Kirsten Boie: Das Lesen und ich

  „Für mich war Lesen wie Magie“

 

Keine Schriftstellerin und keinen Schriftsteller habe ich so häufig live erlebt wie die von mir hochgeschätzte Kinder- und Jugendbuchautorin Kirsten Boie – bei Lesungen für ihre Hauptzielgruppe, beim Interview oder bei einer Veranstaltung für pädagogische Fachkräfte – und immer mit großem Gewinn.


Vorkämpferin für das Lesen

Anlässlich ihres 70. Geburtstages am 19. März 2020 veröffentlichte der Oetinger Verlag Kirsten Boies Streitschrift zum Thema Lesen. Für ihr großes Engagement wurde die ehemalige Lehrerin im Juni 2019 auf den Buchtagen in Berlin hochverdient mit der Plakette „Förderin des Buches“ geehrt. Aufgeschreckt durch Studien, nach denen fast ein Fünftel der deutschen Zehnjährigen nicht sinnentnehmend lesen kann, aber auch durch eigene Erfahrungen bei Lesungen in Grundschulen, startete Kirsten Boie im Sommer 2018 mit vielen prominenten Erstunterzeichnern die „Hamburger Erklärung“ mit Forderungen an die Politik zur Förderung der Lesekompetenz.

Sachtext und Autobiografie
Eingerahmt werden die 17 kurzen Kapitel von einem exzellenten Vorwort der ehemaligen Oetinger-Verlegerin Silke Weitendorf und Kirsten Boies Rede anlässlich der Preisverleihung. Dazwischen geht es um ihren eigenen Weg zum Lesen, der als Kind von Eltern ohne höhere Schulbildung und einem Haushalt fast ohne Bücher nicht unbedingt vorgezeichnet war. Um so mehr setzt sie sich heute für Kinder aus benachteiligten Familien ein, um ihnen das Lesen als „Nadelöhr hinein in die Gesellschaft“ zu ermöglichen und so zur Gerechtigkeit beizutragen. Neben den vielen rationalen Gründen für gute Lesekompetenz wie Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen, bessere Rechtschreibung, Anregung der Fantasie und Steigerung von Empathievermögen und Intelligenz ist es aber vor allem die Freude am Lesen, die sie vermitteln möchte. Auch wenn heute nicht mehr gilt, „wer etwas anderes erleben wollte als das eigene bescheidene Nachkriegs-Kinderleben, der musste Bücher lesen“, so erschließen Bücher noch immer fremde Welten, produzieren innere Bilder und fördern die Auseinandersetzung mit sich selbst. Wie Kirsten Boie kann ich mir kein Leben ohne Bücher vorstellen, auch ich wäre ohne die Bücher meiner Kindheit und Jugend heute ein anderer, sehr viel ärmerer Mensch. Dass ich Langeweile nur vom Hörensagen kenne, verdanke ich meinen Büchern.

Trotz ihres leidenschaftlichen Plädoyers ignoriert oder verurteilt Kirsten Boie jedoch keineswegs die heutigen Lebensumstände. Filmen, Computerspielen oder YouTube & Co. billigt sie selbstverständlich einen Platz im Kinderalltag zu, allerdings können sie Bücher nicht ersetzen. Und auch bezüglich der Buchauswahl ist sie sympathisch entspannt, geht es ihr doch viel mehr um das Lesen an sich als um die Art der Lektüre.

Ehrlich und authentisch
Dass ich das kleine Büchlein so gerne gelesen habe, liegt einerseits daran, dass Kirsten Boie mir aus dem Herzen spricht und ihre Stimme so authentisch klingt. Es liegt aber auch daran, dass ich mich in vielem wiedererkannt habe, genau wie es beim Lesen sein soll. Während Kirsten Boie in der Nacht vor ihrem mündlichen Abitur zur Beruhigung Bullerbü-Geschichten las, waren es bei mir nach dem Abitur sämtliche Bände meiner geliebten Hanni-und-Nanni-Reihe, die ich nach den Sternchenthemen Fontane, Kleist, Voltaire und Anouilh unbedingt noch einmal brauchte.

Eine Lektüre für alle, die in irgendeiner Form mit Kindern zu tun haben, und die Kirsten Boie genauso schätzen wie ich.

Kirsten Boie: Das Lesen und ich. Oetinger 2020
www.oetinger.de

Mein Fenster zur Welt in Coronazeiten

© B. Busch

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) hat in der Corona-Krise Schriftstellerinnen und Schriftsteller überall in der Welt aufgefordert, Blicke aus ihrem Fenster zu werfen und darüber zu schreiben. In loser Folge erscheinen zur Zeit im Feuilleton ausgesprochen lesenswerte Beiträge in der Reihe Mein Fenster zur Welt. So unterschiedlich die Texte auch sind, zeigen sie doch alle eindrücklich, dass wir in der Isolation nicht alleine sind.

Sehr empfehlenswert ist auch die Vertonung der Beiträge durch Mitglieder des Berliner Ensembles.

Die einzelnen Beiträge mit dem Datum der Veröffentlichung auf der Homepage der FAZ:

Simon Strauss: Ausblick über den Krisenrand, 17.03.2020 (einleitender Beitrag)

Josua Cohen: New York City – Hosen anziehen nicht vergessen, 21.03.2020

Leïla Slimani: Ich habe keine Angst, weil mir all das sehr unwirklich erscheint, 23.03.2020 (Normandie)

Antonio Scurati: Mailand – Ein Zeitalter geht hier zu Ende, 24.03.2020

Aris Fioretos: Stockholm – Mein Schreibtisch ist ein fliegender Teppich, 25.03.2020

Richard Ford: Auf dem Rad nach nirgendwo, 28.03.2020 (East Boothbay, Maine)

Etgar Keret: Der Preis der Oliven, 30.03.2020 (Tel Aviv)

Olga Tokarczuk: Jetzt kommen neue Zeiten!, 01.04.2020 (Breslau)

Han Dong: Zwei Süchte wurden von mir ferngehalten, 02.04.2020 (Hubei)

Thomas Hürlimann: Diesen Posten werde ich halten bis zuletzt, 04.04.2020 (Walchwil)

Sarah Stricker: Lasst eure Handys am Schabbat an, 05.04.2020 (Tel Aviv)

Angela Bubba: Ein Möwenflügel in der Dunkelheit des Sturms, 06.04.2020 (Kalabrien)

Ilma Rakusa: Zerbrechlich wie eine Eierschale, 08.04.2020 (Zürich)

Amir Hassan Cheheltan: Gott der Müllhalde, 11.04.2020 (Teheran)

Siri Hustved: Auch Worte können ansteckend sein, 14.04.2020 (Brooklyn)

Javier Cercas: Nur darauf kommt es jetzt an!, 15.04.2020 (Barcelona)

Simon Stranger: Ein pochender Schmerz, ein brennendes Mal, 17.04.2020 (Oslo)

Aleš Šteger: Wie weiterleben nach dem Ende, 20.04.2020 (Ljubljana)

Eva Sichelschmidt: Nachts werden die Züge zu Pfeilen, 22.04.2020 (Berlin)

Valerie Fritsch: Kuckucksuhren in einer vakuumkranken Welt, 23.04.2020 (Graz)

John Banville: Mensch im Kellerloch, 27.04.2020 (Dublin)

Andrzej Stasiuk: Sehen, wie der Tag aufsteht, 07.05.2020 (Wołowiec)

Amalie Langballe: Es will uns nichts lehren, 08.05.2020 (Fünen)

Alawiya Sobh: Die Menschen vergiften ihre Hunde, 09.05.2020 (Beirut)

Serhij Zhadan: Schutzmasken trägt nur die Facebook-Schicht, 13.05.2020 (Ukraine)

Fernando Vallejo: Es wird weniger gemordet, 14.05.2020 (Medillín)

Adam Zagajewski: Güte und Mut frisch vereint, 16.05.2020 (Krakau)

Jean-Philippe Toussaint: Jetzt nicht über Projekte sprechen!, 18.05.2020 (Brüssel)

Franz Schuh: Wenn man die Stille dröhnen hört, 19.05.2020 (Wien)

Marius Ivaškevičius: Alles bleibt gleich, nur anders, 20.05.2020 (Vilnius)

Jan Wilm: Die Verlorenen sind die Interessantesten, 23.05.2020

Die Reihe wird fortgesetzt, die Links ergänze ich hier fortlaufend.

Danke an die FAZ für die tolle Idee!

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Rezensionen zu Büchern und Veranstaltungen dieser Autorinnen und Autoren auf dem Blog:

             

Graham Swift: Da sind wir

  Von der Zauberei zur Magie

Eine Dreiecksgeschichte steht im Mittelpunkt des neuen Romans von Graham Swift, jenem britischen Autor, der spätestens mit Ein Festtag auch international bekannt wurde. Aber nicht was er erzählt, macht Da sind wir zu einem ganz besonderen Roman, vielmehr ist es das Wie, sein Spiel mit Zeitebenen, der komprimierter Stil, die wiederkehrenden Motive und die verschiedenen Blickwinkel in einem Text, der völlig ohne Kapiteleinteilung auskommt. Einzig der Titel vermag nicht die Mehrdeutigkeit des englischen Originaltitels Here We Are wiederzugeben.

Der Varieté-Sommer 1959
Der Hauptteil der Handlung spielt im Jahr 1959 und vor allem in einem Varieté für die Sommergäste im englischen Seebad Brighton. Dort ist Jack Robbins, der „Flinke Jack“, bereits zum zweiten Mal als Conférencier engagiert und führt durch eine schillernde Show. In diesem Jahr hat er seinem Freund aus dem gemeinsamen Militärdienst, Robbie Deane, ein Engagement als Zauberer verschafft. Der hat sich extra dafür eine Assistentin gesucht, Evie White, eine ehemalige Revuetänzerin, und gemeinsam treten die beiden Verlobten als „Pablo und Eve“ auf. Im Laufe der Saison verfeinert Robbie sein Programm, lässt die gewöhnlichen Zaubertricks immer mehr hinter sich zugunsten wahrer Magie, erarbeitet sich den begehrten Platz als letzte Nummer der Show und ganz oben auf den Plakaten, bis er schließlich zum „Großen Pablo“ avanciert, aber gleichzeitig Evie verliert.

Vor und nach dem Varieté-Sommer
Am meisten erfahren wir über Ronnies Vergangenheit und seine zwei Kindheiten: der ersten vor dem Krieg bei seiner Mutter unter ärmlichen Verhältnissen im Londoner Stadtteil Bethnal Green mit einem kaum anwesenden Vater, die zweite während seiner Kinderlandverschickung nach Oxfordshire zwischen 1939 und 1945. Wäre der Loyalitätskonflikt nicht gewesen, der Junge hätte das Leben dort in bescheidenem Luxus, in Sicherheit und liebevoll umsorgt uneingeschränkt genießen können:

Genau betrachtet hatte er zwei Kindheiten gehabt – fast schon zwei Leben -, und die zweite hatte die erste verdrängt. Er war von einem Ehepaar, den Lawrences, aufgenommen und wie ihr eigener Sohn aufgezogen worden. Und nicht nur das – Mr Lawrence, Eric Lawrence, war zudem Zauberer, dem es in Kriegszeiten an Gelegenheiten mangelte, seinen Beruf auszuüben.
Doch dann war der Krieg vorbei, und dieses – wie sollte man es nennen? – verzauberte Leben musste nicht nur ein Ende haben, es lief sogar wieder in die Gegenrichtung.

In einer weiteren Zeitebene treffen wir Evie 50 Jahre nach dem Varieté-Sommer, die auf ihr erfülltes Leben zurückblickt, auf Höhen und Tiefen, aber auch auf Geheimnisse.

So viel Magie
Geheimnisvoll wie so vieles andere in der Geschichte ist der prächtige Papagei vom Cover, den der Vater einst von einer Seereise mitbrachte, von Ronnie geliebt, von der Mutter kurzerhand verkaufte. Er taucht bei der Abschiedsvorstellung in Brighton wie aus dem Nichts anstatt der Taube auf. Illusion? Magie?

Es ist kaum zu glauben, wieviel Graham Swift auf nur knapp 160 Seiten zu erzählen vermag. Auch das grenzt an Magie.

Graham Swift: Da sind wir. Aus dem Englischen von Susanne Höbel. dtv 2020
www.dtv.de

Adeline Dieudonné: Das wirkliche Leben

  Jäger und Gejagte

Der abendliche Besuch des Eismanns mit seinem Wagen in der Siebzigerjahre-Fertighaussiedlung am Wald ist ein wiederkehrender Höhepunkt im ansonsten bedrückenden Alltag der namenlosen Ich-Erzählerin und ihres jüngeren Bruders Gilles. Doch der Traum vom Eis mit Sahne wird zum Alptraum, als an einem Sommerabend die Sahnemaschine explodiert und das Gesicht des freundlichen Verkäufers zerfetzt. Ein Ereignis, das alles verändert, und nicht das letzte Gesicht, das in dieser Geschichte zerstört wird.

Ein Trauma und seine Folgen
Vielleicht hätte das traumatische Erlebnis in einer funktionierenden Familie aufgefangen werden können, der sechsjährige Gilles wäre nicht versteinert und hätte sein Milchzahnlächeln behalten. So aber fühlt sich die zehnjährige Schwester verpflichtet, den geliebten Bruder zu retten und ihm sein Lächeln zurückzugeben. Stattdessen nimmt die Leere in seinen Augen beständig zu:

Da begriff ich, dass die Druckwelle der Explosion einen Zugang zu Gilles‘ Kopf freigelegt und das Monster, das unter unserm Dach hauste, diesen Zugang genutzt hatte, um sich in meinem kleinen Bruder einzunisten.

„Das Monster“ ist die ausgestopfte Hyäne im Trophäenzimmer des Vaters, eines passionierten Großwildjägers, der die ängstliche Mutter vor den Augen der Kinder brutal misshandelt. Ist er nicht auf Jagdreise, ist sie seine Beute.

Die Zeit zurückdrehen
In der Ich-Erzählerin reift ein fantasievoller Plan zu Gilles‘ Rettung vor seinen Dämonen. Eine Zeitmaschine könnte nicht nur den Tod des Eismanns, sondern auch die Gewaltexzesse des Vaters ungeschehen machen:

Da rief ich mir ins Gedächtnis, dass das, was ich da sah, letztlich nicht von Bedeutung war – weil ich schon bald mit meiner Zeitmaschine in die Vergangenheit reisen würde. In meiner neuen Zukunft, in meinem wirklichen Leben würde all das nicht geschehen.

Während der Bruder mit zunehmendem Alter seine Aggressionen an wehrlosen Tieren austobt und zusehens unter den Einfluss des Vaters gerät, muss die Ich-Erzählerin sich von der unmittelbaren Umsetzung ihres Planes verabschieden. Sie wendet sich stattdessen der Physik zu, die ihre große Leidenschaft wird. Aber auch hier lauert Gefahr:

… denn allmählich begriff ich, dass das kleinste bisschen Ambition meinerseits ihn [den Vater] feindselig stimmte. Er erwartete von mir, dass ich wie meine Mutter wurde. Eine schlaffe, leere Hülle ohne eigene Ziele und Wünsche.

Zunehmend wird auch sie zur Beute des Vaters und zum Ziel seiner sadistischen Einfälle. Anders als die Mutter ist sie jedoch nicht bereit, die Opferrolle widerspruchslos anzunehmen:

Tief in meinem Innern wuchs etwas heran, das größer, das gewaltiger war als ich. […] Dieses Tier wollte meinen Vater verschlingen. Und all die, die mir Böses tun wollten. Und es brüllte so laut, dass es die Finsternis zerriss. Ich war keine Beute mehr. Damit war Schluss. Und auch kein Raubtier. Ich war ich und dieses Ich war durch nichts totzukriegen.

Gewalt und innere Stärke
Das Romandebüt der 1982 geborenen belgischen Dramaturgin und Theaterschauspielerin Adeline Dieudonné, ein Verkaufserfolg in Frankreich, wartet mit schockierend brutalen, für mich teilweise kaum erträglichen Gewaltszenen auf. Andererseits haben mich die innere Stärke der Protagonistin, ihr unbändiges Streben nach einem besseren Leben und der ungeschminkt-sachlich wirkende Bericht über fünf Horrorjahre aber auch beeindruckt.

Adeline Dieudonné: Das wirkliche Leben. Aus dem Französischen von Sina de Malafosse. dtv 2020
www.dtv.de

Jens Rassmus: Juhu, LetzteR!

  Alles auf den Kopf gestellt

Weil immer die gleichen Teilnehmer bei der Tierolympia die Medaillen abräumen, schlafen die Zuschauer auf der Tribüne ein und purzeln von den Sitzen. Höchste Zeit deshalb für grundlegende Veränderungen! Zum Glück haben der Regenwurm, der Hamster und die Zwergmaus eine tolle Idee:

„Ich weiß was!“, meldete sich der Hamster. „Es müssten einfach mal andere gewinnen!“
„Stimmt!“, nickte der Regenwurm.
„Und zwar die, die sonst immer verlieren!“, fuhr der Hamster fort und schlug mit der Faust in die Hand.
„Ihr habt recht!“, sagte die Zwergmaus. „Und es ist eigentlich ganz einfach! Wir müssen nur die Regeln ändern. Ab jetzt gewinnen immer die, die verlieren.“

Wie plötzlich Schnecke und Schildkröte gemeinsam den 100-Meter-Lauf gegen den Gepard gewinnen und mit welcher wahrlich unterirdisch schlechten Leistung der Maulwurf im Hochsprung triumphiert, erzählt und illustriert Jens Rassmus außergewöhnlich vergnüglich in seinem neuen Vorlese-Bilderbuch Juhu, LetzteR! für kleine Zuhörerinnen und Zuhörer ab fünf Jahren. Während sich die einen über ihre katastrophalen Siegleistungen freuen, müssen die anderen erstmals Niederlagen verkraften, die sie trotz einfallsreichster Tricksereien nicht vermeiden können.

© B. Busch

Ganz hervorragend klappt in Juhu, LetzteR! das Zusammenspiel zwischen dem humorvollen Text mit den pointierten Dialogen und den präzise passenden Illustrationen, mal ganz- oder doppelseitig in Farben, mal als Schwarz-Weiß-Zeichnungen im Text.

Am Ende ist das schräge Experiment ein Erfolg auf ganzer Linie:

Es schrie, es jubelte, es klatschte. Es brüllte, pfiff, flatterte und feierte.
Die Tribüne bebte, sie schwankte hin und her. Noch nie hatte es eine solche Begeisterung gegeben! Die Tiere hüpften, sprangen oder ließen sich in die Luft werfen.

Ein Erfolg für alle? Nein, ein Tier ist auch bei diesem innovativen Wettbewerb wie immer eingeschlafen. Welches? Das muss man beim (Vor-)Lesen schon selbst herausfinden…

Jens Rassmus: Juhu, LetzteR! G&G Nilpferd 2020
www.ggverlag.at

Rosa Liksom: Die Frau des Obersts

  Ideologie und Gewalt

Im Roman Lempi, das heißt Liebe der Finnin Minna Rytisalo, einem Lesehighlight 2018, hatte ich bereits einiges zur Geschichte Lapplands im Zweiten Weltkrieg erfahren. Für die Lektüre von Die Frau des Obersts von Rosa Liksom war dieses Wissen hilfreich, auch wenn die Handlung hier schon früher einsetzt. Vier Kriege führte Finnland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Nach der Unabhängigkeit 1918 fochten im Finnischen Bürgerkrieg die siegreichen bürgerlichen Weißen mit den sozialistischen Roten die neue Staatsform aus. Im Winterkrieg 1939/40 gegen die Sowjetunion wahrte Finnland zwar seine Unabhängigkeit, verlor jedoch Teile Ostkareliens. Vom Sommer 1941 bis Herbst 1944 kämpfte Finnland an der Seite des Deutschen Reiches im sogenannten Fortsetzungskrieg erneut gegen die Sowjetunion mit dem Ziel eines Großfinnlands. Der Waffenstillstandsvertrag vom 19.09.1944 verpflichtete Finnland zur Vertreibung der 200.000 Wehrmacht-Soldaten aus Lappland, wodurch es zwischen September 1944 und April 1945 zum Lapplandkrieg mit der Folge der verbrannten Erde kam.

Überall Gewalt
Die namenlose Ich-Erzählerin des Romans, für die es ein reales Vorbild gibt, wird schon im Kindesalter zuhause und bei den „Lottas“, einer paramilitärischen Frauenorganisation der Weißen, auf ihre Bestimmung vorbereitet:

Ich lernte, dass eine Frau fleißig bis zur Selbstaufopferung und gehorsam sein und sich gründlich auf ihr künftiges Los als Soldatenmutter vorbereitet sein muss. Dass zum Mannsein ein Stück Tyrannei gehört und dass der Mann der Frau moralisch überlegen sein soll, […] und dass die Frau lernen muss, das zu akzeptieren und den Mann trotzdem in aller Unschuld und Reinheit zu lieben.

Trotz Warnungen wird sie mit gut 20 Jahren die Geliebte des ebenso namenlosen Obersts, 28 Jahre älter und für seine Gewalttätigkeit berüchtigt. Als seine Verlobte führt sie ein privilegiertes Leben, verinnerlicht die nationalsozialistische Propaganda, akzeptiert die Gräuel in deutschen wie finnischen Lagern, ist mit Generaloberst Dietl befreundet und trifft Göring, Himmler, Mannerheim, Speer, den norwegischen Naziführer Quisling und sogar Hitler. Solange er sich im Feld austoben kann, wahrt der Oberst den häuslichen Frieden. Als er sie jedoch nach dem Waffenstillstandsvertrag und zehn Jahren „Techtelmechtel“ heiratet und sich durch Untertauchen dem „Bruderkrieg“ sowie einer möglichen Verurteilung als Kriegsverbrecher entzieht, beginnen mörderische häusliche Gewaltexzesse.

Von seinem Trieb genötigt jagte und verehrte er ein Weibchen so lange, bis er es in der Falle hatte, und danach begann die Zeit der Folter und Verächtlichkeit.

Erst nach 20 Jahren Beziehung und einem Psychiatrie-Aufenthalt gelingt ihr ein neues Leben als Lehrerin und Schriftstellerin.

Vier Leben
In der kurzen Rahmenhandlung, je zwei Seiten zu Beginn und am Ende, spricht ein auktorialer Erzähler über vier Leben der Ich-Erzählerin: Kindheit, die Zeit mit dem Oberst, eine weitere Ehe mit einem 28 Jahre jüngeren Mann, den sie als 14-jährigen Schüler verführt, und das Lebensende, als sie in Abgeschiedenheit ihren Frieden findet.

Zwiespältiges Fazit
So sehr mich der geschichtliche Hintergrund des Romans interessiert, zu dessen Verständnis das lobenswerte Glossar beiträgt, so sehr hat mich die obszöne Sprache abgestoßen, die ich nur schwer einer alten Frau zuordnen kann. Es fehlt mir auch völlig an Empathie für die Ich-Erzählerin, immerhin eine misshandelte Frau, die als glühende Nationalsozialistin selbst kein Mitleid mit den Opfern hatte und sich bis zuletzt nicht dafür schämt.

Rosa Liksom: Die Frau des Obersts. Aus dem Finnischen von Stefan Moster. Penguin 2020
www.randomhouse.de

Stefanie Höfler: Der große schwarze Vogel

  Wie das ist, wenn jemand plötzlich stirbt

Ich will aber nicht, dass das hier nach einer düsteren Geschichte klingt. Ich weiß selbst gar nicht, ob ich die Geschichte düster finde. Ich weiß nicht einmal, ob das hier eine Geschichte wird. Aber falls es eine wird, dann soll sie erzählen, wie das ist, wenn jemand plötzlich stirbt. Wie die ersten Tage vergehen, wie man damit klarkommt. Oder wie man eben nicht damit klarkommt.

Als Ben an einem wunderschönen Oktobersonntag erwacht, versuchen Sanitäter gerade, seine Mutter nach einem Herzversagen wiederzubeleben. Fassungslos erleben der 14-jährige Ich-Erzähler, sein sechsjähriger Bruder Karl, genannt Krümel, und ihr Pa das Scheitern der Rettungsaktion. Von nun ist nichts mehr, wie es war.

Lustig war die Mutter, manchmal so albern, chaotisch und aufgedreht, dass es dem stillen, schüchternen Ben peinlich war. Bunt war alles um sie herum, die Wände der Wohnung, ihre Kleidung, ihr kupferrotes Haar und ihre grünen Augen, aber manchmal war sie genervt und wütend. Immer war sie lebendiger als andere Mütter, liebte die Natur und Gedichte und konnte auch melancholisch sein:

Der Tod ist wie ein Flügelschlag, hatte Ma einmal gesagt. Sie liebte solche Sprüche. Wie der Flügelschlag von einem großen schwarzen Vogel, der vorbeifliegt, und sein Schatten fällt kurz auf den, der zufällig darunter sitzt, und etwas länger auf diejenigen, die vielleicht gerade drum herum sind. Als hätte sie es geahnt, oder?

Die 1978 geborene Lehrerin und Theaterpädagogin Stefanie Höfler lässt ihren Protagonisten das Geschehen beeindruckend sensibel, direkt und völlig ohne Kitsch erzählen. Nie hatte ich Zweifel daran, dass ich einem ungewöhnlich besonnenen, aufmerksam beobachtenden Vierzehnjährigen zuhöre. Chronologisch berichtet Ben über die Woche nach dem plötzlichen Tod, dazwischen finden sich kursiv gedruckt eingeschobene Kapitel mit den Überschriften „Davor“, „Jetzt“ und „Danach“, so dass die Zeit zwischen Bens frühesten Erinnerungen und dem ersten Todestag der Mutter erfasst wird. Damit entsteht einerseits ein Bild der Mutter, die ihren Söhnen die Liebe zu Bäumen, Wald und Pflanzen mitgegeben hat, andererseits erlebt man hautnah die unterschiedlichen Verarbeitungsstrategien der Zurückgebliebenen. Während der Vater zunächst zwischen Erstarrung, Selbstvorwürfen und Wut schwankt, sorgt der pfiffige Krümel dafür, dass er die Ankunft der Mutter im Himmel nicht verpasst, baut ein Mausoleum und bemalt heimlich den Sarg bunt. Ben dagegen schultert zu viel Verantwortung und kann lange nicht weinen.

Ein großes Geschenk ist die Unterstützung für Ben, der mir beim Lesen ebenso sehr ans Herz wuchs wie der patente Krümel. Sein praktisch veranlagter Freund Janus ist unverstellt für ihn da, die spöttische, unnahbare Klassenkameradin Lina entpuppt sich als Expertin in Sachen Tod und kompetente Gesprächspartnerin und Pas Schwester Gerda kümmert sich einfühlsam-zurückhaltend um die drei Trauernden. Sie alle machen die Geschichte heller, als das Thema es erwarten lässt.

Zurecht war Der große schwarze Vogel 2019 in den Kategorien „Jugendbuch“ und „Jugendjury“ doppelt für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert, auch wenn es nicht nur für junge Leserinnen und Leser ab zwölf, sondern auch für Erwachsene eine höchst empfehlenswerte Lektüre ist.

Für den Einsatz im Unterricht bietet der Verlag Beltz & Gelberg eine Lehrerhandreichung für die Klassenstufe sieben bis neun mit Kopiervorlagen an.

Stefanie Höfler: Der große schwarze Vogel. Gulliver 2019

Heike Krauter-Dierolf & Christian Wilken: «Der große schwarze Vogel» im Unterricht. Beltz 2019
www.beltz.de

Tessa Hadley: Zwei und zwei

  Vier sind genug – drei sind einer zu viel

Late in the Day lautet der Originaltitel des siebten Romans der britischen Autorin Tessa Hadley, und tatsächlich ist es bereits spät im Leben der Protagonisten, um Korrekturen vorzunehmen. Zwei Ehepaare der englischen Mittelklasse Ende 50 mit Ambitionen im künstlerischen Bereich stehen im Mittelpunkt, zwei scheinbar stabile, gewöhnliche Ehen. Doch mit dem überraschenden Tod eines von ihnen gerät das wohlaustarierte Beziehungsgeflecht der vier besten Freunde völlig aus den Fugen, denn: Drei sind plötzlich einer zu viel.  

Damals und heute
Um die komplizierte Verflechtung der vier Protagonisten Alex, Christine, Zachary und Lydia zu verstehen, geht Tessa Hadley weit in deren Vergangenheit zurück. Vier der sieben Kapitel sind Momentaufnahmen von vor etwa dreißig, zwanzig und zehn Jahren, beginnend mit der Zeit des Kennenlernens, dann mit der Eröffnung von Zacharys Galerie in einem ehemaligen Londoner Kirchengebäude und zuletzt mit einem gemeinsamen Urlaub in Venedig. Jede dieser Rückblenden zeigt, dass die Paarbildung auch anders hätte verlaufen können.

Die vier Unzertrennlichen
Christine und Lydia waren dickste Freundinnen seit Schulzeiten, studierten und lebten gemeinsam, als sie die beiden ebenso eng verbundenen Alex und Zachary kennenlernten. Die melodramatisch veranlagte Lydia stakte damals erfolglos den verheirateten Alex, Sohn tschechischer Dissidenten, Pessimist und ambitionierter Verfasser von Gedichten, Christine hatte eine Affäre mit dem fürsorglichen, zugewandten Zachary, der sie zur Aufgabe ihrer Dissertation zugunsten der Kunst animierte. Doch es kam anders: Lydia heiratete Zachary, Christine Alex und die vier bildeten fortan ein unzertrennliches Quartett – bis zu Zacharys Tod. Anstatt in der Trauer noch enger zusammenzufinden, gerät das scheinbar stabile Gerüst ihres Kartenhauses mehr und mehr ins Wanken:

Ohne Zachary ist unser aller Leben in Unordnung geraten. Gerade ihn durften wir auf keinen Fall verlieren.

Wenig Empathie, aber ein messerscharfer Blick
Zwei und zwei
ist ein sorgfältig komponierter Roman mit zwei einschneidenden Ereignissen, eines zu Beginn – Zacharys Tod – und ein zweites in der Mitte, das ich hier zwar nicht verraten möchte, das sich aber früh erahnen lässt. Gerade diese perfekte Anordnung ist aber für mich auch der Schwachpunkt des Buches, wirkt doch alles wie am Reißbrett konstruiert und ich hätte mir mehr Empathie und weniger Distanz der Autorin gewünscht. Entsprechend fiel es auch mir schwer, Wärme für die Figuren aufzubringen, nicht zu verwechseln mit Sympathie. Am ehesten gelingt es noch für den verstorbenen Zachary, der sich für die anderen einsetzte und eigene Bedürfnisse zurückstellte, und für die zurückhaltende, reflektierte, von ihrem Mann unterschätzte Künstlerin Christine, die im letzten Drittel deutlich an Format gewinnt. Alex dagegen ist und bleibt ein vom Leben enttäuschter, schwacher und narzisstischer Charakter, ebenso wie Lydia, die sich eher treiben lässt, als zu handeln. Was Tessa Hadley ausgezeichnet gelingt, ist das Aufzeigen von Wirkkräften und Abhängigkeiten innerhalb der Beziehungen, sei es in Vierer-, Dreier- oder Zweierkonstellationen.

Der feine graue Leineneinband mit den symbolhaft angeordneten Kirschen, von denen eine nur halb zu sehen ist, passt außergewöhnlich gut und das Buch liegt mit seinem etwas kleineren Format beim Lesen ausgezeichnet in der Hand.

Tessa Hadley: Zwei und zwei. Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Kampa 2020
kampaverlag.ch

Magdalena Skala: Sachen

  Ein preisgekröntes Entdecker-Bilderbuch

Den Bilderbuchillustrationspreis „Der Meefisch“, hochdeutsch: „Der Mainfisch“, habe ich erst vor Kurzem kennengelernt. Er wird jedoch bereits seit 2005 alle zwei Jahre von der Stadt Marktheidenfeld am Main für ein unveröffentlichtes Bilderbuchprojekt vergeben. Die ausgezeichnete Vorlage wird seit dem Preisjahr 2009 im Würzburger Kinder- und Jugendbuchverlag Arena veröffentlicht, der Gewinner oder die Gewinnerin erhält zusätzlich ein Preisgeld von 2000 Euro. Begleitend findet eine Ausstellung der 18 besten Beiträge im Kulturzentrum Franck-Haus in Marktheidenfeld statt, während der die Besucherinnen und Besucher ein Werk mit einem eigenen, mit 500 Euro dotierten Publikumspreis auszeichnen.

Meefisch-Preisträgerin 2019 unter über 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern wurde die Grafikdesign-Studentin Magdalena Skala. Ihr Bilderbuch Sachen. Mein 200-Bilder-Buch hat nicht nur die Fachjury, sondern auch mich mit seinen klaren Illustrationen und den leuchtenden Farben Blau, Gelb, Rot und Orange überzeugt. Auf acht glänzenden Doppelseiten aus Pappe mit abgerundeten Ecken sind – geordnet nach den Räumen eines Hauses – Alltagsgegenstände aus Garderobe, Kinderzimmer, Wohnzimmer, Küche, Speisekammer, Bad, Keller und Waschküche abgebildet, auf weiteren zwei Doppelseiten Gartenutensilien sowie Bauernhoftiere.

Die Perspektive ist jeweils so günstig gewählt, dass die Gegenstände gut erkennbar sind, allerdings braucht es wegen der Beschränkung der Farben trotzdem Fantasie, denn die Katze ist rot, der Kaktus blau und das Brot zitronengelb. Anspruchsvoll ist die Doppelseite mit der Speisekammer, besonders einfach und auch für ganz kleine Betrachterinnen und Betrachter zu benennen sind demgegenüber die Gegenstände in der Waschküche und die Tiere.

Pfiffig ist die Idee, auf jeder Doppelseite einen kleinen Marienkäfer zu verstecken, mal krabbelnd, mal fliegend oder als Dekoration, der nicht immer leicht zu finden ist. Man muss also schon genau hinsehen bei diesem Bilderbuch ohne Text, bei dem es für Kinder ab eineinhalb Jahren jede Menge zu entdecken und zu erzählen gibt.

Magdalena Skala: Sachen. Mein 200-Bilder-Buch. Arena 2020
www.arena-verlag.de

#einlesezeichensetzen

In dieser besonderen Situation kommt es mehr denn je darauf an, sich gegenseitig zu unterstützen und Mut zu machen. Viele Buchhandlungen haben ihre Läden geschlossen, aber sind weiterhin für ihre Kundinnen und Kunden da. Sie bieten dafür die Möglichkeit zur Bestellung über den Onlineshop, per E-Mail oder Telefon an, oft mit kostenloser Lieferung zu Fuß, per Rad, mit dem PKW oder DHL. Bitte nutzen Sie diese Chance und unterstützen Sie den unabhängigen lokalen Buchhandel. Amazon und die großen Ketten werden die Krise überleben, die kleinen Indie-Buchhandlungen aber sind in größter Gefahr.

Damit wir auch nach der Corona-Krise noch den großartigen Service, die Veranstaltungen, das Angebot zum Anfassen und die vielen innovativen Ideen unserer individuellen Buchhandlungen vor Ort haben!

Hier findet man Buchhandlungen in der eigenen Umgebung:
www.geniallokal.de
www.mybookshop.de
www.buchhandlung-finden.de