Stefan Hertmans: Der Aufgang

  Belgische Geschichtsstunde

 

Aus einem Impuls heraus erwirbt der Ich-Erzähler 1979 ein altes Patrizierhaus im Genter Altstadtviertel Patershol, einem Stadtteil, gegen dessen Abriss er in den 1960er-Jahren protestierte. Den heruntergekommenen Zustand nimmt er zur Kenntnis, doch halten Schimmel, Feuchtigkeit, Moder, ein vollgelaufener Keller und Ratten ihn nicht ab:

Das alles nahm ich mit Schrecken und mit Begeisterung wahr, denn etwas in mir ahnte bereits, dass ich dem Haus nicht würde widerstehen können. (S. 165)

Ein geschichtsträchtiges Haus
Erst nachdem er es 20 Jahre später wieder verkauft hat, beginnt er, sich intensiver mit einem der früheren Mieter auseinanderzusetzen, dem SS-Mann, Kollaborateur und Kriegsverbrecher Willem Verhulst, Vater seines ehemaligen Geschichtsprofessors. Fortan lässt ihn die Lebensgeschichte von Willem Verhulst und seiner Familie nicht mehr los. Er sucht dessen noch lebende Töchter auf, liest Gerichtsakten, Tagebücher und Lebenserinnerungen verschiedener Familienmitglieder und bereist wichtige Schauplätze aus deren Biografie. Der Aufgang ist daher mehr Dokumentation als Roman und spürbar das Ergebnis jahrelanger akribischer Recherchearbeit.

Äußerer Rahmen ist die Hausbegehung mit dem Verkäufer, dem Notar De Potter, dessen Vater nicht nur Verhulsts Vermieter, sondern auch sein Anwalt im Kriegsverbrecherprozess von 1947 war. So wird der Gang von unten nach oben durchs Haus zu einem Gang durch ein bewegtes Leben.

Vom Flaminganten zum SS-Spitzel
Willem Verhulst wurde 1898 bei Antwerpen als Sohn eines Diamantschleifers geboren. Der Verlust der Sehkraft auf einem Auge, der frühe Tod der Mutter und die Rivalität mit den franko-belgischen Bürgersöhnen begründeten seinen Minderwertigkeitskomplex, der ihn  anfällig für radikale Ideen machte. Sein Hass auf den belgischen Staat führte ihn in radikale proflämische Kreise, seine Sympathien für ein großgermanisches Reich unter deutscher Führung nach der Besetzung Belgiens zur SS. Als „Schreibtischtäter“, Spion und V-Mann schickte er eine unbekannte Anzahl von Juden, Widerständlern und Freimaurern in den Tod. Obwohl zunächst zum Tode verurteilt, saß er nach dem Krieg nur wenige Jahre in Haft, radikalisierte sich dort sogar noch und blieb bis zu seinem Tod 1975 unbelehrbar.

© B. Busch

Verhulst und seine Frauen
Nach dem frühen Tod seiner jüdischen Frau Elsa Meissner heiratete er die niederländische Großbauerntochter Harmina Wijers, genannt Mientje. Obwohl sie als streng gläubige Calvinistin und Pazifistin Willems politische Überzeugungen nicht teilte und unter dessen langjähriger Geliebter Greta Latomme, genannt Griet, litt, blieb sie ihm bis ihrem Tod 1968 verbunden. Anders als der Egozentriker, Blender und zum Jammern neigende Verhulst war Mientje warmherzig, gütig, zupackend und intelligent und sorgte aufopferungsvoll für die drei Kinder, die „mit der Bürde des Vaters auf den Schultern“ (S. 177) leben mussten.
Dritte Ehefrau wurde nach Mientjes Tod seine Geliebte Griet, eine Gesinnungsgenossin, die ihm die von Mientje versagte Bewunderung schenkte. Sie starb 2003 mit einem Hitler-Porträt an ihrer Wand, von belgischen Rechtsradikalen betrauert.

Empfehlenswert
Ich habe Der Aufgang gern gelesen als klar strukturiertes, sehr informatives Zeugnis über einen belgischen Nazi-Kollaborateur, inhaltlich vergleichbar mit Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger über einen ähnlichen Fall in Norwegen. Der Wechsel zwischen atmosphärischer Hausbeschreibung und nüchterner Biografie gefiel mir gut. Obwohl der knapp 380 Seiten starke Roman mit zahlreichen Schwarz-Weiß-Bildchen in Deutschland sicher nicht die gleiche Aufmerksamkeit bekommt wie in Belgien, halte ich das Thema für relevant und mit dem bis heute schwelenden flämisch-wallonischen Konflikt leider auch für aktuell.

Stefan Hertmans: Der Aufgang. Aus dem Niederländischen von Ira Wilhelm. Diogenes 2022
www.diogenes.ch

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