Øistein Borge: Kreuzschnitt

Die Spur führt weit in die Vergangenheit

„Du hast mein Leben zerstört. Jetzt habe ich deins zerstört.“ – Vor einigen Jahren hat Bogart Bull, Kommissar bei der Osloer Kriminalpolizei, den damals 19-jährigen Richard Torp wegen diverser Sexualdelikte hinter Gitter gebracht, nun, nach seiner Entlassung, hat Torp Bulls Frau und 12-jährige Tochter bei einem provozierten Autounfall getötet. Für Bull stellt sich die Frage, ob er aufgeben oder weitermachen will, und er beantwortet sie zunächst mit einem Absturz in die Alkoholsucht. Zur Retterin wird seine Chefin Eva Heiberg, die nicht nur für einen Therapieplatz sorgt, sondern ihm darüber hinaus ein halbes Jahr nach der Tragödie die Chance auf einen Neubeginn ermöglicht: Er soll als norwegischer Ermittler bei Europol für norwegische Verbrechensopfer im EU-Ausland zuständig sein.

Nachdem Bull die Stelle trotz vielfältiger Bedenken akzeptiert, hat er sofort den ersten Fall auf dem Tisch: An der Côte d’Azur wurde der norwegische Immobilieninvestor und Multimillionär in seinem Haus ermordet und der Leiche posthum ein Kreuzzeichen in den Rücken geschnitten. Gestohlen wurde lediglich ein scheinbar unbedeutendes kleines Ölgemälde, die wertvolle Kunstsammlung dagegen nicht angetastet.

Zusammen mit Kommissar Jean Moulin von der Kriminalpolizei Marseille beginnt Bogart Bull mit den Ermittlungen, die ihn erstmals seit den tragischen Ereignissen wieder aus seiner „heiligen Dreieinigkeit Haus, Grab, Büro“ hinausführen. Um den Fall zu lösen, werden die beiden Ermittler tief in die Vergangenheit blicken müssen, zu einem Künstlertreffen in Cotignac an der Côte d‘Azur im Jahr 1906 mit Henri Matisse, Edvard Munk und fünf anderen Malern des Fauvismus, darunter der junge Santiago Gaillard, zu Gaillards Neubeginn nach dem Tod seiner Frau in der Nähe von Limoges 1918 und zu einem Massaker an einer Gruppe von „Maquisards“, Kämpfern der Résistance, auf dem Gaillard-Hof 1943. Und es wird weitere Tote geben, wieder mit einem Kreuz auf dem Rücken…

Mit Bogart Bull hat der 1958 geborene norwegische Krimiautor Øistein Borge einen sehr sympathischen, vielschichtigen Protagonisten geschaffen. Auch seine verständnisvolle, kluge Chefin hebt sich wohltuend von den sonst oft dümmlichen Vorgesetzten der Ermittler ab. Außerdem hat mir die Idee, den Hauptakteur zukünftig an verschiedenen europäischen Orten einzusetzen, sehr gut gefallen, ebenso wie die nicht selbstverständliche vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen dem Europol-Abgesandten und der französischen Polizei. Allerdings waren mir die Teile in der Vergangenheit etwas zu ausufernd geschildert, obwohl ich mich eigentlich sowohl für die Résistance, als auch für Malerei interessiere.

Øistein Borge: Kreuzschnitt. Droemer 2017
www.droemer-knaur.de

Colson Whitehead: Underground Railroad

Das richtige Buch zur richtigen Zeit

Die Underground Railroad war ein aus Gegnern der Sklaverei, Farbigen wie Weißen, bestehendes informelles Netzwerk, das zwischen 1780 und 1862 etwa 100 000 Sklaven bei der Flucht aus den Südstaaten der USA in den Norden unterstützte. Man bediente sich dabei des Vokabulars der Eisenbahn, aber erst Colson Whitehead machte in seinem 2016 in den USA erschienenen, 2017 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Bestseller Underground Railroad aus der Metapher eine wirkliche Eisenbahn mit unterirdischen Gleisen, Dampflokomotiven, Wagen und Bahnhöfen. Diese Drehung ins Phantastische ist eine geniale Idee und hat mich, obwohl ich gewöhnlich keine Fantasy lese, absolut begeistert.

Erzählt wird die Geschichte von Cora, einer jungen, starken Sklavin, deren Großmutter Ajarry aus Afrika verschleppt, mehrfach verkauft, missbraucht und entwürdigt wurde, bevor sie schließlich auf die Randall-Plantage in Georgia kam: „Es gab eine Ordnung von Elend, ein in anderem Elend steckendes Elend, und man musste den Überblick behalten.“ Coras Mutter Mabel gelang als einziger Sklavin der Farm die Flucht, ein Stachel im Fleisch des sadistischen Plantagenbesitzers und des berüchtigten Sklavenfängers Ridgeway. Cora leidet unter dem Verlassenwerden durch die Mutter, hasst sie, wird zur Einzelgängerin. Als auch sie um 1850 flieht, wird eine beispiellose Belohnung ausgesetzt und jeder verfügbare Mann aus der Umgebung schließt sich der Suche an, allen voran Ridgeway. Doch Cora ist auf ihrer Odyssee durch South und North Carolina, Tennessee, Indiana und Richtung Norden nicht alleine, immer wieder kann sie auf die Unterstützung der Underground Railroad zurückgreifen, ein mehr als gefährliches Unterfangen für alle Beteiligten: „So viele von denen, die ihr geholfen hatten, hatten ein schreckliches Schicksal erfahren.“ Immer wieder begegnet sie Ridgeway, der besessen von ihrer Ergreifung ist und seine Schmach im Falle Mabels tilgen möchte. Sie lernt den ganz unterschiedlichen Umgang der Bundesstaaten mit den Farbigen kennen, erlebt in South Carolina, wo die Farbigen „gehütet und domestiziert“ werden, eine relative Freiheit, die keine ist, muss sich in North Carolina monatelang vor der Lynchjustiz auf einem Spitzboden verstecken und findet in Indiana vorübergehend ein Paradies auf einer Farm für Geflüchtete, bis auch dieses Symbol des Aufstiegs der Farbigen zur Zielscheibe wird. Zwischen den Kapiteln mit den Überschriften der Bundesstaaten gibt es kürzere Abschnitte über einzelne Personen, unter anderem Coras Großmutter Ajarry, ihre Mutter Mabel und den mit ihr geflohenen Caesar.

Kein Elend und keine Grausamkeit der Sklaverei erspart uns Colson Whitehead, der sich zum Teil an den in den 1930er-Jahren von der US-Regierung aufgezeichneten Slave narratives orientiert hat. Weit weg von Vom Winde verweht zeigt er die Entmenschlichung und was es heißt, Ware und Eigentum zu sein, sprachlich brilliant und mit differenzierten Charakteren. Doch bleibt seine Darstellung nicht auf die Sklaverei beschränkt, auch die zweite Urschuld der USA, die Enteignung der Indianer, wird thematisiert, und vieles lässt sich problemlos auf andere Unrechtsregime übertragen.

Ganz ohne Zweifel ist Underground Railroad angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen in den USA und einem in Teilen wieder salonfähig gewordenen Rassismus und Nationalismus eine der wichtigsten Neuerscheinungen 2016 in den USA und 2017 in Deutschland. Das heißt für mich allerdings nicht, dass der Roman über alle Kritik erhoben ist. Mich hat vor allem gestört, dass Colson Whitehead immer wieder Begleitumstände der Sklaverei schildert, die es so nicht gab, was in meinen Augen angesichts der belegbaren Gräuel nicht nur völlig überflüssig ist, sondern sogar das tatsächlich stattgefundene Unrecht schmälert. Natürlich handelt es sich bei Underground Railroad nicht um ein Sachbuch, sondern um einen Roman, doch erwarte ich auch hier eine saubere Darstellung der historischen Tatsachen, selbst wenn sich alles, wie der Autor es ausdrückt, „so hätte abspielen können“.

Trotz dieser Kritik empfehle ich Underground Railroad unbedingt zur Lektüre, denn es ist das richtige Buch zur richtigen Zeit.

Colson Whitehead: Underground Railroad. Hanser 2017
www.hanser.de

Pierre Lemaitre: Drei Tage und ein Leben

Schuld kann man nicht abstreifen

Frankreich als Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse ist für mich in den vergangenen Monaten ein wirklicher Gewinn, denn Isabelle Autissiers Herz auf Eis (mare), Leïla Slimanis Dann schlaf auch du (Luchterhand) und nun Pierre Lemaitres Drei Tage und ein Leben sind absolute Höhepunkte des Literaturjahres 2017.

„Ende Dezember 1999 ging eine überraschende Reihe tragischer Ereignisse auf Beauval nieder…“, ein packender Romanbeginn, mit dem ich sofort mitten im Geschehen war. Am 23. Dezember 1999 verschwindet der sechsjährige Rémi Desmedt spurlos. Das Dorf steht Kopf, allen voran natürlich die verzweifelten Eltern. Keiner ahnt, dass der zwölfjährige Antoine Courtin, ein stiller, sympathischer, zu leichter Depression neigender Einzelgänger, der nie durch Gewalt aufgefallen ist, den Nachbarsjungen, den er eigentlich sehr gern hatte, in einem Anfall blinder Raserei wegen eines von Rémis Vater erschossenen Hundes mit einem Stockschlag im Wald getötet und die Leiche dort versteckt hat: „Von einem unüberwindlichen Gefühl der Ungerechtigkeit erfüllt, war Antoine plötzlich nicht mehr er selbst. Der Effekt der Erstarrung, den Odysseus‘ Tod ausgelöst hatte, verwandelte sich in diesem Moment in Raserei. Blind vor Zorn packte er den Stock…“.

Doch nicht genug, bevor die Suchtrupps ihre Arbeit beenden können, gehen der Sturm Lothar, sintflutartiger Regen und der Sturm Martin über die Region hinweg und hinterlassen nicht nur ein Dorf wie nach einem Bombenangriff, sondern machen auch den Wald unpassierbar. Die Betroffenheit über Rémis Verschwinden verliert schlagartig an Bedeutung: „Nicht nur die Unmöglichkeit, Monsieur Desmedt zu helfen, war bedrückend, sondern auch der Eindruck, dass das Verschwinden seines kleinen Jungen, so tragisch es auch sein mochte, von nun an in den Hintergrund gedrängt würde und es angesichts des Übels, von dem jeder betroffen war, nie wieder eine kollektive Angelegenheit werden würde.“

Über 250 Seiten geht Pierre Lemaitre der Frage nach, wie ein Kind, später ein junger Mann, mit der Schuld leben kann, wie die Angst vor der Entdeckung ihn verfolgt, welche Fluchtphantasien er hegt und wie er sich einige Male fast offenbart.

Der Aufbau des Romans ist strikt chronologisch mit den drei Teilen „1999“, „2011“ und „2015“, die Erzählweise personal aus der Sicht Antoines, also nicht in der Ich-Form. Zu gerne wüsste man mehr über die Gedanken seiner Mutter Blanche, die etwas zu ahnen scheint, des Hausarztes oder den Stand der polizeilichen Ermittlungen, bleibt jedoch auf Mutmaßungen aufgrund von Indizien angewiesen.

Drei Tage und ein Leben ist nicht nur unglaublich packend und voller unerwarteter Wendungen, sondern auch ein meisterhaft erzähltes Psychodrama. Die Szene vor und während des Weihnachtsgottesdienstes, als das ganze Dorf sich in der in der Kirche versammelt, was Lemaitre mit den Worten „Der religiöse Eifer war eine recht saisonale Angelegenheit“ einleitet, ist für sich alleine genommen bereits die Lektüre wert, genauso wie die Beschreibung der Mutter-Sohn-Beziehung und das Verhalten von Blanche im Angesicht der Verstörtheit ihres Sohnes: „Madame Courtin jedoch hatte ihre eigene Methode. Zwischen Tatsachen, die sie störten, und ihrer Vorstellungskraft errichtete sie eine hohe und stabile Mauer, durch die nur eine vage Furcht hindurchdrang, welche sie mittels einer unerhörten Menge an Gewohnheitsgesten und unerschütterlichen Ritualen in Schach hielt.“

Ein absolut empfehlenswerter Roman des 1951 geborenen französischen Autors Pierre Lemaitre, der 2013 für Wir sehen uns dort oben mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde, hervorragend übersetzt von Tobias Scheffel.

Pierre Lemaitre: Drei Tage und ein Leben. Klett-Cotta 2017
www.klett-cotta.de

Michaela Hanauer & Silke Voigt: Prinzessinnengeschichten

Bekannte Märchen anders erzählt

Vier Lesestufen umfasst die Loewe-Erstlesereihe Leselöwen: Bildermaus ab fünf Jahren mit Bildern zum Lesenlernen, Ich für dich, du für mich zum gemeinsamen Lesen ab sechs, Lesetiger für das erste Selberlesen ebenfalls ab sechs und Lesepiraten für fortgeschrittene Leser ab sieben Jahren.

Prinzessinnengeschichten gehört zur dritten Lesestufe, zum Lesetiger. In großer Fibelschrift gedruckt und im Flattersatz gesetzt, sehr reich bebildert mit vier Illustrationen pro Doppelseite, mit kurzen, einfachen Wörtern und Sätzen und in kurze Leseabschnitte mit maximal vier Zeilen zwischen den Bildern gegliedert, können bereits Erstklässler diese vier Geschichten bewältigen.

Das pinkfarbene Cover macht bereits die Zielgruppe klar: Mädchen, die vom Prinzessinnendasein träumen. Zum Glück entsprechen die vier Prinzessinnen in den Geschichten „Das Rosenschloss“, „Eine Erbse für Fiona“, „Die Froschprinzessin“ und „Kein Aschenputtel“ dann aber gar nicht dem üblichen Klischee. Vielmehr greifen sie beherzt zum Schwert, kochen nachts Erbsensuppe, verschenken ihre Krone oder schleichen sich heimlich auf den verbotenen Ball. Auch die Illustrationen sind eher frech-witzig als rosa-süß, was mir gut gefallen hat.

Für alle, die die Märchen „Dornröschen“, „Die Prinzessin auf der Erbse“, „Der Froschkönig“ und „Aschenputtel“ nicht kennen, sind diese abgewandelten Versionen bestimmt sehr nett und unterhaltsam. Meine Töchter, die an den Originalversionen im Wortlaut hingen, hätten sich mit diesen Geschichten aber schwergetan.

Michaela Hanauer & Silke Voigt: Prinzessinnengeschichten. Loewe 2013
www.loewe-verlag.de

Friedrich Ani: Ermordung des Glücks

Noch lange nicht pensioniert genug

So, wie die Katze das Mausen nicht lassen kann, kann Jakob Franck, ehemaliger Hauptkommissar im Münchner Morddezernat, nach seiner Pensionierung nicht aufhören zu ermitteln. Er nimmt eine „inoffizielle Rolle als polizeilicher Hilfsdienstleister und Zuhörer in Notzeiten“ ein, überbringt wie zu seiner aktiven Zeit zur Erleichterung seiner ehemaligen Kollegen Todesnachrichten an Hinterbliebene und längst hat sein Nachfolger André Block begriffen und akzeptiert, „dass sein ehemaliger Chef noch lange nicht pensioniert genug war“.

Im aktuellen Fall Ermordung des Glücks, dem zweiten der Reihe nach dem 2016 mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichneten Start Der namenlose Tag, informiert Jakob Franck die Eltern des elfjährigen Lennard Grabbe über den Tod ihres vermissten Sohnes. 34 Tage nach seinem Verschwinden an einem Novemberabend bei strömendem Regen hat man die Leiche in einem Waldstück gefunden. Lennard wurde noch am Abend seines Verschwindens durch einen massiven Schlag auf den Kopf getötet, aber nicht missbraucht. Hoffnung auf Spuren gibt es nach so langer Zeit und angesichts der Witterung kaum, doch nicht nur die Soko, sondern auch Franck verbeißt sich in die Auflösung des Falles: „Vier Todesfälle blieben bei seinem Abschied aus dem Dezernat ungeklärt zurück. Er würde nicht zulassen, dass ein fünftes Verbrechen, in dessen Sog er geraten war – oder in den er sich aus freien Stücken begeben hatte -, in einer Akte bei den kalten Fällen endete.“ Außerdem möchte er den Eltern nach der Todesnachricht auch die Mitteilung von der Lösung des Falles überbringen. Eine Zufallsbegegnung? Ein Bekannter des Jungen, der bereits als Exhibitionist und Spanner aktenkundig wurde? Ein familiärer Hintergrund? Fünf verhaftete Crack-Dealer, zwei illegal in einer Brauerei beschäftigte Somalier und ein weiterer Spanner sind das Nebenprodukt der Ermittlungen, aber weit und breit ist kein Motiv und kein Täter im Falle Lennard Grabbe zu finden…

Neben der offiziellen Ermittlungsarbeit von Seiten der Polizei und dem ebenso ungewöhnlichen wie beharrlichen Vorgehen Francks besticht auch in diesem zweiten Fall wieder der Blick in die Abgründe der Gesellschaft und in die bis zu diesem Unglück scheinbar intakte Familienwelt der Grabbes. Die Unvereinbarkeit ihrer Trauer und ihre Sprachlosigkeit sind ständig fühlbar, und die düstere Stimmung wurde nur durch mein unbedingtes Vertrauen in Francks Fähigkeiten nicht übermächtig. Lennard, das einzige, spät geborene Kind, war der Lebensmittelpunkt vor allem der Mutter, die nun in ihren Schmerz versinkt, sich „vor aller Augen in einen Schatten“ verwandelt, jede Hilfe, auch die ihres Mannes und ihres sehr nahestehenden Bruders, ablehnt, und nachdem sie mit ihrem alten Leben abgeschlossen hat nicht weiß, ob sie ein neues beginnen soll.

Ein düsterer Krimi, der sich vom Gros seines Genres abhebt, nicht ganz realistisch, da ein pensionierter Polizist sich mit Sicherheit nicht so in die laufende Ermittlungsarbeit einmischen darf, aber ausgesprochen atmosphärisch, psychologisch interessant und von einer guten sprachlichen wie literarischen Qualität.

Friedrich Ani: Ermordung des Glücks. Suhrkamp 2017
www.suhrkamp.de

Leïla Slimani: Dann schlaf auch du

Die Bedrohung von innen

Frankreich ist im Oktober 2017 Ehrengast der Frankfurter Buchmesse und aus diesem Grund liegt derzeit ein besonderer Fokus auf der Literatur unseres Nachbarlands. Vor allem eine Neuerscheinung hat dabei mein Interesse geweckt: Dann schlaf auch du, 2016 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet, das zweite Buch der 1981 in Rabat geborenen, mit 17 Jahren zum Studium nach Paris übersiedelten Autorin Leïla Slimani. Der Roman stand monatelang auf der französischen Bestsellerliste, was nicht immer selbstverständlich mit der Auszeichnung einhergeht.

Bereits mit dem ersten Satz schlägt Leïla Slimani zu: „Das Baby ist tot.“ Und zwei Seiten später heißt es am Schluss des ersten Kapitels: „Adam ist tot. Mila wird ihren Verletzungen erliegen.“  Zwei tote Kinder, erstochen von der vermeintlich perfekten Nanny – wie konnte es zu dieser Tragödie kommen?

Etwas mehr als 200 Seiten lang berichtet die Autorin nüchtern und ohne zu (ver-)urteilen über die Vorgeschichte des Doppelmords. Sie erzählt von den Eltern, der arabischstämmigen Myriam, der nach der Geburt ihrer Kinder zuhause die Decke auf den Kopf fällt, und die wieder in ihren geliebten Beruf als Anwältin einsteigt, und Paul, dem Musikproduzenten. Als Louise sich bei Ihnen vorstellt, ist es Liebe auf den ersten Blick von Seiten der Eltern und der Kinder. Louise ist die gute Fee, die nicht nur Adam und Mila betreut und letztere bändigt, sie verwandelt die Wohnung in einen hellen, ruhigen, aufgeräumten Ort, kocht für die Familie und deren Gäste und bleibt abends so lange, bis Myriam spät aus dem Büro kommt: „Louise ist da und hält diese fragile Konstruktion aufrecht. Myriam lässt sich bereitwillig bemuttern. Jeden Tag überlässt sie einer dankbaren Louise weitere Aufgaben.“ Und: „Sie ist die Wölfin mit der Zitze, an der sie alle trinken, die verlässliche Quelle ihres Familienglücks.“ Alle beneiden die Familie Massé um diese „Nounou“, doch schlich sich bei mir relativ früh auch ein latentes Gefühl der Bedrohung ein. Und auch Myriam und Paul spüren sie. Louise kommt immer früher und geht immer später, „baut sich beharrlich ihr Nest inmitten der Wohnung“ und übernimmt immer mehr die Kontrolle. Sie ist unverzichtbar und doch träumt Paul schließlich davon, „sich von Louises Herrschaft zu emanzipieren“ und Myriam „würde sie gerne aus ihrem Leben verschwinden lassen“, aber viel zu tief sind bereits die Abhängigkeiten. Dabei wissen die Massés eigentlich kaum etwas über Louise, über ihre finanziellen und familiären Schwierigkeiten, ihre Vergangenheit, ihr Außenseiterdasein als Weiße unter den meist farbigen Nannys und ihre Angst, nicht mehr gebraucht zu werden, wenn Adam in den Kindergarten kommt.

Herausragend an Leïla Slimanis Roman waren für mich die Milieu-schilderungen der bürgerlichen Mittelschicht, der Generation Y  und des Prekariats, die fast protokollmäßig wirkende, knappe Erzählweise, bei der es meist nicht einmal Kapitelüberschriften gibt, und das schrittweise einsetzende Gänsehautgefühl, das sich schnell bei mir einstellte und bis zum Ende nicht mehr verschwand.

Leïla Slimani: Dann schlaf auch du. Luchterhand 2017
www.randomhouse.de

Salah Naoura & SaBine Büchner: Superhugo rettet Leben!

Ein Superhund und eine kleine Katze

Büchersterne heißt die Reihe für Erstleser aus dem Oetinger Verlag, die für Lesespaß in drei Stufen sorgen soll. Der vorliegende Band Superhugo rettet Leben! von Salah Naoura gehört zur mittleren Kategorie für die erste und zweite Klasse, ist in großer Fibelschrift und im Flattersatz mit kurzen Zeilen gedruckt, hat kurze Leseabschnitte und ist in fünf Kapitel unterteilt, textunterstützend illustriert von SaBine Büchner und bietet auf acht Doppelseiten am Ende viele abwechslungsreiche Rätselangebote mit Lösungen.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Hugo, ein kleiner Hund, der zu Beginn akzeptieren muss, dass das Kätzchen Mimi bei ihm und Oma Frieda einzieht. Was Superhund Hugo mit seinen Superstiefeln und seinem Superauto erlebt und wie er schließlich nicht nur eine Fliege, sondern sogar Mimi rettet, ist fantasievoll-verrückt erzählt und ebenso knallbunt wie humorvoll illustriert.

Salah Naoura & SaBine Büchner: Superhugo rettet Leben! Oetinger 2015
www.oetinger.de

Elena Ferrante: Die Geschichte der getrennten Wege

Die Waage neigt sich hin und her

Der Einstieg in Elena Ferrantes dritten Band ihrer neapolitanischen Saga gelang mir wie schon beim letzten Mal trotz einiger Monate Wartezeit problemlos: nach wenigen Seiten war ich wieder eingetaucht in die ungleichen Biografien der Kinderfreundinnen Elena und Lila aus dem neapolitanischen Rione.

Wies das Cover des zweiten Bandes „Die Geschichte eines neuen Namens“ durch den im Sturm wehenden Brautschleier von Lila auf den turbulenten Verlauf ihrer Ehe hin, so wirkt die Mutter mit dem in die Ferne zeigenden Kind auf dem Arm als Titelbild des dritten Bandes „Die Geschichte der getrennten Wege“ ruhig und friedlich. Doch davon sollte man sich nicht täuschen lassen, denn weder Elenas noch Lilas Leben verläuft in ruhigen Bahnen. Die soziale Distanz zwischen den beiden Frauen vertieft sich zu Elenas Gunsten nach ihrer Heirat mit dem Universitätsprofessor Pietro Airota aus einer seit Generationen für den Sozialismus kämpfenden Familie der intellektuellen Oberschicht. Kurz vor der Hochzeit und ihrem Wegzug nach Florenz kommen sich Elena und Lila noch einmal näher, als Elena der völlig entkräfteten, in einer Wurstfabrik schuftenden Lila, die dem Wohlstand und Ansehen ihrer unglücklichen Ehe und dem Rione entflohen ist und in einer WG mit ihrem kleinen Sohn und ihrem Jugendfreund Enzo lebt, zur Hilfe eilt. Dank ihrer neu gewonnenen Beziehungen verschafft Elena Lila Arzttermine, einen Anwalt zur Eintreibung ihres ausstehenden Lohns und Kontakt zu einem Computerspezialisten, der Enzo und Lila den Einstieg in diese neue Branche vermittelt. Doch Lila dankt es ihr am Ende nicht: „Du weißt gar nichts mehr über uns, also halte lieber die Klappe.“ Der Konflikt spiegelt im Kleinen den Konflikt zwischen Studenen und Arbeitern der linken Bewegungen in den 1960er- und 70er-Jahren wider.

Während Lila und Enzo sich in der neuen Digitalbranche hocharbeiten, ist Elena in ihrer Ehe mit einem zwar hochintelligenten, aber „farblosesten aller Akademiker“ gefangen und zum Stillstand verurteilt. Pietro, der größte Probleme an der Florentiner Universität hat, haben ihre Erfolge als Romanautorin nie behagt, er ermutigt sie nicht zu intellektueller Arbeit und zum Schreiben, sieht sie nicht als Partnerin auf Augenhöhe und reduziert sie auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter zweier Töchter.

Band drei der Saga spielt Ende der 1960er- und in den 1970er-Jahren vor der Kulisse der politischen Konflikte und der explosiven Stimmung in Italien: eskalierende Gewalt zwischen Faschisten und Kommunisten, Spannung unter den Kommunisten, expandierende Mafia-Strukturen, Arbeiterproteste, Studentenunruhen, Terrorismus und Frauenbewegung. Am Ende ist nicht nur die Welt aus den Fugen, sondern auch Elenas Leben. Während sich bei Lila, die in den Rione zurückgekehrt ist und ausgerechnet für den verhassten Mafia-Boss Michele Solare hochbezahlt in dessen neuer Lochkartenfabrik arbeitet, alles zum Besseren zu wenden scheint, stehen bei Elena alle Zeichen auf Sturm.

Obwohl ich auch diesen dritten Teil von Elena Ferrantes erfolgreichem Vierteiler gern gelesen habe, hat er mir doch nicht ganz so gut gefallen wie die beiden Vorgänger. Längen in der ersten Hälfte und die für mich nicht immer nachvollziehbare Schere zwischen Abhängigkeit, Zuneigung, Ablehnung und sogar Hass zwischen den beiden Protagonistinnen haben das Leseerlebnis dieses Mal etwas getrübt. Trotzdem freue ich mich auf das Erscheinen von Band vier und bin selbstverständlich auch dann wieder dabei!

Elena Ferrante: Die Geschichte der getrennten Wege. Suhrkamp 2017
www.suhrkamp.de

Anne von Canal: Whiteout

Eisschichten

Drei Freunde, so unzertrennlich, dass sie zusammen nur einen Schatten werfen, zehn gemeinsame Kinder- und Jugendjahre, Zukunftspläne für eine Studenten-WG in Hamburg und ein Leben als Polarforscher, herübergerettet aus alten Kindheitsträumen – und dann urplötzlich ein Bruch: „Nichts, was darauf hinwies, warum du uns nicht mehr kennen wolltest.“ Nach einem gemeinsamen Urlaub an der französischen Atlantikküste verabschiedet Fido sich wie immer von den Geschwistern Hanna und Jan, um dann vollkommen aus deren Leben zu verschwinden. 20 Jahre ist das nun her und Hanna, die trotz allem ihren Traum von der Forscherkarriere verwirklicht hat, ist damals emotional eingefroren, einsam geworden, hat das Vertrauen in die eigene Urteilsfähigkeit eingebüßt, hat alles weggeräumt, was mit Fido zu tun hatte und sogar den Kontakt zu Jan und ihrer Familie weitgehend abgebrochen. Wie bei einem „Whiteout“, einem meteorologischen Phänomen, das durch stark diffuse Reflexion des Sonnenlichts ein Verschwinden des Horizonts zur Folge hat, hat das abschiedslose Verschwinden Fidos bei Hanna eine Desorientierung ausgelöst, die sie nur mit Hilfe der zielstrebigen Verwirklichung ihres Lebenstraums verdrängen konnte.

Nun leitet sie eine fünfköpfige Antarktisexpedition, bei der an diesem „Außenposten im Grenzbereich des Möglichen“ ein 300 Meter langer Eiskern herausgebohrt werden soll, um „dem Eis seine Geheimnisse zu entlocken“. Und genau hier, wo sie ihren Erinnerungen nicht entkommen kann, erreicht sie die Mail ihres Bruders vom Tod Fidos.

Whiteout ist nach Herz auf Eis und Everland die dritte Neuerscheinung des Jahres 2017 für mich, die in der Antarktis spielt, einer Region, die durch die Diskussion über den Klimawandel immer mehr in den Fokus des allgemeinen Interesses und damit offensichtlich auch der Literatur gerät. Doch die Antarktis ist in Anne von Canals Roman weit mehr als nur Handlungsort, sie ist Metapher für Hannas Zielstrebigkeit und Durchsetzungsvermögen, aber auch für ihre Einsamkeit und das Eis, das sich nach dem überraschenden Verlassenwerden durch die Freundin gebildet hat. Was hat sie damals übersehen, welche Fehler hat sie gemacht und warum hat Fido so anhaltend geschwiegen? Welche Folgen hat ihr Tod mit knapp 40 Jahren für Hanna? Welche Erinnerungen halten einer kritischen Überprüfung stand? Und was können wir als Leser überhaupt glauben, wo wir doch nur eine, Hannas Sicht auf die Geschehnisse erfahren?

Während in der Antarktis ein Blizzard tobt und das Forschungsprojekt unter einem immer schlechteren Stern steht, kämpft Hanna mit ihrer unbewältigten Vergangenheit. Dass allmählich ein Genesungsprozess in Gang zu kommen scheint, merkt man daran, dass sie zum ersten Mal eine Bemerkung über Fido machen und das zuvor für sie reservierte „du“ für einen anderen Menschen verwenden kann.

Ein sehr stark erzählter, kleiner Roman vor einer beeindruckenden Kulisse, ausdrucksstark, bildreich, mit einem wunderschönen Cover und einem hoffnungsvollen Schlusssatz: „Dies ist ein Ort, an dem Zweifel enden.“

Anne von Canal: Whiteout. mare 2017
www.mare.de

Babett Jacobs: Die Wilma hat Ferien

Ferien auf Norderney

Auch wenn es sich bei Die Wilma hat Ferien von Babett Jacobs bereits um den zweiten Band der Reihe handelt, fällt der Einstieg leicht, denn alles Wissenswerte erfährt man im Vorkapitel „Wer ist eigentlich diese Wilma?“.

Wilma ist knapp sieben Jahre alt, hat das erste Schuljahr gut gemeistert und kann nun zum ersten Mal die Sommerferien genießen. Bevor die Familie zum Zelten nach Norderney aufbricht, muss Wilma erst noch einen Krimi mit Frau Gurkes verrücktem Spitz im Supermarkt überstehen, aber dann geht es auch schon los und zum ersten Mal ans Meer. Zwar wird aus dem Zelturlaub der Laiencamper ein Urlaub in der Pension Strandnixe, aber das ist gar nicht so schlimm. Tränen fließen nur zum Abschied, denn der Urlaub war mit den neuen Freunden einfach zu schön, das Essen zu lecker und Norderney zu spannend!

Die kleinen Alltagsabenteuer der sympathischen Wilma sind ruhig und einfühlsam erzählt, es kommt aber nicht allzu viel Spannung auf. Das herstellerisch sehr schön gemachte Buch mit der großen, klaren Schrift, dem angenehmen Zeilenabstand und den einfachen Sätzen richtet sich vor allem an Erstleser. Allerdings sind die Kapitel relativ lang und die Schwarz-Weiß-Illustrationen von illuBine eher spärlich, was zu einer für diese Zielgruppe umfangreichen Textmenge pro Seite führt. Zweitklässler sind deshalb recht gefordert, nicht zuletzt auch wegen schwieriger Wörter wie „Parterrefenster“, „Kirschlorbeersträucher“ oder „Tohuwabohu“.

Babett Jacobs: Die Wilma hat Ferien. Jacobs Children’s Book 2016
www.jacobschildrensbook.com