Elisabeth Strout: Mit Blick aufs Meer

  Nicht weglaufen vor dem eigenen Hunger

 

Zwei Klammern halten die 13 Erzählungen in Elisabeth Strouts 2009 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Erzählband Mit Blick aufs Meer zusammen: die fiktive US-Kleinstadt Crosby an der nördlichen Küste von Maine und die ehemalige Mathematiklehrerin Olive Kitteridge, nach der die 2008 erschienene Originalausgabe benannt ist.

Autokennzeichen Maine. © M. Busch

 

Crosby ist ein Durchschnittsstädtchen mit Kirche, Grange Hall der Farmervereinigung und Lebensmittelladen. Genauso durchschnittlich sind seine Bewohnerinnen und Bewohner, die in den Geschichten abwechselnd aus dem Schatten ins Rampenlicht treten. Es sind Menschen wie der Psychiater Kevin Coulson aus New York, der in „Flut“ mit Selbstmordabsichten in seinen Heimatort zurückkehrt, die  Barpianistin Angela O’Meara aus „Frau am Klavier“ mit Alkoholproblemen und unglücklichen Männerbeziehungen, die magersüchtige Nina White, die in „Hunger“ die verwitwete Daisy und den verheirateten Harmon noch enger zusammenschweißt, oder Julie Harwood, die in „Flaschenschiff“ am Hochzeitstag von ihrem Verlobten im Stich gelassen wird.

Beim Bummel durch Crosby werfen wir einen Blick auf die Wendepunkte in ihrem Dasein, um uns dann der nächsten Figuren zuzuwenden. Lediglich Olive Kitteridge ist in allen Geschichten präsent, mal am Rande, mal im Zentrum. Ihr Leben und das ihrer Familie gibt Orientierung und steckt den zeitlichen Rahmen über mehrere Jahrzehnte ab.

Der Atlantik in Maine. © M. Busch

Raue Schale, weicher Kern
Als ehemalige Mathematiklehrerin an der Crosby Junior High School kennt Olive jede und jeden im Städtchen. Dort wie in ihrer Familie wird sie mehr gefürchtet als gemocht. Ihre scharfe Zunge, ihr aufbrausendes Temperament und ihre radikale Ehrlichkeit sind anstrengend und berüchtigt. Nicht nur ihr gutmütiger, allseits beliebter Mann Henry, sondern vor allem ihr Sohn Christopher haben darunter zu leiden. Doch Olive wäre nicht Olive, wenn sie es nicht zugeben könnte: 

… tief in mir sitzt etwas, und ab und zu pumpt es sich voll wie der Kopf eines Tintenfisches und stößt einen Schwall von Schwärze aus. Ich habe mir das nicht ausgesucht, aber so wahr mir Gott helfe, ich habe meinen Sohn geliebt. (S. 95/96)

 Zugleich aber kann Olive, die den Smalltalk hasst, aber in Notfällen zur richtigen Zeit am richtigen Ort auftaucht und die richtigen Worte findet, ebenso einfühlsam wie verletzlich sein. Sie verabscheut ihre Korpulenz und Grobknochigkeit, möchte geliebt werden und lieben: 

„Ich bin auch am Verhungern“, sagte Olive. Das Mädchen schaute zu ihr herüber. „Klar“, sagte Olive. „Oder was glaubst du, warum ich jeden Doughnut esse, den ich in die Finger kriege?“ (S. 126/127)

Das Herausragende im Alltäglichen finden
Immer wieder hat mich Mit Blick aufs Meer an die wundervollen Bücher von Kent Haruf erinnert, die alle im Städtchen Holt, Colorado, spielen. Hier wie dort stehen ganz gewöhnliche Menschen mit ihren alltäglichen Höhen und Tiefen im Mittelpunkt, geht es um Jugend und Alter, Eheprobleme und Ehefreuden, Familie, Tod, Befreiungsschläge und immer wieder um den  Kampf gegen die Einsamkeit. Elisabeth Strout hat mich mit diesem ebenso emphatisch wie kitschfrei erzählten Buch bestens unterhalten und Olive Kitteridge ist als Romanfigur unvergesslich, nicht nur wegen Lebensweisheiten wie dieser: 

Vor seinem eigenen Hunger darf man nicht weglaufen. Wer vor seinem eigenen Hunger wegläuft, ist auch nur eine Schießbudenfigur wie all die anderen. (S. 255)

Elisabeth Strout: Mit Blick aufs Meer. Aus dem Amerikanischen von Sabine Roth. btb 2012
www.randomhouse.de

Hideo Yokoyama: 50

  Ein aufgeklärter Mord mit rätselhaften Begleitumständen

Der Kriminalroman 50 des 1957 geborenen japanischen Investigativ-Journalisten Hideo Yokoyama ist nach Vicky Baums modernem Klassiker Vor Rehen wird gewarnt die zweite empfehlenswerte Neuerscheinung aus dem Frühjahrsprogramm 2020 der Verlage Atrium/Arche.

Respekteinflößend liest sich das Personenverzeichnis mit 67 Figuren aus Polizei, Justiz, Justizvollzugsdienst und Presse sowie Zivilpersonen; nicht immer einfach, zumal mit japanischen Namen, aber durchaus zu meistern.

Offene Fragen
Der Kriminalfall ist zu Beginn eigentlich bereits aufgeklärt. Sōichirō Kaji, Polizeihauptmeister und Vizeleiter der polizeilichen Ausbildungsabteilung, gesteht den Mord an seiner schwer an Alzheimer erkrankten Frau, mutmaßlich eine Tötung auf Verlangen. Drei Umstände überraschen allerdings: Warum beging Kaji, den Kollegen als sanftmütigen, verantwortungsvollen Menschenfreund beschreiben, nicht Suizid, um die durch den Mord in ihren Grundfesten erschütterte Präfekturpolizei zu schützen? Wo und womit hat er die beiden Tage nach der Tat verbracht, bevor er sich der Polizei stellte? Und was hat es mit seiner offensichtlich neu angefertigten Kalligrafie mit dem Text „Der Mensch lebt fünfzig Jahre“ auf sich, die die Polizei in der Wohnung des 49-Jährigen findet?

Ein Staffellauf zur Wahrheit
In sechs Teilen des Romans geben diese Fragen nacheinander dem Hauptkommissar im Dezernat für Gewaltverbrechen Kazumasa Shiki, dem Staatsanwalt Morio Sase, dem Journalisten Yōhei Nakao, dem Anwalt Manabu Uemura, dem Richter Keigo Fujibayashi und dem Justizvollzugsangestellten Seiji Koga Rätsel auf und vor allem Shiki verbeißt sich in ihre Lösung. Jeder dieser Männer gibt nach seinem Scheitern den Staffelstab an den nächsten weiter. Währenddessen schreckt die Polizeiverwaltung auch vor illegalen Tricks zur Verschleierung von Kajis Aufenthalt während der fraglichen Tage nicht zurück, denn es besteht der unerhörte Verdacht, Kaji hätte sich nach der Tötung seiner Frau im Kabuki-Viertel, dem traditionellen Rotlichtviertel Tokios, aufgehalten. Ruf und Ehre der Polizei stehen auf dem Spiel.

In erster Linie Gesellschaftsporträt
5o
war 2003 Hideo Yokoyamas erster Kriminalroman und erscheint nun nach 2 und dem 2019 mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichneten 64 ebenfalls auf Deutsch, von Nora Bartels flüssig und angenehm zu lesen aus dem Japanischen übersetzt. Für mich stand allerdings nicht die Krimihandlung im Vordergrund, sondern vielmehr das Porträt der aktuellen japanischen Gesellschaft und Kultur, dargestellt anhand der Biografien der ausschließlich männlichen, mit ihren Lebensumständen unzufriedenen Protagonisten. Die starren hierarchischen Strukturen in Polizei, Justiz und Presse, die Mauscheleien zwischen Polizei und Justiz und die Bedeutung des Ehrbegriffes haben mich in dieser Ausprägung überrascht. Schockierend ist die Rolle der Frauen, die es im Berufsleben maximal zur Schreibkraft bringen und zuhause die Aufgaben der bescheiden auftretenden Ehefrauen, Mütter, Pflegekräfte der Schwiegereltern und bestenfalls Ratgeberinnen ihrer Ehemänner erfüllen. Spannung stellte sich dagegen erst allmählich ein, zu nebensächlich erschien mir zunächst die Frage nach dem Verbleib Kajis an den Tagen nach dem Mord. Doch dann riss mich das Beharrungsvermögen vor allem Shikis immer mehr mit und das überraschende Ende hat mich schließlich überzeugt.

Ein Augenschmaus
Auffallend gut gelungen sind das übersichtliche Layout mit den vertikalen Elementen, das besondere Cover und vor allem der raffinierte rot-weiße Schnitt mit der Zahl 50 und der japanischen Flagge. Wie könnte ein E-Book hier jemals konkurrieren?

Hideo Yokoyama: 50. Aus dem Japanischen von Nora Bartels. Atrium 2020
www.buecherwege.de/atrium

Christian Seltmann & Joëlle Tourlonias: Monstergeschichten

Lesen lernen mit Monster Max

Wer hätte gedacht, dass Monster Max heißen können und sich die Zähne putzen? Monster sind eben anders, als man denkt, das erfährt Henri hautnah, als seine Tante Inge aus Argentinien ihm ein kleines pelziges Wesen schickt. Mit einem Monster wie Max kann es ganz schön gefährlich werden, aber auch lustig und lehrreich. Leider kommen die Postkarten von Tante Inge mit den Tipps zum Umgang mit dem neuen Hausgenossen immer einen Tick zu spät…

Die Monstergeschichten von Christian Seltmann aus der Arena-Erstlesereihe Der Bücherbär bestehen aus vier Einzelepisoden, die zusammen eine durchgehende Geschichte bilden. Mit der großen Fibelschrift, kurzen Textabschnitten mit sehr kurzen Zeilen im Flattersatz und überwiegend einfachen Wörtern eignen sie sich für Erstklässlerinnen und Erstklässler, die bereits alle Buchstaben gelernt haben. Die farblich in Schwarz und Blau abgesetzten Silben vereinfachen das Lesenlernen und verhelfen zu ersten Erfolgserlebnissen. Eingestreut sind außerdem Verständnisfragen und Rätsel, deren Lösungen man auf den letzten beiden Seiten findet.

Die vielen aussagestarken Illustrationen und Gestaltungselemente von Joëlle Tourlonias sind nicht nur hübsch anzusehen, sondern passen auch ausgezeichnet zum Text und unterstützen so das Leseverständnis.

Christian Seltmann & Joëlle Tourlonias: Monstergeschichten. Arena 2020
www.arena-verlag.de

Monika Helfer: Die Bagage

  Schwierige Herkunft

 

Der Roman beginnt fast idyllisch mit einer Frau, die Wäsche zwischen zwei Kirschbäumen aufhängt – wäre da nicht der Schatten, der auf das Haus fällt. Die Frau ist Maria Moosburger, Großmutter der österreichischen Autorin Monika Helfer, das Haus liegt im hintersten Bregenzerwald und die Familie mit vier Kindern lebt ganz hinten im Tal, abgeschieden und bitterarm:

Sie wohnten dort, weil ihre Vorfahren später gekommen waren als die anderen und der Boden am billigsten war, und am billigsten war der Boden, weil die Arbeit auf ihm so hart war. Am letzten Ende hinten oben wohnten Maria und Josef mit ihrer Familie. Man nannte sie „die Bagage“. Das stand damals noch lange Zeit für „das Aufgeladene“, weil der Vater und der Großvater von Josef Träger gewesen waren, […] und im Sommer übermannshohe Heuballen in die Scheunen der Bauern trugen, das war der unterste aller Berufe, unter dem des Knechts. (S. 11/12)

Verhängnisvolle Schönheit
Nur um eines wird Maria beneidet: ihre legendäre Schönheit. Doch genau die wird ihr zum Verhängnis, als ihr Mann Josef, der die Familie mit seinen zweifelhaften Geschäften ernährt, im September 1914 eingezogen wird. Angesichts der gierigen Blicke der Männer bittet er seinen Geschäftspartner und Bürgermeister, auf Maria aufzupassen, macht damit jedoch den Bock zum Gärtner. Tatsächlich verliebt sich Maria bei einem Jahrmarktsbesuch in Georg aus Hannover, der sie und die Kinder auf dem Hof sogar besucht, aber mehr als ein Kuss ist nicht überliefert. Der Bürgermeister jedoch sieht spätestens jetzt seine Chance gekommen und Maria muss ihre Kinder als Schutzschilde einsetzen. Wer der Vater der kleinen Grete ist, die einige Monate später zur Welt kommt, wird nie geklärt: Georg, der Bürgermeister oder doch Josef, der zweimal im Fronturlaub zuhause war? Das Dorf, allen voran Pfarrer und Lehrer, ist sich jedenfalls sicher: Maria ist eine Hure, die „Bagage“ Abschaum. Auch Josef zweifelt trotz Marias Schwüren. Nie richtet er das Wort an Grete, vor der er sich ekelt, nie verprügelt er sie, um sie nicht zu berühren. Seinen anderen sechs Kindern dagegen, zwei davon nach dem Krieg geboren, ist er ein liebevoller Vater.

Eine große Erzählerin
Maria Moosburger starb mit 32 Jahren, Josef nur ein Jahr später, und auch Monika Helfers zeitlebens ein wenig seltsame und zurückgezogene Mutter Grete verstarb jung. Fortan kümmerte sich die strenge Tante Kathe, die älteste Schwester Gretes, um ihre drei verwaisten Nichten. Im hohen Alter erzählte sie von der „Bagage“ und die 1947 in Au im Bregenzerwald geborene Monika Helfer brachte die Geschichte ihrer Familie nun in Romanform zu Papier. Kaum 160 Seiten umfasst dieser zwischen vier Generationen pendelnde Roman, unglaublich bei der Fülle an Figuren und Schicksalen. Wie Skizzen wirken die Figurenzeichnungen, ohne Wertung, sprachlich äußerst knapp und doch ungeheuer lebendig. Wie jede und jeder von ihnen mit der Last seiner Herkunft auf eigene Art und Weise durchs Leben ging und geht, erzählt Monika Helfer ohne Dramatik und vor allem ohne Pathos und Kitsch. Eine ganz große Erzählerin und ein Highlight in diesem Literaturfrühling 2020.

Monika Helfer: Die Bagage. Carl Hanser 2020
www.hanser-literaturverlage.de

Anne Müller: Zwei Wochen im Juni

  Abschied von Gragaard

Anne Müllers Debütroman Sommer in Super 8 hätte ich 2018 fast verpasst, weil ich ihn zunächst in die Kategorie „Leichter Frauenroman“ eingeordnet und erst auf dringende Empfehlung einer Bücherfreundin gelesen habe. Das Buch über eine schwierige Kindheit und Jugend in den 1970er-Jahren und eine durch Schweigen gelähmten Familie hat mich dann aber überzeugt, vor allem aufgrund der genauen Beobachtungen der jungen Protagonistin Clara.

Der zweite Roman, Zwei Wochen im Juni, ist nun tatsächlich ein Buch für die Hängematte, ein Frauen-Wohlfühlroman für zwischendurch, für einen Sonntag auf dem Balkon oder für den Strand. Er liest sich leicht, macht Lust auf einen Ostsee-Urlaub in Schleswig-Holstein, wird mir aber nicht so im Gedächtnis bleiben wie der Vorgänger.

Ein Lebensabschnitt geht zu Ende
Ada
und Toni, Schwestern Mitte Vierzig, haben vor kurzem ihre Mutter verloren. Die knapp 73-Jährige ist überraschend an Herzversagen gestorben, ein gnädiger, gleichwohl zu früher Tod. Nun muss das Haus mit dem Esszimmerblick aufs Meer und einem gepflegten Bauerngarten, das Haus, in dem sie aufgewachsen sind, entrümpelt und verkauft werden. Der sensiblen Malerin Ada fällt das schwerer als Toni, hat sie doch keine eigene Familie, lediglich seit drei Jahren einen verheirateten Geliebten, einen „Schönwettermann“, „Mittagspausenanrufer“, „Mittenindernachtgeher“ und „Niemalsfrühstücksmensch“. Doch auch bei Toni, der kopfgesteuerten Studienrätin, läuft privat längst nicht alles rund und in ihrer Bilderbuchfamilie gibt es Brüche.

Während die Schwestern den Haushalt in ihrem Elternhaus in Gragaard, einem fiktiven Dorf unweit von Kappeln an der Schlei, auflösen und Kaufinteressenten herumführen, stoßen sie auf viele kleine Schätze, die ihnen Geschichten erzählen und Erinnerungen auslösen. In den beiden Wochen, die ihnen zum Abschiednehmen bleiben, begegnen sie nicht nur ihrer Vergangenheit, lernen ihre verstorbene Mutter von einer neuen Seiten kennen und kommen sich über die Rückbesinnung auf ihre Kindheit wieder näher, sondern treffen auch wichtige Entscheidungen für ihre Zukunft, in der es kein Gragaard mehr für sie geben wird.

Ein Haus zum Verlieben
Nicht bei den eher klischeehaften Protagonistinnen liegt für mich die Stärke des Romans, sondern in der atmosphärischen Schilderung des Hauses und der norddeutschen Landschaft, die mit allen Sinnen spürbar wird:

Jetzt erschien am Ende des Weges hinter alten Kastanienbäumen das große zweigeschossige Haus, „unsere Möchtegern-Villa“, wie ihre Mutter immer gesagt hatte. Ein herrlich verwinkeltes, unperfektes Haus mit einer hellen Fassade, die einen Anstrich vertragen konnte, ein Haus, das ein Locationscout vom Film vor Jahren für die Dreharbeiten zu einem Schwedenkrimi hatte mieten wollen. (S. 12)

Mit dem etwas kleineren Format liegt das Buch beim Lesen angenehm in der Hand. Sehr gelungen ist auch die äußere Gestaltung mit Umschlag und Einband in meerblauer Farbe und dem schlichten Cover, das sich in Teilen auf dem Einband wiederholt.

Anne Müller: Zwei Wochen im Juni. Penguin 2020
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Tarjei Vesaas: Das Eis-Schloss

  Magische Eiswelten

Unn ist nach dem Tod ihrer Mutter vor kurzem erst zu ihrer Tante ins Heimatdorf von Siss gekommen. Von der ersten Begegnung an fühlen sich die beiden elfjährigen Mädchen zueinander hingezogen. Dabei sind sie auf den ersten Blick ganz und gar gegensätzlich, denn Siss ist die muntere Anführerin ihrer Klasse, Unn dagegen hält sich abseits und will nicht an den Spielen der Schulkameradinnen teilnehmen. Und doch strahlt Unn Stärke aus und schließlich ist sie es, die im klirrend kalten Spätherbst die Initiative ergreift und Siss zu sich einlädt. Obwohl beide an diesem Abend verlegen sind und nicht so richtig ins Gespräch finden, spüren sie eine Verheißung:

Ihre Freundschaft lag offen vor ihnen wie ein verlockender Weg in die Zukunft. Etwas Großes war geschehen. (S. 23)

Um die Begegnung mit Siss in der Schule hinauszuzögern, unternimmt Unn am folgenden Tag einen verbotenen Ausflug zum gefrorenen Wasserfall, dem „Eis-Schloss“:

Unn blickte in eine Zauberwelt aus kleinen Zinnen, Dachwölbungen, bereiften Kuppeln, weichen Bögen und verworrenem Spitzengeklöppel. Alles war Eis, und das Wasser spritzte dazwischen hervor und baute weiter. Stränge des Wasserfalls wurden vom Eis abgelenkt und schossen in neuen Betten dahin und bildeten neue Formen. Alles glänzte. Die Sonne war nicht gekommen, aber alles glänzte aus sich heraus eisblau und grün, und todkalt. (S. 50/51)

Unn ist wie verhext von diesem „Zauberschloss“, zwängt sich durch schmale Öffnungen und Spalten in immer märchenhaftere Räume, bis sich eine „Eishand“ auf sie legt, ihre Gedanken immer mehr „taumeln“ und sie schließlich in ein „blendendes Lichtmeer“ gerät, in dem sie nur noch schlafen möchte.

Mit Unns Verschwinden kommt ein Wetterwechsel, der Winter löst den frostkalten Herbst ab und Schnee bedeckt nicht nur das Dorf, den Wald, den See und das Eis-Schloss:

Der Schnee fiel und deckte alles zu, sowohl draußen als auch in den Menschen drinnen. (S. 113)

Siss wird krank. Dann, als sie das Bett wieder verlässt, übernimmt sie Unns Außenseiterrolle in der Schule, hält sich abseits und lässt sich nicht zum Mitmachen verlocken. Sie ist erstarrt, eingefroren, und erst im Frühling, als im Eis-Schloss das „erste Untergangszittern“ spürbar wird, steht auch Siss allmählich „wie in tauendem Eis“.

Tarjei Vesaas (1897 – 1979), norwegischer Romanautor, Lyriker und Dramatiker aus der Provinz Telemark, wurde für diesen 1963 auf Nynorsk erschienenen Roman 1964 mit dem wichtigsten skandinavischen Literaturpreis, dem Preis des Norwegischen Rates,  ausgezeichnet und mehrfach für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen. Mit der fantastischen Neuübersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel, dessen Name zurecht auf dem Cover steht, und der hinreißenden Gestaltung durch den Berliner Guggolz Verlag wird dieser in Norwegen sehr populäre Roman nun hoffentlich auch in Deutschland gelesen. Die glasklare Sprache voller Poesie, das fantastische Einfühlungsvermögen des damals schon 66-jährigen Vesaas in die Gefühlswelt der Mädchen, die unvergleichlichen Naturschilderungen und die Andeutungen über die  behutsam-zurückhaltende und doch beharrliche Unterstützung von Erwachsenen wie Kindern für die trauernde Siss machen dieses kaum 200 Seiten umfassende Buch zu einem ganz großen Literaturereignis.

Das Eis-Schloss gehört, wenn auch verspätet gelesen, zu meinen großen Entdeckungen beim Gastland-Auftritt Norwegens auf der Frankfurter Buchmesse 2019.

Tarjei Vesaas: Das Eis-Schloss. Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Guggolz 2019
www.guggolz-verlag.de

Mareike Fallwickl: Dunkelgrün fast schwarz

  Zu viel und zu wenig

Seit 2018 der Debütroman Dunkelgrün fast schwarz von Mareike Fallwickl erschien und teils hymnische Kritiken erhielt, hatte ich das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Nun ist diese Lücke geschlossen, Euphorie hat sich bei mir jedoch nicht eingestellt. Zwar ist das Cover ausgezeichnet gelungen und die Wiederholung der Farnblätter als Teiler zwischen Abschnitten ist originell, aber weder Handlung noch Erzählweise konnten mich überzeugen.

Aus zwei mach drei
Der Inhalt lässt sich in erstaunlich wenigen Sätzen zusammenfassen, obwohl das Buch immerhin 475 Seiten umfasst. Moritz und Raffael sind unzertrennlich, seit sie sich im Alter von drei Jahren erstmals begegneten. Seither sind die Rollen klar verteilt: Moritz ist der sensible, künstlerisch begabte, unsichere und zurückhaltende Teil des Gespanns, Raffael das „Arschlochkind“, das andere quält, manipuliert und erpresst, dabei selbstsicher und arrogant auftritt, und auf den Frauen reihenweise hereinfallen. Moritz‘ Mutter Marie und Raffaels Mutter Sabrina sind ihrer ungeplanten Schwangerschaften wegen im Städtchen Hallein bei Salzburg gelandet und dort unglückliche Außenseiterinnen. Im Jahr vor der Matura wird mit der Neuen in die Klasse, Johanna, das Duo zum Trio. Die Katastrophe nimmt ihren Lauf und nur Moritz bleibt schließlich in Hallein zurück, anstatt wie geplant die Kunstakademie in Berlin zu besuchen. 16 Jahre hört Moritz so gut wie nichts von Raffael, doch dann steht er vor der Tür, unmittelbar bevor Moritz zum ersten Mal Vater wird. Raffael ist, wenig überraschend, kriminell geworden, Moritz fällt spontan in die alte Abhängigkeit zurück. Als auch Johanna überraschend dazustößt, wird die alte Geschichte neu aufgerollt.

Erzählt wie ein Mosaik
Mareike Fallwickl erzählt in gekonntem Aufbau abwechselnd teils aus der Ich-Perspektive Maries, teils in personaler Erzählweise aus der Sicht von Moritz oder Johanna, nicht aber von Raffael. Jeder Erzählabschnitt ist durch nicht chronologisch geordnete Jahreszahlen unterteilt. Neben der Gegenwart 2017 wird unter anderem zurückgeblendet ins Jahr 1982, als Marie mit Moritz schwanger wurde, 1986, als Moritz und Raffael sich erstmals begegneten, in Etappen der Jungenfreundschaft bis zur Triobildung 2000 sowie in das dramatische Jahr danach. So entsteht ein Mosaik aus Lebenssplittern, die sich nach und nach zum Gesamtbild zusammensetzen.

Eine interessante Idee ist Moritz‘ titelgebende synästhetische Veranlagung, die ihn bei Menschen Farben wahrnehmen lässt. In Bezug auf den zurückgekehrten Raffael liest sich das so:

Das Grün ist dunkler geworden, viel dunkler, tief und massiv, fast schwarz. Es füllt den Raum, bis an die Decke strahlt es. Einst war Raffael knospengrün, raupengrün, wie Zuckererbsen in ihrer frisch geöffneten Schote, an manchen Tagen limonenhell. Schwarze Flecken hat das Grün bekommen, wie Schimmel.

Bedingt empfehlenswert
Für mich war Dunkelgrün fast schwarz an vielen Stellen eine Mischung aus einem Zuviel und Zuwenig: zu viele Seiten mit zu wenig Inhalt, zu viel Schwarz-Weiß-Malerei, zu viel unglaubwürdiges Verhalten der Personen und zu wenig Weiterentwicklung, zu viel Auserzählen und zu wenig Raum für Fantasie, zu viele Metaphern, zu viele Klischees, zu viel schlechter Sex und zu viele beschworene Emotionen. Weglegen konnte ich das Buch trotzdem nicht, dafür war ich zu neugierig auf die Ereignisse nach der Matura.

Mareike Fallwickl: Dunkelgrün fast schwarz. Frankfurter Verlagsanstalt 2018
www.fva.de

Eduardo Halfon: Duell

  Lebenssplitter

Eduardo Halfon, geboren 1971 in Guatemala und 1981 in die USA ausgewandert, lebt heute zwischen beiden Ländern und ist, nachdem er ursprünglich Industrial Engineering studierte, inzwischen Professor für Literatur unter anderem an der University of Iowa. Für mich war Duell die erste Begegnung mit seinem Werk. Was mich am meisten an diesem nur 110 Seiten umfassenden Roman fasziniert hat, sind die Themenfülle, die Herkunfts-Vielfalt seiner jüdischen Familie und die zwischen Realität und Fiktion schwebende Erzählweise.

Familiengeheimnisse

Er hieß Salomon. Er starb, als er fünf war, ertrunken im See von Amatitlán. So bekam ich es als Kind in Guatemala erzählt. Der ältere Bruder meines Vaters, der erstgeborene Sohn meiner Großeltern, mein potentieller Onkel Salomon, sei im See im See von Amatitlán ertrunken, verunglückt, als er so alt war wie ich, und seine Leiche sei nie gefunden worden.

So beginnt der Roman. Das Rätsel um den kleinen Salomon ist der rote Faden in der Geschichte. Es ist nicht das einzige Ereignis, über das die Familie Stillschweigen bewahrt. Doch viel mehr als die ebenso verschwiegene Vergangenheit des Großvaters aus Łódź, der als Einziger seiner Familie den Holocaust überlebte und nach einer sechsjährigen Odyssee durch KZs 1946 nach Guatemala kam, beflügelt der Tod des Kindes die Fantasie des Ich-Erzählers Eduardo. Zufällig aufgeschnappte Bemerkungen über Schuld verunsichern ihn. Zwei Urgroßväter Eduardos aus Aleppo beziehungsweise Beirut trugen den Namen des Königs der Israeliten, ebenso der im Ghetto von Łódź verhungerte jüngere Bruder des polnischen Großvaters. Doch nun ist der Name in der Familie tabu.

Obwohl der Vater ihm Jahre spätere, als die Familie wegen der Unruhen in Guatemala längst in Florida lebte, eine ganz andere Version erzählt, verlässt Eduardo der Gedanke an den vermeintlich Ertrunkenen nicht. 40 Jahre später kehrt er zum ehemaligen Landhaus der Großeltern am Amatitlán zurück, um der Wahrheit auf den Grund zu gehen. Aber so sehr er auch beim ehemaligen Gärtner der Familie, Don Isidoro, und bei einer Heilerin, Doña Ermelinda, nachforscht, unter den traurigen Geschichten über ertrunkene Kinder existiert keine über Salomon.

Skizzenhafte Erzählweise
Überaus kunstvoll verwebt Eduardo Halfons die Erinnerungsschnipsel aus seiner(?) Familiengeschichte. Ohne Kapitelunterteilung springt er zwischen Zeiten und Ländern und zwingt damit zu großer Konzentration. Manch ein Schicksal eines Familienmitglieds böte Stoff für einen eigenen Roman und sehr gerne hätte ich mehr gelesen. Sollte der Autor jemals ein umfangreicheres Buch schreiben – ich wäre garantiert dabei!

Rätsel gab mir nach der Lektüre der deutsche Titel Duell auf, der sich laut Klappentext auf Erfindung und Wahrheit bezieht. Ich tendiere eher zur anderen Übersetzung des Originaltitels Duelo, der auch „Trauer“ oder „Trauerzug“ bedeuten kann, passend zu den melancholischen Lebenssplittern.

Nicht zuletzt eine Suche nach Identität
Immer wieder fielen mir beim Lesen Parallelen zu Saša Stanišićs Roman Herkunft auf. In beiden Romanen beantwortet ein alter Mann die Frage nach dem Woher in gleicher, einfacher Weise, in Eduardos Fall der Gärtner:

Junger Mann, sagte er, Sie werden immer von hier sein.

Eine sehr lohnende Lektüre, die sich wegen der Leerstellen auch besonders gut für Diskussionen in Lesekreisen eignet.

Eduardo Halfon: Duell. Aus dem Spanischen von Luis Ruby. Carl Hanser 2020
www.hanser-literaturverlage.de

Markus Orths: Luftpiraten

  Blitz und Donner – was für ein Kinderbuch!

Wer bisher dachte, Luftlöcher wären einfach leerer Raum, der wird im Kinderbuch Luftpiraten von Max Orths eines Besseren belehrt. Nein, Luftlöcher sind die Behausungen finsterer Gesellen, der Luftpiraten:

„Im Gegensatz zu den Piraten auf dem Meer sind Luftpiraten hoch über den Wolken Einzelgänger. Raue Gesellen sind das, die ständig schlechte Laune haben, verbittert und griesgrämig. Und weil sie so griesgrämig sind, ist die Haut der Luftpiraten grieselgrau. Weite, lange Umhänge verbergen den mächtigen Brustkorb. So einen Brustkorb braucht ein Luftpirat, um tief Luft zu holen vor dem Brüllen. Denn ein Luftpirat brüllt oft und laut.“

Im Anderssein lautert Gefahr
Einer dieser unerfreulichen Gesellen ist Doktor Amadäus Adiaba, Luftpiratenlehrer am Johann-Sebastian-Krach-Gymnasium in der Luftstadt Ätheria, bei dem die Luftpiratenkindern in ihrem zweiten Lebensjahr das Blitzen, Streiten, Brüllen, Hässlich-Lachen und viele andere nützliche Schlüsselqualifikation lernen. Eigentlich ist er damit von der Aufzucht eigener Kinder befreit, trotzdem erhält er eines Tages ein Luftpiratenbaby im Paket zugestellt, der üblichen Zuteilungsweise des Luftpiratennachwuchses. Dem ersten Schock folgt ein zweiter: Sein Luftpiratenkind ist nicht aschgrau, wie es sich gehört hätte, sondern schneeweiß, das rechte Auge kann nicht blitzen und es schreit nicht, sondern strahlt ihn freundlich an. Der griesgrämige, verbitterte Eigenbrötler Adiaba kann es kaum fassen, aber in Windeseile erobert das Kind sein Herz. Dabei müsste er den Weißen Luftpiraten, die „Missgeburt“, eigentlich laut Luftpiratengesetzbuch sofort ertränken, anderenfalls droht ihm lebenslange Haft im Tafelberg. Stattdessen tauft er das fröhliche Kind auf den Namen Zwolle, kauft ihm zur Gesellschaft einen Luftikus und versteckt ihn vor der Gemeinschaft. Dumm nur, dass Zwolle an seinem ersten Geburtstag unbedingt wie alle anderen Luftpiratenkinder in die Schule möchte und sich nicht davon abbringen lässt. Nun wird es trotz Verkleidung und List brandgefährlich für Vater und Sohn. Ein Glück, dass Zwolle mit seinem verwandlungsfreudigen Luftikus, seiner überaus temperamentvollen Mitschülerin Franka, dem klugen Professor Theodor Rättich und dem Hauch-und-Geist-Wesen Charley Gottchen Unterstützung gegen den Alleinherrscher Peer Dekret, dessen Spiegelglatte und den gefährlichen Kugelblitz Zephyr hat…

Ein Kinderbuch mit Klassiker-Potential
Luftpiraten
ist nicht nur ein höchst spannendes Abenteuerbuch für Kinder ab acht Jahren, zum Vorlesen auch schon ab sechs, es ist ein Roman, in dem mit überbordender Fantasie eine komplexe Welt erschaffen wird. Die altersgerechten, manchmal comichaft anmutenden Illustrationen und kleinen Verzierungen in Schwarz-Weiß-Blau-Tönen von Lena Winkel sind genauso spielerisch leicht wie der Text. Besonders gut gelungen ist das Layout des gefährlichsten Kapitels Nummer 23 auf schwarzem Untergrund. Die genialen Wortspiele, vor allem rund um die Themen Luft und Wetter, machen Kindern wie Erwachsenen großen Spaß; Erklärungen wie die für die Milchstraße (die überschüssige Milch aus den Wolken, die in den Wolkereien nicht zu Wolkereiprodukten verarbeitet werden kann) oder für Platzregen (ein Luftpirat platzt vor Wut und seine 90% Wasseranteil platschen auf die Erde) sind von bestrickender Logik. Nichts wirkt in dieser Geschichte gekünstelt oder hohl, die Sprachbilder und Wortspiele sitzen und der große Spaß, den Markus Orths beim Ausdenken und Schreiben sicher hatte, überträgt sich nahtlos auf die (Vor-)Lesenden.

Markus Orths: Luftpiraten. Mit Illustrationen von Lena Winkel. Ueberreuter 2020
www.ueberreuter.de

Sara Paborn: Blybröllop

  Ende einer Ehe

Eine rabenschwarze Komödie im Stile Ingrid Nolls ist der Roman Blybröllop („Eisenhochzeit“) der 1972 geborenen schwedischen Autorin Sara Paborn, der auf Deutsch unter dem Titel Beim Morden bitte langsam vorgehen bei der DVA erschien. Ich habe ihn in der Originalsprache gelesen, was mit einem Niveau von B1/B2 problemlos möglich war. Hierbei versteht man auch das Wortspiel, das Sara Paborn vielleicht erst auf die Idee zu dieser sehr skurril-unterhaltsamen Geschichte brachte, denn die schwedische Vokabel „gift“ bedeutet sowohl „Gift“ als auch „verheiratet“.

Genug ist genug
Sechs Jahre ist es her, dass Irene genug von ihrer demütigenden Ehe mit Horst hatte. Andere hätten wohl über Scheidung nachgedacht, aber diese Lösung erschien ihr unerfreulich, fantasielos und konventionell. Stattdessen entschied sie sich für die radikalere Variante Giftmord, die ihr anstatt einer Teilung der Besitztümer eine satte Lebensversicherung bescherte. Denn ist eine Ehe nicht wie ein Krieg und muss daher mit dem Tod eines Kontrahenden enden? War Horsts Leben in den vergangenen 15 Jahren überhaupt lebenswert? Was ist schon eine Scheidung, verglichen mit einem Gifttod à la Nero? Lebte er nicht schon länger als der durchschnittliche Schweden vor 100 Jahren? Lange genug, fand jedenfalls Irene, und schritt zur Tat.

Zu Macht und Freiheit
In einem alten Notizbuch, das sie vor mehr als 40 Jahren von ihrer Mutter bekommen und für besondere Zwecke aufbewahrt hat, legt die Ich-Erzählerin sachlich und detailliert Bericht ab. Wir erfahren von der ersten Begnung mit Horst und wie enttäuschend ihre Ehe mit einem egoistischen, gleichgültigen und gefühlskalten Mann verlief, der sie und ihre geliebten Bücher aus der gemütlichen Dachkammer in den Keller verdrängte und nur für seine Kabel und seine Hightech-Musikanlage lebte. Der zufällige Fund alter Vorhänge ihrer Mutter mit den zugehörigen Bleibändern schien da wie ein Wink des Schicksals. Plötzlich hatte sie eine Vision, eignete sich Kenntnisse in Chemie an, funktionierte ihre Küche um zum Labor und stellte Bleizucker her. Zuerst war dessen Anwendung nur ein Gedankenspiel, mit dem ihre Lebensfreude zurückkehrte, doch mit dem ersten Löffel in Horsts Kaffee brach der Damm und die unscheinbare Frau verfolgte aufmerksam und neugierig die Symptome und den allmählichen Verfall ihres Opfers. Äußere Umstände begünstigten ihr Vorgehen und machten sie von Tag zu Tag mutiger und selbstbewusster. Mit Horsts zunehmender Hinfälligkeit hielt sie auf einmal beim Fernsehen die Fernbedienung in der Hand, stellte den Heizungsthermostat ein, bestimmte den Speiseplan und eroberte die Dachkammer zurück.

Bitterböser Humor
Obwohl der Ausgang des Romans von Beginn an klar war, habe ich das Geschehen und die detaillierte Schilderung des Verbrechens in Irenes Plauderton mit größter Spannung und – ich gestehe – mit einer gehörigen Portion Schadenfreude verfolgt. Wie konnte aus der duldsamen, zurückhaltenden Bibliothekarin eine derart abgebrühte Mörderin werden? Würde der arglose Horst irgendwann misstrauisch werden? Und warum konnte sie nach der Tat unbehelligt ein Häuschen auf dem Land beziehen?

Blybröllop ist eine ebenso schwarze wie vergnügliche Lektüre über eine ungewöhnliche Befreiung, bei der es die Ich-Erzählerin mühelos schaffte, mich auf ihre moralisch mehr als fragwürdige Seite zu ziehen.

Sara Paborn: Blybröllop. Brombergs 2018
www.brombergs.se