Yulia Marfutova: Der Himmel vor hundert Jahren

  Alte und neue Geister

In ein namenloses russisches Dorf an einem namenlosen Fluss dringen 1918 Neuigkeiten von außen nur spärlich. Weder weiß man vom Ende des Ersten Weltkriegs, noch ist die Kunde von der Oktoberrevolution angekommen. Doch bleibt auch hier die Zeit nicht stehen: Ilja, der weißbärtige, verrunzelte, halb blinde Dorfälteste, hat ein Röhrchen aus dem Fluss gefischt, dessen Quecksilbersäule ihm bei der Wetterprognose hilft. Seither zerfällt die Bewohnerschaft in zwei Teile: Die Iljianer vertrauen auf das Neue, die Pjotrianer auf den zweitältesten Pjotr, der lieber den Fluss und seine Geister befragt:

Das Röhrchen. Das kann einfach nicht gutgehen auf die Dauer. […] Nicht umsonst sagt man: Wo man den Geistern die Tür weist, da gehen sie nicht mehr hinein. (S. 20)

Inna Nikolajewna, Iljas Frau, misstraut den Röhrchenweisheiten ihres Mannes ebenfalls und hängt mehr ihrer ersten Liebe Pjotr und dem Aberglauben an. Als ihr ein Messer aus der Hand fällt, weiß sie es zu deuten:

Man weiß ja, was man so sagt: Fällt ein Messer herunter, kommt ein Mann ins Haus. Fällt ein Löffel, kommt eine Frau. Und fällt eine Gabel, kommt auch eine Frau, weil Löffel und Gabel feminin, Messer dagegen maskulin sind, jedenfalls an diesem Ufer des Flusses. (S. 16)

Bald kommt ein junger Mann barfuß und in schmutzig-schäbiger Uniform ins Dorf, aus dem sonst alle jungen Männer verschwunden sind. Sie lädt ihn ein in ihr altes Haus mit der niedrigen Decke, den kleinen Fenstern und dem leicht muffigen Geruch und er bleibt, genau beobachtet von der pfiffigen Annuschka, Enkelin von Inna und Ilja. Mit Wadik, wie er vielleicht heißt, kommen erstmals „Ideen“ ins Dorf und er veranlasst, dass die alte vertraute Ikone aus ihrer Ecke verbannt wird. Sogar Ilja taut auf, als er Wadiks Interesse für sein Röhrchen spürt:

Dieses hier, dieses Stück Glas und Quecksilber ist der Fortschritt, dem man dienen muss, weil er nicht aufzuhalten ist. (S. 65)

© B. Busch

Es bleibt nicht bei diesem einen Neuzugang und auch nicht bei der Zahl der unbegrabenen Toten, die Annuschka, die sich bald erwachsen Anna nennt, bei ihrer „Dorfinventur“ aufzählt. Während Pjotr wie vom Erdboden verschluckt ist, kommen die „Realitäten“ der Revolution, die Mitja-Realität und die Kostja-Realität, ins Dorf, hungrig und ebenso fordernd wie zuvor der ferne Gutsbesitzer und sein Gehilfe mit den sauberen Nägeln…

Einzigartiger Erzählstil
Die 1988 in Moskau geborene Yulia Marfutova, die in Deutschland Germanistik und Geschichte studierte und inzwischen in Boston lebt, war mit ihrem auf Deutsch verfassten Debüt 2021 auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Herausstechend ist die lebendige, spielerisch-poetische Sprache mit Anklängen an die russische Märchentradition. Die Personen sind mehr Typen als Figuren aus Fleisch und Blut: die Abergläubigen und die Fortschrittsgläubigen, die Verrückte, die junge Unschuld, der Steuereintreiber, der Kriegstraumatisierte, die Schwätzer und die Schweiger.

Diese absolut originelle Erzählstimme mit den Abschweifungen, Wiederholungen und Andeutungen ist es, die mir im Gedächtnis bleiben wird, noch mehr als die hohe Konzentration erfordernde, wie das Cover leicht verschwommene Handlung in einem russischen Provinzdorf an der Schwelle zur Neuzeit.

Yulia Marfutova: Der Himmel vor hundert Jahren. Rowohlt 2021
www.rowohlt.de

 

Weitere Rezensionen zu einem Roman auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2021:

  

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