Mavis Doriel Hay: Geheimnis in Rot

Der Santa-Klaus-Mord

Im Herbst 2016 erschien unter dem Titel Geheimnis in Weiß von Joseph Jefferson Farjeon (1883 – 1955) ein klassischer englischer Kriminalroman aus dem Jahr 1937 erstmals beim Verlag Klett-Cotta auf Deutsch in einer wunderschönen flexiblen Leinenausgabe mit Lesebändchen. In gleicher Aufmachung und wieder an den Weihnachtstagen spielend, gibt es nun ein Jahr später erneut einen Krimiklassiker erstmals auf Deutsch: Geheimnis in Rot von Mavis Doriel Hay aus dem Jahr 1936, der mir sogar noch eine Spur besser gefallen hat.

Gegen den Rat seiner Schwester Mildred hat Sir Osmond Melbury zum Weihnachtsfest 1935 wieder seine ganze Familie nach Flaxmere, dem gregorianischen Familiensitz aus dem 18. Jahrhundert in der Nähe von Bristol, beordert. Anwesend sind die fünf erwachsenen Kinder, eine Schwiegertochter, zwei Schwiegersöhne, der vom Vater abgelehnte Freund der jüngsten Tochter sowie der von ihm favorisierte Kandidat, die vor kurzem gegen eine jüngere, attraktive Haushälterin ausgetauschte und aus dem Haus verbannte Schwester des Familienoberhaupts, die ihm lange Jahre den Haushalt geführt und die Kinder versorgt hat, eben jene neue Haushälterin sowie diverse Enkel unterschiedlichen Alters. „Sie waren also alle da, fast alle mit einem guten Grund, Sir Osmond den Tod zu wünschen, wie wir später auf so unerfreuliche Weise feststellen mussten, und nur wenige mit einem Grund, ihm ein langes Leben zu wünschen“, notiert einer der Gäste später. Denn als alle fast schon aufatmen und es so aussieht, als ob alles gut verlaufen wäre, wird Sir Osmond, der wie immer so gekonnt eine Atmosphäre von Misstrauen, Unbehagen und Spannungen verbreitet hat, in seinem Arbeitszimmer erschossen aufgefunden. Colonel Halstock, ein alter Freund der Familie, nimmt mit seinen Untergebenen die Ermittlungen im Familien- und Bedienstetenkreis auf, eine schwierige Aufgabe, weil jeder irgendjemanden schützen oder irgendetwas verheimlichen will.

Mit Hilfe des glücklicherweise vorn und hinten im Buch abgedruckten Lageplans der Räume im Erdgeschoss von Flaxmere habe ich die Vernehmungen und Gedankengänge des Colonels verfolgt, bin mehrmals auf falsche Fährten gelockt worden und habe erst sehr spät die tatsächlichen Zusammenhänge durchschaut. Die solide Ermittlungsarbeit anstatt genialer Geistesblitze, ein Opfer, mit dem kaum jemand richtig Mitleid hat, die Erzählweise aus der Sicht verschiedener Anwesender und des Colonels sowie die Atmosphäre erzwungener Weihnachtsharmonie in einer Familie, in der man sich auseinandergelebt hat, sind die wohldurchdachten Zutaten zu diesem wunderbar englisch-altmodischen Krimi. Wie ein Schwarz-Weiß-Film lief das Geschehen vor meinen Augen ab und gipfelte im nachvollziehbaren Schlusssatz: „Bei den Melburys herrscht stillschweigendes Einvernehmen darüber, dass es keine weihnachtlichen Familientreffen in Flaxmere mehr geben wird“.

Bleibt zu hoffen, dass der Verlag Klett Cotta auch 2018 wieder eine solche weihnachtliche Krimiperle präsentiert!

Mavis Doriel Hay: Geheimnis in Rot. Klett-Cotta 2017
www.klett-cotta.de

Thomas Montasser & Stefanie Reich: Monsterhotel

Was für ein Urlaub!

Ein ganz gewöhnlicher Sommerurlaub in Griechenland sollte es werden, doch dann landen Mama und Papa Glockenspiel, Valentina, Nils und der Plüschhase Stinkebär aus Versehen in Island. Reykjavik statt Athen und dann noch die ungewöhnlichste Unterkunft aller Zeiten: Das Hotel Haarsträub macht seinem Namen alle Ehre. Winzig von außen entpuppt es sich als Hotel mit 178.899 Räumen und riesiger Halle, das Zimmer der Glockenspiels liegt weit oben, obwohl sie eindeutig nur abwärts gegangen sind, die Toilette hängt an der Decke, die Bilder können sprechen, im Schrank wohnt ein Zwerg mit Geige, die Speisekarte ist gewöhnungsbedürftig bis eklig und sowohl die Hotelangestellten wie die anderen Gäste sind Monster in allen Farben, Formen und Behaarungsvarianten. Während die Eltern von einem Schock in den anderen fallen und bereits über die Abreise nachdenken, findet Valentina ihre Umgebung immer spannender und hat keine Angst, im Gegensatz zu den Monstern, die mit Märchen über die gemeingefährlichen Menschen aufgewachsen sind. Und bekanntlich gruselt man sich am meisten vor dem, was man nicht kennt… Zum Glück kann Valentina diese Ängste ausräumen und der Urlaub wird doch noch ein Erfolg – Wiederholung nicht ausgeschlossen!

Das absolut schräge Kinderbuch Monsterhotel von Thomas Montasser hat mich durch die vielen lustigen Einfälle, die beeindruckend hohe Monsterdichte und die Situationskomik überzeugt. Die zahlreichen farbenfrohen, oft großformatigen Illustrationen von Stefanie Reich sind witzig und passen gut zum Ton der Geschichte. Zwar käme ein Urlaub im Monsterhotel alleine schon wegen der Speisekarte und der Währung in ekligen Popeln für die meisten wohl eher nicht in Frage, doch die Begleitung der sympathischen Familie und der friedlichen Monster macht Kindern ab sechs beim Zuhören und fortgeschrittenen Lesern ab etwa Klasse drei garantiert Spaß und regt die Fantasie an, egal ob Junge oder Mädchen.

Thomas Montasser & Stefanie Reich: Monsterhotel. Thienemann 2017 www.thienemann-esslinger.de/thienemann

Gaël Faye: Kleines Land


„Das Glück sieht man nur im Rückspiegel“

Gabriel, genannt Gaby, hat nach seiner Flucht aus dem Bürgerkriegsland Burundi Jahre gebraucht, um sich in Frankreich zu integrieren. Auch nach 20 Jahren ist er besessen vom Gedanken an eine Rückkehr: „Ich muss zurück. Und wenn auch nur, um klar zu sehen. Um ein für alle Mal abzuschließen mit dieser Geschichte, die mich verfolgt. Um für immer die Tür hinter mir zuzuschlagen.“ Und so macht er sich mit 33 Jahren auf den Weg zurück und erzählt seine Geschichte.

Die glückliche Kindheit endet für Gaby 1992. Er ist zehn Jahre alt, seine Schwester Ana sieben, als die Mutter die Familie verlässt. Als Tutsi aus Ruanda hat sie sich nie in Burundi wohlgefühlt, wo Armut, Ausgrenzung, Diskriminierung und Heimweh die täglichen Begleiter der Flüchtlinge sind. Die Ehe mit einem Franzosen war eine Liebesheirat, doch nun ist bei ihr nichts mehr davon übrig, denn die Eltern „teilen nur ihre Illusionen, nicht ihre Träume“. Die Mutter träumt vom sicheren Leben in Frankreich, der Vater liebt Afrika und genießt den Luxus und die Privilegien seiner Klasse.

Gaby besucht die französische Schule in Bujumbura, fühlt sich als Burundier, liebt seine Sackgasse und die Freunde dort und hält sich an die Maxime des Vaters, nach der Politik nichts für Kinder ist. Doch kann auch diese Vorgabe nicht verhindern, dass die Angst schleichend bei den Freunden in der Sackgasse Einzug hält und auch dort eine schleichende Radikalisierung Einzug hält. Die Hoffnung auf Demokratie und ein Ende der Staatsstreiche nach den Wahlen in Burundi vom Juni 1993 wird durch einen erneuten Putsch im Oktober mit anschließendem Bürgerkrieg zunichte gemacht. Der Abschuss des Flugzeugs mit den Staatsoberhäuptern Burundis und Ruandas im April 1994 gibt das Signal zur systematischen und methodischen Ausrottung der Tutsi in Ruanda und Gabys Mutter muss ohnmächtig der Abschlachtung ihrer in Ruanda verbliebenen Familienmitglieder zusehen und verliert darüber den Verstand. Als sich der Hass auch gegen die Franzosen richtet, lässt der Vater Gaby und Ana ausfliegen, wodurch sie gleichzeitig ihre Familie, ihre Freunde und ihr Land verlieren. Tausende von Kilometern trennen sie jetzt von Burundi und ihrem früheren Leben.

Auch wenn Kleines Land kein autobiografischer Roman ist, so hat Gaël Faye doch vieles von dem erlebt, über das Gaby berichtet. Er ist wie sein Protagonist 1982 geboren, sein Vater ist Franzose, seine Mutter eine ruandische Tutsi und er lebte lange Zeit in Frankreich, bevor er vor zwei Jahren mit seiner Familie nach Ruanda zog. Für seinen Debütroman hat er den Prix Goncourt des lycéens erhalten, den von der Jugendjury vergebenen französischen Literaturpreis.

Der Roman hat mir Einblicke in eine Welt eröffnet, die ich sonst nur aus Horrorberichten in Nachrichtensendungen kenne. Gaël Faye gibt dem Grauen ein Gesicht und macht den Schmerz Gabys über den Verlust von Heimat, Familie und Freunden auf sehr berührende Weise nachfühlbar. Er hat mich genauso bewegt wie vor einigen Jahren Andrea Hiratas Die Regenbogentruppe über eine Kindheit in Indonesien, wobei die Dramatik nicht vergleichbar ist. In beiden Fällen sind die Schicksale jedoch tief ergreifend erzählt, allerdings kann die sprachliche Qualität die inhaltliche jeweils nicht ganz erreichen.

Gaël Faye: Kleines Land. Piper 2017
www.piper.de

John Williams: Butcher’s Crossing

Auf Sinnsuche im Wilden Westen

Kurz nachdem ich Butcher’s Crossing von John Williams (1922 – 1994), seinen zweiten Roman aus dem Jahr 1960, der 2015 bei dtv erstmals auf Deutsch erschien, gelesen hatte, habe ich mir zusätzlich das Hörbuch besorgt und bin von der Umsetzung vollständig überzeugt. Die Übersetzung von Bernhard Robben hat in der gesprochenen Form noch stärker auf mich gewirkt, die Kürzungen sind behutsam und überlegt durchgeführt, die sieben CDs mit einer Laufzeit von 538 Minuten nicht zu lang und der Sprecher Johann von Bülow hat mich nach kurzer Gewöhnungsphase mit seinen Stimmmodulationen in Bann gezogen. Auch meine Befürchtungen, die so grausam beschriebenen Jagdszenen könnten sich vorgelesen als unerträglich erweisen, sind zum Glück nicht eingetreten, vielleicht, weil ich gut darauf vorbereitet war.

Der Protagonist Will Andrews aus bürgerlichem Milieu in Boston gibt 1873 sein Harvard-Studium im dritten Studienjahr auf und reist nach Kansas ins trostlose Präriestädtchen Butcher’s Crossing, das von Büffelfellen und der Hoffnung auf den Bau der Eisenbahn lebt. Antriebsfeder für ihn ist die Abenteuerlust, seine Sehnsucht nach Wildheit, nach Natur und Freiheit, und der Wunsch, sich auf diese Weise selbst zu finden. Weder die Warnungen des alten Fellhändlers, noch die der mütterlich-freundlichen Hure Francine, der einzigen Frauenfigur des Romans, die den Verlust seiner weichen Hände prophezeit, können ihn davon abhalten, mehr als die Hälfte seines Vermögens in einen eigenen Büffeljägertrupp zu stecken. Mit dem erfahrenen Jäger Miller als Führer, dem schrulligen Charley Hoge, einem etwas debilen Mann der Bibel und Alkoholiker, der Miller treu ergeben ist, und dem professionellen Häuter Fred Schneider bricht der vierköpfige Trupp auf zu einem der letzten Täler, in dem es laut Miller noch eine nennenswerte Anzahl von Büffeln geben soll. Auf dem Weg Richtung Westen droht ihnen und ihren Pferden und Ochsen der Tod durch Verdursten, doch unbeirrt und mit traumwandlerischer Sicherheit führt Miller sie in das Tal. Kaum angekommen, verfällt er in einen manischen Blut- und Jagdrausch. Längst ist die Zahl der Felle für eine erfolgreiche Jagd erreicht und der Wintereinbruch droht, doch Miller will nicht aufhören, bevor nicht die ganze Herde erlegt ist. So werden sie vom ersten Schneesturm überrascht und dazu gezwungen, weitere sieben Monate auszuharren. Erst Ende Mai kommt der geschrumpfte Trupp wieder in Butcher’s Crossing an, wo nichts mehr so ist, wie es bei ihrem Aufbruch war – eine bittere Erfahrung, die die ganze Unternehmung, das Abschlachten sowie ihre Entbehrungen und Verluste, im Nachhinein doppelt sinnlos macht.

Ich kann die Lesung ebenso wie das Buch wärmstens empfehlen und selbst wenn man letzteres bereits kennt, kann man beim Hören neue Facetten des Romans entdecken.

John Williams: Butcher’s Crossing. Rundfunk Berlin-Brandenburg/Der Audio Verlag 2015
www.der-audio-verlag.de

John Williams: Butcher’s Crossing

Auf Sinnsuche im Wilden Westen

Ein literarisches Highlight des Jahres 2013 war für mich der College- und Eheroman Stoner des US-Amerikaners John Williams (1922 – 1994). Ursprünglich in den USA 1965 als dritter seiner vier Romane erschienen, wurde er mit 48 Jahren Verspätung in Deutschland veröffentlicht und zum Überraschungsbestseller.

2015 zog dtv mit Butcher’s Crossing, seinem zweiten Roman aus dem Jahr 1960, nach. Da ein Western mir weniger verlockend erschien, blieb das Buch zunächst ungelesen liegen – ganz zu Unrecht, wie ich nun weiß, obwohl mich „Stoner“ insgesamt doch noch mehr begeistert hat.

Der Protagonist Will Andrews stammt im Gegensatz zum Farmersohn Stoner aus dem bürgerlichen Milieu Bostons, sein Vater ist Prediger. Andrews gibt 1873 sein Harvard-Studium im dritten Studienjahr auf und reist nach Kansas ins trostlose Präriestädtchen Butcher’s Crossing, das von Büffelfellen und der Hoffnung auf den Bau der Eisenbahn lebt. Antriebsfeder für ihn ist die Abenteuerlust, seine Sehnsucht nach Wildheit, nach Natur und Freiheit, und der Wunsch, sich auf diese Weise selbst zu finden. Weder die Warnungen des alten Fellhändlers, noch die der mütterlich-freundlichen Hure Francine, der einzigen Frauenfigur des Romans, die den Verlust seiner weichen Hände prophezeit, können ihn davon abhalten, mehr als die Hälfte seines Vermögens in einen eigenen Büffeljägertrupp zu stecken. Mit dem erfahrenen Jäger Miller als Führer, dem schrulligen Charley Hoge, einem etwas debilen bibeltreuen Alkoholiker, der Miller treu ergeben ist, und dem professionellen Häuter Fred Schneider bricht der vierköpfige Trupp auf zu einem der letzten Täler, in dem es laut Miller noch eine nennenswerte Anzahl von Büffeln geben soll. Auf dem Weg Richtung Westen droht ihnen und ihren Pferden und Ochsen der Tod durch Verdursten, doch unbeirrt und mit traumwandlerischer Sicherheit führt Miller sie in das Tal. Kaum angekommen, verfällt er in einen manischen Blut- und Jagdrausch. Längst ist die Zahl der Felle für eine erfolgreiche Jagd erreicht und der Wintereinbruch droht, doch Miller will nicht aufhören, bevor nicht die ganze Herde erlegt ist. So werden sie vom ersten Schneesturm überrascht und dazu gezwungen, weitere sieben Monate auszuharren. Erst Ende Mai kommt der geschrumpfte Trupp wieder in Butcher’s Crossing an, wo nichts mehr so ist, wie es bei ihrem Aufbruch war – eine bittere Erfahrung, die die ganze Unternehmung, das Abschlachten sowie ihre Entbehrungen und Verluste, im Nachhinein doppelt sinnlos macht.

Man muss kein Westernfan sein, um dieses Buch zu mögen, aber man muss viel ertragen an Blut, Dreck und Gestank. Auch die überwältigenden Naturschilderungen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Expedition einzig der Vernichtung eben dieser Natur gilt zu einer Zeit, in der das Wort Nachhaltigkeit noch nicht existierte. Beeindruckt hat mich auch Williams‘ Beschreibung der zwischenmenschlichen Beziehungen unter den Männern und der allmählichen Veränderung Wills, auch wenn mir vor allem dessen Beweggründe sehr fremd geblieben sind.

Ob Will Andrews gefunden hat, was er suchte? Seine Hände jedenfalls sind tatsächlich nicht mehr weich, als er schließlich wieder bei Francine ankommt, und als er Butcher’s Crossing verlässt, weiß er nicht, wohin er reitet.

John Williams: Butcher’s Crossing. dtv 2015
www.dtv.de

Silke Schlichtmann: Bluma und das Gummischlangengeheimnis

Schweigen und Grübeln ist selten eine gute Lösung

Die Kinderbücher von Silke Schlichtmann sind ein kleiner Schatz für mich, auch dieses dritte Bluma und das Gummischlangengeheimnis. Die neue Protagonistin habe ich spontan ebenso ins Herz geschlossen wie zuvor Pernilla aus Pernilla oder Wie die Beatles meine viel zu große Familie retteten und Pernilla oder Warum wir nicht in den sauren Apfel beißen mussten. Das liegt vor allem am Einfühlungsvermögen der Autorin, an ihrem Reichtum an Ideen, an ihrem ebenso unterhaltsamen wie dezent lehrreichen Erzählstil und an ihrer Wertschätzung für ihr Publikum und ihre Figuren, die man auf jeder Seite spürt.

Die 9-jährige Bluma aus Grünendeich im Alten Land erlebt wahrlich aufregende Wochen, während derer sich ihre Probleme verhalten wie die Obstfliegen: „Hat man erst mal eins, dann werden’s immer mehr.“ Alles beginnt mit einer Fünf in Mathe, nicht der ersten, und das, obwohl Bluma eigentlich ganz gut rechnen kann. Dann wollen ihre Eltern ihr nicht erlauben, den netten Labrador Retriever Flocki zu adoptieren, der sonst vielleicht ins Tierheim muss. Zu allem Überfluss hat ihre Lieblingsnachbarin und Vertraute, die malende Rentnerin Alice, ausnahmsweise kein Ohr für sie und Mama muss für zwei Wochen beruflich nach Niederbayern. Und da macht Bluma das schlimmste, was sie jemals getan hat: Sie klaut eine von Alices magischen 60cm-Gummischlangen, eine giftgrüne. Aber weil Bluma ein ausgeprägtes Gefühl für Recht und Unrecht hat, fühlt sie sich anschließend hundeelend und es geht ihr „blumaschlecht“. Und die Pechsträhne reißt nicht ab: Ihre beste Freundin Rosa scheint sie zu hintergehen und ihre Lehrerin will wegen der Matheprobleme dringend ihre Eltern sprechen. Doch am allerschlimmsten drückt Bluma das schlechte Gewissen wegen des Vertrauensbruchs und sie kann niemandem ihr Herz ausschütten.

Trotz der ernsten Themen wie Umgang mit der Wahrheit, Freundschaft, Vertrauen, Angst, Gewissen und Geheimnisse ist der Kinderroman nie niederdrückend. Nicht nur, dass es jede Menge lustige Szenen gibt, man spürt von der ersten Seite an Blumas Stärke und ihren absoluten Willen, die auflaufenden Probleme zu lösen, und das hat mich immer an ein gutes Ende glauben lassen. Wie es dazu kommt, soll natürlich nicht verraten werden, aber es ist in typischer Silke-Schlichtmann-Manier spannend, logisch und fantasievoll gelöst.

Ulrike Möltgen hat die Bluma-Geschichte mit außergewöhnlichen schwarz-weiß-roten Zeichnungen illustriert, die sich wohltuend vom derzeit dominierenden grellbunten Comicstil abheben.

Ein wunderschöner, nachdenklicher, manchmal lustiger Kinder-, vor allem Mädchenroman, zum Vorlesen ab sechs, zum Selberlesen ab der dritten Klasse. Ich gehöre zwar weder zur einen noch zur anderen Zielgruppe, habe die Lektüre aber trotzdem außerordentlich genossen!

Silke Schlichtmann: Bluma und das Gummischlangengeheimnis. Hanser 2017
www.hanser-literaturverlage.de

Paolo Cognetti: Acht Berge

„Was auch immer das Schicksal für uns bereithält – es kommt von den Bergen, die über uns emporragen“

Zwei große Geschenke hat der Ich-Erzähler Pietro Guasti von seinen Eltern erhalten: die Liebe zu den Bergen und die Freundschaft zu Bruno. Ersteres wird ihm in die Wiege gelegt von seinen aus dem Veneto stammenden Eltern, die als Kinder und Jugendliche die Dolomiten geliebt haben und am Fuße der Drei Zinnen getraut wurden, und nun, da sie in Mailand leben, die Sommer regelmäßig mit dem Sohn in Grana im Aostatal verbringen. Die Freundschaft zum wenige Monate älteren Kuhhirten Bruno bahnt 1984 zunächst die Mutter an, als der zurückhaltende, einsame Pietro elf Jahre alt ist. Viele Sommer verbringen sie zusammen, doch als Pietro mit 16 rebelliert, die Wanderungen mit seinem Vater einstellt, sogar den Kontakt zu ihm weitgehend abbricht und schließlich nicht mehr nach Grana kommt, verlieren sich auch Pietro und Bruno aus den Augen. Erst als der Vater dem 31-jährigen Pietro nach seinem Tod eine verfallene Hütte auf einer Hochebene über Grana hinterlässt, die er gemeinsam mit Bruno wiederaufbauen soll, kommen die beiden Freunde sich aufs Neue ganz nah. Das Erbe wird zur zweiten Chance für die unterbrochene Freundschaft, zur Rückkehrhilfe nach Grana, und erweist sich so als wohlbedachte Gabe.

Nun könnte man meinen, Pietro und Bruno wären die Protagonisten des Romans, aber in Wahrheit sind es – wie man auf dem wunderschönen Cover erkennt – die Berge, zusammen mit dem Wald, den Wiesen, Tälern, Gebirgsbächen, Wasserfällen, Seen, Geröllfeldern und Gletschern, die Paolo Cognetti so eindrucksvoll beschreibt. Für Bruno sind es die Berge seiner Heimat und er opfert dem Traum vom Leben als Bergbauer alles, Pietro dagegen zieht es als Dokumentarfilmer bis zu den Bergen Nepals. Von dort bringt er eine Legende mit, die symbolisch für ihrer beider Leben steht: Sumeru, der hohe Berg und Mittelpunkt der Welt, ist umgeben von acht Bergen. Die Nepalesen stellen sich die Frage, wer mehr gelernt hat, derjenige, der die acht Berge bestiegen hat (wie Pietro), oder derjenige, der „nur“ auf dem Gipfel des Sumeru war (wie Bruno)?

Acht Berge ist eine eindrückliche Hymne an das Gebirge und die Natur ohne übertriebene Romantik, eine Freundschaftsgeschichte über nahezu 30 Jahre und eine tragische Vater-Sohn-Geschichte. Der 1978 in Mailand geborene Autor Paolo Cognetti hat mit Acht Berge nicht nur einen Bestseller in seiner Heimat gelandet, sondern auch den renommiertesten italienischen Literaturpreis, den Premio Strega, erhalten. Zurecht, denn der Roman über zwei Einzelgänger, mit dem Vater sogar drei, vor einer grandiosen Kulisse hat mich mit seiner ruhigen Erzählweise stark berührt, auch wenn er an Robert Seethalers Ein ganzes Leben, mit dem er zum Teil verglichen wird, nicht ganz heranreicht.

Paolo Cognetti: Acht Berge. DVA 2017
www.randomhouse.de

Arturo Pérez-Reverte: Der Preis, den man zahlt

Beobachte – stich zu – verschwinde

Die goldene Regel des Skorpions – ruhig beobachten, schnell zustechen, noch schneller verschwinden – ist Lorenzo Falcós Überlebensrezept. Ursprünglich aus guter andalusischer Winzerfamilie, wurde er nach einer abgebrochenen Militärlaufbahn und einer erfolgreichen Karriere als skrupelloser Waffenhändler vor sechs Jahren vom „Admiral“, dem Leiter des Geheimdienstes SNIO, dem harten Kern der franquistischen Spionage, für dessen Eliteeinheit „Grupo Lucero“ rekrutiert. Er ist der „Mann für die Drecksarbeit“, die „Müllabfuhr“ der Rechten, und kämpft keineswegs aus Überzeugung für die Sache Francos, der Nationalisten und Katholiken, sondern aus Abenteuerlust, prinipien- und leidenschaftslos, ohne Ideale und nur für sich selbst und gegen alle anderen: „Nur manche Getränke, manche Zigaretten und manche Frauen übten eine vergleichbare Wirkung aus.“

Der neueste Auftrag führt ihn 1936 aus dem franquistischen Salamanca in die rote Zone nach Alicante. Dort soll der Falange-Gründer José Antonio Primo de Rivera aus dem Gefängnis befreit werden. Der Auftrag behagt Falcó nicht, zu viele Köche sind nach Meinung des Einzelkämpfers an der heiklen Mission beteiligt, neben ihm die Falange und die Deutschen, die soeben das Franco-Regime anerkannt haben. Zu spät und bereits vor Ort erkennt Falcó, dass dieser Auftrag alles an Schändlichkeit übertrifft, was selbst er sich bisher vorstellen konnte…

Arturo Pérez-Reverte, der 1951 in Cartagena geborene spanische Erfolgsautor und ehemalige Kriegsreporter, hat mit Lorenzo Falcó einen durch und durch skrupellosen, unsympathischen, kalten und zynischen Anti-Helden für seine Serie geschaffen, dessen Frauenbild mir absolut zuwider ist. Der erste Band, Der Preis, den man zahlt, basiert auf einem realen historischen Ereignis, Handlung und Figuren entspringen jedoch der Phantasie des Autors. Dabei setzt Pérez-Reverte einiges an Wissen über den Beginn des Spanischen Bürgerkriegs voraus, weshalb ich mir für die deutsche Ausgabe Anmerkungen, ein Vor- oder Nachwort und eventuell eine Landkarte mit dem Verlauf der verschiedenen Zonen gewünscht hätte. Irritiert hat mich das Fehlen jeglicher Identifikationsfigur, sind doch alle Figuren des Romans, egal auf welcher Seite, böse oder zumindest sehr naiv. Außerdem hätte ich auf einige der ausführlich geschilderten Brutalitäten, vor allem die Folterszenen, gerne verzichtet. Trotz dieser Kritik konnte ich mich der Atmosphäre des Agentenromans nach einiger Zeit nicht mehr entziehen und hätte ihn auch nicht mehr aus der Hand legen wollen.

Arturo Pérez-Reverte: Der Preis, den man zahlt. Insel 2017
www.suhrkamp.de

Matthias von Bornstädt & Rolf Vogt: Die drei Magier – Das magische Labyrinth

Plötzlich Magier

Algravia, die Welt voller Magie, ist bedroht, denn der gemeine dunkle Magier Rabenhorst ist dabei, sich die mächtigsten Gegenstände zu besorgen: die drei Zauberstäbe aus dem magischen Labyrinth. Alle Zauberwesen von Algravia, die elfenhaften, leuchtenden Lunies, Kasimir, der sprechende lila Kater, die Rumpelriesen, die Hexe Fia Feu, die Mini-Drachen, die sprechenden Bäume, die Trolle und viele andere sehnen die Rettung herbei. Es braucht drei neue Magier, drei Kinder, die die Zauberstäbe aus dem magischen Labyrinth holen und die Harmonie in Algravia beschützen, nachdem die vorherigen Magier erwachsen geworden sind. Der besonnene, vorsichtige Conrad, seine draufgängerische Freundin Vicky mit der Berliner Schnauze und seine stille Schwester Mila, die sich während eines Sommernachmittags am Badesee plötzlich in Algravia wiederfinden, bezweifeln zunächst, dass sie die Richtigen sind. Aber im Angesicht der Bedrohung, nehmen sie allen Mut zusammen…

Das magische Labyrinth von Matthias von Bornstädt ist der Auftakt zur Reihe Die drei Magier für abenteuerlustige Jungs und Mädchen, die sich gerne auch ein wenig gruseln. Die zahlreichen, sehr poppigen Illustrationen von Rolf Vogt sind im Comic-Stil gehalten und aussagestark. Die Schrift ist sehr deutlich und etwas größer, allerdings ist die Textmenge pro Seite schon umfangreicher als bei Leseanfängern und der Text ist im Blocksatz gesetzt, sodass ich das Buch zum Selberlesen ab der dritten Klasse empfehle, zum Vorlesen dagegen ab sechs Jahren.

Gut gefallen hat mir das Zusammenwirken der Kinder trotz ihrer sehr unterschiedlichen Charaktere und die fantasievolle Beschreibung der zahlreichen Bewohner von Algravia. Etwas zu kurz gekommen ist mir dagegen das Labyrinth, zumal das Buch vom gleichnamigen Kinderspiel inspiriert wurde.

Matthias von Bornstädt & Rolf Vogt: Die drei Magier – Das magische Labyrinth. arsEdition 2017
www.arsedition.de

Øistein Borge: Kreuzschnitt

Die Spur führt weit in die Vergangenheit

„Du hast mein Leben zerstört. Jetzt habe ich deins zerstört.“ – Vor einigen Jahren hat Bogart Bull, Kommissar bei der Osloer Kriminalpolizei, den damals 19-jährigen Richard Torp wegen diverser Sexualdelikte hinter Gitter gebracht, nun, nach seiner Entlassung, hat Torp Bulls Frau und 12-jährige Tochter bei einem provozierten Autounfall getötet. Für Bull stellt sich die Frage, ob er aufgeben oder weitermachen will, und er beantwortet sie zunächst mit einem Absturz in die Alkoholsucht. Zur Retterin wird seine Chefin Eva Heiberg, die nicht nur für einen Therapieplatz sorgt, sondern ihm darüber hinaus ein halbes Jahr nach der Tragödie die Chance auf einen Neubeginn ermöglicht: Er soll als norwegischer Ermittler bei Europol für norwegische Verbrechensopfer im EU-Ausland zuständig sein.

Nachdem Bull die Stelle trotz vielfältiger Bedenken akzeptiert, hat er sofort den ersten Fall auf dem Tisch: An der Côte d’Azur wurde der norwegische Immobilieninvestor und Multimillionär in seinem Haus ermordet und der Leiche posthum ein Kreuzzeichen in den Rücken geschnitten. Gestohlen wurde lediglich ein scheinbar unbedeutendes kleines Ölgemälde, die wertvolle Kunstsammlung dagegen nicht angetastet.

Zusammen mit Kommissar Jean Moulin von der Kriminalpolizei Marseille beginnt Bogart Bull mit den Ermittlungen, die ihn erstmals seit den tragischen Ereignissen wieder aus seiner „heiligen Dreieinigkeit Haus, Grab, Büro“ hinausführen. Um den Fall zu lösen, werden die beiden Ermittler tief in die Vergangenheit blicken müssen, zu einem Künstlertreffen in Cotignac an der Côte d‘Azur im Jahr 1906 mit Henri Matisse, Edvard Munk und fünf anderen Malern des Fauvismus, darunter der junge Santiago Gaillard, zu Gaillards Neubeginn nach dem Tod seiner Frau in der Nähe von Limoges 1918 und zu einem Massaker an einer Gruppe von „Maquisards“, Kämpfern der Résistance, auf dem Gaillard-Hof 1943. Und es wird weitere Tote geben, wieder mit einem Kreuz auf dem Rücken…

Mit Bogart Bull hat der 1958 geborene norwegische Krimiautor Øistein Borge einen sehr sympathischen, vielschichtigen Protagonisten geschaffen. Auch seine verständnisvolle, kluge Chefin hebt sich wohltuend von den sonst oft dümmlichen Vorgesetzten der Ermittler ab. Außerdem hat mir die Idee, den Hauptakteur zukünftig an verschiedenen europäischen Orten einzusetzen, sehr gut gefallen, ebenso wie die nicht selbstverständliche vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen dem Europol-Abgesandten und der französischen Polizei. Allerdings waren mir die Teile in der Vergangenheit etwas zu ausufernd geschildert, obwohl ich mich eigentlich sowohl für die Résistance, als auch für Malerei interessiere.

Øistein Borge: Kreuzschnitt. Droemer 2017
www.droemer-knaur.de