Sehnsucht Frankreich

  Eine akustische Reise von der Bretagne bis nach Korsika

Meine Rezension zum Hörbuch Sehnsucht Italien im Juli 2017 habe ich mit der Hoffnung beendet, dass Der Hörverlag aus diesen wunderbaren Reisefeatures eine Reihe machen möge. Mit Sehnsucht Frankreich ist nun tatsächlich eine zweite, ebenso überzeugende Sammlung erschienen, die mir, da ich dieses Mal viele der porträtierten Städte und Regionen kenne, sogar noch mehr Hörspaß bereitet hat.

„Eine akustische Reise von der Bretagne bis nach Korsika“ lautet der Untertitel zu diesen fünf CDs, die in knapp sechseinhalb Stunden Features und Reportagen des Bayerischen Rundfunks 2 aus den Jahren 1980 bis 2018 zum Thema Frankreich bieten. Auf einer bunten Landkarte lassen sich die Stationen, die man auch dem hübsch gestalteten Booklet entnehmen kann, genau verfolgen. So bunt wie die Liste der Autoren und Sprecher ist auch die Art der 28 Beiträge: nur gesprochener Text oder mit Musik und Originaltönen angereichert, ausführlicher oder knapper, eher informativ oder eher emotional, wird es eines auf jeden Fall beim Zuhören garantiert nie: langweilig.

Es fällt mir schwer, einzelne Beiträge besonders herauszuheben. Da sind einmal die Features, die Erinnerungen an eigene Reisen bei mir lebendig werden lassen, wie zum Beispiel an die Natur, Küche und Kultur der Bretagne, den Duft und die Musik Korsikas, den Zauber der Kapelle Notre Dame du Haut de Ronchamp, die Schlösser der Loire, die mächtige Kathedrale von Chartres oder an einen Spaziergang durch Arles. Besonders gut gefallen hat mir auch der Beitrag über die Heimat der Sch’tis mit der Sprecherin Francine Singer und vielen Bezügen zum Film von Dany Boon. Andere Features haben eher Reisefieber bei mir ausgelöst, beispielsweise die Hausbootfahrt durch die Camargue, die Interviews mit den Schleusenwärtern am Canal du Midi oder der Besuch auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris.

Ich habe die fünf CDs gleich zweimal gehört. Bis hoffentlich bald ein weiteres Sehnsuchtsziel erscheint, werde ich sie sicher noch öfter zur Hand nehmen.

Sehnsucht Frankreich. Der Hörverlag 2019
www.randomhouse.de

Hanneliese Schulze & Christiane Hansen: Die vertauschten Schuhe

  Rechts und links – links und rechts

Lesedetektive heißt die Erstleserreihe aus dem Duden Verlag, bei der die beiliegenden Lesezeichen als Lösungsschlüssel für die eingestreuten kleinen Quizfragen dienen. Die Bände der Reihe sind nach Klassen unterteilt. Ich selbst bevorzuge eine Einteilung in verschlüsselte Lesestufen, da man schlechten Leserinnen und Lesern so auch ein Buch für eine niedrigere Stufe in die Hand geben kann, ohne sie damit zu beschämen.

Die vertauschten Schuhe richten sich an Leseanfänger in der ersten Klasse und ist deswegen in großer Fibelschrift und im Flattersatz gedruckt. Pro Seite gibt es drei bis vier kurze, nach Sinneinheiten getrennte Zeilen mit maximal 19 überwiegend einfachen Wörtern. Eine Einteilung in Kapitel, die für Kinder das Erfolgserlebnis beim Lesen unterstützen kann, gibt es nicht.

Die reiche, ganz auf das Textverständnis konzentrierte Bebilderung von Christiane Hansen unterstützt die kleinen Leseanfänger und Leseanfängerinnen gut. Die comicartigen, farbenfrohen Illustrationen vermitteln durchweg gute Stimmung und zeigen fast nur fröhliche Kinder.

Es ist erstaunlich, wieviel Handlung man in 31 Seiten mit so wenig Text unterbringen kann. Die Autorin Hanneliese Schulze erzählt die nette Geschichte von Nuri, der einfach nicht mit seinen Schuhen zurechtkommt. Ein ums andere Mal vertauscht er sie und kommt mit „Ziegenfüßen“ in die Schule. Während ihn viele Kinder auslachen, hat Merle schließlich die rettende Idee…

Hanneliese Schulze & Christiane Hansen: Die vertauschten Schuhe. Dudenverlag 2010
www.duden-leseprofi.de

Sarah Moss: Gezeitenwechsel

  Wenn das Undenkbare passiert

Es ist der Alptraum aller Eltern, den Tod ihrer Kinder erleben. Ganz so schlimm kommt es in Sarah Moss‘ viertem Roman Gezeitenwechsel zwar nicht, doch führt sie eine Familie ganz nah an diesen Abgrund.

Die Goldschmidts sind eine durchschnittliche englische Mittelklassefamilie, wenn man von ihrem familieninternen Rollentausch absieht. Der Ich-Erzähler Adam ist Hausmann, kümmert sich hauptberuflich hingebungsvoll um den Haushalt, die fünfzehnjährige Miriam, die achtjährige Rose und seine Frau Emma, eine engagierte Allgemeinärztin. Seine Promotion in Kunstgeschichte liegt fünfzehn Jahre zurück, Aussicht auf eine akademische Karriere besteht längst nicht mehr und ein paar Honorarstunden für Erstsemester sind alles, was ihm bleibt.  Fünfzehn Jahre lang glaubten Adam und Emma, eine normale Familie mit gesunden Kindern zu sein, dann kam der Anruf aus der Schule: „Es ist etwas passiert.“ Atemstillstand, Herzstillstand, Reanimation – und schlagartig ist nichts ist mehr, wie es war. Zwar ist vordergründig alles gutgegangen und Miriam kann nach zwölf Tagen das Krankenhaus wieder verlassen, aber die Ursache für den Zusammenbruch bleibt im Dunkeln und die Diagnose Anaphylaxie, allergischer Schock, wird von nun ab wie ein Damoklesschwert über den Goldschmidts hängen: „Wir werden noch den Rest unseres Lebens mit der Geschichte leben müssen, die gerade beginnt“.

Nun könnte man meinen, ein 364-Seiten-Roman über einen Alptraum wäre eine durchgehend niederdrückende Lektüre, aber weit gefehlt, obwohl die Auswirkungen für alle schwerwiegend sind. Adam, der „nicht der Vater eines schwerkranken Kindes“ sein möchte, kann sich keine normale Zukunft mehr vorstellen und würde die Tochter am liebsten nicht mehr aus den Augen lassen. Miriam, die aufmüpfige „marxistische Ökokriegerin“, Mitglied bei Amnesty International, Greenpeace und den Grünen, gibt sich tagsüber cool, offenbart ihrem Vater aber nächtens Todesängste. Emma stürzt sich in noch mehr Arbeit, bemüht sich um eine professionelle Sicht und verliert dabei zunehmend an Körpergewicht, während Rose auf die Minderbeachtung mit Eifersucht reagiert. Gleichzeitig werden wir jedoch Zeugen einer allmählichen Neuordnung der Familienstruktur und einem vorsichtigen Neubeginn. „Du wirst noch verrückt, Adam, wenn du weiter auf die Stille lauschst, du musst darauf vertrauen, dass sie weiteratmet“, fordert Emma ihren Mann auf, und sein lebenskluger Vater rät ihm: “Adam, du hast die Risiken so gut eingegrenzt, wie du kannst, jetzt musst du sie wieder fünfzehn sein lassen.“

Der Kontrast zwischen der ruhigen Erzählweise von Sarah Moss und der existenziellen Bedrohung hat die Dramatik des Geschehens für mich noch erhöht. Wohltuend war der immer wieder aufblitzende Humor des Ich-Erzählers, vor allem, wenn es um sein Hausmannsdasein ging, und die Diskrepanz zwischen innerem Monolog und äußerem Auftreten. Die beiden Nebenhandlungen, zum einen die Lebensgeschichte von Adams Vater, zum anderen Adams Recherchen über die Zerstörung der Kathedrale von Coventry durch Nazibomber 1940 und ihren Neubau, fielen für mich dagegen etwas ab, vor allem deshalb, weil mir bei letzterer eine stärkere Verbindung zur Haupthandlung fehlte.

Gezeitenwechsel ist ein lesenswerter, Hoffnung machender Roman über ein angstbehaftetes Thema und die Kraft einer Familie angesichts existenzbedrohender Gefahr.

Sarah Moss: Gezeitenwechsel. mare 2019
www.mare.de

Anne Müller: Sommer in Super 8

  Kein Ostsee-Bullerbü

Das Cover zu Anne Müllers Debütroman Sommer in Super 8 passt wunderbar zu dieser Geschichte über eine Kindheit in Schleswig-Holstein während der 1970er-Jahren. Eine Strandszene, stahlblauer Himmel, blaues Meer, offensichtlich ein typischer Ausschnitt aus einem Super-8-Film der Familie König. Heile Welt? Eine Bullerbü-Kindheit im abgeschiedenen kleinen Dorf Schallerup unweit der dänischen Grenze? So hatte ich es auf den ersten Seiten empfunden und lag weit daneben.

Clara, die uns ihre Geschichte erzählt, ist 1963 geboren, ein Sandwichkind, das sich mit zwei älteren Geschwistern und jüngeren Zwillingsbrüdern oft wie das sprichwörtliche fünfte Rad am Wagen fühlt. Der Vater, aus dem Ruhrgebiet stammend, ist Hausarzt mit eigener Dorfpraxis, ein Partylöwe, Anekdotenerzähler, charmanter und geistreicher Gastgeber, der als Student bezeichnenderweise den Spitznamen „Pirsch“ trug. Clara hängt besonders an ihm, vielleicht, weil die Mutter mehr mit den kaum zehn Monate jüngeren Zwillingen beschäftigt war. Sie ist seine „Königstochter“ und darf ihn schon als kleines Mädchen bei Hausbesuchen begleiten. Instinktiv spürt sie schon als Sechsjährige seine hinter einer Maske verborgene tiefe Traurigkeit. Auch die Mutter ist nicht glücklich in ihrer Ehe. Der Traum von einer Schauspielausbildung scheiterte an ihrem Vater, das Sportstudium hat sie früh zugunsten der Familie aufgegeben und nun führt sie das zeittypische Leben einer gutsituierten Arztgattin mit Villa, Auto, Ansehen, schönen Kleidern und regelmäßigen Friseurbesuchen. Sie ist eine „Meisterin im Drüber-hinweg-Gehen“, hält immer die Fassade aufrecht und schweigt, auch wenn sie wütend ist. Sie bleibt auch als Romanfigur im Schatten ihres Mannes und scheint machtlos angesichts der Familientragödie.

Claras Bericht über eine Kindheit und Jugend in den 1970er-Jahren dürfte in allererster Linie die begeistern, die diese Zeit erlebt haben. Die Mondlandung, der Unfalltod Alexandras, die dramatischen Ereignisse während der Olympiade in München, erste Diskobesuche, Schlager und Tritop – als nahezu Gleichaltrige wurden viele Erinnerungen bei mir wach. Sehr gut gefallen hat mir, wie Clara ihre Beobachtungen innerhalb der Familie beschreibt, wie sie für manches erst mit zunehmendem Alter Worte findet, die Geschwister instinktiv spüren, worüber nach außen Schweigepflicht gilt, und die Fassade trotz kollektiver Bemühungen schließlich nicht mehr aufrecht zu halten ist. Diese Teile des Buches sind ausgezeichnet gelungen, besser als Claras ausführliche pubertäre  Auslassungen, die mich weniger interessiert haben. Die Sprache des Romans ist eher einfach, manchmal habe ich Übergänge zwischen Absätzen vermisst und der Text wirkte etwas aneinandergereiht, aber schließlich erzählt eine zu Beginn Sechs-, am Ende Fünfzehnjährige.

Sommer in Super 8 ist trotz leichter Lesbarkeit kein leichter Roman. Die Lektüre lohnt sich, vor allem – aber nicht nur – für die Generation 50 plus.

Anne Müller: Sommer in Super 8. Penguin 2018
www.randomhouse.de

Katja Reider & Henrike Wilson: Saumüde!

  Ein Ferkel, das nicht schlafen will

Eltern können ein Lied davon singen: Sobald die lieben Kleinen abends ins Bett sollen, drehen sie nochmal so richtig auf. Bei Ferkel ist das kein bisschen anders als bei Menschenkindern. Während Mutter Schwein nach einem langen, aufregenden Tag abwechselnd seufzt, gähnt und keucht, ist Ferkel übermütig, voller Unternehmungslust und absolut gar nicht müde. Es stattet Hühnern, Schafen, Fröschen, der Eule und den Kühe einen Abendbesuch ab. Wie gut, dass Mutter Schwein ihr Ferkelchen trotz Müdigkeit überallhin begleitet, sonst hätte es im Kuhstall so richtig gefährlich werden können. So aber hat Ferkel nun endlich genug erlebt und ist im Bewusstsein vollkommener Geborgenheit bei der Mutter endlich, endlich saumüde.

Die großflächigen, klaren Tierzeichnungen von Henrike Wilson sind für kleine Betrachter ab etwa drei Jahren bestens geeignet und spiegeln deutlich die Gemütslage der Tiere wider. Wer das ebenso schöne Bilderbuch Das Schaf Charlotte kennt, wird die Illustratorin sofort anhand der Schafe wiedererkennen. Der kurze Text von Katja Reider ist klar verständlich und passt genau in die Erlebniswelt von Kindergartenkindern. Auch die erwachsenen Vorleser kommen dank des Humors auf ihre Kosten und fühlen mit der erschöpften Mutter.

Ein rundum empfehlenswertes Bilderbuch zum Thema Einschlafen.

Katja Reider & Henrike Wilson: Saumüde! Coppenrath 2019
www.coppenrath.de

Alina Bronsky: Der Zopf meiner Großmutter

  Familienterror

Großmütter gelten gemeinhin als eher lieb, fürsorglich und verständnisvoll. Genau das Gegenteil ist Alina Bronskys Protagonistin Margarita, denn sie terrorisiert nicht nur ihren gutmütigen Mann Tschingis, sondern auch den Enkel Maxim, genannt Mäxchen. Dass sie ihm grundlos Krankheiten andichtet, ihn mit pürierter Kost traktiert, mit einem wahren Desinfektionswahn gegen Keime ankämpft und ein Schulfest für ebenso gefährlich hält wie eine Grippeepidemie, könnte man noch unter dem Schlagwort „Überbehütung“ verbuchen. Beschimpfungen wie „Du bist ein Idiot“ oder „formloser Rotz“ passen dazu jedoch definitiv nicht, und dass sie ihm eintrichtert, „körperlich schwach und geistig minderbemittelt“ zu sein, entspricht mit Sicherheit nicht dem Erziehungsideal der Stärkung von Kindern. „Ein Klotz am Bein“ sei er, versichert sie ihm beständig, und schuld daran, dass für sie „jedes Lebensjahr für zwei“ zählt. „Niemand auf der ganzen Welt würde sich jemals so für mich interessieren wie sie“ versichert sie dem Ich-Erzähler Maxim, der zu Beginn fünf Jahre alt und gerade mit den Großeltern als Kontingentflüchtling nach Deutschland übergesiedelt ist. Zunächst wehrt sich der intellektuell überlegene Enkel nicht, denn: „Ich käme ja sonst zu nichts anderem mehr“, aber allmählich durchschaut er sie doch und beginnt, „am Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen zu zweifeln“ – ein erster Schritt auf dem Weg zur Emanzipation.

Einen anderen Ausweg aus der Unterdrückung findet der Großvater mit den asiatischen Gesichtszügen. Zwar kann Margarita ihn mit Schuldzuweisungen an sich binden, doch verliebt er sich kurz nach der Ankunft in Deutschland. Maxim, der die Situation instinktiv erfasst, deckt ihn, und so ist ausgerechnet die alles kontrollierende Margarita lange ahnungslos. Umso erstaunlicher reagiert sie, als sie mit der Wahrheit konfrontiert wird: Sie gründet kurzerhand eine Patchwork-Familie. Am Krankenbett des Großvaters ergibt sich deshalb ein verwirrendes Bild: „Wenn ich auf Station war, riefen mich die Schwestern … und fragten, wer die beiden Frauen an Großvaters Bett seien und wer von ihnen mich und meinen kleinen Bruder aus Korea adoptiert habe.“

Leider hat der Humor in der stark 200 Seiten umfassenden Geschichte selten so wie an dieser Stelle bei mir gezündet. Obwohl ich skurrile Protagonisten prinzipiell mag, war mir die Egozentrik Margaritas einfach zu viel. Erklärungsansätze für ihr Verhalten werden zwar im Laufe der Geschichte sichtbar, ihre Einsamkeit, die Entwurzelung, ihre Angst, nicht gebraucht zu werden, und ihre Schuldgefühle, trotzdem kam kein Mitgefühl bei mir auf. Durch die Ich-Perspektive Maxims – es blieb mir unklar, ob er rückblickend aus der Erwachsenenperspektive oder zeitnah erzählt – konnte ich außerdem nicht einschätzen, inwieweit er diese traumatische Kindheit tatsächlich so locker wegsteckt, wie er uns glauben machen will. Darüber hinaus kam das Ende relativ plötzlich, unspektakulär und mit größeren Zeitsprüngen im letzten Drittel des Romans.

Für mich reicht Alina Bronskys neuer Roman Der Zopf meiner Großmutter nicht an Baba Dunjas letzte Liebe heran. Unterhaltsam, kraftvoll geschrieben und gut zu lesen ist er jedoch allemal.

Alina Bronsky: Der Zopf meiner Großmutter. Kiepenheuer & Witsch 2019
www.kiwi-verlag.de

Ralf Rothmann: Im Frühling sterben

  Ein Leben, überdunkelt von der Vergangenheit

„Alles wird jetzt zusammengekratzt“ heißt es in Ralf Rothmanns 2015 erschienenem Roman Im Frühling sterben, als die Freunde Walter Urban und Friedrich „Fiete“ Caroli im Februar 1945 von der Waffen-SS zwangsrekrutiert werden. Walter ist Melkergeselle, Fiete nach seinem Rauswurf aus dem Gymnasium Melkerlehrling auf einem Holsteinischen Gut. Beide sind 17, lassen ihre Mädchen zurück und kommen  nach nur drei Wochen Grundausbildung ins ungarische Kampfgebiet. Während Walter als Fahrer hinter der Front bleibt, schickt man Fiete mitten hinein. Früh schon denkt der zarte Junge, der so gut mit Kühen umgehen, seine Zunge aber nicht hüten kann, an Flucht, die ihm der vernünftigere Walter angesichts des kurz bevorstehenden Kriegsendes ausreden kann. Doch während Walter, für einige Tage beurlaubt, das Grab seines in der Nähe gefallenen Vaters sucht, setzt der verwundete Fiete seinen aussichtslosen Plan in die Tat um. Bei Walters Rückkehr ist Fiete bereits verurteilt und Walters Stube soll das Urteil vollstrecken.

Ralf Rothmann bettet die Geschichte von Walter und Fiete in eine Rahmenhandlung ein. Walter, inzwischen 60 Jahre alt, hat nie über den Krieg gesprochen, der ihn bis in seine Träume verfolgt. Nach 30 Jahren als Bergmann ist er in der Frührente dem Alkohol verfallen und im finalen Stadium einer Krebserkrankung. Er hat selten gelächelt, war stets ernst, beliebt, aber ohne Freunde. „Überdunkelt von der Vergangenheit“ war sein Leben, die Beziehung zu seinem Sohn, einem Schriftsteller, der die Rahmenhandlung aus der Ich-Perspektive erzählt, distanziert. Doch was der Vater nie erzählen konnte, erzählt nun der Sohn.

Das Besondere an diesem Roman, Antikriegs- und Vater-Sohn-Geschichte, von der wir nicht wissen, ob sie ganz oder teilweise autobiografisch ist, ist das Fehlen jeglicher Wertung. Die Frage nach einer Schuld wird vollständig in das Ermessen des Lesers gestellt. Großartig sind vor allem Rothmanns Dialoge, beispielsweise bei der Zwangsrekrutierung, dem Gnadengesuch Walters an den Sturmbannführer, beim Abschiedsbesuch mit Fiete oder mit dem Gutsverwalter bei Walters Heimkehr. Bei den geschilderten Kriegsverbrechen und Orgien hätte ich dagegen auf manches Detail gerne verzichtet, eine diskretere Schilderung ist für mich oft eindrücklicher. Insgesamt hat mich der Roman jedoch sehr berührt, mehr noch die Rückblende als die knappe, trotzdem wichtige Rahmenhandlung. Poetisch und wunderschön ist Rothmanns Sprache, etwa wenn es über die Stille heißt: „Eine Stille, die noch zunahm, wenn man sie bemerkte.“

Den Sprecher Thomas Sarbacher kenne ich aus seinen knappen Lesungen im Schweizer Literaturklub, der für mich besten Literatursendung im Fernsehen, und schätze ihn sehr. Nun konnte ich ihm sechs CDs und ca. 400 Minuten lang zuhören und habe das sehr gern getan. Thomas Sarbacher fängt die Stimmungen des ungekürzt wiedergegebenen Romans ausgezeichnet ein und liest besonders die vielen Dialoge sehr lebendig, teilweise sogar im jeweiligen Dialekt.

Ralf Rothmann: Im Frühling sterben. Gelesen von Thomas Sarbacher. Hörbuch Hamburg 2015
www.hoerbuch-hamburg.de

Remy Eyssen: Mörderisches Lavandou

  Ein beispielloser Fall

Mit Beginn des Herbstes kehrt normalerweise in Le Lavandou Ruhe ein. Die Bar „Chez Miou“ gehört wieder den Einheimischen und traditionell gibt es bei der Polizei und im rechtsmedizinischen Institut mit der Abreise der letzten Touristen weniger Arbeit. Nicht so in diesem Jahr. Was mit der Vermisstenanzeige einer jungen Frau beginnt, führt kurz darauf zu einem makabren Fund: Ein abgetrennter Fuß mit Schuh taucht auf, kurz danach der Rest der Leiche. Laut dem Befund von Dr. Leon Ritter, Gerichtsmediziner am  rechtmedizinischen Institut von Saint-Sulpice, deutscher Abstammung und Lebenspartner von Capitaine Isabelle Morell, verblutete das Opfer infolge der dilettantisch durchgeführten Verstümmelung. Offensichtlich hatte der Täter es darauf angelegt, dem Opfer ein Höchstmaß an Schmerzen zuzufügen: „Allerdings liegt in diesem Fall ein Maß an Aggressivität vor, wie ich es in meiner fünfundzwanzigjährigen Berufspraxis nur selten gesehen habe.“ Kurz nach der ersten verschwindet eine weitere Frau. Frankreichweit erregen die Vorgänge in Le Lavandou Aufsehen: „Dieser Fall war ohne Beispiel und darum eine Sensation“ und „lockt die Medien an wie reife Beeren die Wespen“, dabei möchte der Polizeichef, „dass Le Lavandou für seine Blumenpracht bekannt wird und nicht für seine abgesägten Füße“.

Wie immer schickt die Staatsanwaltschaft Toulon bei Kapitalverbrechen eine Kommissarin nach Le Lavandou, sehr zum Ärger von Polizeichef Zerna. Begeistert ist auch niemand über die Psychologin Dr. Claire Leblanc, die die Kommunikationsstruktur der Gendarmerie national verbessern soll – außer dem médecin légiste, der prompt einen Flirt mit der attraktiven Frau beginnt.

Dr. Leon Ritter steht noch mehr als gewöhnlich im Mittelpunkt dieses fünften Falls. Nicht nur, dass alle Opfer bei ihm in der Gerichtsmedizin landen, scheint der Täter ihn ganz persönlich herausfordern zu wollen. Trotz seiner Beteuerungen, dass er nur für die Fakten, die Polizei dagegen für die Schlüsse zuständig sei, kann er das Ermitteln wieder einmal nicht lassen und stellt die Ergebnisse der Polizei immer wieder in Frage. Doch plötzlich ist Leon noch viel mehr in den Fall involviert, als er es sich hätte träumen lassen, und zu den beruflichen Problemen kommen nun auch noch private.

Remy Eyssens Provence-Krimis gehören zu einer der wenigen Reihen, von denen ich mir keinen Band entgehen lasse. Trotz der schaurigen Mordfälle sind es „Wohlfühlbücher“ in herrlicher Umgebung, mit französischem Flair und sehr sympathischen Protagonisten. Allerdings habe ich auch bei Mörderisches Lavandou, genau wie beim Vorgängerband Das Grab unter Zedern, den Täter vorzeitig entlarvt, dieses Mal nach knapp zwei Dritteln des Buches. Etwas weniger blutige Details hätten für meinen Geschmack genügt und der Showdown war, wenn man die Vorgängerbände kennt, nicht besonders originell, aber ansonsten hat mich der leicht lesbare Krimi wieder gut unterhalten und ich freue mich auf meinen nächsten Besuch in Le Lavandou, wenn vielleicht sogar Hochzeitsglocken läuten.

Remy Eyssen: Mörderisches Lavandou. Ullstein 2019
www.ullstein-buchverlage.de

Silke Schlichtmann & Maja Bohn: Mattis und die Sache mit den Schulklos

  Immer dieser Mattis

Mattis Hansen ist wahrlich nicht zu beneiden. Kaum setzt er eine seiner genialen Ideen in die Tat um, missversteht ihn sein gleichermaßen fantasie- wie humorloser Klassenlehrer und schreibt einen Beschwerdebrief an die Eltern. Anstatt sich die Geschichte aus Mattis‘ Sicht anzuhören, sammelt die Mutter die „Lügenbriefe“ lieber in einem schwarzen Aktenordner und prophezeit ihrem achtjährigen Sohn eine Karriere als Schwerverbrecher. Doch zum Glück ist Mattis schon in der 3c und kann die Wahrheit zu den Briefen, die seine Mutter partout nicht hören will, aufschreiben: „Damit Mama sie lesen kann. Und nicht mehr an den Schwerverbrecher glaubt. Sondern wieder an mich.“

In Mattis und die Sache mit den Schulklos soll er gegen die goldene Schulregel Nummer neun, „Wir gehen mit Personen und Gegenständen unserer Schule stets sorgsam um“, verstoßen haben. Dabei hatte der Schulleiter ausdrücklich alle Klassen dazu aufgefordert, Pläne gegen die stark verschmutzten Schultoiletten zu erarbeiten. Eine solche Herausforderung ist wie für Mattis gemacht und prompt hat er eine seiner pfiffigen Ideen. Mit einem Edding, einer Flasche Badreiniger, einem Glitzischwamm, einer Wäscheklammer für die Nase und einem ausgeklügelten Schlachtplan will Mattis das Problem während der nächsten Deutschstunde auf eigene Faust lösen. Auch wenn nicht alles ganz nach Plan verläuft, rechnet Mattis fest mit einem großen Lob, aber weit gefehlt…

In zwölf Kapiteln auf 61 Seiten wird Erstlesern und Erstleserinnen ab der zweiten Klasse eine sowohl komplexe als auch gut verständliche, sehr humorvolle und altersgerechte Geschichte aus der Perspektive des achtjährigen Mattis erzählt, die sich wohltuend vom Durchschnitt der Erstleserliteratur abhebt. Obwohl ich nicht zur Zielgruppe gehöre, leide ich mit, wenn Mattis‘ gute Absichten wieder einmal in die Hose gehen und amüsiere mich darüber, wie er Aussagen von Erwachsenen wiedergibt und manches gar zu wörtlich nimmt. Die Freude an Silke Schlichtmanns Erzählkunst und ihren sprudelnden Einfällen ist eben auch bei diesem Buch wieder keine Frage des Alters. Maja Bohn hat erneut sehr aussagekräftige Illustrationen beigesteuert, wobei mir Mattis‘ pubertierender Bruder Jonathan mit seiner betont coolen Körperhaltung besonders gut gefallen hat.

Wie schön, dass die Mattis-Bände so zügig erscheinen und für August 2019 bereits der dritte Band innerhalb von nur acht Monaten angekündigt ist. Der Titel Mattis – Schnipp, schnapp, Haare ab! klingt nach neuem Ärger.

Silke Schlichtmann & Maja Bohn: Mattis und die Sache mit den Schulklos. Carl Hanser 2019
www.hanser.de

Arno Surminski: Jokehnen oder Wie lange fährt man von Ostpreußen nach Deutschland?

  Das Vergessen aufhalten

Die Romane von Arno Surminski begleiten mich seit vielen Jahren und ich habe sie alle gerne gelesen: Polninken oder Eine deutsche Liebe, Fremdes Land oder Als die Freiheit noch zu haben war, Malojawind oder Vaterland ohne Väter. Erstaunlicherweise kannte ich bisher sein so erfolgreiches Debüt Jokehnen oder Wie lange fährt man von Ostpreußen nach Deutschland?  nicht, weder den Roman aus dem Jahr 1974 noch die dreiteiligen ZDF-Fernsehserie von 1986. Nun habe ich mir das Buch von Peter Striebeck vorlesen lassen und war vom Text ebenso begeistert wie von der Stimme. Sehr schade nur, dass das Hörbuch auf vier CDs mit 300 Minuten nur eine gekürzte Fassung wiedergibt, gerne hätte ich länger zugehört.

Der stark autobiografisch geprägte Roman schildert aus der Sicht des wie der Autor im August 1934 geborenen Hermann Steputat eine Kindheit und Jugend in Ostpreußen und erzählt zugleich die Geschichten eines ostpreußischen Dorfes. Hermann ist der Sohn des Schneiders und Bürgermeisters von Jokehnen, einer Gemeinde mit „200 deutschnationalen Seelen“ im hintersten Ostpreußen. 1933 lässt sich der Vater zum Eintritt in die NSDAP überreden, doch ansonsten ändern Machtübernahme und Krieg fast nichts am ruhigen Leben in Jokehnen. Zwar verschwindet der einzige Jude des Dorfes über Nacht, wird Ostpreußen „heimgeholt ins Reich“, kommen die ersten polnischen Zwangsarbeiter und später russische Kriegsgefangene nach Jokehnen, werden Königsberg und Insterburg zerstört und sieht man schließlich die ersten Flüchtlingstecks, doch bleibt in Jokehnen die Arbeit auf den Feldern wichtiger als alle äußeren Ereignissen. Weit weg scheint bis zuletzt die Hauptkampflinie, aber der Krieg erreicht am Ende auch dieses beschauliche Dorf, in dem so lange nichts vom „Geist der neuen Zeit“ zu spüren war, und im Winter 1945 gehört Hermann zu den wenigen verbliebenen Dorfbewohnern, die in Güterwagen verladen und nach Deutschland „ausgesiedelt“ werden.

In einem Gespräch mit der Zeitschrift Sezession aus dem Jahr 2012 sagte Arno Surminski: „Ich möchte die Fakten hinnehmen, so, wie sie sind, daraus aber keine weiteren Vorwürfe oder gar Ansprüche ableiten… Es geht darum, das Vergessen aufzuhalten.“ Wichtig ist für ihn, „dass man alles genau beschreibt und festhält, aber das darf niemals verknüpft werden mit irgendwelchen Ansprüchen auf Entschädigung oder Rückgabe, das wäre friedensgefährdend!“. Dass es ihm „nicht um Schuldzuweisungen, sondern um Fakten“ geht, hat mir an diesem Ostpreußen-Roman neben der Kinderperspektive besonders gut gefallen, genauso wie die gänzlich pathosfreie, durchgehend sehr ruhige Erzählweise, die ostpreußischen Ausdrücke und die detaillierte Schilderung des dörflichen Lebens in Ostpreußen bis zur Vertreibung.

Arno Surminski: Jokehnen oder Wie lange fährt man von Ostpreußen nach Deutschland. Gelesen von Peter Striebeck. Ullstein Hörverlag 2001
www.ullstein-buchverlage.de