Stine Pilgaard: Meter pro Sekunde

  Im Käfig aus Kind und Wind

Von den drei Romanen der 1984 geborenen Dänin Stine Pilgaard schwärmen nicht nur die dänische Literaturkritik und Buchpreis-Jurys, sie sind auch beim heimischen Lesepublikum höchst beliebt. Ihr drittes Buch Meter pro Sekunde von 2020, das im Frühjahr 2022 als Spitzentitel im zweiten Programm des jungen Kanon Verlags auf Deutsch erscheint, war in ihrem Heimatland sogar der erfolgreichste Roman der letzten Jahre. Übersetzt hat ihn Hinrich Schmidt-Henkel, der hier die schwere Aufgabe hatte, einen sehr dänischen Text dem deutschen Publikum verständlich zu machen. Seine Hinweise hinten im Buch empfehle ich zum besseren Verständnis vorab zu lesen.

Auf dem Kriegspfad der Gespräche
Eine Ich-Erzählerin in den Dreißigern berichtet in Meter pro Sekunde über ihr Leben als junge Mutter nach dem Umzug von der Stadt ins ländliche, von Wind und Windrädern geprägte Westjütland, als „Anhang“ eines Literaturlehrers an der Heimvolkshochschule in Velling. In solchen Internatsschulen können junge Däninnen und Dänen nach ihrem Schulabschluss ein kostenpflichtiges Jahr verbringen, zur Orientierung und Sinnfindung, um Kurse in verschiedenen Fachrichtungen zu belegen und Kontakte zu knüpfen. Das Lehrpersonal lebt mit seinen Familien auf dem Schulgelände, Mahlzeiten werden gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülerinnen eingenommen und der „Anhang“ bestmöglich integriert.

Doch genau das fällt der Ich-Erzählerin schwer. Sie scheitert in diesem „Land der kurzen Sätze“ an den schweigsamen Einheimischen:

Hier draußen läuft so was einfach ein bisschen anders, sagt die Schulleiterin […]. Freundschaften entstehen aus Notwendigkeit, sie sind wie ein Straßengraben, wenn man pinkeln muss, ansonsten hält man an sich. (S. 193)

© B. Busch

Trotz des Konversationstrainings mit ihrem Partner und einem Journalisten gibt es auf ihrem „Kriegspfad der Gespräche“ immer wieder Rückschläge:

Es wirkt, als würden die anderen dichter zusammenrücken, während ich selbst weiter weggeschoben werde, über einen Rand hinaus auf einen Abgrund aus Einsamkeit zu. (S. 20)

 Ich fühle mich gefangen, sage ich, ich komme mir vor wie in einem Käfig aus Kind und Wind. (S. 198)

Ein Mix aus drei Textsorten
Zwischen Episoden über beispielsweise ihre einzige Freundin, die Tagesmutter, die Schuldirektorin und die unzähligen Fahrstunden sind Briefe aus der Kummerkastenecke der örtlichen Tageszeitung gestreut, in denen die Ich-Erzählerin als „Orakel“ endlich kreativ mit den Westjütländern in Kontakt kommt, sowie Songtexte, die sie in Anlehnung an ein in Dänemark sehr populäres Liederbuch für Heimvolkshochschulen auf bekannte Melodien zusammen mit einem anderen „Anhang“ verfasst.

Eine anstrengende Protagonistin
Dänische Kritiken loben besonders den Sprachwitz und die humoristischen Alltagsbeschreibungen im Roman. Stellenweise habe ich sie auch gefunden, vor allem in den Abschnitten voller Selbstironie über die Sucht junger Eltern, unablässig über ihre Kinder zu reden, die schlaflosen Nächte oder wenn das angesagte Kinderwagenmodell sich dem Zusammenklappen widersetzt. Allerdings fehlte mir das tiefere Verständnis für die Protagonistin, die endlos um sich selbst kreist. Sehr gut möglich, dass das Buch jüngere Frauen mehr begeistert. Mir wurden die Episoden jedenfalls zu redundant und der permante Zigarettenkonsum aller und überall passt für mich weder zum Milieu noch zum Land. Den dänischen Hype um Stine Pilgaards plotarmen Roman kann ich daher schwer nachvollziehen, obwohl mich einzelne Szenen, Sprachbilder, Charakterzeichnungen und Kummerkasten-Antworten durchaus amüsierten.

Haptisch ein Genuss
Herausragend ist die hochwertige Gestaltung innen und außen mit dem drei Viertel bedeckenden roten Schutzumschlag, unter dem sich die jütländische Landschaft versteckt.

Stine Pilgaard: Meter pro Sekunde. Aus dem Dänischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Kanon 2022
kanon-verlag.de

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