Michel Bussi: Fremde Tochter

Spannende Unterhaltung vor atemberaubender Kulisse

Der 23. August spielt eine bedeutsame Rolle im Leben der Familie Idrissi: Am 23.08.1968 hat der Korse Paul Idrissi seine Frau Palma kennengelernt, die auf dem Campingplatz von La Revellata ihr Zelt aufgeschlagen hatte und ihn schließlich seinem Clan und der Insel entrissen und mit nach Nordfrankreich genommen hat. Genau 21 Jahre später, am 23.08.1989, verunglückt die inzwischen vierköpfige Familie beim Urlaub auf Korsika mit ihrem roten Fuego und nur die 15-jährige Tochter Clotilde überlebt. 27 Jahre später kehrt sie zurück, nun selber verheiratet und mit einer 15-jährigen Tochter, um ihre Großeltern wieder zu sehen, um ihrer Familie Korsika und die Unglücksstelle zu zeigen, und um Licht ins Dunkel des Unfalls zu bringen, was ihr schließlich am 23.08.2016 gelingt – bei einem furiosen Finale… Doch bis dahin wird der Aufenthalt für sie immer surrealer, denn sie erhält mit einem „P.“ unterzeichnete Briefe, die eigentlich nur ihre Mutter geschrieben haben kann, die ungewöhnlichen Zufälle häufen sich und jemand scheint ein Spiel mit ihr zu spielen. Während ihr Mann, der nur an Effizienz und Rationalität glaubt, versucht, sie von weiteren Nachforschungen abzuhalten, taucht Clotilde immer weiter in die Geheimnisse der Vergangenheit ein und ahnt nicht, dass jemand die Aufdeckung der Wahrheit unter allen Umständen verhindern will. Hätte sie nur ihr Tagebuch aus jenem Sommer 1989 noch, dem sie damals alles über die Jugendclique auf dem Campingplatz, große Emotionen, die Konflikte mit ihrer Mutter, die Entdeckungen über ihren Vater und die Streitereien der Eltern anvertraut hat, doch das war nach dem Unfall spurlos verschwunden.

Eigentlich lese ich eher selten leichte Unterhaltungsromane, aber wenn ich das Bedürfnis danach habe, hat mich der französische Bestsellerautor und Professor für Politologie und Geografie an der Universität Rouen Michel Bussi bisher noch nie enttäuscht. In diesem Fall hat mich die Geschichte über die reine Spannung der Handlung auch deshalb gefesselt, weil sie an einem Ort spielt, den ich aus mehreren Urlauben gut kenne: die Umgebung von Calvi auf Korsika. Die detaillierte Beschreibung der Region und besonders der Menschen mit ihrem Lebensmotto „Respekt, Ehre und Tradition“ hat mir sehr gut gefallen und Erinnerungen geweckt. Wie schon bei Das Mädchen mit den blauen Augen konnte ich mir bis kurz vor dem Ende absolut keine Auflösung vorstellen, so wenig haben die Umstände zusammengepasst, und doch gab es sie. Die Kombination von zwei Zeitebenen, der Zeit von 2016 in erzählter Form und der Zeit von 1989 kurz vor dem Unfall als Auszüge aus Clotildes Tagebuch, ist gut gewählt und hat die Dramatik noch verstärkt, da man nicht weiß, wer da in diesem verschwundenen Heft liest und es bisweilen kommentiert.

Mich hat der Roman über stark 500 Seiten gut unterhalten und ich habe gerne beim ein oder anderen Zufall ein Auge zugedrückt. Schließlich habe ich es immer geahnt: Korsika ist nicht nur die Île de la Beauté, dort können sich auch Dinge zutragen, die man anderswo nicht für möglich halten würde…

Michel Bussi: Fremde Tochter. Rütten & Loening 2017
www.aufbau-verlag.de

John Green: Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken

Gedanken-Rodeo in einer Spirale

Bestechend an diesem Roman ist zunächst das Äußere. Der Hanser Verlag hat mit dem auffällig gestalteten Wendecover, schöner als das der Originalausgabe, dessen Motiv sich während der Lektüre erschließt, dem orange eingefärbten Schnitt, der das Buch beim ersten Lesen sanft und angenehm knistern lässt, und dem künstlerisch bedruckten Vorsetzblatt ein kleines Meisterwerk geschaffen, das man deshalb nicht als E-Book lesen sollte. Schade nur, dass die Zahl der Druckfehler verblüffend hoch ist, was vermutlich dem Zeitdruck geschuldet ist, denn die deutsche Ausgabe erschien nur einen Monat nach dem amerikanischen Original. Der Roman wird das erste Buch in einer limitierten Auflage mit Nummerierung in meinem Bücherregal sein, eine bibliophile Besonderheit.

Der US-Amerikaner John Green, der in seinen Jugendbüchern gerne schwierige Themen anpackt, hat bei seinem neuen Roman Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken aufgegriffen, was er aus eigener Erfahrung kennt: Zwangsstörungen und Panikattacken. Die 16-jährige Ich-Erzählerin Aza Holmes, ein äußerst intelligentes Mädchen, das als Kind den Vater verloren hat, leidet unter diesen psychischen Erkrankungen. Sie ist stark und mutig bei Dingen, die andere Leute nervös machen, wird aber panisch bei der Vorstellung, durch Bakterien, besonders Clostridium difficile, schwer zu erkranken. Fünf Jahre Verhaltenstherapie und drei verschiedene Medikamente haben nicht zu einer durchschlagenden Besserung geführt, es gibt lediglich bessere und schlechtere Phasen, abzulesen am Abstand zwischen ihren Therapiesitzungen. Ein Segen für sie ist ihre Freundin aus Kindertagen, die zupackende Daisy, die sich ihr Studium selbst verdienen muss und für ihre regelmäßig im Internet verfasste Fanfiction zu Star Wars lebt. Daisy kann mit Azas Symptomen umgehen, zeigt ihr aber zugleich Grenzen auf.

Nun macht die Beschreibung von Krankheitssymptomen noch keinen Roman, vor allem aber kein Jugendbuch. Deshalb hat John Green einen Vermisstenfall, zwei Liebesgeschichten, einen Fall von Kindesvernachlässigung, die Begeisterung für Star Wars, die Kritik am amerikanischen System der Studienfinanzierung sowie die Themen Trauer und Forschung an der Verlängerung des Lebens mit eingebaut. Neben all ihren psychischen Problemen ist Aza auch ein pubertierender Teenager mit den üblichen Abgrenzungsproblemen zur Mutter. Viel Stoff also für gut 280 Seiten und in meinen Augen nicht ganz so gelungen, wie der Teil über die Krankheit, aber das mag auch daran liegen, dass ich nicht zur eigentlichen Zielgruppe gehöre. Vor allem Azas Liebesgeschichte mit dem Millionärssohn Davis ist mir mit der gemeinsamen Sternenguckerei etwas zu abgedroschen ausgefallen und die Dialoge, sei es mündlich oder per Social Media, wirken aufgesetzt (oder sehr amerikanisch?), auch wenn beide durch den Verlust eines Elternteils sicher über ihr tatsächliches Alter hinaus entwickelt sind.

Ausgesprochen gut gelungen fand ich dagegen den sicher schwer zu schreibenden Schluss des Romans, der zum Glück überhaupt nicht platt ist. Ich verdanke es dem Buch, dass ich jetzt eine klarere Vorstellung davonhabe, wie und worunter Menschen mit  Zwangsneurosen leiden, und was die Gedankenspiralen sind, in die sie immer wieder haltlos fallen. Dank Daisy weiß ich aber auch, dass gute Freundschaften mit Erkrankten möglich sind, wenn alle Beteiligten ehrlich miteinander umgehen und vereinbarte Haltelinien respektieren.

Die letzten Sätze der Danksagung fassen zusammen, was ich aus der Lektüre mitnehme: „Manchmal ist es ein langer und beschwerlicher Weg, aber psychische Krankheiten sind behandelbar. Es gibt immer Hoffnung, selbst wenn einem die eigenen Gedanken vormachen, es gebe keine.“

John Green: Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken. Carl Hanser 2017
www.hanser.de

Dagmar Chidolue & Gitte Spee: Millie übernachtet in der Schule

Was für eine Nacht!

Büchersterne ist die Reihe für Erstleser aus dem Oetinger Verlag, die für Lesespaß in drei Stufen sorgen soll. Der vorliegende Band Millie übernachtet in der Schule von Dagmar Chidolue gehört zur leichtesten Kategorie für die erste Klasse, ist in sehr großer Fibelschrift und im Flattersatz mit sehr kurzen Zeilen gedruckt, hat kurze Leseabschnitte, ist in sechs Kapitel unterteilt mit textunterstützenden und sehr klaren Illustrationen von Gitte Spee und bietet auf 12 Doppelseiten am Ende viele abwechslungsreiche Rätselangebote mit Lösungen.

Nach zwei Wochen Beschäftigung mit dem Thema Weltraum im Unterricht darf Millies Klasse zusammen mit der Lehrerin in der Turnhalle übernachten, Sterne-Gucken inklusive. Und was alles in dieser einen Nacht passiert, bis endlich alle schlafen!

Ich war sehr erstaunt und positiv überrascht, wieviel Handlung und Gefühle die Autorin Dagmar Chidolue trotz der geringen Wörterzahl in der Geschichte unterbringt. Wenn die kleinen Erstleserinnen und eventuell auch Erstleser dieses Buch am Ende der ersten Klasse bewältigen können, werden sie eine ganze Menge erleben!

Dagmar Chidolue & Gitte Spee: Millie übernachtet in der Schule. Oetinger 2017
www.oetinger.de

John B. Keane: Whiskey für den Weihnachtsmann

Irische Weihnachtsgeschichten

John B. Keane (1928 – 2002) gehört zu den beliebtesten Dramatikern Irlands. Er war Bühnenschriftsteller, Dichter, Romanautor und verfasste humorvolle Kurzgeschichten, wobei ihn zu letzteren bestimmt Erlebnisse im Familien-Pub in der ländlich-irischen Grafschaft Kerry inspirierten, den er zusammen mit seiner Frau führte.

Drei seiner Weihnachtsgeschichten  liest Otto Sander in gekürzter Form auf der 68 Minuten dauernden CD Whiskey für den Weihnachtsmann, einer Co-Produktion von Radio Bremen und Der Audio Verlag aus dem Jahr 2005. Da geht es in „Lang, lang ist’s her“ um eine alte Frau, die an Weihnachten immer vergeblich auf Post ihres nichtsnutzigen Sohnes wartet, bis der mitleidige Briefträger helfend eingreift, in „Apfelwein“ um einen jugendlichen Sünder, der am heiligen Abend anstatt zur Messe in den Pub geht und mit der furchtbaren Vision der irischen Todesfee bestraft wird, und in der titelgebenden Erzählung „Whiskey für den Weihnachtsmann“ um einen arbeitslosen Schauspieler, der vom Pfarrer als Weihnachtsmanndarsteller engagiert wird und in der Rolle seines Lebens ein wahres Weihnachtswunder vollbringt.

Obwohl die erste und die letzte Geschichte nicht wirklich überraschen, machen die Erzählweise und die schöne Sprache einfach Spaß beim Zuhören. Besonders gelungen finde ich die Charaktere der Protagonisten, die in all ihrer Unvollkommenheit doch stets wohlwollend gezeichnet sind und ans Herz wachsen. Dabei wird es nie weihnachtlich-kitschig, vielmehr geht es handfest und urig zu, eben typisch irisch, was der Sprecher Otto Sander (1941 – 2013) mit seiner rauchig-markanten Stimme gekonnt unterstützt. Schade fand ich nur, dass die Geschichten so vollkommen ohne Atempause aneinandergereiht sind, ein kurzer Moment der Stille oder ein paar Takte Musik haben mir beim Zuhören gefehlt.

John B. Keane: Whiskey für den Weihnachtsmann. Der Audio Verlag 2005
www.der-audio-verlag.de

Antonin Varenne: Die Treibjagd

Alte Clanstrukturen im Massif Central

Vor acht Jahren hat Michèle Messenet ihre kleine Heimatstadt im Massif Central verlassen, um allem, was sie hasste, zu entfliehen. Nach einem Absturz in die Drogensucht und einem Gefängnisaufenthalt ist sie nun zurückgekehrt. Wegen ihres kranken Vaters? Weil sie ihren Frieden mit ihrem Geburtsort machen will? Oder vielmehr wegen ihrer Jugendliebe Rémi Parrot, der nach einem Unfall im Alter von 15 Jahren, nach zwei Jahren im Krankenhaus und 28 chirurgischen Eingriffen mit chronischen Schmerzen und einer Codeinabhängigkeit als „Monstergesicht“ lebt?

Michèle ist Teil des Familienclans der Messenets, neben den Courbiers der beherrschende Familienverband in einer Region, in der Körperkraft und Verwandtschaft die wichtigsten Merkmale sind. Die beiden Großgrundbesitzerfamilien regieren schon seit Generationen ohne Rücksicht auf die Menschen, polarisieren die Bewohner, haben die Politiker in der Hand und degradieren die Staatsmacht zu einer marginalen Größe. Befassen sich die Courbiers mit der Holzwirtschaft, so machen die Messenets ihr Geld mit Vieh. Auch die Familie von Rémi, die erst in der dritten Generation hier lebt, konnte nie Fuß fassen und eine Verbindung zwischen dem Parrot-Enkel und der Messenet-Tochter war (und ist) für Michèles Familie undenkbar. Rémi hat sein Land vor einiger Zeit an die Platzhirsche verkauft, sich in die Waldhütte Terre Noire zurückgezogen, dem letzten Stück des Parrot-Hofs, und arbeitet als Revierjäger. Die Rückkehr von Michèle und das Verschwinden seines Freundes, des Waldaufsehers und Umweltaktivisten Philippe kurz vor der jährlich stattfindenden großen Treibjagd, reißen Rémi aus seinem zurückgezogenen Leben. Eine Lawine kommt ins Rollen, plötzlich tut sich die Chance auf, die seit alters zementierte Ordnung zu überwinden…

Glaubt man dem sehr atmosphärisch gestalteten Cover, so handelt es sich bei Die Treibjagd des Franzosen Antonin Varenne um einen Roman, für mich ist es jedoch eher ein psychologischer Krimi oder Thriller. Die nicht-chronologische Erzählweise stellt in diesem Fall hohe Anforderungen an die Konzentration der Leser, zumal die Überschriften in Bezug auf die zeitliche Abfolge eher zum Rätseln einladen. Da mit den Kapiteln auch die Perspektiven wechseln und immer wieder polizeiliche Vernehmungen von Michèle und Rémi eingestreut sind, die zum Teil Ereignisse vorwegnehmen, habe ich einige Zeit gebraucht, um mich in der Geschichte zurechtzufinden. Dann allerdings habe ich die in einer düsteren, rauen und doch faszinierenden Landschaft angesiedelte Handlung um despotische Familienclans, Machtspiele, Rache, Gerechtigkeit, verletzte Seelen und nicht zuletzt Liebe mit großer Spannung verfolgt und die Puzzleteile Stück für Stück zusammengesetzt.

Ein Wort noch zur Herstellung des Taschenbuchs: Der recht enge Druck bis dicht an die Buchmitte führt dazu, dass man das Buch mit Kraft aufhalten muss, ja, es scheint sich der Lektüre förmlich zu widersetzen. Ich würde in diesem Fall eine leserfreundlichere Ausstattung bevorzugen, auch wenn der Preis dadurch etwas höher wäre.

Antonin Varenne: Die Treibjagd. Penguin 2017
www.randomhouse.de

Andreas Tjernshaugen: Das verborgene Leben der Meisen

Beobachtungen und Fakten

Der Norweger Andreas Tjernshaugen ist zwar kein studierter Ornithologe, doch wurden ihm das Interesse und die Liebe zu den Vögeln in die Wiege gelegt. Gerade die Tatsache, dass er Laie ist und dies auch betont, macht sein Sachbuch über Meisen so allgemein verständlich und gut lesbar.

Wir begleiten Andreas Tjernshaugen und seine Familie durch ein Vogeljahr, beginnend mit der jährlichen norwegischen Gartenvogelzählung im Januar/Februar, nehmen teil am Geschehen in seinem Garten in Nesudden bei Oslo mit einer missglückten und einer erfolgreichen Meisenbrut, die zweite zur Freude der Familie im neu aufgehängten „Spionagenistkasten“ mit eingebauter Kamera. Angereichert sind die eigenen Beobachtungen Tjernshaugens durch Erkenntnisse, die er aus Gesprächen mit verschiedenen Wissenschaftlern gewonnen hat, sowie mit vielen wissenswerten Fakten aus der Fachliteratur über Meisen, insbesondere Kohl- und Blaumeisen. Die Fotos und Zeichnungen sind einerseits hübsch anzusehen, andererseits illustrieren sie die Beschreibungen des Autors sehr anschaulich.

Da auch in unserem Garten nahezu in jedem Jahr Kohlmeisen brüten, konnte ich einige der Beobachtungen Tjernshaugens sehr gut nachvollziehen, anderes werde ich in den kommenden Jahren aufmerksamer verfolgen, zum Beispiel die Revierverteidigung, den Gesang und – falls ich tatsächlich einmal so früh aus dem Bett komme – das tägliche Paarungsritual während der Zeit des Eierlegens. Vieles war mir neu, so habe ich die Meisen fälschlicherweise bisher für treu und monogam gehalten, obwohl es bei Blaumeisen Vielweiberei gibt und man durch Vaterschaftstest seit den 1990er-Jahren weiß, dass einige Eier in den Nestern der Kohlmeise von fremden Vätern befruchtet wurden. Am meisten interessiert hat mich allerdings der Bericht über die „Fremdpflege“, also Kohlmeiseneier, die Blaumeisen von Wissenschaftlern untergeschoben wurden und umgekehrt, sowie das anschließend beobachtete Verhalten der im falschen Nest aufgezogenen Vögel. Weniger folgen konnte ich dem Autor dagegen in seinen Vergleichen zwischen Meisen und Menschen, auch wenn er diese Überlegungen vorsichtig anstellt, und in seinem (gescheiterten) Bemühen, die Meisen handzahm zu machen.

Zum Glück sind Kohl- und Blaumeisen dank ihrer sehr weiten Verbreitung und ihrer Anpassungsfähigkeit nicht vom Rückgang betroffen, wie so viele andere Vogelarten, im Gegenteil steigt ihre Verbreitung und Zahl.

Im Anhang gibt Andreas Tjernshaugen Tipps zur Fütterung (darf auch ganzjährig erfolgen), zu Nistkästen samt Bauanleitung, zur Vogelbeobachtung und zum Erkennen von Vogelstimmen.

Alles in allem ist Das verborgene Leben der Meisen ein anregendes Sachbuch, unterhaltsam und informativ, und mit dem rustikalen Pappeinband in einer sehr passenden Ausstattung.

Andreas Tjernshaugen: Das verborgene Leben der Meisen. Insel 2017
www.suhrkamp.de

Manfred Mai: Adventsgeschichten

Wann ist endlich Weihnachten?

Warum nur vergeht die Zeit beim Warten auf das Christkind so langsam, jedenfalls aus Kindersicht? Eine Möglichkeit, sich im Advent die Zeit zu vertreiben, sind die netten Adventsgeschichten von Manfred Mai aus der Reihe Leselöwen für fortgeschrittene Erstleser und -leserinnen, die leider nur noch antiquarisch erhältlich sind. Sie sind nicht spektakulär, aber unterhaltsam, und greifen Alltagssituationen aus der Vorweihnachtszeit auf, die sich in jeder Familie so abspielen könnten.

Die sechs unabhängig zu lesenden Geschichten erzählen von Petras und Sarahs Fragen zur Bedeutung des Advents, von einem Nikolaus mit viel zu kleinen Stiefeln und zu kleiner Nase, der bei Patrick erste Zweifel sät, vom neugierigen Michael, der die Bescherung nicht abwarten kann, einem ungewöhnlichen Weihnachtsbaumeinkauf, von Jan, Christina und Thorsten, die Mitleid mit dem Briefträger haben, der selbst nie ein Päckchen bekommt, und vom zerstreuten Onkel Eduard, der sogar Weihnachten vergisst. Mir hat die Geschichte über den ungeduldigen Michael am besten gefallen, weil die Leser hier selbst für ein Happy End sorgen müssen.

Die Adventsgeschichten können dank großer Schrift, kurzer Sätze, Flattersatz und überschaubarer Seitenzahl pro Erzählung ab Ende der zweiten Klasse bewältigt werden. Die sehr hübschen, bunten, gar nicht kitschigen Illustrationen dazu stammen vom Niederländer Alex de Wolf und passen sehr gut zum Text.

Manfred Mai: Adventsgeschichten. Loewe 2004
www.loewe-verlag.de

Uwe Timm: Ikarien

Geschichte ist nie wirklich vergangen

Uwe Timm, geboren 1940, ist für mich einer der bedeutendsten zeitgenössischen deutschen Autoren. Sein Roman Am Beispiel meines Bruders gehört zu den Büchern, die ich auf eine einsame Insel mitnehmen würde, da ich das Buch immer wieder mit der gleichen Faszination lesen und Neues entdecken kann. Dabei bewundere ich nicht nur Uwe Timms überragende Fähigkeit im Umgang mit der deutschen Sprache, auch seinem Herangehen an die deutsche Geschichte nicht als Abrechnung, sondern als Versuch, Vergangenes zu verstehen, gehört meine Bewunderung.

Nachdem ich auf der Frankfurter Buchmesse 2017 ein Interview mit Uwe Timm und eine Lesung aus seinem jüngsten Roman Ikarien erleben durfte, war die Begeisterung sofort entfacht. Ausnahmsweise habe ich in diesem Fall allerdings nicht das Buch gelesen, sondern die glücklicherweise ungekürzte Lesung gehört, eine Coproduktion von BR2 und Random House Audio, die völlig auf Musik, Geräusche und Effekte verzichtet, so dass die gesamte Konzentration auf dem Text liegt, und das ist gut so. Ulrich Noethen liest sehr zurückhaltend und erleichtert das Verständnis durch vorsichtige Betonungen und ein angenehmes Sprechtempo, so dass ich ihm sehr gerne mehr als 13,5 Stunden lang zugehört habe, ja sogar nach dem Ende spontan noch einmal mit der ersten CD begonnen habe, denn ein solcher Text lässt sich kaum beim einmaligen Hören in seiner ganzen Vielschichtigkeit erfassen.

Uwe Timm hat den Stoff für Ikarien 40 Jahre lang mit sich herumgetragen, bis er schließlich die äußere Form fand, mit der ihn erzählen konnte. Im Mittelpunkt steht der ehemalige Kommunist und Mediziner Dr. Alfred Ploetz (1860 – 1940), der Großvater von Uwe Timms Frau, der die Eugenik in Deutschland begründete, den Begriff „Rassenhygiene“ prägte und letztlich den Weg für die NS-Euthanasie ebnete. Um seine Geschichte zu erzählen, lässt Uwe Timm den deutschstämmigen jungen US-Offizier Michael Hansen 1945 ins zerstörte Deutschland kommen, wo er wegen seiner Sprachkenntnisse den Auftrag erhält, das Archiv von Ploetz zu beschlagnahmen und dessen ehemaligen Wegbegleiter, den sympathischen achtzigjährigen Anarchisten und Pazifisten, ehemals in Dachau internierten, literaturbegeisterten Kurt Wagner zu befragen. Wagner erzählt gleichermaßen seine eigene Biografie und die von Ploetz, zunächst Freund, später Ex-Freund, und liefert Mosaikstein für Mosaikstein, um den Werdegang und das Denken des Eugenikers nachzuvollziehen. Beide Männer waren als Jugendliche entbrannt für Étienne Cabets Buch Die Reise nach Ikarien, in dem dieser 1848 die Utopie einer idealen, gerechten und gleichen Gemeinschaft entwarf, in der alle Ungerechtigkeit der Natur ausgeglichen werden sollte. Ploetz und Wagner reisten 1884 nach Iowa, wo Cabets Utopie umgesetzt worden war, doch war ihr Eindruck verheerend. Ploetz jedoch hielt an der Utopie fest, nun aber überzeugt, dass zur Umsetzung eine biologische Revolution erfolgen müsse. Damit war der Grundstein für seine Forschungen an Kaninchen, seine Ideen zur „Ausjätung des Minderwertigen“ und zur Züchtung einer widerstandsfähigen Elite durch gezielte Partnerwahl  bzw. Zwangssterilisation gelegt waren. Obwohl kein Nazi der ersten Stunde, sah er doch hier die Möglichkeit zur Umsetzung seiner Ideen und übernahm nach und nach immer mehr ihres Gedankenguts.

Wieder ist es Uwe Timm hervorragend gelungen, ein wahres Stück Geschichte frei gestaltet zu erzählen, das darüberhinaus in Zeiten von Forschungen zu Designerbabys einen hochaktuellen Bezug hat. Neben der Figur Alfred Ploetz hat mich auch die sehr atmosphärische Beschreibung Deutschlands, vor allem Münchens, kurz nach Kriegsende mit den Zerstörungen, den mannigfachen menschlichen Schicksalen, aber auch den kleinen ländlichen Idyllen, die Hansen zu genießen weiß, sehr berührt.

Ein großartiger Roman und ein uneingeschränkt empfehlenswertes Hörbuch!

Uwe Timm: Ikarien. Random House Audio 2017
www.randomhouse.de

Deon Meyer: Fever

 Nach dem viralen Tsunami

Nico Storm und sein Vater Willem gehören zu den zwei Millionen Südafrikanern, die das große Fieber, den „viralen Tsunami“, der 95% der Weltbevölkerung ausgelöscht hat, und das anschließende Chaos überlebt haben. 30 Jahre später schreibt Nico seine Erlebnisse während der ersten fünf Jahre nach dem Ende der Epidemie nieder, angereichert durch protokollierte Zeugenberichte. Er beginnt mit den Worten: „Ich will euch von dem Mord an meinem Vater erzählen. Ich will euch erzählen, wer ihn ermordet hat und warum. Denn dies ist die Geschichte meines Lebens. Und es ist auch die eures Lebens, ihr werdet es sehen.“

Die Erzählung beginnt, als Nico 13 Jahre alt ist. Er muss nicht nur den Verlust seiner Mutter, seiner Freunde und seiner Heimat verkraften, er erkennt auch schnell, dass sein Vater zwar sehr klug, sensibel und sanft, aber kein Held ist, und dass er ihn deshalb in Zukunft beschützen muss. Willem Storm, Geograph, Jurist und eine Art Universalgelehrter, hat nach dem Untergang der alten Welt eine Vision: Er möchte am Staudamm in Vanderkloof eine neue Siedlung nach dem Vorbild von Platons idealem Staat gründen, eine Gemeinschaft, die moralisch handelt, ethnische Grundsätze hat und in der Mitmenschlichkeit herrscht.

Amanzi, wie die neue Siedlung genannt wird, wächst dank Willems unermüdlicher Arbeit und seinem unbeirrbaren Optimismus kontinuierlich, erobert sich nach und nach viele Errungenschaften der alten Welt zurück, doch tauchen bald auch die überwunden geglaubten Konflikte wieder auf, im Inneren genauso wie durch Bedrohungen von außen.

Deon Meyer, Südafrikas bekanntester Krimiautor, begeistert mich seit vielen Jahren mit seinen Büchern um den Ermittler Bennie Griessel und sein  Porträt der südafrikanischen Gesellschaft. Nur deshalb habe ich mich nun an seine Dystopie gewagt, ein Genre, das ich üblicherweise eher nicht lese. Nach der Lektüre der 700 Seiten kann ich sagen, dass die Grundidee des Romans mir gut gefallen hat und ich ganz besonders die einfühlsame Darstellung der konfliktreichen Vater-Sohn-Beziehung sehr gelungen finde. Auch die Diskussionen im „Komitee“, der Regierung von Amanzi, sind sehr interessant, egal ob es um die richtige Staatsform, Fragen der Religion, der Armee, das Grundgesetz oder praktische Alltagsprobleme geht. Allerdings war mir der mittlere Teil des Buches zu langatmig und die Szenen mit den bewaffneten Konflikten nehmen mir zu viel Raum ein. Hier wäre eine starke Straffung in meinen Augen angebracht gewesen. Auf den letzten gut 100 Seiten stieg die Spannung dann aber wieder deutlich an und das Ende hat mich ausgesprochen überrascht.

Selbst wenn ich in Zukunft wieder bevorzugt zu seinen Krimis greifen werde, die mir auch sprachlich besser gefallen, war es interessant, Deon Meyer hier einmal ganz anders kennenzulernen. Fans von Dystopien kommen bei Fever auf jeden Fall auf ihre Kosten, bei mir gibt es 3,5 Sterne.

Deon Meyer: Fever. Rütten & Loening 2017
www.aufbau-verlag.de

Jetzt lese ich!

Bunte Geschichten für fortgeschrittene Erstleser

Jetzt lese ich! ist ein preisgünstiger Hardcover-Sammelband mit Auszügen aus Büchern des Verlags Thienemann, ausgewählt speziell für Erstleser. Autoren wie Max Kruse, Ursula Wölfel, Michael Ende, Otfried Preußler, Christian Berg, Joachim Friedrich und Hortense Ullrich kannte ich bereits und habe mich über alte Bekannte wie das Urmel und Tamino Pinguin gefreut. Aber auch die Geschichten von mir bisher unbekannten Verfassern wie Edith Schreiber-Wicke, Christian Tielmann, Jeanette Randerath und Angelika Glitz haben mir überwiegend gut gefallen.

Inhaltlich eignen sich alle Geschichten für Erstleser und die große, sehr deutliche Schrift erleichtert das Lesen, aber als „Kunterbunte Geschichten zum ersten Lesen“, so der Untertitel, würde ich sie trotzdem nicht bezeichnen, denn dazu sind einige zu lang, die Textmenge pro Seite ist teilweise zu groß, bei manchen Geschichten fehlt eine Unterteilung in Kapitel und der Blocksatz ist schwerer zu lesen, als der sonst für Anfänger übliche Flattersatz. Besonders die wunderschöne Geschichte vom Urmel, die ausgerechnet an erster Stelle steht, ist eindeutig zu anspruchsvoll: 35 Seiten an einem Stück, schwierige Wörter wie „Seeungeheuer-Soldaten“ oder „Schiffskanonenkugeln“ oder lustige Sprachfehler wie „Schwantschspitsche“ könnten echte Lesestarter entmutigen.

Eingesetzt ab dem Ende der zweiten Klasse ist das Buch allerdings sehr empfehlenswert, wobei meine Favoriten „Mein bester Freund und das Verlieben“ von Joachim Friedrich und „Zahlen her, sagt der Bär“ mit den Rechen-Vierzeilern von Edith Schreiber-Wicke sind.

Jetzt lese ich! Thienemann 2012
www.thienemann-esslinger.de/thienemann