Marco Balzano: Ich bleibe hier

  Verlierer der Geschichte

Für Tausende Touristen ist der zur Hälfte aus dem Reschensee ragende Kirchturm der alten Grauner Pfarrkirche St. Katharina in jedem Jahr Grund für einen Stopp und Motiv für ein spektakuläres Urlaubsfoto. Ein zufälliges Vorbeikommen im Sommer 2014 war für den italienischen Autor Marco Balzano Anlass, die Geschichte des Bergdorfs Graun, der Region Südtirol und des Staudamms am Dreiländereck Italien-Österreich-Schweiz zu studieren und alte Bewohner, Ingenieure und Historiker zu befragen. Beeindruckendes Ergebnis dieser Recherchen ist der Roman Ich bleibe hier, 2018 zweitplaziert beim angesehensten italienischen Literaturpreis Premio Strega, mit einer fiktiven Familiengeschichte vor historischem Hintergrund.

Eine Ich-Erzählerin
Die Grauner Lehrerin und Bäuerin Trina Hauser erzählt ihre Lebensgeschichte, allerdings nicht uns Leserinnen und Lesern, sondern ihrer Tochter Marica, von deren Verschwinden man bereits auf den ersten Seiten des Romans erfährt. Für Trina und ihren Mann Erich bleibt die abwesende Tochter zeitlebens eine Wunde, die zwar irgendwann nicht mehr blutet, aber immer schmerzt. Wie der Kirchturm im See haben sie einen wichtigen Teil ihrer selbst verloren.

Dabei schien ihr Lebensweg, trotz der schwierigen Lage durch die italienische Annexion Südtirols nach dem Ersten Weltkrieg, zunächst vielversprechend. Trina, die immer an die Macht der Wörter glaubte, war nach der Reifeprüfung 1923 Lehrerin geworden, doch Mussolinis Politik, die die Südtiroler mit immer brutaleren Methoden zwangsitalienisieren sollte, setzte ihren Ambitionen ein jähes Ende. Nun wurden Lehrkräfte aus Süditalien geholt, die deutsche Sprache verboten, geografische Bezeichnungen und sogar Grabsteininschriften von den Faschisten italienisiert. Trina gehörte zu den Mutigen, die trotz größter Gefahren Deutschunterricht an geheimen Orten erteilte.

Faschisten und Nationalsozialisten
Der anfänglich große Zusammenhalt gegen die italienischen Zuwanderer endete im Oktober 1939 mit Hitlers Angebot einer Auswanderung ins nationalsozialistische Deutsche Reich. Die „Optanten“ verloren ihre Heimat, die „Dableiber“, unter ihnen Trina und Erich, ihre Sprache:

„Weil ich hier geboren bin, Trina. Mein Vater und meine Mutter sind hier geboren, du bist hier geboren, unsere Kinder sind hier geboren. Wenn wir weggehen, haben die anderen gewonnen.“ (S. 62)

1939 war das Jahr, als die Tochter verlorenging. Wenig später griff die Regierung in Rom das alte Staudammprojekt wieder auf, das die Existenz Grauns und seiner Umgebung bedrohte, und das erst mit dem deutschen Einmarsch unterbrochen wurde. Wieder galt es, zu wählen: kämpfen in der Wehrmacht oder sich als Deserteur in den Bergen verstecken?

Die Erleichterung über das Kriegsende wich mit der zügigen Wiederaufnahme der Bauarbeiten schnell der Ernüchterung, Widerstand blieb erfolglos. Im Sommer 1950 wurden die Häuser gesprengt und Graun überflutet. Wieder die Wahl zwischen Gehen und Bleiben und wieder die Entscheidung für die Heimat:

Wärst du zurückgekehrt, hätte uns nicht einmal mehr der Gedanke an das Wasser, das uns überflutet, erschreckt. Mit dir hätten wir die Kraft gefunden, woandershin zu gehen. Neu anzufangen. (S. 266)

Was nicht in italienischen Geschichtsbüchern steht
Dass die Dörfler schließlich kaum Entschädigung erhielten, die versprochenen Neubauten sich jahrelang hinzogen und der Stausee sehr wenig Energie lieferte, weil Atomstrom aus Frankreich billiger war, sind beschämende historische Tatsachen. Marco Balzano hat mit seinem Roman dieses Geschehen dem Vergessen entrissen. Seine Protagonistin Trina lässt er auf so einfache, schmucklose, melancholische und ehrliche Weise erzählen, dass garantiert niemand unberührt bleibt.

Marco Balzano: Ich bleibe hier. Aus dem Italienischen von Maja Pflug. Diogenes 2020
www.diogenes.ch

 

Weitere Rezensionen zu Büchern von Marco Balzano auf diesem Blog:

    

Victoria Mas: Die Tanzenden

  Weggesperrt und für verrückt erklärt

Den Roman Själarnas Ö von Johanna Holmström, in deutscher Übersetzung als Die Frauen von Själö erschienen, habe ich 2019 mit großer Anteilnahme gelesen. Darin geht es um eine Insel im äußeren Schärengürtel vor Turku, auf der es bis 1962 eine Nervenheilanstalt für Frauen gab. Meist wurden sie von ihren Angehörigen eingewiesen, häufig nicht mit einer psychiatrischen Diagnose, sondern wegen Rebellion gegen gesellschaftliche Konventionen.

Eine ganze Reihe von Parallelen dazu weist das preisgekrönte Debüt Die Tanzenden der 1987 geborenen Französin Victoria Mas auf, das im Hôpital de la Salpêtrière in Paris spielt, einer der berühmtesten Nervenheilanstalten der Zeit. In beiden Romanen stehen je zwei Patientinnen und eine Krankenschwester im Zentrum, beide beschäftigen sich mit den Einweisungsgründen und dem Klinikalltag und in beiden leben nur wenige Patientinnen freiwillig, weil ihnen die Einrichtung Schutz vor meist männlicher Gewalt bietet. Doch während die Handlung in Själarnas Ö von 1891 bis in die 1930er-Jahre spielt, umfasst sie in Die Tanzenden lediglich zwei Wochen im Februar und März 1885 mit einem Epilog 1890. Abgeschottet lebten die Patientinnen hier wie dort, doch gab es in der Salpêtrière zahlreiche Ärzte, an der Spitze 1885 der berühmte Professor Charcot mit seiner Hypnosetherapie, der mit ausgewählten Patientinnen wöchentliche öffentliche Lehrvorstellungen gab. Höhepunkt des Jahres für die Salpêtrière wie für die Pariser Bourgeoisie war der jährlich zu Mittfasten abgehaltene Kostümball, der „Bal des folles“, bei dem man die „Hysterikerinnen“ einem sensationsgierigen Publikum präsentierte.

Zwei Patientinnen, eine Krankenschwester
Während Sigrid, die Krankenschwester auf Själö, ihre Patientinnen empathisch umsorgt und die Grenzen zwischen krank und gesund ständig infrage stellt, ist Geneviève, die ehrgeizige Oberaufseherin der Salpêtrière, distanziert und zweifelt nicht am Konzept ihrer Klinik. Louise, eine 16-jährige Waise, wurde drei Jahre zuvor von ihrer Tante nach dem Missbrauch durch ihren Onkel eingeliefert. Ebenfalls Opfer ihrer Familie ist die rebellische 19-jährige Eugénie aus bürgerlichem Haus, die mit ihrer Geisterseherei eine Bedrohung darstellt:

Dass sie Verstorbene sah, war ein untrügliches Anzeichen von Wahnsinn. Derlei Symptome führten eine Frau, das wusste Eugénie, nicht zum Arzt, sondern geradewegs in die Salpêtrière. Wer solche Dinge öffentlich erwähnte, dem war die Zwangseinweisung sicher. (S. 54)

Als Eugénie sich trotzdem ihrer Großmutter anvertraut, bringt ihr Vater sie umgehend in die berüchtigte Klinik. Nicht nur für Eugénie ist das ein dramatischer Einschnitt, sondern auch für Geneviève, die durch die Geisterseherin in ihren Grundfesten erschüttert wird:

Seit einer Woche, seit Eugénie da ist, entgleitet ihr alles, was sie im Griff zu haben meinte. Ein bedrückendes Gefühl, doch sie wehrt sich nicht mehr dagegen. Sie hat versucht, standhaft zu bleiben – umsonst. (S. 136)

Ein zwiespältiges Fazit
Einerseits ist die Geschichte äußerst spannend, gut recherchiert, die Ausrichtung auf den dramaturgischen Höhepunkt in der Ballnacht gelungen. Man merkt, wie sehr die Autorin für ihr Thema und die unterdrückten Frauen brennt. Der Erzählstil ist einfach, der Roman liest sich dank des fast konsequent chronologischen Aufbaus leicht und das Cover ist wunderschön. Leider hat mir aber das Abgleiten ins Okkulte und Spiritistische überhaupt nicht gefallen, weil es einer ansonsten realistischen Handlung die Glaubwürdigkeit raubt. Von der Lektüre abraten möchte ich trotzdem nicht, dazu hat mich der historische Hintergrund zu sehr gefesselt und das Geschehen abseits der Geistergeschichte zu gut unterhalten.

Victoria Mas: Die Tanzenden. Aus dem Französischen von Julia Schoch. Piper 2020
www.piper.de

Benjamin Myers: Offene See

  Ein Schubs in die richtige Richtung

Die kurze, berührende Rahmenhandlung zeigt den geistig rüstigen, körperlich gebrechlichen Robert Appleyard, der staunend über das Vergehen der Zeit sinniert: „Wo ist das Leben geblieben?“ Nur in seiner Erinnerung wird er wieder jung und kann eine Begegnung heraufbeschwören, die seinem Schicksal eine neue Richtung gab.

Auf der Suche nach dem wahren Ich
Ausgerechnet ihm, dem introvertierten, die Natur über alles liebenden 16-Jährigen war die Laufbahn seiner Vorfahren in der heimischen Kohlemine im Norden Englands vorgezeichnet. Wenigstens einmal wollte er jedoch zuvor den Süden und das Meer dort sehen, wo es nicht grau vor Staub war:

Ich wollte sehr viel mehr von dem erleben, was anderswo geschah, jenseits der Grenzen meines ländlichen Bergarbeiterdorfs, das irgendwo zwischen der Stadt und dem Meer in einer sanft gewellten Landschaft lag. Ich wollte überrascht werden. Nur wenn ich allein in der Natur war, hatte ich je eine Ahnung von meinem wahren Ich bekommen…“ (S. 17)

Eine Begegnung mit Folgen
Auf seiner Wanderung im Nachkriegsfrühling 1946 zwischen dem Abschluss der Schule und dem unvermeidlichen Zecheneintritt verdingte sich Robert als Tagelöhner, bis er in einer Bucht in Yorkshire auf ein Cottage stieß, das wie ein Traumbild anmutend inmitten einer verwilderten Wiese lag. Dulcie Piper, die unkonventionelle Besitzerin, war anders als alle Frauen, die er kannte. Groß, derb, sarkastisch, sehr direkt und weit gereist, machte sie aus ihrem Atheismus keinen Hehl, deklarierte die Lust zum Geburtsrecht, trank gern und verabscheute Spießer, Schnösel, Großmäuler und Vorurteile.

Aus der spontanen Einladung zum Tee wurden ungeplant Tage und Wochen, in denen Dulcie nicht nur die Schätze ihrer erstaunlich reichhaltigen Speisekammer, sondern auch ihre Liebe zur Literatur und ihre freien Ansichten mit ihm teilte. Robert machte sich derweilen pflichtschuldig im Garten und bei der Entrümpelung und Instandsetzung einer alten Hütte nützlich. Zufällig stieß er dabei auf Dulcies gut gehütetes Geheimnis, den Grund für ihre Melancholie und ihre Abneigung gegen das Meer…

Eine Perle mit minimalen Schönheitsfehlern
Ich habe dieses Buch mit dem auffallend schönen Cover und der wertigen Herstellung mit großer Freude gelesen. Der 1976 geborene Brite Benjamin Myers, der auch Lyrik und Sachbücher verfasst, hat mich mit dem ungleichen Duo seines Zwei-Personen-Romans, den fantastischen Naturschilderungen und seinem verschwenderischen Vorrat an fast immer passenden bildlichen Vergleichen bezaubert. So konnte ich leicht über kleinere Kritikpunkte hinwegsehen, wie die Tatsache, dass ich eigentlich einen Überdruss bei zufällig auftauchenden Tagebüchern, Manuskripten, Briefen und ähnlichem empfinde. Auch die Glaubwürdigkeit der beiden Protagonisten hat mich kaum beschäftigt, liest sich doch die Geschichte in Teilen märchenhaft, den Kitsch haarscharf vermeidend. Nicht immer passen Roberts Gedanken zu seinem Alter, denn eine Überlegung, ob junge Mädchen einst ihren Müttern gleichen und Männer wie ihre Väter heiraten werden, entspringt wohl eher dem Denken des gealterten Erzählers. Der hintergründige Humor beim wiederholten Scheitern von Roberts ambitionierten Aufbruchsversuchen hat mich in der ersten Romanhälfte erheitert, in der zweiten hätte ich dagegen Straffungen bei Dulcies trauriger Geschichte vorgezogen. Letztlich aber ist nichts davon Grund genug, diese gelungene Mischung aus Entwicklungsroman und Nature Writing nicht wärmstens zu empfehlen.

Benjamin Myers: Offene See. Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Dumont 2020
www.dumont-buchverlag.de

Elizabeth Strout: Die Unvollkommenheit der Liebe

  Schweres Gepäck

My name is Lucy Barton, der Originaltitel des 2016 auf Deutsch unter dem Titel Die Unvollkommenheit der Liebe erschienenen fünften Romans von Elizabeth Strout, ließ mich eine selbstbewusste Ich-Erzählerin Lucy Barton vermuten, doch das Gegenteil ist der Fall. Grund dafür ist eine bitterarme Kindheit im ländlichen Illinois und das Aufwachsen in einer dysfunktionalen Familie. Nicht nur der Mangel an grundlegenden materiellen Gütern, sondern vor allem an Zuneigung und Liebe, ein unberechenbarer, offensichtlich kriegstraumatisierter Vater, eine kaltherzige, überforderte Mutter, zwei gleichgültige ältere Geschwister sowie Gewalterfahrung innerhalb der Familie und Mobbing in der Schule wirkten prägend.

Gesagtes und Ungesagtes
Der Bruch mit der Familie begann, nachdem Lucy als erstes Familienmitglied das College besuchte, und verstärkte sich durch ihre Eheschließung mit einem Akademiker aus bürgerlichem Haus mit deutschem Vater. Erst als Lucy, die es mit ihrem Mann nach New York geschafft und inzwischen zwei Töchtern hatte, Mitte der 1980er-Jahre aufgrund unerklärlicher Komplikationen nach einer Blinddarmoperation fast neun Wochen im Krankenhaus lag, kam die Mutter überraschend zu Besuch. Fünf Tage und Nächte harrte sie durchgehend am Bett der Tochter aus. In den Mutter-Tochter-Gesprächen ging es nicht um die eigene Vergangenheit, vielmehr berichtete die Mutter von den glücklosen Ehen und traurigen Schicksalen gemeinsamer Bekannter:

Es war ihre Stimme, um die es mir ging; was sie sagte, war nicht so wichtig. Und so lauschte ich ihrer Stimme; bis vor drei Tagen hatte ich sie jahrelang nicht mehr gehört, und sie klang verändert. Vielleicht hatte sich auch meine Wahrnehmung verändert, denn ich hatte ihren Ton als scharf und enervierend in Erinnerung. Jetzt war es das Gegenteil – immer dieser Eindruck von etwas Verhaltenem, lange Unterdrücktem. 

Es zählt, für Lucy wie für uns Leserinnen und Leser, das Ungesagte. Was die Mutter weder an Lucys Krankenbett noch beim nächsten Wiedersehen am eigenen Sterbebett neun Jahre später über die Lippen brachte, war eine Bestätigung ihrer Liebe. Umso heftiger reagierte Lucy auf die Empathie Fremder: auf einen Lehrer, ihren Arzt oder einen freundlichen Nachbarn.

Ein Schritt zur Genesung
Nach ihrem Krankenhausaufenthalt wurden die Teilnahme an eine Schreibworkshop und das Schreiben für Lucy zur Therapie. Der Besuch ihrer Mutter und Erinnerungsbruchstücke aus ihrer Kindheit, ohne Anklage wiedergegeben, bildeten die Grundlage ihres ersten Romans, während ihre durch die Vergangenheit verschattete Ehe und das Verhältnis zu ihren Töchtern im Hintergrund blieb:

Die Geschichte meiner Ehe kann ich nicht erzählen; sie widersetzt sich der Beschreibung, lässt sich nicht recht fassen von mir mit all ihren Sümpfen und Grasgestrüppen und Einschlüssen frischer Luft und dumpfer Luft, die mit den Jahren über uns hinwegstrichen.

Viel Raum für Interpretation
In diesem nur gut 200 Seiten umfassenden, stillen, unspektakulären und fragmentarisch erzählten Buch bliebt vieles vage und muss zwischen den Zeilen erahnt werden. An Mit Blick aufs Meer kommt es deshalb für mich nicht heran, auch nicht ganz an Die langen Abende, zumal der Erzählstil weniger eindrucksvoll ist. Was sich aber ausgezeichnet überträgt, sind die Melancholie und Einsamkeit, die Lucy Barton – trotz einer in vielerlei Hinsicht erfolgreichen Biografie – wie einen schweren Rucksack durchs Leben trägt.

Elisabeth Strout: Die Unvollkommenheit der Liebe. Aus dem Amerikanischen von Sabine Roth. Luchterhand 2016
www.randomhouse.de

Sandra Jung: Die Herrscher der Lüfte und ich

  Chapeau!

 

„Dieses Werk stellt meinen Werdegang vom Besuch der ersten Flugshow bis zur eigenen Falknerei dar.“

 

Wie verwirklicht man innerhalb von kaum zehn Jahren einen außergewöhnlichen Lebenstraum? Sandra Jung berichtet in diesem erzählenden Sachbuch, wie alles als 16-Jährige 2009 mit dem Besuch einer Falknerei begann, wie sie von der ersten Begegnung an fasziniert war von Greifvögeln, zielstrebig ihre Kenntnisse und Fähigkeiten ausbaute, nach und nach eigene Vögel erwarb und ihr Hobby schließlich 2018 zusammen mit ihrem Freund Ben auf der thüringischen Burg Greifenstein zum Beruf machte. Was fast märchenhaft anmutet, ist das Ergebnis harter Arbeit, Disziplin, wohlüberlegter Planung und bewundernswerter Ausdauer. Diese Zielstrebigkeit und der Mut der beiden Jungunternehmer sind ungeheuer beeindruckt, genauso wie ihre Begeisterungsfähigkeit für Vögel und die Natur.

Faszination Falknerei
Gelungen ist die Mischung aus Sachinformationen und Autobiografie, soweit sie für das Ziel der eigenen Falknerei von Belang ist. Überrascht hat mich, dass dem zweiwöchigen Intensivkurs zur Falknerin eine halbjährige Jagdausbildung verpflichtend vorausgeht, hatte ich doch die enge Verbindung zwischen diesen beiden Tätigkeiten bisher nicht gesehen. Erst mit diesem fundierten Wissen, das sich Sandra Jung noch vor dem Abitur aneignete, begann der Aufbau ihres eigenen Vogelbestands. Dabei war es für mich als absolutem Laien hilfreich, dass ich mit dessen allmählichem Anwachsen eine Art nach der anderen kennenlernen konnte, beginnend mit dem Wüstenbussard Dexter und Bens Weißkopfseeadler Milo, der Weißgesichtseule Linus, dem Andenadler Kayla, dem Schakalbussard Elise, dem europäischen Seeadler Mia und dem sibirischen Uhu Lotte, alle im Bildteil in der Buchmitte zu bewundern.

Neben dem tiefen Vertrauen zwischen Vogel und Falknerin, ohne die das freie Tier nicht wieder zurückkehren würde, ist es vor allem die Unberechenbarkeit, die Sandra Jung an ihrer Tätigkeit liebt:

Egal, was ich plane, egal, was ich vorhabe: Immer gibt es mindestens einen Vogel, der mir dazwischenfunkt und den Plan ändert. Langeweile kommt nie auf, und so bleibt meine Arbeit als Falknerin jeden Tag aufs Neue spannend und aufregend. Und auch das Flugprogramm ist dadurch niemals an zwei Tagen das gleiche. (S. 228)

Auf unterhaltsame Weise viel gelernt
Das Buch kam völlig ungeplant in meine Hände und ich war mir zunächst unsicher, ob ich etwas zu diesem Thema, in der Präsensform und mit so vielen Dialogen überhaupt würde lesen wollen. Über die heimischen Singvögel hinaus habe ich mich bisher selten mit Vögeln beschäftigt, war noch nie in einer Falknerei und interessiere mich überhaupt gar nicht für die Jagd. Letzteres wird sicher auch nach der Lektüre so bleiben, selbst wenn Sandra Jung deren naturpflegerische Aspekte herausstellt, aber die Begeisterung für ihre Vögel wirkte ansteckend. Auf unterhaltsame Art habe ich vieles über das Aussehen, das natürliche Verhalten, die Aufzucht, das Training, den Charakter und die Fütterung ihrer Pfleglinge erfahren. Dass sie darüber hinaus mit viel Zeitaufwand und auf eigene Kosten eine Vogelauffangstation betreibt, hat mir zusätzlich imponiert.

Mit diesem neu erworbenen Wissen ist nun der Besuch in einer nahen Falknerei fest geplant und bei meinem nächsten Aufenthalt in Thüringen werde ich ganz bestimmt einen Abstecher auf die Burg Greifenstein unternehmen.

Sandra Jung: Die Herrscher der Lüfte und ich. Unter Mitarbeit von Aylin LaMorey-Salzmann. Ullstein 2019
www.ullstein-buchverlage.de

Ellis Kaut & Uli Leistenschneider & Nataša Kaiser: Pumuckl macht einen Ausflug

  Lesenlernen mit dem Pumuckl

Ob meine Liebe zum Pumuckl auch daher rührt, dass wir fast auf den Tag genau gleich alt sind? Die erste Hörspielfolge des BR aus der Feder von Ellis Kaut (1920 – 2015) wurde im Februar 1962 nur neun Tage nach meiner Geburt ausgestrahlt, ab 1965 folgten die Bücher und ab 1982 Spielfilme und vor allem die Fernsehserie mit Gustl Bayrhammer als Meister Eder und der Stimme von Hans Clarin für den Pumuckl. Neben den Filmen der Augsburger Puppenkiste wurden diese Episoden zu den prägenden Filmerlebnisse für meine Kinder.

Der Pumuckl, wie er leibt und lebt
Ich habe mich deshalb sehr gefreut, dass der Verlag Kosmos den Pumuckl nun zum Star einiger Ausgaben der Erstleserreihe Bücherhelden macht, bearbeitet für die erste Klasse. Ein wenig skeptisch war ich, ob der Charakter des Klabautermanns und sein haarsträubender Unfug in diesen kurzen, einfachen Texten überhaupt zur Geltung kommen würde. Diese Sorge erwies sich allerdings als unbegründet, denn die Kinderbuchautorin Uli Leistenschneider, von der die neuen Texte stammen, hat ihre Aufgabe wunderbar gemeistert. Im Umschlag vorn und hinten wird ganz knapp alles zum Pumuckl gesagt, was man vorab über ihn wissen muss, und in den fünf kurzen Kapiteln spielt er wie immer seine Streiche, versteht alles viel zu wörtlich und reimt wild drauflos, immer gemäß dem Pumuckl-Motto: „Und was sich reimt, ist gut.“

Endlich Urlaub!
Im vorliegenden Band Pumuckl macht einen Ausflug geht es mit Meister Eder in den Wildpark. Aber warum eigentlich „Ausflug“, wo die beiden doch mit Zug fahren? Müsste es nicht eher „Auszug“ heißen? Und was ist eigentlich „Urlaub“, wozu braucht eine „Uhr“ denn „Blätter“? Kaum im Zug, erschreckt der unsichtbare Pumuckl schon die Mitreisenden und im Wildpark treibt er es noch doller. Da muss Meister Eder sich ganz schön anstrengen, um den übermütigen Kobold zu bändigen… Jedenfalls ist der Pumuckl am Abend rechtschaffen müde und sehr zufrieden mit dem gelungenen Tag.

Für kleine Leseratten und solche, die es werden möchten
Dank der großen Fibelschrift, der überwiegend einfachen Wortwahl, der kurzen Zeilen im Flattersatz, der übersichtlichen Abschnitte mit maximal sieben Zeilen und der reichen, sinnverstärkenden Bebilderung von Nataša Kaiser eignet sich das Buch für viele Schulanfängerinnen und -anfänger bereits am Ende der ersten Klasse, auch wenn der Textumfang etwas größer ist als bei Erstleserreihen mancher anderer Verlage. Die Rätsel am Ende jedes Kapitels dienen teils der Überprüfung des Textverständnisses, teils der Erholung und werden am Ende des Buches aufgelöst.

Wer mit dem Pumuckl lesen lernt, hat ganz bestimmt Spaß dabei und wird hoffentlich zur Leseratte!

Ellis Kaut & Uli Leistenschneider & Nataša Kaiser: Pumuckl macht einen Ausflug. Kosmos 2020
www.kosmos.de

Felix Weber: Staub zu Staub

  Weniger wäre mehr

Ein geistig behinderter Junge namens Siebold Tammens rettet Siem Coburg gleich zwei Mal das Leben. Beim ersten Mal lenkt das Kind durch sein schrilles, unkontrolliertes Kreischen die „Moffen“, niederländisches Schimpfwort für die Deutschen im Zweiten Weltkrieg und Synonym für Nazis, von ihrer Suche nach Coburg ab, der sich als Widerstandskämpfer auf dem Bauernhof von Siebolds Großvater versteckt. Beim zweiten Mal holt die Bitte von Siebolds Großvater, dem Tod des knapp Siebzehnjährigen auf den Grund zu gehen, den lebensmüden, vom Krieg gezeichneten Coburg wieder ins Leben zurück. Siebold, den der Großvater inzwischen schweren Herzens im Kloster Sint Norbertus bei Venlo untergebracht hatte, war dort unter ungeklärten Umständen verstorben. Nicht der einzige Todesfall bei den mehr als 400 Patienten, die von nur 20 Mönchen und wenigen Laien völlig unterversorgt sind. Besonders im Pavillon für die schweren Fälle, in dem einzig ein junger Mönch als ungelernte Pflegekraft 36 schwerstbehinderte Kinder auf engstem Raum betreut, kam es vermehrt zu Todesfällen. Wunschgemäß beginnt Siem Coburg im Kloster selbst und in dessen Umgebung zu recherchieren. Keine leichte Aufgabe, denn nicht nur innerhalb der Klostermauern herrscht striktes Schweigen:

„Letzten Endes wird hier alles unter den Teppich gekehrt. Du hast ja schon begriffen, dass dieses ganze Dorf vom Sint Norbertus abhängt, aber das ist nicht der einzige Grund. Die Menschen hier finden, dass die Mönche gute Arbeit leisten, und das bedeutet, dass man schweigt, wenn etwas schiefgeht. Schmutzige Wäsche wird nicht draußen gewaschen.“ (S. 163)

Soweit die Krimihandlung, die allerdings viel weniger Raum einnimmt, als dies bei einem Kriminalroman, einem preisgekrönten gar, zu erwarten wäre. Das alleine hätte mich nicht gestört, hatte ich mir von der Lektüre doch vor allem ein Bild der Niederlande während und nach dem Zweiten Weltkrieg versprochen. Leider hat sich jedoch auch diese Erwartung nur teilweise erfüllt, denn die bunt durcheinandergehende Themenfülle, die Felix Weber in Staub zu Staub aufgreift, ist einfach viel zu groß. Von Tagebucheinträgen eines Mönchs aus dem Ersten Weltkriegs über die niederländische Widerstandsbewegung im Zweiten Weltkrieg einschließlich ihrer Unterwanderung, vom Umgang mit Behinderten im und nach dem Zweiten Weltkrieg über mobile Gaskammern der SS in der Ukraine, von zum Tode verurteilten Akteuren des Naziregimes und solchen, die nach dem Krieg ihre Karriere unbehindert fortsetzen konnten, bis zu Kollaborateuren und solchen, die zu Unrecht verdächtigt und angeklagt wurden, reicht die Themenpalette, und das ist längst nicht alles. Dazu gibt es eine Vielzahl von Biografien, durchweg düster und hoffnungslos, wie die Stimmung im ganze Roman. Bedauerlicherweise wurden die ebenfalls zahlreichen Charaktere vor meinen Augen auch kaum lebendig, weder Coburg noch die Mönche noch die Dorfbewohner, ein wenig mehr Coburgs Geliebte Rosa. Gehadert habe ich außerdem bei Sätzen wie diesem mit der Übersetzung:

Das Mädchen hatte zunächst geschwiegen, weil sie schwanger war, aber als sich herausstellte, dass sie ein Kind erwartete, hat sie ihren Eltern gegenüber seinen Namen genannt. (S. 370)

Was nach der Lektüre bleibt, ist vor allem ein Bedürfnis, mehr über die neuere niederländische Geschichte zu erfahren.

Felix Weber: Staub zu Staub.  Aus dem Niederländischen von Simone Schroth. Penguin 2020
www.randomhouse.de

Peter Keglevic: Wolfsegg

  Aufrecht gehen, nicht ducken

Zu Beginn hat mich das Szenario in Wolfsegg des Filmregisseurs Peter Keglevic an Monika Helfers empfehlenswerte Frühjahrsnovität Die Bagage erinnert. Beide Romane spielen in den österreichischen Alpen und die im Zentrum stehenden armen Familien sind Außenseiter und als asozial Gebrandmarkte, die im hintersten Winkel eines Tals leben. Beide Autoren fangen die beklemmende Atmosphäre einer engstirnigen, missgünstigen, von Machos dominierten Dorfgemeinschaft inmitten einer übermächtigen Natur großartig ein. Allerdings enden damit die Gemeinsamkeiten, denn während Die Bagage autobiografisch geprägt ist und über vier Generationen reicht, ist das wesentlich brutalere, von Beginn an unheilschwangere Wolfsegg auf die ebenso beeindruckende wie schockierende 15-jährige Protagonistin zugeschnitten, die ich so schnell nicht wieder vergessen werde.

Ein Mädchen ohne Kindheit
In sehr jungen Jahren lastet auf Agnes Walder bereits eine ungeheure Verantwortung. Ihr Vater taucht immer wieder tagelang ab, ihre Mutter leidet an Nierenkrebs im Endstadium. So obliegt Agnes die Sorge für die beiden jüngeren Geschwister, den Garten und die wenigen Tiere auf dem bescheidenen Häuslerhof und die Überwachung der Chemotherapie-Termine der Mutter. Agnes liebt ihre Eltern trotz deren offensichtlicher Defizite. Meist verschwindet die Mutter im „Palast des Schweigens“, erst als ihr nicht mehr viel Zeit bleibt, werden ihre Warnungen vor Agnes‘ neuem Chef konkreter:

Wie unterm Laub ein Fangeisen, hatte die Mutter gesagt, plötzlich schnappt es zu! Schlagartig verstand Agnes. Sie kannte die Wirkung des Fangeisens. (S. 53)

 Und im Hinblick auf die Dörfler rät sie Agnes:

„Nichts wird sein, […], du allein bestimmst, wie sie sich verhalten. Wenn du aufrecht gehst, dann ducken sich die Leut‘, wenn du dich duckst, dann treten sie nach dir.“ (S. 156)

Der Vater dagegen macht wenig Worte, führt die Tochter aber in sein Handwerk der Waffenkunde, des Schießens und des Weidwerks ein. Vor allem aber zeigt er ihr eine mit Lebensmitteln, Petroleum und einer Solaranlage ausgestattete Berghütte mit Namen Wolfsegg:

„Niemand weiß, dass es die Hütte gibt, fuhr er fort. Es gibt keine Pläne von ihr, sie ist nirgendwo registriert und in keinem Kataster eingetragen. Auf keiner Karte verzeichnet, keine Wanderkarte führt hierher. Selbst der Name ist längst vergessen. Hier ist man unerreichbar. [] Du bist die Erste, die davon weiß.“ (S. 93)

Bald wird die Hütte zum Zufluchtsort der Waldner-Kinder, denn so wenig sich Agnes zunächst an die traumatischen Erlebnisse ihrer Kindheit erinnern kann, so wild entschlossen stemmt sie sich einer Einweisung ins Kinderheim Maria Hilf! entgegen, wo sie als Neunjährige ein knappes Jahr „Marienkind“ war.

Eine uneingeschränkte Leseempfehlung
Von Beginn an liegt über der Geschichte ein düsteres Geheimnis, das erst mit Agnes‘ allmählich zurückkehrender Erinnerung stückweise gelüftet wird. Die Geschehnisse, nachvollziehbar trotz ihrer Ungeheuerlichkeit und in einer bildgewaltigen Sprache erzählt, sprengten schließlich mein Vorstellungsvermögen. Wer allerdings wie ich den vollen Lesegenuss haben möchte, sollte vorher weder Klappentext noch detaillierte Rezensionen lesen. Ich hatte das Glück, davor gewarnt worden zu sein, und konnte mir die Spannung bis zum dramatischen Ende vollständig erhalten. Auch Tage nach Beendigung lässt mich das Buch nicht los und gehört zu meinen Lesehighlights 2020.

Peter Keglevic: Wolfsegg. Penguin 2019
www.randomhouse.de

Kent Haruf: Kostbare Tage

  Ein brillanter Erzähler

 

Kostbar sind die Tage für Dad Lewis, denn wegen seiner unheilbaren Lungenkrebserkrankung sind sie gezählt. Auf dem Heimweg vom Arztbesuch mit seiner Frau Mary nimmt der 77-Jährige die Landschaft besonders intensiv wahr, sieht er sie doch mutmaßlich zum letzten Mal:

 

Sie ließen Denver hinter sich, dann die Berge, fuhren zurück auf die Hochebene: Salbeisträucher, Palmlilien, Moskito- und Büffelgras auf den Weiden, Weizen und Mais auf den bestellten Feldern. Von beiden Seiten des Highways gingen unter dem klaren blauen Himmel Landstraßen ab, alle gerade wie Zielen in einem Buch, mit nur wenigen vereinzelten Kleinstädten auf dem flachen offenen Land. (S. 7)

Wenig später sind sie zurück in Holt, jener fiktiven Kleinstadt in Colorado, in der alle sechs Romane von Kent Haruf (1943 – 2014) angesiedelt sind:

Die Main Street mit nur einer einzigen Ampel, die an der Ecke Second Street von rot auf grün sprang und wieder zurück, das drei Blocks umfassende Geschäftsviertel, die alten Backsteingebäude mit den hohen Blendfassaden, die Post mit ihrer ausgebleichten Flagge, die Häuser zu beiden Straßenseiten der Main Street, die Straßen im Westen, nach Bäumen benannt und die im Osten, nach amerikanischen Städten benannt, den Highway 34, der die Main Street kreuzte und in beiden Richtungen aufs flache Land führte, die Weizen und Maisfelder, die örtlichen Weideflächen, …, und die blauen Sandhügel in der dunstigen Ferne. (S. 77)

Kleinstadtleben
Eine eingeschworene Gemeinschaft ist dieses Holt, jeder weiß über jeden Bescheid, Veränderungen sind unerwünscht. Ein Mann wie Reverend Rob Lyle, den man wegen seiner Parteiname für einen schwulen Pastor hierher strafversetzt hat, muss sich für seine Auslegung der Bergpredigt als „Terroristenfreund“ beschimpfen und verprügeln lassen. Nur wenige wollen, wie die alte Witwe Willa Johnson, seine Visionen hören.

Starke Frauen
Überhaupt die Frauen: Sie sind hier für Gefühle, Menschlichkeit, Liberalität und Hilfsbereitschaft zuständig. Mary und ihre aus Denver herbeigeeilte Tochter Lorraine pflegen Dad hingebungsvoll während dieser letzten Wochen. Ihre Nachbarin Berta May, die ihre verwaiste achtjährige Enkelin Alice aufzieht, packt ganz selbstverständlich mit an, genauso wie Willa und ihre Tochter Alene, die darüber eine endgültige Rückkehr nach Holt in ihrem Ruhestand nachsinnt. Frauen mit schweren Schicksalsschlägen und doch voller Herzenswärme und gelegentlichen Ausbrüchen von Lebensfreude.

Zeit für eine Bilanz
Dad Lewis dagegen kann nur schwer Gefühle zeigen. War sein Leben glücklich? 

Oh ja, ich war glücklich. Abgesehen von einer Sache. (S. 147)

Die „eine Sache“ ist der Weggang seines Sohnes Frank, dessen Homosexualität der Vater nicht akzeptieren konnte. Nun begegnet er Dad nur noch in seinen Tagträumen.

Immer wieder gern in Holt
Gefreut habe ich mich über kurze Hinweise auf Figuren aus anderen Romanen Harufs, die Brüder McPheron, Victoria oder Rose Tayler aus Lied der Weite und Abendrot. Zeitlich ist Kostbare Tage später angesiedelt, jedoch vor dem unvergleichlichen Finale Unsere Seelen bei Nacht.
Auch in meinem vierten Roman von Kent Haruf haben die alltäglichen Probleme der US-Kleinstadtbewohner aus dem Mittleren Westen nichts von ihrer Faszination eingebüßt. Wie immer wechseln sich Szenen der Trauer und Melancholie ab mit solchen der Hoffnung und Freude. Nach wenigen Zeilen war ich wieder mittendrin und genauso gefesselt wie jedes Mal, obwohl ich immer noch nicht ganz genau weiß, warum.    

Kent Haruf: Kostbare Tage. Aus dem Amerikanischen von pociao und Roberto de Hollanda. Diogenes 2020
www.diogenes.ch

Martina Borger: Wir holen alles nach

  Das Leben eben

Eine große Vielzahl von Themen hat Martina Borger in ihren neuen Roman Wir holen alles nach gepackt: Altersarmut, Scheidung, Patchworkfamilien, Betreuungsnotstand, Mobbing und Misshandlung, Wohnungsmarkt, moderne Arbeitswelt und Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, Ökologie und Nachhaltigkeit sowie Vorurteile und Zivilcourage, um nur die wichtigsten zu nennen.

Jede Menge Probleme
Ellen Wildner, Münchnerin Ende 60 und seit 25 Jahren verwitwet, muss sich zu ihrer kleinen Rente etwas dazuverdienen, will sie im Ruhestand nicht auf alle Annehmlichkeiten verzichten oder den Söhnen auf der Tasche liegen. Trotzdem ist sie meist guter Dinge und weitgehend zufrieden mit ihrem Leben. Neben dem frühmorgendlichen Zeitungsaustragen erteilt sie Nachhilfestunden. Einer ihrer Schüler ist der achtjährige Elvis, ein sensibles, ungewöhnlich stilles und freundliches Kind, das ihr schnell ans Herz wächst. Deshalb und wegen des angebotenen Lohns willigt sie ein, als sich für Elvis‘ alleinerziehende, voll berufstätige Mutter Sina Poschmann in den Sommerferien kurzfristig ein zweiwöchiges Betreuungsloch auftut und sie Ellen um Hilfe bittet. Schon in der ersten Woche taut Elvis sichtlich auf, nicht zuletzt dank Ellens Borderterrier-Mischling. Endlich kann jemand auf ihn und seine Bedürfnisse eingehen und hat Zeit:

Er ist noch so jung, und dennoch ist sein Leben schon eine Abfolge von Trennungen, gebrochenen Versprechen, Zurückweisungen, er ist im Weg, muss untergebracht, wegorganisiert werden, er ist das wehrlose Unterpfand einer offensichtlich unschönen Trennung. Dennoch ist er rührend treu und loyal seinen Eltern gegenüber. (S. 98)

Doch als Elvis nach dem Wochenende, das er mit Sinas neuem Lebenspartner und bei einem Freund verbracht hat, wieder zu Ellen zurückkommt, ist er verändert, blass und krank. Außerdem bemerkt Ellen zu ihrem Entsetzen Verletzungen an ungewöhnlichen Stellen, über die er ihr keine Auskunft geben möchte. Sina, von Ellen darauf angesprochen, reagiert abweisend, und so muss Ellen selbst entscheiden, wie sie mit ihrer Beobachtung umgeht. Keine leichte Aufgabe, denn, wie ihr Sohn Vitus gerne sagt, gilt leider nur allzu oft: „Gut gemeint ist das Gegenteil von gut“.

Zwei Frauen – ein Ziel
Martina Borger legt den Fokus abwechselnd auf die ganz unterschiedlichen Lebenssituationen der beiden Frauen, wobei Ellen etwas häufiger im Mittelpunkt steht. Beide haben größtes Interesse an Elvis‘ Wohlergehen, lassen sich jedoch leider von gegenseitigem Misstrauen und Eifersucht leiten, anstatt am gleichen Strang zu ziehen. Erst als sie ihre Vorbehalte beiseiteschieben, kommen sie endlich zum Wohle aller ins Gespräch.

Gute Unterhaltung
Auch wenn mir das ein oder andere Thema zu viel für einen knapp 300-Seiten-Roman war, es manches Klischees nicht bedurft hätte und mir Ellens plakative Vorträge zur Ökologie, zum Fleischkonsum und zur Nachhaltigkeit – obwohl auch mir diese Themen wichtig sind – etwas auf die Nerven gingen, hat mich das Buch mit seinem Ausgang doch überrascht und ich habe mich gefragt, wie ich mich verhalten hätte. Gute Unterhaltung also, verfasst in angenehm ruhigem Erzählton und in einem leicht lesbaren Stil, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Martina Borger: Wir holen alles nach. Diogenes 2020
www.diogenes.ch