Thomas de Padova: Nonna

  Mehr als nur ein berührendes Porträt der italienischen Großmutter

Ab den 1960er-Jahren entwickelte sich Italien mehr und mehr zum Traum-Urlaubsziel vieler Deutscher, die nun in Scharen an den „Teutonengrill“ nach Rimini fuhren. Auch der 1965 in Neuwied geborene Physiker, Astronom, Wissenschaftsjournalist und Autor Thomas de Padova verbrachte die ersten fünfzehn Sommer seines Lebens Italien, allerdings aus ganz anderen Gründen: Sein Vater war italienischer Gastarbeiter aus Apulien. Es waren Besuche im vom unwegsamen Gargano-Gebirge umringten 6000-Seelen-Dorf Mattinata bei der um 1914 geboren Nonna, die ihm als Kind unheimlich erschien:

Meine Nonna trägt immer Schwarz. Seit ich denken kann. Wenn ich sie im Sommer in Süditalien besuche, habe ich kurzärmelige Hemden und Shorts, Badehose und Flip-Flops in meinem Koffer. In Mattinata, dem Geburtsort meines Vaters, erwarten mich Sonne, Meer und weiße Adriastrände. Und meine Nonna in schwarzer Kluft. […]
Sie kam mir wie ein Relikt aus der Vergangenheit vor, eine Frauenfigur, die mir unbekannte Zeiträume durchlebt hatte, eine Hüterin dunkler Erinnerungen. (S. 11 u. 12)

© B. Busch

Hüterin der Familiengeschichte
Erst als Student lernte Thomas de Padova Italienisch, später den aussterbenden Dialekt seiner Nonna, um ihr dadurch näher zu kommen. Nur sie als einzige Überlebende, die niemals eine Schule besuchte, Analphabetin war, alles in Schonbezüge packte und kaum aus dem Haus ging, konnte ihm von seinen Vorfahren erzählen. Behutsam, geduldig und mit viel Einfühlungsvermögen entlockte Thomas de Padova ihr angesichts des lauernden Todes lückenhafte Teile seiner Familiengeschichte.

Nonna ist deshalb auch sehr viel mehr als ein berührendes Bild einer alten Frau, die sich nie von den Traditionen entfernte, Mattinata nie verließ und die, hätte sie noch einmal wählen können, lieber ins Kloster gegangen wäre. Thomas de Padova erzählt von vier Generationen, von Auswanderung in die USA, später nach Deutschland, und manchmal Rückkehr, von Bleiben und Warten, von Entbehrungen und der Mühsal des Überlebens in einer der ärmsten Gemeinden Italiens, von familiären Schicksalsschlägen und der Ursache für die unglückliche Ehe der Großeltern und ganz nebenbei auch über sich selbst. Wenn er jedes Jahr die 1700 Kilometer zwischen Berlin und Mattinata zurücklegte – und auch heute, nach dem Tod der Nonna, noch dorthin reist –, so lag und liegt das weniger an der berauschend schönen Landschaft:

Denn nicht als Tourist komme ich hierher, sondern weil sich ein Teil meines Lebens um dieses Zentrum dreht, weil ich irgendwie dazugehören möchte zu diesem Dorf und seiner Geschichte, und sei es nur für die Dauer des Sommerurlaubs. (S. 128)

Ein bleibender Leseschatz
Die von Thomas de Padova eindringlich beschriebene entschleunigte Lebensweise in Mattinata hat sich beim Lesen auf mich übertragen. Ich habe mir sehr gerne von den Lebenswegen seiner italienischen Vorfahren erzählen lassen, bin hin- und hergesprungen zwischen Menschen, Orten und Zeiten, um immer wieder zur Nonna nach Mattinata zurückzukehren. Mit dem leisen, gänzlich unaufdringlichen Schreibstil und den vielen kleinen sprachlichen Perlen ist dieses entzückende, bereits 2018 erstmals erschienene und von mir leider erst jetzt entdeckte schmale Buch ein wahrer Leseschatz, weit über die eigentliche Familiengeschichte hinaus.

„Alles ist so gekommen, wie es kommen musste“, sagt sie irgendwann. „Wir haben alle unsere Bestimmung. Jeder von uns.“ (S. 172)

Thomas de Padova: Nonna. Insel 2020
www.suhrkamp.de

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