. Ihr Kinderbuch Berti und seine Brüder – Die Schokoladenkugel des Bösen, das sie zusammen mit Andreas Götz verfasst hat, hat mich nun davon überzeugt, dass sie auch dieses Genre beherrscht.

„Gibt’s was Blöderes als große Brüder?“ fragt der fünfjährige Berti, der schwer unter dem zwölfjährigen Harald, dem elfjährigen Sture und dem zehnjährigen Erik zu leiden hat. „Die Wikinger“ verbreiten Angst und Schrecken, lassen das „Baby“ nicht mitspielen und zeigen sich nicht einmal dankbar, wenn er ihnen aus der Patsche hilft. Ganz schlimm wird es in einer Woche in den Sommerferien, als sich die Mutter für die Beendigung ihrer Doktorarbeit in ihrem Zimmer einschließt und der Vater mit den vier Jungs heillos überfordert ist. Als er sich breitschlagen lässt, und den Wikingern die seit langem ersehnten, von der Mutter abgelehnten Superman-Kostüme spendiert, fühlen die sich erst richtig stark. Nun muss die Welt gerettet werden, und weil weit und breit kein Bösewicht in Sicht ist, wird kurzerhand die riesige Schokoladenkugel im Schaufenster des Süßwarenladens zur „Schokoladenkugel des Bösen“ und zur „schlimmsten Bedrohung der Welt, die es gibt“ erklärt. Klar, dass Berti mit seinem Piratenkostüm wieder mal außen vor bleibt. Aber wetten, dass sie auf Dauer nicht auf seine Hilfe verzichten können?

Obwohl ich nicht zur Zielgruppe der Grundschuljungen und -mädchen zähle, hat mir das Lesen sehr viel Spaß gemacht. Die beiden Autoren erzählen sehr gradlinig und kindgerecht eine spannende Geschichte mit äußerst fantasievollen Protagonisten, wobei stets klar bleibt, was gut ist und was man besser nicht tun sollte. Dass der gefürchtete Lehrer Schmidtke nicht der große Bösewicht ist, für den die Jungs ihn halten, und dass es als Nebencharakter ein starkes Mädchen gibt, das ihnen ihre Grenzen aufzeigt, hat mir ebenfalls gut gefallen. Wenn die Einsamkeit einer Person damit beschrieben wird, dass das Sofa nur eine Kuhle hat, nämlich dort, wo immer nur einer alleine sitzt, dann finde ich das literarisch sehr gut gelungen und für Kinder klar verständlich. Nicht ganz so gut wie Sprache und Inhalt gefallen mir die 70 comicartigen Illustrationen in Schwarz, Weiß, Rot und Blau von Nicolai Renger, die für mich auch nicht immer exakt zum Text passen, beispielsweise wenn der schrecklich böse Hund Sternchen eher wie ein bedauernswertes Hündchen wirkt. Allerdings bin ich davon überzeugt, dass die Zeichnungen bei der Zielgruppe gut ankommen.

Ein hochwertig hergestelltes, empfehlenswertes Kinderbuch zum Vorlesen für Jungen und Mädchen ab 5 Jahren, zum Selberlesen ab der dritten Klasse.

Lisa-Marie Dickreiter & Andreas Götz & Nikolai Renger: Berti und seine Brüder – Die Schokoladenkugel des Bösen. Oetinger 2019
www.oetinger.de

Johanna Holmström: Själarans Ö

  Ausgestoßene

Eine Fahrt durch den Schärengarten vor Turku zu den Ålandinseln im Jahr 2017 gehört zu meinen schönsten Reiseerinnerungen. Tausende kleiner und kleinster Inselchen liegen in diesem Gebiet vor der Südwestküste Finnlands, teils bewohnt, teils unberührt. Hindurchzufahren ist ein einzigartiges Erlebnis. Ein Buch, das auf einer solchen Schäre spielt, ist daher für mich fast schon ein Muss. Nach mehreren Krimis im schwedischen Original habe ich mich zum ersten Mal an einen Roman in schwedischer Sprache gewagt, eine große Herausforderung mit Niveau B1/B2 und hinsichtlich des Wortschatzes unvergleichlich anspruchsvoller. Die deutsche Übersetzung unter dem Titel Die Frauen von Själö ist 2019 im Verlag Ullstein erschienen.

Schären vor Turku. © M. Busch

Auf Själö im äußersten Schärengürtel vor Turku gab es bis 1962 eine Nervenheilanstalt für Frauen. Johanna Holmström stieß 2012 durch die Dissertation von Jutta Ahlbeck-Rehn auf das Schicksal dieser Frauen, das sie nicht mehr losließ. Ihre Protagonistinnen haben so nicht existiert, vielmehr hat sie ihre Figuren aus verschiedenen Patientenberichten zusammengesetzt.

Drei Frauen stehen im Mittelpunkt des Romans, die aus ganz unterschiedlichen Gründen auf Själö landen: Kristina, Elli und Sigrid. Kristina Andersson hat im Oktober 1891 in einem Anfall von Verzweiflung ihre beiden Kinder im Fluss Aura ertränkt, heute würde bei ihr vermutlich eine Kindbettdepression diagnostiziert. Ihr Schicksal hat mich besonders berührt. Im Teenageralter vergewaltigt, führt die Geburt einer Tochter zur Ächtung im Dorf, eine zweite Chance will man ihr nicht geben. Ein Pastor mit Doppelmoral sorgt schließlich dafür, dass sie in die Klinik von Själö verlegt wird, die fast immer Endstation ist.

Als Kristina bereits kaum mehr als eine „lebende Tote“ ist, kommt 1934 die 17-jährige Elli Curtén nach Själö, Tochter aus bürgerlichem Haus, von der Mutter stets auf Abstand gehalten und schließlich mit einem jungen Mann durchgebrannt. „Hypersexualität“ lautet eine der Diagnosen. Ihre Weigerung, die Geisteskrankheit zu akzeptieren, wird als fehlende Krankheitseinsicht gedeutet und verschärft ihre Situation. Obwohl sie ursprünglich auf Betreiben ihrer Eltern eingewiesen wurde, setzen diese sich bald für ihre Entlassung ein, doch dafür gibt es Mitte der 1930er-Jahre in Finnland eine neue, unmenschliche Bedingung.

Die dritte Frau im Bunde ist Sigrid Friman, ausgebildete Krankenschwester aus Helsinki und als einzige freiwillig hier. Sie möchte einige Jahre auf Själö arbeiten und dann ihren Verlobten Frans heiraten, doch es kommt anders. Sigrid ist eine reflektierte Frau, die die Grenzen zwischen gesund und krank immer wieder in Frage stellt und sich um das Wohl ihrer Patientinnen sorgt.

Während es im ersten Teil fast nur um Kristina geht, handeln die beiden folgenden, sehr ausführlich geratenen Teile vom Alltagsleben auf Själö, wo nur selten ein Arzt vorbeikommt, von Freundschaften und Intrigen, von Zwangsmaßnahmen wie strikter Isolation, von den penibel geführten Krankheitsdokumentationen, Fluchtversuchen im Winter über das Eis, Todesfällen und fast vollkommener Abschottung von der Außenwelt. Und trotz alledem bietet das Leben auf Själö auch Freiheiten, die es auf dem Festland so für die Frauen nicht gäbe. Die düstere Stimmung des Buches wird lediglich durch die sehr atmosphärische Beschreibung der Jahreszeiten und der Natur unterbrochen, so dass mich das etwas zu positiv geratene Ende überrascht hat.

Själarnas Ö ist ein Roman, der wohl niemanden kaltlässt.

Johanna Holmström: Själarnas Ö. Norstedts 2017
www.norstedts.se

Mari Jungstedt: Den du inte ser

Ein Serienmörder im Urlaubsparadies

Im Urlaub lese ich gerne Bücher aus dem Gastland, Klassiker, aktuelle Belletristik oder Krimis, wenn möglich in der Originalsprache. Für Gotland bietet sich die Anders-Knutas-Krimiserie von Mari Jungstedt an, deren erster Band Den du inte ser, auf Deutsch Den du nicht siehst, im Original bereits 2003 erschien und aufgrund der zahlreichen Dialoge und kurzen Sätzen mit dem Sprachniveau B1/B2 einfach zu lesen ist. Die vielen Schauplätze auf der ganzen Insel einschließlich der zugehörigen Nachbarinsel Fårö lassen sich gut auf einer Landkarte verfolgen. Kann man sie parallel zur Lektüre auch noch besuchen, ist das natürlich perfekt. Allerdings konzentriert sich das regionale Flair vor allem auf die Geografie und weniger auf das Leben in Gotland. Schöner Zufall am Rande: Beim Kauf des Buches in der gut sortierten Buchhandlung in Visby war die Autorin zusammen mit Håkan Nesser anlässlich einer Signierstunde zu Besuch.

Mari Jungstedt und Håkan Nesser bei einer Signierstunde am 20.07.2019 in Visby. © M. Busch

Kurz vor Beginn der kurzen Sommersaison werden auf Gotland eine Frau und ihr Hund ermordet aufgefunden. Helena Hillerström aus Stockholm war mit ihrem Lebenspartner Per Bergdal zu Besuch in ihrem Ferienhaus an der Westküste südlich von Visby, als ihre Leiche am Strand von Fröjel entdeckt wird, mit einer Axt erschlagen, nackt und mit ihrer Unterhose im Mund. Ins Visier der Polizei gerät zunächst der erwiesenermaßen eifersüchtige Per. Doch Helena bleibt nicht das einzige Opfer und bald richten sich alle Augen auf das Ferienparadies in der Ostsee, wo ein Serienmörder sein Unwesen treibt. Kommissar Anders Knutas von der Polizei in Visby und seine Stellvertreterin Karin Jacobsson stehen unter enormem Druck, denn jederzeit kann der Täter wieder zuschlagen. Was verband die Opfer? Führen die Spuren eher nach Stockholm, wohin alle Opfer eine Verbindung hatten, oder sollte man sich auf die Insel konzentrieren? Johan Berg, eigens aus Stockholm angereister Reporter des schwedischen Fernsehens SVT, berichtet über die Mordserie und lernt dabei die verheiratete zweifache Mutter Emma Winarve kennen, in die er sich Hals über Kopf verliebt.

Den du inte ser ist kein sensationell neuartiger, aber ein solider Krimi, spannend bis zum finalen Showdown und bis auf die kurzen, kursiv gedruckten Erinnerungen des Täters chronologisch erzählt. Neben dem regionalen Bezug konzentriert sich Mari Jungstedt überwiegend auf die Aufklärung der Verbrechen.

Mari Jungstedt: Den du inte ser. Bonnier Pocket 2019
www.albertbonniersforlag.se

Rafik Schami: Die geheime Mission des Kardinals

  Operation Olivenöl

Wie in seinem 2015 erschienenen Roman Sophia oder der Anfang aller Geschichten blickt Rafik Schami auch in seinem neuen Buch Die geheime Mission des Kardinals ins Syrien des Jahres 2010 zurück. Wieder ist es eine Vorgeschichte des syrischen Bürgerkriegs, dieses Mal allerdings verpackt in einen Kriminalroman. Obwohl alle Merkmale dieses Genres vorhanden sind, ein Verbrechen, ermittelnde Kommissare, mehrere Verdächtige, verschiedene Motive und schließlich eine Auflösung, bezeichnet der Verlag Carl Hanser das Buch zurecht als Roman, dient doch auch in meinen Augen die Kriminalhandlung vor allem als Gerüst für einen Gesellschaftsroman und steht für mich daher nicht im Vordergrund.

Der Paukenschlag zu Beginn ist die Anlieferung eines anonym versandten Ölfasses an die italienische Botschaft in Damaskus, in dem sich die verstümmelte, seltsam „codierte“ Leiche des auf geheimer Mission in Syrien weilenden Kardinals Angelo Cornaro befindet. Für Kommissar Zakaria Barudi, Mitte 60 und auf der Zielgeraden zur ersehnten Pensionierung, ist die „Operation Olivenöl“ der letzte Fall. Als Polizist alter Schule hat er wegen seines fehlenden Parteiausweises keine große Karriere gemacht, nun möchte er seine Laufbahn mit einem Erfolg beenden. Da der Mord politisch heikel ist und Missstimmungen zu Italien mit Gefahren für die Entwicklungshilfe befürchtet werden, nimmt ein arabischsprechender italienischer Polizist an den Untersuchungen teil. Commissario Marco Mancini und sein syrischer Kollege verstehen sich auf Anhieb, teilen dieselben kulinarischen Vorlieben und sind – genau wie der dritte im Bunde, der Spurensicherer Hauptmann Schukri – einsam, wenngleich mit ganz unterschiedlicher Vorgeschichte.

Auch wenn das Motiv für die Reise des Kardinals lange im Dunkeln bleibt und die vatikanische Botschaft sich im Gegensatz zur italienischen zugeknöpft gibt, zeigen sich bald mehr mögliche Motive und Verdächtige, als es den Ermittlern lieb sein kann. Die Mafia, die der Kardinal zuhause vehement bekämpft, kommt genauso in Frage wie radikale Islamisten, nach vatikanischer Anerkennung strebende Wunderheiler samt Anhängern oder ein feindlicher vatikanischer Kardinalskollege, dessen syrische Familie in Drogen- und Waffenhandel verstrickt ist. Größter Hemmschuh bei den Ermittlungen ist der syrische Geheimdienst, der Angst verbreitet, überall präsent ist und über dem Recht steht: „In einer hochmodernen, aber unfreien Gesellschaft ist die Wahrheitsfindung aussichtslos.“

Rafik Schamis neuer Roman mit der wunderschönen Kalligrafie auf dem Cover ist eine Fundgrube für alle, die sich für die Vorgeschichte des syrischen Bürgerkriegs interessieren und mehr über die politischen und religiösen Konflikte Syriens sowie die ausländische Einflussnahme erfahren möchten. Besonders gelungen sind die Tagebucheintragungen Barudis und die Gespräche zwischen den beiden Kommissaren über Politik, Religion und Aberglauben, die sie bei Tee, Mokka, Falafeln und anderen detailliert beschriebenen Köstlichkeiten führen. Kritisieren kann man die Vielzahl der Themen bis hin zur Islam-Politik Papst Benedikts XVI, die nicht sehr originelle Figur des aufrechten Polizisten Barudi und die Liebesgeschichte am Rande. Für mich hat das bei der Bewertung aber schließlich keine große Rolle gespielt, zu souverän und engagiert verfolgt Rafik Schami alle Handlungsstränge, zu gut erzählt er seine Geschichten und zu sympathisch sind Barudi und Mancini.

Rafik Schami: Die geheime Mission des Kardinals. Carl Hanser 2019
www.hanser-literaturverlage.de

Gusel Jachina: Wolgakinder

  Überraschend

Wolgakinder, der zweite Roman der 1977 an der Wolga geborenen russischen Autorin Gusel Jachina, war für mich vor allem eines: vollkommen anders als erwartet. Eigentlich wollte ich einen Roman über die Volksgruppe der Wolgadeutschen vor dem Zweiten Weltkrieg lesen, bekommen habe ich stattdessen eine märchenhaft anmutende Geschichte über einen Sonderling. Nachdem ich damit etwa 100 Seiten lang gehadert hatte, beschloss ich, mich ganz darauf einzulassen – und daraufhin wurde die Lektüre des knapp 600 Seiten umfassenden Buches dann doch noch ein Gewinn. Großartig sind die Beschreibungen der Wolga und die Bilder, die Gusel Jachina findet, allerdings stellte sich mit der Zeit aufgrund ihrer Fülle auch ein gewisser Überdruss ein. Nicht einfach zu lesen sind die vier Einschübe über Stalin, genannt „Er“. Die Autorin lässt „Ihn“ beispielsweise an Lenins Sterbebett auftauchen oder im November 1934 ein fiktives Billardspiel gegen Hitler austragen mit den Wolgadeutschen als Spielball. Dieses Hin und Her mit Treffern auf beiden Seiten ist eigentlich eine geniale Idee und inhaltlich sehr interessant, geht aber mit einem extremen Stilbruch einher.

Im Mittelpunkt des 1916 beginnenden Romans steht der Dorflehrer Jakob Iwanowitsch Bach, der im wolgadeutschen Dorf Gnadental die Kinder unterrichtet. Eines Tages zitiert ihn der Besitzer eines Gehöfts am anderen Wolgaufer zu sich, wo er dessen hinter einem Wandschirm verborgene 17-jährige Tochter Klara unterrichten soll. Mit der Liebe zu ihr endet Jakobs beschauliches Dasein als Schulmeister. Im Dorf geächtet, müssen sie wie Einsiedler auf dem mittlerweile verwaisten Gehöft leben, bis ein räuberischer Überfall alles verändert.

Viele Ideen der Autorin haben mir gut gefallen, so zum Beispiel, wie der inzwischen verstummte Jakob seine zu Papier gebrachten Geschichten in Gnadental gegen Milch eintauscht, wie er jedem Jahr einen aussagekräftigen Namen gibt, wie er ein Mädchen alleine großzieht und ihr nicht nur die Sprache, sondern auch jeden Kontakt zur Welt vorenthält, und wie die Welt dann doch noch auf den abgeschiedenen Hof kommt, zuerst in Person eines Straßenjungen, dann der Staatsgewalt. Allerdings waren mir manche Entwicklungen auch zu skurril und mit Bildern überfrachtet. Richtig geärgert habe ich mich, als es über eine soeben vergewaltigte Frau hieß: „Die Augen waren geschlossen, die Gesichtszüge ruhig – sie schlief. Um ihre Lippen spielte ein Lächeln.“ Diese Sätze sind extrem geschmacklos angesichts des Leids aller Betroffenen.

Ein sprachlich überbordender, enorm bildreicher Roman mit einem sehr stimmigen Cover, den ich mehr als Märchen denn als Zeugnis über die Wolgadeutschen gelesen habe.

Gusel Jachina: Wolgakinder. Aufbau 2019
www.aufbau-verlag.de

Juli Zeh & Wolfgang Nocke: Das Land der Menschen

  Winterträume

Der dritte Advent ist bereits vorbei und weit und breit ist kein Schnee in Sicht. Missmutig blättert Robs in seinem Lieblingsbuch über den Nordpol und studiert Eisberge, Eskimos und Eisbären. Von der Geschichte über ein Eskimo-Mädchen und ihren Schlittenhund kann er gar nicht genug bekommen. Sogar in seine Träume schafft es Grönland, „das Land der Menschen“: Eben jenes Eskimo-Mädchen begegnet ihm weinend im Schlaf. Kurz entschlossen packt Robs seine Wollhandschuhe, die Mütze und den Schal in seinen Schulranzen, versteckt seinen Stoffhund Purzel unter seinem Anorak und macht sich am nächsten Tag – anstatt zur Schule zu gehen – auf die Suche nach dem Mädchen und dem Schnee.

Juli Zehs erstes Kinderbuch aus dem Jahr 2008, das inzwischen leider nur noch antiquarisch erhältlich ist, erzählt mit viel Empathie von der Sehnsucht eines kleinen Jungen nach der Kälte und dem Schnee und von der wechselvollen Geschichte der Inuit. Geschickt lässt Juli Zeh die Grenzen zwischen Traum und Realität verschwimmen und lüftet das Geheimnis von der Entstehung des Schnees.  Die 15 doppelseitigen Illustrationen von Wolfgang Nocke sind überaus farbenprächtig, märchenhaft fantasievoll und laden zum Entdecken ein, allerdings verspüre ich beim Betrachten kein Wintergefühl.

Das Land der Menschen kann man Kindern ab sechs Jahren vorlesen, ab etwa der dritten Klasse können es Jungen und Mädchen selbst lesen und für Erwachsene ist es eine Einladung zu Winterträumen.

Juli Zeh & Wolfgang Nocke: Das Land der Menschen. Schöffling & Co. 2008
www.schoeffling.de

Louise Erdrich: Der Gott am Ende der Straße

  Evolution rückwärts

Ein Roman von Louise Erdrich steht schon lange auf meiner Wunschliste ziemlich weit oben. Dass ich nun mit ihrem neuesten Buch ausgerechnet zuerst eine Dystopie erwischt habe, ein Genre, mit dem ich eher wenig anfangen kann, ist ausgemachtes Pech. Die Leseprobe mit der indigenen Ich-Erzählerin, aufgewachsenen bei weißen Adoptiveltern, die nun, im fünften Monat schwanger, ihre biologische Familie im Reservat kennenlernt, fand ich sehr interessant. Die 26-jährige Cedar Hawk Songmaker war mir von Beginn an sympathisch und blieb es während des ganzen Romans. Die punktgenaue Chrakterisierung der beiden grundverschiedenen Familien, vereint in der Sorge um die gemeinsame Tochter, ist ausgesprochen gut gelungen, wie überhaupt die Zeichnung aller Figuren. Allerdings hätte ich dieses Mal meine Angst vor Spoilern überwinden und den Verlagstext lesen sollen.

Cedar Hawk Songmaker ist zur denkbar ungünstigsten Zeit schwanger. Es gibt zwar keine gesicherten Erkenntnisse und die Wissenschaftler rätseln noch, aber es scheint zu einer Umkehrung der Evolution zu kommen. Die Weltgeschichte läuft rückwärts, nicht geordnet, sondern in „Sprüngen“, also „vorwärts, seitwärts, in unvorhersehbare Richtungen“. Eine kirchliche Bundesregierung namens „Church of the New Constitution“ hat die Macht an sich gerissen, die freie Berichterstattung ist ausgesetzt, es kommt zu Hamsterkäufen, Denunziationen und Folterungen, Schwangere werden im Rahmen der präpartalen Ingewahrsamnahme“ in Gebärkliniken eingesperrt und potentiell Gebärfähige zum Austragen eingefrorener Embryonen interniert. Über die genaue Art der Bedrohung bleibt jedoch nicht nur Cedar im Unklaren, zumal ihr der Blick auf den Bildschirm beim Ultraschall stets verwehrt wird, auch ich konnte mir bis zum Schluss nichts unter dieser rückläufigen Entwicklung vorstellen. Fehlende Fantasie? Mangelnde Affinität zum Genre? Auf mich wollte sich die Weltuntergangsstimmung deshalb nicht so recht übertragen.

Die Ereignisse selbst erfahren wir aus Cedars Tagebuchchronik, die sie für ihr ungeborenes Kind führt. Beeindruckend ist ihre trotz aller Katastrophen nie endende Zuversicht sowie die Verbundenheit mit dem Kind, das doch die Ursache für ihre Unfreiheit und Lebensgefahr ist.

Während ich im ersten Teil mit dem Aufbau des Bedrohungsszenarios fast aufgegeben hätte, hat mir der zweite Teil in einer Gebärklinik unerwartet Spaß gemacht. Hier wird der Text für mich viel konkreter und bekommt sogar Thrillerqualitäten. Teil drei und das Ende haben mich dann wieder enttäuscht, Wiederholungen und ein viel zu offener Ausgang waren mir zu wenig.

Die Mehrzahl der Themen, um die es in dieser sehr amerikanishen Dystopie geht, sind trotzdem sehr interessant und hätten mich – anders verpackt – sicher angesprochen: die Auseinandersetzung mit Evolutionsleugnern, die Dogmatik evangelikaler Kirchen, der Umgang mit der indigenen Bevölkerung, die Frage nach dem Wert biologischer und Adoptiveltern, das Zurückschlagen der Natur, das Verhalten von Menschen in Diktaturen und vieles – wahrscheinlich zu vieles – mehr. Wenig angesprochen haben mich dagegen die langen religionsphilosophischen Einschübe, über deren Qualität ich mir kein Urteil erlauben möchte. Eines weiß ich aber nach dieser Lektüre gewiss: ein Roman von Louise Erdrich bleibt oben auf meiner Wunschliste, nur eben keine Dystopie.

Louise Erdrich: Der Gott am Ende der Straße. Aufbau 2019
www.aufbau-verlag.de