Lauren Wolk: Das Jahr, in dem ich lügen lernte

Verpackung und Inhalt

Bis Betty Glengarry im Oktober 1943 in ihre Klasse kommt, ist die Schule für die elfjährige Ich-Erzählerin Annabelle ein friedlicher Ort und die Welt in Ordnung. Betty gilt als schwer erziehbar, weshalb ihre überforderte Mutter sie zu ihren Großeltern aufs Land geschickt hat. Annabelle dagegen kennt nur das harmonische Farmleben mit ihrer Großfamilie, in dem das Böse bisher keinen Platz hatte. Betty hat keineswegs die Absicht, ihre Chance auf einen Neuanfang zu nutzen, und Annabelle wird ihr erstes Opfers. Was vergleichsweise harmlos mit Bleistiftpiksen unter der Bank beginnt, wird schnell zu Erpressung und Annabelle, die um ihre jüngeren Brüder fürchtet, sieht zunächst keine andere Möglichkeit, als erstmals zu lügen. Es kommt noch schlimmer: Annabelles beste Freundin Ruth wird von einem geworfenen Stein schwer verletzt und einer ihrer Brüder kommt durch einen gespannten Draht zu Schaden, alles durch Bettys Bösartigkeit, wie Annabelle vermutet. Doch Betty, die so lieb aussehen und sich der vollen Unterstützung ihrer Großeltern sicher sein kann, beschuldigt stattdessen den Außenseiter und Sonderling Toby, der aus dem Nichts gekommen ist, in einer alten Räucherhütte haust und stets drei Gewehre über der Schulter trägt. Die Menschen im Dorf glauben jedenfalls eher einem Mädchen, das wie ein Unschuldslamm wirkt, als einem Mann mit dem wilden Aussehen eines Bösewichts und unklarer Vergangenheit. Annabelle jedoch ist fest von Tobys Unschuld überzeugt und setzt alles daran, die Wahrheit ans Licht zu bringen.

Das Jugendbuch Das Jahr, in dem ich lügen lernte der US-Amerikanerin Lauren Wolk steht in diesem Jahr zurecht auf der Auswahlliste zum Deutschen Jugendliteraturpreis in der Abteilung Jugendjury. Annabelle erzählt eindrucksvoll vom Ende ihrer Kindheitsidylle und wie das Böse und Brutale in ihre Welt kommt, schleichend seinen Anfang nimmt und sich über mehrere Etappen zur doppelten Tragödie steigert. Besonders gut gefallen hat mir, wie die Eltern Annabelle auffangen und unterstützen, als sie sich ihnen geöffnet hat: „…doch meine Eltern waren ganz gelassen und schenkten mir von beiden Seiten Wärme…“. Zwischen ihnen fühlt sich Annabelle geborgen und „wie eine Riesin“ und fast kann sie es selbst nicht mehr verstehen, warum sie sich ihnen nicht von Anfang an anvertraut hat.

Lauren Wolk hat nicht nur die Themen Mobbing, Wahrheit und Lüge, Solidarität und Freundschaft für die Altersgruppe ab etwa zwölf Jahren sehr gut aufbereitet, sondern schildert auch die Folgen von Vorverurteilung und Krieg. Hier setzt allerdings auch meine einzige Kritik an: In der zweiten Hälfte des Buches scheinen mir die Gedanken und Handlungsweisen Annabelles und vor allem das Verhalten der Erwachsenen ihr gegenüber nicht mehr recht zu einer Elfjährigen zu passen. Ich gebe allerdings zu, dass mich das als jugendliche Leserin wahrscheinlich nicht gestört hätte.

Der Hanser Verlag hat dieses insgesamt sehr empfehlenswerte Jugendbuch mit einem vor allem farblich wunderschönen gestalteten Cover versehen. Als Besonderheit findet man die Bäume des Umschlags auf vielen Seiten im Inneren als Silhouetten wieder, was mir sehr gut gefallen hat.

Lauren Wolk: Das Jahr, in dem ich lügen lernte. Carl Hanser 2017
www.hanser-literaturverlage.de

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