Oliver Hilmes: Berlin 1936

„Erst Olympiade glücklich zu Ende führen“

Es gehörte zur Taktik der Nationalsozialisten, auf Provokationen wie den Austritt aus dem Völkerbund und die Genfer Abrüstungskonferenz (1933) oder die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht (1935) Zeichen der Zurückhaltung und Verlässlichkeit folgen zu lassen. Nach dem Einmarsch deutscher Truppen ins entmilitarisierte Rheinland im März 1936 war dieses Signal die Ausrichtung der Olympischen Spiele in Berlin im darauffolgenden August. Hitler, Goebbels und ihren Getreuen gelang es mit Hilfe dieses Sportgroßereignisses noch einmal, sich durch eine perfekte Inszenierung und Organisation und ein beeindruckendes Ambiente als friedliebende und verlässliche Partner der Völkerfamilie zu präsentieren. Viele wollten das kommende Unheil nicht sehen, ließen sich von minimalen Zugeständnissen wie der Alibi-Jüdin Helene Mayer im deutschen Fechtteam, dem Verschwinden des Hetzblattes Der Stürmer aus dem Straßenbild Berlins und der vorübergehenden Duldung von Jazz und Swing täuschen, obwohl die Exilpresse längst über die Existenz von Konzentrationslagern berichtete. Während der Spiele war der Bau des KZ Sachsenhausen im Gang und die Legion Condor landete zur Unterstützung von Francos Nationalisten in Spanien, aber: „Erst Olympiade glücklich zu Ende führen“ war laut Goebbels Tagebucheintrag die Vorgabe des Führers.

Oliver Hilmes berichtet in 16 Kapiteln streng chronologisch über die Tage vom ersten bis sechzehnten August 1936 und in einem weiteren unter der Überschrift „Was wurde aus…?“ über das spätere Schicksal seiner verschiedenen Protagonisten. Daneben gibt es einen ausführlichen Anhang mit Anmerkungen, Quellen- und Literaturverzeichnis sowie Bildnachweisen. Es geht dem Autor nicht in erster Linie um sportliche Leistungen, obwohl natürlich auch sie einigen Raum einnehmen, sondern vielmehr um das Ambiente der Spiele, die Feste und Begegnungen, die Anweisungen der Reichspressekonferenz, die Tagesmeldungen der Polizei, die Presseberichte, Goebbels hochinteressante Tagebucheinträge, die ungeschönt die wahren Absichten der Diktatur enthüllen, die Spitzen  der Gastronomie und des Nachtlebens, die Diplomaten, NS-Größen und Künstler, darunter Thomas Wolfe, Victor Klemperer, Thomas Mann und Leni Riefenstahl (von Carl Zuckmayer als „Reichsgletscherspalte“ tituliert) und um die Einzelschicksale Unbekannter.

Noch ein letztes Mal gelang es den Nazis mit Hilfe der Olympiade im Sommer 1936, das Deutsche Reich als weltoffene Metropole zu präsentieren und die „herrliche Welt des Scheins“ zu zelebrieren. Oliver Hilmes, Historiker und Verfasser mehrerer erfolgreicher Biografien, entlarvt diese Scheinwelt in seinem 2016 zum 80. Jahrestag erschienen Buch, indem er mosaikhaft Ereignisse, Berichte und Schicksale herausgreift und in unterhaltsamer, manchmal sogar humorvoller, aber vor allem informativer Weise miteinander verbindet.

Oliver Hilmes: Berlin 1936. Siedler 2016
www.randomhouse.de

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