Elizabeth Strout: Die Unvollkommenheit der Liebe

  Schweres Gepäck

My name is Lucy Barton, der Originaltitel des 2016 auf Deutsch unter dem Titel Die Unvollkommenheit der Liebe erschienenen fünften Romans von Elizabeth Strout, ließ mich eine selbstbewusste Ich-Erzählerin Lucy Barton vermuten, doch das Gegenteil ist der Fall. Grund dafür ist eine bitterarme Kindheit im ländlichen Illinois und das Aufwachsen in einer dysfunktionalen Familie. Nicht nur der Mangel an grundlegenden materiellen Gütern, sondern vor allem an Zuneigung und Liebe, ein unberechenbarer, offensichtlich kriegstraumatisierter Vater, eine kaltherzige, überforderte Mutter, zwei gleichgültige ältere Geschwister sowie Gewalterfahrung innerhalb der Familie und Mobbing in der Schule wirkten prägend.

Gesagtes und Ungesagtes
Der Bruch mit der Familie begann, nachdem Lucy als erstes Familienmitglied das College besuchte, und verstärkte sich durch ihre Eheschließung mit einem Akademiker aus bürgerlichem Haus mit deutschem Vater. Erst als Lucy, die es mit ihrem Mann nach New York geschafft und inzwischen zwei Töchtern hatte, Mitte der 1980er-Jahre aufgrund unerklärlicher Komplikationen nach einer Blinddarmoperation fast neun Wochen im Krankenhaus lag, kam die Mutter überraschend zu Besuch. Fünf Tage und Nächte harrte sie durchgehend am Bett der Tochter aus. In den Mutter-Tochter-Gesprächen ging es nicht um die eigene Vergangenheit, vielmehr berichtete die Mutter von den glücklosen Ehen und traurigen Schicksalen gemeinsamer Bekannter:

Es war ihre Stimme, um die es mir ging; was sie sagte, war nicht so wichtig. Und so lauschte ich ihrer Stimme; bis vor drei Tagen hatte ich sie jahrelang nicht mehr gehört, und sie klang verändert. Vielleicht hatte sich auch meine Wahrnehmung verändert, denn ich hatte ihren Ton als scharf und enervierend in Erinnerung. Jetzt war es das Gegenteil – immer dieser Eindruck von etwas Verhaltenem, lange Unterdrücktem. 

Es zählt, für Lucy wie für uns Leserinnen und Leser, das Ungesagte. Was die Mutter weder an Lucys Krankenbett noch beim nächsten Wiedersehen am eigenen Sterbebett neun Jahre später über die Lippen brachte, war eine Bestätigung ihrer Liebe. Umso heftiger reagierte Lucy auf die Empathie Fremder: auf einen Lehrer, ihren Arzt oder einen freundlichen Nachbarn.

Ein Schritt zur Genesung
Nach ihrem Krankenhausaufenthalt wurden die Teilnahme an eine Schreibworkshop und das Schreiben für Lucy zur Therapie. Der Besuch ihrer Mutter und Erinnerungsbruchstücke aus ihrer Kindheit, ohne Anklage wiedergegeben, bildeten die Grundlage ihres ersten Romans, während ihre durch die Vergangenheit verschattete Ehe und das Verhältnis zu ihren Töchtern im Hintergrund blieb:

Die Geschichte meiner Ehe kann ich nicht erzählen; sie widersetzt sich der Beschreibung, lässt sich nicht recht fassen von mir mit all ihren Sümpfen und Grasgestrüppen und Einschlüssen frischer Luft und dumpfer Luft, die mit den Jahren über uns hinwegstrichen.

Viel Raum für Interpretation
In diesem nur gut 200 Seiten umfassenden, stillen, unspektakulären und fragmentarisch erzählten Buch bliebt vieles vage und muss zwischen den Zeilen erahnt werden. An Mit Blick aufs Meer kommt es deshalb für mich nicht heran, auch nicht ganz an Die langen Abende, zumal der Erzählstil weniger eindrucksvoll ist. Was sich aber ausgezeichnet überträgt, sind die Melancholie und Einsamkeit, die Lucy Barton – trotz einer in vielerlei Hinsicht erfolgreichen Biografie – wie einen schweren Rucksack durchs Leben trägt.

Elisabeth Strout: Die Unvollkommenheit der Liebe. Aus dem Amerikanischen von Sabine Roth. Luchterhand 2016
www.randomhouse.de

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