María Dueñas: Wenn ich jetzt nicht gehe

Den Blick auf neue Horizonte richten

In ihrem knapp 600 Seiten starken dritten Roman Wenn ich jetzt nicht gehe, in Spanien das meistverkaufte Buch des Jahres 2015, erzählt die 1964 geborene María Dueñas ein Jahr im Leben des Mauro Larrea.

Nach dem frühen Tod seiner Frau mit zwei Kleinkindern von Spanien nach Mexiko ausgewandert, hat Mauro Larrea es vom Bergarbeiter zum reichen Silberminenbetreiber gebracht und bewohnt einen prachtvollen alten Palast in Mexiko-Stadt. Nur dieser, mit einer hohen Hypothek belastet, bleibt ihm, als er knapp 50-jährig nach einem hochriskanten Geschäft bankrottgeht. Der Sezessionskrieg hat ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht und unverschuldet steht er vor dem Ruin.

Vier Monate Zahlungsziel räumt ihm der Wucherer Tadeo Carrús im perfidesten Vertrag seines Lebens ein, bevor er seinen Palast dem Erdboden gleichmachen will. Doch wo und wie soll Mauro Larreo so schnell zu Geld kommen? Sein abenteuerlicher Weg führt ihn über Kuba zurück ins Mutterland Spanien, nach Jerez de la Frontera, immer in dem Bestreben, das Kapital zusammenzubekommen, um nach Mexiko zurückzukehren, „sein Eigentum, seinen Status, seine Vergangenheit zurückzuerobern“ und „um mit gestärktem Selbstvertrauen wieder in die Haut des Mannes zu schlüpfen, der er einmal gewesen war.“

Von der ersten Seite an, auf der man von Mauro Larreos Bankrott erfährt, habe ich Partei für diesen Mann ergriffen und bin ihm gerne auf seinem abenteuerlichen Weg über zwei Kontinente gefolgt. Untergang, Verrat, Intrigen, ein altes Familiengeheimnis, verzweifeltes Verlangen nach Liebe und ein spannender Kampf gegen die Zeit sind die Zutaten zu diesem opulenten historischen Roman. Daneben hat mir auch die Zeichnung der Charaktere gefallen, die nie nur schwarz oder weiß sind, ebenso wie die historischen Hintergründe des Verhältnisses zwischen dem spanischen Mutterland und dem südamerikanischen Kontinent.

Ein flüssig erzählter, spannender historischer Roman in einem geografischen Kontext, über den ich bisher noch nicht viel gelesen hatte.

María Dueñas: Wenn ich jetzt nicht gehe. Insel 2017
www.suhrkamp.de

Wilfried Gebhard: Kunterbunte Kinderwitze

Heute schon gelacht?

„Mama, ich habe
die große Leiter umgestoßen!“
„Dann hol deinen Vater,
damit er dir hilft!“
„Der kann nicht,
er hängt an der Dachrinne.“

Was tun mit Erstlesern, die man einfach nicht für das Lesen begeistern kann? Die meisten Kinder lieben Witze, und genau dies macht sich Kunterbunte Kinderwitze aus der Arena Erstlesereihe Der Bücherbär zunutze. Knapp 60 kindergeeignete Witze, über die auch Erwachsene noch schmunzeln können, sind hier in großer Fibelschrift mit maximal elf kurzen Zeilen und sehr lustig illustriert von Wilfried Gebhard abgedruckt. Die Witze stammen aus der inzwischen eingestellten Zeitschrift für Leseanfänger Mücki und Max. Für das Buch wurden sie nach Themen in fünf Kapiteln geordnet. Wie jeder Band der Reihe hat auch dieser ein hübsches Lesebändchen mit dem Bücherbär als Plastikfigur und als weitere Beigabe bunte ABC-Sticker. Obwohl auch das ein oder andere etwas schwierigere Wort vorkommt, ist schneller Leseerfolg ab dem zweiten Halbjahr der ersten Klasse garantiert und der Lacherfolg sowieso.

Noch ein Beispiel gefällig?

Was ist braun, haarig und hustet?
Eine Kokosnuss,
die sich verschluckt hat.

Wilfried Gebhard: Kunterbunte Kinderwitze. Arena 2016
www.arena-verlag.de

Mikaela Bley: Glücksmädchen

Zwischen Psychokrimi und Gesellschaftsdrama

Ein Glücksmädchen, wie es der Titel des Buches und ihr Name suggerieren, ist Lycke wahrlich nicht. Die Achtjährige lebt nach der Scheidung ihrer Eltern Helena und Harald vor vier Jahren wochenweise abwechselnd bei beiden Elternteilen. Helena hat keine emotionale Bindung zur Tochter und ist beruflich als Immobilienmaklerin stark eingespannt, Haralds neue Frau Chloé ist eifersüchtig auf Lycke und fürchtet deren Konkurrenz für ihren kleinen Sohn. Einziger Lichtblick für Lycke, die auch keine Freunde hat, ist die Nanny Mona, ihre einzige Vertraute, die jedoch kurz vor der Pensionierung steht.

Doch bevor es dazu kommt, ist Lycke eines Abends verschwunden. Chloé hat sie vor der Tennishalle in Stockholm abgesetzt, obwohl das Tennis ausfiel – ein klassisches Missverständnis im Chaos der verschiedenen Zuständigkeiten für das Kind.

Der Fall landet bei der TV-Journalistin Ellen Tamm und lässt bei ihr, die im Alter von acht Jahren ihre Zwillingsschwester verloren hat, ein unbewältigtes Trauma wiederaufleben. Mehr als die Polizei, die zunächst eher verhalten die Ermittlungen aufnimmt, tut sie alles für einen guten Ausgang des Vermisstenfalls und stürzt sich mit fast schon fanatischem Eifer in die Aufklärung. Alles scheint möglich: ein Familiendrama, eine Entführung, Lyckes Ausreißen oder eine pädophile Tat.

Der Debütroman der Schwedin Mikaela Bley ist für mich mehr Psychokrimi als Psychothriller und nebenbei ein modernes Gesellschaftsdrama. Die Suche nach Lycke gestaltet sich spannend, auch wenn ich im letzten Drittel die Auflösung erahnt habe. Einen besonderen Reiz hatte für mich die detaillierte Erwähnung der Stockholmer Örtlichkeiten, weil ich dadurch immer ein Bild vor Augen hatte, und die strikte chronologische Abfolge mit den entsprechenden Kapitelüberschriften, dank derer ich zeitlich immer sehr gut orientiert war. Die persönliche Involvierung der labilen Ellen, die im Laufe der Handlung immer stärker wird, hätte es in meinen Augen dagegen nicht unbedingt gebraucht. dafür hätte ich gerne mehr über die Ermittlungsarbeit der Polizei erfahren, die eigentlich nur in Person des korrupten Polizeibeamten Ove in Erscheinung tritt.

Alles in allem hat mir die Lektüre von Glücksmädchen ein paar sehr unterhaltsame Lesestunden beschert und ich werde die Autorin mit Sicherheit im Auge behalten.

Mikaela Bley: Glücksmädchen. Ullstein 2017
www.ullsteinbuchverlage.de

Gundi Herget: Wie König Böhnchen die wahrhaft wütende Prinzessin Rikiki fand

Ein Land, in dem das Auslachen verboten ist

Oetinger34 ist ein Imprint des renommierten Oetinger Verlags und eine Onlineplattform. 2014 gestartet, kommen hier Autoren, Illustratoren, Juniorlektoren und Leser zusammen und die besten Ergebnisse dieser Zusammenarbeit erscheinen anschließend in der Edition Oetinger34. für mich war Wie König Böhnchen die wahrhaft wütende Prinzessin Rikiki fand der erste Titel dieses Imprints und sofort ein Volltreffer.

Das hatten sich die Bewohner des Grünen Landes am Meer ganz anders vorgestellt, als sie die Stelle des Königs neu vergeben wollten. Einziger Bewerber ist der winzige König Böhnchen, über den sie nur lachen können. Genauso lachen sie auch über das winzige Schloss, das er baut, den Diener Langbein, der länger und dünner ist als jeder andere im ganzen Land, und die dicke Köchin Buletta, die rund wie ein Ball ist und ganz vorzüglich kocht. Vielleicht hätten sie weniger gelacht, wenn sie auf der Reise der drei zur winzigen Prinzessin Rikiki, die aus Wut gerne mal mit Büchern wirft, dabei gewesen wären, denn dann hätten sie gesehen, wie jeder seine Fähigkeiten zum Bestehen der Abenteuer einsetzt. Als sie zu viert zurückkehren, erkennt das Volk, dass sie ein gütiges und gerechtes Königspaar haben und das Gesetz, das fortan das Auslachen bei Kerkerstrafe verbietet, muss gar nicht mehr angewendet werden, so vernünftig sind die Menschen geworden.

Auch wenn das Bilderbuchformat und die märchenhafte Anmutung und Sprache vielleicht zum früheren Vorlesen verführen, ist Wie König Böhnchen die wahrhaft wütende Prinzessin Rikiki fand von Gundi Herget für Jungen und Mädchen ab frühestens fünf Jahren geeignet, denn es hat eine umfangreiche Textmenge und stellt bereits einige Anforderung an die Zuhörfähigkeit und die Konzentration. Ab diesem Alter werden Jungen und Mädchen gleichermaßen begeistert sein, denn es ist für jeden Geschmack etwas dabei: Abenteuer, Humor, eine Prinzessin und vor allem ein wunderbares Happy End. Die bunten Illustrationen von Kerstin Kubalek, denen ich zunächst abwartend gegenüberstand, haben mich nach kurzer Zeit vollständig überzeugt, denn sie sind sehr aussagekräftig und pointiert, pfiffig und humorvoll und geben viel Raum für weiterführende Entdeckungen.

Mit seinem ohne erhobenen Zeigefinger und unaufdringlich vorgebrachten Plädoyer für Toleranz kann dieses Vorlesebuch Grundlage für ein Gespräch mit Kindern über das bereits im Kindergarten aktuelle Thema Mobbing sein. Nicht nur, dass die kleinen Zuhörerinnen und Zuhörer erkennen, wie dumm sich die Bewohner des Grünen Landes am Meer zu Beginn verhalten, sie erfahren auch, wie man durch freundliche Beharrlichkeit den Mobbern den Wind aus den Segeln nehmen kann.

Gundi Herget: Wie König Böhnchen die wahrhaft wütende Prinzessin Rikiki fand. Oetinger34 2016
www.oetinger.de

Alina Herbing: Niemand ist bei den Kälbern

„Nur, wenn man zu langsam fährt, bleibt man stecken“

Eigentlich bin ich immer sehr gespannt auf die Debütromane neuer, junger Autoren und das Konzept eines Anti-Heimatromans aus Schattin in Mecklenburg klang verlockend für mich. Dass Niemand ist bei den Kälbern der 1984 geborenen Autorin Alina Herbing dann doch überhaupt nicht mein Buch war, liegt vor allem daran, dass ich keinerlei Empathie für die Protagonistin aufbringen konnte, deren enervierendes Gejammer und Selbstmitleid mich mit zunehmender Seitenzahl mehr abgestoßen hat, an der sehr flachen, oft ordinären Sprache und daran, dass ich mir trotz aller schwerwiegenden Probleme in einer strukturschwachen Region nicht vorstellen kann, dass die Menschen dort nahezu durchweg antriebsschwach, kriminell, dem Alkohol verfallen, gewalttätig  und vereinsamt sind.

Dabei ist mir durchaus bewusst, dass die Ich-Erzählerin Christin, Anfang 20, es mit der durchgebrannten Mutter, dem im Dorf als Ex-Stasi-Mann geächteten, zum verwahrlosten Säufer verkommen Vater und der wegen Insolvenz des Salons abgebrochenen Friseurlehre schwer hat. Als Kind hat sie davon geträumt, mit 18 auf High Heels über den Berliner Asphalt zu stöckeln, stattdessen ist sie auf einen überschuldeten Milchviehbetrieb zu ihrem Freund Jan gezogen, der ihre Sachen durchsucht und ihr Handy filzt. Im Gegenzug bringt sie keinerlei Interesse für seinen Kampf gegen die bedrohlich niedrigen Milchpreise und die Windräder auf, lügt, betrügt und drückt sich um die verhasste, da eklige Arbeit im Kuhstall. Anstatt ihre Zukunft beherzt in beide Hände zu nehmen, einen Ausweg aus der für sie trostlosen Dorfperspektive zu suchen, lässt sie sich auf gewalttätigen Sex mit einem verheirateten Mann ein, nur weil der ein Hamburger Autokennzeichen hat, wird zunehmend gewalttätig gegen unschuldige Tiere, trinkt mehr und mehr und spielt nicht nur im übertragenen Sinn mit dem Feuer.

„Nur, wenn man zu langsam fährt, bleibt man stecken“, heißt es am Ende des Romans. Christin, so schien es mir, fährt überhaupt nicht, sie lässt sich planlos treiben, was mir entschieden gegen den Strich geht. Ob sie es jemals aus Schattin herausschafft, bleibt am Ende offen. Leider ist es mir aber auch ziemlich egal.

Alina Herbing: Niemand ist bei den Kälbern. Arche 2017
www.arche-verlag.com

Allan Stratton: Worüber keiner spricht

Das Schweigen brechen

Vor einigen Jahren habe ich Henning Mankells hervorragendes, aber tief deprimierendes Buch Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt gelesen, in dem es um das Thema Aids in Afrika geht. Ich war deshalb sehr gespannt und etwas skeptisch, ob dieses Thema als Stoff für ein Jugendbuch taugen kann. Nach der Lektüre des bereits 2005 erschienenen Titels Worüber keiner spricht bin ich jedoch begeistert über die Umsetzung durch den kanadischen Autor Allan Stratton, der dafür zurecht zahlreiche Preise in verschiedenen Ländern erhalten hat.

Protagonistin des Romans ist die 16-jährige Chanda Kabelo, ein Mädchen mit großen Zukunftsträumen, das irgendwo in einem südafrikanischen Elendsviertel lebt. Doch ihr Leben wird überschattet von Krankheit und Tod, und zu Beginn muss sie die Beerdigung für ihre kleine Schwester organisieren, da ihre sonst so tatkräftige Mutter selber unter mysteriösen Beschwerden leidet, offiziell eine Folge der Trauer. Da ihr Stiefvater sich völlig dem Alkohol ergeben hat, muss Chanda, die so gerne einen Schulabschluss machen würde, um Lehrerin oder Ärztin zu werden, immer mehr Verantwortung für die Familie, vor allem für die beiden kleineren Geschwister übernehmen. Und sie hat immer mehr Angst: Da ist die Mutter, die immer schwächer wird und eines Tages verschwindet, die Freundin, die sich nach dem Tod ihrer Eltern prostituiert, und die ständige Sorge um die Gesundheit der Geschwister und nicht zuletzt ihre eigene. Doch eines Tages trifft sie eine mutige Entscheidung, denn sie möchte nicht länger schweigen…

Mehrere Monate hat Allan Stratton vor Ort bei Projekten zur Aids-Prävention und zur Betreuung von HIV-Infizierten und -Kranken recherchiert. Herausgekommen ist ein sehr bewegendes, wichtiges Jugendbuch für Mädchen ab 14, das die Gewalt zwar nicht verschweigt, aber auch nicht effekthascherisch in den Vordergrund stellt. Mit Chanda und ihrer Umgebung bekommen die anonymen Zahlen in den Gesundheitsstatistiken ein Gesicht und werden greifbar. Zum Glück ist es Allan Stratton gelungen, trotz aller berechtigten Verzweiflung ein hoffnungsvolles Buch zu schreiben, weil er ein mutiges Mädchen in den Mittelpunkt stellt, das sich gegen das Schweigen auflehnt und erfolgreich ein großes Tabu bricht.

Allan Stratton: Worüber keiner spricht. dtv 2005
www.dtv.de

Imbolo Mbue: Das geträumte Land

Vom Traum zum Alptraum

2007 scheint Jende Jonga es nach drei harten Jahren endlich geschafft zu haben. Der 33-jährige Kameruner, der mit einem Besuchervisum in die USA eingereist ist, einen Asylantrag gestellt und eine befristete Arbeitserlaubnis bekommen hat, seine Freundin Neni und seinen kleinen Sohn Liomi nachholen und endlich heiraten konnte, erhält einen Job als gut bezahlter Chauffeur der Familie des Lehman-Investmentbankers und Managers Clark Edwards. Der „American Dream“ scheint sich für die Jongas zu erfüllen. Neni, der man in Kamerun stets eingebläut hat, nichts vom Leben zu erwarten, ist mit ihrem Studentenvisum auf dem Weg zu einem Pharmaziestudium und arbeitet nebenbei illegal bei einem Pflegedienst und im luxuriösen Sommerhaus der Edwards‘ in den Hamptons. Spätestens bei Liomi, da sind Neni und Jonga sich einig, soll sich der Aufstieg verwirklichen.

Doch wie ein Damoklesschwert hängt das schwebende Asylverfahren über ihnen und der Antrag wird schließlich abgelehnt. Als Jende nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers und aufgrund seiner unglücklichen, unverschuldeten Verwicklung in das Ehedrama der Edwards‘ auch noch seinen geliebten Job verliert, ist er den willkürlichen Gerichtsterminen, den 14-Stunden-Tagen als Tellerwäscher, den Geldsorgen und der Ungewissheit nicht mehr gewachsen. Anders als für Neni, die für ihren „American Dream“ zu nahezu jedem Opfer bereit wäre, will Jende sich nicht weiter quälen: „Mein Körper ist hier, aber mein Herz ist nach Hause zurückgereist“. Auch Barack Obamas bejubelte Wahl im November 2008 kann daran nichts mehr ändern.

Imbolo Mbue, geboren 1982 in Kamerun, vor zehn Jahren zum Studium in die USA gekommen und inzwischen US-amerikanische Staatsbürgerin, hat in ihrem Debütroman ein Einwandererschicksal beschrieben, wie es sie leider zuhauf gibt. Diskreditiert als Wirtschaftsflüchtlinge spüren die Jongas, die doch nichts als die Chance zum Aufstieg suchen, den ihr Heimatland ihnen verweigert, die ganze Härte einer Nation, die die Chauffeure, Pflegerinnen und Dienstboten einerseits braucht, die Einwanderung andererseits aber zum Lotteriespiel macht.

Den Kontrast zur Familie Edwards, die zwar am anderen Ende der Gesellschaftspyramide steht, deren Problem jedoch nur andersartig, aber keinesfalls geringer sind, hat Imbolo Mbue sehr gut herausgearbeitet, ohne Schwarz-Weiß-Klischees zu bemühen. Die Gespräche zwischen Jonga und Clark Edwards auf ihren gemeinsamen Fahrten gehören deshalb für mich zu den Höhepunkten des Romans. Dass Edwards zunehmend von Zweifeln geplagt wird, sein Sohn gar das Jurastudium hinwirft, um in Indien zu meditieren, macht sie sympathisch, doch dass Edwards nach der Entlassung und der familiären Tragödie als Lobbyist für kleine Genossenschaftsbanken anheuert, war mir dann doch ein bisschen zu dick aufgetragen.

Das geträumte Land ist ein sehr empfehlenswerter Roman zum hochaktuellen Thema Wirtschaftsmigration, geschrieben mit viel Sachkenntnis und einer wohltuenden Empathie für alle Figuren, nicht anklagend sondern aufrüttelnd, ebenso unterhaltsam wie leicht zu lesen und mit einem bestechend schönen Cover.

Imbolo Mbue: Das geträumte Land. Kiepenheuer & Witsch 2017
www.kiwi-verlag.de

Rolf Lappert: Über den Winter

Rückkehr zu den Wurzeln

Ein doppelter Tod ist der Ausgangspunkt von Rolf Lapperts 2015 erschienenem Roman Über den Winter, der wie schon 2008 sein Debüt Nach Hause schwimmen auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stand.

Für den Aktionskünstler Lennard Salm, der gleich nach seinem Studium durch eine Mischung aus Geniestreich und Skandal in die Kunstszene katapultiert wurde und seit mittlerweile 23 Jahren erfolgreich im Kunstmarkt mitschwimmt, werden der Fund einer Säuglingsleiche in einem Flüchtlingsboot irgendwo an einem Mittelmeerstrand und die Nachricht vom Tod seiner älteren Schwester Helene zum Wendepunkt. Zurück in Hamburg und bei der Trauerfeier konfrontiert mit seiner Familie, einem Zusammentreffen, vor dem ihm graut, kulminieren die Irritation, der Verlust klarer Ziele und die zunehmende Entfremdung vom Kunstbetrieb und der Kunst zu einer Lebenskrise: „In letzter Zeit fiel es ihm schwer, seine Lebenssituation einer genaueren Betrachtung zu unterziehen, Pläne zu machen oder auch nur einen klaren, in die Zukunft weisenden Gedanken zu fassen.“ Er verkündet seinem Mäzen und Manager Wieland, dass er kein Künstler mehr sein will, ohne auf dessen immer drängender werdende Frage, was er denn stattdessen sein wolle, eine Antwort zu haben. Nach einer Zwischenstation in einem billigen Hotel zieht er in sein altes Kinderzimmer bei seinem hinfälligen Vater und dessen polnischer Pflegerin in ein ob seiner Bewohner geisterhaft anmutendes, heruntergekommenes Haus in Wilhelmsburg. Lennard, der als einziges der vier Kinder die wahren Gründe für das Auseinanderbrechen der Familie kennt, immer zum Vater gehalten und die Mutter verachtet hat, lehnt auch jetzt ihre Versöhnungsversuche ab. Lediglich seine jüngere Schwester Bille, die nie erwachsen geworden ist, kommt ihm einigermaßen nah.

Es bleibt am Ende unklar, ob Lennard der Neubeginn bei seinen Wurzeln gelingt und wohin er ihn führt. Vielleicht ist ja sein durch die Welt irrlichternder Koffer, den Alitalia am Ende doch noch zustellt, ein gutes Omen?

Mich konnte der düstere Künstler-, Familien- und zeitweise Gesellschaftsroman, der mir beim Lesen durchgehend eine Gänsehaut beschert hat, nicht überzeugen. Sehr gut gefallen hat mir das dritte Kapitel über die Anfänge der Familie Salm und darüber, wie die jahrelang immer wieder notdürftig reparierte Familienmaschine auseinanderbrach. Hier zeigt Rolf Lappert sein wirklich großes Erzähltalent. Auch seine detaillierten Orts-, Menschen- und Wetterbeschreibungen haben mich immer wieder fasziniert. Doch konnte ich mit Lennard Salms indifferenter Seelenlage, seiner Ziellosigkeit und seinen Alkoholexzessen nichts anfangen und habe während des Lesens zu keiner Zeit verstanden, warum er seinen Neubeginn ausgerechnet aus dem Schoß der Familie heraus beginnen will, vor der er doch aus nachvollziehbaren Gründen einst geflohen war.

Rolf Lappert: Über den Winter. Hanser 2015
www.hanser-literaturverlage.de

Katharina Bendixen: Zorro, der Mops – Abenteuer im Bammelwald

Unter der kleinsten Kiefernnadel kann das größte Abenteuer warten

Zorro, der kleine Mops, heißt zwar wie ein Superheld, hat aber zu seinem großen Bedauern noch nie ein richtiges Abenteuer erlebt. Doch als in Bummelhausen nacheinander der Spezialschraubenschlüssel seiner besten Freundin, Professorin Hamsterine, der Spiegel der piekfeinen Distelfinkdame Irmhild von Irmhausen zu Irmhildlandia, das Kissen des schwerhörigen Hundeseniors Bernhardinowitsch, die Stühle von Herrn Igel, vier Joggingschuhe von Potz Tausendfüßler, unzählige Taucherbrillen von unzähligen Kaulquappenkindern von Olof Ochsenfrosch, Zorros goldener Fressnapf und diverse andere Besitztümer der Bewohner verschwinden, sieht der Mopsjunge seine Chance gekommen. Hauptverdächtig ist in den Augen der Tiere das sagenhafte vielköpfige Ungeheuer, das in der alten Fabrik im Bammelwald hausen soll. Unter der Führerschaft von Hamsterine und Zorro hecken die Tiere einen Plan zur Wiederbeschaffung der gestohlenen Gegenstände aus, was vielleicht gar nicht nötig gewesen wäre, wenn Herr Igel den von ihm abonnierten „Bammelwalder Boten“ wirklich lesen könnte, in dem genau am Tag des großen Abenteuers ein aufschlussreicher Artikel erscheint…

Zorro, der Mops – Abenteuer im Bammelwald, das erste Kinderbuch von Katharina Bendixen, hat mir ausgesprochen gut gefallen, da es vor allem die Botschaft übermittelt, dass man gemeinsam und mit einem ausgeklügelten Plan auch gegen einen scheinbar übermächtigen Feind vorgehen kann. Dass es am Ende nicht zu einer Bestrafung der Diebe kommt, sondern zu einer Übereinkunft, einem gemeinsamen Fest und hoffentlich zu einer einverständlichen neuen Nachbarschaft, hat mich dagegen nicht gestört. Es wird klar, dass die Diebstähle nicht einfach hingenommen werden können, dass es aber jenseits von Bestrafungen auch andere Lösungen geben kann.

Die reichlichen Illustrationen von Carola Sieverding sind fast immer sehr geglückt, die Tiere in ihrem Charakter gut getroffen und die Landkarten vorn und hinten im Buch machen es einfach, die geografischen Gegebenheiten nachzuvollziehen.

Alles in allem ist Zorro, der Mops – Abenteuer im Bammelwald ein sehr schönes, äußerst fantasievolles Vorlesebuch für Jungen und Mädchen ab fünf Jahren oder für gute Leserinnen und Leser, die sich auch schon an umfangreichere Textmengen heranwagen, dank der größeren Schrift ab dem Ende der zweiten Klasse. Die genialen Erfindungen von Hamsterine, die „Verhörer“ von Bernharinowitsch, die Familiengeschichte von Zorro, der Sprachfehler von Olof Ochsenfrosch und das Miteinander der Tiere in Bammelhausen machen jedenfalls sowohl beim Vorlesen als auch beim Selberlesen richtig Spaß und lassen auf weitere Abenteuer hoffen!

Katharina Bendixen: Zorro, der Mops – Abenteuer im Bammelwald. Loewe 2017
www.loewe-verlag.de

Elke Heidenreich: Nurejews Hund

Unerschütterliche Treue

Man könnte meinen, ein schöner, graziler Mann wie der Tänzer Rudolf Nurejew hätte sich einen ebenso eleganten Vierbeiner ausgesucht. Doch der Hund, der sich ihm eines Abends bei einer Party von Truman Capote anschloss, war kurzbeinig, plump, unförmig, träge und hässlich. Nurejew taufte ihn „Oblomow“ und das Tier dankte ihm die Zuneigung, die es von Nurejew bis zu dessen frühem Tod im Alter von 54 Jahren im Jahr 1993 empfing, sowie die Tatsache, dass er ihn darüber hinaus bei einer Freundin hingebungsvoll versorgt unterbrachte, mit lebenslanger hündischer Ergebenheit und einem schier unglaublichen Beweis der Verbundenheit.

Elke Heidenreich liest die Geschichte Nurejews Hund, die aus ihrer und Bernd Schröders Geschichtensammlung Rudernde Hunde stammt und eigens für diese Hörversion erweitert wurde, einfühlsam, aber nicht rührselig, mit ihrer unverwechselbaren Stimme, der ich immer sehr gerne zuhöre. Zusammen mit der russischen Klaviermusik, die den Text für meinen Geschmack allerdings zu häufig unterbricht, ergeben sich knapp 60 bewegende Hörminuten, in denen ich zwischen Lachen und Weinen geschwankt habe und auf jeden Fall sehr berührt war.

Elke Heidenreich: Nurejews Hund. Random House Audio 2005
www.randomhouse.de