Milena Agus: Eine fast perfekte Welt

  Jeder ist seines Glückes Schmied

Aus drei Personenporträts setzt Milena Agus ihren Generationenroman Eine fast perfekte Welt zusammen. Die erste im Reigen ist Ester, eine Frau, die sich ihr Leben lang sehnt und nie den perfekten Ort findet, an dem sie leben und glücklich sein kann. Weder auf ihrer Heimatinsel Sardinien noch auf dem Festland findet sie ihr gelobtes Land.

Eine Lebenskünstlerin ist dagegen ihre gutmütige, aber keineswegs naive Tochter Felicita, die, obwohl vom Schicksal nicht verwöhnt, überall und in jeder Lebenslage das Positive erkennt. Viel mehr als Ester hätte sie Grund zur Klage, und doch ist sie als alleinerziehende Mutter ihres sonderlichen, verträumten Sohnes Gregorio in einer ärmlichen Wohnung im Hafenviertel von Cagliari so zufrieden, dass sie auch für die Menschen in ihrer Umgebung zur „Glücksbereiterin“ wird. Ihre Lebensphilosophie fasst sie in Sätzen über den italienischen Dichter und Philologen Giacomo Leopardi zusammen:

Das ist auch mein Lieblingsdichter, ich mag ihn wirklich sehr, ich kenne viele seiner Gedichte auswendig, finde aber, dass er nicht immer recht hat. Zum Beispiel in seinem „Dialog zwischen der Natur und einem Isländer“: Es gibt keinen Ort auf der Welt, wo sich dieser arme Isländer wohlfühlt. Er ist genau wie meine Mutter. Bei allem Respekt gegenüber Leopardi finde ich, dass genau das Gegenteil der Fall ist, nämlich dass es keinen Ort auf der Welt gibt, wo man sich nicht wohlfühlen kann.

Gregorio ist der erste in der Familie, der radikal seinen Träumen folgt. Weder sein Vater noch sein Großvater haben sich getraut, ihrer Liebe zur Musik nachzugeben, doch unterstützt von seiner Mutter macht Gregorio sich auf nach New York, um als Jazzpianist sein Glück zu finden.

Das gelobte Land
Terre promesse heißt der nur gut 200 Seiten umfassende Roman im italienischen Original und nach diesem versprochenen gelobten Land und dem Glück suchen alle Figuren der Geschichte mit unterschiedlichem Erfolg, nicht nur Ester, Felicita und Gregorio. Die drei Teile sind mit „Das Festland“, „Amerika“ und „Sardinien“ überschrieben, doch wie Felicita richtig erkannt hat, sind es nicht die Orte, die über Glück und Unglück entscheiden, es ist die Einstellung zum Leben, der Wille, Schicksalsschläge zu überwinden, und der Mut, den eigenen Weg zu gehen.

Starke Figuren
Obwohl die Grundstimmung des Buches so melancholisch ist wie die Frau auf dem Schwarz-Weiß-Cover und die Schicksalsschläge gegen Ende etwas zu zahlreich werden, hat sich die Tristesse beim Lesen nicht auf mich übertragen, ein Umstand, den ich vor allem Felicitas feinem Humor und ihrem Pragmatismus verdanke. Bedauert habe ich, dass Milena Agus‘ Heimat Sardinien nicht eine größere Rolle spielt; gerne hätte ich mehr über die Landschaft, die Geschichte und die Menschen erfahren. Dafür werden mir die eigenwilligen Romanfiguren und ihre Sehnsucht nach Glück im Gedächtnis bleiben.

Milena Agus: Eine fast perfekte Welt. Aus dem Italienischen von Monika Köpfer. dtv 2020
www.dtv.de

#frauenzählen, #vorschauenzählen und meine persönliche Bilanz 2019

#frauenzählen
2018 habe ich die Diskussion über den von männlichen Autoren und Kritikern dominierten literarischen Rezensionsbetrieb mit Interesse verfolgt. Die Pilotstudie „Sichtbarkeit von Frauen in Medien und im Literaturbetrieb“ des Buchbranchenprojekts #frauenzählen wertete im März 2018 2036 Rezensionen und Literaturkritiken in 69 deutschen Medienformaten (Print, Hörfunk und TV) aus. Die auf der Frankfurter Buchmesse 2018 präsentierten Ergebnisse zeigten unter anderem:

  • dass zwei Drittel der besprochenen Bücher von Männern verfasst wurden
  • dass drei Viertel der Kritiken von Männern stammen und die wiederum zu drei Vierteln Werke männlicher Autoren rezensierten
  • dass die Bilanz für Autorinnen in den Genres Sachbuch und Krimi am ungünstigsten ausfiel
  • dass nur im Bereich Kinder- und Jugendbuch ein Gleichgewicht bestand.

#vorschauenzählen
Unter dem Hashtag #vorschauenzählen auf Twitter haben die Literaturwissenschaftlerinnen Berit Glanz und Nicole Seifert zum Auszählen von Vorschauen aufgerufen und untersucht, ob das Ungleichgewicht bereits in den Verlagsprogrammen besteht. Grundlage waren die Frühjahrsvorschauen 2020 der literarischen Verlage, die in den letzten drei Jahren einen Titel auf der Longlist des Deutschen Buchpreises oder im Laufe des Jahres 2019 einen Titel auf der SWR-Bestenliste hatten. Dabei ergab sich ein Verhältnis von 60 : 40 zwischen Autoren und Autorinnen, wobei von größeren Verlagen Klett-Cotta mit 12,5 Prozent Autorinnen-Anteil, Hanser mit 22 Prozent, Hoffmann & Campe sowie Diogenes mit 25 Prozent, S. Fischer mit 27 Prozent und Rowohlt mit 29 Prozent am schlechtesten abschnitten. Ausgeglichen war das Verhältnis unter anderem bei Dumont, der Frankfurter Verlagsanstalt und Luchterhand, überdurchschnittlich schnitten Hanser Berlin mit 60 Prozent sowie Hanser Blau und Kein & Aber mit je 67 Prozent ab. Im Sachbuch Hardcover reichte das Spektrum von 20 bis 55 Prozent, im Kinder- und Jugendbuch von 46 bis 94 Prozent. Das detaillierte Ergebnis ist hier nachzulesen.

Meine persönliche Bilanz 2019
Nach all der Zählerei war ich sehr gespannt auf meine persönliche Bilanz 2019. Ich suche meine Bücher nicht bewusst unter dem Gesichtspunkt Autor/Autorin aus und hatte auch kein Gefühl dafür, wie das Ergebnis ausfallen würde.

82 Bücher habe ich 2019 auf meinem Blog rezensiert, drei davon hatten zwei Autoren bzw. Autorinnen und wurden deshalb doppelt gezählt. Damit ergab sich folgendes Ergebnis:

  • In der Erwachsenenliteratur, schwerpunktmäßig Romane, dazu 11 Krimis und drei Sachbücher bzw. Biografien, stehen 37 Autorinnen 31 Autoren gegenüber.
  • Bei den Kinder- und Jugendbüchern finden sich 12 Autorinnen und nur 5 Autoren.
  • Alle drei Sachbücher bzw. Biografien wurden von Autorinnen verfasst.
  • Bei den Krimis ist das Verhältnis dank eines Autorinnenduos mit 6 : 6 ausgeglichen.
  • Bei meinen persönlichen Lese-Highlights 2019 liegt das Verhältnissen Autorinnen zu Autoren bei 5 : 2.

Interessant ist, dass gerade auch Verlage mit einem ungünstigen Geschlechterverhältnis zu meinen Lieblingsverlagen gehören, darunter Hanser, Diogenes, Klett-Cotta und C.H. Beck, während ich keine Bücher aus den 100-Prozent-Autorinnenverlagen wie Diana oder Goldmann Wundertraum lese. Es ist also durchaus möglich, gegen den Kritiker- oder Verlagstrend auszuwählen, selbst wenn man sich, wie ich, hauptsächlich in Presse und Verlagsvorschauen über neue Bücher informiert.

Jostein Gaarder: Genau richtig

  Wenn der Horizont plötzlich begrenzt ist

Albert hat sich zufrieden in seinem erfüllten Leben als Ehemann, Vater eines erwachsenen Sohnes, Schwiegervater, stolzer Großvater einer elfjährigen Enkelin, Lehrer und Hobbyastronom eingerichtet. Die Diagnose einer unheilbaren Krankheit, die innerhalb kurzer Zeit zuerst zur Pflegebedürftigkeit, dann zum Tod führen wird, trifft ihn völlig unvorbereitet, während seine Frau Eirin auf einem Kongress in Melbourne weilt. Hals über Kopf verlässt er die Arztpraxis und begibt sich in die einsam gelegene Ferienhütte der Familie an einem Waldsee, dem zauberhaften Glitretjern, die so viele schöne Erinnerungen birgt. Mit Eirin ist er jungverliebt in diese Hütte eingebrochen. Zehn Jahre später stand die Hütte während ihrer einzigen Ehekrise zum Verkauf und die endgültige Inbesitznahme wurde zum rettenden Wendepunkt in ihrer Beziehung. Nun nutzt Albert das Hüttenbuch, um seine Gedanken zu ordnen und zu Papier zu bringen:

Ich stehe vor dem größten Aufbruch meines Lebens und verspüre kein Bedürfnis mehr, etwas für mich zu behalten.

Eine freie Entscheidung
24 Stunden gibt er sich selbst Zeit, um sich darüber klar zu werden, ob er das Ende abwarten oder seine Freiheit für ein selbstbestimmtes Ende nutzen soll. Er schreibt für seine Familie, aber auch für sich selbst. Je länger die Nacht dauert, desto mehr gehen seine Überlegungen über ihn als Individium hinaus, hin zu den grundlegenden Fragen des Menschseins, des Universums und der Zeit.

Nur knappe drei Stunden umfasst die vollständige Lesung des schmalen Romans auf drei CDs, denn es ist, wie der Untertitel sagt, „Die kurze Geschichte einer langen Nacht“ – oder „Eine kleine Erzählung über fast alles“ im norwegischen Original. Überwiegend ist es der Brief an seine Familie, nur selten wird die Briefform kurzzeitig verlassen. Nicht ganz so märchenhaft ist die Liebesgeschichte zwischen Albert und Eirin wie die in Josteins Gaarders unvergleichlichem Roman Das Orangenmädchen, denn Albert verschweigt auch einen 27 Jahre zurückliegenden Ehebruch nicht. Sein Gedankensturm, sein Ringen um den richtigen Entschluss und die daraus resultierende Spannung haben mich jedoch durchgehend gefesselt.

Eine überraschende Wende
Mit dem Fortschreiten der Nacht verschwimmen die Konturen zwischen Realität und Traum. Als im Morgengrauen der alte, vermeintlich hellsichtige Mann mit dem weißen Bart wie eine biblische Erscheinung auftaucht, hatte ich kurz die Sorge, dass der Roman ins Mystische abgleiten könnte. Doch dann war es genau diese Begegnung, die die Geschichte zu einer ganz außergewöhnlichen für mich machte und mich zu Tränen rührte, ohne den geringsten Anklang von Kitsch.

Thomas Loibl als kongenialer Sprecher
Das sehr intensive Hörerlebnis verdanke ich zu einem nicht unerheblichen Teil dem herausragenden Sprecher Thomas Loibl, der den Text mit seiner warmen, klaren Stimme genau richtig liest. Vom ersten Satz an war er für mich Albert, mit seiner Verzweiflung, seiner Wut, seiner Wehmut, seiner Angst vor dem Verlust der Würde, seinem Schwanken, seinen philosophischen Exkursen und schließlich seiner wohlüberlegten Entscheidung nach einer langen, intensiv erlebten Nacht.

Jostein Gaarder: Genau richtig. Übersetzung: Gabriele Haefs. Gelesen von Thomas Loibl. Der Hörverlag 2019
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Paolo Cognetti: Sofia trägt immer Schwarz

  Eine Protagonistin, die mein Interesse nicht wecken konnte

Fast wäre schon Sofia Muratores Einstieg ins Leben missglückt, nachdem ihre Mutter Rossana während der Schwangerschaft verbotene Medikamente geschluckt hatte. Schon kurz nach der Geburt sinnt ihr Vater darüber nach, wer wohl für das Leid der jeweils anderen verantwortlich ist – die Mutter für das Leid der Tochter oder doch eher umgekehrt? Denn ohne die Schwangerschaft wäre es nicht zur Ehe der Eltern gekommen und die Mutter Rossana vielleicht nicht immer tiefer in Depressionen versunken. Vor den häuslichen Auseinandersetzungen flieht der Vater Roberto in die Arme einer jungen Kollegen. Für Sofia bedeutet das eine Kindheit in einem zerrütteten Elternhaus mit einer psychisch kranken Mutter und einem meist abwesenden Vater, Rebellion, Ängste vor dem Alleinsein und eine Essstörung. Nach einem Selbstmordversuch im Alter von 16 und einem Klinikaufenthalt nimmt die Schwester des Vaters sie bei sich auf, Sofia kann ihren Wunsch nach einer Schauspielausbildung verwirklichen, doch sie bleibt auf der Flucht vor sich selbst.

Ein nachträglich übersetzter Debütroman
Nachdem der 1978 in Mailand geborene Paolo Cognetti für seinen sehr lesenswerten Roman Acht Berge 2017 den renommiertesten italienischen Literaturpreis, den Premio Strega, erhielt, und auch in Deutschland einen großen Erfolg erzielte, veröffentlichte der Penguin Verlag 2018 seinen Debütroman Sofia trägt immer Schwarz aus dem Jahr 2012, 2013 ebenfalls auf der Shortlist dieses Preises.

Kein Zugang zur Protagonistin
Leider hat mich Paolo Cognetti mit diesem Roman nicht erreicht. Zwar mochte ich die Sprache und den Aufbau mit den unterschiedlichen Erzählperspektiven vom auktorialen Erzähler über das „Du“ bis zum Ich-Erzähler und die Herausforderung zur Neuorientierung in jedem der zehn, nicht streng chronologisch angeordneten Kapitel. Die Annährung an eine Protagonistin über Umwege und in Puzzleform, wie es beispielsweise auch Minna Rytisalo in ihrem Roman Lempi, das heißt Liebe so großartig macht, lese ich eigentlich gerne. Dass dabei zwangsläufig Unschärfen und Widersprüche entstehen, stört mich nicht. Allerdings hat Paolo Cognetti es zu keiner Zeit verstanden, mich für seine Protagonistin zu interessieren. Nicht nur, dass Sofia mir fremd geblieben ist, ich hatte gar nicht das Bedürfnis, mehr über diese egozentrische Figur zu erfahren. Mag sein, dass die schwere Kindheit ihr Verhalten in Teilen rechtfertigt, ihr Umgang mit Menschen, die es gut mit ihr meinen und sie mögen, hat mich trotzdem abgestoßen.

Interessante Nebenfiguren
Ganz anders wäre meine Beurteilung ausgefallen, hätte Cognetti eine seiner wirklich interessanten Nebenfiguren in den Mittelpunkt gestellt, Sofias Tante Marta, den angehenden Autor und Ich-Erzähler Pietro aus dem letzten Kapitel oder Emma, die Geliebte des Vaters. Ein „feines Gespür für die drängenden Fragen des Lebens“, das der Verlagstext verspricht, habe ich nicht wahrgenommen, viel eher schon das „Sittengemälde der Achtzigerjahre“.

Paolo Cognetti: Sofia trägt immer Schwarz. Aus dem Italienischen von Christiane Burkhardt. Penguin 2018
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Roy Jacobsen: Die Unsichtbaren

  Ein starkes Stück Norwegen

Alle drei Teile der norwegischen Insel-Saga von Roy Jacobsen hat der Verlag C.H. Beck 2019 in einem Band vereinigt: Die Unsichtbaren, Weißes Meer und Die Augen der Rigel, wobei der erste Buchtitel Namensgeber für die Gesamtausgabe wurde. Dieser erste Teil erschien im Original 2013, dann 2014 im Osburg Verlag auf Deutsch und 2015 unter dem Titel In jenen hellen Nächten im Insel Verlag, wo ich ihn 2017 für mich entdeckt habe. Teil zwei und drei, ursprünglich von 2015 und 2017, sind nun erstmals auf Deutsch erschienen.

Die Unsichtbaren
Dass die Norweger nicht immer so reich und privilegiert wie heute lebten, erfährt man im ersten Teils der Barrøy-Saga. Auf einer fiktiven Insel dieses Namens vor der nordnorwegischen Helgelandküste, kaum einen Kilometer lang und einen halben breit, lebt zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Eigentümerfamilie Barrøy: Vater Hans, seine Frau Maria, deren einziges Kind Ingrid, das beim Einsetzen der Geschichte im Jahr 1913 drei Jahre alt ist, Hans‘ geistig behinderte Schwester Barbro und sein Vater Martin.

In kurzen Kapiteln ist man hautnah dabei, wenn sie dem menschenfeindlichen Klima mit Stürmen, Eis, manchmal auch Hitze und Trockenheit, trotzen. Sie leben von dem, was die karge Landschaft hergibt, Fisch, Torf, Eiderdaunen, Enteneier, Milch, Schafsfleisch, Kartoffeln und Treibgut. Alles andere tauschen sie bei ihren Ausflügen zum zwei Ruderstunden entfernten Handelskontor ein. Die Jahreszeiten bestimmen den Lebensrhythmus und die ersten Monate jedes neuen Jahres verbringt Hans beim ebenso kräftezährenden wie gefährlichen Fischfang auf den Lofoten. Zusammenhalt ist das Zauberwort, das ein Überleben in dieser unwirtlichen Umgebung erst ermöglicht. Die Wortkargheit der Inselbewohner wird durch indirekte Rede und die monotone Wiederholung des Verbs „sagte“ hervorgehoben, nicht unbedingt schön, aber sehr eindrücklich. Nichts wird besprochen, sondern einfach nur getan, sei es, dass die Führung vom Vater auf den Sohn übergeht, die Frauen eigene Stühle bekommen oder ein Kai gebaut und die Insel an die Milchroute angeschlossen wird, wodurch die Bewohner erstmals ein Stück weit aus ihrer Unsichtbarkeit gerissen werden.

Weißes Meer
Blieben Barrøy und seine Bewohner vom Inferno des Ersten Weltkriegs noch weitgehend unberührt, so kommt der Zweite Weltkrieg in Gestalt von Flüchtlingen aus der Finnmark, angeschwemmten Ertrunkenen und des schwerverletzten russischen Kriegsgefangenen Alexander auf die Insel. Ingrid, inzwischen Eigentümerin von Barrøy und zeitweise alleine dort, rettet ihn, auch wenn dafür die Todesstrafe droht.

In diesem zweiten Teil habe ich viel über die deutsche Besatzung Norwegens erfahren, zum Teil parallel nachgelesen, um die Handlung zu verstehen. Über die Zwangsevakuierung von 50 000 Bewohnern der von der Wehrmacht in Schutt und Asche gelegten Finnmark wusste ich vorher nichts, ebenso wenig über den Untergang des von den Deutschen requirierten und zum Gefangenentransporter umfunktionierten norwegischen Frachters Rigel, den britische Bomber am 27.11.1944 versenkten. Mit etwa 2500 Toten, die meisten russische Kriegsgefangene, war es die größte norwegische Schiffskatastrophe.

Die Augen der Rigel
Teil drei führt Ingrid im ersten Nachkriegssommer 1946 weg von Barrøy und auf der Suche nach Alexander durch ein kaum befriedetes Nachkriegs-Norwegen. Sie begegnet ehemaligen Grenzlotsen, Partisanen, Kollaborateuren und Mitläufern, Menschen, die sich nicht erinnern möchten, die ausweichen, die sie heimschicken möchten. Zu Fuß, mit der Eisenbahn, in Bussen und Schiffen kämpft sie sich mit ihrer kleinen Tochter vor dem Bauch Hunderte von Kilometern über das „verworrene Schlachtfeld des Friedens“, sehr gut nachzuverfolgen auf den beiden Landkarten vorn und hinten im Buch, die nun plötzlich einen Sinn bekamen.

Auch hier war vieles neu und interessant für mich, beispielsweise hatte ich noch nie vom früheren deutschen Konzentrationslager Mysen gehört, nach dem Krieg ein Sonderlager für „displaced persons“ aus Osteuropa.

Über 600 Seiten und keine zuviel
Alle drei Teile haben mir auf ihre Art sehr gut gefallen, Die Unsichtbaren wegen der starken Naturbeschreibungen und Charakterzeichnungen am besten. Hier spürt man, dass Roy Jacobsen die Sommer seiner Kindheit auf einer ebensolchen Insel, der Heimat seiner Mutter, verbrachte und lange in Nordnorwegen lebte. Die Liebesgeschichte in Weißes Meer ist zwar nicht Norwegen-typisch, dafür kommt aber hier der zeitgeschichtliche Hintergrund besonders gut zum Tragen. In Die Augen der Rigel haben mich Ingrids beharrliche Suche und ihre Begegnungen mit den Menschen im Nachkriegs-Norwegen sehr bewegt, über die Jacobsen sich nie zum Richter aufschwingt.

Auch die Endeckung diese unvergesslichen Leseerlebnisses verdanke ich dem Gastlandauftritt Norwegens auf der Frankfurter Buchmesse 2019.

Roy Jacobsen: Die Unsichtbaren. Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs und Andreas Brunstermann.  C.H. Beck 2019
www.chbeck.de

Jake Williams: Darwins große Reise

  Abenteuer Naturforschung für Kinder

Die Reise mit der Beagle ist das bei weitem bedeutendste Ereignis in meinem Leben gewesen und hat meine gesamte Karriere bestimmt. Alles, worüber ich nachgedacht oder gelesen habe, wirkte sich direkt auf das aus, was ich gesehen hatte oder wahrscheinlich sehen würde; und diese Gewohnheit des Geistes setzte sich während der fünf Jahre der Reise fort. Ich bin mir sicher, dass es diese Ausbildung war, die es mir erlaubte, alles das zu tun, was ich in der Wissenschaft getan habe.

So beschrieb Charles Darwin (1809 – 1882) in seiner Autobiografie rückblickend die Bedeutung seiner Reise mit dem Vermessungsschiff Beagle in den Jahren 1831 bis 1835, die er als junger, wissensdurstiger Naturforscher im Alter von 22 Jahren antrat. Mehr als 20 Jahre nach seiner Rückkehr schrieb er sein Hauptwerk Über die Entstehung der Arten, mit dem er das Wissen über die Natur revolutionierte, die viktorianische Gesellschaft erschütterte und zu einem der wichtigsten Naturforscher aller Zeiten wurde.

Eine Forscherlaufbahn mit Hindernissen
Die Karriere als Naturforscher war Charles Darwin nicht in die Wiege gelegt. Harte Kämpfe musste er mit seinem Vater ausfechten, der ihn lieber als Arzt gesehen hätte, ehe er auf eine zunächst für zwei Jahre geplante Weltreise gehen konnte, mit dem Auftrag, exotische Pflanzen und Tiere zu untersuchen und zu sammeln. Es wurden fast fünf Jahre und nahezu 65 000 Kilometer mit Stationen auf den Kapverden, in Brasilien, Argentinien, den Falkland-Inseln, Chile, Peru, den Galapagos-Inseln, Tahiti, Neuseeland, Australien, Tasmanien und den Kokos-Inseln. Seine zahlreichen tierischen, pflanzlichen und fossilen Mitbringsel sowie seine Protokolle wurden Grundlage seines weiteren Forscherdaseins.

Evolution kindgerecht erklärt…
Das wunderschöne Kinder-Sachbuch Darwins große Reise erzählt kindgerecht davon, wie es zu dieser Reise kam, welche Ausrüstung nötig war, wie abenteuerlich und schwierig sie für den häufig seekranken Darwin verlief, welche Gefahren zu überstehen waren, was er beobachtete und wie diese Unternehmung das zeitgenössische Denken und Verstehen veränderte.

…und illustriert
Die Texte sowie die digital erstellten, großflächigen, sehr klaren und in angenehmen Farben kollorierten Illustrationen stammen von Jake Williams, einem englischen Illustrator, der 2017 vom Business Design Center London als „Designer of the Year“ ausgezeichnet wurde. Sie veranschaulichen die gut verständlichen Texte optimal und bis auf die sehr kantigen Gesichter gefallen sie mir ausnehmend gut. Besonders hilfreich sind die vielen Landkarten, die die geplante ebenso wie die tatsächliche Route und die vielen Stationen immer wieder zeigen und zum Innehalten einladen. Anhand einzelner Beobachtungen an Tieren, Pflanzen und Versteinerungen erklärt das Buch sehr gut nachvollziehbar, welche Fragen Darwin sich stellte und welche Antworten er fand. Den Finken auf den Galapagos-Insel widmet Jake Williams drei große Doppelseiten, aber auch Beobachtungen beispielsweise an Tintenfischen, Cracker-Schmetterlingen, Nandus, Glühwürmchen, Taranteln, Dampfschiffenten, Pinguinen, Kolibris, Riesenschildkröten, Echsen und Schnabeltieren werden ausführlich dargestellt.

Dieses Buch über die spannende Entdeckungsreise Darwins und seine Schlussfolgerungen, die das Prinzip der Evolution auf hervorragende Weise erlebbar machen, hat mich auf ganzer Linie begeistert. Ich empfehle es wärmstens zum gemeinsamen Lesen und Betrachten für Kinder ab sechs Jahren und Erwachsene.

Jake Williams: Darwins große Reise. Übersetzung: Kathrin Lichtenberg und Claudia Koch. Midas 2019
issuu.com/midasverlag

Elena Ferrante: Tage des Verlassenwerdens

  Dramatisches Ende einer Ehe

Elena Ferrantes vierbändige neapolitanische Saga, allesamt Bestseller, habe ich ausgesprochen gern gelesen: Meine geniale Freundin, Die Geschichte eines neuen Namens, Die Geschichte der getrennten Wege und Die Geschichte des verlorenen Kindes. Nun veröffentlicht der Verlag Suhrkamp das Frühwerk Ferrantes, und auch hier hat mir Frau im Dunkeln, im Original von 2006, trotz der schwierigen Protagonistin gut gefallen. Tage des Verlassenwerdens, ihr zweiter Roman von 2002, auf Deutsch 2003 weitgehend unbeachtet geblieben, hat mir weniger Freude gemacht. Zu extrem war der Absturz der Ich-Erzählerin, zu obszön die Sprache in der ersten Hälfte der Geschichte und etwas zu glatt das Ende. Trotzdem hat auch dieser Roman einen typischen Ferrante-Sog, resultierend aus der erstaunlich klarsichtigen Protokollierung eines eigenen Zusammenbruchs.

Vertreibung aus der bürgerlichen Idylle

An einem Nachmittag im April verkündete mir mein Mann kurz nach dem Mittagessen, dass er mich verlassen wolle. Wir räumten gerade den Tisch ab, die Kinder zankten wie gewohnt im Zimmer nebenan, der Hund lag vor der Heizung und knurrte im Traum. Er sagte, er sei verwirrt, er fühle sich manchmal furchtbar müde und unzufrieden, vielleicht auch gemein. Er sprach ausführlich über unsere fünfzehn Ehejahre und die Kinder und gab zu, dass er wieder ihnen noch mir das Geringste vorzuwerfen hatte.

Für die 38-jährige Olga kommt zu Beginn des Romans die Mitteilung ihres Mannes Mario vollkommen überraschend. Sie hat sich in ihrer Ehe eingerichtet, ist ihrem Mann zuliebe immer wieder umgezogen und zuletzt nach Turin gefolgt, hat die eigene Berufstätigkeit und die schriftstellerischen Ambitionen aufgegeben, war für Haushalt, Essen, den zehnjährigen Gianni, die siebenjährige Ilaria und sämtliche Unannehmlichkeiten des Alltags zuständig, währenddessen ihr Mann den Aufstieg aus ihrer beider unterprivilegierter neapolitanischer Herkunft vorantrieb. So überrumpelt ist sie, dass sie ihm zunächst gar nicht glaubt. Erst als sie nach und nach die Endgültigkeit begreift und Mario in Begleitung einer altbekannten jungen Rivalin sieht, setzen Panik, Wut und eine nicht aufzuhaltende Abwärtsspirale ein:

Ich begann mich zu verändern. Innerhalb eines Monats hörte ich auf, mich ordentlich zu schminken, ich wechselte von einer eleganten Ausdrucksweise, in der ein Bemühen um Rücksicht lag, zu einem durchgängig sarkastischen Ton, der von leicht ordinären Lachanfällen unterbrochen wurde. Obwohl ich mich dagegen wehrte, gab ich mit der Zeit auch den Obszönitäten nach.

Ein Schreckensbild aus der Kindheit
Besonders gut gefallen hat mir die Figur der „poverella“ aus Olgas Kindheit. Diese ehemals energische, fröhliche Frau war, nachdem ihr Mann sie verlassen hatte, wahnsinnig geworden und hatte sich schließlich das Leben genommen. Olga fürchtete deren Schicksal seit drei Jahrzehnten. Erst als sie diese Schreckensvorstellung überwindet, kann sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen.

Elena Ferrante: Tage des Verlassenwerdens. Aus dem Italienischen von Anja Nattefort. Suhrkamp 2019
www.suhrkamp.de

Meine Lese-Highlights 2019

Die allerbesten Bücher bewegen dich dazu, die Welt um dich herum zu überdenken. (Nicola Yoon)

Meine liebsten Bücher 2019 sind nicht alle in diesem Jahr erschienen, sie haben mich aber im Laufe des Jahres am nachhaltigsten beschäftigt, im besten Falle mein Denken und meine Sicht auf die Welt verändert und/oder mich besonders gut unterhalten. Mein Kriterium ist dabei weder, dass die Bücher sich bereits über lange Zeit als Klassiker bewährt haben, noch die Überzeugung, dass sie auch in hundert Jahren noch gelesen werden. Es ist eine subjektive Auswahl von Titeln, die für mich im genau richtigen Augenblick kamen.

Durch das ganze Jahr begleiteten mich die ersten drei Bände aus der neuen Erstleserreihe von Silke Schlichtmann, beginnend mit Mattis und das klebende Klassenzimmer. Silke Schlichtmann schreibt aus Kindersicht vor Fantasie sprühende Geschichten voller Wortwitz, nie belehrend und nie banal.

Im Frühling waren Machandel von Regina Scheer, ein großartiger, bereits 2014 erschienener Roman über 70 Jahre deutsche und speziell DDR-Geschichte, sowie Bella Ciao von Raffaela Romagnolo über das Schicksal zweier Frauen vor dem Hintergrund Italiens der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts große Entdeckungen für mich.

Noch bevor Saša Stanišić für Herkunft völlig zu Recht im Oktober auf der Buchmesse mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde, war ich im September von der Lektüre, später auch vom Hörbuch völlig begeistert. Inhalt, Sprache, Ernst und Humor machen dieses berührende, kluge, hochaktuelle und zugleich so unglaublich positive und unterhaltsame Buch zu einem Highlight für mich.

Noch nie hat mich ein Gastland-Auftritt auf der Frankfurter Buchmesse so inspiriert wie in diesem Jahr. Seit Oktober habe ich deshalb viele Bücher aus Norwegen gelesen und das bleibt auch noch eine Weile so. Åsne Seierstads Biografie des rechtsextremen norwegischen Massenmörders Anders Behring Breivik und einiger seiner Opfer, Einer von uns, hat mir schlaflose Nächte bereitet. Die Frage, wann ein Mensch zum Monster wird, beschäftigt mich immer noch. Dieselbe Überlegung liegt Simon Strangers hervorragendem Roman Vergesst unsere Namen nicht zugrunde, in dem es um die jüdische Familiengeschichte seiner Frau und den norwegischen Nazikollaborateur Henry Otto Rinnan geht. Als Kontrastprogramm dazu habe ich zuletzt mit großem Vergnügen Nina Lykkes ebenso bissige wie unterhaltsame Ehe- und Gesellschaftssatire Aufruhr in mittleren Jahren gelesen.

Vier der genannten Autorinnen und Autoren bin ich zu meiner großen Freude im Jahr 2019 persönlich begegnet: Regina Scheer hat am 10. April 2019 im Botnanger Buchladen aus ihrem ebenfalls empfehlenswerten Roman Gott wohnt im Wedding gelesen, Saša Stanišić habe ich am 16. Oktober im ARD-Forum auf der Frankfurter Buchmesse erlebt und Åsne Seierstad und Simon Stranger beim Kaffeslabberas zwei Tage später im Gastland-Pavillon getroffen. Mein persönlicher Höhepunkt war jedoch die Organisation einer unvergesslichen Veranstaltung am 23. Oktober in der Johann-Friedrich-von-Cotta-Schule Stuttgart mit Simon Stranger vor weit über hundert begeisterten Gästen.

Simon Stranger: Barsakh

  Festung Europa

Die 15-jährige Emilie aus einem Osloer Nobelvorort macht mit ihren Eltern und ihrem jüngeren Bruder Urlaub auf Gran Canaria. Die Magersucht hält sie fest im Griff, seit der unbedacht gewählte Kosename des Vaters und die kränkende Bemerkung eines Schulkameraden ihre Kindheit schlagartig beendet haben.

Beim Joggen entdeckt Emilie an einem einsamen Strand ein Flüchtlingsboot und rettet den 18-jährigen Samuel aus Ghana und seine halbtoten westafrikanischen Mitflüchtlinge. Auf der Flucht vor der Perspektivlosigkeit ihrer Heimat, angezogen von Verheißungen westlicher Fernsehserien, haben sie sich mit den Ersparnissen ihrer Familien auf den Weg nach Europa gemacht, sich Menschenschmugglern anvertraut und mit dem Aufbruch an der Küste Senegals ihr Leben riskiert:

An der Mauer stand ein Mann und malte: ein rotes Boot, darin Silhouetten von Menschen. Einige waren über Bord gefallen und versanken im Wasser. Auf der anderen Seite hing die spanische Flagge. BARSAKH stand mit großen Buchstaben über dem Boot. Samuel ging zu dem Maler, blieb stehen und sah ihm zu […]. Sie grüßten sich kurz. Samuel zeigte auf die Buchstaben. Barsakh. „Was bedeutet das?“, fragte er leise. Der Mann sah ihn an. Schien sich über das Interesse zu freuen. […] „Im Islam ist Barsakh eine Art Zwischenstadium, in das man nach dem Tod eingeht“, erläuterte der Maler. „Ein Ort, an dem man auf das Jüngste Gericht wartet.“

Wer rettet wen?
Für Emilie, die sich bisher nicht für das Thema interessiert hat, verändert die Begegnung alles. Auf den ersten Blick ist sie es, die Samuel rettet, doch das Zusammentreffen mit den Flüchtlingen wird auch für sie zum rettenden Wendepunkt:

In den letzten Tagen hatte sich alles, aber auch alles verändert. Emilie hatte viel geschlafen. An Samuel gedacht. Und geweint. Sie hatte versucht, mehr zu essen. Erst zwei Wochen war es her, dass sie in die Ferien geflogen waren, doch es fühlte sich an wie ein anderes Leben, wie eine andere Emilie.

Zwei Jugendbücher, ein Thema
Simon Stranger thematisiert in seinem auf Norwegisch 2009, auf Deutsch 2011 erschienenen Jugendroman Barsakh, der den Beginn einer Trilogie bildet, die Migration aus Westafrika, Fluchtursachen, gefährliche Routen und geringe Erfolgsaussichten. Der Roman hat mich an das 2011 erschienene Jugendbuch Der Schrei des Löwen von Ortwin Ramadan erinnert, in dem der 16-jähriger Nigerianer Yoba sich ebenfalls nach Europa aufmacht und es in ein Flüchtlingsboot nach Lampedusa schafft, während der wohlstandsverwöhnte deutsche Schulabbrecher Julian gezwungenermaßen mit seinen Eltern den Urlaub auf Sizilien verbringt. In beiden Romanen sind die Handlungsstränge durch unterschiedliche Schrifttypen voneinander abgesetzt, beide richten sich an Jugendliche ab 13, sind äußerst berührend, zielgruppengenau geschrieben, moralisieren nicht und verzichten auf Schwarz-Weiß-Malerei. Yobas Fluchtweg nimmt mehr Raum ein als Samuels, dafür fand ich Emilie interessanter als Julian.

Simon Stranger bei „Literatur am Vormittag“ in der Cotta-Schule in Stuttgart am 23.10.2019. © M. Nickel

Bei einer Veranstaltung in der Cotta-Schule am 23.10.2019 in Stuttgart zu seinem Buch Vergesst unsere Namen nicht war deutlich zu spüren, welch große Ausstrahlung Simon Stranger auf Jugendliche und junge Erwachsene hat und wie er für seine Themen begeistert. Ich finde es daher ausgesprochen schade, dass mit Barsakh nur eines seiner topaktuellen Jugendbücher ins Deutsche übersetzt wurde und selbst dieses nur noch antiquarisch erhältlich ist.

Simon Stranger: Barsakh / Aus dem Norwegischen von Ulrich Sonnenberg. bloomsbury 2011

Nina Lykke: Aufruhr in mittleren Jahren

  „Glück kommt, Glück geht“

Ein eingefahrenes Paar Anfang 50 und eine junge Frau mit einsetzender Torschlusspanik sind die Protagonisten im Debütroman der 1965 geborenen Norwegerin Nina Lykke. Stünde das gestickte Haus auf dem ins Auge fallenden Cover nicht in Flammen, man könnte an eine Idylle denken – so idyllisch, wie das Leben der 50-jährigen Ingrid auf den ersten Blick: Studienrätin mit attraktivem Arbeitsplatz, gutverdienender Ehemann, zwei erwachsene Söhne ohne offensichtliche Probleme, bürgerliche Existenz, schönes Haus in einem Osloer Vorort, Mitgliedschaft im Lesekreis. Nichtsdestotrotz steht Ingrid vor dem Burnout. Zuhause ist sie nicht mehr als die Putzfrau ihrer verwöhnten Söhne, die sich im Hotel Mama bequem eingenistet haben, ihre Ehe ist bis ins Detail durchorganisiert und vorhersehbar, ihr Einfühlungsvermögen und Mitleid für Schüler und Kollegen aufgebraucht, Müdigkeit und Wut haben Besitz von ihr ergriffen und jeder Tag fühlt sich wie ein Hindernislauf an:

Nichts in ihrem Leben war mehr eine Frage der Lust, dennoch tat sie, was verlangt wurde, weil es zu unangenehm wäre, es zu unterlassen. […] Man beißt die Zähne zusammen. Schläft regelmäßig mit seinem Mann, hält sich und seine Umgebung in Ordnung, geht zu Konferenzen und Terminen, spricht freundlich mit seinen Kindern, benimmt sich anständig, pinkelt nicht in die Hose und schlägt nicht leck.

Die Bombe explodiert
Für Ingrid, die ihr Leben lang mit Katastrophen gerechnet hat, kommt der große Schlag völlig überraschend: Ihr Mann Jan, gerade erst zum Referatsleiter im Ministerium befördert, beichtet ein 18 Monate währendes Verhältnis mit einer seiner Referentinnen und verlangt eine Auszeit. Entscheiden zwischen der Bequemlichkeit seiner Ehe, in der er nie unzufrieden war, und dem Reiz des Neuen mag er sich nicht sofort, manchmal sehnt er sogar eine plötzliche Erkrankung herbei, die ihm die Entscheidung abnimmt und ihn zurück an den heimischen Herd katapultiert. Bei der leicht neurotischen 35-jährige Hanne mit der immer lauter tickenden biologischen Uhr, die in den letzten Jahren neunmal ihre Wohnung und wesentlich öfter ihre Partner gewechselt hat, fühlt er sich wieder jung und potent. Er weiß, dass sie ihn auf Haus und Kind festnageln wird, doch als sie ihm die Pistole auf die Brust setzt, zieht er trotz Bedenken bei ihr ein:

Seine Gier kannte keine Grenzen, er wollte haben, was er sich wünschte, ohne dafür zu bezahlen. Er wollte schlicht und einfach alles haben.

Eine bissige Ehe- und Gesellschaftssatire
Auch wenn die Ausgangslage in diesem Roman keineswegs neu ist, die Erzählweise, die messerscharfe Beobachtungsgabe und die bissige Ironie Nina Lykkes haben diesen intelligenten Roman zu einer äußerst vergnüglichen, spannenden Lektüre für mich gemacht. Die Handlung wird in zehn Kapitel nicht streng chronologisch, dafür abwechselnd aus der recht unterschiedlichen Sicht der drei Protagonisten erzählt – mit großem Unterhaltungswert. Obwohl die Figuren nie bloßgestellt werden, machte die Schadenfreude für mich einen nicht unerheblichen Teil des Lesevergnügens aus.

Wie so viele wunderbare Bücher in diesem Jahr habe ich auch Aufruhr in mittleren Jahren beim großartigen Gastlandauftritt Norwegens auf der Frankfurter Buchmesse entdeckt.

Nina Lykke: Aufruhr in mittleren Jahren. Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger und Sylvia Kall. btb 2019
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