Marco Balzano: Das Leben wartet nicht

Geschichte einer gestohlenen Kindheit

Bis zum Beginn der 1960er-Jahre gab es in Italien die „Kinderemigration“. Kinder unter zwölf Jahren wurden aus dem armen Süden nach Mailand, Turin oder Genua geschickt, alleine oder mit Bekannten, wo sie bis zum 15. Geburtstag ihr Leben mit Gelegenheitsarbeiten fristeten und dann als ungelernte Arbeiter in den Fabriken schufteten.

Auch Ninetto Giacalone aus dem Dorf San Cono auf Sizilien geht nach einer entbehrungsreichen und lieblosen Kindheit als Neunjähriger mit einem Bekannten des Vaters nach Mailand, wird von den Einheimischen als „Terroni“ (Hungerleider) oder „Napulì“ geschmäht, verdingt sich unter widrigsten Umständen als Fahrradkurier und landet schließlich mit 15 Jahren und bereits verheiratet bei Alfa Romeo. Sein Ziel ist ein besseres Leben für seine Tochter, doch mit 47 Jahren macht er einen verhängnisvollen Fehler, der kaum wiedergutzumachen ist…

Marco Balzano hat in seinem zurecht mit dem Literaturpreis der Region Venetien, dem „Premio Campiello“, ausgezeichneten Roman den Kindern, denen man die Kindheit und die Zukunft gestohlen hat, ein Denkmal gesetzt. Der Ich-Erzähler Ninetto, der unter anderen Voraussetzungen Lehrer wie sein verehrtes und geliebtes Vorbild, der Dorflehrer Vincenzo di Cosimo, oder sogar Dichter hätte werden können, leidet zeitlebens unter den verpassten Möglichkeiten, auch wenn er privat mit Maddalena die Liebe seines Lebens gefunden hat. Er erzählt seine Lebensgeschichte rückblickend mit knapp 60 Jahren nach der Entlassung aus einer zehnjährigen Haft so erfrischend unverblümt, dass er mir von der ersten Seite an ans Herz gewachsen ist. Die Verschränkung der Zeitebenen ist dabei besonders gelungen, ebenso wie die Sprache und die Gedanken Ninettos.

„Manche werden als Hauptstraße geboren, manche als Sackgasse“, philosophiert Ninetto. Doch auch wenn es bei ihm keine Hauptstraße ist und er es an trüben Tagen nicht sehen kann, er hat einiges im Leben erreicht und die Sympathie der Leserinnen und Leser ist ihm und seinem Ghostwriter gewiss!

Marco Balzano: Das Leben wartet nicht. Diogenes 2017
www.diogenes.ch

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