Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann

 Zusammenhänge

Der Optiker in Mariana Lekys Roman Was man von hier aus sehen kann spielt mit der Ich-Erzählerin Luise und ihrem Freund Martin gern „Dinge zusammendenken, die nicht zusammengehören“. Die Kinder nennen ihm zwei Begriffe und er muss einen Zusammenhang zwischen ihnen herstellen.

Aber was haben…

  • … eine Großmutter namens Selma, die unendlich viele Mon Chéries isst und die immer, wenn sie von einem Okapi träumt, einen Todesfall im Dorf voraussieht,
  • … ein kleiner Junge, der Gewichtheber werden möchte,
  • … ein unglaublich tragischer Todesfall,
  • … ein instabiles Haus, in dem die Bewohner immer wieder durch die Decke brechen,
  • … ein Eiscafé, in dem die Becher Namen wie „Heimliche Liebe“ tragen,
  • … ein unberechenbarer Anrufbeantworter, der macht, was er will,
  • … eine über Jahrzehnte verschwiegene Liebe, von der doch jeder weiß,
  • … ein „Mitarbeiter des Monats“ in einem Ein-Mann-Betrieb,
  • … ein Mann, der einen Hochsitz ansägt, weil der dem Jäger nach dem Leben trachtet,
  • … ein Riesenhund namens Alaska, der steinalt wird und ein haariger, ausgelagerter Schmerz ist,
  • … eine Mutter, die 25 Jahre lang darüber nachdenkt, ob sie ihren Mann verlassen soll,
  • … ein Vater, der seine Praxis aufgibt und fortan nur noch durch die Welt reist, weil er meint, dass er nur in der Ferne wirklich wird,
  • … ein buddhistischer Mönch namens Frederik aus Hessen, der in einem japanischen Kloster lebt und cyanblaue Augen hat und
  • … ein Mädchen, das ihm über 700 Briefe schreibt

… gemeinsam? Richtig, sie alle spielen eine Rolle in diesem Roman.

Aber nicht nur die Handlung ist absolut außergewöhnlich, auch die Sprache und der Stil Marina Leky sind anders als alles, was ich bisher gelesen habe, und sogar die Erzählperspektive lässt sich kaum beschreiben, weil die Ich-Erzählerin allwissende Züge hat.

Während mir die Sprache, das warmherzige Verhältnis der Großmutter und des Optikers zur Ich-Erzählerin, die Beschäftung mit den Themen Tod, Liebe, Sinn des Lebens, Abschied und Wiederkehr und die Auswirkungen von Selmas Okapi-Träumen auf die Dorfgemeinschaft sehr gut gefallen haben, war mir die Handlung insgesamt doch leider zu skurril und es ist mir nicht ausreichend gelungen, mich fallen zu lassen, um den Roman durchgehend zu genießen.

Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann. DuMont 2017
www.dumont-buchverlag.de

Andreas Föhr: Der Prinzessinnenmörder

Keine Routineermittlung

Schon lange interessiere ich mich für die Tegernsee-Krimis von Andreas Föhr, Jurist, Drehbuch- und Buchautor, die mir immer wieder empfohlen wurden. Nun habe ich endlich den ersten Band der Reihe um Kommissar Clemens Wallner von der Kripo Miesbach und seinen uniformierten Kollegen, den Polizeiobermeister Leonhard Kreuthner, gelesen und bin wirklich begeistert. Der 2009 erschienene Serienauftakt Der Prinzessinnenmörder wurde 2010 mit dem renommierten Friedrich-Glauser-Preis für den besten Erstlingsroman ausgezeichnet, in meinen Augen völlig zurecht.

Der Fund einer mit einem goldenen Brokatgewand bekleideten Mädchenleiche im zugefrorenen Spitzingsee ausgerechnet durch Polizeiobermeister Kreuthner nach einer durchzechten Nacht versetzt Kommissar Wallner sofort in Alarmbereitschaft, denn die perverse Inszenierung lässt auf ein bewusst ausgewähltes Opfer, eine akribische Vorbereitung und ein Motiv jenseits des Üblichen schließen. Die Tat scheint eine Botschaft zu enthalten, aber was will der Täter, von der Presse schnell als „Prinzessinnenmörder“ tituliert, wem mitteilen? Und was hat es mit dem Teil eines Metallplättchens im Mund des Opfers auf sich, das wie ein Puzzleteil wirkt? Wallner befürchtet weitere Opfer und zum ersten Mal in seiner Laufbahn hat er Angst davor, einem Fall nicht gewachsen zu sein. Ganz anders als der eher nachdenkliche, ständig frierende Kommissar tritt der poltrige, volksnahe Kreuthner unterdessen in Gasthäusern auf, brüstet sich mit seiner Rolle in dem Fall, hält staatstragende Reden und prangert den „Mist“, den die Kripo seiner Ansicht nach macht, an. Trotzdem ist auch er auf seine ganz spezielle Art ein guter Polizist, zwar mit dem ein oder anderen Alleingang, aber mit Überraschungserfolgen nicht zuletzt aufgrund seiner überragenden Ortskenntnis und der Tatsache, dass er die Menschen im Kreis kennt.

Während die Polizei mühsam und unter einem ungeheuren Zeitdruck Stück für Stück das Puzzle zusammensetzt, erfährt der Leser in kurzen Einschüben von einem Unglück an einem weit zurückliegenden Faschingsdienstag und ist bei der Tätersuche spätestens ab der Mitte des Krimis deutlich im Vorteil, ohne dass dadurch Spannung verlorengeht. Ganz im Gegenteil steigt die Spannung bis zum Showdown am Ende sogar stetig an.

Dieser Krimi lebt eindeutig nicht nur vom Whodunit, sondern auch vom sorgfältig dosierten Lokalkolorit und von seinem urigen Personal. Wallners Großvater Manfred, bei dem er noch immer lebt und der mit seinen knapp 80 Jahren noch sehr viel für „saubere Madeln“ übrighat, auf indianische Potenzmittel schwört, sich um das Liebesleben seines Enkels sorgt und große Mengen steinharten Weihnachtsgebäcks für die Kripo herstellt, hat mir besonders gut gefallen, ebenso wie die beiden so gegensätzlichen Polizisten Wallner und Kreuthner und das ganze Team der Soko. Der sparsam verwendete Dialekt verleiht dem Krimi zusätzlichen Witz, ohne aufgesetzt zu wirken.

Kurzum ein Regionalkrimi ganz nach meinem Geschmack, sprachlich gut, spannend, raffiniert aufgebaut, leicht skurril, urig und mit einem derben Humor. Ich freue mich auf die weiteren Bände, die ich jetzt ganz sicher nachholen werde.

Andreas Föhr: Der Prinzessinnenmörder. Knaur 2011
www.droemer-knaur.de

Megumi Iwasa & Jörg Mühle: Viele Grüße, Deine Giraffe

Keine Spur mehr von Langeweile

Der Moritz Verlag gehört im Bereich Kinder- und Erstleserbücher schon lange zu meinen Favoriten und auch Viele Grüße, Deine Giraffe der japanischen Autorin Megumi Iwasa, liebevoll-witzig illustriert von Jörg Mühle, hebt sich aus der Masse der Neuerscheinungen in diesem Bereich deutlich ab. Völlig zurecht wurde es 2017 mit dem Leipziger Lesekompass der Stiftung Lesen und der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet.

Die Tage in der südafrikanischen Savanne können ganz schön langweilig sein, das finden jedenfalls Giraffe und Pelikan. Um sich die Zeit zu vertreiben, eröffnet Pelikan einen Postdienst und Giraffe schreibt den ersten Brief, Adressat: das erste Tier, dem Pelikan hinter dem Horizont begegnet. Natürlich soll hier nicht verraten werden, wer Giraffes ungleicher Brieffreund wird und was die beiden Tiere sich schreiben, aber ein Blick auf das Cover kann zumindest das erste Rätsel lösen, denn dort sieht man eben jenes Tier, das Jörg Mühle schon für Ulrich Hubs An der Arche um Acht so unverwechselbar gelungen ist. Verraten kann ich aber, dass es mir tierischen Spaß gemacht hat, die etwas krakeligen Briefe zu lesen und mitzuverfolgen, wie sich nicht nur Giraffes und Pelikans Leben völlig verändert.

Ein wunderschönes, fantasievolles, reich illustriertes Kinderbuch, das so richtig Lust aufs Lesen und aufs Briefeschreiben macht, zum Vorlesen ab fünf, zum Selberlesen dank der großen Schrift ab der zweiten Klasse für Jungs und Mädchen gleichermaßen.

Megumi Iwasa & Jörg Mühle: Viele Grüße, Deine Giraffe. Moritz 2017
www.moritzverlag.de

Zsuzsa Bánk: Der Schwimmer

Eine Geschichte über eine Kindheit ohne Mutter und ohne festes Zuhause

In den Wirren nach dem Aufstand in Ungarn verlässt Katalin im Spätherbst Ungarn und ihre Familie ohne ein Abschiedswort. Zurück bleiben die Ich-Erzählerin Kata, ihr kleiner Bruder Isti und Velencei Kálmán, der Vater, der von nun an immer wieder nicht ansprechbar ist, pausenlos raucht, zur Decke starrt, „taucht“, wie die Kinder es nennen. Die Mutter hat dem Vater nie widersprochen, sie ist einfach ohne Gepäck mit einer Freundin in einen Zug gestiegen und über einen wenig bewachten Grenzabschnitt in den Westen geflohen. Kálmán verkauft daraufhin Haus und Hof und lebt fortan mit den Kindern abwechselnd bei verschiedenen Verwandten in unterschiedlichen Landesteilen.

Zsuzsa Bánk erzählt in ihrem mehrfach preisgekrönten Debütroman Der Schwimmer aus dem Jahr 2002 von einer Kindheit ohne Mutter und ohne Zuhause. Immer wieder heißt es Abschied nehmen, alles zurücklassen, schnell vergessen werden, neue Verwandte, neue Bleibe auf Zeit und immer nur geduldet. Über den Kindern liegt wie eine Glocke eine nie nachlassende Sehnsucht nach der Mutter und Kata leidet sowohl unter der Angst, dass die Erinnerung verblassen könnte, als auch unter der Angst um ihren zunehmend psychisch auffälligen Bruder, die sich zuletzt als berechtigt erweist. Zum Vater bleibt eine große Distanz und die Kinder haben das Gefühl, lediglich „Zusätze“ zu sein, die er nicht abschütteln kann. Einzig das Schwimmen, das zu Istis großer Leidenschaft wird, bringt er ihnen bei.

Der Roman besteht aus 17 Kapiteln, die außer dem ersten („Wir“) alle mit den Namen der darin im Mittelpunkt stehenden Personen betitelt sind. Erst das letzte, kürzeste, trägt den Namen der Ich-Erzählerin, Kata, die Ende der 1960er-Jahre erwachsen geworden ist und nun auch mehr von den politischen Zusammenhängen begreift. Sie hat die Belastungen besser überstanden als Isti und Kálmán, weil sie davon erzählen konnte.

Die Besonderheit an Zsuzsa Bánks Roman besteht in der ruhigen, melancholischen Sprache mit dem ganz eigenen Rhythmus, die die Atmosphäre der Orientierungslosigkeit und der Erstarrung sehr gut unterstreicht. Gleichzeitig hat diese Sprache aber auch ein Gefühl von Depression bei mir hervorgerufen, so dass ich zwischen Faszination und dem Wunsch, das Buch aus der Hand zu legen, hin- und hergerissen war. Ersteres hat aber zum Glück gesiegt.

Zsuzsa Bánk: Der Schwimmer. Fischer 2016
www.fischerverlage.de

Mara Ferr: Ponts de Paris

In den Fängen eines Teufels

Ein Kräftemessen zweier völlig ungleicher Protagonisten steht im Mittelpunkt von Mara Ferrs Ponts de Paris. Marie Croix, Mitte 50, Witwe eines Schönheitschirurgen mit exquisiter Klinik in St. Tropez, hat nach dessen Tod nur Schulden und Regressforderungen geerbt und gehört deshalb seit acht Jahren zum Heer der Obdachlosen von Paris. Monsieur Mondieu dagegen, der sie eines Tages auffordert, für ihn in seinem Edelbordell tageweise unter maliziös ausgeklügelten Bedingungen als Hausdame zu arbeiten, nicht ohne dies mit einer kapitalen Drohung zu verbinden, herrscht über ein Imperium von Zwangsprostituierten beiderlei Geschlechts und jeden(!) Alters und bietet die Dienste seines für alle Wünsche offenen Etablissements zahlungskräftiger, oft prominenter Kundschaft an. Einen Ausweg scheint es für Marie nicht zu geben und so unterwirft sie sich zunächst wohl oder übel seinen diabolischen Bedingungen…

Gut gefallen an dieser Geschichte hat mir, wie Marie ihren Alltag als Obdachlose strukturiert, indem sie nach einem ausgeklügelten Plan jeden Tag zu einer anderen Brücke wandert. Ebenso interessant fand ich ihre Überlebensstrategie als Zwangsangestellte von Mondieu, mit der sie es schafft, die ihr zur Beobachtung gegebenen Monitor in ihrer Wahrnehmung auf unscharf zu stellen, um die Bilder ertragen zu können, während sie gleichzeitig ihrem Lebenstraum von einem halb verfallenen Häuschen im Languedoc-Roussillon nachhängt. Möglich wird diese Strategie durch zwei Stimmen in ihrem Unterbewusstsein, die ihr kritische Situationen melden und auch sonst hilfreich zur Seite stehen. Auch die Selbstbeherrschung und Geduld, mit der sie an ihrem Befreiungsplan arbeitet und dabei die Stimmen immer weniger braucht, habe ich bei der Lektüre bewundert.

Für mich ist Ponts de Paris eher ein psychologischer Roman oder ein Psychothriller als ein Krimi, aber das ist sicher nicht der Grund, warum ich mich insgesamt nur bedingt mit diesem Buch anfreunden konnte. Was mich durchgängig gestört hat, waren einerseits die Unglaubwürdigkeit – weshalb ich sogar lange überzeugt war, dass sich alles als ein Alptraum entpuppen würde – und andererseits die Eindimensionalität der Charaktere. Ein ehemaliges Mitglied der High Society, das unverschuldet so tief sinkt, dass es Kindern die Wasserflasche entreißen muss, um nicht zu verdursten, und ein Bordellbetreiber, der einen geheimen Hochsicherheitstrakt und ein ganzes Imperium völlig alleine regiert, seine „Angestellten“ auf Schritt und Tritt überwachen und gegebenenfalls liquidieren lässt und dessen Aktionsradius bis in die Niederlande reicht, das war mir einfach zu übertrieben. Auch die Polarisierung zwischen Gut (Marie) und Böse (Mondieu) war mir zu extrem und klischeehaft, weswegen ich nie die nötige Empathie für Marie aufbringen konnte. Wen das aber nicht stört, der kann mit dem flüssig zu lesenden Buch bestimmt ein paar unterhaltsame Stunden verbringen.

Mara Ferr: Ponts de Paris. emons 2014
www.emons-verlag.de

Robert Seethaler: Der Trafikant

Es liegt was in der Luft

Nach dem Tod des wohlhabenden Geliebten der Mutter kommt der 17-jährige Franz Huchel im Jahr 1937 vom Salzkammergut nach Wien, um als Lehrling des kriegsversehrten Otto Trsnjek den Umgang mit Zeitungen, Schreib- und Rauchwaren in dessen Trafik, einem kleinen Laden, zu erlernen. „Es liegt was in der Luft“ gibt die Mutter ihrem verhätschelten, unbedarften Sohn, der mit seinen zarten, weißen Händen nicht für Waldarbeit oder Arbeit auf dem See taugt, mit auf den Weg. Tatsächlich kurbeln die schlechten Nachrichten zwar den Zeitungsverkauf an, aber die negativen Auswirkungen des „Anschlusses“ von Österreich ans Deutsche Reich machen auch vor der kleinen Trafik nicht Halt, und so wird aus dem Lehrling schnell der Geschäftsführer.

Vor dem Hintergrund der gewaltigen Umbrüche in Österreich 1937/38 begleitet der Roman Franz Huchel etwa ein Jahr lang auf seinem Weg zum Erwachsenenwerden. Mit der Zeitungslektüre erwacht in ihm, der zwar naiv, aber keinesfalls dumm ist, allmählich ein Bewusstsein für die Vorgänge um ihn herum, und dass er sich nicht von der Propaganda der Nazis verführen lässt, liegt an seinem aufrechten Wesen, seinem Sinn für Gerechtigkeit, dem Einfluss seiner Mutter und seines lebensklugen, wohlwollenden Lehrherrn und seiner Freundschaft zum über achtzigjährigen Sigmund Freud, einem Stammkunden der Trafik. Ihm, dem bis ins Salzkammergut berühmten „Deppendokor“, schüttet Franz sein Herz in Liebesdingen und sein Auf und Ab mit der böhmischen Varietékünstlerin Anezka aus, nur um zu erfahren, dass auch der große Psychoanalytiker keine Patentrezepte für den Umgang mit Frauen hat. Zwar sträubt sich Freud zunächst gegen Franz‘ hartnäckige Zudringlichkeit, aber die mitgebrachten Zigarren und die entwaffnende Ehrlichkeit des Jungen lassen ihn schließlich doch nicht kalt, und so führen die beiden so manches aufschlussreiche Gespräch, bevor der alte Freud 1938 ins Exil nach London aufbrechen muss.

Noch besser als die Gespräche mit Freud und die Traumzettel, die Franz jeden Morgen an die Auslagenfenster der Trafik heftet, haben mir die Briefe und Karten von Mutter und Sohn gefallen. Die Art und Weise, wie die Mutter aus jeder Andeutung des Sohnes die richtigen Schlüsse zieht und klug reagiert, zeugen von einer tiefen Verbundenheit, ebenso wie die Tatsache, dass Franz schlechte Nachrichten zum Schutz der Mutter liebevoll entschärft.

Obwohl ich früh gefürchtet habe, dass ein Roman vor dieser üblen zeitgeschichtlichen Kulisse nicht gut enden kann, habe ich doch bis zum Schluss darauf gehofft, denn Franz ist mir im Laufe der Geschichte immer mehr ans Herz gewachsen.

Robert Seethaler, 1966 in Wien geborener Roman- und Drehbuchautor sowie Schauspieler, erzählt die erstmals 2012 erschienene, tragische Geschichte vom Erwachsenwerden seines Protagonisten mit leichtem Ton und viel Zuneigung, dabei aber durchaus mit einer Portion Ironie. Der Verlag Kein & Aber hat daraus ein sehr schönes Taschenbuch mit blauem Schnitt, schlichtem Cover und klarem Druckbild gemacht.

Robert Seethaler: Der Trafikant. Kein & Aber 2016
keinundaber.ch

Lisa-Marie Dickreiter: Vom Atmen unter Wasser

Wenn die Zeit die Wunden nicht heilt

Vor einigen Monaten habe ich Justins Heimkehr des US-Amerikaners Bret Anthony Johnston gelesen, in dem ein entführter Elfjähriger nach vier Jahren plötzlich wieder auftaucht. Im Mittelpunkt steht dabei nicht die kriminelle Tat, sondern das Innenleben der Familie vor und nach seiner Heimkehr.

Im Debütroman der 1978 geborenen Autorin Lisa-Marie Dickreiter Vom Atmen unter Wasser gibt es keine glückliche Heimkehr, jedoch weist die gewählte Perspektive trotz aller Unterschiede gewisse Parallelen auf. Die 16-jährige Tochter Sarah der Freiburger Familie Bergmann ist vor einem knappen Jahr auf dem Nachhauseweg von einer Party ermordet worden, zurück bleiben die Eltern Anne und Jo und der ältere Bruder Simon, die in ihrer Trauer jedoch nicht zueinander finden, sondern sich immer mehr voneinander entfernen. Nach diesem ersten Jahr begeht Anne einen erfolglosen Suizidversuch, denn die wohlmeinenden Versprechungen „Die Zeit heilt alle Wunden“,  „Die Zeit wird euch helfen“ oder „Die Zeit arbeitet für euch“ sind nicht eingetreten. Sie kann nicht mehr in ihrem Beruf als Krankenschwester arbeiten aus Angst, „dass eines Tages ein Mädchen kommt, das überlebt“, joggt bis zur Erschöpfung, bricht trotz ihrer Instabilität eine Therapie ab und schläft im Bett der Tochter. Sei leidet darunter, dass Sarah jeden Tag mehr aus ihrem Leben verschwindet und beschuldigt Jo und Simon, ihr Sarah wegnehmen zu wollen. Selbstvorwürfe quälen sie, weil sie zunächst kein zweites Kind wollte: „Ich habe sie nicht genug gewollt. Deswegen ist sie mir weggenommen worden.“ Ihre Recherchen über die letzten Stunden im Leben ihrer Tochter werden zur Obsession. Gleichzeitig beschuldigt sie ihren Mann, einen Sozialarbeiter, der ihr weniger unter dem Verlust zu leiden scheint: „Dir ist doch alles egal! Du lebst dein schieß Leben weiter, als wäre nichts passiert!“, doch auch Jo leidet auf seine Weise. Im Gegensatz zu seiner Frau versucht er, mit Aktionismus über die Trauer hinwegzukommen: „Anne, das Leben geht weiter! Und die Müllabfuhr kommt morgen trotzdem, ob’s uns nun passt oder nicht.“ Er hat nicht nur seine Tochter, sondern auch seine Frau verloren. Simon dagegen, der Medizinstudent, der in der Familie immer nur zweite Wahl hinter Sarah war, zieht auf Wunsch des Vaters nach Annes Selbstmordversuch wieder zuhause ein, um die Mutter unter Kontrolle zu haben. Auch er kämpft mit seinen Dämonen, denn er stand Sarah nicht besonders nah und ist überzeugt: „Wenn Sarah noch am Leben wäre und ich tot, dann hätte sie nicht versucht, sich umzubringen.“

Vom Atmen unter Wasser war für mich nicht nur wegen des für Eltern fast unerträglichen Themas, sondern auch wegen des emotional schwer auszuhaltenden, sehr intensiven und beklemmenden Stils eine Herausforderung. Die Erzählweise im Präsens unterstreicht den nicht nachlassenden Schmerz und die grenzenlose Einsamkeit der drei übriggebliebenen Familienmitglieder nachdrücklich, die kurzen Sätze vermitteln eine Form von Atemlosigkeit. Abwechselnd erzählt Lisa-Marie Dickreiter in personaler Form über die drei Protagonisten, wobei jeweils der Name als Kapitelüberschrift dient.

Als Außenstehende hätte ich erwartet und mir natürlich auch gewünscht, dass Anne, Jo und Simon in dieser schwierigen Situation anders miteinander umgehen, zueinander finden, sich gegenseitig stützen und Trost spenden können, doch leider ist das Gegenteil hier der Fall. Langsam und zunächst widerstrebend habe ich mich im Laufe der Geschichte mit dem Gedanken angefreundet, dass getrennte Wege manchmal die bessere Alternative sind. Denn erst dadurch kommt am Ende doch noch so etwas wie Hoffnung auf eine vielleicht wieder freiere Atmung auf.

Nicht besonders angenehm zu lesen finde ich die Taschenbuchausgabe des Verlags Bloomsbury, die sich der Lektüre förmlich zu widersetzen scheint und entweder brutal „aufgebrochen“ oder mit zwei Händen gelesen werden muss.

Lisa-Marie Dickreiter: Vom Atmen unter Wasser. Bloomsbury Verlag 2012
www.piper.de/berlin-verlag

Marguerite Yourcenar: Chenonceaux – Schloß der Frauen

Glanzvolle, traurige und intrigante Schicksale

Chenonceaux – Schloß der Frauen der französischen Historikerin und Literaturwissenschaftlerin Marguerite Yourcenar (1903 – 1987) erschien ursprünglich 1978 in einem Essayband unter dem Titel Ah, mon beau château und setzt dem traumhaften Wasserschloss mit seiner berühmten Brückengalerie über den Cher und den Frauen, die hier als Bauherrinnen wirkten und darin lebten, ein bezauberndes Andenken. Ich weiß allerdings nicht, warum Marguerite Yourcenar konsequent „Chenonceaux“ schreibt, laut meinen Quellen verfügt nur der Ort über ein „x“ am Ende, das Schloss dagegen heißt „Chenonceau“.

Zunächst in bürgerlichem, dann in königlichem Besitz, ist der Name Chenonceau vor allem verbunden mit der Maitresse Heinrichs II., Diane de Poitiers (1499 oder 1500 – 1566), von dessen Ehefrau Katharina von Medici (1519 -1589), die das Schloss nach dem Tod ihres Mannes zurückforderte und zeitweise mit ihren Kindern dort lebte, von Katharinas Schwiegertochter Louise de Lorraine (1553 – 1601), der Frau von Heinrich III., die dort viele Jahre um ihren ermordeten Mann trauerte, und schließlich der Maitresse Heinrichs IV., Gabrielle d’Estrée (um 1570 – 1599), die ebenfalls ein Auge auf das Schloss geworfen hatte, jedoch starb, bevor sie dort einziehen konnte.

Marguerite Yourcenar erzählt ihre Lebensgeschichten und ihren Einfluss auf Schloss Chenonceau ebenso unterhaltsam wie fundiert, so dass ich gerne mehr gelesen hätte. Allerdings sollte man ein wenig Grundwissen in französischer Geschichte mitbringen, denn Ereignisse wie z. B. die Bartholomäusnacht werden als bekannt vorausgesetzt. Ein wenig schade fand ich, dass das Buch mit dem Wiedereinzug des Bürgertums im 18. Jahrhundert und den Besuchen von Jean-Jacques Rousseau 1747, George Sand 1845 und Gustave Flaubert 1847 bereits endet, denn auch die Zeit als Lazarett im Ersten Weltkrieg und als Fluchtweg vom deutsch besetzten ins freie Frankreich wären es wert gewesen, erzählt zu werden.

Chenonceau ist heute das nach Versailles am häufigsten besuchte Schloss Frankreichs und die früher gerühmte Stille ist dort leider kaum noch anzutreffen. Trotzdem ging es mir bei meinen Besuchen wie wohl fast jedem Touristen: der Anmut und dem Charme dieses Bauwerks kann man sich schwerlich entziehen. Als vor- oder nachbereitende Lektüre oder als kleinen Ausflug in die französische Geschichte kann ich dieses Büchlein wärmstens empfehlen.

Marguerite Yourcenar: Chenonceaux – Schloß der Frauen. Hanser 1993
www.hanser.de

Sabine Städing & Sabine Büchner: Petronella Apfelmus – Überraschungsfest für Lucius

Wie gut, wenn man solche Freunde hat!

Lucius, Hirschkäfer und bester Freund der Apfelhexe Petronella Apfelmus, die in ihrem Apfelhaus im Garten der alten Mühle wohnt, hat Geburtstag und Petronella möchte eine Geburtstags-Überraschungsparty mit allen Freunden und Geschwistern für ihn ausrichten. Doch bevor das wunderbare Fest am Ende des Mühlteichs mit runzligen Nussweibchen, moosgrünen Waldkobloden, Gartenzwergen, Rennschnecken, Apfelmännchen, Hirschkäfern und den kleingezauberten Zwillingen Lea und Luis losgehen kann, bringt Petronella sich mit einer Unachtsamkeit beim Hexen in eine verzwickte Lage. Ein Glück, dass Lea und Luis so clever sind und bereits lesen können!

Das Erstleserbuch Petronella Apfelmus – Überraschungsfest für Lucius für Kinder ab Klasse zwei zum Selberlesen und vorher bereits zum Vorlesen hat mich mit der großen Fibelschrift, den kurzen Sätzen und überschaubaren Kapiteln, dem durchaus teilweise fordernden Vokabular, der kindgerechten, sehr fantasievollen Handlung, dem Detailreichtum und den vielen freundlichen Illustrationen von Sabine Büchner, die den Text optimal unterstützen, voll überzeugt und ich kann es wärmstens empfehlen.

Als Buchhändlerin hat mich darüber hinaus der Hinweis des Boje Verlags zur Buchpreisbindung in Deutschland vorn im Buch sehr gefreut, da leider erstaunlich vielen Kunden diese gesetzliche Regelung unbekannt ist.

Sabine Städing & Sabine Büchner: Petronella Apfelmus – Überraschungsfest für Lucius. Boje 2017
www.luebbe.de/boje

Alexi Zentner: Die Hummerkönige

Die Könige von Loosewood Island

Fast wie Könige herrschen die Mitglieder der Familie Kings über die fiktive 2000-Einwohnerinsel Loosewood Island vor der Küste von Nova Scotia, Kanada, und Maine, USA. Schon immer gab es Grenzstreitigkeiten und die Insel ist inzwischen eine Art Niemandsland, von dem ich nicht weiß, ob es so etwas tatsächlich gibt. Erster ständiger Bewohner war vor etwa 300 Jahren Brumfitt Kings, ein Hummerfischer und bis heute berühmter Maler, der ein wertvolles Werk und bei Kunstwissenschaftlern gegehrte Tagebücher hinterlassen hat. Ihm und der rauen, ursprünglichen Natur sind die Touristen zu verdanken. Viele Legenden ranken sich um Brumfitt Kings Leben, vor allem die um seine Frau, die ein Geschenk des Meeres gewesen sein soll, die den Reichtum des Meeres als Mitgift in die Ehe gebracht hat, für den allerdings bis heute jeweils der älteste Sohn jeder Generation als Tribut gezahlt werden muss.

Ich-Erzählerin des Romans von Alexi Zentner, der sowohl die kanadische als auch die US-Staatsbürgerschaft besitzt, ist die älteste Tochter Cordelia des derzeit amtierenden heimlichen Inselkönigs Woodbury Kings, genannt Woody, die durch den Unfalltod des einzigen männlichen „Thronfolgers“ seine natürliche Nachfolgerin geworden ist. Wie auch ihr Vater konnte sich nie vorstellen, die Insel endgültig zu verlassen oder etwas anderes als Hummerfischerin zu werden, ein zunächst aussichtslos erscheinender Traum, den sie sich dennoch als erste Frau erfüllt hat.

Nicht nur mit der Urkraft des Meeres und der Unbill des Wetters haben es die Hummerfischer von Loosewood Island zu tun, auch der Kampf gegen die zahlenmäßig überlegene Konkurrenz aus James Harbor, die immer wieder ihre Hummerkörbe in den traditionellen Fanggebieten der Insulaner ausbringt, macht den Fischern zu schaffen. „Es gibt das Gesetz, und es gibt unsere Gesetze“ ist das Credo von Woody Kings, und so werden dem unliebsamen Gegner, der darüber hinaus sein Geld mit Drogenschmuggel verdient, schon mal die Körbe versenkt, wird gebrandschatzt und körperliche Gewalt ausgeübt, mit den Fäusten oder mit Waffen.

Nachdem mir der Beginn des Romans gut gefallen hat, ich die eingeschobenen Werkbeschreibungen von Brumfitts Inselbildern und die Legenden um ihn und seine Frau zunächst interessant fand, genauso wie die Naturbeschreibungen und die Schilderungen des harten Lebens der Hummerfischer, konnte mich die Familiengeschichte der Kings ab Cordelias Erwachsenwerden immer weniger überzeugen. Die eingeflochtenen Liebesgeschichten, die teilweise archaisch anmutende Gesellschaftsstruktur, die brutale Selbstjustiz, die Rivalität zwischen Cordelia und ihren Schwestern um die Gunst des Vaters, der überzogene Showdown und schließlich auch die zu stark in den Vordergrund drängende Familienlegende haben mich beim Lesen zunehmend genervt. Schade, denn bei einem so interessanten Stoff wäre in meinen Augen deutlich mehr möglich gewesen.

Alexi Zentner: Die Hummerkönige. btb 2017
www.randomhouse.de