Camilla Grebe & Åsa Träff: Durch Feuer und Wasser

„Dieser ganze Fall… ich weiß nicht, da scheint es nur Opfer zu geben.“

Der Krimireihe des schwedischen Schwesternduos Camilla Grebe und Åsa Träff bleibe ich treu, seit mich 2011 der erste Band Die Therapeutin restlos begeistert hat. Bei jedem neuen Buch mit der sympathischen Psychologin Siri Bergman ist Verlass auf solide Spannung, eine durchdachte Handlung, sorgfältig ausgearbeitete Charaktere und gute Unterhaltung.

Im Mittelpunkt dieses fünften Bandes, den man auch unabhängig lesen kann, stehen Pflegekinder. Zum einen wird der Leidensweg eines Jungen durch Pflegefamilien und eine Wohngruppe verfolgt, der 1985 als Siebenjähriger unabsichtlich den Tod seiner Eltern und seiner kleinen Schwester verursacht hat. Zum anderen geht es im aktuellen Fall um die Entführung zweier Pflegekinder aus ihren Pflegefamilien, der neunjährige Nova-Li und ihres sechsjährigen Bruder Liam. Wer wusste außer der drogensüchtigen, psychisch kranken, aggressiven leiblichen Mutter und deren zwielichtigem Freund, wo die Kinder lebten? Wer postet Fotos der Kinder im Netz? Was haben die beiden verschwundenen Frauen mit dem Fall zu tun, die ebenfalls auf den Fotos zu sehen sind?

Siri Bergman, Mitglied in einer Täterprofilgruppe der Kripo Stockholm und inzwischen eigentlich schon ein wenig abgehärtet, trifft dieser Fall bis ins Mark, denn ihr eigener Sohn ist genauso alt wie Liam. Belastend ist außerdem ihre schwere Ehekrise, ausgelöst durch ihren Seitensprung mit einem Kollegen, und das nach einem Vertrauensbruch gestörte Verhältnis zu ihrer ehemals besten Freundin Aina.

Der Reiz dieser typisch skandinavischen Krimireihe liegt für mich einerseits darin, dass die Fälle psychologisch immer sehr interessant sind und die Ermittlungsarbeit im Team detailliert beschreiben wird. Andererseits verfolge ich auch gerne das bewegte Privatleben der Protagonistin, das einen guten Ausgleich zu Verbrechen und Gewalt bietet und mir immer wieder Gelegenheit zum Durchatmen gibt. Allerdings war der Kriminalfall dieses Mal eindeutig der stärkere Teil des Buches, die Wendungen im Privaten schienen mir etwas zu abrupt. Gefallen hat mir, dass dieser Krimi für skandinavische Verhältnisse mit erstaunlich wenig Blut auskommt, die psychische Gewalt wiegt dagegen umso schwerer. Die kurzen Kapitel mit den Schauplatz- und Zeitwechseln drücken aufs Tempo und steigern die Spannung, die Sprache ist eher einfach, aber angenehm zu lesen. Dass sich spätestens mit Beginn des letzten Drittels die Auflösung allmählich abzeichnet, hat mein Lesevergnügen nicht getrübt.

Ich freue mich jetzt schon auf den sechsten Band der Reihe, wenn die großen Veränderungen in Siri Bergmans Leben Wirklichkeit werden.

Camilla Grebe & Åsa Träff: Durch Feuer und Wasser. btb 2019
www.randomhouse.de

Lars Mytting: Die Glocke im See

  Auftakt zu einer stimmungsvollen norwegischen Familientrilogie

Die titelgebende Glocke dieses ersten Bandes einer norwegischen Familientrilogie ist Teil eines sagenumwobenen Glockenpaars. Einst hat sie ein Bauer aus dem Gudbrandsdal im Andenken an seine beiden jung verstorbenen siamesischen Zwillingstöchter, zwei Meisterinnen der Teppichwebkunst, gießen lassen. Weil er das gesamte Silber seines Hekne-Hofs dafür mit eingeschmolzen hat, werden diesen „Schwesterglocken“ übernatürliche Kräfte nachgesagt: Sie läuten bei drohendem Unheil von alleine.

Astrid Hekne ist eine Nachfahrin dieser Schwestern und lebt auf diesem durch den Verlust des Familiensilbers verarmten Hof. 1880 ist sie 20 Jahre alt, eine rastlose, wissensdurstige junge Frau mit einem ausgeprägten eigenen Willen, die bereits zwei Bewerber abgewiesen hat. Sie möchte nicht das übliche Schicksal der Frauen im Gudbrandsdal teilen: Kinder gebären und sich zu Tode schuften. Etwas verändern in diesem unzugänglichen, rückständigen Tal möchte auch der neue junge Pfarrer Kai Schweigaard. Niemand soll mehr – wie gerade geschehen – in der viel zu kleinen Kirche erfrieren, deshalb möchte er statt der alten Stabkirche eine moderne, größere und komfortablere Kirche bauen. Das alte Gebäude soll abgebaut und nach dem Willen der sächsischen Königin Carola in Dresden neu errichtet werden, Kirche und Glocken sollen den Neubau finanzieren helfen. Dazu schickt man aus Sachsen den jungen Architekturstudenten Gerhard Schönauer nach Norwegen, der die alte Kirche zeichnen und das Unternehmen begleiten soll. Unvorstellbar für Astrid, dass Butangen die Schwesterglocken, die seit Jahrhunderten zum Dorf gehören, verlieren soll. Während Astrid sich für den Verbleib der Glocken einsetzt, kämpfen die beiden Männer um ihre Gunst.

Der 1968 im Gudbrandsdal geborene Lars Mytting hat diesen historischen Roman so kunstvoll gewebt wie die legendären Hekne-Schwestern ihre unvergleichlichen Teppiche. Sehr stark sind die Passagen, in denen das entbehrungsreiche Leben der Menschen und die Natur beschrieben werden, aber auch die Mystik, die ich sonst nicht so schätze, passt wunderbar in diesen ebenso poetischen wie höchst melancholischen Roman. Ausgesprochen interessant sind die Passagen über die Architektur der Stabkirchen und die Frage, was schwerer wiegt: Denkmalschutz oder das Streben nach Fortschritt und Lebensqualität. Stellenweise wurde es mir aber zu gefühlvoll und die Dreiecksgeschichte zwischen Astrid, Kai und Gerhard hätte für meinen Geschmack gerne etwas weniger Raum einnehmen dürfen.

Ich habe mir diesen Roman von Beate Rysopp ungekürzt auf zwei MP3 CDs in knapp 14 Stunden vorlesen lassen und habe mich dabei sehr gut unterhalten. Lediglich ein Booklet habe ich vermisst. Der Sprecherin mit ihrer warmen, angenehmen Stimme und einer guten Intonation ist es zu verdanken, dass es an einigen Stellen nicht zu rührselig wird, die Mystik hebt sie dagegen hervor.

Für mich war Die Glocke im See ein gelungener Auftakt zu einem literarischen Norwegen-Jahr, das auf der Frankfurter Buchmesse 2019 seinen Höhepunkt finden wird. Ich freue mich auf die weiteren Bände dieser Trilogie, denn selbstverständlich will ich wissen, wie es der nächsten Generation und den Schwesterglocken weiter ergeht.

Lars Mytting: Die Glocke im See / Gelesen von Beate Rysopp. steinbach sprechende bücher 2019
www.sprechendebuecher.de

Anna Böhm & Susanne Göhlich: Emmi & Einschwein – Ganz vorn mit Horn!

  Hornlinge unter sich

Juhu, das Einschwein ist zurück mit dem inzwischen dritten Band der Reihe Emmi & Einschwein. Jeder Band kann unabhängig gelesen oder vorgelesen werden, trotzdem empfiehlt sich in meinen Augen die Lektüre aller Teile in der richtigen Reihenfolge. Wer mit Einhorn kann jeder beginnt, erfährt, wie Emmi als Fabeltier zum zehnten Geburtstag nicht etwa das heiß ersehnte Einhorn, sondern ein Einschwein bekommt, ein Schwein mit Horn, mit dem sie lebenslang durch ein Fabelband verbunden bleibt. Nach dem ersten Schock erkennt sie schnell, dass ihr keckes, liebenswertes Fabeltier ein wahrer Hauptgewinn ist. Im zweiten Band, Im Herzen ein Held, müssen die beiden dann ihrer Freundin Antonia bei der Rettung ihres Fabeltiers helfen und geraten dabei in ein spannendes, nicht ungefährliches Abenteuer. Im neuesten Band nun, Ganz vorn mit Horn, hat Emmi es satt, dass Einschwein mit seinem Horn immer nur Chaos zaubert, sobald es niesen muss. Da kommt die Nachricht über ein echtes Einhorn in Wichtelstadt gerade recht, denn von ihm erhofft Emmi sich Nachhilfestunden für ihr Chaos-Schwein. Doch sie ist nicht allein auf der Suche nach dem Einhorn, alle sind hinter diesem besonderen Tier her. Vor allem Miri März, die Besitzerin der Wichtelstädter Brausewerke, schreckt vor nichts zurück, um das Einhorn unter Vertrag zu bekommen. Und so gibt es statt Unterricht eine Einhorn-Rettungsaktion, bei der sich prompt zeigt, was Einschwein alles kann…

Anna Böhm erzählt auch dieses Mal wieder eine spannende, witzige Geschichte mit tollen Charakteren, allen voran natürlich Einschwein, das immer seinem Herzen folgt. Wie nebenbei zeigt sie anhand des schüchternen Einhorns die Schattenseiten des Promilebens und die Bürde der falschen Erwartungen. Umwerfend komisch ist wieder einmal die Szene am Esstisch von Emmis Familie mit den Geschwistern und diversen Fabeltieren. Neu kennengelernt und sofort ins Herz geschlossen habe ich die patente Wisch- und Waschbärin Herta, daneben gibt es ein Wiedersehen mit vielen alten Bekannten. Wie immer stammen die kleinen, ausdrucksstarken Schwarz-Weiß-Zeichnungen von Susanne Göhlich und auch hier habe ich einen Favoriten: Einschwein im Ballettröckchen über der Latzhose mit Wollfadenmähne und einem zweifelnden Gesichtsausdruck.

Die Bände der Reihe Emmi & Einschwein sind ideales Vorlesefutter für Kinder ab sechs Jahren und Lesefutter ab der dritten Klasse oder für Erwachsene wie mich, die Spaß an sprachlich guter, ausgesprochen fantasievoller Kinderliteratur haben.

Anna Böhm & Susanne Göhlich: Emma & Einschwein – Ganz vorn mit Horn! Oetinger 2019
www.oetinger.de

Kent Haruf: Abendrot

  Nicht alles wird gut

Die Romane von Kent Haruf (1943 – 2014) zu lesen, ist für mich wie heimkehren, heimkehren nach Holt, jenem fiktiven Ort in Colorado, in dem seine sechs Romane angesiedelt sind. Hier treffe ich immer wieder auf alte Bekannte und freue mich zu hören, wie es ihnen ergangen ist. Dabei handelt es sich keinesfalls um Fortsetzungsromane, sondern jeder Band ist unabhängig zu lesen. Trotzdem schließt Abendrot in einigen Handlungssträngen direkt an Lied der Weite an, sodass die Lektüre noch mehr Spaß macht, wenn man den Vorgängerband gelesen hat.

Besonders gefreut habe ich mich, dem Brüderpaar Raymond und Harold McPheron wieder zu begegnen mit ihrer Ziehtochter Victoria Roubideaux und deren kleiner, mittlerweile zweijährigen Tochter Katie. Als Victoria nun zum Studium ins zwei Fahrtstunden entfernte Fort Collins zieht, ist das zwar ein wichtiger Schritt für sie und Katie, trotzdem bleibt eine große Traurigkeit auf allen Seiten zurück. Kaum sind sie weg, ereignet sich ein schweres Unglück auf der Ranch mit weitreichenden Folgen. Auch Tom Guthrie ist wieder mit von der Partie, seine Söhne Bobby und Ivy und die neue Frau an seiner Seite, in diesem Buch allerdings nur in Nebenrollen. Dafür gibt es neue Protagonisten, denen ich bisher in Holt noch nicht begegnet war: der ernste und verantwortungsbewusste elfjährige DJ, der bei seinem Großvater lebt und mehr für den alten Mann sorgt als umgekehrt, Mary Wells mit ihren Töchtern Dena und Emma, die den Boden unter den Füßen verliert, als ihr Mann sie verlässt, und das von Sozialhilfe in einem verwahrlosten Wohnmobil hausende Ehepaar Wallace, das seine beiden Kinder nicht beschützen kann. Ein besonders sympathischer Charakter ist die aufopferungsvolle, gütige Sozialarbeiterin Rose Tyler, die ihr Beruf bis an die Grenzen ihrer Belastbarkeit führt.

Alle diese Bewohner von Holt kämpfen mit den kleinen und großen Problemen ihres Alltags, begegnen sich wie Kugeln auf einem Billardtisch, rollen eine kleine Strecke gemeinsam, streben sofort wieder auseinander oder nehmen sich im Vorübergehen kaum wahr. Manche verlieren sich, manche stürzen ab oder bekommen ihr Leben nicht in den Griff, manche kommen wieder auf die Beine, manchen finden einen Zuhörer oder sogar eine neue Liebe. Aber für alle geht es immer irgendwie weiter.

Ich frage mich bei jedem von Kent Harufs Romanen, was eigentlich deren Faszination ausmacht, schließlich geht es darin nicht um die großen Fragen des Lebens, sondern nur um die alltäglichen Probleme von Kleinstadtbewohnern im Mittleren Westen der USA. Für mich sind es eindeutig die empathische, kitschfreie Erzählweise, die besonderen Charaktere und das bedächtige Erzähltempo Kent Harufs, die sie zu einem sehr anrührenden, beglückenden Leseerlebnis für mich machen.

Kent Haruf: Abendrot. Diogenes 2019
www.diogenes.ch

Anselm Oelze: Wallace

  The Winner Takes It All

Für Zweitplatzierte gibt es in der Geschichte keinen Platz, Ruhm ernten allein die Sieger. Was aber, wenn ein Sieger nicht zurecht gewonnen hat, nur früher losgelaufen ist? Kann und darf man die Geschichte dann umschreiben, zur Not mit drastischen Methoden? Darum geht es im Debütroman Wallace des 1986 geborenen Anselm Oelze.

Alfred Russel Wallace (1823 – 1913), britischer Zoologe, Botaniker und Artensammler, war mir bisher unbekannt. Dass er zumindest gleichzeitig mit Darwin die Evolutionstheorie entwickelt hat, wusste ich vor der Lektüre dieses historischen Abenteuerromans nicht. Wallace regte 1858 durch einen Aufsatz, den er aus Bescheidenheit oder aufgrund von Selbstzweifeln statt an ein Journal an Charles Darwin schickte, diesen erst zu einer Veröffentlichung seiner eigenen Forschungen an. Zwar weist Darwin auf der ersten Seite der Einleitung seines Hauptwerkes Über die Entstehung der Arten auf Wallaces Entdeckung hin, doch blieb dies weitgehend unbeachtet.

Genau mit diesem Umstand will sich Albrecht Bromberg, Nachtwächter im Museum für Natur- und Menschheitsgeschichte nicht abfinden. Den schrulligen Mann, der bisher seinen Dienst überpünktlich und korrekt ausgeführt hat, katapultiert die Entdeckung von der Ungerechtigkeit der Geschichte aus seinem gleichförmigen Leben und hin zu einer Mission: Er möchte die Geschichtsschreibung korrigieren und Gerechtigkeit herstellen, egal um welchen Preis.

In elf Kapiteln, umrahmt von Prolog und Epilog, erzählt Anselm Oelze abwechselnd episodenhaft von Wallaces beiden Forschungsreisen 1848 bis 1852 an den Amazonas und den Rio Negro sowie 1854 bis 1862 zum Indonesischen Archipel und von Albrecht Brombergs schockierender Erkenntnis. Wie konnte es dazu kommen, dass Wallace heute nur für die nach ihm benannte tiergeografische Trennlinie zwischen Bali (asiatische Tierwelt) und Lombok (australische Tierwelt) bekannt ist, nicht aber für seine 1858 während einer durchwachten Malariafiebernacht aufgestellte Evolutionstheorie? Und was stand im verschollenen Begleitbrief zu jenem Aufsatz, den er an Darwin schickte?

Anselm Oelze von Humor durchsetzter Roman in zwei Zeitebenen ist vor allem in den in der Vergangenheit spielenden Kapiteln in einer opulenten, adjektivreichen Sprache verfasst. Meist haben mir diese oft langen, verschachtelten Sätze Spaß gemacht, weil sie gerade noch rechtzeitig zum Punkt kamen. Auch die teils umständlichen Formulierungen haben mich nicht gestört, mit einer Ausnahme: Wallace wird in seinen Kapiteln nie mit Namen genannt, vielmehr ist er während seiner ersten Reise „der junge Bärtige“, später „der Bärtige“. Auch wenn Oelze so illustriert, dass Wallace sich keinen Namen machen konnte, wirkten die Bezeichnungen wie Stolpersteine im Lesefluss und haben mich zunehmend genervt. Überhaupt kam ich dem Charakter von Wallace nicht nah, ganz im Gegensatz zum Nachtwächter und seinen skurrilen Freunden von der Elias-Birnstiel-Gesellschaft. Als ebenso unterhaltsam wie informativ empfand ich die Exkurse in andere Gebiete, egal ob sie die Anordnung der Exponate im Naturkundemuseum, die Intelligenzforschung, die verzerrte Darstellung von Weltkarten oder die Bedeutung der Primzahlen für die Zikaden betrafen.

Herstellungstechnisch ist dem Verlag Schöffling & Co. alles an diesem Buch meisterhaft gelungen: der seidig glänzende Umschlag mit dem Prachtkäfer, die Landkarten im Deckel, der großzügige Druck, das cremefarbene Papier und das Lesebändchen.

Anselm Oelze: Wallace. Schöffling & Co. 2019
www.schoeffling.de

Regina Scheer: Machandel

  Erlösung durch Erinnerung

Aus einem fünfstimmigen Potpourri besteht der Debütroman Machandel der 1950 geborenen Journalistin und Autorin Regina Scheer. In 25 Kapiteln kommen drei weibliche und zwei männliche Ich-Erzähler zu Wort, die wichtigste ist Claras Stimme in jedem zweiten Kapitel. Ein Personenverzeichnis mit Kurzbiografien am Ende des Romans hilft weiter, sollte man den Überblick verlieren, was jedoch kaum zu erwarten ist.

1960 in Ost-Berlin geboren, kommt Clara 1985 erstmals nach Machandel, einem fiktiven Dorf bei Güstrow in Mecklenburg. Sie und ihr Mann verlieben sich spontan in einen verfallenen Katen mit verwildertem Garten neben dem ehemaligen Gutshaus, den sie zunächst mieten, später kaufen und als Wochenendhaus renovieren. Clara schreibt dort an ihrer Doktorarbeit über das Grimmsche Märchen Von dem Machandelboom, niederdeutsch für Wacholderbaum, in dem ein Mädchen die Knochen ihres toten Brüderchens unter den Machandelbaum legt und ein Vogel daraus wird, der ein Lied über seine mörderische Stiefmutter vorträgt. Was Clara in der vermeintlichen Idylle weit weg von Berlin zunächst nicht ahnt: Lüge, Verrat und Hoffnungslosigkeit gibt es auch in Machandel und hat es immer gegeben. Und so erfährt sie allmählich bei ihren Nachforschungen im Dorf, in dem nicht viel geredet wird, was sich hier seit den 1930er-Jahren zugetragen hat. Es sind Geschichten von Fremden, wie der Zwangsarbeiterin Natalja aus Smolensk, die nach dem Krieg mit ihrer Tochter Lena im Gutshaus geblieben ist, von Marlene, die mit ihren kleinen Geschwistern im Katen lebte und Opfer der Denunziation und der NS-Euthanasie wurde, von Emma, der ausgebombten Hamburgerin, die sich um die Kinder im Katen kümmerte, und von den Kriegsgefangenen. Doch sie stößt hier auch auf die Spuren ihrer eigenen Familie, denn Mutter und Großmutter kamen 1945 als Ostpreußen-Flüchtlinge ins Gutshaus, genau wie ihr Vater, der als Kommunist zehn Jahre im Zuchthaus und in KZs saß und nach dem Todesmarsch aus Sachsenhausen hier gesund gepflegt wurde.

Ich habe diesen Roman über siebzig Jahre deutsche Geschichte, beginnend mit der NS-Zeit über die Gründung der DDR, den Prager Frühling, die Vor-Wendezeit, die Wiedervereinigung und die Jahre bis 2000, mit großer Begeisterung gelesen. Regina Scheer verknüpft die bewegenden Einzelschicksale sehr gekonnt und ohne Pathos, kommt immer wieder auf die Mythologie des Märchens zurück, lässt einzelne Ereignisse aus verschiedener Perspektive berichten und bettet alles in großartige Naturschilderungen Mecklenburgs ein, so dass ich nun diesen am dünnsten besiedelten deutschen Landstrich sehr gerne bereisen würde. Von enttäuschten Hoffnungen handelt der Roman, sei es bei Claras Mutter, deren Traum vom besseren Leben schließlich nicht über das Trauma der Flucht triumphieren kann, bei ihrem Vater, der mit seinem Traum von einem sozialistischen Staat scheitert und nach der Wende verstummt, aber auch von Claras in den Turbulenzen der Wende zerbrechender Ehe und das Scheitern des in ihrem Freundeskreis favorisierten „dritten Wegs“. Gleichzeitig entsteht aber auch Neues und vor allem die starken Frauenfiguren des Romans verhindern, dass es eine düstere Geschichte wird.

Im März 2019 erscheint Regina Scheers zweiter Roman Gott wohnt im Wedding, auf den ich mich jetzt schon sehr freue.

Regina Scheer: Machandel. Penguin 2018
www.randomhouse.de

Ulrich Woelk: Der Sommer meiner Mutter

  Den Mond verlieren

„Im Sommer 1969, ein paar Wochen nach der ersten bemannten Mondlandung, nahm sich meine Mutter das Leben.“ Die drastische Ouvertüre dieses Romans lässt keine Zweifel über das Ende und doch habe ich ihn gebannt und voller Spannung gelesen. Der Sommer meiner Mutter war mein erstes Buch von Ulrich Woelk, aber ganz bestimmt nicht mein letztes. Was man sich im Verlag allerdings bei der Wahl des Covers gedacht hat, bleibt mir ganz und gar rätselhaft.

Im Sommer 1969 ist der Ich-Erzähler Tobias Ahrens elf Jahre alt. Seine Eltern beschreiben ihn als still und nachdenklich, er ist noch ganz Kind und doch bereits Experte in Sachen Weltraum. Die wichtigsten Accessoires seines Kinderzimmers sind ein Raketenmodell, ein Mondposter und ein Weltempfänger und er fiebert der ersten Mondlandung entgegen.

In das wohlgeordnete Leben der konservativ-katholischen Familie aus einem bürgerlichen Kölner Vorort bricht im Sommer 1969 ein Sturm in Gestalt der neuen Nachbarn herein. Die Leinhards sind das genaue Gegenteil der Familie Ahrens: Während Tobias‘ Vater als Ingenieur und leitender Angestellter selbstverständlich Alleinverdiener ist, lehrt Herr Leinhard Philosophie an der Universität und beschäftigt sich mit Bloch, Adorno und der Frankfurter Schule, Frau Leinhard trägt genau die Jeans, die Tobias‘ Mutter sich nicht zu kaufen traut, ihre Haar schwingen frei, sie raucht und arbeitet freiberuflich als Übersetzerin englischer Kriminalromane. Leinhards sind Kommunisten und demonstrieren gegen den Vietnam-Krieg. Trotzdem freunden sich die Ehepaare an, genauso wie ihre Kinder Tobias und Rosa, eine frühreife, kluge, bisweilen altkluge 13-Jährige, die sich für Politik interessiert, unbeschränkten Zugang zum Bücherschrank ihrer Eltern hat und an einem Roman schreibt.

Kann es sein, dass es, wie Rosa meint, außer der Mondlandung noch andere, ebenso spannende Abenteuer gibt? Tobias erfährt es in diesem Sommer, er verpasst die ersten Schritte Neil Armstrongs auf dem Mond, weil beiden Familien genau in dieser Nacht ihr bisheriges Leben um die Ohren fliegt und danach nichts mehr ist, wie es war: „Ich hatte den Mond verloren“.

2014, als Tobias längst – wie auch der Autor Ulrich Woelk – studierter Astrophysiker ist, erzählt er rückblickend die Geschichte dieses Sommers: von den faszinierenden Ereignisse im Weltraum, seinen ersten verstörenden sexuellen Erfahrungen, den Veränderungen bei seiner Mutter, die plötzlich von mehr als einem Hausfrauendasein träumte, dem Ereignis, das schließlich alles aus den Angeln hob, und seinen Schuldgefühlen, mit denen er alleine war.

Der kühl-analytische Stil des nur 189 Seiten umfassenden Romans passt sehr gut zu einem technikaffinen Ich-Erzähler. Knapp und prägnant sind die Umbrüche und Widersprüche der späten 1960er-Jahre am Beispiel zweier Familien eingefangen. Während es für den technischen Fortschritt keine Grenze zu geben scheint, sind Moralvorstellungen und Rollenbilder erstarrt. Dass dies nicht nur für Tobias‘ biedere Familie gilt, sondern in erstaunlichem Maße auch für die links-intellektuellen Leinhards, war für mich eine der Überraschungen dieses sehr lesenswerten Romans.

Ulrich Woelk: Der Sommer meiner Mutter. C.H. Beck 2019
www.chbeck.de

Elisabeth R. Hager: Fünf Tage im Mai

Vom Weggehen und Heimkehren

Nicht fünf aufeinanderfolgende Tage im Mai sind titelgebend für diesen Debütroman, vielmehr verteilen sich die fünf – genaugenommen sogar sechs – Maitage auf die Jahre 1986, 1996, 1998 und 2004. Anfang und Ende des harmonisch aufgebauten Romans bildet jeweils ein Gottesdienst, 1986 ist es die Erstkommunion der siebenjährigen Ich-Erzählerin Leonore, abgekürzt Illy, 2004 die Beerdigung ihres Urgroßvaters Korbinian Hofer, von ihr liebevoll Tat’ka, Väterchen, genannt. In diesen Kapiteln aus den Jahren 1986 und 2004, die die Geschichte einrahmen, stehen Illy und ihr Urgroßvater im Mittelpunkt, weshalb sie mir die liebsten waren. Ihre einfühlsam beschriebene Beziehung ist geprägt von Zuneigung, Verständnis, Vertrauen und Freundschaft, obwohl sie 74 Jahre trennen. Etwas weniger gut gefallen hat mir der Mittelteil.

Das Urgestein Korbinian Hofer, letzter Fassbinder Tirols, respekteinflößend, unbeugsam, konsequent, heimatverbunden, monachietreu und auch in hohem Alter noch sprühend vor Energie, hat ein übergroßes Herz für seine Enkelin. Für Illy ist er die wichtigste Bezugsperson, denn er versteht sie besser als ihre Eltern oder irgendjemand sonst und sie fühlt sich bedingungslos geliebt. Nur auf ihn kann sie sich jederzeit uneingeschränkt verlassen. Als sie sich mit 17 Jahren Hals über Kopf in Tristan mit den langen schwarzen Locken und dem silbernen Ring im Nasenflügel verliebt, der überall Ärger bekommt und in ihrem katholischen Dorf nach „Exzess und Freiheit“ aussieht, ist ihr Urgroßvater verständnisvoller als ihre Eltern. Deren Verbot bleibt erfolglos, denn: „Von einem Tag auf den nächsten hatte meine Welt Atemlöcher bekommen, ein frischer Wind wehte durch mein muffiges Leben.“ Doch aus der großen Liebe wird nach und nach ein Alptraum, der in eine Katastrophe mündet. Illy gibt sich dafür eine Mitschuld und „das Gleichgewicht ihres Lebens“ ist zerstört. Fünf „gehetzte Jahre“ verbringt sie nach der Matura fern von zuhause auf der Flucht vor ihrer Schuld, doch erst als sie zur Feier von Tat’kas 100. Geburtstag zurückkehrt, beginnt „das warme Gefühl seiner Zuneigung“ ihr „Korsett“ zu lockern.

Die 1981 geborene Autorin Elisabeth R. Hager ist neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit laut Klappentext auch als Kulturvermittlerin und Klangkünstlerin tätig. Vielleicht sind die vielen schönen Bilder in ihrer ausdrucksstarken Sprache dieser letzten Berufsbezeichnung geschuldet. Sätze der Ich-Erzählerin wie der über das schöne Haus ihres Urgroßvaters: „…in dem Tat’ka so achtlos hauste wie eine Feldmaus in einem teuren Lederstiefel…“, die Beschreibung ihrer sterbenden Liebe zu Tristan: „Unsere Küsse waren noch echt, das Drumherum schon nicht mehr“, ihre Gefühle bei der Rückkehr: „Wie auf Knopfdruck legte mein Körper beim Blick auf die vertraute Landschaft den Panzer an, von dem ich geglaubt hatte, ihn längst abgestreift zu haben“ und immer wieder die Beschreibung Tat’kas als „eine Sonne die Kraft und Zuversicht ausstrahlte“ machen mir beim Lesen einfach Spaß. Gut gefallen hat mir auch das hoffnungsvolle, aber keineswegs rosarote Ende, zunehmend genervt war ich allerdings vom ständig erwähnten Rauchen, das völlig unnötig für den Handlungsverlauf war.

Ein gelungener, ruhig erzählter Debütroman, dessen junge Autorin ich im Auge behalten werde.

Elisabeth R. Hager: Fünf Tage im Mai. Klett-Cotta 2019
www.klett-cotta.de

Jane Austen: Anne Elliot

Die zweite Chance

Der letzte abgeschlossene, 1818 postum erschienene Roman Jane Austens (1775 – 1817), Persuation, heißt in der deutschen Übersetzung mal Überredung, mal Verführung und mal, wie hier auch das Hörbuch aus der SWR2-Reihe Große Werke. Große Stimmen, schlicht Anne Elliot. Die Titelheldin hat zu Beginn des Romans ihre Jugend und ihre große Liebe bereits hinter sich. Mit 27 Jahren ist ihr Schicksal als alte Jungfer mutmaßlich besiegelt. Dass sie gut sieben Jahre zuvor ihre große Liebe, den Marineoffizier Frederick Wentworth, nicht geheiratet hat, ist den Einwänden ihres eitlen und selbstverliebten Vaters, dem Baronet Sir Walter Elliot, ihrer bornierten, kalten älteren Schwester Elisabeth und ihrer wohlmeinenden Patin und Freundin ihrer früh verstorbenen Mutter, Lady Russell, geschuldet. Alle haben damals an Annes Vernunft appelliert, die Verlobung mit dem mittellosen, nicht standesgemäßen Wentworth zu lösen, und die junge Anne hat sich wider besseres Wissen gefügt. Nun aber führt der Zufall die beiden unter gänzlich veränderten Bedingungen ein zweites Mal zusammen. Wentworth ist inzwischen hochdekorierter Captain in gesicherten finanziellen Verhältnissen und mit gesellschaftlichem Ansehen. Annes Familie dagegen musste aufgrund der Verschwendungssucht des Vaters und der älteren Schwester ihr Landgut Kellynch Hall vermieten und nach Bath übersiedeln. Mieterin ihres Besitzes ist ausgerechnet Frederick Wentworths Schwester, so dass eine erneute Begegnung unvermeidlich ist.

Jane Austens Romane liebe ich nicht wegen ihrer Spannung, denn wie sie ausgehen, ist nach wenigen Seiten gewiss. Unübertroffen sind vielmehr die präzisen Gesellschaftsbeobachtungen, die Beschreibungen von Engstirnigkeit, starren Regeln und Beschränkungen, sowie der leichte, ironische Ton, mit dem Jane Austen dies alles kommentiert. Bereits der Eröffnungssatz des Hörbuchs illustriert, wie messerscharf sie die Charaktere ihrer Figuren mit wenigen Worten durchdringt: „Sir Walter Elliot auf Kellynch Hall in Somersetshire nahm zu seiner eigenen Unterhaltung nie ein anderes Buch als den Adelsalmanach zur Hand.“ In Anne Elliot hat mir außerdem besonders gut gefallen, wie stark sich die Protagonistin im Laufe des Romans weiterentwickelt bei gleichzeitigem Stillstand ihrer Umgebung. Von Anfang an ist die stille Anne intelligenter, gewandter und mit mehr Gemütstiefe ausgestattet als die übrigen Familienmitglieder. Doch während sie sich als 19-Jährige noch bedingungslos unterordnet, steht sie acht Jahre später zu ihren Gefühlen und setzt sich, beflügelt durch ein neu erworbenes Selbstvertrauen, durch, als sie eine zweite Chance erhält.

Kornelia Boje liest mit extrem ruhiger Stimme und damit passend zur Titelheldin. Allerdings hätte ich mir gewünscht, dass der Humor und die Ironie Jane Austens besser zur Geltung kämen. Ich bedauere auch sehr, dass die Produktion aus dem Jahr 1998 auf einer mp3-CD mit knapp über acht Stunden nur eine gekürzte Lesung enthält und es kein Booklet gibt. Dafür ist der Preis von zehn Euro aber sehr günstig für dieses Hörvergnügen.

Jane Austen: Anne Elliot. Lesung mit Kornelia Boje. DAV 2018
www.der-audio-verlag.de

William Boyd: All die Wege, die wir nicht gegangen sind

Auf ein Neues!

Zur Gründung eines neuen Buchverlags braucht es heute eine gehörige Menge Buchverrücktheit, über die der Verleger Daniel Kampa offensichtlich verfügt. Dass er bereits in seinem ersten, 40 Titel umfassenden Programm mit Autoren wie William Boyd, Astrid Rosenfeld und Hansjörg Schertenleib aufwarten kann und darüber hinaus dem Diogenes Verlag die Rechte an Georges Simenons Gesamtwerk abgeluchst hat, ließ 2018 aufhorchen.

William Boyds kleiner Roman All die Wege, die wir nicht gegangen sind mit dem schmucken roten Leineneinband ist im Original 2017 als Titelgeschichte einer Sammlung von Short Stories erschienen und nun auf Deutsch beim Imprint Gatsby des Kampa Verlags. Die 22-jährige Ich-Erzählerin Bethany Mellmoth hat gerade ihr Studium der englischen und amerikanischen Literatur abgebrochen, hat an sechs Schauspielschulen erfolglos vorgesprochen und ihre aktuelle Beziehung ist gescheitert. In zehn Kapiteln schauen wir Bethany bei der Suche nach ihrem Weg irgendwo im Kunstbetrieb und beim Scheitern zu. Amüsiert habe ich verfolgt, wie sie als angehende Schriftstellerin nicht über die ersten Sätze eines Romans hinauskommt, wie ihre Statistenrolle in einer unabhängigen Filmproduktion den wilden Änderungen am Drehbuch zum Opfer fällt und weder ihre Karriere als Fotografin noch als Sängerin in Fahrt kommt. Läuft vorübergehend doch ein Projekt vielversprechend an, ist sie als gebranntes Kind sofort misstrauisch: „Alles läuft verdächtig gut, und so funktioniert die Welt eigentlich nicht – nein.“ Denn: „Dinge gehen schief“, und so zieht sie zum wiederholten Mal bei ihrer Mutter wieder ein oder nimmt deren Hilfe bei der Suche nach einem Brotjob in Anspruch. Aber nicht nur beruflich, auch privat erleidet sie regelmäßig Schiffbruch, denn die Weitsicht, die sie in Bezug auf die Partner ihrer geschiedenen Eltern beweist, geht ihr bei der eigenen Männerwahl völlig ab.

Schade fand ich, dass auch nach zwei Jahren und immer wiederkehrendem Scheitern keine merkliche Veränderung mit Bethany vorgeht. Zwar ist ihr nimmermüdes Wiederaufstehen und Von-Vorne-Beginnen zu bewundern, schwer verständlich ist für mich dagegen, dass eine kluge junge Frau so gar nichts dazulernt, all die schönen Pläne so gänzlich ohne Ehrgeiz verfolgt und sehr schnell wieder fallenlässt. Möglich, dass eine weniger verständnisvolle Mutter hilfreicher hier wäre, aber wer kann schon einer Tochter in Not die Unterstützung versagen?

Sehr gut gefallen haben mir die vielen Klischees aus dem Kunstbetrieb, über die Boyd seine Ich-Erzählerin so elegant-leicht und ironisch plaudern lässt. Allerdings hätte das Buch nicht mehr als diese zehn Kapitel umfassen dürfen, denn gegen Ende drohte sich durch die Wiederholungen eine gewisse Ermüdung bei mir einzustellen. Lust auf einen umfangreicheren Roman von William Boyd hat das kleine Buch aber allemal bei mir geweckt.

William Boyd: All die Wege, die wir nicht gegangen sind. Gatsby 2018 kampaverlag.ch