Dror Mishani: Drei

  Orna – Emilia – Ella

Der israelische Autor Dror Mishani, geboren 1975, lehrt Literaturwissenschaften an der Universität Tel Aviv, Spezialgebiet Geschichte der Kriminalliteratur. Mit seinen Krimis um den Ermittler Avi Avraham, die ich nicht kenne, wurde er auch in Deutschland bekannt. Über die Frage, ob sein neuestes Buch, Drei, ein Krimi ist, kann man unterschiedlicher Meinung sein. Der Verlag Diogenes bezeichnet es als Roman, Dror Mishani spricht von einem „Detektivroman, in dem der Detektiv erst am Ende auftritt“. Ob Krimi oder nicht, Drei hat bei mir nach eher unspektakulärem Beginn schnell einen Sog entwickelt, hat mir beim Lesen fast von Beginn an eine Gänsehaut beschert, deren Grund ich kaum benennen konnte, und mich immer wieder mit ungeahnten Wendungen überrascht.

Vom Inhalt möchte ich so wenig wie möglich verraten, denn je weniger man zu Beginn weiß, desto besser. Ich war im Mai 2019 bei einer Vorabpräsentation mit dem sympathisch-bescheidenen Autor in Stuttgart und bin nachträglich sehr dankbar, dass damals lediglich die ersten Seiten vorgelesen wurden und Shelly Kupferberg ein sehr diskretes Interview mit Dror Mishani führte.

Eine kurze Vorstellung der drei weiblichen Hauptpersonen ersetzt deshalb hier die Inhaltsangabe. In den drei Teilen, die schlicht „Eins“, „Zwei“ und „Drei“ überschrieben sind, stehen sie jeweils im Mittelpunkt, was den Roman aber keinesfalls zum Frauenroman macht. Orna, Anfang 40 und Gymnasiallehrerin in Tel Aviv, ist nach einer sehr schmerzhaften Scheidung alleine mit ihrem achtjährigen, introvertierten Sohn Eran zurückgeblieben. Während sie Eran Therapiestunden ermöglicht, muss sie selbst ohne Hilfe zurechtkommen. Sie möchte nicht auf Dauer alleine bleiben.

Die Lettin Emilia, wenig älter als Orna und Protagonistin in Teil zwei, gehört zum Heer der in Israel unverzichtbaren ausländischen Pflegekräfte, ist aber nicht wirklich willkommen. Auch sie hofft auf ein wenig Unterstützung und Glück.

Die dritte im Bunde nennt sich Ella, hat drei kleine Töchter und schreibt jeden Morgen in einem Café an ihrer verspäteten Masterarbeit, enttäuscht von ihrem Leben als Ehefrau und Mutter.

Fast war ich erleichtert, als sich am Ende von Teil eins mein ungutes Bauchgefühl als begründet erwies, doch war es danach um meine Ruhe endgültig geschehen und ich hätte am liebsten warnend in die Handlung eingegriffen. Teil zwei schien zunächst ohne Bezug zum vorher Erzählten, bis schlagartig die Verbindung klar wurde. Teil drei hat mich dann noch einmal vollkommen überrascht.

Wer einen „normalen“ Krimi sucht, ist mit Drei wahrscheinlich nicht gut beraten. Wer aber gerne einen Roman über das heutige Israel lesen möchte, in dem ein verwirrendes Spiel mit Wahrheit und Lüge getrieben wird und die Gewalt in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, wer psychologisch raffinierte, kunstvoll gewobene, geheimnisvolle und wendungsreiche Lektüre liebt und nicht auf jeder Seite Action braucht, der könnte mit diesem literarisch anspruchsvollen, unspektakulär und gerade deshalb großartig geschriebenen Roman genauso viel Spaß haben wie ich.

Dror Mishani: Drei. Diogenes 2019
www.diogenes.ch

Buch und Buchhandel in Zahlen 2019

  Zahlen, Fakten und Analysen zum Buchmarkt

Das vermutlich meistgelesene Sachbuch der Buchbranche ist das seit 1952 alljährlich erscheinende Zahlenwerk Buch und Buchhandel in Zahlen. Auch ich warte jedes Jahr im Sommer darauf, die Bilanzen quer durch alle Handelsstufen des Kulturguts Buch mit Verlagssparte, Zwischenbuchhandel und Sortiment zu sichten, einerseits aus beruflichem Interesse, andererseits aus privater Neugier. Wie haben sich die Umsätze in der Buchbranche im Vorjahr entwickelt? Welche Warengruppen und Editionsformen sind Gewinner, welche Verlierer? Wie sieht es mit dem Absatz über die unterschiedlichen Vertriebswege aus? Wie haben sich die Freizeitaktivitäten und das Leseverhalten der Bundesbürger verändert? Wie steht es um den E-Book-Markt, wie um das Geschäft mit Lizenzen? Und nicht zuletzt: Wie sieht die Bilanz der Sortimentsbuchhandlung quer durch alle Umsatzgrößen aus? Selbstverständlich gibt es vorab regelmäßige Zwischenberichte in der Branchenpresse und die Zahlen sind deshalb keine vollständige Überraschung, trotzdem ist diese zusammenfassende Bilanz von großem Wert. Dass die Tabellen und Grafiken alljährlich nach dem gleichen Muster erstellt werden, trägt zum leichten Überblick bei. Die Texte dazwischen sind einerseits verständlich geschriebene Zusammenfassungen, die den Fokus auf die wesentlichen Aussagen der grafischen Darstellungen legen, liefern andererseits aber auch Interpretationshilfen und Gründe.

Einige der für mich wichtigsten Zahlen und Fakten zum Jahr 2018 möchte ich kurz zusammenfassen:

  • Mit glücklicherweise stabilen 9,13 Milliarden Euro Gesamtumsatz war der „kulturelle Riese“ Buchmarkt auch 2018 vergleichsweise ein „finanzieller Zwerg“. Erfreulich ist der Ausblick auf 2019, der bisher auf eine deutliche Steigerung hoffen lässt.
  • Beim Vergleich der Vertriebskanäle bleibt der stationäre Buchhandel (ohne E-Commerce) zwar wichtigster Vertriebsweg für Bücher mit 46,8%, hat aber erneut 0,7% verloren. Der E-Commerce verzeichnet ein Wachstum von 4% und machte 2018 19,5% am Gesamtumsatz der Branche aus. Dazu gehören sowohl Amazon als auch die Online-Shops stationärer Buchhandlungen.
  • E-Books (ohne Schul- und Fachbücher) machten 2018 5% am Publikumsmarkt aus (2017: 4,6%), obwohl die Durchschnittspreise weiter stark fielen (2018: 6,19 Euro statt 2010: 10,71 Euro).
  • Hard- und Softcover haben ihren Marktanteil mit 76% weiter ausgebaut, Taschenbücher dagegen mit 21,4% weiter an Umsatz verloren.
  • Umsatzstärkste Warengruppe ist weiterhin die Belletristik mit stabilen 31,5%, gefolgt vom ebenfalls stabilen Kinder- und Jugendbuch mit 16,6%, Ratgebern mit um 1,2% geschrumpften 14%, Schule + Lernen mit stabilen 11%, dem Sachbuch mit um 5,5% gewachsenen 10,6% und der leicht geschrumpften Reise.
  • Die Preissteigerung bei Büchern lag 2018 bei 1,2%.
  • Die Buchproduktion, die seit 2010/11 nahezu kontinuierlich zurückgeht, lag 2018 bei den „echten“ Neuerscheinungen, also ohne Neuauflagen, bei immer noch stolzen 71.548, wobei E-Books und POD-Titel nur zu einem kleinen Teil erfasst werden. Keine alarmierende Zahl, sondern lediglich eine vorsichtigere Programmplanung der Verlage und Reaktion auf Flächenverkleinerungen im Sortiment.

Allen, die Lust auf noch viel mehr anschaulich dargebotene Zahlen und Daten rund um die spannende Buchbranche haben, kann ich Buch und Buchhandel in Zahlen 2019 wärmstens empfehlen.

Buch und Buchhandel in Zahlen 2019. Hrsg. vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels e. V. 2019
www.mvb-online.de

Katja Frixe & Florentine Prechtel: Die hamsterstarken Drei

  Ach du heiliges Salatblatt, was für ein Abenteuer!

Was für ein tolles Team, Die hamsterstarken Drei! Harry, der abenteuerlustige, akrobatische Zirkushamster in der rot-weiß gestreiften Hose, seine Freundin Gerda, die superschnelle, ängstliche Zirkusrennschildkröte, und Herkules, das megaschlaue, unsportliche Schulmeerschweinchen mit Brille, das es lieber gemütlich mag. Damit sie sich kennenlernen, müssen die beiden Zirkustiere erst einmal aus dem Buch fallen, in dem sie zuhause sind. Zum Glück passiert das genau in Herkules‘ Klassenzimmer. Ihn und Griselda, die weise alte Katze des Hausmeisters, können Harry und Gerda sehr gut gebrauchen, denn es gibt viele Rätsel zu lösen: Warum sind sie so mir nichts, dir nichts aus dem Buch gepurzelt? Und wie können sie rechtzeitig zur bevorstehenden Premiere wieder in den Zirkus zurückgelangen, wo man sie sicher schmerzlich vermisst? Schwierige Fragen, aber wenn man im Team zusammenarbeitet doch lösbar! Und so werden gemeinsam Mäuse ausgetrickst, die Abfalleimer der Schulmensa geplündert, Ursachen ergründet, Pläne geschmiedet und ein gefährlicher Stadtspaziergang unternommen, bis es schließlich heißt: Ende gut, alles gut!

Das Kinderbuch von Katja Frixe hat Florentine Prechtel mit zahlreichen farbenprächtigen, seitenfüllenden oder kleineren Illustrationen versehen, die ausgezeichnet zum Text passen und vor allem wirklich – pardon, Harry – niedlich sind. Besonders die Charaktere der Tiere spiegeln sich ausgezeichnet wider. Das Layout mit den blauen Überschriften und den ebenso blauen, großen Anfangsbuchstaben der Kapitel sind ebenfalls sehr gelungen.

Ich kann mir gut vorstellen, dass es zukünftig weitere Abenteuer mit den drei Freunden geben wird, und das wäre schön. Zwar ist mir der Einstieg mit der ausführlichen Zirkusszene und dem Zurechtfinden im Klassenzimmer etwas zu lang geraten, was leider auf Kosten der letzten beiden, auch sprachlich stärkeren Drittel des Buches mit dem spannenden Abenteuer und dem Happy End geht, aber mit dem Auftauchen von Herkules nimmt das Buch so richtig an Fahrt auf und bleibt durchgehend aufregend und unterhaltsam.

Die hamsterstarken Drei – Schnurstracks ins Abenteuer ist ein hübsches Vorlesebuch für abenteuerlustige Jungen und Mädchen ab fünf Jahren, zum Selberlesen dank der etwas größeren Schrift für gute Leserinnen und Leser ab Ende der zweiten Klasse.

Katja Frixe & Florentine Prechtel: Die hamsterstarken Drei. Dressler 2019 www.oetinger.de/verlagsgruppe/dressler-verlag

Arno Geiger: Unter der Drachenwand

  „Das gute Ansehen des Krieges beruht auf einem Irrtum“

Bei Erscheinen 2018 habe ich Arno Geigers Roman Unter der Drachenwand zu meinem Bedauern verpasst. Nun ist das Buch Gegenstand von „Stuttgart liest ein Buch“ im September 2019 mit Begleitprogramm, eine gute Gelegenheit also, die Lektüre nachzuholen. Vielleicht waren aber meine Erwartungen nach diesem langen Vorlauf doch zu hoch, denn zumindest auf den ersten 100 bis 150 Seiten habe ich nicht leicht in das Buch hineingefunden. Mit dazu beigetragen haben die Schrägstriche, die Arno Geiger durchgehend in den Text einbaut, und deren Sinn sich mir nicht erschlossen hat. Sie wirkten bis zum Ende wie Stopper auf mich und unterbrachen meinen Lesefluss. Ab dem zweiten Drittel der knapp 500 Seiten habe ich dann aber doch mit immer größerer Anteilnahme und mit Vergnügen gelesen und freue mich nun auf die geplanten Veranstaltungen rund um das Buch.

Im Mittelpunkt des Romans steht der junge Wehrmachtssoldat Veit Kolbe, der im Herbst 1943 am Dnjepr verletzt und deshalb zur Genesung zurück in seine Heimatstadt Wien geschickt wird. Bei den Eltern hält er es nicht aus, die Durchhalteparolen des Vaters klingen falsch und Veit weiß längst, dass der Krieg verloren ist: „Ich hatte den Irrsinn der Front mit dem Irrsinn der Familie vertauscht.“  Dank eines Onkels, der in Mondsee bei Salzburg Gendarm ist, kommt er dort unter, in einem Dorf, in dem 1944 noch keine Bomben fallen, in dem es mit dem Kinderlager Schwarzindien ein Heim für verschickte Mädchen samt ihrer Lehrerin gibt, und in dem eine junge Darmstädterin namens Margot mit ihrer neugeborenen Tochter Wand an Wand mit ihm wohnt. Eine schroffe, nazitreue Quartiersfrau macht ihren Mietern das Leben schwer, ihr Bruder, ein aus Brasilien zurückgekehrten Gärtner, hält sich dagegen nicht mit lautstarker Kritik an den Machthabern zurück. Und über allem steht die Drachenwand: einerseits bedrohlich und im Verlauf der Handlung totbringend, andererseits abschottend gegen den tobenden Krieg, der fast ausschließlich in Form von Briefen unterschiedlichster Absender nach Mondsee gelangt.

Die herausragende Leistung Arno Geigers ist für mich die Figur des kriegstraumatisierten Antihelden Veit, dessen Tagebuch den Hauptteil des Romans ausmacht. Sein Kampf gegen die Dämonen und Erinnerungen, seine Nervenanfälle mit Schweißausbrüchen und Zittern, seine zunehmende Pervitinabhängigkeit und seine Angst vor einer Rückkehr an die Front sind großartig erzählt. Er hadert mit den verlorenen Jahren seit dem Abitur, trauert dem verpassten Studium nach, leidet unter seinen Kriegserlebnissen und Schuldgefühlen, denn: „Es war auch mein Krieg.“. Der Schwebezustand zwischen der Hoffnung auf ein baldiges Kriegsende und der Angst vor dem „langen Arm“ seines „Dienstgebers“ machen für mich die große Stärke des Romans aus. Die Verbindung zu Margot, „seit Jahren der erste erfolgreiche Versuch, mein Glück zu korrigieren“, wird zum Rettungsanker.

„Der Roman ist ein erfundenes Haus mit echten Türen und Fenstern“ hat Arno Geiger auf die Frage nach der Authentizität seiner Romanfiguren geantwortet, auf die die „Nachbemerkungen“ hinzuweisen scheinen. Die langjährigen Recherchen merkt man dem Buch in jedem Fall deutlich an.

Arno Geiger: Unter der Drachenwand. dtv 2019
www.dtv.de

Deutscher Buchhandlungspreis 2019

Die Buchhandlung Taube in Marbach erhält den von Kulturstaatsministerin Monika Grütters ausgelobten Deutschen Buchhandlungspreis 2019 – herzlichen Glückwunsch zu dieser großartigen Auszeichung! So ein klein wenig fühle ich mich als Stammkundin mit ausgezeichnet, schließlich habe ich es doch schon lange gewusst…

 

Das allgemeine, inhabergeführte Sortiment auf 120qm ist schon rein äußerlich etwas ganz Besonderes, denn es ist in einem ehemaligen Kirchenraum aus dem 15. Jahrhundert, der Wendelinskapelle, in der Fußgängerzone der Schillerstadt Marbach am Neckar beheimatet.

 

Warum ich gerade hier einkaufe, obwohl ich nicht einmal in Marbach wohne, hat viele gute Gründe. Dazu zählen zunächst einmal die anregende Atmosphäre und die Impulse, die ich auf den ästhetisch-fantasievoll gestalten Tischen und im Regal mit den Tauben-Tipps bekomme. Die Gespräche mit dem Inhaber Markus Schneider und seinen Buchhändlerinnen sind immer bereichernd und sehr freundlich, die Beratung ist sachkundig, der Umgang wertschätzend und der Service ebenso umfassend wie kundenorientiert. Das Motto „Buch tut gut“ spricht mir aus der Seele. Die gute Stimmung im Laden und die Individualität und Originalität, die ich bei den großen Filialisten vermisse, machen für mich den Unterschied beim Einkauf aus. Das Veranstaltungsprogramm mit Lesungen, Ausflügen und Buchvorstellungen ist vielfältig und lebendig, der Newsletter absolut originell, inspirierend und oft humorvoll. An der alle zwei Jahre stattfindenen Fahrt zur Leipziger Buchmesse habe ich 2018 teilgenommen und war begeistert von der perfekten Organisation. Und nicht zuletzt freue ich mich, dass hier buchhändlerischer Nachwuchs bestens ausgebildet wird.

Liebe Tauben, bleibt wie ihr seid und feiert euren Preis, ihr habt ihn verdient!

buchhandlung-taube.buchkatalog.de

Lisa-Marie Dickreiter & Andreas Götz & Nikolai Renger: Berti und seine Brüder – Die Schokoladenkugel des Bösen

  Super-Berti oder Was für eine Woche!

Lisa-Marie Dickreiters beklemmender Debütroman Vom Atmen unter Wasser hat mich vor einigen Jahren sehr beeindruckt. Ihr Kinderbuch Berti und seine Brüder – Die Schokoladenkugel des Bösen, das sie zusammen mit Andreas Götz verfasst hat, hat mich nun davon überzeugt, dass sie auch dieses Genre beherrscht.

„Gibt’s was Blöderes als große Brüder?“ fragt der fünfjährige Berti, der schwer unter dem zwölfjährigen Harald, dem elfjährigen Sture und dem zehnjährigen Erik zu leiden hat. „Die Wikinger“ verbreiten Angst und Schrecken, lassen das „Baby“ nicht mitspielen und zeigen sich nicht einmal dankbar, wenn er ihnen aus der Patsche hilft. Ganz schlimm wird es in einer Woche in den Sommerferien, als sich die Mutter für die Beendigung ihrer Doktorarbeit in ihrem Zimmer einschließt und der Vater mit den vier Jungs heillos überfordert ist. Als er sich breitschlagen lässt, und den Wikingern die seit langem ersehnten, von der Mutter abgelehnten Superman-Kostüme spendiert, fühlen die sich erst richtig stark. Nun muss die Welt gerettet werden, und weil weit und breit kein Bösewicht in Sicht ist, wird kurzerhand die riesige Schokoladenkugel im Schaufenster des Süßwarenladens zur „Schokoladenkugel des Bösen“ und zur „schlimmsten Bedrohung der Welt, die es gibt“ erklärt. Klar, dass Berti mit seinem Piratenkostüm wieder mal außen vor bleibt. Aber wetten, dass sie auf Dauer nicht auf seine Hilfe verzichten können?

Obwohl ich nicht zur Zielgruppe der Grundschuljungen und -mädchen zähle, hat mir das Lesen sehr viel Spaß gemacht. Die beiden Autoren erzählen sehr gradlinig und kindgerecht eine spannende Geschichte mit äußerst fantasievollen Protagonisten, wobei stets klar bleibt, was gut ist und was man besser nicht tun sollte. Dass der gefürchtete Lehrer Schmidtke nicht der große Bösewicht ist, für den die Jungs ihn halten, und dass es als Nebencharakter ein starkes Mädchen gibt, das ihnen ihre Grenzen aufzeigt, hat mir ebenfalls gut gefallen. Wenn die Einsamkeit einer Person damit beschrieben wird, dass das Sofa nur eine Kuhle hat, nämlich dort, wo immer nur einer alleine sitzt, dann finde ich das literarisch sehr gut gelungen und für Kinder klar verständlich. Nicht ganz so gut wie Sprache und Inhalt gefallen mir die 70 comicartigen Illustrationen in Schwarz, Weiß, Rot und Blau von Nicolai Renger, die für mich auch nicht immer exakt zum Text passen, beispielsweise wenn der schrecklich böse Hund Sternchen eher wie ein bedauernswertes Hündchen wirkt. Allerdings bin ich davon überzeugt, dass die Zeichnungen bei der Zielgruppe gut ankommen.

Ein hochwertig hergestelltes, empfehlenswertes Kinderbuch zum Vorlesen für Jungen und Mädchen ab 5 Jahren, zum Selberlesen ab der dritten Klasse.

Lisa-Marie Dickreiter & Andreas Götz & Nikolai Renger: Berti und seine Brüder – Die Schokoladenkugel des Bösen. Oetinger 2019
www.oetinger.de

Johanna Holmström: Själarans Ö

  Ausgestoßene

Eine Fahrt durch den Schärengarten vor Turku zu den Ålandinseln im Jahr 2017 gehört zu meinen schönsten Reiseerinnerungen. Tausende kleiner und kleinster Inselchen liegen in diesem Gebiet vor der Südwestküste Finnlands, teils bewohnt, teils unberührt. Hindurchzufahren ist ein einzigartiges Erlebnis. Ein Buch, das auf einer solchen Schäre spielt, ist daher für mich fast schon ein Muss. Nach mehreren Krimis im schwedischen Original habe ich mich zum ersten Mal an einen Roman in schwedischer Sprache gewagt, eine große Herausforderung mit Niveau B1/B2 und hinsichtlich des Wortschatzes unvergleichlich anspruchsvoller. Die deutsche Übersetzung unter dem Titel Die Frauen von Själö ist 2019 im Verlag Ullstein erschienen.

Schären vor Turku. © M. Busch

Auf Själö im äußersten Schärengürtel vor Turku gab es bis 1962 eine Nervenheilanstalt für Frauen. Johanna Holmström stieß 2012 durch die Dissertation von Jutta Ahlbeck-Rehn auf das Schicksal dieser Frauen, das sie nicht mehr losließ. Ihre Protagonistinnen haben so nicht existiert, vielmehr hat sie ihre Figuren aus verschiedenen Patientenberichten zusammengesetzt.

Drei Frauen stehen im Mittelpunkt des Romans, die aus ganz unterschiedlichen Gründen auf Själö landen: Kristina, Elli und Sigrid. Kristina Andersson hat im Oktober 1891 in einem Anfall von Verzweiflung ihre beiden Kinder im Fluss Aura ertränkt, heute würde bei ihr vermutlich eine Kindbettdepression diagnostiziert. Ihr Schicksal hat mich besonders berührt. Im Teenageralter vergewaltigt, führt die Geburt einer Tochter zur Ächtung im Dorf, eine zweite Chance will man ihr nicht geben. Ein Pastor mit Doppelmoral sorgt schließlich dafür, dass sie in die Klinik von Själö verlegt wird, die fast immer Endstation ist.

Als Kristina bereits kaum mehr als eine „lebende Tote“ ist, kommt 1934 die 17-jährige Elli Curtén nach Själö, Tochter aus bürgerlichem Haus, von der Mutter stets auf Abstand gehalten und schließlich mit einem jungen Mann durchgebrannt. „Hypersexualität“ lautet eine der Diagnosen. Ihre Weigerung, die Geisteskrankheit zu akzeptieren, wird als fehlende Krankheitseinsicht gedeutet und verschärft ihre Situation. Obwohl sie ursprünglich auf Betreiben ihrer Eltern eingewiesen wurde, setzen diese sich bald für ihre Entlassung ein, doch dafür gibt es Mitte der 1930er-Jahre in Finnland eine neue, unmenschliche Bedingung.

Die dritte Frau im Bunde ist Sigrid Friman, ausgebildete Krankenschwester aus Helsinki und als einzige freiwillig hier. Sie möchte einige Jahre auf Själö arbeiten und dann ihren Verlobten Frans heiraten, doch es kommt anders. Sigrid ist eine reflektierte Frau, die die Grenzen zwischen gesund und krank immer wieder in Frage stellt und sich um das Wohl ihrer Patientinnen sorgt.

Während es im ersten Teil fast nur um Kristina geht, handeln die beiden folgenden, sehr ausführlich geratenen Teile vom Alltagsleben auf Själö, wo nur selten ein Arzt vorbeikommt, von Freundschaften und Intrigen, von Zwangsmaßnahmen wie strikter Isolation, von den penibel geführten Krankheitsdokumentationen, Fluchtversuchen im Winter über das Eis, Todesfällen und fast vollkommener Abschottung von der Außenwelt. Und trotz alledem bietet das Leben auf Själö auch Freiheiten, die es auf dem Festland so für die Frauen nicht gäbe. Die düstere Stimmung des Buches wird lediglich durch die sehr atmosphärische Beschreibung der Jahreszeiten und der Natur unterbrochen, so dass mich das etwas zu positiv geratene Ende überrascht hat.

Själarnas Ö ist ein Roman, der wohl niemanden kaltlässt.

Johanna Holmström: Själarnas Ö. Norstedts 2017
www.norstedts.se

Mari Jungstedt: Den du inte ser

Ein Serienmörder im Urlaubsparadies

Im Urlaub lese ich gerne Bücher aus dem Gastland, Klassiker, aktuelle Belletristik oder Krimis, wenn möglich in der Originalsprache. Für Gotland bietet sich die Anders-Knutas-Krimiserie von Mari Jungstedt an, deren erster Band Den du inte ser, auf Deutsch Den du nicht siehst, im Original bereits 2003 erschien und aufgrund der zahlreichen Dialoge und kurzen Sätzen mit dem Sprachniveau B1/B2 einfach zu lesen ist. Die vielen Schauplätze auf der ganzen Insel einschließlich der zugehörigen Nachbarinsel Fårö lassen sich gut auf einer Landkarte verfolgen. Kann man sie parallel zur Lektüre auch noch besuchen, ist das natürlich perfekt. Allerdings konzentriert sich das regionale Flair vor allem auf die Geografie und weniger auf das Leben in Gotland. Schöner Zufall am Rande: Beim Kauf des Buches in der gut sortierten Buchhandlung in Visby war die Autorin zusammen mit Håkan Nesser anlässlich einer Signierstunde zu Besuch.

Mari Jungstedt und Håkan Nesser bei einer Signierstunde am 20.07.2019 in Visby. © M. Busch

Kurz vor Beginn der kurzen Sommersaison werden auf Gotland eine Frau und ihr Hund ermordet aufgefunden. Helena Hillerström aus Stockholm war mit ihrem Lebenspartner Per Bergdal zu Besuch in ihrem Ferienhaus an der Westküste südlich von Visby, als ihre Leiche am Strand von Fröjel entdeckt wird, mit einer Axt erschlagen, nackt und mit ihrer Unterhose im Mund. Ins Visier der Polizei gerät zunächst der erwiesenermaßen eifersüchtige Per. Doch Helena bleibt nicht das einzige Opfer und bald richten sich alle Augen auf das Ferienparadies in der Ostsee, wo ein Serienmörder sein Unwesen treibt. Kommissar Anders Knutas von der Polizei in Visby und seine Stellvertreterin Karin Jacobsson stehen unter enormem Druck, denn jederzeit kann der Täter wieder zuschlagen. Was verband die Opfer? Führen die Spuren eher nach Stockholm, wohin alle Opfer eine Verbindung hatten, oder sollte man sich auf die Insel konzentrieren? Johan Berg, eigens aus Stockholm angereister Reporter des schwedischen Fernsehens SVT, berichtet über die Mordserie und lernt dabei die verheiratete zweifache Mutter Emma Winarve kennen, in die er sich Hals über Kopf verliebt.

Den du inte ser ist kein sensationell neuartiger, aber ein solider Krimi, spannend bis zum finalen Showdown und bis auf die kurzen, kursiv gedruckten Erinnerungen des Täters chronologisch erzählt. Neben dem regionalen Bezug konzentriert sich Mari Jungstedt überwiegend auf die Aufklärung der Verbrechen.

Mari Jungstedt: Den du inte ser. Bonnier Pocket 2019
www.albertbonniersforlag.se