Peter Keglevic: Wolfsegg

  Aufrecht gehen, nicht ducken

Zu Beginn hat mich das Szenario in Wolfsegg des Filmregisseurs Peter Keglevic an Monika Helfers empfehlenswerte Frühjahrsnovität Die Bagage erinnert. Beide Romane spielen in den österreichischen Alpen und die im Zentrum stehenden armen Familien sind Außenseiter und als asozial Gebrandmarkte, die im hintersten Winkel eines Tals leben. Beide Autoren fangen die beklemmende Atmosphäre einer engstirnigen, missgünstigen, von Machos dominierten Dorfgemeinschaft inmitten einer übermächtigen Natur großartig ein. Allerdings enden damit die Gemeinsamkeiten, denn während Die Bagage autobiografisch geprägt ist und über vier Generationen reicht, ist das wesentlich brutalere, von Beginn an unheilschwangere Wolfsegg auf die ebenso beeindruckende wie schockierende 15-jährige Protagonistin zugeschnitten, die ich so schnell nicht wieder vergessen werde.

Ein Mädchen ohne Kindheit
In sehr jungen Jahren lastet auf Agnes Walder bereits eine ungeheure Verantwortung. Ihr Vater taucht immer wieder tagelang ab, ihre Mutter leidet an Nierenkrebs im Endstadium. So obliegt Agnes die Sorge für die beiden jüngeren Geschwister, den Garten und die wenigen Tiere auf dem bescheidenen Häuslerhof und die Überwachung der Chemotherapie-Termine der Mutter. Agnes liebt ihre Eltern trotz deren offensichtlicher Defizite. Meist verschwindet die Mutter im „Palast des Schweigens“, erst als ihr nicht mehr viel Zeit bleibt, werden ihre Warnungen vor Agnes‘ neuem Chef konkreter:

Wie unterm Laub ein Fangeisen, hatte die Mutter gesagt, plötzlich schnappt es zu! Schlagartig verstand Agnes. Sie kannte die Wirkung des Fangeisens. (S. 53)

 Und im Hinblick auf die Dörfler rät sie Agnes:

„Nichts wird sein, […], du allein bestimmst, wie sie sich verhalten. Wenn du aufrecht gehst, dann ducken sich die Leut‘, wenn du dich duckst, dann treten sie nach dir.“ (S. 156)

Der Vater dagegen macht wenig Worte, führt die Tochter aber in sein Handwerk der Waffenkunde, des Schießens und des Weidwerks ein. Vor allem aber zeigt er ihr eine mit Lebensmitteln, Petroleum und einer Solaranlage ausgestattete Berghütte mit Namen Wolfsegg:

„Niemand weiß, dass es die Hütte gibt, fuhr er fort. Es gibt keine Pläne von ihr, sie ist nirgendwo registriert und in keinem Kataster eingetragen. Auf keiner Karte verzeichnet, keine Wanderkarte führt hierher. Selbst der Name ist längst vergessen. Hier ist man unerreichbar. [] Du bist die Erste, die davon weiß.“ (S. 93)

Bald wird die Hütte zum Zufluchtsort der Waldner-Kinder, denn so wenig sich Agnes zunächst an die traumatischen Erlebnisse ihrer Kindheit erinnern kann, so wild entschlossen stemmt sie sich einer Einweisung ins Kinderheim Maria Hilf! entgegen, wo sie als Neunjährige ein knappes Jahr „Marienkind“ war.

Eine uneingeschränkte Leseempfehlung
Von Beginn an liegt über der Geschichte ein düsteres Geheimnis, das erst mit Agnes‘ allmählich zurückkehrender Erinnerung stückweise gelüftet wird. Die Geschehnisse, nachvollziehbar trotz ihrer Ungeheuerlichkeit und in einer bildgewaltigen Sprache erzählt, sprengten schließlich mein Vorstellungsvermögen. Wer allerdings wie ich den vollen Lesegenuss haben möchte, sollte vorher weder Klappentext noch detaillierte Rezensionen lesen. Ich hatte das Glück, davor gewarnt worden zu sein, und konnte mir die Spannung bis zum dramatischen Ende vollständig erhalten. Auch Tage nach Beendigung lässt mich das Buch nicht los und gehört zu meinen Lesehighlights 2020.

Peter Keglevic: Wolfsegg. Penguin 2019
www.randomhouse.de

Kent Haruf: Kostbare Tage

  Ein brillanter Erzähler

 

Kostbar sind die Tage für Dad Lewis, denn wegen seiner unheilbaren Lungenkrebserkrankung sind sie gezählt. Auf dem Heimweg vom Arztbesuch mit seiner Frau Mary nimmt der 77-Jährige die Landschaft besonders intensiv wahr, sieht er sie doch mutmaßlich zum letzten Mal:

 

Sie ließen Denver hinter sich, dann die Berge, fuhren zurück auf die Hochebene: Salbeisträucher, Palmlilien, Moskito- und Büffelgras auf den Weiden, Weizen und Mais auf den bestellten Feldern. Von beiden Seiten des Highways gingen unter dem klaren blauen Himmel Landstraßen ab, alle gerade wie Zielen in einem Buch, mit nur wenigen vereinzelten Kleinstädten auf dem flachen offenen Land. (S. 7)

Wenig später sind sie zurück in Holt, jener fiktiven Kleinstadt in Colorado, in der alle sechs Romane von Kent Haruf (1943 – 2014) angesiedelt sind:

Die Main Street mit nur einer einzigen Ampel, die an der Ecke Second Street von rot auf grün sprang und wieder zurück, das drei Blocks umfassende Geschäftsviertel, die alten Backsteingebäude mit den hohen Blendfassaden, die Post mit ihrer ausgebleichten Flagge, die Häuser zu beiden Straßenseiten der Main Street, die Straßen im Westen, nach Bäumen benannt und die im Osten, nach amerikanischen Städten benannt, den Highway 34, der die Main Street kreuzte und in beiden Richtungen aufs flache Land führte, die Weizen und Maisfelder, die örtlichen Weideflächen, …, und die blauen Sandhügel in der dunstigen Ferne. (S. 77)

Kleinstadtleben
Eine eingeschworene Gemeinschaft ist dieses Holt, jeder weiß über jeden Bescheid, Veränderungen sind unerwünscht. Ein Mann wie Reverend Rob Lyle, den man wegen seiner Parteiname für einen schwulen Pastor hierher strafversetzt hat, muss sich für seine Auslegung der Bergpredigt als „Terroristenfreund“ beschimpfen und verprügeln lassen. Nur wenige wollen, wie die alte Witwe Willa Johnson, seine Visionen hören.

Starke Frauen
Überhaupt die Frauen: Sie sind hier für Gefühle, Menschlichkeit, Liberalität und Hilfsbereitschaft zuständig. Mary und ihre aus Denver herbeigeeilte Tochter Lorraine pflegen Dad hingebungsvoll während dieser letzten Wochen. Ihre Nachbarin Berta May, die ihre verwaiste achtjährige Enkelin Alice aufzieht, packt ganz selbstverständlich mit an, genauso wie Willa und ihre Tochter Alene, die darüber eine endgültige Rückkehr nach Holt in ihrem Ruhestand nachsinnt. Frauen mit schweren Schicksalsschlägen und doch voller Herzenswärme und gelegentlichen Ausbrüchen von Lebensfreude.

Zeit für eine Bilanz
Dad Lewis dagegen kann nur schwer Gefühle zeigen. War sein Leben glücklich? 

Oh ja, ich war glücklich. Abgesehen von einer Sache. (S. 147)

Die „eine Sache“ ist der Weggang seines Sohnes Frank, dessen Homosexualität der Vater nicht akzeptieren konnte. Nun begegnet er Dad nur noch in seinen Tagträumen.

Immer wieder gern in Holt
Gefreut habe ich mich über kurze Hinweise auf Figuren aus anderen Romanen Harufs, die Brüder McPheron, Victoria oder Rose Tayler aus Lied der Weite und Abendrot. Zeitlich ist Kostbare Tage später angesiedelt, jedoch vor dem unvergleichlichen Finale Unsere Seelen bei Nacht.
Auch in meinem vierten Roman von Kent Haruf haben die alltäglichen Probleme der US-Kleinstadtbewohner aus dem Mittleren Westen nichts von ihrer Faszination eingebüßt. Wie immer wechseln sich Szenen der Trauer und Melancholie ab mit solchen der Hoffnung und Freude. Nach wenigen Zeilen war ich wieder mittendrin und genauso gefesselt wie jedes Mal, obwohl ich immer noch nicht ganz genau weiß, warum.    

Kent Haruf: Kostbare Tage. Aus dem Amerikanischen von pociao und Roberto de Hollanda. Diogenes 2020
www.diogenes.ch

Martina Borger: Wir holen alles nach

  Das Leben eben

Eine große Vielzahl von Themen hat Martina Borger in ihren neuen Roman Wir holen alles nach gepackt: Altersarmut, Scheidung, Patchworkfamilien, Betreuungsnotstand, Mobbing und Misshandlung, Wohnungsmarkt, moderne Arbeitswelt und Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, Ökologie und Nachhaltigkeit sowie Vorurteile und Zivilcourage, um nur die wichtigsten zu nennen.

Jede Menge Probleme
Ellen Wildner, Münchnerin Ende 60 und seit 25 Jahren verwitwet, muss sich zu ihrer kleinen Rente etwas dazuverdienen, will sie im Ruhestand nicht auf alle Annehmlichkeiten verzichten oder den Söhnen auf der Tasche liegen. Trotzdem ist sie meist guter Dinge und weitgehend zufrieden mit ihrem Leben. Neben dem frühmorgendlichen Zeitungsaustragen erteilt sie Nachhilfestunden. Einer ihrer Schüler ist der achtjährige Elvis, ein sensibles, ungewöhnlich stilles und freundliches Kind, das ihr schnell ans Herz wächst. Deshalb und wegen des angebotenen Lohns willigt sie ein, als sich für Elvis‘ alleinerziehende, voll berufstätige Mutter Sina Poschmann in den Sommerferien kurzfristig ein zweiwöchiges Betreuungsloch auftut und sie Ellen um Hilfe bittet. Schon in der ersten Woche taut Elvis sichtlich auf, nicht zuletzt dank Ellens Borderterrier-Mischling. Endlich kann jemand auf ihn und seine Bedürfnisse eingehen und hat Zeit:

Er ist noch so jung, und dennoch ist sein Leben schon eine Abfolge von Trennungen, gebrochenen Versprechen, Zurückweisungen, er ist im Weg, muss untergebracht, wegorganisiert werden, er ist das wehrlose Unterpfand einer offensichtlich unschönen Trennung. Dennoch ist er rührend treu und loyal seinen Eltern gegenüber. (S. 98)

Doch als Elvis nach dem Wochenende, das er mit Sinas neuem Lebenspartner und bei einem Freund verbracht hat, wieder zu Ellen zurückkommt, ist er verändert, blass und krank. Außerdem bemerkt Ellen zu ihrem Entsetzen Verletzungen an ungewöhnlichen Stellen, über die er ihr keine Auskunft geben möchte. Sina, von Ellen darauf angesprochen, reagiert abweisend, und so muss Ellen selbst entscheiden, wie sie mit ihrer Beobachtung umgeht. Keine leichte Aufgabe, denn, wie ihr Sohn Vitus gerne sagt, gilt leider nur allzu oft: „Gut gemeint ist das Gegenteil von gut“.

Zwei Frauen – ein Ziel
Martina Borger legt den Fokus abwechselnd auf die ganz unterschiedlichen Lebenssituationen der beiden Frauen, wobei Ellen etwas häufiger im Mittelpunkt steht. Beide haben größtes Interesse an Elvis‘ Wohlergehen, lassen sich jedoch leider von gegenseitigem Misstrauen und Eifersucht leiten, anstatt am gleichen Strang zu ziehen. Erst als sie ihre Vorbehalte beiseiteschieben, kommen sie endlich zum Wohle aller ins Gespräch.

Gute Unterhaltung
Auch wenn mir das ein oder andere Thema zu viel für einen knapp 300-Seiten-Roman war, es manches Klischees nicht bedurft hätte und mir Ellens plakative Vorträge zur Ökologie, zum Fleischkonsum und zur Nachhaltigkeit – obwohl auch mir diese Themen wichtig sind – etwas auf die Nerven gingen, hat mich das Buch mit seinem Ausgang doch überrascht und ich habe mich gefragt, wie ich mich verhalten hätte. Gute Unterhaltung also, verfasst in angenehm ruhigem Erzählton und in einem leicht lesbaren Stil, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Martina Borger: Wir holen alles nach. Diogenes 2020
www.diogenes.ch

Uwe Timm: Morenga

  Deutsche Kolonialgeschichte

Keine Biografie oder Romanbiografie des Führers der Nama, Jakob Morenga, und auch kein gewöhnlicher Roman ist das bereits 1978 erschienene, zum 80. Geburtstag von Uwe Timm 2020 neu aufgelegte Morenga. Die Collage aus fiktionaler Erzählung, historischen Dokumenten und authentischen wie erfundenen Berichten ist eine multiperspektivische Auseinandersetzung mit der deutschen Kolonialgeschichte in Südwestafrika, dem heutigen Namibia, von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis 1908.

Der fiktionale Teil
Nicht Morenga steht im Zentrum der Handlung, sondern der fiktive Oberveterinär Johannes Gottschalk, der im Oktober 1904 als freiwilliges Mitglied der deutschen Schutztruppen in Deutsch-Südwestafrika ankommt. 34 Jahre ist der Kaufmannssohn aus Glückstadt alt, der mit dem Duft der Gewürze aus aller Welt aufwuchs und sich nun um Truppenpferde und erbeutete Rinderherden kümmern soll. Er träumt von einer eigenen Farm und notiert zu Beginn in seinem Tagebuch:

Tr. [General Trotha] sagt, das gesamte Stammesgebiet der Herero soll Kronland werden, d.h. für die Besiedlung freigegeben. Angeblich das beste Land in Südwest, gute Weiden und verhältnismäßig viel Wasser. Ein schöner Gedanke, dass es in dieser Wildnis einmal Augen geben wird, die Goethe lesen, und Ohren, die Mozart hören. (S. 25)

Was ihn, Kind seiner Zeit und doch von Beginn an mit mehr Empathie für die Eingeborenen ausgerüstet als die meisten seiner Kameraden, erwartet, sind die soeben besiegten Herero, die in Konzentrationslagern an Ruhr, Typhus und Hunger sterben und von ehemals 80.000 auf 15.130 dezimiert werden, sowie ein bevorstehender Guerillakampf gegen die Nama, von den Buren einst Hottentotten genannt, unter ihren Anführern Jakob Morenga und Hendrik Witbooi. Gottschalks steigende Zweifel, Ergebnis seiner Beschäftigung mit der Nama-Sprache und Kontakten zu Einheimischen, sein zunehmendes Außenseitertum und schließlich seine Überlegungen zum Desertieren oder Überlaufen, sind der rote Faden der Romanhandlung, in der es im Frühjahr 1905 heißt:

Zwischen dem, was er tat, und dem, was er dachte, war ein Riss. Zuweilen hatte er das Gefühl, als sei der, der da ritt, die Sporen gab, Befehle erteilte, Treiber kontrollierte, ein anderer als der, der alles betrachtete und überdachte. Was ihn beruhigte, was die beiden Teile seines Selbst verband, war der Gedanke, dass ihm momentan nichts anderes zu tun übrigblieb als dieses: seine Pflicht. Aber dann dachte er wieder dran, dass er mithalf, den Kreislauf von Gewalt und Terror fortzusetzen. (S. 285)

Die Fakten
Teile des Buches bestehen aus Gefechtsberichten, Akten und Zeitungsberichten und sind an Zynismus teilweise kaum zu überbieten. Diese Dokumente sind sperrig zu lesen und die Schlachtberichte langatmig. Viel interessanter sind die Kapitel zur Landeskunde, die bis in die Zeit der ersten idealistischen Missionare zurückreichen, während der im Deutschen Reich Wollmützchen für Afrikaner gehäkelt wurden. Sie handeln von Händlern, die in den bis dahin in zufriedener Selbstgenügsamkeit lebenden Nama neue Bedürfnisse weckten und sie zur Begleichung ihrer Schulden Überfälle auf die Rinderherden der Herero unternehmen ließen, von Forschern, Landvermessern und schließlich Soldaten.

Keine leichte Lektüre
Uwe Timm gehört seit vielen Jahren zu meinen Lieblingsschriftstellern. Am Beispiel meines Bruders halte ich für eines der wichtigsten Bücher der deutschen Nachkriegszeit, Die Zugmaus für ein witzig-fantasievolles Kinderbuch und auch seine neueren Romane wie Vogelweide und Ikarien sind außerordentlich lesenswert. Morenga ist ein Lehrstück über die deutsche Kolonialgeschichte und den ersten Völkermord der Neuzeit, ein Drama ohne Helden, in dem Uwe Timm wie immer auf platte Parolen verzichtet. Eine ungemein lohnende, aber auch anstrengende Lektüre, die mir eine Landkarte, ein Glossar und Anmerkungen dazu, welche Quellen authentisch sind und welche Fiktion, erleichtert hätten. Bereichernd ist das Nachwort von Robert Habeck, der den Text klug zusammenfasst und ihn in den Kontext seiner Entstehungszeit während des Kampfes gegen das südafrikanische Apartheitsregime stellt.

Uwe Timm: Morenga. Mit einem Nachwort von Robert Habeck. dtv 2020
www.dtv.de

Anita Brookner: Hotel du Lac

  Auf Bewährung

Der Genfer See – für viele ein Traumziel. Nicht so für Edith Hope, Verfasserin leichter Liebesromane mit „bescheidenem, aber sicherem Verkaufserfolg“. Das Hotel du Lac ist für sie Ort der Verbannung nach einem gesellschaftlichem Fauxpas. Passend zu ihrer Stimmung hüllen sich See und Garten bei ihrer Ankunft in düsteres Grau, der Gipfel der Dent d’Oche ist kaum zu erahnen, ihr kleines Einzelzimmer am Ende des Flurs ist „in der Farbe von zu lange gekochtem Kalbfleisch gehalten“ und das Hotel auch sonst nicht anheimelnd:

Was es zu bieten hatte, war eine milde Form von Asyl, garantierte Stille und der Schutz und die Diskretion, die mit Untadeligkeit einhergehen. Da diese Qualität einer überraschenden Zahl von Leuten ganz und gar nicht anziehend erscheint, war das Hotel du Lac gewöhnlich halbleer und beherbergte zu dieser Jahreszeit am Ende der Saison nur noch eine Handvoll Gäste, bevor es den Winter über schloss. (S. 25)

Eine illustre Gesellschaft
Edith Hope möchte die Zeit des erzwungenen Exils zur Fertigstellung von „Unter dem aufgehenden Mond“ nutzen, ihrem neuesten Manuskript, in dem wie immer „das bescheidene Mädchen, die graue Maus, den Helden bekommt“. Doch wider Erwarten muss sie das Schreiben immer wieder aufschieben, bieten doch die anderen Bewohnerinnen des Hotels, allesamt aus unterschiedlichen Gründen Verbannte, nicht nur jede Menge Anlass zu Betrachtungen und Überlegungen, sie ziehen Edith auch in ihre glücklos verlaufenen Schicksale und bedienen sich ihrer als Zuhörerin und Verbündete. Hier wie in London spürt man instinktiv Ediths Unsicherheit und das fehlende Selbstbewusstsein, versucht sie zu beeinflussen und benutzt sie für eigene Interessen. Spitzzüngig schildert Edith in nie abgeschickten Briefen an ihren verheirateten Geliebten ihre detaillierten Beobachtungen, weiß aber zugleich um ihre lausige Menschkenntnis. Nicht ungefährlich, vor allem im Hinblick auf den undurchsichtigen Engländer Philip Neville, der sich wie alle bemüht, die blasse, unscheinbare Edith auf seine Seite zu ziehen…

Innenleben geht vor Handlung
Weniger das Geheimnis um Ediths Skandal, das Anita Brookner erst im neunten von zwölf Kapiteln lüftet, sorgte bei mir für Spannung, vielmehr hat mich die Frage nach ihrer zaghaften Entwicklung und ihrer Zukunft interessiert. Überraschend altmodisch mutet das Ambiente an, die beschriebenen Kleider ebenso wie antiquierte Moralvorstellungen und Benimmregeln sowie die Bedeutung der Ehe, selbst für wirtschaftlich unabhängige Frauen. Allerdings hat eben dies den Charme der Geschichte für mich ausgemacht.

Die Wiederentdeckung wert
Anita Brookner (1928 – 2016) erhielt für ihren vierten Roman Hotel du Lac 1984 überraschend und nicht unumstritten den Booker Price. Ohne die stärker favorisierten Titel zu kennen, erscheint mir die Auszeichnung wegen der Eleganz der Sprache, der leisen Ironie, des Wortwitzes, der feinen Figurenzeichnung, der Dialoge und der stimmigen Atmosphäre berechtigt. Nach den Neuauflagen von Tarjei Vesaas Das Eis-Schloss und Vicky Baums Vor Rehen wird gewarnt war Hotel du Lac in diesem Jahr bereits meine dritte lohnende Neuentdeckung eines modernen Klassikers.

Elke Heidenreichs interpretierendes Vorwort zieht interessante Parallelen zu anderen Werken von Anita Brookner. Lesen sollte man es, genau wie den Klappentext, erst nach der Lektüre des Buches.

Anita Brookner: Hotel du Lac. Mit einem Vorwort von Elke Heidenreich. Aus dem Englischen von Dora Winkler. Eisele 2020
eisele-verlag.de

Elisabeth Strout: Die langen Abende

  Weitermachen

Ein Rätsel, diese Welt. Noch war sie nicht mit ihr fertig. (Mit Blick aufs Meer, S. 352)

Die letzten Sätze des Erzählbands Mit Blick aufs Meer von Elisabeth Strout aus dem Jahr 2008, ausgezeichnet mit dem Pulitzerpreis 2009, ließen eine Fortsetzung offen. Nun, 2020, ist es endlich so weit. In Die langen Abende, Originaltitel Olive again (2019), erfahren wir, wie es im fiktiven Städtchen Crosby, Maine, und insbesondere mit Olive Kitteridge weitergeht. Man muss den Vorgängerband nicht kennen, allerdings hat es mir besonders viel Spaß gemacht, beide Bücher nacheinander zu lesen und Vertrautes wiederzuentdecken.

Späte Jahre
Olive ist alt geworden. Die ehemalige Mathematiklehrerin spaltet noch immer ihre Mitmenschen. Während die einen sie für oder gerade wegen ihrer unverblümt ehrlichen Direktheit mögen oder zumindest schätzen, ist sie für andere ein „alter Giftzahn“, für ihre Schwiegertochter eine Narzisstin.

Der Einsamkeit kann sie mit ihrem zweiten Ehemann Jack Kennison noch einmal entrinnen, kein Neuanfang, wie sie betont, vielmehr ein Weitermachen. Zwar ist der ehemalige Harvard-Professor in ihren Augen ein Snob und seine republikanische Gesinnung geht der überzeugten Demokratin, die Trump für einen „orangehaarigen Kotzbrocken“ hält, gegen den Strich. Doch Olive kann inzwischen auch mal den Mund halten und manch einer von Jacks snobistischen Einfällen – der Besuch der Fußpflege oder der Flug in der Businessklasse – erweist sich unerwartet als Zugewinn an Lebensqualität. Auch für Jack ist die Verbindung ein überraschender Glücksgriff, jedenfalls dann, wenn Olive nicht gerade zu „olive-ig“ ist:

Nichts davon hätte er sich je träumen lassen. Dass sie so sehr Olive sein könnte, dass er selbst so bedürftig sein könnte; nie im Leben hätte er es für möglich gehalten, seine letzten Jahre auf solche Art mit solch einer Frau zu verbringen.
Die Sache war, bei ihr konnte er er selbst sein. (S. 181)

Erst als die acht gemeinsamen Jahre mit Jacks Tod enden, fühlt sich die 82-Jährige wirklich alt und einsam:

Es war, als hätte sie – ohne sich dessen bewusst zu sein – ihr Leben lang vier stabile Räder unter sich gehabt, und jetzt plötzlich eierten sie alle vier und drohten jeden Moment abzufallen. Sie wusste nicht mehr, wer sie war oder was aus ihr werden sollte. (S. 315)

Doch Olive wäre nicht Olive, wenn sie nicht trotz eines Herzinfarkts, des Umzugs ins Heim und der verhassten Alte-Leute-Windeln weitermachen würde.

Der Atlantik in Maine. © M. Busch

Kleine und große Lebenskatastrophen
Auch der neue Erzählband umfasst wieder 13 Episoden über große und kleine Lebensdramen, deren verbindendes Element Olive Kitteridge ist. Nicht alle haben mir so ausnehmend gut gefallen und sind mir so nahegegangen wie „Licht“ mit der krebskranke Cindy Coombs, für die nur Olive mit ihrer schlagenden Ehrlichkeit die richtigen Worte findet. Herzlich gelacht habe ich bei „Geburtswehen“ über Olives Qualen bei einer in ihren Augen „schwachsinnigen“ Babyparty. Ihr Part kommt erst, als eine Teilnehmerin überraschend niederkommt und praktische Hilfe gefragt ist.

Wer Mit Blick aufs Meer mochte, wird sich garantiert auch mit der ebenso leichtfüßig, humorvoll und empathisch geschriebenen Fortsetzung gut unterhalten, auch wenn mir nicht alle Geschichten gleichermaßen gefallen haben. Ich weiß jedenfalls nun endgültig, dass ich die scharfzüngige, eigenwillige, pragmatische Olive mag, wenn auch mit gelegentlichen Bauchschmerzen.

Elisabeth Strout: Die langen Abende. Aus dem Amerikanischen von Sabine Roth. Luchterhand 2020
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Elisabeth Strout: Mit Blick aufs Meer

  Nicht weglaufen vor dem eigenen Hunger

 

Zwei Klammern halten die 13 Erzählungen in Elisabeth Strouts 2009 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Erzählband Mit Blick aufs Meer zusammen: die fiktive US-Kleinstadt Crosby an der nördlichen Küste von Maine und die ehemalige Mathematiklehrerin Olive Kitteridge, nach der die 2008 erschienene Originalausgabe benannt ist.

Autokennzeichen Maine. © M. Busch

 

Crosby ist ein Durchschnittsstädtchen mit Kirche, Grange Hall der Farmervereinigung und Lebensmittelladen. Genauso durchschnittlich sind seine Bewohnerinnen und Bewohner, die in den Geschichten abwechselnd aus dem Schatten ins Rampenlicht treten. Es sind Menschen wie der Psychiater Kevin Coulson aus New York, der in „Flut“ mit Selbstmordabsichten in seinen Heimatort zurückkehrt, die  Barpianistin Angela O’Meara aus „Frau am Klavier“ mit Alkoholproblemen und unglücklichen Männerbeziehungen, die magersüchtige Nina White, die in „Hunger“ die verwitwete Daisy und den verheirateten Harmon noch enger zusammenschweißt, oder Julie Harwood, die in „Flaschenschiff“ am Hochzeitstag von ihrem Verlobten im Stich gelassen wird.

Beim Bummel durch Crosby werfen wir einen Blick auf die Wendepunkte in ihrem Dasein, um uns dann der nächsten Figuren zuzuwenden. Lediglich Olive Kitteridge ist in allen Geschichten präsent, mal am Rande, mal im Zentrum. Ihr Leben und das ihrer Familie gibt Orientierung und steckt den zeitlichen Rahmen über mehrere Jahrzehnte ab.

Der Atlantik in Maine. © M. Busch

Raue Schale, weicher Kern
Als ehemalige Mathematiklehrerin an der Crosby Junior High School kennt Olive jede und jeden im Städtchen. Dort wie in ihrer Familie wird sie mehr gefürchtet als gemocht. Ihre scharfe Zunge, ihr aufbrausendes Temperament und ihre radikale Ehrlichkeit sind anstrengend und berüchtigt. Nicht nur ihr gutmütiger, allseits beliebter Mann Henry, sondern vor allem ihr Sohn Christopher haben darunter zu leiden. Doch Olive wäre nicht Olive, wenn sie es nicht zugeben könnte: 

… tief in mir sitzt etwas, und ab und zu pumpt es sich voll wie der Kopf eines Tintenfisches und stößt einen Schwall von Schwärze aus. Ich habe mir das nicht ausgesucht, aber so wahr mir Gott helfe, ich habe meinen Sohn geliebt. (S. 95/96)

Zugleich kann Olive, die den Smalltalk hasst, aber in Notfällen zur richtigen Zeit am richtigen Ort auftaucht und die richtigen Worte findet, ebenso einfühlsam wie verletzlich sein. Sie verabscheut ihre Korpulenz und Grobknochigkeit, möchte geliebt werden und lieben: 

„Ich bin auch am Verhungern“, sagte Olive. Das Mädchen schaute zu ihr herüber. „Klar“, sagte Olive. „Oder was glaubst du, warum ich jeden Doughnut esse, den ich in die Finger kriege?“ (S. 126/127)

Das Herausragende im Alltäglichen finden
Immer wieder hat mich Mit Blick aufs Meer an die wundervollen Bücher von Kent Haruf erinnert, die alle im Städtchen Holt, Colorado, spielen. Hier wie dort stehen ganz gewöhnliche Menschen mit ihren alltäglichen Höhen und Tiefen im Mittelpunkt, geht es um Jugend und Alter, Eheprobleme und Ehefreuden, Familie, Tod, Befreiungsschläge und immer wieder um den  Kampf gegen die Einsamkeit. Elisabeth Strout hat mich mit diesem ebenso empathisch wie kitschfrei erzählten Buch bestens unterhalten und Olive Kitteridge bleibt als Romanfigur im Gedächtnis – mit ihrer Gespaltenheit und Lebensweisheiten wie dieser: 

Vor seinem eigenen Hunger darf man nicht weglaufen. Wer vor seinem eigenen Hunger wegläuft, ist auch nur eine Schießbudenfigur wie all die anderen. (S. 255)

Elisabeth Strout: Mit Blick aufs Meer. Aus dem Amerikanischen von Sabine Roth. btb 2012
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Hideo Yokoyama: 50

  Ein aufgeklärter Mord mit rätselhaften Begleitumständen

Der Kriminalroman 50 des 1957 geborenen japanischen Investigativ-Journalisten Hideo Yokoyama ist nach Vicky Baums modernem Klassiker Vor Rehen wird gewarnt die zweite empfehlenswerte Neuerscheinung aus dem Frühjahrsprogramm 2020 der Verlage Atrium/Arche.

Respekteinflößend liest sich das Personenverzeichnis mit 67 Figuren aus Polizei, Justiz, Justizvollzugsdienst und Presse sowie Zivilpersonen; nicht immer einfach, zumal mit japanischen Namen, aber durchaus zu meistern.

Offene Fragen
Der Kriminalfall ist zu Beginn eigentlich bereits aufgeklärt. Sōichirō Kaji, Polizeihauptmeister und Vizeleiter der polizeilichen Ausbildungsabteilung, gesteht den Mord an seiner schwer an Alzheimer erkrankten Frau, mutmaßlich eine Tötung auf Verlangen. Drei Umstände überraschen allerdings: Warum beging Kaji, den Kollegen als sanftmütigen, verantwortungsvollen Menschenfreund beschreiben, nicht Suizid, um die durch den Mord in ihren Grundfesten erschütterte Präfekturpolizei zu schützen? Wo und womit hat er die beiden Tage nach der Tat verbracht, bevor er sich der Polizei stellte? Und was hat es mit seiner offensichtlich neu angefertigten Kalligrafie mit dem Text „Der Mensch lebt fünfzig Jahre“ auf sich, die die Polizei in der Wohnung des 49-Jährigen findet?

Ein Staffellauf zur Wahrheit
In sechs Teilen des Romans geben diese Fragen nacheinander dem Hauptkommissar im Dezernat für Gewaltverbrechen Kazumasa Shiki, dem Staatsanwalt Morio Sase, dem Journalisten Yōhei Nakao, dem Anwalt Manabu Uemura, dem Richter Keigo Fujibayashi und dem Justizvollzugsangestellten Seiji Koga Rätsel auf und vor allem Shiki verbeißt sich in ihre Lösung. Jeder dieser Männer gibt nach seinem Scheitern den Staffelstab an den nächsten weiter. Währenddessen schreckt die Polizeiverwaltung auch vor illegalen Tricks zur Verschleierung von Kajis Aufenthalt während der fraglichen Tage nicht zurück, denn es besteht der unerhörte Verdacht, Kaji hätte sich nach der Tötung seiner Frau im Kabuki-Viertel, dem traditionellen Rotlichtviertel Tokios, aufgehalten. Ruf und Ehre der Polizei stehen auf dem Spiel.

In erster Linie Gesellschaftsporträt
5o
war 2003 Hideo Yokoyamas erster Kriminalroman und erscheint nun nach 2 und dem 2019 mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichneten 64 ebenfalls auf Deutsch, von Nora Bartels flüssig und angenehm zu lesen aus dem Japanischen übersetzt. Für mich stand allerdings nicht die Krimihandlung im Vordergrund, sondern vielmehr das Porträt der aktuellen japanischen Gesellschaft und Kultur, dargestellt anhand der Biografien der ausschließlich männlichen, mit ihren Lebensumständen unzufriedenen Protagonisten. Die starren hierarchischen Strukturen in Polizei, Justiz und Presse, die Mauscheleien zwischen Polizei und Justiz und die Bedeutung des Ehrbegriffes haben mich in dieser Ausprägung überrascht. Schockierend ist die Rolle der Frauen, die es im Berufsleben maximal zur Schreibkraft bringen und zuhause die Aufgaben der bescheiden auftretenden Ehefrauen, Mütter, Pflegekräfte der Schwiegereltern und bestenfalls Ratgeberinnen ihrer Ehemänner erfüllen. Spannung stellte sich dagegen erst allmählich ein, zu nebensächlich erschien mir zunächst die Frage nach dem Verbleib Kajis an den Tagen nach dem Mord. Doch dann riss mich das Beharrungsvermögen vor allem Shikis immer mehr mit und das überraschende Ende hat mich schließlich überzeugt.

Ein Augenschmaus
Auffallend gut gelungen sind das übersichtliche Layout mit den vertikalen Elementen, das besondere Cover und vor allem der raffinierte rot-weiße Schnitt mit der Zahl 50 und der japanischen Flagge. Wie könnte ein E-Book hier jemals konkurrieren?

Hideo Yokoyama: 50. Aus dem Japanischen von Nora Bartels. Atrium 2020
www.buecherwege.de/atrium

Christian Seltmann & Joëlle Tourlonias: Monstergeschichten

Lesen lernen mit Monster Max

Wer hätte gedacht, dass Monster Max heißen können und sich die Zähne putzen? Monster sind eben anders, als man denkt, das erfährt Henri hautnah, als seine Tante Inge aus Argentinien ihm ein kleines pelziges Wesen schickt. Mit einem Monster wie Max kann es ganz schön gefährlich werden, aber auch lustig und lehrreich. Leider kommen die Postkarten von Tante Inge mit den Tipps zum Umgang mit dem neuen Hausgenossen immer einen Tick zu spät…

Die Monstergeschichten von Christian Seltmann aus der Arena-Erstlesereihe Der Bücherbär bestehen aus vier Einzelepisoden, die zusammen eine durchgehende Geschichte bilden. Mit der großen Fibelschrift, kurzen Textabschnitten mit sehr kurzen Zeilen im Flattersatz und überwiegend einfachen Wörtern eignen sie sich für Erstklässlerinnen und Erstklässler, die bereits alle Buchstaben gelernt haben. Die farblich in Schwarz und Blau abgesetzten Silben vereinfachen das Lesenlernen und verhelfen zu ersten Erfolgserlebnissen. Eingestreut sind außerdem Verständnisfragen und Rätsel, deren Lösungen man auf den letzten beiden Seiten findet.

Die vielen aussagestarken Illustrationen und Gestaltungselemente von Joëlle Tourlonias sind nicht nur hübsch anzusehen, sondern passen auch ausgezeichnet zum Text und unterstützen so das Leseverständnis.

Christian Seltmann & Joëlle Tourlonias: Monstergeschichten. Arena 2020
www.arena-verlag.de

Monika Helfer: Die Bagage

  Schwierige Herkunft

 

Der Roman beginnt fast idyllisch mit einer Frau, die Wäsche zwischen zwei Kirschbäumen aufhängt – wäre da nicht der Schatten, der auf das Haus fällt. Die Frau ist Maria Moosburger, Großmutter der österreichischen Autorin Monika Helfer, das Haus liegt im hintersten Bregenzerwald und die Familie mit vier Kindern lebt ganz hinten im Tal, abgeschieden und bitterarm:

Sie wohnten dort, weil ihre Vorfahren später gekommen waren als die anderen und der Boden am billigsten war, und am billigsten war der Boden, weil die Arbeit auf ihm so hart war. Am letzten Ende hinten oben wohnten Maria und Josef mit ihrer Familie. Man nannte sie „die Bagage“. Das stand damals noch lange Zeit für „das Aufgeladene“, weil der Vater und der Großvater von Josef Träger gewesen waren, […] und im Sommer übermannshohe Heuballen in die Scheunen der Bauern trugen, das war der unterste aller Berufe, unter dem des Knechts. (S. 11/12)

Verhängnisvolle Schönheit
Nur um eines wird Maria beneidet: ihre legendäre Schönheit. Doch genau die wird ihr zum Verhängnis, als ihr Mann Josef, der die Familie mit seinen zweifelhaften Geschäften ernährt, im September 1914 eingezogen wird. Angesichts der gierigen Blicke der Männer bittet er seinen Geschäftspartner und Bürgermeister, auf Maria aufzupassen, macht damit jedoch den Bock zum Gärtner. Tatsächlich verliebt sich Maria bei einem Jahrmarktsbesuch in Georg aus Hannover, der sie und die Kinder auf dem Hof sogar besucht, aber mehr als ein Kuss ist nicht überliefert. Der Bürgermeister jedoch sieht spätestens jetzt seine Chance gekommen und Maria muss ihre Kinder als Schutzschilde einsetzen. Wer der Vater der kleinen Grete ist, die einige Monate später zur Welt kommt, wird nie geklärt: Georg, der Bürgermeister oder doch Josef, der zweimal im Fronturlaub zuhause war? Das Dorf, allen voran Pfarrer und Lehrer, ist sich jedenfalls sicher: Maria ist eine Hure, die „Bagage“ Abschaum. Auch Josef zweifelt trotz Marias Schwüren. Nie richtet er das Wort an Grete, vor der er sich ekelt, nie verprügelt er sie, um sie nicht zu berühren. Seinen anderen sechs Kindern dagegen, zwei davon nach dem Krieg geboren, ist er ein liebevoller Vater.

Eine große Erzählerin
Maria Moosburger starb mit 32 Jahren, Josef nur ein Jahr später, und auch Monika Helfers zeitlebens ein wenig seltsame und zurückgezogene Mutter Grete verstarb jung. Fortan kümmerte sich die strenge Tante Kathe, die älteste Schwester Gretes, um ihre drei verwaisten Nichten. Im hohen Alter erzählte sie von der „Bagage“ und die 1947 in Au im Bregenzerwald geborene Monika Helfer brachte die Geschichte ihrer Familie nun in Romanform zu Papier. Kaum 160 Seiten umfasst dieser zwischen vier Generationen pendelnde Roman, unglaublich bei der Fülle an Figuren und Schicksalen. Wie Skizzen wirken die Figurenzeichnungen, ohne Wertung, sprachlich äußerst knapp und doch ungeheuer lebendig. Wie jede und jeder von ihnen mit der Last seiner Herkunft auf eigene Art und Weise durchs Leben ging und geht, erzählt Monika Helfer ohne Dramatik und vor allem ohne Pathos und Kitsch. Eine ganz große Erzählerin und ein Highlight in diesem Literaturfrühling 2020.

Monika Helfer: Die Bagage. Carl Hanser 2020
www.hanser-literaturverlage.de