Louise Erdrich: Der Gott am Ende der Straße

  Evolution rückwärts

Ein Roman von Louise Erdrich steht schon lange auf meiner Wunschliste ziemlich weit oben. Dass ich nun mit ihrem neuesten Buch ausgerechnet zuerst eine Dystopie erwischt habe, ein Genre, mit dem ich eher wenig anfangen kann, ist ausgemachtes Pech. Die Leseprobe mit der indigenen Ich-Erzählerin, aufgewachsenen bei weißen Adoptiveltern, die nun, im fünften Monat schwanger, ihre biologische Familie im Reservat kennenlernt, fand ich sehr interessant. Die 26-jährige Cedar Hawk Songmaker war mir von Beginn an sympathisch und blieb es während des ganzen Romans. Die punktgenaue Chrakterisierung der beiden grundverschiedenen Familien, vereint in der Sorge um die gemeinsame Tochter, ist ausgesprochen gut gelungen, wie überhaupt die Zeichnung aller Figuren. Allerdings hätte ich dieses Mal meine Angst vor Spoilern überwinden und den Verlagstext lesen sollen.

Cedar Hawk Songmaker ist zur denkbar ungünstigsten Zeit schwanger. Es gibt zwar keine gesicherten Erkenntnisse und die Wissenschaftler rätseln noch, aber es scheint zu einer Umkehrung der Evolution zu kommen. Die Weltgeschichte läuft rückwärts, nicht geordnet, sondern in „Sprüngen“, also „vorwärts, seitwärts, in unvorhersehbare Richtungen“. Eine kirchliche Bundesregierung namens „Church of the New Constitution“ hat die Macht an sich gerissen, die freie Berichterstattung ist ausgesetzt, es kommt zu Hamsterkäufen, Denunziationen und Folterungen, Schwangere werden im Rahmen der präpartalen Ingewahrsamnahme“ in Gebärkliniken eingesperrt und potentiell Gebärfähige zum Austragen eingefrorener Embryonen interniert. Über die genaue Art der Bedrohung bleibt jedoch nicht nur Cedar im Unklaren, zumal ihr der Blick auf den Bildschirm beim Ultraschall stets verwehrt wird, auch ich konnte mir bis zum Schluss nichts unter dieser rückläufigen Entwicklung vorstellen. Fehlende Fantasie? Mangelnde Affinität zum Genre? Auf mich wollte sich die Weltuntergangsstimmung deshalb nicht so recht übertragen.

Die Ereignisse selbst erfahren wir aus Cedars Tagebuchchronik, die sie für ihr ungeborenes Kind führt. Beeindruckend ist ihre trotz aller Katastrophen nie endende Zuversicht sowie die Verbundenheit mit dem Kind, das doch die Ursache für ihre Unfreiheit und Lebensgefahr ist.

Während ich im ersten Teil mit dem Aufbau des Bedrohungsszenarios fast aufgegeben hätte, hat mir der zweite Teil in einer Gebärklinik unerwartet Spaß gemacht. Hier wird der Text für mich viel konkreter und bekommt sogar Thrillerqualitäten. Teil drei und das Ende haben mich dann wieder enttäuscht, Wiederholungen und ein viel zu offener Ausgang waren mir zu wenig.

Die Mehrzahl der Themen, um die es in dieser sehr amerikanishen Dystopie geht, sind trotzdem sehr interessant und hätten mich – anders verpackt – sicher angesprochen: die Auseinandersetzung mit Evolutionsleugnern, die Dogmatik evangelikaler Kirchen, der Umgang mit der indigenen Bevölkerung, die Frage nach dem Wert biologischer und Adoptiveltern, das Zurückschlagen der Natur, das Verhalten von Menschen in Diktaturen und vieles – wahrscheinlich zu vieles – mehr. Wenig angesprochen haben mich dagegen die langen religionsphilosophischen Einschübe, über deren Qualität ich mir kein Urteil erlauben möchte. Eines weiß ich aber nach dieser Lektüre gewiss: ein Roman von Louise Erdrich bleibt oben auf meiner Wunschliste, nur eben keine Dystopie.

Louise Erdrich: Der Gott am Ende der Straße. Aufbau 2019
www.aufbau-verlag.de

Jurek Becker: Jakob der Lügner

  Held wider Willen

Um die Geschichte des Juden und Ghettobewohners Jakob Heym nicht dem Vergessen anheimfallen zu lassen, erzählt sie ein anonymer Überlebender des Holocaust. Er wählt dafür meist die auktoriale Erzählform, streut aber auch Passagen aus der Ich-Perspektive ein. „Das meiste“ weiß er aus erster Hand vom toten Jakob selbst, manches von Zeitzeugen, und wo sich diese nicht finden ließen, füllt er die Lücken. Jakob ist für ihn ein Held, einer der zwar immer Angst hatte, der jedoch unglaublich mutig war. Angeregt zu diesem Roman hat den Autor Jurek Becker, der selbst, wie er sagte, keine Erinnerung an seine Kindheit im Ghetto von Łódź und in verschiedenen KZs hatte, eine wahre Geschichte.

Jakob Heym, ehemaliger Besitzer einer bescheidenen Restauration, lebt in einem namenlosen Ghetto im Osten. Der Zweite Weltkrieg neigt sich bereits dem Ende zu, doch sind die Bewohner des Ghettos von jeglichem Kontakt zur Außenwelt abgeschnitten und ohne Information über das Kriegsgeschehen. Die Lage ist verzweifelt, Hungertote und Selbstmorde bestimmen den Alltag. Da hört Jakob zufällig im Radio der Polizeistation, dass die Russen bereits fast bis Besanika vorgerückt sind. Seine Quelle kann er unmöglich nennen, hat doch vor ihm noch niemand die Polizeistation lebend wieder verlassen, doch gibt er die Meldung seinem Arbeitskollegen Mischa weiter, um ihn vom lebensgefährlichen Kartoffelraub abzulenken. Damit ist die Nachricht in der Welt und Jakob kann sie nicht mehr zurückholen. Da er als Quelle ein eigenes, verstecktes Radio angibt, werden er und das Gerät zum Mittelpunkt allen Denkens im Ghetto. Die allgemeine Verzweiflung schlägt in Hoffnung um, plötzlich scheint das Überleben eine reale Option und die Selbstmordrate sinkt auf null. Während die Menschen im Ghetto Pläne für eine nun plötzlich greifbar erscheinende Zukunft schmieden, wird die Situation für Jakob immer schwieriger, denn mit der einmaligen Neuigkeit ist es nicht getan. Gleichzeitig fühlen sich einige von dem verbotenen Gerät bedroht, andere werden zunehmend leichtsinniger. Jakob muss entscheiden, wie es nach der ungewollten Lüge weitergeht.

Jakob der Lügner, der 1969 erschienene Debütroman von Jurek Becker (vermutlich 1937 – 1997) ist eines der Bücher, die schon viel zu lang auf meiner Wunschliste stehen. Nun hat sich mit dieser erstmals ungekürzten Hörfassung als Koproduktion von speak low und der SWR 2 Literaturredaktion eine Alternative geboten, die ich sehr gerne ergriffen habe. Der Sprecher August Diehl liest den Text angenehm zurückhaltend und doch an den entscheidenden Stellen mit großer Wucht. Er interpretiert die tieftraurigen Stellen genauso bewegend wie die tragikomischen und ist für mich in den 515 Hörminuten vollkommen mit der Figur des Ich-Erzählers verschmolzen.

Sehr gut gefallen haben mir auch die Box, die mit Zitaten bedruckten Hüllen der sieben CDs und das informative Booklet mit einem Text des Autors über seine fehlenden Erinnerungen und einem Aufsatz von Christine Becker zur Entstehungsgeschichte des Romans.

Jurek Becker: Jakob der Lügner / Gelesen von August Diehl. Speak low 2016
www.speaklow.de

Gianrico Carofiglio: Kalter Sommer

  Grauzonen

1992 erschütterten zwei schwere Attentate Italien, die bis heute Spuren hinterlassen haben: Am 23.05. wurde der ehemalige Mafia-Richter und Direktor im Justizministerium Giovanni Falcone mitsamt seinen Begleitern bei Palermo mit Hilfe einer halben Tonne Sprengstoff unter der Autobahn zerrissen, am 19.07. starben auf ähnlich spektakuläre Weise mitten in Palermo sein Richter-Kollege Paolo Borsellino und dessen Leibwächter. Beide Anschläge gingen auf das Konto der sizilianischen Cosa Nostra, die damit vom Verbrechersyndikat zur Terrororganisation wurde. Langfristig führten diese Terroraktionen jedoch zu einem Niedergang der sizilianischen Mafia.

Genau zum Zeitpunkt dieser spektakulären Attentate spielt der Krimi – oder der Roman, wie der Verlag ihn bezeichnet – des ehemaligen Antimafia-Staatsanwalts und gebürtigen Barinesers Gianrico Carofiglio. In der eher kleinen Mafiagruppierung „La Società Nostra“ in der apulischen Hauptstadt ist im April 1992 ein interner Krieg zwischen dem Anführer Nicola Grimaldi alias „der Blonde“ oder „Dreizylinder“ und seinem Stellvertreter Vito Lopez ausgebrochen. Kurz darauf wird Grimaldis Sohn auf dem Schulweg entführt, es geht eine Lösegeldforderung ein und kurz darauf wird das Kind tot aufgefunden. Niemand zweifelt an der Täterschaft von Lopez und seinen Anhängern.

Maresciallo Fenoglio, 41-jähriger Turiner und seit zehn Jahren der Liebe wegen in Bari, übernimmt die Ermittlungen der Operation Kalter Sommer. Geschockt und traurig, weil seine Frau Serena ihn vor zwei Monaten vorläufig verlassen hat, taucht er in ein Milieu ein, das er mittlerweile allzu gut kennt. Als sich Lopez der Polizei stellt, weil er als Hauptverdächtiger Grimaldi mehr fürchtet als die Carabinieri und als „wandelnder Toter“ die Kooperation mit der Justiz als „einzige Hoffnung“ sieht, führt Fenoglio die tagelangen Vernehmungen mit dem mehrfachen Mörder. Während der jedoch eine Vielzahl von Verbrechen gesteht, detailliert die Gründung der Gruppe und ihre Struktur darlegt und über die Beziehungen zur Lokalverwaltung und zu einzelnen Politikern berichtet, bestreitet er vehement jegliche Verwicklung in die Entführung. Trotz aller offensichtlicher Indizien kommen auch Fenoglio immer mehr Zweifel und es zeigt sich immer deutlicher, dass Schwarz und Weiß keineswegs immer scharf zu trennen sind und es für die Ermittler jede Menge Grauzonen gibt.

Gianrico Carofiglios Bari-Reihe um den Strafverteidiger Guido Guerrieri gehören zu meinen absoluten Lieblingskrimis, vor allem wegen des sympathischen Protagonisten und der ausführlichen Gerichtsszenen. Ob Kalter Sommer aus dem Jahr 2016, auf Deutsch 2018, im Untertitel „Ein Fall für Maresciallo Fenoglio“, ebenfalls als Reihe geplant ist, kann ich dem Band leider nicht entnehmen. Mit Sicherheit hat der Protagonist viel Potential für eine Fortsetzung und ich würde gerne mehr über sein Privatleben, seine Arbeit und seine Kollegen erfahren. Auch wenn mir die wörtlichen Vernehmungsprotokolle Vito Lopez‘ im Mittelteil etwas zu lang waren, hat mir auch dieser Krimi gut gefallen. Die gelungene Einbettung der beiden eingangs beschriebenen, realen Mafiamorde in die Geschichte, der Einblick in Mafiastrukturen, die Carofiglio-typischen Erläuterungen zum italienischen Recht und die überraschende Auflösung lohnen die Lektüre allemal.

Gianrico Carofiglio: Kalter Sommer. Goldmann 2019
www.randomhouse.de

Maja Lunde: Battle

  Wie ein Goldfisch ohne Glas

Amelie ist 17, als ihre Welt plötzlich aus den Fugen gerät. Nach der Insolvenz des Vaters muss sie mit ihm aus dem noblen Haus mit Pool im vornehmen Osloer Stadtteil Holmenkollen an den „Arsch der Welt“ in den heruntergekommenen Vorort Stovner ziehen. Ihren Freunden aus der Tanzklasse der angesagten Schule Valkyrie kann sie das nicht erzählen, selbst ihrem Freund Axel nicht, mit dem sich das Küssen so falsch für sie anfühlt. Nur ihre Freundin Ida wurde zufällig Zeugin, als Gerichtsvollzieherin und Polizei vor der Tür standen. Wenn es nach ihr ginge, würde Amelie allen die Wahrheit sagen: „Du brauchst nicht perfekt zu sein, damit die Leute dich mögen.“ Aber genau das will Amelie immer sein: beim Tanzen genauso wie vor ihrer Clique. So verstrickt sie sich immer tiefer in ein Netz aus Lügen, voller Sorge über Idas Verschwiegenheit.

Die Geschichte, aus der Sicht von Amelie erzählt, ist ein Jugendroman für Mädchen ab etwa 13 Jahren über Selbstfindung, erste Liebe, Dazugehören und Außenseitertum, Wahrheit und Lüge und vor allem über die Leidenschaft für das Tanzen. Denn Amelie möchte Tänzerin werden wie einst ihre Mutter. Sie träumt von der Balletthochschule und von einer Tanzkarriere, dafür trainiert sie unerbittlich und steckt die harte Kritik ihrer strengen Tanzlehrerin ein, die abseits der perfekten Technik die persönliche Note vermisst. Dass Amelie ausgerechnet in Stovner auf den jungen Hip-Hopper Mikael Tehrani stößt, der genau wie sie mit Leib und Seele Tänzer werden möchte, macht das abendliche Heimkehren in die schmuddelige Zweizimmerwohnung erträglicher. Doch Mikael, den dunkelhäutigen Sohn iranischer Einwanderer, kann sie unmöglich ihrer Clique aus der Valkyrie vorstellen – oder etwa doch? Mit ihm kann sie jedenfalls über ihre abwesende Mutter sprechen und vorübergehend den Schmerz über ihren Vater vergessen, der sich nach dem Bankrott völlig gehen lässt.

Die Norwegerin Maja Lunde, die in Deutschland 2017 mit ihrem Bestseller Die Geschichte der Bienen schlagartig bekannt wurde, hat mich mit ihrem im Original 2014 erschienenen Jugendbuch Battle noch mehr überzeugt, trotz einiger genretypischer Klischees und Schwarzweißmalerei. Besonders gut gelungen ist die Darstellung der inneren Konflikte der Ich-Erzählerin: „Ich war ein Goldfisch, und irgendjemand hatte mein Glas zerbrochen.“ Obwohl ich mich selbst weder aktiv noch passiv für Tanz interessiere, konnte ich mich nicht der Dramatik des Battle, eines Tanzwettbewerbs in Stovner, entziehen, bei dem zuletzt fast alle Figuren des Romans aufeinandertreffen.

Die wunderschön gestaltete Ausgabe aus dem Verlag Urachhaus wurde zurecht von der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur im September 2018 als „Buch des Monats“ prämiert.

Maja Lunde: Battle. Urachhaus 2018
www.urachhaus.de

Christina Braun: Wale und Delfine

  Anspruchsvolle Lektüre für Erstleser und Erstleserinnen

Die bewährte Kinder-Sachbuchreihe Was ist was, die seit 2013 in einer inhaltlich und gestalterisch komplett neu konzipierten Fassung erscheint und damit bereits für Kinder ab etwa acht Jahren empfohlen wird, gibt es seit Juni 2018 auch für wissbegierige Erstleser und Erstleserinnen. Nicht jedes Kind findet Zugang zum Lesen über Geschichten, deshalb ist es sehr zu begrüßen, dass einige Verlage auch Sachbücher für Lesestarter anbieten. Das Niveau ist dabei oft höher als bei Geschichten, begründet in der Hoffnung, dass die Kinder aufgrund ihres Wissensdrangs beim Lesen über sich hinauswachsen. Aus der Reihe Was ist was – Erstes Lesen gibt es inzwischen zehn Bände, den ersten, Wale und Delfine, möchte ich hier exemplarisch vorstellen.

In fünf Kapitel ist der Band unterteilt:

  • Was sind Wale?
  • Welche Wale gibt es?
  • Was fressen Wale?
  • Die Sinne der Wale
  • Wale und ihr Verhalten

Jedes Kapitel beginnt mit einem großen Foto, dann folgen Texte in großer Fibelschrift mit farbigen Überschriften, Fotos und Zeichnungen mit informativer Beschriftung und farblich abgesetzte Infokästen. Die bis zu 15 verkürzte Zeilen langen Fließtexte sind für die bessere Lesbarkeit in kurze Blöcke unterteilt. Das Layout ist ebenso abwechslungsreich wie übersichtlich, die Texte sind gut verständlich, wobei durchaus anspruchsvolle Begriffe wie „Buckelwalmännchen“, „Nordpolarmeer“, „Wasseroberfläche“ oder „Geschmacksknospen“ zu bewältigen sind. Durch das Buch begleitet der Delfin Fini, der immer wieder interessante Informationen beisteuert und nach jedem Kapitel drei Quizfragen stellt. Ein Interview mit Fini sowie ein großes Abschlussquiz beschließen den 63 Seiten umfassenden Band. Zu allen Quizfragen gibt es Lösungen, so dass der Erfolg sofort überprüft werden kann.

Der Verlag Tessloff empfiehlt die Sachbuchreihe ab dem Ende der ersten bis in die dritte Klasse, eine realistische Einschätzung, wenn man bedenkt, dass die Kinder je nach Lesefähigkeit mit kleinen Textmengen und Bildunterschriften beginnen können.

Mir gefällt sowohl das Konzept dieser Reihe als auch die Auswahl der bisher erschienenen Themen Planeten, Vulkane, Natur entdecken, Bienen, Wald, Pferde und Ponys, Wetter, Polargebiete und Unsere Erde sehr gut. Ich hoffe, dass man damit Kinder für Sachbücher begeistern und den ein oder anderen Lesemuffel bekehren kann.

Christina Braun: Wale und Delfine. Tessloff 2018 (Was ist was – Erstes Lesen. 1) www.tessloff.com

Fernando Aramburu: Langsame Jahre

  Baskische Kindheitserinnerungen mit zwei Erzählebenen

2018 gehörte der gut 750 Seiten starke Roman Patria von Fernando Aramburu zu meinen Lieblingsbüchern. Nun ist sein im Original bereits 2012 veröffentlichtes, nur 200 Seiten umfassendes Buch Langsame Jahre auf Deutsch erschienen. Obwohl beide Titel sich mit dem Baskenland und der ETA befassen, sind sie doch inhaltlich und erzähltechnisch ganz verschieden. In Patria geht es um zwei Familien, Opfer und Täter. In den kurzen, nicht chronologisch geordneten Kapiteln steht je einer der neun Protagonisten im Mittelpunkt und einzelne Sätze werden aus der Ich-Perspektive erzählt. Langsame Jahre dagegen ist die Erinnerung eines Mannes an seine Kindheit in den Jahren 1968 bis 1971, als er Pflegekind im Haushalt seiner Tante in San Sebastián war. Er erzählt seine Geschichte dem Schriftsteller Fernando Aramburu und mahnt diesen immer wieder zur literarischen Verfremdung und zum Persönlichkeitsschutz. Beide, Erzähler und Romanautor, haben ihre Kindheit vor 40 Jahren im Stadtviertel Ibaeta verbracht. Der erzähltechnische Clou besteht darin, dass Aramburu 39 Einschübe mit Anmerkungen für einen zu schreibenden Roman in die im Original wiedergegebene Ich-Erzählung einfügt. In diesen nummerierten „Notaten“ ergänzt Aramburu eigene Erinnerungen, berichtigt Fehler des Erzählers, spielt mit möglichen Erzählvarianten und entwirft probeweise Dialoge. Durch diesen Blick in die Schreibstube gaukelt er dem Leser Authentizität vor.

Der namenlose Ich-Erzähler, von seinem Cousin Txiki genannt, kommt Anfang 1968 als Achtjähriger aus einem Dorf in Navarra nach San Sebastián. Seine Mutter kann die drei Söhne nach dem Weggang des Vaters nicht ernähren, und so kommt er als jüngster in den Haushalt seiner Tante, die beiden älteren ins Armenhaus nach Pamplona. Onkel, Tante, Cousine und Cousin nehmen ihn einigermaßen liebevoll auf, er verlebt hier insgesamt neun Jahre „ohne all jene Grausamkeiten und Kümmernisse, die sich für die Romanliteratur gewöhnlich als so nutzbringend erweisen“. Der intelligente Junge teilt sein Zimmer mit seinem zehn Jahre älteren Cousin Julen und wird, ohne es richtig zu verstehen, als einziger in der Familie Zeuge von dessen Radikalisierung unter dem Einfluss des örtlichen Priesters. Julen träumt davon, ein Held der baskischen Befreiung zu werden, und muss dafür teuer bezahlen. Die Cousine Mari Nieves führt zum Entsetzen ihrer Mutter ein lasterhaftes Leben und wird schwanger, sodass schnellstmöglich ein Ehemann gefunden werden muss – koste es, was wolle.

Anders als in Patria gibt es in diesem Roman nicht nur Verlierer. Zwar ist die Geschichte nicht ganz so intensiv und einiges bleibt der Interpretation des Lesers überlassen, doch hat mir die Perspektive des Kindes auf den Alltag „einfacher Leute mit wenig Bildung“ im franquistischen Baskenland und die Rekrutierung durch die ETA gefallen. Zusammen mit der originellen Erzählweise, der wertigen Aufmachung und dem sehr gut ausgewählten Cover ist auch dieser ältere Roman des in Deutschland lebenden Basken Fernando Aramburu auf jeden Fall empfehlenswert.

Fernando Aramburu: Langsame Jahre. Rowohlt 2019
www.rowohlt.de

Jerome K. Jerome: Drei Mann in einem Boot. Ganz zu schweigen vom Hund!

  Mäßig amüsant, aber in einer wunderschönen Ausgabe

Zwei Dinge haben mir an diesem Klassiker aus dem Jahr 1889 ausgesprochen gut gefallen: das wunderschöne Manesse-Bändchen, das sich in die Hand einschmeichelt und mit der Fadenheftung, dem farbenfrohen Cover, dem Lesebändchen und dem bestechenden Druck und Papier ein haptischer Hochgenuss ist, und die Sprache. Wenig anfangen konnte ich dagegen mit dem Humor, den Harald Martenstein in seinem ansonsten sehr guten Nachwort für mich völlig unverständlicherweise mit jenem von Loriot vergleicht. Ich kann hier nur entschieden widersprechen, ist doch der von mir überaus geschätzte Loriot einmalig, wird nie platt und spielt somit in einer anderen Liga. Jerome K. Jeromes Drei Mann in einem Boot. Ganz zu schweigen vom Hund! ist mir dagegen zu absurd übertrieben, der Ich-Erzähler und seine Freunde zu unsympathisch und rüpelhaft und die viel zu langatmigen Pointen verpuffen. Wenn die Protagonisten in ihrer Unfähigkeit beispielsweise 25 Minuten lang vier Kartoffeln schälen, bleibt der Witz auf der Strecke. Nur bei den Passagen über den Foxterrier Montmorency konnte ich tatsächlich schmunzeln.

Der Ich-Erzähler und seine beiden Freunde George und Harris, Hypochonder und gelangweilte junge Männer ohne Ehrgeiz und Biss, planen zur Entspannung – es bleibt unklar, wovon – eine Tour auf der Themse von Kingston nach Oxford und zurück. Vorbereitung und Durchführung sind eine stete Folge von Pleiten, Pech und Pannen und es grenzt an ein Wunder, dass sie tatsächlich rudernd und treidelnd bis Oxford gelangen. Als es auf dem Rückweg regnet, brechen sie ab, verlassen klammheimlich ihr Boot und beenden die Unternehmung wesensgerecht mit dem Zug.

Interessant sind die eingestreuten Anekdoten aus der britischen Geschichte. Wer die Tour auf der Themse selbst unternimmt oder wenigstens die Gegend kennt, profitiert sicher von den detaillierten Ortsbeschreibungen. Für mich als Ortsunkundige wäre eine kleine Landkarte hilfreich gewesen.

Dieses Buch ist wieder einmal ein Beweis dafür, dass man über Humor nicht streiten kann. Drei Mann in einem Boot. Ganz zu schweigen vom Hund! machte Jerome K. Jerome (1859 – 1927) schlagartig nicht nur in Großbritannien berühmt, der Roman wurde auch diverse Male verfilmt, ist Schullektüre und gilt bis heute als Klassiker des englischen Humors. Nur meins ist er eben leider nicht und ich bin dankbar, dass ich ihn nicht im Englischunterricht lesen musste.

Jerome K. Jerome: Drei Mann in einem Boot. Ganz zu schweigen vom Hund! Manesse 2017
www.randomhouse.de

Olivier Norek: All dies ist nie geschehen

  Zwischen zwei Welten

Was passt besser zum heutigen Weltflüchtlingstag, als ein Roman über den Dschungel von Calais? Laut UNHCR sind aktuell 70,8 Millionen Menschen weltweit von Flucht und Vertreibung betroffen, Tendenz steigend.

Zwei dieser Flüchtlinge sind der Syrer Adam Sarkis und der etwa zehnjährige stumme Sudanese, den Adam Kilani nennt. Beide treffen im Juli 2016 im Lager von Calais zusammen, im sogenannten „Dschungel“. Zwar wurde dieses vermutlich größte Elendsviertel Europas, an der Küste auf einer ehemaligen Mülldeponie mit mehreren tausend Quadratkilometern gelegen, im Oktober 2016 aufgelöst, doch ist keines der Probleme dadurch verschwunden und der Roman bleibt leider weiterhin topaktuell.

Adam war 16 Jahre als Polizist in Syrien tätig, gehörte aber zuletzt der Rebellengruppe Freie Syrische Armee an und hat die Militärpolizei infiltriert. In letzter Sekunde kann er Syrien verlassen. Ziel ist das Lager von Calais, in das er kurz zuvor Frau und Tochter vorausgeschickt hat. Als er ankommt, fehlt von den beiden jede Spur. Während seiner verzweifelten Suche lernt er Kilani kennen und rettet ihn aus den Fängen der Afghanen im Lager, was der traumatisierte, verstümmelte Junge mit hingebungsvoller Anhänglichkeit belohnt.

Ein zweiter Handlungsstrang zeigt die Polizei von Calais. Die BAC, Brigade anti-criminalité, versucht Nacht für Nacht, die Flüchtlinge am illegalen Besteigen der Lastwagen nach Großbritannien zu hindern. Die BSU, Brigade de sûreté urbaine, schaut tagsüber soweit möglich über  Vergehen der Flüchtlinge hinweg und hält sich vom Lager fern. Die Zustände sind unbeschreiblich, auch wenn verschiedene Helfergruppen die größte Not zu lindern versuchen. Lieutenant Bastien Miller, der sich aus familiären Gründen nach Calais hat versetzen lassen, ist schockiert vom „Calais-Style“, der angeordneten Arbeitsweise der Polizei. Als die Millers Adam und Kilani kennenlernen, können sie nicht mehr einfach wegschauen: „Wenn so etwas in den Nachrichten kommt, ist es einfach, das wieder zu vergessen, aber wenn das in deinem eigenen Wohnzimmer passiert?“.

Olivier Norek, laut Klappentext Star der französischen Krimiszene und vielfach ausgezeichnet, hat selbst drei Jahre für Pharmaciens sans frontières gearbeitet und war Police Lieutenant. Die Danksagung lässt erahnen, wie intensiv er bei der BAC von Calais und im Dschungel recherchiert und wie viele Gespräche mit Flüchtlingen er geführt hat.

All dies ist nie geschehen ist kein Krimi, kann es aber in punkto Spannung mit jedem Thriller aufnehmen. Dass die Geschichte wahr ist, schockiert. Über den Blick in eine unbekannte Welt hinaus, die doch fast vor unserer Haustüre liegt, hat mir sehr gut gefallen, dass Norek nicht urteilt, nur durch die Augen seiner Protagonisten beschreibt. Er zeigt durchaus auch die Gewalt, die von Flüchtlingen ausgeht, von Anwerbern des IS, von Schleppern, von Traumatisierten und Vergewaltigern: „Du kannst nicht einfach zehntausend Menschen aus den gefährlichsten Ländern der Welt zusammenpferchen und quasi gefangen gehalten, Menschen mit der Hoffnung auf eine illegale Überfahrt, die von der Großzügigkeit der Calaisiens und von den Hilfsorganisationen abhängig sind – und dann glauben, dass schon alles gut gehen wird.“ Am Ende sind alle Verlierer: die britischen Lastwagenfahrer, die Polizisten, die Einwohner von Calais, aber in erster Linie die Flüchtlinge. Hoffnung besteht nur, wenn Einzelne Zivilcourage zeigen.

Olivier Norek: All dies ist nie geschehen. Blessing 2019
www.randomhouse.de

Sehnsucht Frankreich

  Eine akustische Reise von der Bretagne bis nach Korsika

Meine Rezension zum Hörbuch Sehnsucht Italien im Juli 2017 habe ich mit der Hoffnung beendet, dass Der Hörverlag aus diesen wunderbaren Reisefeatures eine Reihe machen möge. Mit Sehnsucht Frankreich ist nun tatsächlich eine zweite, ebenso überzeugende Sammlung erschienen, die mir, da ich dieses Mal viele der porträtierten Städte und Regionen kenne, sogar noch mehr Hörspaß bereitet hat.

„Eine akustische Reise von der Bretagne bis nach Korsika“ lautet der Untertitel zu diesen fünf CDs, die in knapp sechseinhalb Stunden Features und Reportagen des Bayerischen Rundfunks 2 aus den Jahren 1980 bis 2018 zum Thema Frankreich bieten. Auf einer bunten Landkarte lassen sich die Stationen, die man auch dem hübsch gestalteten Booklet entnehmen kann, genau verfolgen. So bunt wie die Liste der Autoren und Sprecher ist auch die Art der 28 Beiträge: nur gesprochener Text oder mit Musik und Originaltönen angereichert, ausführlicher oder knapper, eher informativ oder eher emotional, wird es eines auf jeden Fall beim Zuhören garantiert nie: langweilig.

Es fällt mir schwer, einzelne Beiträge mit ihren gut gemachten Überleitungen besonders herauszuheben. Da sind einmal die Features, die Erinnerungen an eigene Reisen bei mir lebendig werden lassen, wie zum Beispiel an die Natur, Küche und Kultur der Bretagne, den Duft und die Musik Korsikas, den Zauber der Kapelle Notre Dame du Haut de Ronchamp, die Schlösser der Loire, das „blaue Wunder“ von Chartres, den Mont Saint Michel oder an einen Spaziergang durch Arles. Besonders gut gefallen hat mir auch der Beitrag über die Heimat der Sch’tis mit der Sprecherin Francine Singer und vielen Bezügen zum Film von Dany Boon. Andere Features haben eher Reisefieber bei mir ausgelöst, beispielsweise die Hausbootfahrt durch die Camargue, die Interviews mit den Schleusenwärtern am Canal du Midi, der Spaziergang mit einem Architekten durch Étretat oder der Besuch auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris.

Ich habe die fünf CDs gleich zweimal gehört. Bis hoffentlich bald ein weiteres Sehnsuchtsziel erscheint, werde ich sie sicher noch öfter zur Hand nehmen.

Sehnsucht Frankreich. Der Hörverlag 2019
www.randomhouse.de

Hanneliese Schulze & Christiane Hansen: Die vertauschten Schuhe

  Rechts und links – links und rechts

Lesedetektive heißt die Erstleserreihe aus dem Duden Verlag, bei der die beiliegenden Lesezeichen als Lösungsschlüssel für die eingestreuten kleinen Quizfragen dienen. Die Bände der Reihe sind nach Klassen unterteilt. Ich selbst bevorzuge eine Einteilung in verschlüsselte Lesestufen, da man schlechten Leserinnen und Lesern so auch ein Buch für eine niedrigere Stufe in die Hand geben kann, ohne sie damit zu beschämen.

Die vertauschten Schuhe richten sich an Leseanfänger in der ersten Klasse und ist deswegen in großer Fibelschrift und im Flattersatz gedruckt. Pro Seite gibt es drei bis vier kurze, nach Sinneinheiten getrennte Zeilen mit maximal 19 überwiegend einfachen Wörtern. Eine Einteilung in Kapitel, die für Kinder das Erfolgserlebnis beim Lesen unterstützen kann, gibt es nicht.

Die reiche, ganz auf das Textverständnis konzentrierte Bebilderung von Christiane Hansen unterstützt die kleinen Leseanfänger und Leseanfängerinnen gut. Die comicartigen, farbenfrohen Illustrationen vermitteln durchweg gute Stimmung und zeigen fast nur fröhliche Kinder.

Es ist erstaunlich, wieviel Handlung man in 31 Seiten mit so wenig Text unterbringen kann. Die Autorin Hanneliese Schulze erzählt die nette Geschichte von Nuri, der einfach nicht mit seinen Schuhen zurechtkommt. Ein ums andere Mal vertauscht er sie und kommt mit „Ziegenfüßen“ in die Schule. Während ihn viele Kinder auslachen, hat Merle schließlich die rettende Idee…

Hanneliese Schulze & Christiane Hansen: Die vertauschten Schuhe. Dudenverlag 2010
www.duden-leseprofi.de