Matthias Brandt: Blackbird

  Freundschaft, Liebe und Verlust

Ich schätze Matthias Brandt als hervorragenden Schauspieler und bedauere sehr, dass ich seinen 2016 erschienenen Erzählband Raumpatrouille noch immer nicht gelesen habe. Vielleicht waren meine Erwartungen an seinen ersten Roman Blackbird deshalb einfach zu hoch, denn das Buch hat mich leider nicht in dem Maße erreicht, wie ich es bei diesem Thema, dem Zeithintergrund und dem Autor gehofft hatte.

Einer, der es schwer hat
In einer namenlosen Kleinstadt irgendwo in der Bundesrepublik der Jahre 1977/78 erlebt der anfangs 15-, später 16-jährige Morton Schumacher, genannt Motte, seine Pubertät. Als hätte er nicht schon genug mit sich selbst und seinen Hormonen zu kämpfen, löst sich gerade seine „Firma“, die Familie Schumacher, auf, der Vater zieht zu seiner Freundin und die Mutter ist nur noch traurig. Parallel dazu endet Mottes erstes Date im Desaster und sein bester Freund Bogi erkrankt lebensbedrohlich an Lymphdrüsenkrebs:

Wie hört sich das denn an, Non-Hodgkin-Lymphom? Doch so, als ob es keine Krankheit sei, oder? Bestimmt wäre es besser gewesen, es hätte Hodgkin-Non-Lymphom geheißen. Besonders für Bogi.
Aber eigentlich war ich sauer auf ihn, weil ich mein altes Leben wiederhaben wollte, inklusive ihm, Bogi. Ich fand einfach, dass ich auch ohne den Mist schon genug um die Ohren hatte, keine Ahnung, hatte ich mir ja nicht ausgesucht, dass ich das jetzt dachte.

Schwächen…
Als Leser bzw. Leserin erfahren wir von all diesen Vorgängen aus der Ich-Perspektive und inneren Monologen Mottes in einer slanghaften, auf mich etwas bemüht wirkenden und unnötig derben Jugendsprache, die ich als anstrengend empfand. Zu meinen eigenen Erinnerungen wollte die Ausdrucksweise eher nicht passen, mag aber sein, dass dies aus männlicher Perspektive anders wahrgenommen wird, genauso wie das Rauchen, Kiffen und der Alkohol. Immer wieder hatte ich Mühe, die zwischen kindlicher Unbedarftheit und messerscharf analysierendem Denken pendelnde Persönlichkeit mit einem 16-Jährigen in Einklang zu bringen, manche Szenen waren mir zu sehr in die Länge gezogen. Kann es sein, dass Motte und seine Kameraden sich beim Besuch des schwer erkrankten Freundes Gedanken über das Flachlegen von Krankenschwestern machen? Muss jeder Lehrer ein Stereotyp erfüllen, sei es der Altnazi-Sporttyrann oder der kumpelhafte Sozialkundelehrer, der mit Schülerinnen ins Bett geht? Und manches ist bei Morton beeindruckend moderner, als ich es erlebt habe: Hufeisenform im Klassenzimmer und Kiwi waren mir zu dieser Zeit jedenfalls unbekannt.

… und Stärken
Andere Aspekte des Romans, dessen Stärken für mich vor allem im letzten Drittel liegen, haben dagegen dafür gesorgt, dass ich ihn trotz dieser Kritikpunkte gerne gelesen habe. Die spürbare Unwilligkeit Mottes, Gefühle zuzulassen, seine merklich zunehmende Hilflosigkeit, die sich beim Lesen gut überträgt, die trotz allen Zerfalls um ihn herum immer spürbare Komik und die vielen gut gewählten Metaphern, allen voran der Sprung vom Zehnmeterturm, zeigen die schriftstellerischen Qualitäten von Matthias Brandt. Dass ein Roman, der mit einer Beerdigung endet, so viel Hoffnung ausstrahlen kann, war eine positive Überraschung für mich. Ganz allein, wie die leere Bank auf dem Cover suggeriert, ist Motte nämlich glücklicherweise nicht.

Matthias Brandt: Blackbird. Kiepenheuer & Witsch 2019
www.kiwi-verlag.de

George Saunders: Lincoln im Bardo

  Ein unbeschreibliches Leseerlebnis

Als der elfjährige Sohn des amerikanischen Präsidenten Lincoln im Februar 1862 an Typhus stirbt, tobt der Sezessionskrieg. Die tiefe Trauer des gramgebeugten Vaters ist der Anknüpfungspunkt für den 2017 mit dem Man Booker Prize ausgezeichneten Debütroman des 1958 geborenen US-Amerikaners und Kurzgeschichtenautors George Saunders. Es ist inhaltlich wie formal das ungewöhnlichste, irrwitzigste, innovativste und skurrilste Buch, das ich jemals gelesen habe.

Ein äußerst lebendiger Friedhof
Der Haupterzählstrang spielt in der Nacht nach Willies Begräbnis auf dem Washingtoner Friedhof, wo der Sarg in einer Gruft beigesetzt worden war. Noch befindet sich der Junge in einer Zwischenwelt zum Totenreich, im tibetanischen Buddhismus Bardo genannt. Die Geister der Verstorbenen, die sich dort eingerichtet haben, weil sie nicht loslassen können und ihre Angst vor dem Jenseits übermächtig ist, verursachen ein aberwitziges Stimmengewirr. Kuriose Sterbeanekdoten werden wieder und wieder erzählt, es herrscht Langeweile. Ein Abbild der Gesellschaft hat sich dort versammelt, in prunkvollen Grüften oder Massengräbern, Sklavenhalter, Sklaven, Fabrikanten, Verbrecher, Arme, Reiche, Soldaten, und jedem verleihen Saunders und sein Übersetzer Frank Heibert eine eigene charakteristische Stimme. Nur das Thema Tod ist tabu, denn in allen glimmt Hoffnung auf Rückkehr ins Leben und der Sarg ist eine „Kranken-Kiste“, der Leichenwagen „Kranken-Wagen“, die Gruft „Heimstätte“. Die Vorgänge in dieser ungewöhnlichen Nacht befeuern ihre Sehnsüchte und ihren Selbstbetrug, denn Lincoln kehrt auf den Friedhof zurück, um Willie noch einmal zu liebkosen und zu versprechen, dass er wiederkommen wird – ein Umstand, der den Sohn daran hindert, wie alle Kinder umgehend ins Jenseits überzutreten:

Vater hat mir sein Versprechen gegeben, sagte der Junge. Wie wäre das denn, wenn er zurückkäme und mich nicht mehr anträfe?

Die Katastrophe verhindern
Drei Geister von etwa 15 „unstofflichen Wesen“ stehen im Mittelpunkt des Geschehens: Roger Bevins III, der sich als junger Homosexueller aus Liebeskummer die Pulsadern aufschnitt und dies zu spät bereute, Hans Vollmann, Drucker im fortgeschrittenen Alter, der kurz vor dem lange aufgeschobenen Vollzug seiner Ehe von einem Balken erschlagen wurde und deshalb mit einer Dauererektion im Bardo weilt, und der hochbetagt verstorbene Referend Everly Thomas, der vom Jenseits mehr weiß, als ihm lieb ist. Sie alle möchten Willie zum Verlassen des Bardos überreden, da dessen gegen alle Vorschriften verzögerter Aufenthalt zur Katastrophe führen muss –  gespenstische Tragödie wie Komödie zugleich.

Unzuverlässige Quellen
Auch der zweite, weitaus kürzere Handlungsstrang ist kein Fließtext, aber anstatt Geisterstimmen reiht Saunders hier kurze Texte aus historischen Quellen, manche wohl auch fiktiv, aneinander. Sie berichten über die Geschehnisse rund um Willies Tod, das Bankett, während er bereits todkrank war, die Beerdigung, Lincolns Reputation, den Krieg, oft mit widersprüchlichen Aussagen und so genial montiert, dass ich mühelos von einer zur anderen gesprungen bin, fast als wäre es ein fortlaufender Text.

Lincoln im Bardo zu lesen, war Herausforderung und Abenteuer für mich. Ich habe mich an Vokabeln wie „gehschweben“, „trabschweben“, „flitzschweben“ oder dem Übertritt ins Jenseits mit einem „Feuerknall und dem Phänomen der Materienlichtblüte“ erfreut, bin in die Vater-Sohn-Geschichte genauso eingetaucht wie in die politischen Geschehnisse und habe mit Lincoln gelitten.

Was für ein Leseerlebnis!

George Saunders: Lincoln im Bardo. Aus dem amerikanischen Englisch von Frank Heibert. btb 2019
www.randomhouse.de

Isabelle Autissier: Klara vergessen

  Nur ein Sandkorn

Isabelle Autissiers Klara vergessen ist neben Pascal Merciers Das Gewicht der Worte die Neuerscheinung, auf die ich mich in diesem Frühjahr besonders gefreut habe. Nach Herz auf Eis, einem absoluten Lieblingsbuch, waren meine Erwartungen hoch und wurden erfüllt. Zwar ist der Roman ganz anders ist als sein Vorgänger, doch geht es wieder um existentielle Bedrohungen und darum, wozu Menschen angesichts solcher fähig sind.

Eine Rückkehr wider Willen
Der Roman nimmt uns mit in den Norden Russlands von der Stalinzeit bis zu Gorbatschows Perestroika und spannt einen Bogen über drei Generationen der Familie Bondarew: die Großmutter Klara, ihren 1945 geborenen Sohn Rubin sowie den Enkel Juri, der zu Beginn 46 Jahre alt. Vor 23 Jahren ist er vor der Familie in die USA geflohen und hat sich ein Leben als renommierter Professor für Ornithologie in Ithaka, N.Y. aufgebaut. Auf den dringenden Wunsch seines verhassten Vaters kehrt er nun an dessen Sterbebett nach Murmansk zurück. Juri soll vollbringen, was Rubin aus Feigheit nie gewagt hat: die Wahrheit über das Verschwinden von Klara ans Licht bringen, die als Abteilungsleiterin des Labors für angewandte Geologie und Mineralogie in Murmansk vor den Augen von Mann und Sohn 1950 im Zuge der Massendeportationen von Stalins Schergen verhaftet wurde und wie so viele andere verschwand.

Nur kurz ist Juri versucht, den Wunsch des Vaters zurückzuweisen:

Rubin hatte ihn ein letztes Mal in eine Falle gelockt. Obwohl er unausstehlich und gewalttätig war, war er nun das Opfer, dem man helfen musste. Juri wappnete sich innerlich, um den Vorschlag abzulehnen, den er kommen sah. Doch da war Klara, seine Großmutter, und diese Geschichte, die er nie wieder aus dem Kopf bekommen würde, ein winziges Steinchen im großen historischen Zusammenhang, aber der Grundstein seiner eigenen Familiengeschichte, ein Name in der Liste der Opfer, aber der Name, den er selbst trug.

Wege in die Freiheit
Es ist eine emotional aufgeladene Erzählung. Klaras Verhaftung war das „Sandkorn“, welches das Leben mehrerer Generationen außer Kontrolle geraten ließ und aus Rubin nicht nur den Sohn einer Volksverräterin, sondern auch einen brutalen Mann und Vater machte. Kompromisslos konsequent verfolgen alle drei Protagonisten unterschiedliche Wege in die Freiheit: Juri als Ornithologe, Rubin als Kapitän eines sowjetischen Fischtrawlers auf dem Meer und Klara mit der Wissenschaft, der sie allerdings auch die Gefangenschaft verdankt.

Das Besondere dieses Romans
Neben der überaus spannenden Handlung, den dichten Charakteren, dem Blick in die russische Geschichte des 20. Jahrhunderts und auf die Umweltfrevel in Nordrussland ist es noch etwas anderes, was die Weltumseglerin und Vorsitzende des französischen WWF Isabelle Autissier für mich zu einer so herausragenden Autorin macht. Ihre Beschreibungen des Meeres, der Tundra oder der Lebensweise der Nenzen, indigener Rentiernomaden, sind einzigartig und wunderbar übersetzt von Kirsten Gleinig. Aber auch ihre Fähigkeit, einerseits von unvorstellbarer Brutalität auf dem Fischtrawler, bei den Verhören oder in Juris Familie, andererseits mit großer Zartheit vom Erwachen der Liebe Juris zu einem Ferienbetreuer zu erzählen, ist großartig.

Nicht nur für mich als begeisterte Leserin, auch für Juri hat sich der schmerzliche Ausflug in die Vergangenheit gelohnt:

Am Ende der Suche nach seiner Großmutter stand die Rückkehr zu ihm selbst.

Isabelle Autissier: Klara vergessen. Aus dem Französischen von Kirsten Gleinig. mare 2020
www.mare.de

Patrik Svensson: Das Evangelium der Aale

Ein sonderbares Tier

Bis zum Blick in die aktuelle Frühjahrsvorschau des Carl Hanser Verlags hatte ich mich nie für Aale interessiert. Weder bin ich Anglerin, noch habe ich jemals Aal gegessen, aber das auffallend schöne Cover und die originelle Idee, die Natur- und Kulturgeschichte dieses Fisches mit der eigenen Sohn-Vater-Geschichte zu verbinden, hat mich sofort fasziniert.

So viele „Aalfragen“…
Aale gibt es seit mindestens 40 Millionen Jahren und bis heute sind trotz hartnäckigster Bemühungen zahlloser Meeresforscher nicht alle seine Geheimnisse gelüftet. Drei Metamorphosen durchläuft der Aal, bevor aus dem kleinen, durchsichtigen Weidenblattlarven zunächst der durchsichtige kleine Glasaal, dann der braun-gelb-graue Gelbaal und zuletzt der Blankaal wird. Unterschiedlich lang können die einzelnen Stadien dauern und erst im letzten bilden sich Geschlechtsorgane aus, was Naturforscher wie Aristoteles oder den jungen Sigmund Freud zu Fehlannahmen bzw. zur Verzweiflung brachte. Erst im 19. Jahrhundert fand man weibliche und männliche Tiere und zu Beginn des 20. Jahrhunderts konnte der Däne Johannes Schmidt nach 20-jährigen Forschungsreisen die Sargassosee im nordwestlichen Teil des Atlantiks nahe den Bahamas als Geburtsstätte der europäischen Aale ausmachen, wobei bis heute weder ein lebender noch ein toter ausgewachsener Aal dort beobachtet wurde. Ungeklärt blieb bisher auch, was die Aale zu ihren langen Wanderungen bewegt und wie sie den Weg zurück zu ihrem eigenen Ursprung finden.

Das Ende der Aale?
War es jahrhundertelang nur die Neugier, die Forscher der „Aalfrage“ nachgehen ließ, so scheint es heute zur Überlebensfrage für diese durch Krankheiten, Umweltverschmutzung, Gewässerverbauung, Fischerei und die sich durch den Klimawandel verändernden großen Meeresströmungen bedrohte Gattung zu gehen:

Alle seriösen Berechnungen sprechen dafür, dass die Anzahl neu ankommender Glasaale in Europa heute nur noch ein bis fünf Prozent dessen beträgt, was aus den 1970er-Jahren bekannt ist. Wo in meiner Kindheit jedes Jahr einhundert kleine, durchsichtige Glasrütchen den Fluss hinaufschwammen, tritt heute nur noch eine knappe Handvoll diese Reise an.

Wie lange werden also Väter mit ihren Söhnen noch an schwedischen Flüssen oder anderswo Aale angeln, wie es Patrik Svensson in seiner Kindheit erlebt hat, ein Erlebnis, ohne das er und sein Vater „zusammen nicht dieselben“ gewesen wären? Werden, wie diese beiden, mit Langleinen, mit der alten Fangtechnik des „Plödderns“ oder mit Reusen experimentieren und Aale fangen, die zuvor über Tausende von Kilometern gewandert sind?

Überall Aale
Biologie und Familiengeschichte, aber auch die Bedeutung des Fischens als Kulturerbe in verschiedenen Regionen Europas, die EU-Fischereipolitik oder die Auftritte des Aals in Günter Grass‘ „Die Blechtrommel“, Boris Vians „Die Gischt der Tage“ oder Graham Swifts „Wasserland“ sind längst nicht alle Themen in diesem außergewöhnlichen Sachbuch. Nur ab und zu schießt Svensson über das Ziel hinaus, wenn er dem Aal zu sehr vermenschlicht – und sich dann meist selbst bremst -, das Rätselhafte des Aals zum Echo der Fragen nach dem eigenen Sein erklärt oder wenn ihn, den Atheisten, ein fälschlich für tot gehaltener Aal an das Wunder der christlichen Auferstehung denken lässt.

Davon abgesehen ist dieses kenntnisreiche Buch aus dem Bereich Nature Writing rundum empfehlenswert, eine gleichermaßen informative wie unterhaltsame Lektüre, die mich mit der jahrtausendealten Neugier auf dieses geheimnisvolle Tier angesteckt hat.

Patrik Svensson: Das Evangelium der Aale. Aus dem Schwedischen von Hanna Granz. Carl Hanser 2020
www.hanser-literaturverlage.de

Milena Agus: Eine fast perfekte Welt

  Jeder ist seines Glückes Schmied

Aus drei Personenporträts setzt Milena Agus ihren Generationenroman Eine fast perfekte Welt zusammen. Die erste im Reigen ist Ester, eine Frau, die sich ihr Leben lang sehnt und nie den perfekten Ort findet, an dem sie leben und glücklich sein kann. Weder auf ihrer Heimatinsel Sardinien noch auf dem Festland findet sie ihr gelobtes Land.

Eine Lebenskünstlerin ist dagegen ihre gutmütige, aber keineswegs naive Tochter Felicita, die, obwohl vom Schicksal nicht verwöhnt, überall und in jeder Lebenslage das Positive erkennt. Viel mehr als Ester hätte sie Grund zur Klage, und doch ist sie als alleinerziehende Mutter ihres sonderlichen, verträumten Sohnes Gregorio in einer ärmlichen Wohnung im Hafenviertel von Cagliari so zufrieden, dass sie auch für die Menschen in ihrer Umgebung zur „Glücksbereiterin“ wird. Ihre Lebensphilosophie fasst sie in Sätzen über den italienischen Dichter und Philologen Giacomo Leopardi zusammen:

Das ist auch mein Lieblingsdichter, ich mag ihn wirklich sehr, ich kenne viele seiner Gedichte auswendig, finde aber, dass er nicht immer recht hat. Zum Beispiel in seinem „Dialog zwischen der Natur und einem Isländer“: Es gibt keinen Ort auf der Welt, wo sich dieser arme Isländer wohlfühlt. Er ist genau wie meine Mutter. Bei allem Respekt gegenüber Leopardi finde ich, dass genau das Gegenteil der Fall ist, nämlich dass es keinen Ort auf der Welt gibt, wo man sich nicht wohlfühlen kann.

Gregorio ist der erste in der Familie, der radikal seinen Träumen folgt. Weder sein Vater noch sein Großvater haben sich getraut, ihrer Liebe zur Musik nachzugeben, doch unterstützt von seiner Mutter macht Gregorio sich auf nach New York, um als Jazzpianist sein Glück zu finden.

Das gelobte Land
Terre promesse heißt der nur gut 200 Seiten umfassende Roman im italienischen Original und nach diesem versprochenen gelobten Land und dem Glück suchen alle Figuren der Geschichte mit unterschiedlichem Erfolg, nicht nur Ester, Felicita und Gregorio. Die drei Teile sind mit „Das Festland“, „Amerika“ und „Sardinien“ überschrieben, doch wie Felicita richtig erkannt hat, sind es nicht die Orte, die über Glück und Unglück entscheiden, es ist die Einstellung zum Leben, der Wille, Schicksalsschläge zu überwinden, und der Mut, den eigenen Weg zu gehen.

Starke Figuren
Obwohl die Grundstimmung des Buches so melancholisch ist wie die Frau auf dem Schwarz-Weiß-Cover und die Schicksalsschläge gegen Ende etwas zu zahlreich werden, hat sich die Tristesse beim Lesen nicht auf mich übertragen, ein Umstand, den ich vor allem Felicitas feinem Humor und ihrem Pragmatismus verdanke. Bedauert habe ich, dass Milena Agus‘ Heimat Sardinien nicht eine größere Rolle spielt; gerne hätte ich mehr über die Landschaft, die Geschichte und die Menschen erfahren. Dafür werden mir die eigenwilligen Romanfiguren und ihre Sehnsucht nach Glück im Gedächtnis bleiben.

Milena Agus: Eine fast perfekte Welt. Aus dem Italienischen von Monika Köpfer. dtv 2020
www.dtv.de

#frauenzählen, #vorschauenzählen und meine persönliche Bilanz 2019

#frauenzählen
2018 habe ich die Diskussion über den von männlichen Autoren und Kritikern dominierten literarischen Rezensionsbetrieb mit Interesse verfolgt. Die Pilotstudie „Sichtbarkeit von Frauen in Medien und im Literaturbetrieb“ des Buchbranchenprojekts #frauenzählen wertete im März 2018 2036 Rezensionen und Literaturkritiken in 69 deutschen Medienformaten (Print, Hörfunk und TV) aus. Die auf der Frankfurter Buchmesse 2018 präsentierten Ergebnisse zeigten unter anderem:

  • dass zwei Drittel der besprochenen Bücher von Männern verfasst wurden
  • dass drei Viertel der Kritiken von Männern stammen und die wiederum zu drei Vierteln Werke männlicher Autoren rezensierten
  • dass die Bilanz für Autorinnen in den Genres Sachbuch und Krimi am ungünstigsten ausfiel
  • dass nur im Bereich Kinder- und Jugendbuch ein Gleichgewicht bestand.

#vorschauenzählen
Unter dem Hashtag #vorschauenzählen auf Twitter haben die Literaturwissenschaftlerinnen Berit Glanz und Nicole Seifert zum Auszählen von Vorschauen aufgerufen und untersucht, ob das Ungleichgewicht bereits in den Verlagsprogrammen besteht. Grundlage waren die Frühjahrsvorschauen 2020 der literarischen Verlage, die in den letzten drei Jahren einen Titel auf der Longlist des Deutschen Buchpreises oder im Laufe des Jahres 2019 einen Titel auf der SWR-Bestenliste hatten. Dabei ergab sich ein Verhältnis von 60 : 40 zwischen Autoren und Autorinnen, wobei von größeren Verlagen Klett-Cotta mit 12,5 Prozent Autorinnen-Anteil, Hanser mit 22 Prozent, Hoffmann & Campe sowie Diogenes mit 25 Prozent, S. Fischer mit 27 Prozent und Rowohlt mit 29 Prozent am schlechtesten abschnitten. Ausgeglichen war das Verhältnis unter anderem bei Dumont, der Frankfurter Verlagsanstalt und Luchterhand, überdurchschnittlich schnitten Hanser Berlin mit 60 Prozent sowie Hanser Blau und Kein & Aber mit je 67 Prozent ab. Im Sachbuch Hardcover reichte das Spektrum von 20 bis 55 Prozent, im Kinder- und Jugendbuch von 46 bis 94 Prozent. Das detaillierte Ergebnis ist hier nachzulesen.

Meine persönliche Bilanz 2019
Nach all der Zählerei war ich sehr gespannt auf meine persönliche Bilanz 2019. Ich suche meine Bücher nicht bewusst unter dem Gesichtspunkt Autor/Autorin aus und hatte auch kein Gefühl dafür, wie das Ergebnis ausfallen würde.

82 Bücher habe ich 2019 auf meinem Blog rezensiert, drei davon hatten zwei Autoren bzw. Autorinnen und wurden deshalb doppelt gezählt. Damit ergab sich folgendes Ergebnis:

  • In der Erwachsenenliteratur, schwerpunktmäßig Romane, dazu 11 Krimis und drei Sachbücher bzw. Biografien, stehen 37 Autorinnen 31 Autoren gegenüber.
  • Bei den Kinder- und Jugendbüchern finden sich 12 Autorinnen und nur 5 Autoren.
  • Alle drei Sachbücher bzw. Biografien wurden von Autorinnen verfasst.
  • Bei den Krimis ist das Verhältnis dank eines Autorinnenduos mit 6 : 6 ausgeglichen.
  • Bei meinen persönlichen Lese-Highlights 2019 liegt das Verhältnissen Autorinnen zu Autoren bei 5 : 2.

Interessant ist, dass gerade auch Verlage mit einem ungünstigen Geschlechterverhältnis zu meinen Lieblingsverlagen gehören, darunter Hanser, Diogenes, Klett-Cotta und C.H. Beck, während ich keine Bücher aus den 100-Prozent-Autorinnenverlagen wie Diana oder Goldmann Wundertraum lese. Es ist also durchaus möglich, gegen den Kritiker- oder Verlagstrend auszuwählen, selbst wenn man sich, wie ich, hauptsächlich in Presse und Verlagsvorschauen über neue Bücher informiert.

Jostein Gaarder: Genau richtig

  Wenn der Horizont plötzlich begrenzt ist

Albert hat sich zufrieden in seinem erfüllten Leben als Ehemann, Vater eines erwachsenen Sohnes, Schwiegervater, stolzer Großvater einer elfjährigen Enkelin, Lehrer und Hobbyastronom eingerichtet. Die Diagnose einer unheilbaren Krankheit, die innerhalb kurzer Zeit zuerst zur Pflegebedürftigkeit, dann zum Tod führen wird, trifft ihn völlig unvorbereitet, während seine Frau Eirin auf einem Kongress in Melbourne weilt. Hals über Kopf verlässt er die Arztpraxis und begibt sich in die einsam gelegene Ferienhütte der Familie an einem Waldsee, dem zauberhaften Glitretjern, die so viele schöne Erinnerungen birgt. Mit Eirin ist er jungverliebt in diese Hütte eingebrochen. Zehn Jahre später stand die Hütte während ihrer einzigen Ehekrise zum Verkauf und die endgültige Inbesitznahme wurde zum rettenden Wendepunkt in ihrer Beziehung. Nun nutzt Albert das Hüttenbuch, um seine Gedanken zu ordnen und zu Papier zu bringen:

Ich stehe vor dem größten Aufbruch meines Lebens und verspüre kein Bedürfnis mehr, etwas für mich zu behalten.

Eine freie Entscheidung
24 Stunden gibt er sich selbst Zeit, um sich darüber klar zu werden, ob er das Ende abwarten oder seine Freiheit für ein selbstbestimmtes Ende nutzen soll. Er schreibt für seine Familie, aber auch für sich selbst. Je länger die Nacht dauert, desto mehr gehen seine Überlegungen über ihn als Individium hinaus, hin zu den grundlegenden Fragen des Menschseins, des Universums und der Zeit.

Nur knappe drei Stunden umfasst die vollständige Lesung des schmalen Romans auf drei CDs, denn es ist, wie der Untertitel sagt, „Die kurze Geschichte einer langen Nacht“ – oder „Eine kleine Erzählung über fast alles“ im norwegischen Original. Überwiegend ist es der Brief an seine Familie, nur selten wird die Briefform kurzzeitig verlassen. Nicht ganz so märchenhaft ist die Liebesgeschichte zwischen Albert und Eirin wie die in Josteins Gaarders unvergleichlichem Roman Das Orangenmädchen, denn Albert verschweigt auch einen 27 Jahre zurückliegenden Ehebruch nicht. Sein Gedankensturm, sein Ringen um den richtigen Entschluss und die daraus resultierende Spannung haben mich jedoch durchgehend gefesselt.

Eine überraschende Wende
Mit dem Fortschreiten der Nacht verschwimmen die Konturen zwischen Realität und Traum. Als im Morgengrauen der alte, vermeintlich hellsichtige Mann mit dem weißen Bart wie eine biblische Erscheinung auftaucht, hatte ich kurz die Sorge, dass der Roman ins Mystische abgleiten könnte. Doch dann war es genau diese Begegnung, die die Geschichte zu einer ganz außergewöhnlichen für mich machte und mich zu Tränen rührte, ohne den geringsten Anklang von Kitsch.

Thomas Loibl als kongenialer Sprecher
Das sehr intensive Hörerlebnis verdanke ich zu einem nicht unerheblichen Teil dem herausragenden Sprecher Thomas Loibl, der den Text mit seiner warmen, klaren Stimme genau richtig liest. Vom ersten Satz an war er für mich Albert, mit seiner Verzweiflung, seiner Wut, seiner Wehmut, seiner Angst vor dem Verlust der Würde, seinem Schwanken, seinen philosophischen Exkursen und schließlich seiner wohlüberlegten Entscheidung nach einer langen, intensiv erlebten Nacht.

Jostein Gaarder: Genau richtig. Übersetzung: Gabriele Haefs. Gelesen von Thomas Loibl. Der Hörverlag 2019
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Paolo Cognetti: Sofia trägt immer Schwarz

  Eine Protagonistin, die mein Interesse nicht wecken konnte

Fast wäre schon Sofia Muratores Einstieg ins Leben missglückt, nachdem ihre Mutter Rossana während der Schwangerschaft verbotene Medikamente geschluckt hatte. Schon kurz nach der Geburt sinnt ihr Vater darüber nach, wer wohl für das Leid der jeweils anderen verantwortlich ist – die Mutter für das Leid der Tochter oder doch eher umgekehrt? Denn ohne die Schwangerschaft wäre es nicht zur Ehe der Eltern gekommen und die Mutter Rossana vielleicht nicht immer tiefer in Depressionen versunken. Vor den häuslichen Auseinandersetzungen flieht der Vater Roberto in die Arme einer jungen Kollegen. Für Sofia bedeutet das eine Kindheit in einem zerrütteten Elternhaus mit einer psychisch kranken Mutter und einem meist abwesenden Vater, Rebellion, Ängste vor dem Alleinsein und eine Essstörung. Nach einem Selbstmordversuch im Alter von 16 und einem Klinikaufenthalt nimmt die Schwester des Vaters sie bei sich auf, Sofia kann ihren Wunsch nach einer Schauspielausbildung verwirklichen, doch sie bleibt auf der Flucht vor sich selbst.

Ein nachträglich übersetzter Debütroman
Nachdem der 1978 in Mailand geborene Paolo Cognetti für seinen sehr lesenswerten Roman Acht Berge 2017 den renommiertesten italienischen Literaturpreis, den Premio Strega, erhielt, und auch in Deutschland einen großen Erfolg erzielte, veröffentlichte der Penguin Verlag 2018 seinen Debütroman Sofia trägt immer Schwarz aus dem Jahr 2012, 2013 ebenfalls auf der Shortlist dieses Preises.

Kein Zugang zur Protagonistin
Leider hat mich Paolo Cognetti mit diesem Roman nicht erreicht. Zwar mochte ich die Sprache und den Aufbau mit den unterschiedlichen Erzählperspektiven vom auktorialen Erzähler über das „Du“ bis zum Ich-Erzähler und die Herausforderung zur Neuorientierung in jedem der zehn, nicht streng chronologisch angeordneten Kapitel. Die Annährung an eine Protagonistin über Umwege und in Puzzleform, wie es beispielsweise auch Minna Rytisalo in ihrem Roman Lempi, das heißt Liebe so großartig macht, lese ich eigentlich gerne. Dass dabei zwangsläufig Unschärfen und Widersprüche entstehen, stört mich nicht. Allerdings hat Paolo Cognetti es zu keiner Zeit verstanden, mich für seine Protagonistin zu interessieren. Nicht nur, dass Sofia mir fremd geblieben ist, ich hatte gar nicht das Bedürfnis, mehr über diese egozentrische Figur zu erfahren. Mag sein, dass die schwere Kindheit ihr Verhalten in Teilen rechtfertigt, ihr Umgang mit Menschen, die es gut mit ihr meinen und sie mögen, hat mich trotzdem abgestoßen.

Interessante Nebenfiguren
Ganz anders wäre meine Beurteilung ausgefallen, hätte Cognetti eine seiner wirklich interessanten Nebenfiguren in den Mittelpunkt gestellt, Sofias Tante Marta, den angehenden Autor und Ich-Erzähler Pietro aus dem letzten Kapitel oder Emma, die Geliebte des Vaters. Ein „feines Gespür für die drängenden Fragen des Lebens“, das der Verlagstext verspricht, habe ich nicht wahrgenommen, viel eher schon das „Sittengemälde der Achtzigerjahre“.

Paolo Cognetti: Sofia trägt immer Schwarz. Aus dem Italienischen von Christiane Burkhardt. Penguin 2018
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Roy Jacobsen: Die Unsichtbaren

  Ein starkes Stück Norwegen

Alle drei Teile der norwegischen Insel-Saga von Roy Jacobsen hat der Verlag C.H. Beck 2019 in einem Band vereinigt: Die Unsichtbaren, Weißes Meer und Die Augen der Rigel, wobei der erste Buchtitel Namensgeber für die Gesamtausgabe wurde. Dieser erste Teil erschien im Original 2013, dann 2014 im Osburg Verlag auf Deutsch und 2015 unter dem Titel In jenen hellen Nächten im Insel Verlag, wo ich ihn 2017 für mich entdeckt habe. Teil zwei und drei, ursprünglich von 2015 und 2017, sind nun erstmals auf Deutsch erschienen.

Die Unsichtbaren
Dass die Norweger nicht immer so reich und privilegiert wie heute lebten, erfährt man im ersten Teils der Barrøy-Saga. Auf einer fiktiven Insel dieses Namens vor der nordnorwegischen Helgelandküste, kaum einen Kilometer lang und einen halben breit, lebt zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Eigentümerfamilie Barrøy: Vater Hans, seine Frau Maria, deren einziges Kind Ingrid, das beim Einsetzen der Geschichte im Jahr 1913 drei Jahre alt ist, Hans‘ geistig behinderte Schwester Barbro und sein Vater Martin.

In kurzen Kapiteln ist man hautnah dabei, wenn sie dem menschenfeindlichen Klima mit Stürmen, Eis, manchmal auch Hitze und Trockenheit, trotzen. Sie leben von dem, was die karge Landschaft hergibt, Fisch, Torf, Eiderdaunen, Enteneier, Milch, Schafsfleisch, Kartoffeln und Treibgut. Alles andere tauschen sie bei ihren Ausflügen zum zwei Ruderstunden entfernten Handelskontor ein. Die Jahreszeiten bestimmen den Lebensrhythmus und die ersten Monate jedes neuen Jahres verbringt Hans beim ebenso kräftezährenden wie gefährlichen Fischfang auf den Lofoten. Zusammenhalt ist das Zauberwort, das ein Überleben in dieser unwirtlichen Umgebung erst ermöglicht. Die Wortkargheit der Inselbewohner wird durch indirekte Rede und die monotone Wiederholung des Verbs „sagte“ hervorgehoben, nicht unbedingt schön, aber sehr eindrücklich. Nichts wird besprochen, sondern einfach nur getan, sei es, dass die Führung vom Vater auf den Sohn übergeht, die Frauen eigene Stühle bekommen oder ein Kai gebaut und die Insel an die Milchroute angeschlossen wird, wodurch die Bewohner erstmals ein Stück weit aus ihrer Unsichtbarkeit gerissen werden.

Weißes Meer
Blieben Barrøy und seine Bewohner vom Inferno des Ersten Weltkriegs noch weitgehend unberührt, so kommt der Zweite Weltkrieg in Gestalt von Flüchtlingen aus der Finnmark, angeschwemmten Ertrunkenen und des schwerverletzten russischen Kriegsgefangenen Alexander auf die Insel. Ingrid, inzwischen Eigentümerin von Barrøy und zeitweise alleine dort, rettet ihn, auch wenn dafür die Todesstrafe droht.

In diesem zweiten Teil habe ich viel über die deutsche Besatzung Norwegens erfahren, zum Teil parallel nachgelesen, um die Handlung zu verstehen. Über die Zwangsevakuierung von 50 000 Bewohnern der von der Wehrmacht in Schutt und Asche gelegten Finnmark wusste ich vorher nichts, ebenso wenig über den Untergang des von den Deutschen requirierten und zum Gefangenentransporter umfunktionierten norwegischen Frachters Rigel, den britische Bomber am 27.11.1944 versenkten. Mit etwa 2500 Toten, die meisten russische Kriegsgefangene, war es die größte norwegische Schiffskatastrophe.

Die Augen der Rigel
Teil drei führt Ingrid im ersten Nachkriegssommer 1946 weg von Barrøy und auf der Suche nach Alexander durch ein kaum befriedetes Nachkriegs-Norwegen. Sie begegnet ehemaligen Grenzlotsen, Partisanen, Kollaborateuren und Mitläufern, Menschen, die sich nicht erinnern möchten, die ausweichen, die sie heimschicken möchten. Zu Fuß, mit der Eisenbahn, in Bussen und Schiffen kämpft sie sich mit ihrer kleinen Tochter vor dem Bauch Hunderte von Kilometern über das „verworrene Schlachtfeld des Friedens“, sehr gut nachzuverfolgen auf den beiden Landkarten vorn und hinten im Buch, die nun plötzlich einen Sinn bekamen.

Auch hier war vieles neu und interessant für mich, beispielsweise hatte ich noch nie vom früheren deutschen Konzentrationslager Mysen gehört, nach dem Krieg ein Sonderlager für „displaced persons“ aus Osteuropa.

Über 600 Seiten und keine zuviel
Alle drei Teile haben mir auf ihre Art sehr gut gefallen, Die Unsichtbaren wegen der starken Naturbeschreibungen und Charakterzeichnungen am besten. Hier spürt man, dass Roy Jacobsen die Sommer seiner Kindheit auf einer ebensolchen Insel, der Heimat seiner Mutter, verbrachte und lange in Nordnorwegen lebte. Die Liebesgeschichte in Weißes Meer ist zwar nicht Norwegen-typisch, dafür kommt aber hier der zeitgeschichtliche Hintergrund besonders gut zum Tragen. In Die Augen der Rigel haben mich Ingrids beharrliche Suche und ihre Begegnungen mit den Menschen im Nachkriegs-Norwegen sehr bewegt, über die Jacobsen sich nie zum Richter aufschwingt.

Auch die Endeckung diese unvergesslichen Leseerlebnisses verdanke ich dem Gastlandauftritt Norwegens auf der Frankfurter Buchmesse 2019.

Roy Jacobsen: Die Unsichtbaren. Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs und Andreas Brunstermann.  C.H. Beck 2019
www.chbeck.de

Jake Williams: Darwins große Reise

  Abenteuer Naturforschung für Kinder

Die Reise mit der Beagle ist das bei weitem bedeutendste Ereignis in meinem Leben gewesen und hat meine gesamte Karriere bestimmt. Alles, worüber ich nachgedacht oder gelesen habe, wirkte sich direkt auf das aus, was ich gesehen hatte oder wahrscheinlich sehen würde; und diese Gewohnheit des Geistes setzte sich während der fünf Jahre der Reise fort. Ich bin mir sicher, dass es diese Ausbildung war, die es mir erlaubte, alles das zu tun, was ich in der Wissenschaft getan habe.

So beschrieb Charles Darwin (1809 – 1882) in seiner Autobiografie rückblickend die Bedeutung seiner Reise mit dem Vermessungsschiff Beagle in den Jahren 1831 bis 1835, die er als junger, wissensdurstiger Naturforscher im Alter von 22 Jahren antrat. Mehr als 20 Jahre nach seiner Rückkehr schrieb er sein Hauptwerk Über die Entstehung der Arten, mit dem er das Wissen über die Natur revolutionierte, die viktorianische Gesellschaft erschütterte und zu einem der wichtigsten Naturforscher aller Zeiten wurde.

Eine Forscherlaufbahn mit Hindernissen
Die Karriere als Naturforscher war Charles Darwin nicht in die Wiege gelegt. Harte Kämpfe musste er mit seinem Vater ausfechten, der ihn lieber als Arzt gesehen hätte, ehe er auf eine zunächst für zwei Jahre geplante Weltreise gehen konnte, mit dem Auftrag, exotische Pflanzen und Tiere zu untersuchen und zu sammeln. Es wurden fast fünf Jahre und nahezu 65 000 Kilometer mit Stationen auf den Kapverden, in Brasilien, Argentinien, den Falkland-Inseln, Chile, Peru, den Galapagos-Inseln, Tahiti, Neuseeland, Australien, Tasmanien und den Kokos-Inseln. Seine zahlreichen tierischen, pflanzlichen und fossilen Mitbringsel sowie seine Protokolle wurden Grundlage seines weiteren Forscherdaseins.

Evolution kindgerecht erklärt…
Das wunderschöne Kinder-Sachbuch Darwins große Reise erzählt kindgerecht davon, wie es zu dieser Reise kam, welche Ausrüstung nötig war, wie abenteuerlich und schwierig sie für den häufig seekranken Darwin verlief, welche Gefahren zu überstehen waren, was er beobachtete und wie diese Unternehmung das zeitgenössische Denken und Verstehen veränderte.

…und illustriert
Die Texte sowie die digital erstellten, großflächigen, sehr klaren und in angenehmen Farben kollorierten Illustrationen stammen von Jake Williams, einem englischen Illustrator, der 2017 vom Business Design Center London als „Designer of the Year“ ausgezeichnet wurde. Sie veranschaulichen die gut verständlichen Texte optimal und bis auf die sehr kantigen Gesichter gefallen sie mir ausnehmend gut. Besonders hilfreich sind die vielen Landkarten, die die geplante ebenso wie die tatsächliche Route und die vielen Stationen immer wieder zeigen und zum Innehalten einladen. Anhand einzelner Beobachtungen an Tieren, Pflanzen und Versteinerungen erklärt das Buch sehr gut nachvollziehbar, welche Fragen Darwin sich stellte und welche Antworten er fand. Den Finken auf den Galapagos-Insel widmet Jake Williams drei große Doppelseiten, aber auch Beobachtungen beispielsweise an Tintenfischen, Cracker-Schmetterlingen, Nandus, Glühwürmchen, Taranteln, Dampfschiffenten, Pinguinen, Kolibris, Riesenschildkröten, Echsen und Schnabeltieren werden ausführlich dargestellt.

Dieses Buch über die spannende Entdeckungsreise Darwins und seine Schlussfolgerungen, die das Prinzip der Evolution auf hervorragende Weise erlebbar machen, hat mich auf ganzer Linie begeistert. Ich empfehle es wärmstens zum gemeinsamen Lesen und Betrachten für Kinder ab sechs Jahren und Erwachsene.

Jake Williams: Darwins große Reise. Übersetzung: Kathrin Lichtenberg und Claudia Koch. Midas 2019
issuu.com/midasverlag