Jane Austen: Anne Elliot

Die zweite Chance

Der letzte abgeschlossene, 1818 postum erschienene Roman Jane Austens (1775 – 1817), Persuation, heißt in der deutschen Übersetzung mal Überredung, mal Verführung und mal, wie hier auch das Hörbuch aus der SWR2-Reihe Große Werke. Große Stimmen, schlicht Anne Elliot. Die Titelheldin hat zu Beginn des Romans ihre Jugend und ihre große Liebe bereits hinter sich. Mit 27 Jahren ist ihr Schicksal als alte Jungfer mutmaßlich besiegelt. Dass sie gut sieben Jahre zuvor ihre große Liebe, den Marineoffizier Frederick Wentworth, nicht geheiratet hat, ist den Einwänden ihres eitlen und selbstverliebten Vaters, dem Baronet Sir Walter Elliot, ihrer bornierten, kalten älteren Schwester Elisabeth und ihrer wohlmeinenden Patin und Freundin ihrer früh verstorbenen Mutter, Lady Russell, geschuldet. Alle haben damals an Annes Vernunft appelliert, die Verlobung mit dem mittellosen, nicht standesgemäßen Wentworth zu lösen, und die junge Anne hat sich wider besseres Wissen gefügt. Nun aber führt der Zufall die beiden unter gänzlich veränderten Bedingungen ein zweites Mal zusammen. Wentworth ist inzwischen hochdekorierter Captain in gesicherten finanziellen Verhältnissen und mit gesellschaftlichem Ansehen. Annes Familie dagegen musste aufgrund der Verschwendungssucht des Vaters und der älteren Schwester ihr Landgut Kellynch Hall vermieten und nach Bath übersiedeln. Mieterin ihres Besitzes ist ausgerechnet Frederick Wentworths Schwester, so dass eine erneute Begegnung unvermeidlich ist.

Jane Austens Romane liebe ich nicht wegen ihrer Spannung, denn wie sie ausgehen, ist nach wenigen Seiten gewiss. Unübertroffen sind vielmehr die präzisen Gesellschaftsbeobachtungen, die Beschreibungen von Engstirnigkeit, starren Regeln und Beschränkungen, sowie der leichte, ironische Ton, mit dem Jane Austen dies alles kommentiert. Bereits der Eröffnungssatz des Hörbuchs illustriert, wie messerscharf sie die Charaktere ihrer Figuren mit wenigen Worten durchdringt: „Sir Walter Elliot auf Kellynch Hall in Somersetshire nahm zu seiner eigenen Unterhaltung nie ein anderes Buch als den Adelsalmanach zur Hand.“ In Anne Elliot hat mir außerdem besonders gut gefallen, wie stark sich die Protagonistin im Laufe des Romans weiterentwickelt bei gleichzeitigem Stillstand ihrer Umgebung. Von Anfang an ist die stille Anne intelligenter, gewandter und mit mehr Gemütstiefe ausgestattet als die übrigen Familienmitglieder. Doch während sie sich als 19-Jährige noch bedingungslos unterordnet, steht sie acht Jahre später zu ihren Gefühlen und setzt sich, beflügelt durch ein neu erworbenes Selbstvertrauen, durch, als sie eine zweite Chance erhält.

Kornelia Boje liest mit extrem ruhiger Stimme und damit passend zur Titelheldin. Allerdings hätte ich mir gewünscht, dass der Humor und die Ironie Jane Austens besser zur Geltung kämen. Ich bedauere auch sehr, dass die Produktion aus dem Jahr 1998 auf einer mp3-CD mit knapp über acht Stunden nur eine gekürzte Lesung enthält und es kein Booklet gibt. Dafür ist der Preis von zehn Euro aber sehr günstig für dieses Hörvergnügen.

Jane Austen: Anne Elliot. Lesung mit Kornelia Boje. DAV 2018
www.der-audio-verlag.de

William Boyd: All die Wege, die wir nicht gegangen sind

Auf ein Neues!

Zur Gründung eines neuen Buchverlags braucht es heute eine gehörige Menge Buchverrücktheit, über die der Verleger Daniel Kampa offensichtlich verfügt. Dass er bereits in seinem ersten, 40 Titel umfassenden Programm mit Autoren wie William Boyd, Astrid Rosenfeld und Hansjörg Schertenleib aufwarten kann und darüber hinaus dem Diogenes Verlag die Rechte an Georges Simenons Gesamtwerk abgeluchst hat, ließ 2018 aufhorchen.

William Boyds kleiner Roman All die Wege, die wir nicht gegangen sind mit dem schmucken roten Leineneinband ist im Original 2017 als Titelgeschichte einer Sammlung von Short Stories erschienen und nun auf Deutsch beim Imprint Gatsby des Kampa Verlags. Die 22-jährige Ich-Erzählerin Bethany Mellmoth hat gerade ihr Studium der englischen und amerikanischen Literatur abgebrochen, hat an sechs Schauspielschulen erfolglos vorgesprochen und ihre aktuelle Beziehung ist gescheitert. In zehn Kapiteln schauen wir Bethany bei der Suche nach ihrem Weg irgendwo im Kunstbetrieb und beim Scheitern zu. Amüsiert habe ich verfolgt, wie sie als angehende Schriftstellerin nicht über die ersten Sätze eines Romans hinauskommt, wie ihre Statistenrolle in einer unabhängigen Filmproduktion den wilden Änderungen am Drehbuch zum Opfer fällt und weder ihre Karriere als Fotografin noch als Sängerin in Fahrt kommt. Läuft vorübergehend doch ein Projekt vielversprechend an, ist sie als gebranntes Kind sofort misstrauisch: „Alles läuft verdächtig gut, und so funktioniert die Welt eigentlich nicht – nein.“ Denn: „Dinge gehen schief“, und so zieht sie zum wiederholten Mal bei ihrer Mutter wieder ein oder nimmt deren Hilfe bei der Suche nach einem Brotjob in Anspruch. Aber nicht nur beruflich, auch privat erleidet sie regelmäßig Schiffbruch, denn die Weitsicht, die sie in Bezug auf die Partner ihrer geschiedenen Eltern beweist, geht ihr bei der eigenen Männerwahl völlig ab.

Schade fand ich, dass auch nach zwei Jahren und immer wiederkehrendem Scheitern keine merkliche Veränderung mit Bethany vorgeht. Zwar ist ihr nimmermüdes Wiederaufstehen und Von-Vorne-Beginnen zu bewundern, schwer verständlich ist für mich dagegen, dass eine kluge junge Frau so gar nichts dazulernt, all die schönen Pläne so gänzlich ohne Ehrgeiz verfolgt und sehr schnell wieder fallenlässt. Möglich, dass eine weniger verständnisvolle Mutter hilfreicher hier wäre, aber wer kann schon einer Tochter in Not die Unterstützung versagen?

Sehr gut gefallen haben mir die vielen Klischees aus dem Kunstbetrieb, über die Boyd seine Ich-Erzählerin so elegant-leicht und ironisch plaudern lässt. Allerdings hätte das Buch nicht mehr als diese zehn Kapitel umfassen dürfen, denn gegen Ende drohte sich durch die Wiederholungen eine gewisse Ermüdung bei mir einzustellen. Lust auf einen umfangreicheren Roman von William Boyd hat das kleine Buch aber allemal bei mir geweckt.

William Boyd: All die Wege, die wir nicht gegangen sind. Gatsby 2018 kampaverlag.ch

Ian McGuire: Nordwasser

„Die Wale sind das Geringste in diesem Spiel.“

Hull, Frühjahr 1859. Die „Volunteer“, ein altes Walfangschiff aus Yorkshire, rüstet zu einer Expedition Richtung Grönland, auch wenn die beste Zeit des Walfangs wegen Überfischung vorüber ist und Petroleum das Walöl ablöst. Anstatt eine Mannschaft zu bilden und angesichts des gefährlichen Unternehmens an einem Strang zu ziehen, verfolgen viele der knapp 40 Männer an Bord ganz eigene Ziele. Für Kapitän Arthur Brownlee, bekannt für seine Glücklosigkeit und Tollkühnheit, soll es die letzte Fahrt werden, denn dem skrupellosen Schiffseigner Jacob Baxter geht es nicht um Wale, sondern um einen möglichst vorteilhaften Ausstieg aus dem Geschäft. Der 27-jährige Schiffsarzt Patrick Sumner, irischer Arzt und vor kurzem wegen Entfernung von der Truppe in Indien unehrenhaft aus Armee entlassen, möchte sich für einige Zeit „auflösen“ und sich dann neu erfinden. Er hat Demütigung, Verrat und Schande erlebt und hofft nun auf eine „ruhige, vielleicht sogar langweilige Zeit“ an Bord. Seine Lektüre ist die Ilias, sein Laster die Opiumsucht. Henry Drax dagegen, begabter Harpunier, aber Teufel in Menschengestalt, gesteuert einzig von seinen Impulsen und völlig ohne Moral, der bereits im ersten Kapitel vor Beginn der Reise zwei Menschen kaltblütig ermordet, will der Langeweile an Land entkommen.

Die Fahrt scheint zunächst vom Glück begünstigt, denn die Robbenjagd ist erfolgreich, man erlegt eine Eisbärin und fängt ihr Junges. Als kurz darauf auch der erste Wal zur Strecke gebracht und zerlegt ist, breitet sich sogar Siegestaumel aus. Doch dann wird immer offensichtlicher, dass die Expedition verflucht zu sein scheint. Eine Vergewaltigung und ein Mord sind nur der Auftakt zu einer Kette von Ereignissen, die in einen brutalen Überlebenskampf münden.

Nordwasser des 1964 geborenen, in Hull aufgewachsenen Literaturwissenschaftlers und Autors Ian McGuire ist sicher einer der brutalsten und kompromisslosesten Romane, die ich je gelesen habe. Doch sind die Grausamkeiten, sei es bei der Jagd oder im zwischenmenschlichen Bereich, nie um ihrer selbst oder der Spannung willen beschrieben, sondern dienen dazu, McGuires eigentliches Thema zu illustrieren: die Entlarvung des Monsters Mensch. Die schier unerträglichen Schilderungen von Brutalität, Gestank, Gemetzel, Menschenverachtung, Skrupellosigkeit und Blut kontrastieren in atemberaubender Weise mit der Natur des Nordens, mit dem Nordmeer-Himmel und den ebenso erhabenen wie bedrohlichen Eislandschaften.

Im Präsens, in derber Sprache und bis auf wenige kurze Rückblicke streng chronologisch erzählt, lässt sich der Roman flüssig und trotz technischer Details über die Jagd leicht lesen. Der Spannungsbogen ist enorm, so dass ich dieses Buch, das viel mehr als ein historischer Abenteuer- und Kriminalroman ist, nicht aus der Hand legen konnte. Lediglich eine Landkarte hätte ich mir gewünscht.

Wieder einmal hat es sich bei Nordwasser gezeigt, dass Bücher des von mir so geschätzten mareverlags auch dann die richtige Lektüre sind, wenn mich das Thema, wie hier der Walfang, nicht sofort anspricht. Ähnlich erging es mir vor knapp zwei Jahren mit der Robinsonade Herz auf Eis von Isabelle Autissier, die zum Lieblingsbuch wurde. Schade nur, dass Nordwasser den Man Booker Prize nicht bekommen hat, für den es 2016 nominiert war.

Ian McGuire: Nordwasser. mare 2018
www.mare.de

Takis Würger: Stella

Lügen in Zeiten des Krieges

Anders als ich aufgrund des Titels Stella erwartet hatte, steht im Mittelpunkt dieses zweiten Romans von Takis Würger für mich nicht die Geschichte der realen Stella Goldschlag, sondern vielmehr die des fiktiven Ich-Erzählers Friedrich. Aufgewachsen in wohlhabenden Verhältnissen in einer Villa bei Genf, hatte seine deutsche Mutter ihn für eine Karriere als Künstler vorgesehen. Als ihm bei einem Unglücksfall das Gesicht entstellt wird und er die Fähigkeit zum Erkennen von Farben verliert, platzt dieser Traum und die Mutter versinkt endgültig in der Alkoholsucht. Hin- und hergerissen zwischen ihrer nationalsozialistischen Gesinnung und den Ansichten des toleranten Vaters, möchte Friedrich die Wahrheit über die Judenabholungen herausfinden, „Gerüchte von Wirklichkeit trennen“, und begibt sich nach der Auflösung seiner Familie im Januar 1942 nach Berlin. Sein erster Eindruck: „Aus der Ferne hatten die Deutschen groß gewirkt, aus der Nähe wirkten sie so klein wie ich.“ Ein Jahr verbringt er in einem mondänen Hotel, geschützt durch seine Schweizer Identität, ohne jeden Mangel. An der Kunstschule lernt er die gleichaltrige Kristin kennen, Aktmodell, Lateinlehrerin und Sängerin im illegalen Melodie Klub. Kristin scheint alles zu haben, was er gerne für sich selbst hätte: Selbstsicherheit, Schlagfertigkeit, Autorität, Schönheit und Stärke. Schnell übernimmt sie völlig die Kontrolle über ihn und er liebt sie umso mehr dafür: „Ich hatte dieser Frau nichts entgegenzusetzen.“ Als sie verschwindet, ist er verzweifelt. Doch dann kehrt sie zurück und Friedrich erfährt, wer sie wirklich ist: die Jüdin Stella Goldschlag, deren falsche Identität geplatzt ist, und die sich als „Köderjüdin“ an die Gestapo verkauft hat, um sich und ihre Eltern zu retten. Was macht diese Entdeckung mit Friedrich?

Die historische Stella Goldschlag hat mehrere hundert Menschen an die Gestapo verraten, auch noch nachdem ihre Eltern in Auschwitz umkamen, was laut Epilog 1943, laut Wikipedia im Oktober 1944 der Fall war. Der Roman versucht nicht, eine Antwort auf das Warum zu geben, sondern zwingt den Leser, sich selbst mit dieser Frage auseinanderzusetzen. Wie Hammerschläge fühlten sich die eingestreuten Zeugenaussagen aus dem Nachkriegsprozess gegen Stella Goldschlag an zwischen der Liebesgeschichte und der Aufzählung historischer Ereignisse zu Beginn jedes neuen Monats. Wie faszinierend diese Frau gewesen sein muss, zeigt die Tatsache, dass sie fünfmal verheiratet war. Der fiktive Friedrich wird sie jedenfalls nie vergessen.

So interessant das Thema dieses Romans ist, die Frage nach Schuld und Moral, so konnte mich die Umsetzung doch nicht völlig überzeugen. Ob es daran lag, dass ich keiner der Figuren nahekam, auch nicht dem – freundlich ausgedrückt – extrem unbedarften Friedrich? Weil mir die Figuren in ihren Handlungen zu modern erschienen? An Unsauberkeiten wie dem fehlerhaften französischen Dialog? Vielleicht lag es aber auch einfach daran, dass ich nach dem allseitigen Lob für Takis Würgers Debüt Der Club, den ich nun anschließend lesen werde, übersteigerte Erwartungen hatte? Trotzdem ist Stella auf jeden Fall lesenswert, im zweiten Teil sehr spannend und wer gerne schön formulierte Sätze markiert, wird hier voll auf seine Kosten kommen.

Takis Würger: Stella. Carl Hanser 2019
www.hanser.de

Joachim Friedrich & Minna McMaster: Lukas und die Meckerschweinchen

Die Tierdetektive ermitteln wieder

Lukas und die Meckerschweinchen ist nach Lukas und das Geheimnis der sprechenden Tiere bereits der zweite Fall der selbsternannten Tierdetektive Lukas und Marie. Unterstützt werden die beiden von ihren Haustieren Millicent, dem kleinen, frechen Kater mit den eingebildeten Krankheiten, und Horst, der empfindsamen Dänischen Riesendogge mit der Tierarztphobie. Lukas und Marie verstehen sich wunderbar, Millicent und Horst dagegen streiten fast dauernd, halten aber zusammen, sobald es darauf ankommt. Lukas trägt Hörgeräte und kann sich, wenn er den „Menschenfunk“ abschaltet, mit Tieren unterhalten. Längst hat er sich damit abgefunden, dass nur seine Freundin Marie ihm diese unerklärliche Gabe glaubt.

Joachim Friedrich nimmt sich viel Zeit, Lukas, Marie, Millicent und Horst vorzustellen, so dass man problemlos mit diesem zweiten Band in die Serie einsteigen kann. Dafür setzt der Kriminalfall erst spät im sechsten von 18 Kapiteln und nach gut 60 unterhaltsamen, aber nicht besonders spannenden Seiten ein.

Im Wildpark ist die gescheckte Meerschweindame Lilli verschwunden, die beliebte Geschichtenerzählerin im gemeinsam von Meerschweinchen und Kaninchen bewohnten Gehege. Die unternehmungslustige Lilli ist von einem Ausflug nicht zurückgekehrt und ihre Mitbewohner sind alarmiert. Klar, dass Lukas und Marie jeder denkbaren Spur nachgehen, tagsüber und sogar bei Nacht. Wo mag Lilli nur abgeblieben sein? Wurde sie von einem Tierdieb entführt oder gar von einem Wildtier gefressen?

Am besten gefallen haben mir in diesem Kinderkrimi die Wortgefechte zwischen den Tieren, sei es zwischen Millicent und Horst oder im konfliktträchtigen Meerschwein-Kaninchen-Gehege. Aber auch Lukas‘ Dialoge mit Tieren aller Spezies sind ausgesprochen witzig und jedes Tier hat einen ausgeprägten eigenen Charakter. Schön ist auch, dass die Kinder nicht nur gemeinsam den Kriminalfall lösen, sondern für ein Happy End rundum sorgen, das allen Menschen und Tieren gerecht wird.

Die ganz in Blau-, Gelb- und Grautönen gehaltenen Illustrationen von Minna McMaster geben dem Buch eine eigene Note, wobei die Darstellungen von Millicent und Horst sowie die Nachtbilder ganz besonders gelungen sind.

Der kindgerecht erzählte, ab dem zweiten Drittel sehr spannende Tierkrimi eignet sich zum Vorlesen für Jungen und Mädchen ab etwa sechs Jahren, zum Selberlesen ab der dritten Klasse.

Joachim Friedrich & Minna McMaster: Lukas und die Meckerschweinchen. Orell Füssli Kinderbuch 2018
www.ofv.ch/kinderbuch

Juli Zeh: Neujahr

ES

Neujahr ist der perfekte Zeitpunkt für gute Vorsätze. Henning nutzt den Morgen des ersten Januar  für eine anspruchsvolle Radtour auf den Atalaya-Vulkan auf Lanzarote, denn Stressabbau durch mehr Sport und mehr Aufmerksamkeit für seine Frau Theresa gehören zu seinen Plänen für das neue Jahr. Auf den ersten 70 ihres knapp 200 Seiten umfassenden Romans Neujahr schildert Juli Zeh die Schinderei am Berg, zwanzig Prozent Steigung bei Gegenwind, und lässt den Vater der zweijährigen Bibbi und des vierjährigen Jonas seinen ihn konstant überfordernden Alltag reflektieren. Moderne Eltern wollen er und Theresa sein, deshalb haben sie die alten Rollenklischees überwunden. Beide haben einen Halbtagsjob durchgesetzt, wobei Henning sich verpflichtet fühlt, wegen seines geringeren Verdienstes in einem Sachbuchverlag einen etwas größeren Part zuhause zu übernehmen. Ein scheinbar perfektes Familienmodell und doch eine permanente Selbstüberforderung für Henning, der seit zwei Jahren unter heftigen Panikattacken leidet, von ihm als ES tituliert, mit horrorartigem Herzrasen, Atemnot, brennendem Zwerchfell und außer Kontrolle geratendem Körper und Geist. Der spontan von ihm gebuchte Familienurlaub über Weihnachten und Neujahr auf Lanzarote sollte aus der Tretmühle des Alltags herausführen, doch ES hat ihn auch hierher verfolgt.

Auf dem Gipfel angekommen, dehydriert, unterzuckert und völlig entkräftet, beginnen die Konturen zwischen Realität und Fantasie sich aufzulösen. Eine rätselhafte SMS von Theresa kann er kaum glauben und ein Déjà-Vu in einem Haus auf dem Berg katapultiert ihn in seine Vergangenheit. Damals, als Vier- oder Fünfjähriger, hatten seine Eltern nach einem Streit ihn und seine zweijährige Schwester Luna alleine zurückgelassen. Auch während dieses Horrorurlaubs, einer verdrängten Episode seiner Kindheit, musste Henning mehr Verantwortung übernehmen, als er schultern konnte.

Die beiden Hauptteile des Romans – der Aufstieg und das traumatische Kindheitserlebnis – haben mir von ihrer Dramaturgie und Erzählweise jede für sich außergewöhnlich gut gefallen. Das Herannahen des ES („ES nimmt Witterung auf“ – „ES dehnt die Glieder“ – „ES setzt zum Sprung an“ – „ES springt“) ist großartig beschrieben, ebenso wie der verdrängte Kindheitsurlaub. Allerdings habe ich mich bei der Lektüre gefragt, ob Juli Zeh nicht besser zwei Romane daraus gemacht hätte, einen modernen psychologischen Familienroman und einen Thriller, obwohl offensichtliche Parallelen wie das Motiv elterlicher Überforderung die beiden Teile verbinden. So entwertet der zweite Teil, der auf einmal die wahre Antwort auf das Warum für ES liefern soll, den ersten, der für mich bereits Erklärung genug war.

Trotz dieser Kritik, trotz des für mich ein wenig zu eindimensional geratenen Schlusses und obwohl ich Romane, die mehr Raum für Interpretationen lassen, eigentlich lieber mag, sind beide Teile und natürlich auch der Roman als Ganzes absolut lesenswert.

Juli Zeh: Neujahr. Luchterhand 2018
www.randomhouse.de

Thorsten Steffens: Klugscheißer Royale

Besser spät als nie

Wer mich und meine Büchervorlieben kennt, wird sich wahrscheinlich wundern, dass dieser Debütroman hier auftaucht. Es waren definitiv nicht das Cover und der Titel, die mich zum Lesen bewogen haben, auch nicht die vom Verlag bemühten Vergleiche zu Fack ju Göthe und Tommy Jaud, die ich beide nicht kenne. Ausschlaggebend war vielmehr, dass es in meinem Leben eine entscheidende Parallele zum Ich-Erzähler Timo Seidel gibt: den Quereinstieg in den Lehrerberuf. Aber nicht nur deshalb hat sich die Lektüre eindeutig gelohnt, sondern auch, weil der Autor Thorsten Steffens einerseits die intelligente Komik beherrscht und mich damit gut unterhalten hat, andererseits ernste Themen einfließen lässt, die ich hinter dem Cover gar nicht erwartet hätte. Auch wenn mir Timo Seidel im wahren Leben wegen seiner Großmäuligkeit sicher auf den Wecker gehen würde, seine Mission als „Oswald Kolle der deutschen Sprache“ und seine Kritik der „Sprachvergewaltigung“ kann ich aus tiefstem Herzen nachvollziehen. Letzteres definiert er als „das gewaltsame Zusammenfügen von Wörtern, Satzfragmenten und Lauten entgegen ihres natürlichen Auftretens ohne jegliche Berücksichtigung von Grammatik oder allgemein anerkannten Sprachregeln“, das sich besonders in öffentlichen Verkehrsmitteln unfreiwillig studieren lässt. Die entsprechende Szene war eine meiner Lieblingsstellen im Buch, ebenso wie die im Text verteilten geistreichen Definitionen schwieriger Begriffe und Neologismen à la Duden.

Die Handlung ist schnell erzählt: 28-jähriger Klugscheißer, bequem, anstrengend für seine Umgebung, intelligent aber ehrgeizlos, Mailadresse: supertimo@gmx.net, verliert aufgrund seiner großen Klappe seinen sowieso miesen Job in einem Callcenter, wo er nach dem frühen Abbruch seines Studiums hängengeblieben ist. Als ob das nicht schon genug wäre, verlässt ihn zeitgleich seine Freundin Cleo nach fünf Jahren des Zusammenlebens, weil sie endgültig die Nase voll hat von seiner Besserwisserei und seiner Weigerung, Verantwortung zu übernehmen. Kein Einkommen, Freundin, Couch und Waschmaschine weg, Angeber-BMW nicht zu halten, keine Qualifikation, demütigender Besuch bei der Arbeitsagentur – Cleos Voraussage, nach der er ohne sie keine Woche zurechtkommen würde, scheint sich zunächst zu erfüllen. Was ihm jedoch nach seinem tiefen Fall geblieben ist, sind gute Freunde. Über sie erhält der zweisprachig aufgewachsene Timo die Chance, sein Glück befristet als Englischlehrer in einer Abendrealschule zu versuchen. Obwohl er sich dort zunächst wie ein Hochstapler fühlt, findet er gut in die neue Aufgabe hinein, lässt sich sogar von den Kolleginnen helfen und bei manchem Schicksal seiner erwachsenen Schüler fehlen ihm, dem Großmaul, die Worte. Zum ersten Mal in seinem Leben hat er das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. Reicht der Schub, um seinem Leben die entscheidende Wendung zu geben? Dafür bräuchte es viel Einsicht, aber „die Spezies Klugschießer ist mit dem Konzept der Einsicht generell nicht vertraut und muss sich diese erst mühsam aneignen“…

Eine lustige, nie alberne Komödie mit einem zunächst anstrengenden Protagonisten, der mir immer mehr ans Herz gewachsen ist. Sollte es eine Fortsetzung geben, wäre ich sicher wieder dabei, ganz unabhängig von Cover und Titel.

Thorsten Steffens: Klugscheißer Royale. Piper 2018
www.piper.de

Un-Su Kim: Die Plotter

Südkoreanischer Thriller um ein Kartell des Tötens

Begeistert hat mich an diesem Buch zunächst das Äußere. Das Cover mit der ursprünglich aus Asien stammenden, bei uns für Tod und Trauer stehenden weißen Chrysantheme und den sich bis auf den Vorderschnitt ausdehnenden Blutspritzern sowie die roten Vorsatzblätter vorn und hinten sind äußerst gelungen. Die hybride Form zwischen Hardcover und Klappenbroschur mit dem stabilen Einband und der Papierklappe innen, jedoch ohne Schutzumschlag, ist in der aktuellen Diskussion um die Vermeidung von Plastikfolien eine interessante Variante. Das Buch liegt sehr angenehm in der Hand und zeigt nach der Lektüre keine Gebrauchsspuren.

Da ich nur selten Thriller lese und bisher noch kein Buch aus Korea kannte, war ich äußerst gespannt auf diesen südkoreanischen Bestseller von 2010. Auf eine gewisse Brutalität hatte mich das Covers vorbereitet, doch hat mich die Härte auf dem Seouler „Fleischmarkt“, dem „kapitalistischsten aller Märkte“, auf dem es nur ums Töten geht, dann doch überrascht. Raeseng, Findelkind und als Vierjähriger adoptiert von Old Raccoon, in dessen Bibliothek er aufwuchs, kennt nur diese Welt. Er tötet nicht um der Gerechtigkeit Willen oder aus persönlichen Motiven, sondern weil man es ihm befiehlt und ihn dafür bezahlt. Die Aufträge dazu kommen von den Plottern und „… jeder in diesem Land, der jemals auch nur über das kleinste bisschen Macht verfügt hat, steht in Verbindung zu einem Plotter“, sei es Regierung, Militär, Polizei oder Justiz. Sein Ziehvater Old Raccoon gibt die Aufträge in seiner Bibliothek an seine Auftragskiller weiter. Tracker spüren in diesem System die Opfer auf, Cleaner beseitigen Killer, die ihre Aufträge nicht anweisungsgemäß ausführen oder entbehrlich sind. Selbst für das spurlose Verschwinden der Ermordeten ist mit einem „Leichenbeseitigungsservice“ gesorgt.

Doch in der perfekt organisierten Welt der Plotter gärt es und Old Raccoons Position in der Branche wankt. Raeseng selbst steht mit 32 Jahren auf der Todesliste des Kartells, weil er bei einem Auftrag von den Vorgaben abgewichen ist, und muss sich seiner Verfolger erwehren.

Natürlich habe ich mich zwischendurch gefragt, ob ich ein solches Buch lesen möchte und worin die Faszination besteht. Wäre die Brutalität nur um ihrer selbst beschrieben, hätte ich es sicher schnell weggelegt. Doch hier ist es eindeutig der Protagonist, der das Buch so interessant macht. Er steht ganz unten in dieser verbrecherischen Hierarchie, von der man nur die nächsthöhere Stufe kennenlernt und nichts über die wahren Drahtzieher erfährt. Musste Raeseng, der keine Schule besuchen durfte, aber keinesfalls einfältig ist, der werden, der er ist, oder hatte er eine Wahl? Warum kehrt er in die Bibliothek zurück, als die Möglichkeit zu einem anderen Leben bestand, obwohl er keinerlei Befriedigung beim Töten empfindet und nie weiß, wann er zur Zielscheibe in dieser Hölle wird? Und wie schafft es der Autor Un-Su Kim, dass man nicht nur blanke Abscheu vor ihm empfindet? Mehr noch als in der Spannung liegen die Pluspunkte bei diesem Thriller für mich im Einblick in die Psyche eines zerstörten Menschen und in der ganz besonderen, sehr bildreichen, präzisen Sprache.

Un-Su Kim: Die Plotter. Europa Verlag 2018
www.europa-verlag.com

Otfried Preußler & Annette Swoboda: Hörbe und sein Freund Zwottel

Es geht nichts über Freunde und gute Nachbarn

Hörbes Abenteuer gehen weiter und wieder hat die Illustratorin Annette Swoboda die liebevoll nachkolorierten Bilder zu dieser Neuausgabe beigesteuert. Der tatkräftige Hutzelmann, Korb- und Hutmacher und einer von 13 seiner Art im Siebengiebelwald, hat in Band eins, Hörbe mit dem großen Hut, bei einem aufregenden Ausflug in die Worlitzer Wälder Zwottel Zottelschratz als Freund gewonnen und mit nach Hause gebracht. Nun muss auch Hörbe nicht mehr alleine leben, sondern hat wie alle Hutzelmänner einen Mitbewohner. Aber kaum ist die Einstandsfeier vorbei und der Streuselkuchen aufgegessen, gibt es ein Problem, denn der Winter steht vor der Tür und Hörbe hat nicht genug Vorräte für zwei, schon gar nicht für einen so hungrigen Zottelschratz! Zum Glück haben die beiden liebe Nachbarn. Als Hörbe schon recht verzweifelt ist, kommen ihm der kleine Leubner, Wurzeldittrich, Humpelkeil, Nörgelseff, der alte Zimprich, Hustenplischke, Mörtelmöller, der lange Ginzel, Eisenscholze, Honig-Pankranz, Wollepietsch und der bunte Hoffmann zur Hilfe. Und als es schließlich wie verrückt schneit und Eis das Hutzelmannhaus einhüllt, fällt Zottel in seinen wohlverdienten Winterschlaf.

Während Band eins mit Hörbes abenteuerlicher Wanderung und seiner Begegnung mit Zwottel sehr spannend ist, gefallen mir in Band zwei das Gemeinschaftsleben der Hutzelmänner und ihre Hilfsbereitschaft besonders gut. Wunderschön und sehr atmosphärisch sind die Beschreibung und Illustration der Winterfreuden und -mühen, sei es in der behaglichen Hütte am Feuer, sei es draußen bei Räumarbeiten oder einer lustigen Schneeballschlacht. Als im 31. und letzten Kapitel alle zusammen Weihnachten feiern und dazu sogar Zwottel aus seinem Schlaf erwacht, hat die kleine Gemeinschaft den großen Vorlesern und den Zuhörern ab fünf Jahren bewiesen, dass man zusammen alles schaffen kann.

Otfried Preußler & Annette Swoboda: Hörbe und sein Freund Zwottel. Thienemann 2018
www.thienemann-esslinger.de/thienemann

Otfried Preußler & Annette Swoboda: Hörbe mit dem großen Hut

Die Welt steckt voller Überraschungen

Während die meisten Kinderbuchfreunde bei den Klassikern von Otfried Preußler (1923 – 2013) nur an seine bekanntesten Titel Der kleine Wassermann (1956), Die kleine Hexe (1957), Der Räuber Hotzenplotz (1962) mit den beiden Fortsetzungsbänden (1969 und 1973) sowie Das kleine Gespenst (1966) denken, gehören für mich die zwei leider etwas weniger populären Vorlesebücher um die Abenteuer des sympathischen Hutzelmanns Hörbe zu den absoluten Favoriten. Hörbe mit dem großen Hut (1981) und Hörbe und sein Freund Zwottel (1983) sind nun in sehr liebevoll von Annette Swoboda nachkolorierten Neuausgaben erschienen und machen damit als Vorlesebücher ab fünf Jahren sogar noch mehr Spaß.

Hutzelmann Hörbe ist zwar sehr klein, aber durchaus kein Hutzelmännchen, sondern ein gestandener Korbflechter und Hutmacher, der weiß, was er will. An einem schönen Herbsttag mitten unter der Woche lässt er aus einer spontanen Laune heraus die Arbeit einfach ruhen und begibt sich auf einen Wanderausflug. Als einziger alleinwohnender unter den sonst paarweise lebenden 13 Hutzelmännern im Siebengiebelwald genießt er eine gewisse Unabhängigkeit, ist aber dafür ein wenig einsam. Frohgemut verlässt er an diesem Tag sein Hutzelmannhaus unter einem Reisighaufen nach dahin und dorthin mit dem Vorsatz, am Abend zurückzukehren. Gemäß seinem Motto „Man soll sich nicht in Gefahr begeben, wenn es nicht sein muss“ ist er fest entschlossen, die Worlitzer Wälder zu meiden, wo der gefährliche Plampatsch hausen soll. Doch dann kommt alles anders, denn zunächst attackieren ihn die gefräßigen Ameisen, dann wird er auf den Rabenteichen von einer bedrohlichen Strömung erfasst und gerät schließlich in einen Wasserfall. Ein Glück, dass er seinen genialen Doppelhut hat und Zwottel, der Zottelschratz mit dem Zottelpelz und dem Zi-Za-Zottelschwanz ihm aus der Patsche hilft…

Am Ende seines Ausflugs hat Hörbe nicht nur das Rätsel um den Plampatsch gelöst, sondern auch einen wunderbaren Freund gewonnen, mit dem das Alleinsein ein für alle Male ein Ende hat.

Mit der Figur des Hörbe hat Otfried Preußler unverkennbar ein Wesen aus seiner böhmischen Heimat zum Helden seiner spannenden Geschichte in 27 kurzen Kapiteln gemacht. Der abenteuerliche Ausflug ins Unbekannte und die Begegnung zwischen dem tatkräftigen Hutzelmann und dem unbedarften „geborenen Spaßmacher“ Zwottel sind ein Vorlesespaß, der den kleinen Zuhörern genauso wie den großen Vorlesern auch fast 40 Jahre nach seiner Entstehung immer noch größte Freude macht.

Otfried Preußler & Annette Swoboda: Hörbe mit dem großen Hut. Thienemann 2016
www.thienemann-esslinger.de/thienemann