Emily Ruskovich: Idaho

Nichts als unbearbeitete Fragen

Dreh- und Angelpunkt des Debütromans Idaho der jungen US-Amerikanerin Emily Ruskovich ist eine Familientragödie. Im August 1995 unternimmt die Familie Mitchell, Vater Wade, Mutter Jenny sowie die sechs- und neunjährigen Töchter May und June, im Pick-up einen Ausflug zum Mount Loeil, um Holz für den Winter zu machen. Völlig unvermittelt erschlägt die Mutter May mit einem Axthieb, June flüchtet in den Wald und bleibt verschollen.

Emily Ruskovich erzählt die Geschichte der Familie über fast 50 Jahre schlaglichtartig, beginnend 1973 bis 2025. Die nicht-chronologisch geordneten Kapitel tragen Jahreszahlen als Überschrift, eine Erzählweise in Puzzleart, die ich eigentlich sehr mag. Auch sprachlich hat mir die Geschichte gut gefallen und die Idee, die Betroffenen immer aus der Sicht anderer zu schildern, hätte interessant sein können.

An der Art, wie die Autorin Wades frühe Demenzerkrankung ab ca. 2000 schildert oder das sich durch die einsetzende Pubertät von June verändernde Verhältnis zu ihrer kleinen Schwester, wird deutlich, wie genau sie beobachtet und wie gut und empathisch sie feine Nuancen in Worte umsetzen kann. Gefallen haben mir auch die Naturbeschreibungen. Die Szenen aus dem Gefängnisalltag Jennys und ihrer Mitgefangenen sind trotz ihrer Ausführlichkeit noch interessant. Sehr schwierig einzuordnen war für mich die zweite Frau Wades, die Klavierlehrerin Ann, die er nur zehn Monate nach dem Mord an May und dem Verschwinden Junes geheiratet hat, und die der psychischen Belastung nicht gewachsen ist. Daneben gab es aber auch Handlungsstränge, die für mich keinerlei Bedeutung hatten, wie die Kinderlosigkeit eines in Tatortnähe lebenden Ehepaars oder der Unfall eines Schülers von Ann und dessen weiteres Leben. Im Gegenteil hatte ich nach dem sehr verheißungsvollen Romanbeginn immer mehr den Eindruck, dass Emily Ruskovich ein gegebenes Versprechen, nämlich die Ursachen der doppelten Tragödie zu beleuchten, nicht einlösen konnte und dies mit kryptischen Andeutungen und immer neuen Abschweifungen verschleiert werden sollte. Ich habe gewiss keinen Krimi mit einer perfekten Auflösung erwartet und kann mit dem einen oder anderen losen Faden durchaus leben, aber wenn gar keine Anstrengung unternommen wird, Antworten näher zu kommen, fühle ich mich als Leserin verschaukelt. Wenn es zum Thema nichts zu sagen gibt („Es ist einfach passiert.“), muss man dann einen Roman darüber schreiben? Da ich nichts erfahre, was mir Anhaltspunkte für eigene Überlegungen geben könnte, ist mir das nicht nur zu wenig, ich war sogar verärgert.

Schade um die Lesezeit, die ich besser hätte nutzen können. Normalerweise sind Romane des Hanser Verlags eine Bank für mich, in diesem speziellen Fall leider ausnahmsweise nicht. Alternativ empfehle ich Dann schlaf auch du von Leïla Slimani mit einer ähnlichen Ausgangssituation, aber wesentlich gelungenerer Umsetzung.

Emily Ruskovich: Idaho. Hanser Berlin 2018
www.hanser-literaturverlage.de

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