Remy Eyssen: Mörderisches Lavandou

  Ein beispielloser Fall

Mit Beginn des Herbstes kehrt normalerweise in Le Lavandou Ruhe ein. Die Bar „Chez Miou“ gehört wieder den Einheimischen und traditionell gibt es bei der Polizei und im rechtsmedizinischen Institut mit der Abreise der letzten Touristen weniger Arbeit. Nicht so in diesem Jahr. Was mit der Vermisstenanzeige einer jungen Frau beginnt, führt kurz darauf zu einem makabren Fund: Ein abgetrennter Fuß mit Schuh taucht auf, kurz danach der Rest der Leiche. Laut dem Befund von Dr. Leon Ritter, Gerichtsmediziner am  rechtmedizinischen Institut von Saint-Sulpice, deutscher Abstammung und Lebenspartner von Capitaine Isabelle Morell, verblutete das Opfer infolge der dilettantisch durchgeführten Verstümmelung. Offensichtlich hatte der Täter es darauf angelegt, dem Opfer ein Höchstmaß an Schmerzen zuzufügen: „Allerdings liegt in diesem Fall ein Maß an Aggressivität vor, wie ich es in meiner fünfundzwanzigjährigen Berufspraxis nur selten gesehen habe.“ Kurz nach der ersten verschwindet eine weitere Frau. Frankreichweit erregen die Vorgänge in Le Lavandou Aufsehen: „Dieser Fall war ohne Beispiel und darum eine Sensation“ und „lockt die Medien an wie reife Beeren die Wespen“, dabei möchte der Polizeichef, „dass Le Lavandou für seine Blumenpracht bekannt wird und nicht für seine abgesägten Füße“.

Wie immer schickt die Staatsanwaltschaft Toulon bei Kapitalverbrechen eine Kommissarin nach Le Lavandou, sehr zum Ärger von Polizeichef Zerna. Begeistert ist auch niemand über die Psychologin Dr. Claire Leblanc, die die Kommunikationsstruktur der Gendarmerie national verbessern soll – außer dem médecin légiste, der prompt einen Flirt mit der attraktiven Frau beginnt.

Dr. Leon Ritter steht noch mehr als gewöhnlich im Mittelpunkt dieses fünften Falls. Nicht nur, dass alle Opfer bei ihm in der Gerichtsmedizin landen, scheint der Täter ihn ganz persönlich herausfordern zu wollen. Trotz seiner Beteuerungen, dass er nur für die Fakten, die Polizei dagegen für die Schlüsse zuständig sei, kann er das Ermitteln wieder einmal nicht lassen und stellt die Ergebnisse der Polizei immer wieder in Frage. Doch plötzlich ist Leon noch viel mehr in den Fall involviert, als er es sich hätte träumen lassen, und zu den beruflichen Problemen kommen nun auch noch private.

Remy Eyssens Provence-Krimis gehören zu einer der wenigen Reihen, von denen ich mir keinen Band entgehen lasse. Trotz der schaurigen Mordfälle sind es „Wohlfühlbücher“ in herrlicher Umgebung, mit französischem Flair und sehr sympathischen Protagonisten. Allerdings habe ich auch bei Mörderisches Lavandou, genau wie beim Vorgängerband Das Grab unter Zedern, den Täter vorzeitig entlarvt, dieses Mal nach knapp zwei Dritteln des Buches. Etwas weniger blutige Details hätten für meinen Geschmack genügt und der Showdown war, wenn man die Vorgängerbände kennt, nicht besonders originell, aber ansonsten hat mich der leicht lesbare Krimi wieder gut unterhalten und ich freue mich auf meinen nächsten Besuch in Le Lavandou, wenn vielleicht sogar Hochzeitsglocken läuten.

Remy Eyssen: Mörderisches Lavandou. Ullstein 2019
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Silke Schlichtmann & Maja Bohn: Mattis und die Sache mit den Schulklos

  Immer dieser Mattis

Mattis Hansen ist wahrlich nicht zu beneiden. Kaum setzt er eine seiner genialen Ideen in die Tat um, missversteht ihn sein gleichermaßen fantasie- wie humorloser Klassenlehrer und schreibt einen Beschwerdebrief an die Eltern. Anstatt sich die Geschichte aus Mattis‘ Sicht anzuhören, sammelt die Mutter die „Lügenbriefe“ lieber in einem schwarzen Aktenordner und prophezeit ihrem achtjährigen Sohn eine Karriere als Schwerverbrecher. Doch zum Glück ist Mattis schon in der 3c und kann die Wahrheit zu den Briefen, die seine Mutter partout nicht hören will, aufschreiben: „Damit Mama sie lesen kann. Und nicht mehr an den Schwerverbrecher glaubt. Sondern wieder an mich.“

In Mattis und die Sache mit den Schulklos soll er gegen die goldene Schulregel Nummer neun, „Wir gehen mit Personen und Gegenständen unserer Schule stets sorgsam um“, verstoßen haben. Dabei hatte der Schulleiter ausdrücklich alle Klassen dazu aufgefordert, Pläne gegen die stark verschmutzten Schultoiletten zu erarbeiten. Eine solche Herausforderung ist wie für Mattis gemacht und prompt hat er eine seiner pfiffigen Ideen. Mit einem Edding, einer Flasche Badreiniger, einem Glitzischwamm, einer Wäscheklammer für die Nase und einem ausgeklügelten Schlachtplan will Mattis das Problem während der nächsten Deutschstunde auf eigene Faust lösen. Auch wenn nicht alles ganz nach Plan verläuft, rechnet Mattis fest mit einem großen Lob, aber weit gefehlt…

In zwölf Kapiteln auf 61 Seiten wird Erstlesern und Erstleserinnen ab der zweiten Klasse eine sowohl komplexe als auch gut verständliche, sehr humorvolle und altersgerechte Geschichte aus der Perspektive des achtjährigen Mattis erzählt, die sich wohltuend vom Durchschnitt der Erstleserliteratur abhebt. Obwohl ich nicht zur Zielgruppe gehöre, leide ich mit, wenn Mattis‘ gute Absichten wieder einmal in die Hose gehen und amüsiere mich darüber, wie er Aussagen von Erwachsenen wiedergibt und manches gar zu wörtlich nimmt. Die Freude an Silke Schlichtmanns Erzählkunst und ihren sprudelnden Einfällen ist eben auch bei diesem Buch wieder keine Frage des Alters. Maja Bohn hat erneut sehr aussagekräftige Illustrationen beigesteuert, wobei mir Mattis‘ pubertierender Bruder Jonathan mit seiner betont coolen Körperhaltung besonders gut gefallen hat.

Wie schön, dass die Mattis-Bände so zügig erscheinen und für August 2019 bereits der dritte Band innerhalb von nur acht Monaten angekündigt ist. Der Titel Mattis – Schnipp, schnapp, Haare ab! klingt nach neuem Ärger.

Silke Schlichtmann & Maja Bohn: Mattis und die Sache mit den Schulklos. Carl Hanser 2019
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Arno Surminski: Jokehnen oder Wie lange fährt man von Ostpreußen nach Deutschland?

  Das Vergessen aufhalten

Die Romane von Arno Surminski begleiten mich seit vielen Jahren und ich habe sie alle gerne gelesen: Polninken oder Eine deutsche Liebe, Fremdes Land oder Als die Freiheit noch zu haben war, Malojawind oder Vaterland ohne Väter. Erstaunlicherweise kannte ich bisher sein so erfolgreiches Debüt Jokehnen oder Wie lange fährt man von Ostpreußen nach Deutschland?  nicht, weder den Roman aus dem Jahr 1974 noch die dreiteiligen ZDF-Fernsehserie von 1986. Nun habe ich mir das Buch von Peter Striebeck vorlesen lassen und war vom Text ebenso begeistert wie von der Stimme. Sehr schade nur, dass das Hörbuch auf vier CDs mit 300 Minuten nur eine gekürzte Fassung wiedergibt, gerne hätte ich länger zugehört.

Der stark autobiografisch geprägte Roman schildert aus der Sicht des wie der Autor im August 1934 geborenen Hermann Steputat eine Kindheit und Jugend in Ostpreußen und erzählt zugleich die Geschichten eines ostpreußischen Dorfes. Hermann ist der Sohn des Schneiders und Bürgermeisters von Jokehnen, einer Gemeinde mit „200 deutschnationalen Seelen“ im hintersten Ostpreußen. 1933 lässt sich der Vater zum Eintritt in die NSDAP überreden, doch ansonsten ändern Machtübernahme und Krieg fast nichts am ruhigen Leben in Jokehnen. Zwar verschwindet der einzige Jude des Dorfes über Nacht, wird Ostpreußen „heimgeholt ins Reich“, kommen die ersten polnischen Zwangsarbeiter und später russische Kriegsgefangene nach Jokehnen, werden Königsberg und Insterburg zerstört und sieht man schließlich die ersten Flüchtlingstecks, doch bleibt in Jokehnen die Arbeit auf den Feldern wichtiger als alle äußeren Ereignissen. Weit weg scheint bis zuletzt die Hauptkampflinie, aber der Krieg erreicht am Ende auch dieses beschauliche Dorf, in dem so lange nichts vom „Geist der neuen Zeit“ zu spüren war, und im Winter 1945 gehört Hermann zu den wenigen verbliebenen Dorfbewohnern, die in Güterwagen verladen und nach Deutschland „ausgesiedelt“ werden.

In einem Gespräch mit der Zeitschrift Sezession aus dem Jahr 2012 sagte Arno Surminski: „Ich möchte die Fakten hinnehmen, so, wie sie sind, daraus aber keine weiteren Vorwürfe oder gar Ansprüche ableiten… Es geht darum, das Vergessen aufzuhalten.“ Wichtig ist für ihn, „dass man alles genau beschreibt und festhält, aber das darf niemals verknüpft werden mit irgendwelchen Ansprüchen auf Entschädigung oder Rückgabe, das wäre friedensgefährdend!“. Dass es ihm „nicht um Schuldzuweisungen, sondern um Fakten“ geht, hat mir an diesem Ostpreußen-Roman neben der Kinderperspektive besonders gut gefallen, genauso wie die gänzlich pathosfreie, durchgehend sehr ruhige Erzählweise, die ostpreußischen Ausdrücke und die detaillierte Schilderung des dörflichen Lebens in Ostpreußen bis zur Vertreibung.

Arno Surminski: Jokehnen oder Wie lange fährt man von Ostpreußen nach Deutschland. Gelesen von Peter Striebeck. Ullstein Hörverlag 2001
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Jane Gardam: Bell und Harry

  Landleben in Yorkshire

Wieviel leichter es Kindern gelingt, Gräben zwischen unterschiedlicher Herkunft und Lebensumständen zu überbrücken, davon erzählt Jane Gardam in ihrem erstmals 1981 erschienenen kurzen Roman Bell und Harry.

Bell Teesdale ist der Sohn einer Farmerfamilie aus Yorkshire und in der ersten Episode acht Jahre alt, Harry Bateman, geringfügig jünger, ist Sohn intellektueller Londoner. Während es unter den Erwachsenen immer wieder zu Missverständnissen kommt und die Verständigung zwischen Dorfbewohnern und ruhebedürftigen Sommerfrischlern zu Beginn schwierig ist, werden die beiden Jungen schnell zu Freunden und bewahren ihre Freundschaft bis ins Erwachsenenalter. Erst allmählich fühlen sich alle Batemans in Light Trees, dem gepachteten Bauernhaus der Teesdales, so wohl, dass sie nicht nur ihre Sommer dort verbringen, sondern auch im Winter in ihr zweites Zuhause kommen. Sie lernen die manchmal äußerst schrulligen Dorfbewohner kennen und verstehen, schließen Freundschaften und hören die teils gruseligen, teils mystischen Geschichten und Legenden, die die Bewohner so gerne erzählen.

Für mich war Bell und Harry der erste Roman von Jane Gardam. Er hat mir vor allem stilistisch und wegen der ruhigen, humorvollen Erzählweise gefallen: „«Sagt mal gleich im Dorf Bescheid. » «Die wissen das anscheinend schon» sagte Harry. «Dabei hat meine Mutter es nur im Fish und Chips Shop erzählt.» «Sollte reichen», sagte Mr Teesdale.“ Jane Gardams Art, in eine Szene die Gedanken der Nicht-Anwesenden einzublenden, ist äußerst raffiniert. Während Harry und Bell verbotenerweise in einen aufgegebenen Stollen eindringen und sich großer Gefahr aussetzen, denkt die ahnungslose Mrs Bateman: „Der einzige Grund, weshalb ich es bereuen würde, hierhergekommen zu sein, wäre, wenn einer der Jungs in die Minen einsteigen würde“, und Bells Großvater warnt Harrys Bruder vor eben diesen Minen: „Wer auch nur halbwegs bei Verstand ist, würde sich nie in die Nähe wagen.“ Ganz besonders mochte ich, wie Jane Gardam die neun Kapitel miteinander verwebt. Was an einer Stelle völlig nebensächlich erscheint, wird an anderer bedeutsam und bildet die Klammern, mit denen die einzelnen Episoden aus über 20 Jahren zusammengehalten werden. Die wechselnde Erzählperspektive – zu Beginn berichtet der achtjährige Bell, am Ende dessen elfjährige Tochter Anne, meist jedoch ein auktorialer Erzähler – macht die Lektüre abwechslungsreich.

Einzig den Blick ins Jahr 1999, während der Entstehungszeit des Romans ein Blick in die Zukunft, mit einer neuen Energiekrise und einer Rückkehr zu Pferd und Dampfzug, fand ich weniger gelungen. Abgesehen davon ist das auch optisch wunderschöne Buch jedoch sehr lesenswert.

Jane Gardam: Bell und Harry. Hanser Berlin 2019
www.hanser-literaturverlage.de

Bernard MacLaverty: Cal

  Eindrückliche Mahnung an alle, die in Nordirland wieder zündeln

Bei einem Besuch in Londonderry und Belfast im Sommer 2018 war ich schockiert über die noch deutlich sichtbaren Spuren des Nordirlandkonflikts, nicht zuletzt über die Mauer in Belfast. Gleichzeitig hat mich der spürbare Wille der Menschen dort begeistert, den Frieden, der seit dem Karfreitagsabkommen vom April 1998 herrscht, zu bewahren. Nun ist die offene Grenze zwischen Irland und Nordirland im Zuge des Brexits erneut in Gefahr und der Mord an der Journalistin Lyra McKee durch die militante New IRA im April 2019 in Londonderry sowie zahlreiche neue Bombenattentate machen nicht nur vielen Iren und Nordiren Angst. Bernard MacLavertys Roman Cal aus dem Jahr 1983 ist daher aktueller denn je und eine Warnung an alle, die leichtfertig zündeln.

Der 19-jährige Cal Mc Cluskey, arbeitslos wie viele seiner Altersgenossen, schlägt sich im tristen, vom Bürgerkrieg gebeutelten Nordirland der 1970/80er-Jahre mühsam durch. Zusammen mit seinem Vater Shamie, einem Schlachthausarbeiter, lebt er in einem protestantischen, loyalistisch geschmückten Viertel irgendwo in der Provinz Ulster. Als letzte Katholiken dort erhalten sie massive Drohungen, die dazu führen, dass der friedliche Shamie von militanten IRA-Anhängern einen Revolver zur Selbstverteidigung annimmt. Doch die IRA gibt nichts umsonst, fortan muss Cal als Fahrer bei Überfällen fungieren. Als dabei ein protestantischer Farmer und Reservepolizist vor den Augen seiner Familie erschossen wird, will Cal, der „nie richtig eingestiegen“ ist, die Gruppe verlassen. Sein Gewissen lässt ihn nicht mehr zur Ruhe kommen, doch mitten im Krieg duldet die IRA keine Aussteiger: „Nicht zu handeln – weißt du – heißt handeln… Dadurch daß du nichts tust, trägst du dazu bei, daß die Engländer hierbleiben.“

Ein Jahr nach dem Anschlag lernt Cal in der örtlichen Bibliothek Marcella Morton kennen, „ausgerechnet die eine Frau, die ihm verboten war“, und verliebt sich, doch „Von Liebe zu sprechen, das wußte er, erforderte Offenheit und Wahrhaftigkeit. Wegen dem, was er getan hatte, war er für sie eine einzige Lüge“.

Bernard Mac Laverty zeigt in Cal eindringlich, wie ausweglos die Situation für den Einzelnen in einem gewalttätigen Konflikt sein kann. Auch wenn der Roman keine ganz große Literatur ist und die ständig beschriebene exzessive Raucherei Cals mich zunehmend genervt hat, ist die Perspektive auf den nordirischen Alltag und die Frage nach Schuld, Verantwortung und Vergebung gut gelungen.

Der Roman wurde 1984 von Pat O’Connor mit John Lynch und Helen Mirren in den Hauptrollen verfilmt.

Bernard MacLaverty: Cal. Diogenes 1986
www.diogenes.ch

Bernd Gunthers: Die Kuh kennt keinen Feiertag

  In Hohenlohe ist alles möglich

Regionalkrimis gibt es inzwischen zuhauf, aber längst nicht immer gelingt die Verbindung zwischen Region und Verbrechen so gut wie in Bernd Gunthers‘ Hohenlohe-Debüt Die Kuh kennt keinen Feiertag. Sprachwitz und Augenzwinkern haben mir beim Lesen viel Spaß gemacht, daneben die spannende, durchdachte Krimihandlung, die Informationen über kriminelle Machenschaften auf dem Kunstmarkt und die ebenso detail- wie nebensatzreichen Beschreibungen von Personen und Orten. Aber wie wahrscheinlich ist es, dass eine Bäuerin – pardon: Landwirtin – so intensiv bei polizeilichen Ermittlungen mitmischen kann? „In Hohenlohe ist alles möglich“, lautete die spontane Antwort meiner Freundin, und sie muss es wissen, denn sie hat jahrelang im benachbarten Crailsheim gelebt.

An Milka Mayrs 35. Geburtstag stürzt ihr alter Schulfreund Max Holl beim Überbringen des Geburtstagsgeschenks mit seinem Leichtflugzeug in Bühlerzell bei Schwäbisch Hall ab. Während die Polizei lange von einem Pilotenfehler ausgeht, hat die ebenso durchsetzungsfähige wie sture Milka von Anfang an Zweifel und beginnt, eigene Nachforschungen anzustellen – als Teilzeitermittlerin, denn Milka ist, mehr aus Verantwortungsbewusstsein als aus Neigung, nach dem Abitur auf dem elterlichen Hof hängengeblieben und die Kühe müssen bekanntlich jeden Tag gemolken werden. Als Milka ihren alten Freund Paul Eichert, Kriminalhauptkommissar in Schwäbisch Hall, von ihrer Mordtheorie überzeugt hat, nehmen die polizeilichen Ermittlungen endlich Fahrt auf. Doch Milka wird Paul nun nicht mehr los: „Entweder wir machen das zusammen, und ich übernehme Dinge, die ich kann, oder ich mache das ohne dich und deine Polizei! Egal, wie gefährlich es sein mag. Besser der Gefahr wissend ins Augen sehen als zu Hause hocken und die Augen verschließen.“ Wohl oder übel lässt Paul sich, nicht ohne gewissen Spielregeln aufzustellen, darauf ein, denn wer könnte Milkas Entschlossenheit und ihrem Charme schon widerstehen? Ihre gemeinsamen Ermittlungen gehen in zwei Richtungen: Privat hatte Max Probleme mit seinem Bruder, dessen angestrebter Verkauf des elterlichen Hofes an Max‘ beharrlicher Weigerung scheiterte, in seinem Beruf als Kunstsachverständiger bekam er es mit mafiösen Strukturen zu tun. Aber welche Rolle spielte er hierbei, war er Artnapping, Kunstfälschung, Versicherungsbetrug und falschen Gutachten auf der Spur oder war er gar Teil dieser betrügerischen Machenschaften?

Man spürt beim Lesen, wie gut sich Bernd Gunthers in der Region und auf dem Kunstmarkt auskennt und wieviel Empathie er seinen Protagonisten und seiner Heimat Hohenlohe entgegenbringt. Ich freue mich deshalb auf weitere Bände, nicht zuletzt, weil ich wissen möchte, wie es mit Milka, Paul, dem Mayrschen Hof und natürlich den Kühen weitergeht.

Ich kann diesen Regionalkrimi, der zu meiner Freude überraschenderweise bis in meine Heimatstadt Ludwigsburg führt, als vergnügliche Lektüre sehr empfehlen. Allerdings sollte man ihn keinesfalls mit leerem Magen lesen, denn er ist nicht nur Reise-, sondern auch Restaurantführer. Mein Favorit war in dieser Hinsicht der Ochsen in Geifertshofen, dessen Alblinsen ich unbedingt bei einem Ausflug ins Hohenlohische probieren möchte!

Bernd Gunthers: Die Kuh kennt keinen Feiertag. Gmeiner 2019
www.gmeiner-verlag.de

Theodor Fontane: Unterm Birnbaum

  „Es ist nichts so fein gesponnen, ‛s kommt doch alles an die Sonnen.“

Inspiriert durch die Feiern zu Theodor Fontanes 200. Geburtstag und eine zweiwöchige Fahrradtour durch seine Heimat Brandenburg habe ich mir einen seinen vier Kriminalromane noch einmal vorgenommen: Unterm Birnbaum. Er entstand in den Jahren 1883 bis 1885, wurde zunächst als Fortsetzungsroman in der Gartenlaube veröffentlicht und von der Literaturkritik, wie Irene Ruttmann im sehr informativen Nachwort schreibt, „als Nebenwerk eingestuft“ und „mehr getadelt als gewürdigt“. Ich teile diese Geringschätzung nicht, sowohl die gelungene Täterpsychologie als auch die sehr atmosphärische Beschreibung des Dorflebens und der Dörfler haben mir ausgezeichnet gefallen. Wer allerdings von einem Kriminalroman eine genaue Beschreibung der Straftat erwartet, wird hier enttäuscht, denn der Mord, um den sich alles dreht, wird konsequent ausgespart.

Den seit zehn Jahren im Oderbruchdorf Tschechin ansässigen Kaufmann und Gastwirt Abel Hradscheck drücken schwere Schulden, verursacht durch sein mangelndes kaufmännisches Geschick, Glücksspiel, Trinkerei und den Lebensstil seiner Frau Ursel, die es gern „besser und eleganter“ hat. Als sich für November 1831 der Schuldeneintreiber Szulski aus Krakau, der „Polsche“, ankündigt, wird es für die Eheleute eng und Ursel droht gar mit Selbstmord im Falle eines Bankrotts. Der Fund des verwesten Leichnams eines französischen Soldaten unter seinem Birnbaum bringt Abel auf die Idee zu einem Mord. Bis ins Detail und mit sehr viel krimineller Energie plant er die Tat, bei der Ursel, die ehemalige Schauspielerin, ihn trotz anfänglicher Skrupel tatkräftig unterstützt. Alles läuft wie am Schnürchen, die Ermittlungen gegen Abel verlaufen dank der ausgeklügelten Tatvorbereitungen im Sand, dem Dorfklatsch gebietet der Pfarrer Einhalt und Abel kann das Gefängnis rehabilitiert verlassen. Doch was er nicht bedacht hat, sind die Schuldgefühle, seine und die seiner Frau, die beide nicht mehr zur Ruhe kommen lassen.

Zuletzt führen nicht das Geschick der Ermittler und schon gar nicht die Menschenkenntnis des Pfarrers zur Entlarvung des Täters, sondern dessen Gewissensbisse und Angstvisionen, die ihn von der so perfekt durchdachten Dramaturgie abweichen lassen. Ein höheres Gericht gleicht die Unzulänglichkeit der irdischen Justiz somit aus.

Theodor Fontane (1819 – 1898) lebte selbst einige Jahre im Oderbruch und hörte bei seinen Recherchen für die Wanderungen durch die Mark Brandenburg die Geschichte von einem im Oderbruchdorf Dreetz verscharrten französischen Soldaten, die ihn nicht mehr losließ.

Theodor Fontane: Unterm Birnbaum. Reclam 2018
www.reclam.de

Katharina Grätz: Alles kommt auf die Beleuchtung an

  Mehr Werkanalyse als Biografie

Passend zum Fontanejahr 2019 und während einer zweiwöchigen Fahrradtour durch seine Heimat Brandenburg wollte ich gerne eine Biografie über Theodor Fontane lesen. Ich war daher zunächst enttäuscht, dass das dafür ausgewählte Buch von Katharina Grätz Alles kommt auf die Beleuchtung an. Theodor Fontane – Leben und Werk nur zu einem Fünftel der gut 260 Seiten Lebensbeschreibung ist. Danach geht es im zweiten Teil um „Fontanes realistische Romanpoetik“ in den Kapiteln drei bis neun um einzelne Werke, unterteilt in „Historische Romane“, „Kriminalerzählungen, Mordgeschichten“, „Eheromane“, „Standesromane“, „Zeitromane“ sowie „Lyrik und Balladen“. Gelesen habe ich die beiden ersten Kapitel, dazu die Einleitungen zu den Kapiteln drei bis neun und die Werkanalysen zu Effi Briest, meinem ehemaligen Abiturthema und mir daher wohlvertraut, zu Unwiederbringlich, einem durchaus interessanten Eheroman, dessen ausufernde Schilderung des deutsch-dänischen Konflikts mir aber viel abverlangt hat, und zum Kriminalroman Unterm Birnbaum, den ich parallel dazu gelesen habe.

Das erste Kapitel über Fontanes Leben hat mich immer wieder überrascht, hatte ich doch das Bild eines Apothekers im Kopf, der erst im Ruhestand zum Schriftsteller wurde. Tatsächlich hat Theodor Fontane, geboren 1819 in Neuruppin, bereits ab seiner Kindheit Texte verfasst, arbeitete nach seiner Approbation zum Apotheker 1847 nur noch zwei Jahre in diesem Beruf und kämpfte ab 1849 mit den Unwägbarkeiten des Schriftstellerdaseins. Seine 1950 geschlossene Ehe mit Emilie Caroline Rouanet-Kummer, aus der vier überlebende Kinder hervorgingen, wurde von fortwährender ökonomischer Unsicherheit überschattet. Um seine wachsende Familie zu ernähren, arbeitete Fontane als Journalist, teilweise als Auslandskorrespondent in London, als Reiseschriftsteller mit Werken über England und die Mark Brandenburg, als Kriegsjournalist in den drei preußischen Kriegen gegen Dänemark, Österreich und Frankreich, ab 1870 als Theaterkritiker und erst im Alter von 70 Jahren ausschließlich als freier Schriftsteller. Sein literarisches Werk entstand überwiegend in den letzten 20 Lebensjahren bis zu seinem Tod 1898, die teilweise von Depressionen überschattet waren.

Trotz meiner anfänglichen Irritation habe ich den Kauf und die Lektüre dieses Buches schließlich nicht bereut. Der biografische Teil ist zwar kurz, arbeitet die wesentlichen Lebens- und Schaffensabschnitte Fontanes aber sehr gut heraus. Das Kapitel „Fontanes realistische Romanpoetik“ über Themen wie Fontanes Gesellschaftsdarstellung, Figurenkonzeption und Erzähltechnik hat die Autorin, die an der Universität Freiburg Neuere Deutsche Literatur lehrt, auch für Laien sehr gut verständlich und interessant verfasst. Was die Analysen einzelner Werke betrifft, so eignen sie sich zwar eher nicht zur Lektüre am Stück, ich werde sie aber bestimmt zukünftig hinzuziehen, wenn ich wieder einen Fontane-Roman lese.

Im Rahmen der Feiern zum Fontanejahr 2019 konnte ich am 23.04.2019 in der Kulturkirche Neuruppin eine großartige Lesung von Rainald Grebe und Tilla Kratochwil mit Briefen der Eheleute Fontane erleben. Alles kommt auf die Beleuchtung an hat mich darauf gut vorbereitet.

Katharina Grätz: Alles kommt auf die Beleuchtung an. Theodor Fontane – Leben und Werk. Reclam 2015
www.reclam.de

Regina Scheer: Gott wohnt im Wedding

  „Es wiederholt sich immer alles und doch ist es nicht dasselbe.“

Ihr 2014 erschienenes Debüt Machandel habe ich erst kürzlich entdeckt und war absolut begeistert von dieser gelungenen Verknüpfung aus Zeitgeschichte und Romanhandlung. Genau dies gelingt Regina Scheer auch in ihrem neuen Buch Gott wohnt im Wedding.

Im Personenregister, einem wegen der Vielzahl von Mitwirkenden hilfreichen Instrument, steht ein überraschender Protagonist ganz oben: ein Berliner Mietshaus in der Utrechter Straße im Wedding, erbaut um 1890 und nun Spekulationsobjekt und, „weil ich als Immobilie nicht mehr das Potential habe, den Mietwert zu erhöhen“, kurz vor dem Abbruch. Seine kursiv gedruckten Geschichten über seine Erbauer und Besitzer, die Mieter, die kamen und gingen, und sein Wissen darum, dass sich „alles wiederholt“, sind so spannend wie melancholisch, „jetzt, wo alles zu Ende geht“, und „eine Ahnung von Endgültigkeit“ es umweht.

„Wenn man lange genug wartet, kommen hier alle wieder vorbei“, so auch der Jude Leo Lehmann, der ab 1943 mit seinem Freund Manfred als „U-Boot“, Untergetauchter, lebte. Nun ist er mit seiner Enkelin Nira wegen Erbangelegenheiten aus Israel nach Berlin gekommen und ausgerechnet in einem Hotel im Wedding gelandet. Im alten Haus in der Utrechter Straße lebt noch immer Gertrud Romberg, die den beiden Jungen damals Unterschlupf gewährte. Manfred wurde in ihrer Wohnung verhaftet und Leo hat nie erfahren, welchen Anteil Gertrud daran hatte. Die alte Frau ist an die hundert Jahre alt, schon ihr Vater wurde in diesem Haus geboren. Sie hat Manfred nie vergessen, nie geheiratet und nie über das gesprochen, was damals passierte. Der Handlungsstrang um Leo und Gertrud, der wiederum viele Einzelschicksale umfasst, hat mir ausnehmend gut gefallen, besonders auch die Geschichte von Leos Frau Edith.

Ein weiterer Handlungsstrang umfasst das Schicksal der Sintiza Laila, die 1975 in Polen geboren wurde und als Spätaussiedlerin über Umwege 1991 nach Berlin kam. Sie hat studiert, lebt getrennt von ihrem Mann und hat einen Mietvertrag über drei Jahre, der demnächst ausläuft. Mit ihrem ausgeprägten Sozialbewusstsein kümmert sie sich um die alte Gertrud und um die vielen Roma-Familien aus Rumänien, die genauso wie Wanderarbeiter inzwischen im Haus leben. Ihre komplizierte, sehr ausführlich erzählte Familiengeschichte und die ihrer Schützlinge haben mich das ein oder andere Mal verwirrt, es war nicht leicht, Personen, Orte und Schicksale auseinanderzuhalten. Wichtiger ist aber ein großer Erkenntniszuwachs über die Geschichte und Tradition der sehr verschiedenen Roma-Gruppen, zu denen die Sinti als eine Untergruppe gehören, und über ihre fehlenden Perspektiven.

Man merkt dieser geglückten Verbindung von Geschichte und Gegenwart die umfängliche Recherchearbeit von Regina Scheer deutlich an. Dass sie darüber hinaus so viel Wärme für ihre Figuren aufbringt und auf Schwarz-Weiß-Zeichnung weitgehend verzichtet, macht den Roman für mich empfehlenswert.

Regina Scheer bei einer Lesung im Botnanger Buchladen am 10. April 2019.  © M. Busch

Ich hatte das Glück, Regina Scheer live bei einem Interview mit Lesung zu erleben. Wer die Gelegenheit dazu hat, sollte sie sich nicht entgehen lassen, denn die Autorin hat auch über den Roman hinaus viel zu erzählen.

Regina Scheer: Gott wohnt im Wedding. Penguin 2019
www.randomhouse.de

Julia Boehme & Julia Ginsbach: Tafiti – Auch beste Freunde streiten mal

  Mein – dein – unser

Für Eltern ist es nervenaufreibend, aber Kinder sammeln dabei wichtige Erfahrungen: beim Streiten. Egal ob unter Geschwistern oder wie in diesem Bilderbuch unter allerbesten Freunden, Streit dient der Artikulation von Bedürfnissen, der Durchsetzung eigener Interessen und der Abgrenzung. Eltern und Pädagogen können und sollen ihn deshalb nicht unterbinden, aber es ist sinnvoll, Kindern die Angst zu nehmen und ihnen Auswege aus Streitsituationen zu zeigen. Genau dieses Ziel verfolgt das Bilderbuch Tafiti – Auch beste Freunde streiten mal von Julia Boehme, illustriert von Julia Ginsbach. Kindgerecht für kleine Zuhörer und Zuhörerinnen ab etwa vier Jahren zeigt es am Beispiel des Erdmännchens Tafiti und des Pinselohrschweins Pinsel, wie Streit entsteht und wie man ihn zur allseitigen Zufriedenheit beilegen kann.

Dabei beginnt alles ganz harmonisch in einer Hängematte für zwei beste Freunde unter dem funkelnden Sternenhimmel. Doch als ein Stern vom Himmel fällt, reklamiert ihn jeder für sich, und jeder hat durchaus schlüssige Gründe. Dahin ist die Harmonie, es wird gegrunzt, geschnaubt, gequiekt und gerangelt. So vertieft sind die beiden Streithähne, dass sie die Bedrohung von außen gar nicht wahrnehmen. Fast zu spät entdecken sie den hungrigen Löwen King Kofi und auf einmal sind sie wieder auf derselben Seite. Sobald sie dem Löwen ein Schnippchen geschlagen und das Recht des Stärkeren außer Kraft gesetzt haben, ist auch die Einigung unter den Freunden nicht mehr weit.

Tafiti und Pinsel haben eine für sie und für die kleinen Zuhörer und Zuhörerinnen wichtige Erfahrung gemacht: Auch unter besten Freunden kommt es zu Streit, aber mit gutem Willen und Kompromissbereitschaft kann man sich versöhnen und das „Unser“ ist schöner als das „Mein“.

Die farbigen Illustrationen von Julia Ginsbach spiegeln sehr schön die Gefühle der Tiere wider, nicht nur bei Tafiti und Pinsel, sondern auch bei den vielen kleinen Tieren, die das Geschehen am Rande beobachten, ohne im Text vorzukommen. Es gibt also viel zu entdecken, bis es am Ende über den Stern heißt: „Vor allem, weil er für uns beide funkelt. Für die besten Freunde der Welt.“

Julia Boehme & Julia Ginsbach: Tafiti – Auch beste Freunde streiten mal. Loewe 2019
www.loewe-verlag.de