Claire Beyer: Refugium

Ein Neubeginn vor grandioser Kulisse

Robert Landwehr ist Testfahrer in Arjeplog in Schwedisch-Lappland. Zwei Drittel des Jahres verbringt er nicht bei seiner Frau Claudia im Rhein-Main-Gebiet sondern dort.

Als eines Abends sein erwarteter Anruf nicht kommt, macht Claudia sich trotz Flugangst nach einem Gespräch mit der Firmensekretärin auf den Weg. Robert ist von einer Testfahrt nicht zurückgekehrt, außerdem wurde ein überfahrener Journalist gefunden. Hängen die beiden Fälle zusammen?

Während Claudia bei der älteren, verständnisvollen und warmherzigen Schwedin Birgitta auf Nachricht wartet, reflektiert sie ihr Leben, ihre Ehe, ihre Beziehung zu den beiden Söhnen und die möglichen Gründe für das Verschwinden ihres Mannes.

Refugium ist ein Roman mit einem Spannungsbogen wie ein Krimi, eine Geschichte über das Sich-Selber-Neu-Finden und einen Neubeginn. Es ist aber auch ein Roman über eine große Freundschaft, bei dem mich besonders die fantastischen Naturbeschreibungen und die kräftige, lyrische Sprache der in der Nähe von Stuttgart lebenden Autorin begeistert haben.

Claire Beyer: Refugium. Frankfurter Verlagsanstalt 2013
www.fva.de/

Barbara Kindermann & Klaus Ensikat: Faust

Da steh‘ ich nun, ich armer Tor…

Wie in allen Bänden dieser verdienstvollen Reihe erzählt Barbara Kindermann hier in gut verständlicher Form einen Klassiker der Weltliteratur für Kinder nach und auch bei diesem Band stammen die detailreichen, kindgerechten und gut zum Text passenden Illustrationen von Klaus Ensikat.

Die Spache ist klar verständlich und zeitgemäß, dazuwischen werden in kursiver Schrift Originalsätze eingebaut. Selbstverständlich beschränkt sich der Text auf die äußere Handlung des Dramas.

Dieser Band sowie die gesamte Reihe Weltliteratur für Kinder eignet sich ganz prima, um Kinder an Klassiker heranzuführen. Meiner Ansicht nach ist aber die Begleitung durch Erwachsene erforderlich. Diese werden ihrerseits aber bestimmt auch ihre Freude an diesen Büchern haben.

Barbara Kindermann & Klaus Ensikat: Faust. Kindermann 2002
www.kindermannverlag.de

Dagmar Seifert: Das Mittwochszimmer

Seifenblasen

Ich bin eher vorsichtig bei der Gattung „Frauen-/Liebesroman“, weil mir oft die Handlung zu seicht, die Sprache zu einfach und die Dialoge zu platt sind. In diesem Fall hat mich das Cover mit der in den Himmel fliegenden Frau und die Verlagsankündigung aber doch neugierig gemacht und ich habe es nicht bereut. Das Mittwochszimmer ist ein sehr unterhaltsamer Roman für zwischendurch, bei dem mir besonders der augenzwinkernde Ton der Autorin gefallen hat, die die Schicksalsschläge ihrer Protagonisten nicht so bierernst zu nehmen scheint. Diese zum Cover passende Leichtigkeit für ein keineswegs leichtgewichtiges Buch mit Einblicken in 60 Jahre deutsche Geschichte und in alle Gesellschaftsschichten hat die Lektüre für mich zu einem Vergnügen gemacht.

Bereits das Einstiegskapitel mit der doppelten Geburt, wie alle anderen auch mit einer fantasievollen Überschrift à la Erich Kästner versehen, hat es in sich und macht so viel Lust auf diese Geschichte, dass ich sie einfach am Stück weglesen musste. Anders als erwartet, handelt sich keineswegs ausschließlich um einen Liebesroman, sondern vielmehr um einen Roman über das Leben des unehelich geborenen „Proletenkinds“ Conny Hertz, ihr kriminelles Umfeld, ihre tiefen Freundschaften, ihre Passion für das Schneiderhandwerk und die Mode und ihre jahrzehntelange Liebe zu Vico, von dem wir als versierte Leserinnen von Anfang an ahnen, dass er der falsche Mann für Conny ist.

Für mich wäre der Roman perfekt gewesen, wenn die Autorin Dagmar Seifert den Mut gehabt hätte, Connys später Erkenntnis über Vico ein offenes Ende folgen zu lassen. Aber auch mit dem vorliegenden Schluss lässt sich gut leben.

Dagmar Seifert: Das Mittwochszimmer. LangenMüller 2016
www.herbig.net

Russell Andrews: Anonymus

Auf den Spuren eines Anonymus

Der erfolglose junge Autor Carl Granville, gerade von seiner Freundin verlassen, erhält von der berühmten Verlegerin Maggie Peterson ein Superangebot: Er soll 250.000 Dollar bekommen, wenn er aus Tagebüchern, Briefen und Dokumenten, in denen alle Namen und Orte geschwärzt sind, einen Roman macht. Sie verspricht ihm einen Bestseller mit einer Handlung, die die Geschichte verändern wird. Carl greift sofort zu und es kommt zu einem abenteuerlichen Szenario: Ein Geheimbote bringt ihm jeden Morgen geheimes Material eines Anonymus und nimmt am Abend Carls Tagesarbeit mit.

Als Carl merkt, wieviel Sprengkraft das Material hat, ist es zum Ausstieg zu spät. Der wirkliche Alptraum beginnt jedoch erst, als plötzlich Morde passieren und das FBI Carl jagt…

Eine spannende, typisch amerikanische Verfolgungsjagd beginnt, die sich fast wie ein Drehbuch liest.

Russell Andrews: Anonymus. Aufbau 2005
www.aufbau-verlag.de

Sabine Christiansen & Janosch: Gibt es hitzefrei in Afrika?

Kinderschicksale in aller Welt

Dieses Buch für Kinder ab zehn erschien 2006 zum 60. Geburtstag von Unicef 2006. Leider ist es inzwischen nur noch antiquarisch zu bekommen, obwohl es kaum an Aktualität eingebüßt hat.

Aufgebaut wie ein Lexikon gibt das Buch in 99 alphabetisch geordneten, z. T. mehrere Seiten umfassenden, von Janosch und mit Farbfotos illustrierten Artikeln Antworten auf Fragen von „Adoption“ bis „Zuhause“. Spannende Themen wie „Kindersoldaten“, „Aids“, „Impfen“, „Beschneidung“, „Nahost-Konflikt“, „Oase“, „Verhütung“, „Müll“, „Gott“ und vieles mehr werden anschaulich dargestellt. Oft wird dazu ein Einzelschicksal ausgewählt, um den Beitrag kindgerecht zu gestalten.

Ob man die Themen seinem Kind zumuten will, muss jeder selber entscheiden. Auf keinen Fall jedoch sollte man die Kinder bei der Lektüre alleine lassen.

Sabine Christiansen & Janosch: Gibt es hitzefrei in Afrika? Omnibus 2008
www.randomhouse.de

Leonardo Padura: Der Nebel von gestern

Sehr atmosphärisch und spannend

Mario Conde, Expolizist, Padura-Fans vertraut aus Das Havanna-Quartett, verdient sein Geld als Antiquar. Eines Tages entdeckt er eine seit 40 Jahren unberührte Bibliothek unter der Obhut zweier alter Geschwister. Neben den kostbaren Büchern fasziniert ihn ein alter Zeitungsbericht über eine gefeierte Bolerosängerin, die sich 1960 überraschend von der Bühne zurückzog und Selbstmord beging. Schnell wird klar, dass ihr Geheimnis eng mit der Bibliothek verbunden ist, doch irgendjemand schreckt zu seinem Schutz nicht vor Mord zurück…

Ein spannender, überaus atmosphärischer Roman, der die bunte Welt vor der Revolution dem tristen Havanna der 2000er-Jahre gegenüberstellt.

Leonardo Padura: Der Nebel von gestern. Unionsverlag 2008
www.unionsverlag.com

Marliese Arold: Lisa und Finn auf Drachensuche

Ein mutiges Ritterfräulein

Lisa ist Burgfräulein mit einer Mutter, die immer Migräne hat. Sie darf zu ihrem Kummer kein Haustier halten. Tag für Tag wartet sie auf ihren Vater, den Ritter Haubert. Als sie von der hellsichtigen Ziege Isolde erfährt, dass er von einem Drachen gefangen gehalten wird, schneidet sie kurzerhand ihre Zöpfe ab und zieht los.

Wie Lisa viele Abenteuer besteht, ihren Vater schließlich mit List befreit und doch noch zu einem Haustier kommt, erzählt Marliese Arold packend und erfrischend. Ihre unzähligen Ideen hat Ralf Butschkow fantasievoll in Bilder umgesetzt.

Das Buch eignet für Leser ab ca. acht Jahren, die die ersten Erstlesebücher hinter sich haben. Vorlesen kann man es bereits ab sechs.

Marliese Arold: Lisa und Finn auf Drachensuche. Klopp 2002
www.klopp-buecher.de

Jo Nesbø: Der Erlöser

Ein eiskalter Krimi

Der Erlöser ist der sechste Band der norwegischen Krimireihe um den Osloer Hauptkommissar Harry Hole. Man kann ihn, wie alle Bände der Reihe, aber auch unabhängig lesen.

Harry Hole arbeitet im Dezernat für Gewaltverbrechen. Sein Privatleben ist kompliziert, seine Achillesferse ist der ständige Kampf gegen seine Alkoholsucht. Menschlich ist er schwierig, ein Sturkopf, aber auch ein sympathischer Kerl.

Kurz vor Weihnachten wird bei einem Konzert der Heilsarmee ein junger „Soldat“ auf einem belebten Platz mitten in Oslo erschossen. Der Mörder ist der kroatische Auftragskiller Stankic, der sich während der Belagerung von Vukovar den Ehrentitel „der kleine Erlöser“ verdient hat. Seit dem Ende des Jugoslawienkriegs arbeitet der Auftragskiller und dieser Mord soll sein letzter sein. Perfekt geplant, klappt alles wie am Schnürchen, aber dann kann sein Flugzeug wegen eines Schneesturms nicht starten und er muss eine weitere Nacht in Oslo bleiben. Dabei erfährt er, dass er den Falschen umgebracht hat…

Der Erlöser ist ein selbst für skandinavische Verhältnisse  außergewöhnlich packender Krimi, bei dem einem die Osloer Kälte von -18 Grad buchstäblich unter die Haut kriecht. Die Verfolgungsjagd sowohl aus der Perspektive des Killers als auch aus der von Hole haben mir das Blut in den Adern gefrieren lassen. Besonders berührend ist außerdem Holes Ausflug nach Zagreb. Abgerundet wird der tolle Krimi durch einen fulminanten Schluss und einen schlüssigen Plot.

Jo Nesbø: Der Erlöser. List 2010
www.ullsteinbuchverlage.de

Jo Nesbø: Das fünfte Zeichen

Schlaflose Nächte garantiert

Im fünften Band der Reihe um den alkoholkranken Osloer Hauptkommissar Harry Hole ist dieser wieder einmal seiner Sucht erlegen. Er kann den Tod seiner Kollegin, die bei einem Einsatz ums Leben kam, nicht verwinden. Seine Anzeige gegen seinen smarten, ambitionierten Kollegen Tom Waaler, den er der Komplizenschaft mit der organisierten Kriminalität verdächtigt und den er für ihren Tod verantwortlich macht, stellt ihn ins Abseits. Zudem hat ihn seine Freundin verlassen. Seit vier Wochen befindet er sich im Dauerdelirium und nun kann ihm auch sein verständnisvoller Chef Bjarne Møller nicht mehr helfen. Harry Hole erhält seine Kündigung, aber vorher muss er wegen akutern Personalmangels in der Ferienzeit eben diesem verdächtigten Kollegen bei der Aufklärung des mysteriösen Mordes an einer jungen Frau helfen. Schnell verschwindet eine zweite Frau und es wird ein Muster erkennbar…

Das fünfte Zeichen ist ein typisch skandinavischer Krimi, durchweg spannend, glaubwürdig und atmosphärisch dicht. Jo Nesbø gelingt es, den Spannungsbogen durch gelegentliche Perspektivwechsel bis zuletzt aufrecht zu erhalten und die verschiedenen Handlungsstränge – Harrys private Probleme, seine internen Ermittlungen auf eigene Faust und die Serienmorde – gekonnt miteinander zu verknüpfen.

Jo Nesbø: Das fünfte Zeichen. List 2010
www.ullsteinbuchverlage.de

Jo Nesbø: Der Fledermausmann

Ein norwegischer Kommissar in Sydney

Der Fledermausmann ist der erste Band der Krimireihe um den Osloer Kommissar Harry Hole. Er ist 32 Jahre alt und Alkoholiker.

Die Besonderheit dieses ersten Bandes besteht darin, dass er in Australien spielt. Eine junge Norwegerin, Inger Holter, die in Sydney in einer Bar jobbte, wurde vergewaltigt und erwürgt. Harry Hole wird einem australischen Kollegen namens Andrew Kensington, einem Aboriginie, zugeteilt und freundet sich mit ihm an. Andrew zeigt ihm viel von Australien und erzählt ihm über die Geschichte, Kultur, Legenden und heutige Situation der Aboriginies und Harry erfährt, dass der „Fledermausmann“ ein Todessymbol in der Mythologie der Aborginies ist.

Bei dem Mord an Inger handelt es sich um den Teil einer Serie an blonden jungen Frauen. Unter Verdacht gerät Ingers letzter Freund, ein Dealer und ihr Vermieter und Vorgesetzter.

Andrew scheint bei der Ermittlung immer mehr zu trödeln – oder möchte er Harry etwas mitteilen? Als Harry ihn danach fragen möchte, begeht Andrew Selbstmord – oder ist es gar keiner?

Harry, der trockene Alkoholiker wird rückfällig, stürzt in Sydney total ab…

Diesen spannenden Krimi, der ab der Mitte richtig Fahrt aufnimmt,  kann ich allen empfehlen, die sich beim Krimilesen Zeit nehmen und von einem Krimi mehr erwarten, als nur die Ermittlung in einem Fall.

Jo Nesbø: Der Fledermausmann. List 2013
www.ullsteinbuchverlage.de