Karen Köhler: Miroloi

  „Es kann woanders nur besser sein als hier“

Jedem Bewohner der „Schönen Insel“ wird nach seinem Tod ein „Miroloi“ gesungen, ein Totenlied, nur die sechzehnjährige Ich-Erzählerin hat weder ein Anrecht darauf noch auf einen eigenen Namen. Als Findelkind steht sie ganz unten in der gnadenlosen Hierarchie einer rückständigen Gesellschaft, die von der Außenwelt nahezu abgeschlossen ist. An der Spitze stehen ein Ältestenrat als weltliche und der Bethaus-Vater als religiöse Macht. 30 Gesetze und die heilige „Khorabel“ regeln das Leben der Inselbewohner bis ins kleinste Detail und werden bei Bedarf von den Herrschenden umgeschrieben. Alle anderen Bewohner des einzigen, des „schönen Dorfes“ sind nahezu rechtlos, Frauen stehen deutlich unter den Männern, da sie von jeglicher Form der Bildung ausgeschlossen sind, die Verweigerung von technischem Fortschritt dient als Mittel der Unterdrückung in dieser archaisch anmutenden und doch im Heute angesiedelten Gesellschaft. Häusliche Gewalt und sexuelle Übergriffe sind an der Tagesordnung und werden geduldet, Regelverstöße werden mit dem Pfahl bestraft, Fluchtversuche wie im Falle der Ich-Erzählerin mit Verstümmelung eines Beines durch den „Angstmann“. Zuneigung und Schutz erhält die Sechzehnjährige lediglich vom Bethaus-Vater, ihrem „Finder“, bei dem sie lebt, und von Mariah, ihrer mütterlichen Freundin.

In 128 Strophen singt die Erzählerin sich ihr eigenes Lied, denn: „Mein Miroloi muss ich mir selber singen“. Darin geht es um das gewaltbasierte Leben in der Gemeinschaft, die Schmähungen gegen sie, den Missbrauch, die harte Arbeit, ihre verbotene Beziehung zu einem Bethaus-Schüler, aber auch darum, wie ihr Gehorsam die ersten Risse bekommt bis hin zum fulminanten Showdown.

Das wunderschöne Cover mit der originellen Klappe über dem seitlichen Schnitt und die Platzierung auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2019 waren die Gründe dafür, dass ich den Debütroman Miroloi von Karen Köhler unbedingt lesen wollte. Parallel zur Bekanntgabe der Shortlist habe ich ihn beendet und war erleichtert, dass er dort nicht mehr auftaucht. Rätselhaft bleibt für mich die Nominierung auf der Longlist, viel eher hätte ich eine Prämierung als Jugendbuch verstanden. Als Teenager hätte mir das Buch wahrscheinlich gefallen, als Erwachsenbuch und mit einer größeren Leseerfahrung war mir die erschaffene Welt zu wenig originell, ein Verschnitt aus Teilen, die man bereits anderswo gelesen hat, die Wiederholungen zu penetrant, die Handlung zu unwahrscheinlich, bisweilen unlogisch und insgesamt vorhersehbar. Die Sprache schwankt zwischen teils originellen Wendungen und Wortschöpfungen wie „bodenblicks“, „tieftintenschwarz“, „taumelflugs“ oder „innere Krone“ für Selbstbewusstsein, aber auch „Scheiße“, „Pisse“ und „kotzen“, zwischen naiver Kindsprache und verblüffender Weitsicht und versucht sich gewollt an poetischen Formulierungen und philosophischen Überlegungen – für mich insgesamt ermüdend und schwer mit einer unter diesen Bedingungen aufgewachsene Protagonistin in Einklang zu bringen. Als jugendliche Leserin hätte mich all dies vermutlich nicht gestört. Wenig gefallen hätte mir aber auch schon damals die Liebesgeschichte, die sich hauptsächlich aus körperlicher Anziehung speist.

Für mich ist Miroloi weniger ein feministischer als ein Roman über das Leben in einer Diktatur, ein Plädoyer für Bildung als Mittel zur Befreiung, eine Warnung vor sich abschottenden Gesellschaftsmodellen und ein akzeptables Buch für Jugendliche ab 16 Jahren.

Karen Köhler: Miroloi. Carl Hanser 2019
www.hanser.de

Saša Stanišić: Herkunft

  Ein Plädoyer für das Dazugehören

Im Frühjahr 2009 besuchte Saša Stanišić mit seiner Großmutter das 13-Seelen-Dorf Oskoruša in den bosnischen Bergen, Heimat seiner Vorfahren. Es war der erste Anstoß, sich mit seiner Herkunft zu beschäftigen: „Bevor ich den Friedhof in Oskoruša sah, hatte ich mir aus Herkunft im Sinne familiärer Abstammung nichts gemacht.“ Zunächst war das Thema für ihn eher peinlich, weil vermeintlich rückständig und destruktiv, denn die „Herkunftsfolklore“ und der „Zugehörigkeitskitsch“ hatten während des Balkankriegs sein Geburtsland, den Vielvölkerstaat Jugoslawien, ausgelöscht. Zusammen mit seiner bosnisch-muslimischen Mutter, einer studierten Politologin, musste Stanišić 1992 nach Deutschland fliehen, der serbische Vater folgte ihnen ein halbes Jahr später nach Heidelberg. Die Eltern „schufteten sich traurig“ in einer Großwäscherei und auf dem Bau und kamen 1998 ihrer Ausweisung in das ethnisch gesäuberte Višegrad an der Drina zuvor, indem sie nach Florida auswanderten.

Als Saša Stanišić mit 14 Jahren nach Heidelberg kam, war er Teil einer „Statistik der Gegenwart am Rand einer ehrwürdigen Stadt… Wir waren Kriminalität, Jugendarbeitslosigkeit, Ausländeranteil.“ Er sprach kein Deutsch, schämte sich für seine Armut, litt unter der ständigen Angst vor Abschiebung und stemmte sich gegen die Vorurteile, „aggressiv, primitiv, illegal“ zu sein. Anders als für seine Eltern wurde die neue Heimat für ihn zu einer Erfolgsgeschichte. Er stürzte sich in die neue Sprache, fand Freunde an der ARAL-Tankstelle in Emmertsgrund, wo die Herkunft keine Rolle spielte, schaffte es aus der Förderklasse mit Schwerpunkt Spracherwerb zum Abitur mit Leistungskurs Deutsch, absolvierte ein Studium, erhielt schließlich – aufgrund des Vertrags für seinen ersten Roman – die ersehnte Aufenthaltsgenehmigung, die den Eltern verwehrt geblieben war, und besitzt heute einen deutschen Pass.

Für mich war diese Erzählung über ein schwieriges Ankommen in einer neuen, nämlich meiner Heimat der stärkste Teil des Romans und hat mich mit tiefer Bewunderung erfüllt. Gleichzeitig habe ich mich gefragt, wie ich, wie wir alle, damals auf die jugoslawischen Flüchtlinge reagiert und sie wahrgenommen haben – sicher nicht wertschätzend und offen genug. Der zweite, für Stanišić wahrscheinlich wichtigere Teil der Geschichte ist der alten Heimat, seinen Wurzeln und seinen Großeltern gewidmet, vor allem der Großmutter väterlicherseits, die in Višegrad geblieben war: „Als meine Großmutter Kristina Erinnerungen zu verlieren begann, begann ich, Erinnerungen zu sammeln.“ In der zweiten Jahreshälfte 2018, kurz vor deren Tod und danach, brachte er sie für diesen lesenswerten, hochaktuellen Roman zu Papier. Nicht nur um die Bewahrung der Erinnerung ging es ihm dabei, sondern auch um das Brückenschlagen zu seiner verstreuten Familie und gegen die Entfremdung: „Ich schiebe Geschichten als Übersprungshandlungen zwischen uns.“

Ich habe diesen sehr positiven, anrührenden, humorvollen Roman, auf dessen letzten Seiten der Leser spielerisch-zufällig den Fortgang der Handlung selbst bestimmen kann, als ein glühendes Plädoyer für das Dazugehören gelesen, als Warnung vor Ausgrenzungen, als Mahnung gegen die „Fetischisierung von Herkunft und gegen das Phantasma nationaler Identität“. Die Abschweifungen, „Modus meines Schreibens“, habe ich Saša Stanišić, der so virtuos mit der deutschen Sprache umzugehen vermag, gerne verziehen. Zurecht steht Herkunft auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2019.

Saša Stanišić: Herkunft. Luchterhand 2019
www.randomhouse.de

Buchblog-Award 2019

Ich bin überglücklich über einen Platz unter den ersten Zehn beim Buchblog-Award 2019 in der Kategorie „Bester Buchblog“. Herzlichen Dank an alle, die mir ihre Stimme gegeben haben! Die Sieger werden am 18.10.2019 auf der Frankfurter Buchmesse bekanntgegeben, die Daumen dürfen also gerne gedrückt bleiben.

Sarah Kuttner: Kurt

  Trauer erster und zweiter Klasse

70 Seiten lang erzählt Sarah Kuttner in ihrem neuen Roman Kurt, dessen drei Teile ebenfalls jeweils „Kurt“ heißen, über das Werden einer Patchworkfamilie. Die Ich-Erzählerin Lena ist die neue Lebenspartnerin des großen Kurt, und um dessen Sohn, dem sechsjährigen Kurt, nahe zu sein und den Erstklässler im wöchentlichen Wechsel mit der Mutter zu betreuen, haben die beiden ein Haus bei Oranienburg, im Speckgürtel ihrer Heimatstadt Berlin, gekauft – „zugunsten des kleinen Kurt“. Lena mutiert zum Baumarkt- und Gartenprofi und staunt selbst über ihre neuen, vermeintlich spießigen Ambitionen. Nebenbei ringt sie um ihre Rolle in der neuen Familienkonstellation: „Ich finde es schwierig, eine passende Position in diesem Konstrukt zu finden… Was sind meine Rechte und Pflichten?“ Der große Kurt nimmt ihr die Verantwortung für den Sohn meist ab, aber nimmt er ihr damit nicht auch viel weg? Noch ist vieles in der Schwebe, da verunglückt der kleine Kurt tödlich, ein Sturz vom Klettergerüst, an dem keiner Schuld trägt. Während der Vater in seiner Trauer versteinert und sich zurückzieht, muss Lena wieder einmal verzweifelt nach ihrer Rolle suchen: „Kurt zu trösten ist ein Glücksspiel: manchmal darf ich, oft hingegen nicht.“ Sie weiß nicht, wie sie ihre eigene Trauer leben soll und darf, weil sich „jedes meiner Gefühle entweder zu klein oder irgendwie prätentiös anfühlt“.

Es grenzt an ein Wunder, dass mich dieser Roman von Sarah Kuttner, mein erster von ihr übrigens, so nachhaltig beeindruckt hat. Dabei ist vieles genau so, wie ich es nicht mag: zu viel Sex (will ich nicht so genau wissen), ständige Raucherei (nervt), Alkohol am Steuer (geht gar nicht), zu viele Anspielungen auf Popsongs (kenne ich meist nicht), ein schwieriges Thema (eher verdrängt) und eine sehr flapsige, nicht gerade literarische Sprache. Um mit der Sprache zu beginnen: für knapp 250 Seiten war sie in Ordnung, machte das Thema Kindstod vielleicht überhaupt erst erträglich. Wie meist treffsicher Sarah Kuttner aber auf diese Weise Umstände und Stimmungen erfasst, hat mich immer wieder begeistert. Da wissen zum Beispiel kleine Kinder selten, „wann humoristisch der Peak überschritten ist“, die Protagonistin spricht von „Scheinwerfer-Reh-Situationen“ im Verhältnis zur Mutter des kleinen Kurt oder vom „große Nähe-oder-keine-Nähe-Roulette“ beim in seiner Trauer versteinernden Partner. Selten sind die Bilder so misslungen wie beim großen Regen, während der Vater das Kinderzimmer ausräumt: „…es regnet sich nicht ein, es fällt aus dem Himmel wie ein verdammter Airbus.“

Auch wenn viele Kritiker im Feuilleton Feuer schreien und jetzt auf die Bloggerin hinunterschauen mögen – mir hat der Roman gut gefallen und ich nehme sehr viel aus der Lektüre mit, nicht nur über die richtige Moosbekämpfung im Rasen, sondern vor allem auch über den Umgang mit Trauernden. Dafür gibt es mit dem Nachbarn und Freund Gauger, mit Lenas Schwester und mit der Mutter des großen Kurt bewundernswerte Vorbilder. Aus den genannten Gründen kann ich die Kritik an dem Roman deshalb zwar verstehen, teile sie jedoch größtenteils nicht.

Sarah Kuttner: Kurt. S. Fischer 2019
www.fischerverlage.de

Henning Mankell: Wallanders erster Fall

  Wenig Wallander-Feeling im Hörspiel

Als großer Wallander-Fan kenne ich selbstverständlich alle acht Bände um diesen fast schon zu den Klassikern der Kriminalliteratur zählenden Ermittler. Nach Abschluss der Serie hat Henning Mankell 1999 noch einen Band mit fünf Kurzgeschichten über Kurt Wallanders Leben vor dem 8. Januar 1990, dem Beginn von Mörder ohne Gesicht, nachgeschoben, der 2002 unter dem Titel Wallanders erster Fall auf Deutsch erschien. Die erste dieser Kurzgeschichten ist  Grundlage des Hörspiels von 2003.

1969 ist Kurt Wallander 21 Jahre alt und Streifenpolizist. Er möchte so schnell wie möglich zu Kripo, doch um ein Haar hätte eine schwere Stichverletzung seinem Leben ein frühes Ende gesetzt. Dabei ist er in diesen ersten Fall rein zufällig hineingestolpert, als er nämlich seinen Nachbarn Artur Hålén, einen pensionierten Seemann, tot in dessen Wohnung findet. Kriminalkommissar Hemberg, eine Legende in Polizeidiensten, geht von Beginn an von einem Selbstmord aus, was die Obduktion bestätigt. Doch Wallander will sich damit nicht zufriedengeben, denn er ist überzeugt, dass es für diesen Suizid tiefergehende Gründe geben muss. Trotz der ausdrücklichen Warnung von Hemberg nimmt er eigenmächtig Ermittlungen auf. Nicht nur, dass er dadurch seine Freundin Mona ein ums andere Mal versetzt und die Beziehung ernsthaft gefährdet, bringt er sich auch leichtsinnig in Lebensgefahr. Und doch hat er am Ende seine Eignung zum Kripobeamten bewiesen.

Dass man in der Kurzgeschichte nicht entscheidend mehr über Kurt Wallander erfährt als in den Rückblicken der Serie, wusste ich noch von der Lektüre vor einigen Jahren. Der politische Ansatz Mankells ist aber auch hier zu spüren und die Krimihandlung ist nicht aufregend, aber doch unterhaltsam. Allerdings hat mir bei der einstündigen Hörspielfassung auf einer CD die typische Atmosphäre der Wallander-Krimis gefehlt und ich habe wieder einmal festgestellt, dass ich Lesungen Hörspielen deutlich vorziehe. Die Musik und die Geräusche sind mir zu unangemessen dramatisch und zu laut und ich hatte Mühe, die an sich angenehme Stimme von Andreas Bisowski als diejenige Kurt Wallander zu akzeptieren. Gut gefallen hat mir die Interpretation des erfahrenen Hemberg durch Jürgen Thormann, dem ich die wohlwollende, väterlich-mahnende Strenge gegenüber dem Newcomer jederzeit abnehmen konnte.

Henning Mankell: Wallanders erster Fall / Hörspielbearbeitung: Moritz Wulf Lange. Der Hörverlag 2003
www.randomhouse.de

Dror Mishani: Drei

  Orna – Emilia – Ella

Der israelische Autor Dror Mishani, geboren 1975, lehrt Literaturwissenschaften an der Universität Tel Aviv, Spezialgebiet Geschichte der Kriminalliteratur. Mit seinen Krimis um den Ermittler Avi Avraham, die ich nicht kenne, wurde er auch in Deutschland bekannt. Über die Frage, ob sein neuestes Buch, Drei, ein Krimi ist, kann man unterschiedlicher Meinung sein. Der Verlag Diogenes bezeichnet es als Roman, Dror Mishani spricht von einem „Detektivroman, in dem der Detektiv erst am Ende auftritt“. Ob Krimi oder nicht, Drei hat bei mir nach eher unspektakulärem Beginn schnell einen Sog entwickelt, hat mir beim Lesen fast von Beginn an eine Gänsehaut beschert, deren Grund ich kaum benennen konnte, und mich immer wieder mit ungeahnten Wendungen überrascht.

Vom Inhalt möchte ich so wenig wie möglich verraten, denn je weniger man zu Beginn weiß, desto besser. Ich war im Mai 2019 bei einer Vorabpräsentation mit dem sympathisch-bescheidenen Autor in Stuttgart und bin nachträglich sehr dankbar, dass damals lediglich die ersten Seiten vorgelesen wurden und Shelly Kupferberg ein sehr diskretes Interview mit Dror Mishani führte.

Eine kurze Vorstellung der drei weiblichen Hauptpersonen ersetzt deshalb hier die Inhaltsangabe. In den drei Teilen, die schlicht „Eins“, „Zwei“ und „Drei“ überschrieben sind, stehen sie jeweils im Mittelpunkt, was den Roman aber keinesfalls zum Frauenroman macht. Orna, Anfang 40 und Gymnasiallehrerin in Tel Aviv, ist nach einer sehr schmerzhaften Scheidung alleine mit ihrem achtjährigen, introvertierten Sohn Eran zurückgeblieben. Während sie Eran Therapiestunden ermöglicht, muss sie selbst ohne Hilfe zurechtkommen. Sie möchte nicht auf Dauer alleine bleiben.

Die Lettin Emilia, wenig älter als Orna und Protagonistin in Teil zwei, gehört zum Heer der in Israel unverzichtbaren ausländischen Pflegekräfte, ist aber nicht wirklich willkommen. Auch sie hofft auf ein wenig Unterstützung und Glück.

Die dritte im Bunde nennt sich Ella, hat drei kleine Töchter und schreibt jeden Morgen in einem Café an ihrer verspäteten Masterarbeit, enttäuscht von ihrem Leben als Ehefrau und Mutter.

Fast war ich erleichtert, als sich am Ende von Teil eins mein ungutes Bauchgefühl als begründet erwies, doch war es danach um meine Ruhe endgültig geschehen und ich hätte am liebsten warnend in die Handlung eingegriffen. Teil zwei schien zunächst ohne Bezug zum vorher Erzählten, bis schlagartig die Verbindung klar wurde. Teil drei hat mich dann noch einmal vollkommen überrascht.

Wer einen „normalen“ Krimi sucht, ist mit Drei wahrscheinlich nicht gut beraten. Wer aber gerne einen Roman über das heutige Israel lesen möchte, in dem ein verwirrendes Spiel mit Wahrheit und Lüge getrieben wird und die Gewalt in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, wer psychologisch raffinierte, kunstvoll gewobene, geheimnisvolle und wendungsreiche Lektüre liebt und nicht auf jeder Seite Action braucht, der könnte mit diesem literarisch anspruchsvollen, unspektakulär und gerade deshalb großartig geschriebenen Roman genauso viel Spaß haben wie ich.

Dror Mishani: Drei. Diogenes 2019
www.diogenes.ch

Buch und Buchhandel in Zahlen 2019

  Zahlen, Fakten und Analysen zum Buchmarkt

Das vermutlich meistgelesene Sachbuch der Buchbranche ist das seit 1952 alljährlich erscheinende Zahlenwerk Buch und Buchhandel in Zahlen. Auch ich warte jedes Jahr im Sommer darauf, die Bilanzen quer durch alle Handelsstufen des Kulturguts Buch mit Verlagssparte, Zwischenbuchhandel und Sortiment zu sichten, einerseits aus beruflichem Interesse, andererseits aus privater Neugier. Wie haben sich die Umsätze in der Buchbranche im Vorjahr entwickelt? Welche Warengruppen und Editionsformen sind Gewinner, welche Verlierer? Wie sieht es mit dem Absatz über die unterschiedlichen Vertriebswege aus? Wie haben sich die Freizeitaktivitäten und das Leseverhalten der Bundesbürger verändert? Wie steht es um den E-Book-Markt, wie um das Geschäft mit Lizenzen? Und nicht zuletzt: Wie sieht die Bilanz der Sortimentsbuchhandlung quer durch alle Umsatzgrößen aus? Selbstverständlich gibt es vorab regelmäßige Zwischenberichte in der Branchenpresse und die Zahlen sind deshalb keine vollständige Überraschung, trotzdem ist diese zusammenfassende Bilanz von großem Wert. Dass die Tabellen und Grafiken alljährlich nach dem gleichen Muster erstellt werden, trägt zum leichten Überblick bei. Die Texte dazwischen sind einerseits verständlich geschriebene Zusammenfassungen, die den Fokus auf die wesentlichen Aussagen der grafischen Darstellungen legen, liefern andererseits aber auch Interpretationshilfen und Gründe.

Einige der für mich wichtigsten Zahlen und Fakten zum Jahr 2018 möchte ich kurz zusammenfassen:

  • Mit glücklicherweise stabilen 9,13 Milliarden Euro Gesamtumsatz war der „kulturelle Riese“ Buchmarkt auch 2018 vergleichsweise ein „finanzieller Zwerg“. Erfreulich ist der Ausblick auf 2019, der bisher auf eine deutliche Steigerung hoffen lässt.
  • Beim Vergleich der Vertriebskanäle bleibt der stationäre Buchhandel (ohne E-Commerce) zwar wichtigster Vertriebsweg für Bücher mit 46,8%, hat aber erneut 0,7% verloren. Der E-Commerce verzeichnet ein Wachstum von 4% und machte 2018 19,5% am Gesamtumsatz der Branche aus. Dazu gehören sowohl Amazon als auch die Online-Shops stationärer Buchhandlungen.
  • E-Books (ohne Schul- und Fachbücher) machten 2018 5% am Publikumsmarkt aus (2017: 4,6%), obwohl die Durchschnittspreise weiter stark fielen (2018: 6,19 Euro statt 2010: 10,71 Euro).
  • Hard- und Softcover haben ihren Marktanteil mit 76% weiter ausgebaut, Taschenbücher dagegen mit 21,4% weiter an Umsatz verloren.
  • Umsatzstärkste Warengruppe ist weiterhin die Belletristik mit stabilen 31,5%, gefolgt vom ebenfalls stabilen Kinder- und Jugendbuch mit 16,6%, Ratgebern mit um 1,2% geschrumpften 14%, Schule + Lernen mit stabilen 11%, dem Sachbuch mit um 5,5% gewachsenen 10,6% und der leicht geschrumpften Reise.
  • Die Preissteigerung bei Büchern lag 2018 bei 1,2%.
  • Die Buchproduktion, die seit 2010/11 nahezu kontinuierlich zurückgeht, lag 2018 bei den „echten“ Neuerscheinungen, also ohne Neuauflagen, bei immer noch stolzen 71.548, wobei E-Books und POD-Titel nur zu einem kleinen Teil erfasst werden. Keine alarmierende Zahl, sondern lediglich eine vorsichtigere Programmplanung der Verlage und Reaktion auf Flächenverkleinerungen im Sortiment.

Allen, die Lust auf noch viel mehr anschaulich dargebotene Zahlen und Daten rund um die spannende Buchbranche haben, kann ich Buch und Buchhandel in Zahlen 2019 wärmstens empfehlen.

Buch und Buchhandel in Zahlen 2019. Hrsg. vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels e. V. 2019
www.mvb-online.de

Katja Frixe & Florentine Prechtel: Die hamsterstarken Drei

  Ach du heiliges Salatblatt, was für ein Abenteuer!

Was für ein tolles Team, Die hamsterstarken Drei! Harry, der abenteuerlustige, akrobatische Zirkushamster in der rot-weiß gestreiften Hose, seine Freundin Gerda, die superschnelle, ängstliche Zirkusrennschildkröte, und Herkules, das megaschlaue, unsportliche Schulmeerschweinchen mit Brille, das es lieber gemütlich mag. Damit sie sich kennenlernen, müssen die beiden Zirkustiere erst einmal aus dem Buch fallen, in dem sie zuhause sind. Zum Glück passiert das genau in Herkules‘ Klassenzimmer. Ihn und Griselda, die weise alte Katze des Hausmeisters, können Harry und Gerda sehr gut gebrauchen, denn es gibt viele Rätsel zu lösen: Warum sind sie so mir nichts, dir nichts aus dem Buch gepurzelt? Und wie können sie rechtzeitig zur bevorstehenden Premiere wieder in den Zirkus zurückgelangen, wo man sie sicher schmerzlich vermisst? Schwierige Fragen, aber wenn man im Team zusammenarbeitet doch lösbar! Und so werden gemeinsam Mäuse ausgetrickst, die Abfalleimer der Schulmensa geplündert, Ursachen ergründet, Pläne geschmiedet und ein gefährlicher Stadtspaziergang unternommen, bis es schließlich heißt: Ende gut, alles gut!

Das Kinderbuch von Katja Frixe hat Florentine Prechtel mit zahlreichen farbenprächtigen, seitenfüllenden oder kleineren Illustrationen versehen, die ausgezeichnet zum Text passen und vor allem wirklich – pardon, Harry – niedlich sind. Besonders die Charaktere der Tiere spiegeln sich ausgezeichnet wider. Das Layout mit den blauen Überschriften und den ebenso blauen, großen Anfangsbuchstaben der Kapitel sind ebenfalls sehr gelungen.

Ich kann mir gut vorstellen, dass es zukünftig weitere Abenteuer mit den drei Freunden geben wird, und das wäre schön. Zwar ist mir der Einstieg mit der ausführlichen Zirkusszene und dem Zurechtfinden im Klassenzimmer etwas zu lang geraten, was leider auf Kosten der letzten beiden, auch sprachlich stärkeren Drittel des Buches mit dem spannenden Abenteuer und dem Happy End geht, aber mit dem Auftauchen von Herkules nimmt das Buch so richtig an Fahrt auf und bleibt durchgehend aufregend und unterhaltsam.

Die hamsterstarken Drei – Schnurstracks ins Abenteuer ist ein hübsches Vorlesebuch für abenteuerlustige Jungen und Mädchen ab fünf Jahren, zum Selberlesen dank der etwas größeren Schrift für gute Leserinnen und Leser ab Ende der zweiten Klasse.

Katja Frixe & Florentine Prechtel: Die hamsterstarken Drei. Dressler 2019 www.oetinger.de/verlagsgruppe/dressler-verlag