Uwe Timm: Ikarien

Geschichte ist nie wirklich vergangen

Uwe Timm, geboren 1940, ist für mich einer der bedeutendsten zeitgenössischen deutschen Autoren. Sein Roman Am Beispiel meines Bruders gehört zu den Büchern, die ich auf eine einsame Insel mitnehmen würde, da ich das Buch immer wieder mit der gleichen Faszination lesen und Neues entdecken kann. Dabei bewundere ich nicht nur Uwe Timms überragende Fähigkeit im Umgang mit der deutschen Sprache, auch seinem Herangehen an die deutsche Geschichte nicht als Abrechnung, sondern als Versuch, Vergangenes zu verstehen, gehört meine Bewunderung.

Nachdem ich auf der Frankfurter Buchmesse 2017 ein Interview mit Uwe Timm und eine Lesung aus seinem jüngsten Roman Ikarien erleben durfte, war die Begeisterung sofort entfacht. Ausnahmsweise habe ich in diesem Fall allerdings nicht das Buch gelesen, sondern die glücklicherweise ungekürzte Lesung gehört, eine Coproduktion von BR2 und Random House Audio, die völlig auf Musik, Geräusche und Effekte verzichtet, so dass die gesamte Konzentration auf dem Text liegt, und das ist gut so. Ulrich Noethen liest den Text sehr zurückhaltend und erleichtert das Verständnis durch vorsichtige Betonungen und ein angenehmes Sprechtempo, so dass ich ihm sehr gerne mehr als 13,5 Stunden lang zugehört habe, ja sogar nach dem Ende spontan noch einmal mit der ersten CD begonnen habe, denn ein solcher Text lässt sich kaum beim einmaligen Hören in seiner ganzen Vielschichtigkeit erfassen.

Uwe Timm hat den Stoff für Ikarien 40 Jahre lang mit sich herumgetragen, bis er schließlich die äußere Form fand, mit der ihn erzählen konnte. Im Mittelpunkt steht der ehemalige Kommunist und Mediziner Dr. Alfred Ploetz (1860 – 1940), der Großvater von Uwe Timms Frau, der die Eugenik in Deutschland begründete, den Begriff „Rassenhygiene“ prägte und letztlich den Weg für die NS-Euthanasie ebnete. Um seine Geschichte zu erzählen, lässt Uwe Timm den deutschstämmigen jungen US-Offizier Michael Hansen 1945 ins zerstörte Deutschland kommen, wo er wegen seiner Sprachkenntnisse den Auftrag erhält, das Archiv von Ploetz zu beschlagnahmen und dessen ehemaligen Wegbegleiter, den sympathischen achtzigjährigen Anarchisten und Pazifisten, ehemals in Dachau internierten, literaturbegeisterten Kurt Wagner zu befragen. Wagner erzählt gleichermaßen seine eigene Biografie und die von Ploetz, zunächst Freund, später Ex-Freund, und liefert Mosaikstein für Mosaikstein, um den Werdegang und das Denken des Eugenikers nachzuvollziehen. Beide Männer waren als Jugendliche entbrannt für Étienne Cabets Buch Die Reise nach Ikarien, in dem dieser 1848 die Utopie einer idealen, gerechten und gleichen Gemeinschaft entwarf, in der alle Ungerechtigkeit der Natur ausgeglichen werden sollte. Ploetz und Wagner reisten 1884 nach Iowa, wo Cabets Utopie umgesetzt worden war, doch war ihr Eindruck verheerend. Ploetz jedoch hielt an der Utopie fest, nun aber überzeugt, dass zur Umsetzung eine biologische Revolution erfolgen müsse. Damit war der Grundstein für seine Forschungen an Kaninchen, seine Ideen zur „Ausjätung des Minderwertigen“ und zur Züchtung einer widerstandsfähigen Elite durch gezielte Partnerwahl  bzw. Zwangssterilisation gelegt waren. Obwohl kein Nazi der ersten Stunde, sah er doch hier die Möglichkeit zur Umsetzung seiner Ideen und übernahm nach und nach immer mehr ihres Gedankenguts.

Wieder ist es Uwe Timm hervorragend gelungen, ein wahres Stück Geschichte frei gestaltet zu erzählen, das darüberhinaus in Zeiten von Forschungen zu Designerbabys einen hochaktuellen Bezug hat. Neben der Figur Alfred Ploetz hat mich auch die sehr atmosphärische Beschreibung Deutschlands, vor allem Münchens, kurz nach Kriegsende mit den Zerstörungen, den mannigfachen menschlichen Schicksalen, aber auch den kleinen ländlichen Idyllen, die Hansen zu genießen weiß, sehr berührt.

Ein großartiger Roman und ein uneingeschränkt empfehlenswertes Hörbuch!

Uwe Timm: Ikarien. Random House Audio 2017
www.randomhouse.de

Deon Meyer: Fever

 Nach dem viralen Tsunami

Nico Storm und sein Vater Willem gehören zu den zwei Millionen Südafrikanern, die das große Fieber, den „viralen Tsunami“, der 95% der Weltbevölkerung ausgelöscht hat, und das anschließende Chaos überlebt haben. 30 Jahre später schreibt Nico seine Erlebnisse während der ersten fünf Jahre nach dem Ende der Epidemie nieder, angereichert durch protokollierte Zeugenberichte. Er beginnt mit den Worten: „Ich will euch von dem Mord an meinem Vater erzählen. Ich will euch erzählen, wer ihn ermordet hat und warum. Denn dies ist die Geschichte meines Lebens. Und es ist auch die eures Lebens, ihr werdet es sehen.“

Die Erzählung beginnt, als Nico 13 Jahre alt ist. Er muss nicht nur den Verlust seiner Mutter, seiner Freunde und seiner Heimat verkraften, er erkennt auch schnell, dass sein Vater zwar sehr klug, sensibel und sanft, aber kein Held ist, und dass er ihn deshalb in Zukunft beschützen muss. Willem Storm, Geograph, Jurist und eine Art Universalgelehrter, hat nach dem Untergang der alten Welt eine Vision: Er möchte am Staudamm in Vanderkloof eine neue Siedlung nach dem Vorbild von Platons idealem Staat gründen, eine Gemeinschaft, die moralisch handelt, ethnische Grundsätze hat und in der Mitmenschlichkeit herrscht.

Amanzi, wie die neue Siedlung genannt wird, wächst dank Willems unermüdlicher Arbeit und seinem unbeirrbaren Optimismus kontinuierlich, erobert sich nach und nach viele Errungenschaften der alten Welt zurück, doch tauchen bald auch die überwunden geglaubten Konflikte wieder auf, im Inneren genauso wie durch Bedrohungen von außen.

Deon Meyer, Südafrikas bekanntester Krimiautor, begeistert mich seit vielen Jahren mit seinen Büchern um den Ermittler Bennie Griessel und sein  Porträt der südafrikanischen Gesellschaft. Nur deshalb habe ich mich nun an seine Dystopie gewagt, ein Genre, das ich üblicherweise eher nicht lese. Nach der Lektüre der 700 Seiten kann ich sagen, dass die Grundidee des Romans mir gut gefallen hat und ich ganz besonders die einfühlsame Darstellung der konfliktreichen Vater-Sohn-Beziehung sehr gelungen finde. Auch die Diskussionen im „Komitee“, der Regierung von Amanzi, sind sehr interessant, egal ob es um die richtige Staatsform, Fragen der Religion, der Armee, das Grundgesetz oder praktische Alltagsprobleme geht. Allerdings war mir der mittlere Teil des Buches zu langatmig und die Szenen mit den bewaffneten Konflikten nehmen mir zu viel Raum ein. Hier wäre eine starke Straffung in meinen Augen angebracht gewesen. Auf den letzten gut 100 Seiten stieg die Spannung dann aber wieder deutlich an und das Ende hat mich ausgesprochen überrascht.

Selbst wenn ich in Zukunft wieder bevorzugt zu seinen Krimis greifen werde, die mir auch sprachlich besser gefallen, war es interessant, Deon Meyer hier einmal ganz anders kennenzulernen. Fans von Dystopien kommen bei Fever auf jeden Fall auf ihre Kosten, bei mir gibt es 3,5 Sterne.

Deon Meyer: Fever. Rütten & Loening 2017
www.aufbau-verlag.de

Jetzt lese ich!

Bunte Geschichten für fortgeschrittene Erstleser

Jetzt lese ich! ist ein preisgünstiger Hardcover-Sammelband mit Auszügen aus Büchern des Verlags Thienemann, ausgewählt speziell für Erstleser. Autoren wie Max Kruse, Ursula Wölfel, Michael Ende, Otfried Preußler, Christian Berg, Joachim Friedrich und Hortense Ullrich kannte ich bereits und habe mich über alte Bekannte wie das Urmel und Tamino Pinguin gefreut. Aber auch die Geschichten von mir bisher unbekannten Verfassern wie Edith Schreiber-Wicke, Christian Tielmann, Jeanette Randerath und Angelika Glitz haben mir überwiegend gut gefallen.

Inhaltlich eignen sich alle Geschichten für Erstleser und die große, sehr deutliche Schrift erleichtert das Lesen, aber als „Kunterbunte Geschichten zum ersten Lesen“, so der Untertitel, würde ich sie trotzdem nicht bezeichnen, denn dazu sind einige zu lang, die Textmenge pro Seite ist teilweise zu groß, bei manchen Geschichten fehlt eine Unterteilung in Kapitel und der Blocksatz ist schwerer zu lesen, als der sonst für Anfänger übliche Flattersatz. Besonders die wunderschöne Geschichte vom Urmel, die ausgerechnet an erster Stelle steht, ist eindeutig zu anspruchsvoll: 35 Seiten an einem Stück, schwierige Wörter wie „Seeungeheuer-Soldaten“ oder „Schiffskanonenkugeln“ oder lustige Sprachfehler wie „Schwantschspitsche“ könnten echte Lesestarter entmutigen.

Eingesetzt ab dem Ende der zweiten Klasse ist das Buch allerdings sehr empfehlenswert, wobei meine Favoriten „Mein bester Freund und das Verlieben“ von Joachim Friedrich und „Zahlen her, sagt der Bär“ mit den Rechen-Vierzeilern von Edith Schreiber-Wicke sind.

Jetzt lese ich! Thienemann 2012
www.thienemann-esslinger.de/thienemann

Frank Goldammer: Tausend Teufel

Ein aufrechter Kommissar als Hoffnungsstifter

Max Heller, inzwischen „Genosse Oberkommissar“, ist wieder da! Spielte der Auftakt der Dresden-Krimi-Serie, Der Angstmann, zwischen November 1944 über die Zerstörung der Stadt am 13. Februar 1945 bis zur Besetzung durch die Sowjetarmee im Mai 1945, so ist Tausend Teufel 1947 angesiedelt. Die politische Führung ist ausgewechselt, doch sind viele Probleme dieselben geblieben: Kälte, Hunger, Wohnungsnot, Schwarzmarkthandel, Raubmorde, fehlende ärztliche Versorgung, die Politik mischt sich in polizeiliche Ermittlung ein und für Heller, den man bis 1945 zu einem NSDAP-Beitritt nötigen wollte, wäre nun eine SED-Mitgliedschaft karrierefördernd. Doch Max Heller ist keiner, der mit den Wölfen heult. Gleichzeitig sitzen einige der Verbrecher des Dritten Reiches schon wieder in Ämtern und bekleiden hohe Posten, wie der für den aktuellen Fall zuständige Staatsanwalt.

Dieser neue Fall ist äußerst heikel: zwei russische Offiziere wurden ermordet aufgefunden, neben einer der Leichen liegt ein Rucksack mit einem Kopf. Hängen die beiden dilettantisch ausgeführten Brandanschläge auf das vor allem bei russischen Offizieren beliebte Lokal „Schwarzer Peter“ und auf eine Versammlung der „Opfer des Faschismus“ damit zusammen? Handelt es sich um eine Fehde unter Russen oder um einen Angriff auf die ungeliebten sowjetischen Streitkräfte, die die Bevölkerung hungern lassen und keine Menschen, sondern Teufel in ihnen sehen?

Max Heller und sein Assistent Werner Oldenbusch sind weitgehend auf sich alleine gestellt, denn die einzige Qualifikation ihres neuen Chefs, eines ehemaligen Fleischers, ist das Parteibuch. Daneben haben die SMAD, Sowjetische Militäradministration Deutschlands, mit ihrem Dresdner Chef Medvedev und das MWD, Ministerium für Innere Angelegenheiten, mit dem Geheimdienstmann Ovtscharov ein gewichtiges Wort bei den Ermittlungen mitzureden, werfen Heller immer wieder Knüppel zwischen die Beine und sparen nicht mit Drohungen. Doch eines wird schnell klar: Das Lokal „Schwarzer Peter“, in dem nicht nur gegessen und getrunken wird, und sein zwielichtiger Chef Josef Gutmann sind der Schlüssel zur Lösung des Falles, bei dem es nicht bei drei Leichen bleibt…

Wieder ist es Frank Goldammer gelungen, einen spannenden, klug aufgelösten Kriminalfall mit einem überaus gruseligen Showdown in einen sehr atmosphärisch beschriebenen historischen Kontext zu integrieren. Auch wenn die Stimmung aufgrund der misslichen Lage der Bevölkerung, besonders der Kinder, der Schikanen durch die Besatzer, des Nazitums in vielen Köpfen und der brutalen Mordfälle düster ist, so ragen doch Max Heller als sehr sympathischer, grundehrlicher, unbeugsamer, um Gerechtigkeit kämpfender Polizist mit Herz und Augenmaß und seine Frau Karin als Hoffnungsstifter aus der Menge heraus.

Ich freue mich auf Band drei im Juni 2018!

Frank Goldammer: Tausend Teufel. dtv 2017
www.dtv.de

Ken Follett: Die Säulen der Erde

Leider ein sehr plattes, langatmiges Hörerlebnis

Nachdem gerade der dritte Teil von Ken Folletts berühmter Historienserie um die Stadt Kingsbridge erschienen ist, wollte ich den ersten Band, Die Säulen der Erde, endlich wenigstens in der Hörfassung kennenlernen. Historische Romane sind eigentlich nicht mein Genre, den ebenfalls im Mittelalter angesiedelten historischen Roman/Krimi Der Name der Rose von Umberto Eco war für mich aber sehr unterhaltsam, spannend und informativ – ganz im Gegensatz zu dieser Historiensoap, die ich als langatmig, absolut platt, vorhersehbar, kitschig und klischeehaft empfunden habe. Sicher war es nur die auf 12 CDs und 825 Minuten gekürzte, bearbeitete Lesung und nicht das über 1000 Seiten umfassende Buch, aber wie man diesen mageren Stoff noch mehr aufblähen kann, ist mir absolut schleierhaft.

Die Handlung spielt in den Jahren 1135 bis 1174 in einem durch Thronfolgestreitigkeiten erschütterten England. Dreh- und Angelpunkt ist der Bau einer Kathedrale in der fiktiven englischen Stadt Kingsbridge. Eine Gruppe sehr guter Menschen um den Prior Philip möchte als Zeichen für den Frieden eine Kathedrale errichten, eine Gruppe von abgrundtiefen Schurken versucht das mit allen möglichen Intrigen zur verhindern. Damit ist der Inhalt bereits in großen Teilen zusammengefasst. Angereichert wird die Handlung durch diverse Liebesgeschichten, alle möglichen Klischees über das Mittelalter und eine unfassbare Häufung von Zufällen. Was mich jedoch besonders gestört hat, waren einerseits die Polarisierung in Schwarz und Weiß ohne alle Grautöne und ohne eine spürbare Entwicklung der Charaktere, die sexualisierte Beschreibung von Frauen, die Gewaltdarstellungen und die einfache, monotone Sprache, wobei ich nicht beurteilen kann, welchen Anteil daran die Übersetzung bzw. die Bearbeitung hat. Die Dialoge und die z. T. recht emanzipierten Frauen wirkten auf mich eher zeitgenössisch als mittelalterlich. Auch ist die Kathedrale nie vor meinen Augen entstanden.

Der Sprecher, Joachim Kerzel, liest den Text solide, aber emotionslos, und versucht nicht, den verschiedenen Protagonisten durch Modulation der Stimme ein Eigenleben zu geben. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass er sich beim Vorlesen genauso gelangweilt hat wie ich beim Zuhören, aber das mag eine Überinterpretation sein.

Ken Follett: Die Säulen der Erde. Lübbe Audio 1997
www.luebbe.de/luebbe-audio

Petri Tamminen: Meeresroman

„Gegen den Rückschritt gibt es nur ein Mittel: immer wieder von vorn anfangen.“ (Teresa von Avila, 1515 – 1582)

Die Entdeckung dieses Romans verdanke ich der persönlichen Empfehlung einer Mitarbeiterin des mareverlags auf der Frankfurter Buchmesse 2017. Es ist eine kleine Perle des Literaturmarkts, die ich sonst vielleicht übersehen hätte, deshalb bin ich überaus dankbar für den Hinweis!

Schon äußerlich besticht das kleine Büchlein durch seine zurückhaltende, sehr hochwertige Gestaltung. Der geprägte Einband in den Farben grau, schwarz und orange, die beiden Segelboot-Silhouetten auf den schier unendlichen Wellen, das graue Lesebändchen, der Farbschnitt in orange, die Typografie und besonders die seltene Fadenheftung machen diesen Roman zu einem der am schönsten gestalteten Büchern in diesem Jahr. Auf keinen Fall sollte man hier zum E-Book greifen, man würde sich um großes haptisches Vergnügen bringen!

Petre Tamminen, finnischer Autor und geboren 1966 in Helsinki, erzählt in Meeresroman die Lebensgeschichte des Vilhelm Huurna aus Askainen in der Nähe von Turku. Ein Schiffbruch mit einer Jolle als 16-Jähriger hält ihn nicht davon ab, das Kapitänspatent zu erwerben. Fünf weitere Schiffe verliert er im Laufe seines Lebens, empfindet jedes Mal zuerst ein Erschrecken über die Unvollendetheit seines Lebens und dann das Glück, wieder einmal lebend davongekommen zu sein: „Die Schiffe waren untergegangen, nicht er.“ Immer wieder kehrt er geschlagen und voller Selbstzweifel per Schiff, mit dem Zug oder zu Fuß nach Hause zurück, geplagt von Selbstzweifeln und mit dem festen Vorsatz, das Leben auf dem Meer aufzugeben, was seine Geldgeber, die Hofherren, die ihm nie die Unterstützung entziehen, zu verhindern wissen. Doch nicht nur das Seepech heftet an ihm, auch privat hat der linkische, schüchterne Mann kein Glück. Aber was heißt eigentlich überhaupt Glück?

Mich hat dieses zugleich melancholische wie Mut machende Büchlein beeindruckt wie vor einigen Jahren Robert Seethalers Ein ganzes Leben. In beiden Romanen wird ein höchst dramatisches Lebensschicksal in einer sehr klaren, reduzierten Sprache ganz undramatisch erzählt, genau wie die unspektakulären Titel es versprechen. Bei Meeresroman trägt nicht zuletzt die gelungene Übersetzung von Stefan Moster, den ich auch als Autor schätze und der hier zurecht bereits auf dem Einband genannt wird, zu einem rundum beeindruckenden Leseerlebnis bei. Es ist eines der Bücher, die im Gedächtnis bleiben.

Petri Tamminen: Meeresroman. mare 2017
www.mare.de

Torsten Seifert: Wer ist B. Traven?

Auf den Spuren eines Mythos

Schriftsteller, die unerkannt bleiben wollen, gibt es nicht erst seit Elena Ferrante, auch früher gab es bereits Autoren, die durch Verschleierung ihrer Identität zum Mythos wurden. Ein solches Geheimnis der Literaturwelt ist der Verfasser der im 20. Jahrhundert sehr erfolgreichen Romane Das Totenschiff und Der Schatz der Sierra Madre, der sich B. Traven nannte.

Die spannende Frage ist dabei natürlich, warum uns die Person hinter dem Buch so sehr interessiert, dass Belohnungen zu ihrer Identifizierung ausgesetzt werden und sich heute wie damals Journalisten und Hobbydetektive aufmachen, um das Geheimnis zu lösen. Warum reicht es uns eigentlich nicht, die Bücher zu lesen und für gut oder schlecht zu befinden, warum brauchen wir unbedingt ein Gesicht dazu?

In Torsten Seiferts 2017 mit dem Blogbuster-Preis der Literaturblogger ausgezeichnetem Abenteuerroman Wer ist B. Traven? versucht der junge amerikanische Journalist mit jüdisch-deutschen Wurzeln Leon Borenstein das Rätsel um B. Traven, um den sich „ein Sack voller Theorien und Gerüchte“ ranken, zu entschlüsseln. Zunächst ist es ein rein beruflicher Auftrag, eher halbherzig begonnen, der jedoch im Laufe seiner Recherchen zu einer Mission auf eigene Faust wird: „Jetzt aufzugeben war keine Option, dafür hatte ihn das Traven-Geheimnis längst viel zu tief in seinen Bann gezogen.“ Nicht zuletzt möchte er mit einem Ermittlungserfolg auch María beeindrucken, eine geheimnisvolle, schöne junge Frau, die er am Ort seiner ersten Nachforschungen kennen- und lieben gelernt hat: am Drehort des später mit Oscars ausgezeichneten Films „Der Schatz der Sierra Madre“ in Mexiko 1947, wo sie ihn noch mehr fasziniert als der Regisseur John Huston oder sein Schachpartner in Drehpausen Humphrey Bogart. Wien und wieder Mexiko sind die Orte, an denen Leon das Geheimnis zu lüften versucht, immer in dem Wissen, dass andere vor ihm dieses Vorhaben mit ihrem Leben bezahlt haben. Er begegnet vielen Legenden, die sich um den Mythos ranken, trifft auf Menschen, die bestrebt sind, die Anonymität Travens zu wahren und solche, die ihm zu helfen scheinen – bis zum überraschenden und gefährlichen Showdown.

Torsten Seifert ist tief in die rätselhafte Materie eingedrungen, verwebt zahlreiche Gerüchte und Spuren in seinen abenteuerlichen Roman und lässt in einer Mischung aus Fiktion und Wahrheit seinen fiktiven Helden Leon immer wieder in Sackgassen landen. Parallel zur Lektüre habe ich mir eine sehr interessante Dokumentation der BBC zum Fall Traven im Internet angesehen, die ganz wesentlich zum Verständnis des Romans und zur Übersicht über das nicht immer ganz leicht zu durchschauende Geschehen beigetragen hat.

Insgesamt hat mir die Lektüre größtenteils Spaß gemacht und ich habe einiges über den mir bis dahin unbekannten Autor B. Traven erfahren. Die Stärke von Torsten Seifert liegt für mich in der Schilderung unterschiedlichster Schauplätze. Die Faszination Leons für die Aufdeckung von Travens Identität hat sich dagegen nicht vollständig auf mich übertragen.

Torsten Seifert: Wer ist B. Traven? Tropen 2017
www.klett-cotta.de

Paul Maar: Das Sams feiert Weihnachten

Frohe Weihnachten mit dem Sams!

Das Sams hat meine drei Kinder nicht nur durch die Kindheit begleitet und uns Eltern großen Spaß gemacht, es hat bis heute einen Ehrenplatz im Bücherschrank und jeder neue Band wird weiterhin ergänzt, auch wenn inzwischen alle erwachsen sind, denn aus dem Sams-Alter wächst man einfach nie hinaus! Deshalb war die Freude darüber, dass Paul Maar auch mit 80 noch einen neuen Band geschrieben hat, riesengroß. Der neue Teil Das Sams feiert Weihnachten schließt nicht an den achten und bisher letzten an, sondern könnte, so der Autor im Vorwort, im ersten Drittel des dritten Buches spielen, und damit zu einer Zeit, als das Sams gerade keine Wunschpunkte hatte.

„Geschichten höre ich über-ober-gerne“, sagt das Sams, und wir lesen einfach jede Sams-Geschichte über-ober-gerne, auch diese, die von Sams‘ erstem Menschen-Weihnachtsfest erzählt. Wir erleben, wie es kalt und regnerisch wird und das Sams nicht etwa etwas Warmes, sondern etwas Wärmendes zum Anziehen braucht, den ersten Schnee, Advent, Nikolaus, Plätzchenbacken, die Weihnachtsgeschichte und schließlich ein rundum gelungenes Weihnachtsfest, bei dem die Geschenke nicht im Vordergrund stehen und sogar Frau Rotkohl sympathisch wird. Das Sams reimt wie immer munter drauflos, nimmt alles super wörtlich, stellt herrlich witzige Fragen mit der gewohnt herzerfrischenden Naivität, verhindert, dass es zu sentimental wird und hat einen nicht zu stillenden Würstchenhunger. Kurzum: Alles wie immer.

Wirklich? Nein, leider nicht ganz, denn die inzwischen farbigen Illustrationen stammen nicht mehr von Paul Maar selbst, sondern von Nina Dulleck. Ihr ist die Gestaltung der Seiten mit Sternen, Würstchen, Tannenzweigen, Wassertropfen, Schneeflocken, Päckchen und den schlittenfahrenden Kindern sehr gut gelungen und in dieser Hinsicht macht es Spaß, den weihnachtlich gestalteten Text zu lesen. Aber das Sams ist nicht mehr das Sams, Herr Taschenbier nicht mehr Herr Taschenbier, Frau Rotkohl nicht mehr Frau Rotkohl und Herr Mon nicht mehr Herr Mon. Das bedauern wir ganz außerordentlich und hätten eine nachträgliche Kolorierung wie im Falle der Preußler-Bände, gerne auch mit Ergänzungen, für die wesentlich bessere Lösung gehalten. Unsere alten Bände mit den Originalillustrationen werden wir nun umso mehr in Ehren halten, selbstverständlich jedoch ohne deshalb auf die hoffentlich noch erscheinenden Folgebände zu verzichten!

Paul Maar: Das Sams feiert Weihnachten. Oetinger 2017
www.oetinger.de

Andrea Weller-Essers: Elefanten

Alles über die grauen Riesen

Band 86 Elefanten aus der Kinder- und Jugendsachbuchreihe Was ist was ist im Oktober 2017 in der inhaltlich und gestalterisch neu konzipierten Fassung erschienen. Die Autorin Andrea Weller-Essers hat Philosophie und Deutsch auf Lehramt studiert, ist also nicht wie früher bei der Reihe üblich „vom Fach“, sondern arbeitet als freiberufliche Redakteurin und Autorin für Kinder- und Schulbuchverlage. Verglichen mit den Bänden, die noch im Regal meiner inzwischen erwachsenen Töchter stehen, sind durch diesen Wechsel von Wissenschaftlern hin zu Pädagogen die Texte einfacher, verständlicher und kürzer geworden, der Zugang erfolgt vor allem über die teils groß-, teils kleinformatigen, sehr gut ausgewählten Bilder. Außerdem ist die Typografie nun moderner, bunter, abwechslungsreicher, aber trotzdem weiterhin sehr übersichtlich und keinesfalls unruhig. Wurden die Bände der Reihe früher meiner Erfahrung nach viel zu jungen Leserinnen und Lesern in die Hand gedrückt, besteht die Altersangabe „ab acht“ nun zu recht, denn die Kinder können anhand der Bilder selbst entscheiden, welche Texte sie lesen möchten.

Der Band Elefanten gliedert sich in vier am oberen Rand farblich abgesetzte Kapitel:

  • „Friedliche Riesen“ umfasst ein Interview mit dem Leiter des Elefantenreviers im Heidelberger Zoo, zeigt die Lebensräume der Tiere und die Steckbriefe der verschiedenen Elefantenarten, ihre anatomischen Besonderheiten und ihrer aktuellen und ausgestorbenen Verwandten.
  • In „Leben in der Herde“ geht es um die Verhaltensbiologie der Tiere.
  • „Elefanten und Menschen“ zeigt die Rolle der Elefanten in Asien und das Leben im Zoo.
  • Um die Themen Wilderei, Elfenbein, Nationalparks und Höhlenelefanten geht es in „Riesen in Not“.

Rekordliebhaber kommen bei den Zahlen auf ihre Kosten, Abschnitte wie „Schon gewusst“, „Fanny Fact“ oder „Angeberwissen“ heben spannende Details extra hervor. Ein kurzes Glossar am Ende rundet den sehr gelungenen Band wie üblich nach 48 Seiten ab. Kinder, Jugendliche und Erwachsene sind nach der unterhaltsamen Lektüre garantiert schlauer!

Andrea Weller-Essers: Elefanten. Tessloff 2017
www.tessloff.com

Mavis Doriel Hay: Geheimnis in Rot

Der Santa-Klaus-Mord

Im Herbst 2016 erschien unter dem Titel Geheimnis in Weiß von Joseph Jefferson Farjeon (1883 – 1955) ein klassischer englischer Kriminalroman aus dem Jahr 1937 erstmals beim Verlag Klett-Cotta auf Deutsch in einer wunderschönen flexiblen Leinenausgabe mit Lesebändchen. In gleicher Aufmachung und wieder an den Weihnachtstagen spielend, gibt es nun ein Jahr später erneut einen Krimiklassiker erstmals auf Deutsch: Geheimnis in Rot von Mavis Doriel Hay aus dem Jahr 1936, der mir sogar noch eine Spur besser gefallen hat.

Gegen den Rat seiner Schwester Mildred hat Sir Osmond Melbury zum Weihnachtsfest 1935 wieder seine ganze Familie nach Flaxmere, dem gregorianischen Familiensitz aus dem 18. Jahrhundert in der Nähe von Bristol, beordert. Anwesend sind die fünf erwachsenen Kinder, eine Schwiegertochter, zwei Schwiegersöhne, der vom Vater abgelehnte Freund der jüngsten Tochter sowie der von ihm favorisierte Kandidat, die vor kurzem gegen eine jüngere, attraktive Haushälterin ausgetauschte und aus dem Haus verbannte Schwester des Familienoberhaupts, die ihm lange Jahre den Haushalt geführt und die Kinder versorgt hat, eben jene neue Haushälterin sowie diverse Enkel unterschiedlichen Alters. „Sie waren also alle da, fast alle mit einem guten Grund, Sir Osmond den Tod zu wünschen, wie wir später auf so unerfreuliche Weise feststellen mussten, und nur wenige mit einem Grund, ihm ein langes Leben zu wünschen“, notiert einer der Gäste später. Denn als alle fast schon aufatmen und es so aussieht, als ob alles gut verlaufen wäre, wird Sir Osmond, der wie immer so gekonnt eine Atmosphäre von Misstrauen, Unbehagen und Spannungen verbreitet hat, in seinem Arbeitszimmer erschossen aufgefunden. Colonel Halstock, ein alter Freund der Familie, nimmt mit seinen Untergebenen die Ermittlungen im Familien- und Bedienstetenkreis auf, eine schwierige Aufgabe, weil jeder irgendjemanden schützen oder irgendetwas verheimlichen will.

Mit Hilfe des glücklicherweise vorn und hinten im Buch abgedruckten Lageplans der Räume im Erdgeschoss von Flaxmere habe ich die Vernehmungen und Gedankengänge des Colonels verfolgt, bin mehrmals auf falsche Fährten gelockt worden und habe erst sehr spät die tatsächlichen Zusammenhänge durchschaut. Die solide Ermittlungsarbeit anstatt genialer Geistesblitze, ein Opfer, mit dem kaum jemand richtig Mitleid hat, die Erzählweise aus der Sicht verschiedener Anwesender und des Colonels sowie die Atmosphäre erzwungener Weihnachtsharmonie in einer Familie, in der man sich auseinandergelebt hat, sind die wohldurchdachten Zutaten zu diesem wunderbar englisch-altmodischen Krimi. Wie ein Schwarz-Weiß-Film lief das Geschehen vor meinen Augen ab und gipfelte im nachvollziehbaren Schlusssatz: „Bei den Melburys herrscht stillschweigendes Einvernehmen darüber, dass es keine weihnachtlichen Familientreffen in Flaxmere mehr geben wird“.

Bleibt zu hoffen, dass der Verlag Klett Cotta auch 2018 wieder eine solche weihnachtliche Krimiperle präsentiert!

Mavis Doriel Hay: Geheimnis in Rot. Klett-Cotta 2017
www.klett-cotta.de