Daniela Krien: Die Liebe im Ernstfall

  Auf und ab

Fünf gleichberechtigte Protagonistinnen, Paula, Judith, Brida, Malika und Jorinde, stehen im Mittelpunkt von Daniela Kriens drittem Roman Die Liebe im Ernstfall und geben den fünf Kapiteln ihre Namen. Fast könnte man meinen, es wären unverbundene Kurzgeschichten, doch sind die Schicksale kunstvoll verwoben. Ihre Namen tauchen immer wieder den Kapiteln der anderen auf, sei es als Freundin, Rivalin, Schwester, Buchhändlerin oder Hausärztin. Alle leben sie in Leipzig, sind zwischen 30 und 40 und suchen nach der großen, perfekten Liebe und einer gelingenden Partnerschaft. Ihre Beziehungen scheitern, mal verlassen sie ihre Männer, mal werden sie verlassen. Sie erleben Tragödien wie den Verlust eines Kindes, Abtreibungen, ungewollte Kinderlosigkeit, schwierige Beziehungen zu ihren Eltern, die Trostlosigkeit von Dating-Portalen und Sorgerechtsstreitigkeiten. Alle sind erfolgreich im Beruf, Paula als Buchhändlerin, Judith mit eigener Hausarztpraxis, Brida als Schriftstellerin, Malika mit ihren Geigenschülern und Jorinde als Schauspielerin, doch die dauerhafte Liebe bleibt für sie Illusion. Das klingt deprimierend, aber es versöhnt ein wenig, dass alle am Ende eine Möglichkeit zum Weitermachen finden – nicht unbedingt glücklich und erfüllt, nicht unbedingt mit einer großen Liebe, doch auch nicht ohne Hoffnung.

Daniela Krien erzählt diese Geschichten nüchtern und ohne Partei zu ergreifen. Alle Protagonistinnen scheinen ihr gleichermaßen am Herzen zu liegen, während ich klare Sympathien für Malika empfand, mit Paula und Jorinde mitfühlen konnte, mir aber Judith und Brida sehr fremd blieben. „Ob sie jemals daran gedacht habe, zu viel zu wollen“, fragt Bridas Ex-Mann sie einmal, und ich konnte ihn verstehen, erschien mir doch manches Jammern als Luxusproblem.

Obwohl ich schon während der Lektüre gemerkt habe, dass ich die einzelnen Schicksale schnell wieder vergessen würde, bleibt doch ein Nachhall von der inneren Zerrissenheit dieser Frauen, und ich habe mich gefragt, ob sie typisch für diese Frauengeneration sind. Springen oder nicht springen ist für sie die Frage, über die auch die sehr passende Cover-Figur auf ihrem Sprungbrett nachzugrübeln scheint.

Viele schöne Gedanken zu vielen Lebensbereichen habe ich während des Lesens gefunden, einer davon hat mir besonders gefallen: „Das Beste an Umzügen ist die Korrektur vorausgegangener Übertreibungen.“ Das Beste an diesem Buch, das weniger deprimierend ist, als man vielleicht glauben könnte, sind der nüchterne, pathosfreie Stil und die Einblicke in zerrissene Frauenbiografien.

Daniela Krien: Die Liebe im Ernstfall. Diogenes 2019
www.diogenes.ch

Silke Schlichtmann & Maja Bohn: Mattis und das klebende Klassenzimmer

  Beste Absichten

Mit der Kinderbuchautorin Silke Schlichtmann hat nun auch der Hanser Verlag eine Erstleserreihe gestartet. Wie nicht anders erwartet, ist Mattis und das klebende Klassenzimmer sowohl inhaltlich als auch haptisch ein Volltreffer.

Der achtjährige Mattis hat einen älteren Bruder, einen entspannten Vater und eine besorgte Mutter, die ihn auf dem besten Weg zum Schwerverbrecher sieht. Würde sie allerdings Mattis zuhören, anstatt nur den bösen Briefen aus der Schule Glauben zu schenken, wäre alles einfacher. Deshalb beschließt Mattis, die Wahrheit aufzuschreiben: „Damit alle sie lesen können. Damit Mama sie erfährt und an eine andere Zukunft für mich glaubt.“

Und weil Mattis auch tut, was er sich vornimmt, stellt er erst einmal die Vorgänge vom vierten September richtig. Er soll „mutwillig das Klassenzimmer zerstört, mehrere Mitschüler verletzt und auch sonst noch manches beschädigt“ haben. Dabei war doch alles ganz anderes: Mattis wollte lediglich seinen Klassenkameraden beim Einhalten der Klassenregeln helfen – mit einer äußerst kreativen Idee! Wer konnte ahnen, dass die Sache so schief gehen und Herr Storm, der ungeliebte Klassenlehrer der 3c, ausrasten würde? Leider muss Mattis erfahren, dass „Pech Pech anzieht“ und der beste Plan floppt, wenn ein unberechenbarer Lehrer dazwischenfunkt…

Silke Schlichtmann beweist in dieser Geschichte für kleine Leseeinsteiger eindrucksvoll, dass auch Bücher im Großdruck mit nur 61 Seiten sehr gut ausgearbeitete Charaktere und eine komplexe Handlung bieten können. Wie schon in ihren beiden Pernilla-Bänden und in Bluma und das Gummischlangengeheimnis, mit dem sie 2018 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert war, ist die Geschichte in einer sehr kindgemäßen Ich-Perspektive geschrieben. Besonders gut hat mir gefallen, dass das Honigbrot auf die „leckere“ Seite fällt, eine Formulierung, die eigentlich nur aus Kindermund stammen kann. Auch Herrn Storms Gesichtsfarbenspektrum von krebsrot bis krabbenrosa und zurück ist einfach herrlich. Sprachlich ist das Buch wie immer ein Hochgenuss und ihre – pardon: Mattis‘ – witzig-kreative, nicht zur Nachahmung empfohlenen Einfälle bringen auch erwachsene Leser zum Lachen. Die bunten Illustrationen von Maja Bohn mit den ausdrucksstarken Gesichtern passen ausgezeichnet zum Ton des Buchs und veranschaulichen den Text für Leseanfänger. Mein Favorit unter den Bildern ist eindeutig Herr Storm als schweißtriefender Hummer.

Wer erleben möchte, warum leider auch gutgemeinte Vorhaben manchmal scheitern, wer einen liebenswerten kleinen Helden kennenlernen möchte, dessen Einfälle Eltern das Fürchten lehren  können, und wer beim Lesen herzlich lachen, aber auch nachdenken möchte, dem möchte ich dieses Erstleserbuch für gute Leserinnen und Leser ab Klasse zwei wärmstens empfehlen.

Ich freue mich schon auf Mattis und die Sache mit den Schulklos!

Silke Schlichtmann: Mattis und das klebende Klassenzimmer. Carl Hanser 2019
www.hanser.de

Ulrike Grunewald: Die Schand-Luise

  Ein Opfer ihrer Zeit

Während der Lektüre von Julia Bairds ebenfalls bei wbg Theiss erschienener Biografie Queen Victoria hörte ich 2018 erstmals von deren geheimnisvoller Schwiegermutter Luise. Die neue, auf Ulrike Grunewalds Dissertation beruhende Biografie über sie mit dem Titel Die Schand-Luise wollte ich deshalb unbedingt lesen. Obwohl nicht alle Fragen geklärt werden können, hat mich das Buch aufgrund des pfiffigen Aufbaus, des Verzichts auf Mutmaßungen und Ausschmückungen und des weitreichenden Zeitbilds überzeugt. Einziger Wermutstropfen waren für mich das Fehlen von Stammbäumen und einer Zeittafel; beides habe ich schmerzlich vermisst.

Der Clou zu Beginn: Die Bergung von Luises Leichnam auf Wunsch der Söhne aus einer verfallenen Kirchengruft im westpfälzischen Dorf Pfeffelbach 1846 und ihre anschließende Überführung nach Coburg rollen die Lebensgeschichte von hinten auf. Doch wie kam die Leiche der ehemaligen Landesmutter dorthin?

Luise wurde am 21.12.1800 als Tochter von Herzog August von Sachsen-Gotha-Altenburg geboren, die Mutter starb kurz nach ihrer Geburt. Als einziges Kind des liberalen, kulturinteressierten aber exzentrischen Vaters und einer Stiefmutter wuchs sie ohne konsequente Erziehung zu einer unkonventionellen, heiteren, verzogenen jungen Frau heran, die bereits 1817 im Alter von 16 Jahren mit dem skandalumwitterten, doppelt so alten Ernst von Sachsen-Coburg-Saalfeld verheiratet wurde. Zwar erkannten Vater und Stiefmutter, dass der naiven Luise die nötige Reife zur Ehe fehlte und misstrauten Ernst, doch gaben sie unverständlicherweise dem Drängen des stets klammen Ernst nach, der sich den Anspruch auf das Territorium des Hauses Sachsen-Gotha-Altenburg und das Vermögen Luises schnell sichern wollte. Voller romantischer Vorstellungen stürzte sich Luise in diese Ehe und gebar 1818 und 1819 die Söhne Ernst und Albert, erkannte aber bald die Trostlosigkeit ihrer Situation. Während Ernst mit den Folgen seiner Skandale und gegen die Paparazzi seiner Zeit, die „Libellenschreibern“ kämpfte und selten zuhause war, schloss sie sich dessen Bruder Leopold an und flirtete mit den Offizieren. Gerüchte über eine vermeintliche Vaterschaft ihres Schwagers für Albert gibt es bis heute.

Wie weit Luise aus Verzweiflung über ihre Situation bei Hofe tatsächlich ging, weiß auch Ulrike Grunewald nicht. Sicher ist nur, dass Ernst seine junge Frau nach dem Tod seines Schwiegervaters verbannte und sich 1826 scheidenließ. In ihrem Exil in St. Wendel führte Luise ein bescheidenes, fast bürgerliches Leben und heiratete ein halbes Jahr später den Reisestallmeister Maximilian von Haustein, geadelter Grafen von Pölzig, der zu ihr abkommandiert war. Hätte Ernst ihr nicht jeden Kontakt zu den Kindern versagt und sie um ihr Vermögen gebracht, könnte man annehmen, es wären glückliche Jahre gewesen. Mit Maximilian unternahm sie zahlreiche Parisreisen, wurde ruhig und ausgeglichen und interessierte sich für Theater und Literatur. Als sie an Gebärmutterkrebs erkrankte, pflegte er sie bis zu ihrem frühen Tod am 30.081831 aufopferungsvoll. Doch selbst dann hatte sie keine Ruhe vor Ernst: Er ignorierte ihr Testament bezüglich Grabstätte und Erbe, so dass sie erst am 19.12.1832 ihre vorläufig letzte Ruhestätte in der Dorfkirche fand.

Ulrike Grunewald beschreibt die drei völlig unterschiedlichen Lebensphasen gleichermaßen sachlich wie unterhaltsam und mit der richtigen Anzahl an Originaltexten sowie einigen Schwarz-Weiß-Illustrationen. Ich habe diese informative Biografie sehr gerne gelesen.

Ulrike Grunewald: Die Schand-Luise. wbg Theiss 2019
www.wbg-wissenverbindet.de

Hanya Yanagihara: Das Volk der Bäume

  Kann man Verdienst und Vergehen gegeneinander aufrechnen?

Die Mitteilung bei dlf24 vom heutigen 13.03.2019 könnte nicht besser passen: „Der frühere Finanzchef des Vatikans, der australische Kardinal Pell, ist wegen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen zu sechs Jahren Haft verurteilt worden… Strafmindernd gewertet wurde demnach Pells Alter, seine Gesundheit und seine Lebensleistung…“. Aber kann man eine Lebensleistung, in Hanya Yanagiharas von einem wahren Fall inspirierten Debütroman ist es ein Medizin-Nobelpreis, mit Kindesmissbrauch „verrechnen“? Und: „Wenn ein großer Mann schreckliche Dinge tut, ist er dann noch ein großer Mann?“

2017 habe ich begeistert Hanya Yanagiharas zweiten Roman Ein wenig Leben gelesen, der mich seither nicht mehr loslässt. Über kein anderes Buch habe ich soviel diskutiert, kein anderer Roman stößt bei denen, die ihn nicht kennen, auf solche Vorbehalte. Nun war ich gespannt auf ihren Erstling von 2013, der soeben auf Deutsch erschienen ist. Das Thema schien genauso interessant und tatsächlich ist auch jetzt mein Diskussionsbedarf hoch und der Nachhall heftig, allerdings hat mir die literarische Umsetzung als vorgebliches Sachbuch weniger zugesagt und ich empfand weite Strecken des Hörbuchs als eher quälend.

Inhalt von Das Volk der Bäume sind die Lebenserinnerungen des 1924 geborenen Mediziners Dr. Norton Perina, von dessen Anklage und Verurteilung wegen Kindesmissbrauchs wir aus Presseartikeln zu Beginn erfahren. Verfasst hat er die Memoiren auf Anregung seines Freundes und Kollegen Dr. Ronald Kubodera, dem kritiklosen Herausgeber und Kommentator, der wesentliche Kapitel bis zum Ende zurückhält.

Nach seinem Medizinstudium begleitet Perina 1950 zwei Anthropologen auf die unerforschte fiktive mikronesische Insel Ivu‘Ivu. Sie finden dort nicht nur einen urtümlichen Stamm, sondern auch eine Gruppe Ausgestoßener, die offensichtlich wesentlich älter als gemeinhin vorstellbar sind. Perinas Entdeckung wird der Grund für das hohe Alter sowie der Zusammenhang zwischen dem Alter und dem demenzartigen Zustand dieser körperlich in erstaunlich gutem Zustand befindlichen „Träumer“ sein; sie wird ihm den Nobelpreis einbringen. Gleichzeitig bedeutet die Entdeckung aber für die Inselbewohner und die Natur den Untergang.

Sogar ein zutiefst unsympathischer Protagonist, der Labormäuse mit Lust tötet, bedenkenlos Menschenversuche an den Träumern durchführt und über keinen seiner Mitmenschen ein gutes Wort sagt, verspürt eine Art von schlechtem Gewissen, weshalb Perina in den folgenden Jahren immer wieder nach Ivu’Ivu reist. 43 Kinder bringt er im Laufe der Jahre von dort mit in die USA, adoptiert sie und gibt ihnen ein Zuhause.

Zweifellos sind die in diesem Roman ausführlichst angesprochenen Themen Machtmissbrauch, Verantwortung des Wissenschaftlers, Grenzen der Forschung, Unsterblichkeit und Folgen des Kolonialismus ausgesprochen interessant, doch habe ich mich mit der Täterperspektive und den ausufernden, metapherngesättigten Beschreibungen der Natur und der Inselbewohner, ungekürzt in knapp 18 Stunden auf 3 mp3-CDs, schwergetan. Schmerzlich habe ich ein Booklet vermisst, vor allem hätte ich ein Glossar für die vielen Begriffe in der ausgedachten Inselsprache gebraucht, denn was eine Frucht, ein Tier, eine Gottheit oder der Name eines Inselbewohners war, wusste ich oft nicht mehr, wenn die Erklärung lange zurücklag. Auch eine Karte wäre hilfreich gewesen.

Bleiben wird mir viel Stoff zum Nachdenken, aber an Ein wenig Leben reicht dieser eher schleppende Roman in meinen Augen nicht heran.

Hanya Yanagihara: Das Volk der Bäume / Gelesen von Gunter Schoß und Matthias Bundschuh. HörbuchHamburg 2019
www.hoerbuch-hamburg.de

Elena Ferrante: Frau im Dunkeln

  Schwierige Mutterschaft

Normalerweise bin ich eher skeptisch, wenn Verlage nach großen Erfolgen frühere Bücher der Autoren nachschieben. Frau im Dunkeln von Elena Ferrante erschien bereits 2007 erstmals auf Deutsch, fand allerdings wenig Beachtung. Nun, nach dem großen Hype um die Neapolitanische Saga, wurde dieser frühe Roman Elena Ferrantes neu aufgelegt und nach wenigen Seiten war meine Skepsis verflogen. Nicht nur, dass hier viele Themen des Bestsellers bereits vorweggenommen werden, ist auch der Spannungsaufbau ähnlich und die Sprache sofort wiedererkennbar, obwohl hier Anja Nattefort übersetzte und nicht Karin Krieger.

Der nur 188 Seiten starke Roman beginnt mit seinem Ende: Die Ich-Erzählerin ist mit ihrem Auto gegen eine Leitplanke gefahren und wacht im Krankenhaus wieder auf. Unerklärlich ist eine Stichwunde links unterhalb der Rippe, über die sie nicht sprechen will, denn: „Die Dinge, die wir selbst nicht verstehen, sind am schwierigsten zu erzählen.“

Ereignet hat sich der Unfall während der überstürzt angetretenen Heimreise von der ionischen Küste zurück nach Florenz. Zum ersten Mal konnte die 48-jährige geschiedene Uni-Dozentin Leda ihren Urlaub alleine verbringen, frei, ohne Verpflichtungen und mit einem Auto voller Bücher, da die beiden erwachsenen Töchter kurz zuvor zu ihrem Vater nach Toronto gezogen waren: „Niemand war mehr von meiner Fürsorge abhängig, und auch ich selbst war mir endlich keine Last mehr.“ Doch kaum angekommen, stört eine Großfamilie aus Neapel am Strand ihre Ruhe. Unliebsame Parallelen zu ihrer eigenen Familie und Erinnerungen an ihre Kindheit in dieser Stadt, die sie zum Studium fluchtartig verließ, stürmen auf sie ein und lösen feindselige Gefühle aus. Nur eine junge Mutter erscheint Leda anders und beneidenswert: Nina, die hingebungsvoll und ausdauernd mit ihrer kleinen Tochter Elena spielt. Als Leda Nina näher kennenlernt, erzählt sie eines Tages, was sie sonst für sich behält: wie sie einst, als ihre Töchter vier und sechs Jahre alt waren, ihre Familie verließ, drei Jahre und 36 Tage nicht zurückkehrte, denn „Manchmal muss man fliehen, wenn man nicht sterben will.“ Die Erinnerung an ihre Zerrissenheit zwischen Mutterschaft und Karriere und die Reflektion über die letzten 25 Jahre machen Leda den Anblick von Nina und Elena unerträglich. Sie lässt sich zu einer unerklärlichen, kindisch anmutenden Tat hinreißen, die die Eintracht zwischen den beiden zerstört, und in der sich selbst nicht wiedererkennt.

In Frau im Dunkeln legt eine nicht immer verlässlich erscheinende, stellenweise unheimliche Ich-Erzählerin Zeugnis über ihre schwierige Mutterschaft ab. Ich habe zwischen Mitleid und Unverständnis geschwankt und die Lektüre wie immer bei Elena Ferrantes Romanen genossen.

Elena Ferrante: Frau im Dunkeln. Suhrkamp 2019
www.suhrkamp.de

Julian Barnes: Die einzige Geschichte

  Die erste Liebe bestimmt das ganze Leben

„Würden Sie lieber mehr lieben und dafür mehr leiden oder weniger lieben und weniger leiden?“, fragt Julian Barnes zu Beginn seines neuen Romans Die einzige Geschichte. Es geht darin um eine große, unkonventionelle Liebe und um vertraute Themen aus früheren Barnes-Romanen: Schuld, Konventionen, Pflichtgefühl, Scham, Wahrheit und Erinnerung.

„Ich versuche hier nicht, Ihnen eine Geschichte auszumalen; ich versuche, Ihnen die Wahrheit zu erzählen.“, verspricht der etwa 70-jährige Paul, der sein Leben und seine große Liebe resümiert. Sein Erinnern gliedert er in drei Teile, für die er drei verschiedene Erzählperspektiven wählt, im ersten Teil die Ich-Perspektive. Paul ist ein 19-jähriger, langhaariger Student aus einem wohlhabenden Londoner Vorort, der sich im Tennisclub unsterblich in die 48-jährige Ehefrau und Mutter Susan Macleod verliebt, deren beide Töchter älter sind als er, und seine Liebe wird erwidert. Was auf mich von Pauls Seite zunächst wie eine vorübergehende Rebellion gegen die spießbürgerlichen Konventionen der 1960er-Jahre wirkte, von Susans Seite als Ausbruch aus einer trostlosen, gewaltdurchsetzten Ehe, entpuppt sich als langanhaltende Verbindung. Doch bereits am Ende des ersten Teils, als beide nach etwa zwei Jahren zusammenziehen, deutet Paul den weiteren Verlauf der Beziehung an: „Ich werde sie immer in guter Erinnerung behalten, versprach ich mir. Und ich würde auch alles andere in guter Erinnerung behalten, wenn ich könnte. Aber das kann ich nicht.“

„10 oder mehr Jahre“ leben Susan und Paul in London unter einem Dach, doch der zweite Teil des Romans, der jetzt schon überwiegend in der mehr Abstand wahrenden Du-Perspektive erzählt wird, ist eine Zeit des Zweifels und der Verzweiflung. Susan verfällt mehr und mehr dem Alkohol und Paul kann sie nicht retten, so sehr es auch versucht. Dieser Teil war für mich der intensivste und großartigste des Romans, denn mit Ausnahme von Arno Surminskis Malojawind habe ich die Suchtproblematik noch nie so ergreifend geschildert gefunden – mit allen Hoffnungen, Abstürzen, erfolglosen Rettungsversuchen und Schuldgefühlen.

Nach diesem grandiosen Mittelteil war ich sehr gespannt, ob der dritte Abschnitt  dieses Niveau würde halten können, und ich wurde nicht enttäuscht. Ein abgeklärterer Erzähler berichtet nunmehr in der dritten Person über die letzten 20 Jahre, philosophiert über die Liebe und das Leben, über sein „verödetes Herz“, seine Heimatlosigkeit nach der aus Selbstschutz vollzogenen Trennung. Diese Bilanz ist der zugleich melancholischste und doch versöhnlichste Teil des Buches. Auch das zunächst rätselhafte Cover erklärt sich hier wie von selbst. Nur einmal kehrt Paul am Schluss noch zur Ich-Perspektive zurück, als er die letzte Begegnung kurz vor Susans Tod schildert: „…ja, ich glaube, ich habe die Schuldgefühle jetzt wohl hinter mir. Doch mein übriges Leben, oder was davon geblieben ist und weiterhin bleiben wird, rief wieder nach mir.“

Mich begeistert dieser Roman von Julian Barnes sogar noch mehr als Vom Ende einer Geschichte, für den er 2011 den Man Booker Prize erhielt.

Julian Barnes: Die einzige Geschichte. Kiepenheuer & Witsch 2019
www.kiwi-verlag.de

Fatima Farheen Mirza: Worauf wir hoffen

   Der verlorene Sohn

Hadia ist die erste in ihrer Familie indisch-schiitischer US-Einwanderer, die ihren Ehemann selbst auswählt. Als sie heiratet, ist die Familie bereits auseinandergebrochen, doch kehrt der jüngere Bruder Amar auf ihren Wunsch erstmals nach drei Jahren zurück. Anders als seine angepassten älteren Schwestern Hadia und Huda war er von Geburt an schwierig. Von der Mutter Laila nachsichtig verwöhnt, gab es mit dem Vater Rafik ständig Streit: „So wie in anderen Familien gelacht wurde, so steuerte bei ihnen alles immer auf eine Auseinandersetzung zu.“ Schulschwierigkeiten, Ablehnung der islamischen Gesetze zur Geschlechtertrennung und der Moscheefeste, Alkohol- und Drogenprobleme säumen seinen Weg. Amar fühlt sich nicht zugehörig, empfindet Wut, steht sich selbst im Weg.

Die 1991 in den USA geborene Fatima Farheen Mirza erzählt in ihrem Debütroman „Worauf wir hoffen“ vom Leben einer Einwandererfamilie. Rafik hat in der neuen Heimat alles erreicht: guter Job, eigenes Haus, eine Frau aus seiner Heimat Haiderabad, drei in den USA geborene Kinder und Respekt in der Moscheegemeinde. Während Laila tief gläubig ist, empfindet er die Religion eher als Gewohnheit und Ordnungsprinzip, an der er um der Familie willen festhält. Für die Kinder ist das Leben zwischen zwei Kulturen ein Spagat. Mit neun Jahren hat Hadia, die älteste, zwar die Wahl, ob sie als einzige in ihrer Grundschulklasse einen Hijab tragen will oder nicht, doch wie sich dagegen entscheiden, wenn die Ablehnung den Eltern als Sünde gilt? Freunde lehnen die Eltern generell ab, das andere Geschlecht ist tabu, genau wie laute Musik oder T-Shirts mit Band-Namen. Während die Töchter sich arrangieren, gute Leistungen zeigen und schließlich studieren, wird Amar zum verlorenen Sohn.

Sprachlich eher einfach, verzichtet der Roman auf jegliche Chronologie in der Erzählweise, doch fällt die Orientierung nicht schwer. Im ersten und dritten Teil steht Hadias Hochzeit im Mittelpunkt, der zweite führt zurück bis zur Kindheit der Eltern, im vierten erzählt ausführlich Rafik, der nicht über die Entfremdung von Amar hinwegkommt. Wer wird einst die Totenwaschung vornehmen und die erste Handvoll Erde in sein Grab werfen, beides Frauen nicht erlaubt?

Sehr interessant ist die Innenansicht einer schiitischen Familie, deren starre Lebensweise so inkompatibel zum US-amerikanischen Freiheitsideal scheint, obwohl viele der genannten Konfliktpunkte in Nicht-Einwandererfamilien genauso vorkommen. Rafik und Laila sind nicht ultrakonservativ, Hadia und Huda legen ihr Kopftuch nach 9/11 auf Wunsch des Vaters vorsichtshalber ab, Hadia studiert fünf Fahrtstunden entfernt, der von ihr ausgewählte Ehemann wird akzeptiert, obwohl er weder Schiit ist noch Urdu spricht, doch darf sie keineswegs zeigen, dass es sich um Liebesheirat handelt. Alles dies ist mit viel Herzblut beschrieben, doch verliert sich die Autorin in zu vielen Wiederholungen, sodass sich bei mir ein gewisser Überdruss einstellte. Ein strenges Lektorat mit starken Kürzungen, eine schärfere Fokussierung auf die kulturell bedingten Konfliktpunkte und ein Glossar für die kursiv gedruckten religiösen oder kulinarischen Begriffe hätte ich mir gewünscht.

Trotz dieser Kritik werde ich auch dem nächsten Buch von Fatima Farheen Mirza eine Chance geben, denn die Autorin hat viel zu erzählen.

Fatima Farheen Mirza: Worauf wir hoffen. dtv 2019
www.dtv.de

Katharina Peters: Fischermord

  So viele Verdächtige…

Fünf der sieben Vorgängerbände zu Fischermord aus der Rügen-Krimi-Serie habe ich gelesen, alle haben mir gut gefallen, aber dieser achte ist in meinen Augen der beste. Durchgängige Spannung bis ganz zuletzt, jede Menge Verdächtige, sehr detailliert beschriebene Ermittlungen durch ein  harmonisch arbeitendes Team, eine ebenso schlüssige wie überraschende Auflösung, die aber nicht vom Himmel fällt, und je eine kleine Prise Privatleben der Ermittlerin und regionales Flair sind die Zutaten, die ihn für mich zu einem rundum gelungenen Krimi machen.

Zu Beginn sieht alles nach einem überraschenden Selbstmord des erfolgreichen Pferdehof-Besitzers Torsten Fischer in der Nacht vor seinem 55. Geburtstag aus. Doch das Bauchgefühl der leitenden Rügener Kommissarin Romy Beccare und die Ergebnisse der Spurensicherung sprechen gegen einen Suizid. Als dann auch noch klar wird, dass alle Dokumente des Opfers vor dem Kauf des Hofes 1995 gefälscht sind, lässt sich der vorgesetzte Leiter des Kriminalkommissariats in Stralsund, Romys frischgebackener Ehemann Jan Riechter, von der Dringlichkeit weiterer Ermittlungen überzeugen. Schnell wird klar, dass sich im Umfeld des Pferdehofs in den letzten Jahren überdurchschnittlich viele Unglücksfälle ereignet haben: Vor acht Jahren verschwand die 15-jährige Tochter des Verwalters spurlos, vor einem Jahr wurde eine Freundin des Sohnes von Torsten Fischer nachts von einem Transporter überfahren, nach den Beteuerungen des Unfallgegners in Selbstmordabsicht, und eben jener Sohn liegt inzwischen nach einem Überfall Unbekannter im Wachkoma. Zufall? Oder hängt alles irgendwie zusammen? Wer und wo war Torsten Fischer vor 1995? Jedenfalls wird schnell klar, dass der angesehene und erfolgreiche Macher und Familienvater keineswegs so beliebt war, wie es zunächst schien: „Dutzende von Menschen haben ein Motiv.“ Bevor Romy Beccare und ihr Team, zu dem nun auch die in den Polizeidienst zurückgekehrte Ex-Kommissarin Ruth Kranold aus dem Vorgängerband Strandmord gehört, den Fall aufklären können, geschieht ein zweiter Mord. Hat der gleiche Täter noch einmal zugeschlagen? Was verbindet die Opfer?

Katharina Peters schreibt ihre sehr durchdachten, bodenständigen Krimis in einer einfach zu lesenden, nie platten Sprache. Fischermord ist voller überraschender Wendungen und lebt daneben von einer oft unkonventionellen, temperamentvollen Kommissarin mit italienischen Wurzeln, die immer offen für neue Ideen und Ermittlungsansätze ist. Wie alle Bände der Reihe lässt er sich problemlos unabhängig lesen, allerdings verfolge ich sehr gerne auch die im Hintergrund mitlaufenden Entwicklungen in Romys Privatleben.

Katharina Peters: Fischermord. Aufbau 2019
www.aufbau-verlag.de

Michael Ende & Wieland Freund: Rodrigo Raubein und Knirps, sein Knappe

Die rundum gelungene Vollendung eines Michael-Ende Fragments

Es erfordert Mut, das Romanfragment eines weltbekannten Autors zu vollenden. Der Verlag Thienemann, dem die ersten drei Kapitel Michael Endes (1929 – 1995) zu diesem Buch vorlagen, hat mit dem Kinderbuchautor Wieland Freund eine hervorragende Wahl getroffen. Herausgekommen ist mit Rodrigo Raubein und Knirps, sein Knappe ein wunderschönes, zeitloses, fantasievolles Vorlesebuch für Kinder ab sechs Jahren, das für Zuhörer und Vorlesern gleichermaßen eine große Freude ist. Einen Bruch habe ich nicht bemerkt, vielmehr werden alle Möglichkeiten der ersten Kapitel konsequent genutzt und die Handlung stimmig weitergeführt. Selbst die neu hinzugekommenen Figuren sind in den Anfangskapiteln bereits als Marionetten vorhanden.

Was wird aus einem Jungen, der nicht weiß, was Angst ist, und der den Unterschied zwischen Gut und Böse nicht kennt? Er kann nicht erwachsen werden, das ist heute so, und das war auch im finsteren Mittelalter so, zu der Zeit, in der die Geschichte spielt. Hastrubel Anaximander Chrysostomos Dick, genannt Knirps, beschließt deshalb, sich vom berüchtigten Raubritter Rodrigo Raubein das Fürchten lehren zu lassen. Eines Nachts reißt er aus dem Wagen seiner braven Puppenspieler-Eltern aus. Er ahnt nicht, dass Rodrigo Raubein keineswegs der ist, als der er scheinen will, denn: „Er hatte das Aussehen eines bösen Fleischerhundes und die Seele eines Gänseblümchens.“ Als Knirps in der Schauderburg auf dem Haarzuberg im Bangwald ankommt und Rodigo Raubein um eine Anstellung als Knappe bittet, hat der Gemüse und Kakteen züchtende Raubritter wider Willen Angst um seine sorgsam gepflegte Tarnung und schickt ihn erst einmal in die weite Welt, wo er als Probe seiner Fähigkeiten ein gefährliches Verbrechen begehen soll. Wild entschlossen zieht Knirps los…

Aus diesen drei hinterlassenen Ende-Kapiteln hat Wieland Freund – sozusagen als Geschenk zu Michael Endes 90. Geburtstag – eine spannende Abenteuergeschichte gemacht mit einem ängstlichen Puppenspieler-Elternpaar, einer pfiffigen Prinzessin, einem melancholischen König, einem bitterbösen, machtgierigen Zauberer, einem einfältigen Drachen und natürlich den beiden Protagonisten. Ein kluger Papagei namens Sokrates begleitet das Geschehen und versucht, aus einem alten Geschichtenbuch den Fortgang des Abenteuers zu entnehmen, um Knirps an einer späteren Stelle der Handlung abzupassen, eine erzähltechnisch ausgesprochen witzige Idee. Daneben gibt es eine zweite Ebene, in der es um Wahrheit und Lüge, Mut und Angst und darum geht, wie man zu einem selbstbestimmten Leben gelangen kann: „Aber es ist eben gar nicht so einfach, zu tun, was man will. Oft braucht man lange, um es herauszufinden, und manchmal braucht man dazu auch ein bisschen Glück“.

Regina Kehls Illustrationen sind farbenprächtig und passen gut zu diesem klassisch anmutenden Text. Leider finden sich kleinere Ungenauigkeiten, die es gerade in einem Kinderbuch nicht geben sollte, beispielsweise sind die Augen von Knirps laut Text blau, nicht braun, und die Prinzessin trägt eigentlich ein silbernes Diadem, keine goldene Krone.

Ein wundervolles Vorlesebuch und eine uneingeschränkte (Vor-)Leseempfehlung!

Michael Ende & Wieland Freund: Rodrigo Raubein und Knirps, sein Knappe. Thienemann 2019
www.thienemann-esslinger.de

Jane Austen: Northanger Abbey

Romanheldin wider Erwarten

„Niemand, der Catherine Morland als Kind gekannt hatte, wäre auf den Gedanken gekommen, dass sie zur Romanheldin bestimmt sei.“ So beginnt Jane Austens (1775 – 1817) postum erschienener Roman Northanger Abbey, der mit Motiven des von der Protagonistin so geliebten Schauerromans spielt.

Catherine Morland verbringt ihre ersten Lebensjahre als viertes von zehn Kindern eines Geistlichen und seiner Frau in einem Pfarrhaus auf dem Land. Mit 15 Jahren verbessert sich nicht nur ihr unscheinbares Äußeres, aus dem ehemals ungestümen Mädchen wird eine Büchernärrin, die Helden-, Liebes- und vor allem Schauerromane verschlingt. Mit Hilfe der Bücher träumt Catherine sich weg aus ihrem abgeschiedenen, ereignislosen Leben hinein in eine Welt aus Leidenschaft und Abenteuer. Als sich ihr dank eines befreundeten Ehepaars die Möglichkeit zu einem Aufenthalt im exklusiven Bath bietet, greift sie dankbar zu. Zwei junge Frauen dienen sich ihr als Freundinnen an und zwei junge Männer werben um sie, doch dem unerfahrenen Mädchen mangelt es zunächst an der erforderlichen Menschenkenntnis. Während ihr Bauchgefühl sich in Bezug auf die jungen Männer als richtig erweist und sie den gutaussehenden jungen Geistlichen Henry Tilney von Beginn an dem aufdringlichen Schwätzer John Thorpe vorzieht, muss sie bei der Wahl der Freundin schmerzliche Erfahrungen machen. Als Henry Tilney, seine Schwester Eleanor und ihr Vater General Tilney sie auf den Familiensitz Northanger Abbey einladen, freut sie sich einerseits auf einen Ort ähnlich denen ihrer geliebten Schauerromane, andererseits auf das Zusammensein mit Henry. Doch zunächst kommt alles anders. Die herrliche Abtei mit ihren gotischen Flügeln birgt keineswegs das von Catherine vermutete düstere Familiengeheimnis und nach vergnügten Tagen schickt der General sie unvermittelt und ohne Begründung nach Hause. Doch Jane Austen wäre nicht Jane Austen, wenn es nicht doch noch zu einem Happy End käme…

Obwohl mir Emma und Stolz und Vorurteil bezüglich ihrer Liebesgeschichten noch etwas besser gefallen, ist doch kein anderer von Jane Austens Romanen so hochironisch wie Northanger Abbey. Sowohl die angenehm modern wirkende Übersetzung von Andrea Ott als auch die Sprecherin Fritzi Haberlandt betonen diesen humorvollen Stil, so dass ich beim Zuhören großen Spaß vor allem an der Sprache hatte. Schade, dass es kein Booklet gibt und das Hörbuch in sechseinhalb Stunden auf sechs CDs nur eine gekürzte Fassung umfasst. Ich hätte Fritzi Haberlandt, die Catherines anfängliche Naivität und ihre beeindruckende Entwicklung sehr glaubhaft vermittelt, gerne auch länger zugehört.

Jane Austen: Northanger Abbey. Gelesen von Fritzi Haberlandt. Random House Audio 2017
www.randomhouse.de