Antje Szillat & Jan Birck: Flätscher – Krawall im Kanal

Verträufelt – verträufelt!

Er ist wieder da: Flätscher, das Stinktier mit der zeitweisen Ladehemmung, selbsternannter Meisterdetektiv mit Riesenklappe und noch größerem Herzen und mit einer Schwäche für Semmelknödel und die unwiderstehlich mit den Augen klimpernde Wieseldame Cloe.

Nach dem ersten Band Flätscher – Die Sache stinkt, in dem das Detektiv-Duo, bestehend aus Flätscher und seinem menschlichen Freund und Assistenten Theo, im Bereich der Spitzengastronomie einen Zechpreller entlarvt hat, geht es dieses Mal um verschwundene Vierbeiner aus Flätschers Revier rund um seinen geliebten Hinterhof. Seine angebetete Sekretärin Cloe, der gefleckte Kläffer Humphrey, ein gewisser Schnuzipuzi und Olaf, Chef der Mäusebande O-Clique, sind wie vom Erdboden verschluckt. Flätscher verdächtigt sofort seinen Lieblingsfeind, den fiesen Kater Rrrasbo, der ebenfalls unauffindbar ist. Die kniffligen Ermittlungen führen die beiden Detektive, unterstützt von den Mäusen Jo, Mo und Flo zum gruseligen Kanal. Trotz aller Genialität ist es für Flätscher nicht ganz leicht, „Stinktier der Situation“ zu bleiben, denn er gerät selbst in Gefangenschaft, gerade als er den vermeintlich „saftigsten Riesensemmelknödel des Universums“ erspäht zu haben glaubt. Und ausgerechnet jetzt macht ihm wieder einmal seine „Ladehemmung-in-akut-gefährlich-Situationen“ zu schaffen!

Neben dem fetzigen Text, an dem ich wegen der äußerst kreativen Erzählweise und den köstlichen Wortschöpfungen des Stinktier-Erzählers auch als Erwachsene wieder eine Menge Spaß hatte, haben mich erneut die eins zu eins passenden Illustrationen und Comicszenen des vielseitigen Jan Birck überzeugt, obwohl ich sonst überhaupt keine Comicleserin bin. Die Kombination ist hier aber so perfekt gelungen, dass ich mir sicher bin, dass man nahezu jedes Kind ab der zweiten Klasse für die Reihe begeistern kann, auch solche, die sonst eher nicht zum Buch greifen. Dabei ist die Textmenge keineswegs gering, sie ist lediglich ein wenig „getarnt“, und die Handlung ist durchaus komplex.

Eine gute Nachricht zum Schluss: Band drei erscheint bereits im Herbst 2017, Band vier ist ebenfalls fertig und es gibt berechtigte Hoffnung auf eine Fortsetzung darüber hinaus.

Antje Szillat & Jan Birck: Flätscher – Krawall im Kanal. dtv junior 2017
www.dtv.de

Thilo Wydra: Ingrid Bergman – Ein Leben

Der Mensch hinter dem Mythos

Als ich die neue Biografie über Ingrid Bergman zum ersten Mal in Händen hielt, bin ich zunächst erschrocken: 750 Seiten, davon 100 Seiten Anhang mit Anmerkungen, Zeittafel, Filmographie, Biographie, Personen- und Filmtitelregister, und über ein Kilogramm schwer – war das nicht ein bisschen übertrieben? Doch schon nach wenigen Seiten war ich im Bergman-Fieber, denn was und wie der freie Autor und Journalist Thilo Wydra, der in Mainz und Dijon Komparatistik, Germanistik, Kunstgeschichte und Filmwissenschaft studiert hat, über Ingrid Bergmans Berufs- und Privatleben fein austariert zu berichten weiß, hat mich in den letzten zehn Tagen vollauf begeistert. Neben der Lektüre habe ich mir ein paar ihrer Filme, die ich meist bereits kannte, angeschaut, und hier liegt vielleicht der größte Gewinn für mich. Da Thilo Wydra sich nicht auf die Wiedergabe von Filminhalten  beschränkt, sondern die Geschichten hinter den Verfilmungen und kleinste Details bis hin zu Mimik und Gesten hochspannend erklärt, habe ich die Filme mit ganz anderen Augen gesehen, konnte die Leistungen von Regie, Schauspielern und Drehbuchautoren besser würdigen und hatte insgesamt einen deutlich höheren Genuss.

Ingrid Bergman wurde am 29.08.1915 in Stockholm geboren. Die deutsche Mutter starb bereits 1918, ihr schwedischer Vater 1929. Schon als Kind stand als Berufswunsch Schauspielerin fest. Nach einem kurzen Intermezzo an der Schauspielschule des Kungliga Dramatiska Teatern in Stockholm avancierte sie schnell zu Schwedens beliebtestem Filmstar. 1938 drehte die zeitlebens unpolitische Ingrid Bergman in Berlin ihren einzigen UFA-Film und ging anschließend 1939, bereits verheiratet mit dem schwedischen Zahnarzt Dr. Petter Lindström und der kleinen Tochter Pia in die USA, wo sie unter Vertrag des Produzenten David O. Selznick ihre erfolgreichste Dekade erlebte. Filme wie „Casablanca“ (1942), „Wem die Stunde schlägt“ (1943) „Das Haus der Lady Alquist“ (1944), die drei Hitchcock-Verfilmungen „Ich kämpfe um dich“ (1945), „Berüchtigt“ (1946) und „Sklavin des Herzens“ (1949) sowie „Johanna von Orléans“ (1948), ihre lebenslange Traumrolle, machten sie in den USA nicht nur zum Star, sondern auch zur überirdischen Leinwandheiligen. Umso heftiger wurde der totale Bruch 1949 aufgenommen, als sie dem Studio-Hollywood und ihrer Familie den Rücken kehrte für ein Leben mit dem italienischen Filmregisseur Roberto Rossellini. Nach der zunächst unehelichen Geburt des Sohnes war das Echo verheerend: Im US-Senat beschimpfte man sie für die „sittenwidrige Affäre“ als „grauenvolle Vertreterin des weiblichen Geschlechts“, sie wurde geächtet und alle sechs Filme, die sie zwischen 1949 und 1955 mit Rossellini drehte, wurden finanzielle Flops und fielen bei der Kritik durch. Aus der 1957 geschiedenen Ehe gingen neben dem Sohn Robertino auch die Zwillinge Isabella und Ingrid Isotta Rossellini hervor. Erst nach der Trennung konnte Ingrid Berman wieder Filme mit anderen Regisseuren drehen, darunter „Anastasia“ (1956), ihre Wiederauferstehung in den USA, „Lieben Sie Brahms“ (1961), „Die Kaktusblüte“ (1969) und 1974, als sie bereits die Diagnose Brustkrebs erhalten hatte, „Mord im Orientexpress“. 1967 konnte sie erstmals nach acht Jahren ihre Tochter Pia wiedersehen, 1968 heiratete sie den schwedischen Theaterproduzenten Lars Schmidt und ließ sich mit ihm bei Paris nieder. Die letzten Lebensjahre verbrachte sie nach ihrer dritten Scheidung in London, spielte mehr denn je Theater und drehte 1978 unter Ingmar Bergman und mit Liv Ullmann ihren letzten Kinofilm: „Herbstsonate“. Sie starb 1982 an ihrem 67. Geburtstag.

Die sehr kurze, „persönliche Nachbemerkung“, die ganz zur vollkommen zurückgenommenen und uneitlen Schreibweise des Autors passt, führt seine Quellen auf: persönliche Gespräche mit drei der zunächst ablehnend gestimmten Bergman-Kinder (Pia, Ingrid Isotta und Isabella) und dem Stiefsohn Renzo Rossellini sowie ein unbeschränkter Zugang zum nicht-öffentlichen Nachlass, der in 187 Kisten in den Wesleyan Cinema Archives lagert.

Thilo Wydra hat daraus eine uneingeschränkt empfehlenswerte Biografie gemacht, die den Star Ingrid Bergman nicht überhöht. Er würdigt ihre Stärken wie Natürlichkeit, Schönheit, Geradlinigkeit, ihre Kunst der Mimik mit sparsamen Mitteln, ihren Humor, ihr Sprachentalent, ihre nie ermüdende Produktivität und die Treue zu ihren Freunden wie Ernest Hemingway, Alfred Hitchcock, Jean Renoir oder Cary Grant und verschweigt ihre Affären, ihre Unruhe, ihre Zerrissenheit zwischen der stets im Vordergrund stehenden Schauspielerei und der Familie sowie ihre Unsicherheit in privaten Dingen nicht.

So kann ich abschließend sagen, dass diese Biografie keine Seite zu lang und kein Gramm zu schwer ausgefallen ist und das absolut schlicht gehaltene Cover und der unspektakuläre Titel Ingrid Bergmans Charakter, so wie Thilo Wydra sie schildert, absolut gerecht werden.

Thilo Wydra: Ingrid Bergman – Ein Leben. DVA 2017
www.randomhouse.de

Georges Simenon: Maigret und die junge Tote

Ein hörenswerter Klassiker der Kriminalliteratur

Kaum zu glauben, aber dieses Hörbuch mit dem legendären Kommissar Maigret war tatsächlich meine erste Begegnung mit dem weltberühmten Pariser Ermittler, allerdings sicher nicht meine letzte!

Die ungekürzte Lesung auf vier CDs mit 270 ebenso unterhaltsamen wie spannenden Hörminuten beginnt mit dem Fund der Leiche einer jungen Frau im billigen Abendkleid ohne Papiere auf der Place Vintimille unweit von Montmartre. Vor Maigret und seinem Kollegen Inspektor Janvier ist bereits Inspektor Lognon von der lokalen Polizeistation vor Ort, ein emsiger, ehrgeiziger, jedoch stets gekränkter, missmutiger Beamter, der den Spitznamen „Inspektor Griesgram“ nicht zu Unrecht trägt. Lognon ist davon überzeugt, dass die Welt sich gegen ihn verschworen hat und die Kollegen ihm die interessanten, Renommee versprechenden Fälle vor der Nase wegschnappen, und sieht sich durch das Auftauchen der Beamten vom Quai des Orfèvres voll und ganz bestätigt. Er wird sich ein Duell mit ihnen liefern, unermüdlich viele Kilometer zu Fuß zurücklegen, sich schwer erkältet die Nächte um die Ohren schlagen und trotzdem das Nachsehen haben, denn es fehlt ihm, was man auf keiner Polizeischule lernen kann: Menschenkenntnis, Einfühlungsvermögen und Intuition.

Maigret dagegen macht sich mit der ihm eigenen Ruhe, Beharrlichkeit und Gründlichkeit daran, das Mädchen zu identifizieren, unzählige Menschen aus ihrem Umfeld zu befragen und sie als Person nach und nach so detailliert kennenzulernen, dass er falsche Aussagen über sie mühelos entlarven kann und die Lösung des Falles schließlich offen vor ihm liegt.

Ich habe Gert Heidenreich sehr gerne zugehört bei diesem typischen Whodunit-Klassiker aus dem Jahr 1954, dem 45. von 75 Maigret-Romanen des Belgiers Georges Simenon (1903 – 1989), den der Diogenes Verlag 2006 als Lesung produziert hat.

Georges Simenon: Maigret und die junge Tote. Diogenes Hörbuch 2006
www.diogenes.de

Eoin Colfer: Tim und das Geheimnis von Knolle Murphy

Wer hätte das gedacht?

Als der Vater wieder einmal nach Hause kommt und drei eigene und vier fremde Kinder in Kriegsbemalung an den Vorhängen hängen, ist das Maß voll. Die Eltern beschließen, dass in diesem Haushalt mit fünf Söhnen unter elf Jahren etwas passieren muss und sie verordnen den beiden ältesten, Tim und Marty, eine „bildende Beschäftigung außer Haus für die Ferien“. Im Klartext bedeutet das regelmäßige Nachmittage in der Stadtbibliothek unter den Augen der berüchtigten Bibliothekarin Miss Murphy, „Knolle Murphy“ genannt, einem gefürchteten Kinderschreck, gruselig abgebildet auf dem Cover als schwarzer Schatten. Alle Gegenwehr nützt nichts, und so treten die beiden Brüder wohl oder übel diese vermeintliche Höchststrafe an.

Tim erzählt mit viel Galgenhumor von ihren täglichen Besuchen in Knolle Murphys Reich, von Kinderängsten, unerbittlichen Regeln, verlorenen Scharmützeln, fliegenden Stempeln und langweiligen Stunden auf dem Teppich vor dem Kinderbuchregal. Doch es kommt, wie es kommen muss, und die Jungs machen die verblüffende Entdeckung, dass Bücher vielleicht gar nicht so schlimm sind, wie sie vermutet haben…

Als Bibliothekarin habe ich herzlich über die skurrile Karikatur meiner „Kollegin“ und deren (gewitzte) Regeln gelacht und habe mich natürlich über die Wandlung der Kinder gefreut. Tim und das Geheimnis von Knolle Murphy ist ein herrlich humorvolles, leicht schräges Kinderbuch für Jungs und Mädchen ab ca. acht Jahren, zum Vorlesen auch schon etwas früher. Aber nicht nur für sie, auch für Erwachsene ist dieser Beitrag zum Thema „Lesen“ des Lehrers und Autors Eoin Colfer eine Freude.

Der Verlag Beltz & Gelberg bietet zu diesem Buch Lehrerhandreichungen mit Unterrichtsmaterial für die dritte und vierte Klassenstufe an.

Eoin Colfer: Tim und das Geheimnis von Knolle Murphy. Beltz & Gelberg 2005
www.beltz.de

Anna Stothard: Museum der Erinnerung

„Unsere Vergangenheit lauert immer irgendwo“

Anna Stothards Roman Museum der Erinnerung erinnert an einen zunächst leeren Zeitstrahl, der sich im Laufe der 300 zu lesenden Seiten nach und nach mit einzelnen Daten und Ereignissen füllt, über die ich hier allerdings aus Gründen der Spannung so wenig wie möglich verraten möchte.

Die knapp 30-jährige Dr. Cathy Miller aus Essex arbeitet seit vier Jahren als Insektenforscherin im Berliner Museum für Naturkunde. Neben ihren Präparaten hütet sie einen weiteren Schatz: ihr persönliches Museum der Erinnerung, ein verschlossenes Schränkchen mit über 200 kleinen Erinnerungsstücken vom Mäuseschädel über Federn, Muscheln, einen ausgeschlagenen Backenzahn, Spielzeugsoldaten und anderes mehr. Viele Objekte sind schmerzhafte, negative Andenken, die sie auch mit ihrem Verlobten, dem amerikanischen Paläontologen Tom, nicht teilt. Überhaupt weiß dieser überaus verständnisvolle Partner, der selbst in Los Angeles auf der Sonnenseite des Lebens behütet aufgewachsen ist, nichts über Lee-Over-Sands in Essex, wo es nach Abwasser riecht und die Häuser Bruchbuden sind, nichts über den Sommer, als Cathy zehn war, nichts über ihre Schuldgefühle, nichts über Daniel, vor dem sie mit 22 Jahren geflohen ist und der ihr immer noch kleine Päckchen schickt, egal wohin sie geht. Cathy möchte die Vergangenheit und die Gegenwart nicht mischen und meint, sie könne ihre Unglücksandenken wegsperren und ihre Narben überdecken.

Doch bei der 200-Jahr-Feier des Museums, bei der sie einen Preis für ihre herausragende Forschung zur Methamorphose von Schwärmern erhalten soll, kommt es zum finalen Showdown und Cathy muss sich endgültig entscheiden: zurück ins alte Leben oder endgültig die Vergangenheit hinter sich lassen?

Es hat mir großen Spaß gemacht, meinen Zeitstrahl nach und nach zu ergänzen, bis Cathys Vergangenheit als Ganzes vor mir lag. Die Geschichte ist kunstvoll, logisch und spannend aufgebaut und sowohl Cathys als auch Daniels Charakter sind ausgezeichnet herausgearbeitet. Weniger gut kam ich mit Cathys großer Liebe, dem kettenrauchenden Tom klar, der mir einfach zu lieb, zu glatt und zu verständnisvoll war und in meinen Augen fast schon naive Züge trägt. Schade, denn so blieb mir die Beziehung zwischen ihnen leider etwas fremd. Sehr gut gefallen hat mir dagegen, dass das Berliner Naturkundemuseum weit mehr als nur Kulisse für das Geschehen ist und man viel Interessantes über die Sammlung und die Arbeit dort erfährt.

Museum der Erinnerung ist ein Roman ohne Pathos und Kitsch, der die Fragen nach Schuld und Sühne, wahrer und unechter Liebe, Loyalität und den Umgang mit der eigenen Vergangenheit stellt. Anna Stothard erzählt die Geschichte in einer angenehm zu lesenden Sprache mit aussagekräftigen Bildern und Metaphern und der Diogenes Verlag hat daraus eine sehr gut in der Hand liegende Klappenbroschur gemacht.

Anna Stothard: Museum der Erinnerung. Diogenes 2017
www.diogenes.de

Katharina Peters: Deichmord

Romy Beccare gibt keine Ruhe

Eine anonyme Terrorwarnung per Mail hält die Kommissariate in Bergen und Stralsund vorübergehend in Atem, doch finden Romy Beccare und ihr Team in Bergen genauso wie die Ermittlergruppe um ihren  Lebenspartner Jan Riechter, leitender Kommissar in Stralsund, keinen Anhaltspunkt für einen geplanten Terroranschlag durch einen Ralswieker Hotelier. Aber ganz mag Romy, beharrlich wie sie nun einmal ist, die Nachforschungen nicht einstellen, und stößt unvermutet auf zwei ungeklärte Vermisstenfälle aus den Jahren 1990 und 1993. Beide verschwundene Studentinnen waren zuletzt im Gästehaus Magold in Ralswiek abgestiegen, das inzwischen der  wegen einer Schussverletzung aus dem Dienst ausgeschiedenen  Ex-Polizist Rolf Magold führt. Auch die 1999 ermordete 21-jährige Karin Maier hat dort zuletzt als Zimmermädchen gearbeitet, allerdings wurde für diese Tat ein einschlägig bekannter Sexualstraftäter verurteilt. Als dann auch noch im Zusammenhang mit einem aktuellen weiblichen Leichenfund auf einer stillgelegten Deponie der Name Magold fällt, leuchten nicht nur bei Romy alle Alarmglocken…

Die komplizierten Ermittlungen in den verschiedenen Fällen auf nur gut 300 Seiten fordern nicht nur die Polizei, auch als Leserin oder Leser ist Konzentration gefragt. Romy Beccare, die Frau mit den „Hummeln im Hintern“, die so gerne ihrem Bauchgefühl folgt und der Schreibtischarbeit zuwider ist, führt unzählige Befragungen durch und versucht, Licht in das Dunkel um die vier Frauen und die undurchsichtige, reichlich schräge Familie Magold zu bringen: „Alte Lügen, neue Halbwahrheiten, gestörte Persönlichkeiten, Geheimnisse, seltsame Verwicklungen, die Vergangenheit und Gegenwart verschmelzen ließen, Unausgesprochenes, anonyme Hinweise, Familienkonflikte, Schweigegelübde – ein Alptraum für Ermittler.“ (S. 201)

An Spuren und Verdächtigen mangelt es nicht, sogar die interne Ermittlung der Polizei muss eingeschaltet werden und die Nachforschungen reichen bis nach Norwegen und zu dunklen Finanzgeschäften im Zuge der Abwicklung von alten DDR-Betrieben zurück. Doch Stück für Stück kommt die Wahrheit ans Licht dank zweier vertrauensvoll zusammenarbeitender Teams, in denen sich jeder auf jeden verlassen kann.

Auch dieser sechste, problemlos unabhängig zu lesende Krimi aus Rügen hat meine Erwartungen wieder erfüllt, auch wenn ich den Einstieg mit der falschen Terrorwarnung eine Spur zu konstruiert fand. Aber dann war schnell alles wieder da, was ich an dieser Reihe so schätze: sympathische, harmonisch kooperierende Ermittlerteams, solide Polizeiarbeit, durchgängige Spannung und Unterhaltung, eine logische Auflösung und genau die richtigen Prisen Privatleben und Lokalkolorit.

Ich bin bestimmt auch bei Band sieben in Rügen wieder dabei!

Katharina Peters: Deichmord. Aufbau 2017
www.aufbau-verlag.de

Kirsten Boie: Bestimmt wird alles gut

Ein Bilderbuch zum Thema Flucht

„In den nächsten Jahren wird fast jedes deutsche Kind auch Flüchtlingskinder kennenlernen: in der Kita, in der Schule, im Sportverein. Dann sollte es zumindest ansatzweise wissen, was alles hinter diesen Kindern liegt. Darum habe ich mir von Rahaf und Hassan ihre Geschichte erzählen lassen und sie aufgeschrieben“. (Kirsten Boie)

Am 3. Mai 2017 hatte ich das große Glück, in Ludwigsburg eine Lesung von Kirsten Boie und ein Interview mit ihr zu erleben. Als Publikum waren nicht Kinder, sondern Eltern, Fachkräfte aus Kitas und Grundschulen, Studenten usw. geladen.

Vorgelesen hat Kirsten Boie ihr Bilderbuch Bestimmt wird alles gut über das wahre Schicksal einer syrischen Flüchtlingsfamilie, erzählt aus dem Blickwinkel der Kinder. Rahaf, zehn Jahre, und Hassan, neun Jahre, haben früher in Homs gelebt in einem großen Haus mit Großeltern, Onkeln, Tanten, Cousins und Cousinen. Wegen der Flugzeuge und Bomben sind sie mit ihren Eltern und den beiden kleinen Schwestern über Ägypten mit Hilfe von Schleusern nach Italien und weiter nach Deutschland geflohen. Nach einer Übergangsphase im Erstaufnahmelager leben sie nun in der Flüchtlingsunterkunft einer deutschen Kleinstadt, besuchen die Schule, lernen Deutsch und haben erste Freundschaften geschlossen.

Kirsten Boie hat dieses Buch auf Anregung der Plattform onilo.de, einem auf Schulen und öffentliche Bildungseinrichtungen spezialisierten Onlineportal, kurz vor dem Beginn der großen Flüchtlingsbewegung geschrieben, und der Klett Kinderbuch Verlag hat es trotz der damals geringen Verkaufsaussichten dankenswerterweise veröffentlicht. Der Text ist auf Deutsch und Arabisch abgedruckt, übersetzt von Mahmoud Hassanein, mit eindrücklichen Bildern von Jan Birck versehen und durch ein kleines Deutsch-Arabisch-Glossar ergänzt.

Ich hätte meinen Kindern das Buch, das vom Verlag ab sechs Jahren empfohlen wird, in diesem Alter wahrscheinlich nicht anlasslos vorgelesen. Wenn Kinder aber fragen, weil sie Begriffe aufschnappen, oder wenn sie in der Schule, beim Sport oder in der Nachbarschaft mit Flüchtlingskindern zusammentreffen, dann ist dieses Buch genau der richtige Einstieg in das Thema. Es ist sehr klar, ruhig, gut verständlich und zuversichtlich erzählt und fühlt sich – wie übrigens alle Bücher von Kirsten Boie – wunderbar in die Gefühls- und Gedankenwelt von Kindern ein, betroffenen wie zuhörenden.

Für Flüchtlingskinder, das hat Kirsten Boie am Rande erzählt, kann das Buch darüber hinaus ein Einstieg in das Erzählen eigener Erlebnisse nach vielleicht langer Sprachlosigkeit sein.

Kirsten Boie: Bestimmt wird alles gut. Klett Kinderbuch 2016
www.klett-kinderbuch.de

Tilde Michels: Gustav Bär erzählt Geschichten

Ein Kinderbuchklassiker mit dem Potential zum Lieblings-Vorlesebuch

Von Tilde Michels (1920 – 2012) kennt man vor allem Kleiner König Kalle Wirsch und Es klopft bei Wanja in der Nacht. Außerdem schätze ich sie als Übersetzerin oder vielmehr Nacherzählerin von Arnold Lobels genialem Kinderbuchklassiker Das große Buch von Frosch und Kröte. Doch auch ihre inzwischen ebenfalls zum Kinderbuchklassiker gewordenen Geschichten um Gustav Bär und die drei Wanderbären Cilli, Bim und Mocke sind ein wunderbares erstes Vorlesebuch für Kinder ab vier Jahren. Im vorliegenden Sammelband Gustav Bär erzählt Geschichten hat der Arena Verlag die drei Bände Gustav Bär erzählt Gute-Nacht-Geschichten, Als Gustav Bär klein war und Abenteuer mit Gustav Bär zusammengefasst.

Die etwa 40 Geschichten mit kindgerechtem Vokabular und kurzen Sätzen umfassen jeweils zwei bis drei Seiten, sind in sich abgeschlossen und hängen doch zusammen. Alltägliche Situationen aus der Erlebniswelt der Kinder mit einem hohen Wiedererkennungswert werden erzählt und immer geht es um Gefühle. Im Mittelpunkt stehen Eifersucht, Scham, Streit, Hänselei, Versöhnung, Teilen, Mut, Unternehmenslust uvm. Die Illustrationen von Helga Spieß passen zum Charme des Textes und nehmen den zentralen Inhalt jeder Geschichte zielgruppengerecht auf.

Gustav Bär erzählt Geschichten ist ein sehr empfehlenswerter Kinderbuchklassiker mit dem Potential zum Lieblings-Vorlesebuch für Zuhörer und Vorleser.

Tilde Michels: Gustav Bär erzählt Geschichten. Arena 2013
www.arena-verlag.de

Maja Lunde: Die Geschichte der Bienen

Hoffnung?!

Die Geschichte der Bienen der norwegischen Autorin Maja Lunde fällt zunächst durch ein bestechendes Äußeres auf. Sowohl der zurückhaltend gestaltete Umschlag mit der plastisch hervorgehobenen toten Biene, als auch der warmgelbe Einband und das ebensolche Vorsatzblatt machen den Roman zu einem optischen Genuss und zu einem Hingucker auf jedem Büchertisch oder im Schaufenster einer Buchhandlung.

Erzählt wird abwechselnd von drei Stimmen an drei verschiedenen Orten zu drei unterschiedlichen Zeiten. Damit man nicht die Orientierung verliert, ist als Fußnote auf jeder Seite die Person genannt, die gerade das Wort hat – eine tolle Idee des Verlags! Allerdings sind die Stimmen so unterschiedlich, dass die Unterscheidung auch sonst nicht besonders schwergefallen wäre:

William, der Naturforscher und Samenhändler aus Maryland, Hertfordshire, England, berichtet 1852 in blumiger, altertümlicher Ausdrucksweise über sein Leben als Vater von acht hungrigen Mäulern, die ihn die vielversprechende wissenschaftliche Karriere gekostet haben. Als er sich doch noch einmal aufrafft und mit „Savanges Standardbeute“ eine völlig neue Art von Bienenbehausung als Patent anmelden will, ist ihm ein anderer Erfinder bereits kurz zuvorgekommen.

In einer eher einfachen, derben Sprache erzählt George von seinem Leben als Imker in Automn Hill, Ohio, USA, 2007. Er führt die Familientradition fort und hofft darauf, seinem Sohn eines Tages ein gesundes Unternehmen vererben zu können, auch wenn der lieber Journalist werden will. Die Bienen sind für George Beruf und Berufung, doch machtlos muss er zusehen, wie das mysteriöse Bienenverschwinden, „Colony Collapse Disorder“ genannt, auch bei ihm Einzug hält.

Die dritte Erzählstimme, die sehr sachlich und präzise daherkommt, aber ebenso melancholisch wie die beiden anderen ist, gehört Tao, einer Handbestäuberin in Shirong, Sichuan, China, im Jahr 2098. Sie kennt Bienen, die seit den 1980er-Jahren in ihrer Region, seit 2045 auf der ganzen Welt verschwunden sind, nur noch aus Büchern. Nun muss sie nicht nur gegen Mangelernährung und einen tristen Alltag kämpfen, sondern auch nach ihrem dreijährigen Sohn Wei-Wen suchen, der ganz plötzlich erkrankt ist und vom herrschenden „Komitee“ weggebracht wurde.

Da ich passenderweise während der Lektüre immer meinen blühenden Apfelbaum im Blick hatte, um den wegen des viel zu kalten Wetters leider keine Bienen summten, konnte ich die Hilflosigkeit der Protagonisten recht gut nachvollziehen. Doch außer um das Thema Bienen geht es in allen drei Geschichten auch um die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern und die Konflikte um Erwartungen und Rebellion. Mir hätte es besser gefallen, wenn Maja Lunde stattdessen noch tiefer in die Problematik des Bienensterbens eingedrungen wäre, auch wenn dies natürlich kein Sachbuch, sondern ein Roman ist. Sehr gut gefallen hat mir dagegen, wie die drei scheinbar unzusammenhängenden Geschichten am Ende doch noch Verbindungen aufweisen und dass der insgesamt düstere Roman mit dem Wort „Hoffnung“ endet. Diese hege ich trotz allem auch für meine Apfelernte.

Maja Lunde: Die Geschichte der Bienen. btb 2017
www.randomhouse.de

Jamie Ford: Keiko

Eine ganz besondere Liebesgeschichte

Wenn man ein Lieblingsbuch erneut liest, besteht immer die Gefahr einer Enttäuschung. Bei Keiko, dem Debütroman des US-Amerikaners Jamie Ford aus dem Jahr 2009, ist es mir zum Glück nicht so ergangen, und ich war genauso berührt und gefangen wie beim ersten Lesen vor einigen Jahren.

Aus der Sicht eines auktorialen Erzählers erfahren wir die Lebens- und Liebesgeschichte des Amerikaners chinesischer Herkunft Henry Lee, der 1986 vor Kurzem nach glücklicher Ehe seine Frau Ethel verloren hat. Bei einem Spaziergang durch Seattle beobachtet er, wie das an der Grenze zwischen chinesischem und japanischem Viertel gelegene und seit Kriegsende aufgegebene Hotel Panama zu neuem Leben erwacht. Seine Gedanken wandern zurück ins Jahr 1942, als er mit zwölf Jahren zum ersten Mal dort war.

Zu dieser Zeit war Henry der einzige asiatische Stipendiat einer weißen Eliteschule, ein gemobbter Außenseiter. Mit seinen Eltern konnte er nicht darüber reden, zu stolz waren sie darauf, dass ihr Sohn ein echter Amerikaner geworden war, und er war abgrundtief einsam. Das änderte sich, als mit der Japanerin Keiko eine zweite Asiatin an die Schule kam. Die beiden Jugendlichen wurden unzertrennlich, erlebten ihre erste Liebe und streiften zusammen durch die Jazz-Szene Seattles, immer darauf bedacht, die Verbindung vor Henrys Vater, der die Japaner hasste, geheim zu halten. Doch nach dem Angriff auf Pearl Harbor, als die Amerikaner alle Japaner internierten, wurden auch Keiko und ihre Familie in ein Lager gebracht, und so sehr Henry sich auch bemühte, verlor er sie doch aus den Augen.

Mir ist dieser Roman, der so sensibel und still eine wunderschöne lebenslange Liebesgeschichte und zwei schwierige Vater-Sohn-Beziehungen (zwischen Henry und seinem Vater bzw. Henry und seinem Sohn) erzählt, sehr ans Herz gegangen. Ist er ein wenig kitschig? Wenn ja, so hat es mich in keinem Moment gestört. Vielmehr habe ich Keiko, im Original Hotel on the Corner of Bitter and Sweet, als Zeugnis über ein Leben zwischen verschiedenen Kulturen und über Ausgrenzung gelesen, als zeitgeschichtlichen Bericht aus dem Zweiten Weltkrieg in den USA und als Suche eines überaus sympathischen Protagonisten nach seiner Identität.

Jamie Ford: Keiko. Berliner Taschenbuch Verlag 2010
www.piper.de