Bernhard Schlink: Olga

Mit Bismarck beginnt und endet es

Viel Stoff hat Bernhard Schlink in diesen Roman gepackt: einen Parforceritt durch die deutsche Geschichte vom Kaiserreich bis 1971, Reisen in ferne Länder, eine unvollendete Liebesgeschichte und die Lebensgeschichte einer beeindruckenden Frau.

Olga ist von Beginn an anders. Sie steht still und schaut lieber zu, sie lernt begierig und begreift früh Bildung als ihre einzige Chance aus der Armut und weg von der ungeliebten Großmutter, sie träumt von einem Klavier, einem Füllfederhalter von Soennecken und neuen Kleidern. Der Eintritt ins Lehrerinnenseminar in Posen und die erste Stelle als Lehrerin sind die Belohnung für ihre Zielstrebigkeit, ihre Dickköpfigkeit und ihren Fleiß.

Ganz anders Herbert. Als Sohn des örtlichen Guts- und Fabrikbesitzers fehlt es ihm nicht an materiellen Gütern. Seine Passion sind das Rennen, das Schießen, das Reiten und Rudern und nur mit Mühe schafft er sein Abitur und den Eintritt ins Garderegiment. Doch seine Träume sind andere, er will mehr als „Gut, Dorf, Königsberg, Berlin oder die Garde“. Er möchte Deutschland groß machen, fantasiert von der Stärke und Schönheit reiner Rassen, alles Dinge, die für Olga hohl klingen. Und doch sind die beiden Außenseiter befreundet seit Kindertagen, werden sogar trotz aller Widerstände ein heimliches Paar. Olga akzeptiert ein Leben im Wartestand, während Herbert am Krieg gegen die Herero in Deutsch-Südwestafrika teilnimmt, durch die Welt reist und ihr ein Leben im Wartestand zumutet, nicht unähnlich dem der heimlichen Geliebten eines verheirateten Mannes. Seine Suche nach Weite ist ihr fremd, sie steht den Ideen der Sozialdemokraten nahe und lehnt die seit Bismarck grassierenden großen Gedanken der Deutschen ab. Herberts schlecht vorbereitete Arktisexedition kann sie nicht verhindern. Er wird nie zurückkehren.

Bernhard Schlink gliedert seinen Roman in drei völlig unterschiedliche Teile. Der erste erzählt Olgas Leben bis zu ihrer Vertreibung aus Schlesien 1945 und wird in kurzen Kapiteln mit oft großen Zeitsprüngen schlaglichtartig, sehr spannend, aber auch sehr sachlich und distanziert erzählt. Warum dies so ist, erklärt erst der letzte Abschnitt dieses Teils, der die Erzählperspektive offenlegt – ein sehr überraschender Kunstgriff des Autors, der mir gut gefallen hat. Hier hat meine Bewunderung für Olga die Zuneigung zu ihr überwogen.

Im zweiten und in meinen Augen nicht so starken Teil des Romans wird das Leben Olgas ab den Fünfzigerjahren im Westen erzählt, als sie ertaubt als Näherin in einer Pfarrersfamilie arbeitete und dem jüngsten Sohn zur großmütterlichen Vertrauten voller Liebe, Verständnis und Nachsicht wurde. Dieser Ferdinand ist der Gegenpol zu Olga und Herbert und führt ein Leben in Beständigkeit, das außer einem Wechsel des Studienfachs keine Brüche kennt. Bis zu ihrem Tod infolge eines Anschlags Unbekannter auf das Bismarckdenkmal bleibt er an ihrer Seite. In seiner Zuneigung zu ihr konnte ich eine tiefere Beziehung zu Olga aufbauen als im ersten Teil.

Ferdinand haben wir es zu verdanken, dass wir im dritten, unglaublich berührenden Teil Briefe Olgas an den verschollenen Herbert zu lesen bekommen, in denen wir endlich ihre Stimme hören, eine überraschend andere Olga erleben und Unvermutetes erfahren.

Ich halte Bernhard Schlinks Roman Olga für einen absolut lesenswerten Roman über eine starke Frau und ein interessantes Zeitdokument.

Bernhard Schlink: Olga. Diogenes 2018
www.diogenes.ch

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