Tilde Michels: Gustav Bär erzählt Geschichten

Ein Kinderbuchklassiker mit dem Potential zum Lieblings-Vorlesebuch

Von Tilde Michels (1920 – 2012) kennt man vor allem Kleiner König Kalle Wirsch und Es klopft bei Wanja in der Nacht. Außerdem schätze ich sie als Übersetzerin oder vielmehr Nacherzählerin von Arnold Lobels genialem Kinderbuchklassiker Das große Buch von Frosch und Kröte. Doch auch ihre inzwischen ebenfalls zum Kinderbuchklassiker gewordenen Geschichten um Gustav Bär und die drei Wanderbären Cilli, Bim und Mocke sind ein wunderbares erstes Vorlesebuch für Kinder ab vier Jahren. Im vorliegenden Sammelband Gustav Bär erzählt Geschichten hat der Arena Verlag die drei Bände Gustav Bär erzählt Gute-Nacht-Geschichten, Als Gustav Bär klein war und Abenteuer mit Gustav Bär zusammengefasst.

Die etwa 40 Geschichten mit kindgerechtem Vokabular und kurzen Sätzen umfassen jeweils zwei bis drei Seiten, sind in sich abgeschlossen und hängen doch zusammen. Alltägliche Situationen aus der Erlebniswelt der Kinder mit einem hohen Wiedererkennungswert werden erzählt und immer geht es um Gefühle. Im Mittelpunkt stehen Eifersucht, Scham, Streit, Hänselei, Versöhnung, Teilen, Mut, Unternehmenslust uvm. Die Illustrationen von Helga Spieß passen zum Charme des Textes und nehmen den zentralen Inhalt jeder Geschichte zielgruppengerecht auf.

Gustav Bär erzählt Geschichten ist ein sehr empfehlenswerter Kinderbuchklassiker mit dem Potential zum Lieblings-Vorlesebuch für Zuhörer und Vorleser.

Tilde Michels: Gustav Bär erzählt Geschichten. Arena 2013
www.arena-verlag.de

Maja Lunde: Die Geschichte der Bienen

Hoffnung?!

Die Geschichte der Bienen der norwegischen Autorin Maja Lunde fällt zunächst durch ein bestechendes Äußeres auf. Sowohl der zurückhaltend gestaltete Umschlag mit der plastisch hervorgehobenen toten Biene, als auch der warmgelbe Einband und das ebensolche Vorsatzblatt machen den Roman zu einem optischen Genuss und zu einem Hingucker auf jedem Büchertisch oder im Schaufenster einer Buchhandlung.

Erzählt wird abwechselnd von drei Stimmen an drei verschiedenen Orten zu drei unterschiedlichen Zeiten. Damit man nicht die Orientierung verliert, ist als Fußnote auf jeder Seite die Person genannt, die gerade das Wort hat – eine tolle Idee des Verlags! Allerdings sind die Stimmen so unterschiedlich, dass die Unterscheidung auch sonst nicht besonders schwergefallen wäre:

William, der Naturforscher und Samenhändler aus Maryland, Hertfordshire, England, berichtet 1852 in blumiger, altertümlicher Ausdrucksweise über sein Leben als Vater von acht hungrigen Mäulern, die ihn die vielversprechende wissenschaftliche Karriere gekostet haben. Als er sich doch noch einmal aufrafft und mit „Savanges Standardbeute“ eine völlig neue Art von Bienenbehausung als Patent anmelden will, ist ihm ein anderer Erfinder bereits kurz zuvorgekommen.

In einer eher einfachen, derben Sprache erzählt George von seinem Leben als Imker in Automn Hill, Ohio, USA, 2007. Er führt die Familientradition fort und hofft darauf, seinem Sohn eines Tages ein gesundes Unternehmen vererben zu können, auch wenn der lieber Journalist werden will. Die Bienen sind für George Beruf und Berufung, doch machtlos muss er zusehen, wie das mysteriöse Bienenverschwinden, „Colony Collapse Disorder“ genannt, auch bei ihm Einzug hält.

Die dritte Erzählstimme, die sehr sachlich und präzise daherkommt, aber ebenso melancholisch wie die beiden anderen ist, gehört Tao, einer Handbestäuberin in Shirong, Sichuan, China, im Jahr 2098. Sie kennt Bienen, die seit den 1980er-Jahren in ihrer Region, seit 2045 auf der ganzen Welt verschwunden sind, nur noch aus Büchern. Nun muss sie nicht nur gegen Mangelernährung und einen tristen Alltag kämpfen, sondern auch nach ihrem dreijährigen Sohn Wei-Wen suchen, der ganz plötzlich erkrankt ist und vom herrschenden „Komitee“ weggebracht wurde.

Da ich passenderweise während der Lektüre immer meinen blühenden Apfelbaum im Blick hatte, um den wegen des viel zu kalten Wetters leider keine Bienen summten, konnte ich die Hilflosigkeit der Protagonisten recht gut nachvollziehen. Doch außer um das Thema Bienen geht es in allen drei Geschichten auch um die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern und die Konflikte um Erwartungen und Rebellion. Mir hätte es besser gefallen, wenn Maja Lunde stattdessen noch tiefer in die Problematik des Bienensterbens eingedrungen wäre, auch wenn dies natürlich kein Sachbuch, sondern ein Roman ist. Sehr gut gefallen hat mir dagegen, wie die drei scheinbar unzusammenhängenden Geschichten am Ende doch noch Verbindungen aufweisen und dass der insgesamt düstere Roman mit dem Wort „Hoffnung“ endet. Diese hege ich trotz allem auch für meine Apfelernte.

Maja Lunde: Die Geschichte der Bienen. btb 2017
www.randomhouse.de

Jamie Ford: Keiko

Eine ganz besondere Liebesgeschichte

Wenn man ein Lieblingsbuch erneut liest, besteht immer die Gefahr einer Enttäuschung. Bei Keiko, dem Debütroman des US-Amerikaners Jamie Ford aus dem Jahr 2009, ist es mir zum Glück nicht so ergangen, und ich war genauso berührt und gefangen wie beim ersten Lesen vor einigen Jahren.

Aus der Sicht eines auktorialen Erzählers erfahren wir die Lebens- und Liebesgeschichte des Amerikaners chinesischer Herkunft Henry Lee, der 1986 vor Kurzem nach glücklicher Ehe seine Frau Ethel verloren hat. Bei einem Spaziergang durch Seattle beobachtet er, wie das an der Grenze zwischen chinesischem und japanischem Viertel gelegene und seit Kriegsende aufgegebene Hotel Panama zu neuem Leben erwacht. Seine Gedanken wandern zurück ins Jahr 1942, als er mit zwölf Jahren zum ersten Mal dort war.

Zu dieser Zeit war Henry der einzige asiatische Stipendiat einer weißen Eliteschule, ein gemobbter Außenseiter. Mit seinen Eltern konnte er nicht darüber reden, zu stolz waren sie darauf, dass ihr Sohn ein echter Amerikaner geworden war, und er war abgrundtief einsam. Das änderte sich, als mit der Japanerin Keiko eine zweite Asiatin an die Schule kam. Die beiden Jugendlichen wurden unzertrennlich, erlebten ihre erste Liebe und streiften zusammen durch die Jazz-Szene Seattles, immer darauf bedacht, die Verbindung vor Henrys Vater, der die Japaner hasste, geheim zu halten. Doch nach dem Angriff auf Pearl Harbor, als die Amerikaner alle Japaner internierten, wurden auch Keiko und ihre Familie in ein Lager gebracht, und so sehr Henry sich auch bemühte, verlor er sie doch aus den Augen.

Mir ist dieser Roman, der so sensibel und still eine wunderschöne lebenslange Liebesgeschichte und zwei schwierige Vater-Sohn-Beziehungen (zwischen Henry und seinem Vater bzw. Henry und seinem Sohn) erzählt, sehr ans Herz gegangen. Ist er ein wenig kitschig? Wenn ja, so hat es mich in keinem Moment gestört. Vielmehr habe ich Keiko, im Original Hotel on the Corner of Bitter and Sweet, als Zeugnis über ein Leben zwischen verschiedenen Kulturen und über Ausgrenzung gelesen, als zeitgeschichtlichen Bericht aus dem Zweiten Weltkrieg in den USA und als Suche eines überaus sympathischen Protagonisten nach seiner Identität.

Jamie Ford: Keiko. Berliner Taschenbuch Verlag 2010
www.piper.de

Marc Elsberg: Blackout

Der Katastrophenfall 

Normalerweise will ich mit der Vergabe von „nur“ drei Sternen eher von einem Buch abraten, im vorliegenden Fall ist das etwas anders. Das Thema eines Ausfalls der europäischen, später auch außereuropäischen Stromnetze ist dermaßen fesselnd und beängstigend, dass sich eigentlich jeder einmal damit befasst haben sollte. Trotzdem konnte mich die Umsetzung des Themas nur bedingt überzeugen.

Als an einem Wintertag innerhalb einer Dreiviertelstunde fast das gesamte europäische Stromnetz zusammenbricht, glauben die Verantwortlichen mehrheitlich zunächst an eine Wiederherstellung der Versorgung innerhalb weniger Stunden. Doch die Trennung von Stromerzeugern und Netzbetreibern, die durch die Energiewende bedingte Zunahme sensibler Schnittstellen und die Vernetzung über Ländergrenzen hinweg machen die Ursachenforschung und die Behebung der Panne kompliziert. Oder handelt es sich vielleicht sogar um eine gezielte Attacke von Terroristen, Anarchisten oder eines ganzen Staates? Während das Überleben der Bevölkerung ohne Licht, Heizung, Klospülung, Trink- und Duschwasser, Benzin, Bargeld, Lebens- und Kommunikationsmittel immer dramatischer wird und nach und nach die Notstromaggregate der Krankenhäuser und AKWs ausfallen, in Spanien das Militär putscht und das Chaos auf den Straßen droht, suchen die Verantwortlichen in Brüssel, Den Haag, Berlin und in allen betroffenen Staaten fieberhaft nach der Ursache der Katastrophe und Möglichkeiten, das Überleben der Bevölkerung zu sichern. Der IT-Spezialist, Hacker und ehemalige Anti-G8-Protestierer Piero Manzano aus Mailand ist nach einer Entdeckung an seinem intelligenten Stromzähler dem Rätsel auf der Spur, doch als er sich endlich Gehör bei den Behörden verschafft, gerät er zunächst selber unter Verdacht…

Während mich das Szenario eines Angriffs auf unsere Stromnetze begeistert hat, ich viel gelernt und so manchen Denkanstoß erhalten habe, hat mich der in meinen Augen völlig überflüssige Einsatz von „Katalysatoren“ wie den ständigen Ortswechseln und die unglaubliche Odyssee Manzanos gestört. Die Geschichte über die Verwundbarkeit unserer modernen Zivilisation ist von sich aus so dramatisch, dass es dieser „gewöhnlichen“ Thrillereffekte überhaupt nicht bedurft hätte. Im Gegenteil haben sie dem für mich gut und  glaubhaften dargestellten Geschehen sogar an Authentizität genommen. 250 der 800 Seiten weniger, weniger unnötige Dramaturgie, ein Verzicht auf die Liebesgeschichte am Rande und keine Sätze wie „Manzano versank im Schmerz, fühlte, wie er kraftlos vom Stuhl glitt, in Shannons Hände“ und Blackout wäre für mich ein Fünf-Sterne-Thriller. Doch auch so bin ich froh, dieses Buch, das mit Sicherheit in Erinnerung bleiben wird, gelesen zu haben.

Marc Elsberg: Blackout. Blanvalet 2013
www.randomhouse.de

Camilla Grebe: Wenn das Eis bricht

Etwas stimmt nicht – aber was?

Bisher kannte ich bereits die vier hervorragenden Krimis um die Stockholmer Psychotherapeutin Siri Bergman, die Camilla Grebe, Betriebswirtin, zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Åsa Träff, Psychologin mit Schwerpunkt Verhaltenstherapie, geschrieben hat. Ich war deshalb sehr gespannt, ob Camilla Grebe alleine genauso gut schreibt wie im Team, und vor allem, ob das psychologische Element genauso stark sein würde. Beide Fragen kann ich nach der Lektüre mit einem eindeutigen Ja beantworten.

Der Thriller Wenn das Eis bricht beginnt mit einem scheußlichen Fund: In der Villa des ebenso erfolgreichen wie wegen seiner Methoden, seiner Frauengeschichten und seiner politisch unkorrekten Äußerungen umstrittenen 45-jährigen Managers einer erfolgreichen Modekette, Jesper Orre, liegt eine enthauptete Frau, Orre selbst ist verschwunden. Die Auffindesituation gleicht frappierend einem nie aufgeklärten Mord an einem jungen Mann zehn Jahre zuvor ebenfalls in Stockholm. Können zwei verschiedene Täter dermaßen ähnliche Verbrechen begehen? Wer ist die Tote und wo ist Jesper Orre?

Erzählt wird abwechselnd aus drei Perspektiven. Peter Lindgren, 49 Jahre, latent depressiv, mit stark angeknackstem Selbstbewusstsein und pathologischer Bindungsangst, ermittelt heute wie damals bei der Stockholmer Kriminalpolizei. Hanne Lagerlind-Schön, 59 Jahre, Verhaltensforscherin und gelegentlich von der Polizei mit der Erstellung psychologischer Täterprofile beauftragt, war ebenfalls bereits in den alten Fall involviert. Gegen Peters Willen wird sie erneut hinzugezogen. Die Beiden hat einst eine ernsthafte Liebesbeziehung verbunden, die an Peters Bindungsangst gescheitert ist. Nun leidet Hanne an beginnender Demenz und steht vor der Frage, wie sie die Zeit vor dem Vergessen sinnvoll verbringen will. Die dritte Ich-Erzählerin, die häppchenweise über die zwei Monate vor der Tat berichtet, ist die junge Verkäuferin Emma Bohman, angestellt bei der gleichen Modekette wie Jesper Orre, durch die heimliche Verlobung mit ihm aufgestiegen vom Aschenputtel zur Prinzessin – bis er sich plötzlich nicht mehr meldet.

Anders als der Leser oder die Leserin, für die sich schnell ein Bild ergibt, tappt die Polizei lange im Dunkeln. Doch irgendetwas passt nicht so recht zusammen – aber was?

Ein über 600 Seiten durchgehend spannender, einfach zu lesender Psychothriller, stimmig erzählt und genial aufgelöst, eben ein echtes Produkt „made in Sweden“.

Camilla Grebe: Wenn das Eis bricht. btb 2017
www.randomhouse.de

Wolfheinrich von der Mülbe: Die Zauberlaterne

Ritter Kuniberts Suche nach dem Glück

Die Ausgabe der Edition Büchergilde von Wolfheinrich von der Mülbes (1879 – 1965) Klassiker Die Zauberlaterne besticht zunächst durch die hochwertige Aufmachung und die stimmungsvollen, fantasievollen Illustrationen von Rotraut Susanne Berger. Mit knapp 500 Seiten stellt sie außerdem eine Herausforderung für junge Leser ab 9 Jahren dar, die aber für ihr Durchhaltevermögen mit einer allzeit spannenden, abenteuerlichen, manchmal mystisch-schaurigen Rittergeschichte mit Augenzwinkern belohnt werden.

Frau Schute, Ritter Kuniberts Mutter, ist unzufrieden mit ihrem Sohn, den sie für ein Weichei hält: „Das kommt alles davon, dass du ein Nichtstuer bist. Andere junge Ritter ziehen aus, besiegen Zwerge, töten Drachen und heiraten wohlhabende Feen. Deswegen können sie auch ihre Burgen anständig halten, und ihre Mütter bekommen nicht das Zipperlein. Du sitzt immer zu Haus und guckst in den Mond. Du bist ein Waschlappen.“ Und so bleibt Kunibert nichts anderes übrig, als mit seinem Diener in die Welt zu ziehen, eine Prinzessin zu suchen und zu gewinnen, Abenteuer mit Drachen und Feen zu bestehen, das magische Rasierzeug des alten Königs aufzutreiben und vieles mehr.

Der Klassiker aus dem Jahr 1937 ist eine Mischung aus Ritterroman, Märchen, Abenteuer-, Schauer- und Fantasygeschichte, wobei Ironie und Sprachwitz ihre eine besondere Note geben.

Wolfheinrich von der Mülbe: Die Zauberlaterne. Büchergilde Gutenberg 2003
www.edition-buechergilde.de

Remy Eyssen: Gefährlicher Lavendel

Katastrophenalarm in der Provence

Der Lavendel hat es dem deutschen Krimiautor Remy Eyssen angetan: Nach Tödlicher Lavendel und Schwarzer Lavendel ermittelt der deutschstämmige Rechtsmediziner Dr. Leon Ritter, der sich nur zu gerne und äußerst erfolgreich in die Arbeit der Polizei einmischt, in Gefährlicher Lavendel wieder einmal im südfranzösischen Département Var in der Provence.

Vor einigen Jahren ist Dr. Ritter nach dem Unfalltod seiner Frau von Frankfurt hierhergezogen, hat die Stelle in der Uniklinik mit dem Job in der Klinik Saint-Sulpice vertauscht und lebt in Le Lavandou inzwischen mit der stellvertretenden Chefin der Gendarmerie nationale, Capitaine Isabelle Morell, zusammen, eine privat wie beruflich erfolgreiche Verbindung.

Während sich das frühlingshafte Le Lavandou auf den großen Blumenkorso und die Touristen vorbereitet und unter der seit Wochen anhaltenden Trockenheit stöhnt, verschwindet der allseits geachtete Richter Nicolas Lambert. Er stirbt, kurz nachdem man ihn brutal gefoltert gefunden hat. Wer ist zu einem so gewalttätigen und zerstörerischen Verbrechen fähig? Und da es nicht bei dem einen Opfer bleibt, sitzen der örtlichen Gendarmerie nicht nur eine sensationslüsterne Presse, sondern auch das Morddezernat von Toulon und die Politik im Nacken. Zum Ärger des örtlichen Polizeichefs Thierry Zerna überschreitet der Médecin légiste Dr. Ritter wieder einmal seine Zuständigkeiten, ermittelt mit eigenwilligen Methoden, holt sich gerne auch Informationen auf dem Bouleplatz oder in seinem Lieblingscafé und verfolgt stur seine eigenen Spuren, auch wenn er sich damit zwischendurch kräftig blamiert. Doch Dr. Ritter ist fest davon überzeugt, dass es eine Verbindung zwischen den Opfern geben muss und die Wurzeln des Rachefeldzugs in der Vergangenheit liegen.

Gerade als sich in Le Lavandou der Blumenkorso in Bewegung setzt und der Wetterdienst nach drei Monaten trockener Hitze wegen eines aufziehenden Unwetters Katastrophenalarm auslöst, kommt es zum Showdown…

Gefährlicher Lavendel war der zweite Krimi aus dieser Serie für mich und er kann problemlos auch unabhängig gelesen werden. Trotz der brutalen Morde sind die Bücher von Remy Eyssen für mich ausgesprochene „Wohlfühlbücher“ und die perfekte Lektüre für zwischendurch. Äußerst sympathisches Personal, eine durchdachte und über 500 Seiten durchgehend spannende Handlung, eine Prise Privatleben und viel Provence sind die Zutaten, die diese Serie so besonders unterhaltsam machen. Ich bin schon jetzt gespannt, welches Adjektiv den Lavendel im nächsten Band schmücken wird.

Remy Eyssen: Gefährlicher Lavendel. Ullstein 2017
www.ullsteinbuchverlage.de

Gerhild Stoltenberg: Überall bist du

Ein mühsamer Genesungsprozess oder „Es gibt immer Dinge, die einen retten“

Dieser Debütroman lässt mich etwas ratlos zurück, zum einen, weil ich nach dem hübsch-verspielten Cover und dem Klappentext etwas Anderes erwartet hatte, zum anderen, weil die drei Teile, in die ich ihn unterteilen würde, sehr unterschiedlich ausfallen.

Der Einstieg in die Geschichte hat mir zunächst gut gefallen. Der Prolog „Belgrad“ hat meine Neugier geweckt, dann erzählt Martha von sich und wie es dazu kam, dass sie zu der fremdbestimmten Frau ohne Courage wurde, die sie heute ist. Ihre Familie entschied stets für sie, sie trug die abgelegten Kleider ihrer Geschwister, übernahm deren Hobbies, Freunde, Sportarten und das Klavierspiel und ließ sich sogar die Modedesign-Schule zugunsten eines Marketingstudiums ausreden.

Vielleicht merkte sie deshalb nicht, dass Tom, den sie für ihre große Liebe hielt, genauso über sie bestimmt hat wie vorher ihre Familie, sei es bei den Terminen ihrer Treffen, bei den Gesprächsthemen oder beim Radioprogramm. Erst als er sich plötzlich nicht mehr meldet, wird ihr klar, dass es immer eine gewisse Distanz zwischen ihnen gegeben hat und sie sich nie auf Augenhöhe begegnet sind.

Dieser mittlere Teil des Romans, der circa vier Monate umfasst, beschreibt die tiefe Depression, in die Martha nach Toms Verschwinden fällt, ihren Grübelzwang, ihre Heulkrämpfe und die Verzweiflung. Zu Beginn kann der Babysitterjob, den sie seit einigen Monaten beim fünfjährigen, extrem altklugen Oskar und seinen beiden jüngeren Brüdern hat, noch trösten, doch schließlich ist sie auch dazu nicht mehr in der Lage. Eigentlich hätte ich in diesem Teil Mitleid mit Martha haben müssen, doch leider ist es der Autorin Gerhild Stoltenberg nicht gelungen, Empathie für ihre Protagonisten bei mir zu wecken. Sei es, weil ich nicht nachempfinden kann, warum Martha diesem Ekel von Tom derart nachtrauert, sei es, weil ihre jämmerliche Passivität mir gegen den Strich geht, war der Mittelteil des Romans sehr anstrengend für mich.

Als Martha sich mit Hilfe ihrer tatkräftigen Freundin Anna schließlich aus dem Bett erhebt und kurzentschlossen statt zum Skiurlaub mit der Familie zu fahren den Zug nach Belgrad besteigt, setzt der Genesungsprozess ein. Dieser letzte Teil des Romans hat mir wieder besser gefallen, da ich ihre heilende Wut und die Tatsache, dass nichts in Belgrad sie an Tom erinnert, gut beschrieben fand und das in Teilen offene Ende gut gelungen ist.

Im Gegensatz zu Kristof Magnusson habe ich Überall bist du nicht als poetisch empfunden, doch haben mir die Sprache von Gerhild Stoltenberg, ihr immer wieder durchscheinender feinsinniger Humor, Ihre Beobachtungsgabe und die Bilder, die sie findet, gut gefallen. Ich bin überzeugt, dass ich den Roman deutlich lieber gelesen hätte, wenn ein strengeres Lektorat beim Jammern gekürzt und die starken Figuren wie Anna und die Spielplatz-Cousinen zugunsten von Oskar und seiner Mutter Stella aufgewertet hätte.

Gerhild Stoltenberg: Überall bist du. Atlantik 2017
www.atlantikverlag.de

Jacob Forsell & Johan Erséus & Margareta Strömstedt: Astrid Lindgren – Bilder ihres Lebens

Ein Schmuckstück meiner Bibliothek

Zum 100. Geburtstag Astrid Lindgrens (1907 – 2002) hat der Verlag Oetinger im Jahr 2007 diesen wunderbaren, opulenten Bildband mit Texten, Fotografien vom Småland ihrer Kindheit, Familienfotos aus ihrem eigenen Fotoalbum sowie Bildern aus Pressearchiven und von Bildagenturen herausgegeben, den ich seither immer wieder sehr gerne zur Hand nehme um Neues zu entdecken, und der eines der Schmuckstücke meiner Bibliothek ist.

Vorangestellt ist die Erzählung Samuel August von Sevedstrop und Hanna in Hult, die Liebesgeschichte ihrer Eltern aus dem Band Das entschwundene Land. Es folgen unzählige aussagekräftige, meist großformatige Fotos und Dokumente aus Astrid Lindgrens Leben in guter Qualität, ausführlich kommentiert durch informative, unterhaltsam zu lesende Texte und Essays.

Für mich ist Astrid LindgrenBilder ihres Lebens das beste Buch über die von mir sowohl wegen ihrer unübertroffenen Kinderbücher als auch wegen ihrer charakterlichen Stärke, ihres politischen Engagements und ihrer Weitsicht hochverehrten Schriftstellerin.

Jacob Forsell & Johan Erséus & Margareta Strömstedt: Astrid Lindgren – Bilder ihres Lebens. Oetinger 2007
www.oetinger.de

Astrid Lindgren: Von Bullerbü bis Lönneberga

Astrid Lindgren für Eilige

18 Geschichten aus der Feder von Astrid Lindgren, darunter Märchen, Erzählungen und Ausschnitte aus ihren unübertrefflichen Kinderbüchern, vereint der Band Von Bullerbü bis Lönneberga. Als „großes Astrid-Lindgren-Hausbuch“ bezeichnet der Oetinger Verlag dieses gewohnt hochwertig gestaltete Buch mit dem Leinenrücken, auf dem bereits vorn mit Pippi Langstrumpf, Michel und Ida sowie Karlsson vom Dach vier wichtige Protagonisten zu sehen sind.

Als großer Fan nahezu aller Astrid-Lindgren-Bücher ziehe ich zwar die vollständigen Texte den Auszügen vor, aber als erster Einstieg in die Welt der schwedischen Kinderbuchautorin ist das Buch mit den stimmungsvollen Illustrationen von Katrin Engelking zum Vorlesen für Kinder ab fünf Jahren durchaus sehr empfehlenswert.

Astrid Lindgren: Von Bullerbü bis Lönneberga. Oetinger 2011
www.oetinger.de