Hanya Yanagihara: Das Volk der Bäume

  Kann man Verdienst und Vergehen gegeneinander aufrechnen?

Die Mitteilung bei dlf24 vom heutigen 13.03.2019 könnte nicht besser passen: „Der frühere Finanzchef des Vatikans, der australische Kardinal Pell, ist wegen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen zu sechs Jahren Haft verurteilt worden… Strafmindernd gewertet wurde demnach Pells Alter, seine Gesundheit und seine Lebensleistung…“. Aber kann man eine Lebensleistung, in Hanya Yanagiharas von einem wahren Fall inspirierten Debütroman ist es ein Medizin-Nobelpreis, mit Kindesmissbrauch „verrechnen“? Und: „Wenn ein großer Mann schreckliche Dinge tut, ist er dann noch ein großer Mann?“

2017 habe ich begeistert Hanya Yanagiharas zweiten Roman Ein wenig Leben gelesen, der mich seither nicht mehr loslässt. Über kein anderes Buch habe ich soviel diskutiert, kein anderer Roman stößt bei denen, die ihn nicht kennen, auf solche Vorbehalte. Nun war ich gespannt auf ihren Erstling von 2013, der soeben auf Deutsch erschienen ist. Das Thema schien genauso interessant und tatsächlich ist auch jetzt mein Diskussionsbedarf hoch und der Nachhall heftig, allerdings hat mir die literarische Umsetzung als vorgebliches Sachbuch weniger zugesagt und ich empfand weite Strecken des Hörbuchs als eher quälend.

Inhalt von Das Volk der Bäume sind die Lebenserinnerungen des 1924 geborenen Mediziners Dr. Norton Perina, von dessen Anklage und Verurteilung wegen Kindesmissbrauchs wir aus Presseartikeln zu Beginn erfahren. Verfasst hat er die Memoiren auf Anregung seines Freundes und Kollegen Dr. Ronald Kubodera, dem kritiklosen Herausgeber und Kommentator, der wesentliche Kapitel bis zum Ende zurückhält.

Nach seinem Medizinstudium begleitet Perina 1950 zwei Anthropologen auf die unerforschte fiktive mikronesische Insel Ivu‘Ivu. Sie finden dort nicht nur einen urtümlichen Stamm, sondern auch eine Gruppe Ausgestoßener, die offensichtlich wesentlich älter als gemeinhin vorstellbar sind. Perinas Entdeckung wird der Grund für das hohe Alter sowie der Zusammenhang zwischen dem Alter und dem demenzartigen Zustand dieser körperlich in erstaunlich gutem Zustand befindlichen „Träumer“ sein; sie wird ihm den Nobelpreis einbringen. Gleichzeitig bedeutet die Entdeckung aber für die Inselbewohner und die Natur den Untergang.

Sogar ein zutiefst unsympathischer Protagonist, der Labormäuse mit Lust tötet, bedenkenlos Menschenversuche an den Träumern durchführt und über keinen seiner Mitmenschen ein gutes Wort sagt, verspürt eine Art von schlechtem Gewissen, weshalb Perina in den folgenden Jahren immer wieder nach Ivu’Ivu reist. 43 Kinder bringt er im Laufe der Jahre von dort mit in die USA, adoptiert sie und gibt ihnen ein Zuhause.

Zweifellos sind die in diesem Roman ausführlichst angesprochenen Themen Machtmissbrauch, Verantwortung des Wissenschaftlers, Grenzen der Forschung, Unsterblichkeit und Folgen des Kolonialismus ausgesprochen interessant, doch habe ich mich mit der Täterperspektive und den ausufernden, metapherngesättigten Beschreibungen der Natur und der Inselbewohner, ungekürzt in knapp 18 Stunden auf 3 mp3-CDs, schwergetan. Schmerzlich habe ich ein Booklet vermisst, vor allem hätte ich ein Glossar für die vielen Begriffe in der ausgedachten Inselsprache gebraucht, denn was eine Frucht, ein Tier, eine Gottheit oder der Name eines Inselbewohners war, wusste ich oft nicht mehr, wenn die Erklärung lange zurücklag. Auch eine Karte wäre hilfreich gewesen.

Bleiben wird mir viel Stoff zum Nachdenken, aber an Ein wenig Leben reicht dieser eher schleppende Roman in meinen Augen nicht heran.

Hanya Yanagihara: Das Volk der Bäume / Gelesen von Gunter Schoß und Matthias Bundschuh. HörbuchHamburg 2019
www.hoerbuch-hamburg.de

Elena Ferrante: Frau im Dunkeln

  Schwierige Mutterschaft

Normalerweise bin ich eher skeptisch, wenn Verlage nach großen Erfolgen frühere Bücher der Autoren nachschieben. Frau im Dunkeln von Elena Ferrante erschien bereits 2007 erstmals auf Deutsch, fand allerdings wenig Beachtung. Nun, nach dem großen Hype um die Neapolitanische Saga, wurde dieser frühe Roman Elena Ferrantes neu aufgelegt und nach wenigen Seiten war meine Skepsis verflogen. Nicht nur, dass hier viele Themen des Bestsellers bereits vorweggenommen werden, ist auch der Spannungsaufbau ähnlich und die Sprache sofort wiedererkennbar, obwohl hier Anja Nattefort übersetzte und nicht Karin Krieger.

Der nur 188 Seiten starke Roman beginnt mit seinem Ende: Die Ich-Erzählerin ist mit ihrem Auto gegen eine Leitplanke gefahren und wacht im Krankenhaus wieder auf. Unerklärlich ist eine Stichwunde links unterhalb der Rippe, über die sie nicht sprechen will, denn: „Die Dinge, die wir selbst nicht verstehen, sind am schwierigsten zu erzählen.“

Ereignet hat sich der Unfall während der überstürzt angetretenen Heimreise von der ionischen Küste zurück nach Florenz. Zum ersten Mal konnte die 48-jährige geschiedene Uni-Dozentin Leda ihren Urlaub alleine verbringen, frei, ohne Verpflichtungen und mit einem Auto voller Bücher, da die beiden erwachsenen Töchter kurz zuvor zu ihrem Vater nach Toronto gezogen waren: „Niemand war mehr von meiner Fürsorge abhängig, und auch ich selbst war mir endlich keine Last mehr.“ Doch kaum angekommen, stört eine Großfamilie aus Neapel am Strand ihre Ruhe. Unliebsame Parallelen zu ihrer eigenen Familie und Erinnerungen an ihre Kindheit in dieser Stadt, die sie zum Studium fluchtartig verließ, stürmen auf sie ein und lösen feindselige Gefühle aus. Nur eine junge Mutter erscheint Leda anders und beneidenswert: Nina, die hingebungsvoll und ausdauernd mit ihrer kleinen Tochter Elena spielt. Als Leda Nina näher kennenlernt, erzählt sie eines Tages, was sie sonst für sich behält: wie sie einst, als ihre Töchter vier und sechs Jahre alt waren, ihre Familie verließ, drei Jahre und 36 Tage nicht zurückkehrte, denn „Manchmal muss man fliehen, wenn man nicht sterben will.“ Die Erinnerung an ihre Zerrissenheit zwischen Mutterschaft und Karriere und die Reflektion über die letzten 25 Jahre machen Leda den Anblick von Nina und Elena unerträglich. Sie lässt sich zu einer unerklärlichen, kindisch anmutenden Tat hinreißen, die die Eintracht zwischen den beiden zerstört, und in der sich selbst nicht wiedererkennt.

In Frau im Dunkeln legt eine nicht immer verlässlich erscheinende, stellenweise unheimliche Ich-Erzählerin Zeugnis über ihre schwierige Mutterschaft ab. Ich habe zwischen Mitleid und Unverständnis geschwankt und die Lektüre wie immer bei Elena Ferrantes Romanen genossen.

Elena Ferrante: Frau im Dunkeln. Suhrkamp 2019
www.suhrkamp.de

Julian Barnes: Die einzige Geschichte

  Die erste Liebe bestimmt das ganze Leben

„Würden Sie lieber mehr lieben und dafür mehr leiden oder weniger lieben und weniger leiden?“, fragt Julian Barnes zu Beginn seines neuen Romans Die einzige Geschichte. Es geht darin um eine große, unkonventionelle Liebe und um vertraute Themen aus früheren Barnes-Romanen: Schuld, Konventionen, Pflichtgefühl, Scham, Wahrheit und Erinnerung.

„Ich versuche hier nicht, Ihnen eine Geschichte auszumalen; ich versuche, Ihnen die Wahrheit zu erzählen.“, verspricht der etwa 70-jährige Paul, der sein Leben und seine große Liebe resümiert. Sein Erinnern gliedert er in drei Teile, für die er drei verschiedene Erzählperspektiven wählt, im ersten Teil die Ich-Perspektive. Paul ist ein 19-jähriger, langhaariger Student aus einem wohlhabenden Londoner Vorort, der sich im Tennisclub unsterblich in die 48-jährige Ehefrau und Mutter Susan Macleod verliebt, deren beide Töchter älter sind als er, und seine Liebe wird erwidert. Was auf mich von Pauls Seite zunächst wie eine vorübergehende Rebellion gegen die spießbürgerlichen Konventionen der 1960er-Jahre wirkte, von Susans Seite als Ausbruch aus einer trostlosen, gewaltdurchsetzten Ehe, entpuppt sich als langanhaltende Verbindung. Doch bereits am Ende des ersten Teils, als beide nach etwa zwei Jahren zusammenziehen, deutet Paul den weiteren Verlauf der Beziehung an: „Ich werde sie immer in guter Erinnerung behalten, versprach ich mir. Und ich würde auch alles andere in guter Erinnerung behalten, wenn ich könnte. Aber das kann ich nicht.“

„10 oder mehr Jahre“ leben Susan und Paul in London unter einem Dach, doch der zweite Teil des Romans, der jetzt schon überwiegend in der mehr Abstand wahrenden Du-Perspektive erzählt wird, ist eine Zeit des Zweifels und der Verzweiflung. Susan verfällt mehr und mehr dem Alkohol und Paul kann sie nicht retten, so sehr es auch versucht. Dieser Teil war für mich der intensivste und großartigste des Romans, denn mit Ausnahme von Arno Surminskis Malojawind habe ich die Suchtproblematik noch nie so ergreifend geschildert gefunden – mit allen Hoffnungen, Abstürzen, erfolglosen Rettungsversuchen und Schuldgefühlen.

Nach diesem grandiosen Mittelteil war ich sehr gespannt, ob der dritte Abschnitt  dieses Niveau würde halten können, und ich wurde nicht enttäuscht. Ein abgeklärterer Erzähler berichtet nunmehr in der dritten Person über die letzten 20 Jahre, philosophiert über die Liebe und das Leben, über sein „verödetes Herz“, seine Heimatlosigkeit nach der aus Selbstschutz vollzogenen Trennung. Diese Bilanz ist der zugleich melancholischste und doch versöhnlichste Teil des Buches. Auch das zunächst rätselhafte Cover erklärt sich hier wie von selbst. Nur einmal kehrt Paul am Schluss noch zur Ich-Perspektive zurück, als er die letzte Begegnung kurz vor Susans Tod schildert: „…ja, ich glaube, ich habe die Schuldgefühle jetzt wohl hinter mir. Doch mein übriges Leben, oder was davon geblieben ist und weiterhin bleiben wird, rief wieder nach mir.“

Mich begeistert dieser Roman von Julian Barnes sogar noch mehr als Vom Ende einer Geschichte, für den er 2011 den Man Booker Prize erhielt.

Julian Barnes: Die einzige Geschichte. Kiepenheuer & Witsch 2019
www.kiwi-verlag.de

Fatima Farheen Mirza: Worauf wir hoffen

   Der verlorene Sohn

Hadia ist die erste in ihrer Familie indisch-schiitischer US-Einwanderer, die ihren Ehemann selbst auswählt. Als sie heiratet, ist die Familie bereits auseinandergebrochen, doch kehrt der jüngere Bruder Amar auf ihren Wunsch erstmals nach drei Jahren zurück. Anders als seine angepassten älteren Schwestern Hadia und Huda war er von Geburt an schwierig. Von der Mutter Laila nachsichtig verwöhnt, gab es mit dem Vater Rafik ständig Streit: „So wie in anderen Familien gelacht wurde, so steuerte bei ihnen alles immer auf eine Auseinandersetzung zu.“ Schulschwierigkeiten, Ablehnung der islamischen Gesetze zur Geschlechtertrennung und der Moscheefeste, Alkohol- und Drogenprobleme säumen seinen Weg. Amar fühlt sich nicht zugehörig, empfindet Wut, steht sich selbst im Weg.

Die 1991 in den USA geborene Fatima Farheen Mirza erzählt in ihrem Debütroman „Worauf wir hoffen“ vom Leben einer Einwandererfamilie. Rafik hat in der neuen Heimat alles erreicht: guter Job, eigenes Haus, eine Frau aus seiner Heimat Haiderabad, drei in den USA geborene Kinder und Respekt in der Moscheegemeinde. Während Laila tief gläubig ist, empfindet er die Religion eher als Gewohnheit und Ordnungsprinzip, an der er um der Familie willen festhält. Für die Kinder ist das Leben zwischen zwei Kulturen ein Spagat. Mit neun Jahren hat Hadia, die älteste, zwar die Wahl, ob sie als einzige in ihrer Grundschulklasse einen Hijab tragen will oder nicht, doch wie sich dagegen entscheiden, wenn die Ablehnung den Eltern als Sünde gilt? Freunde lehnen die Eltern generell ab, das andere Geschlecht ist tabu, genau wie laute Musik oder T-Shirts mit Band-Namen. Während die Töchter sich arrangieren, gute Leistungen zeigen und schließlich studieren, wird Amar zum verlorenen Sohn.

Sprachlich eher einfach, verzichtet der Roman auf jegliche Chronologie in der Erzählweise, doch fällt die Orientierung nicht schwer. Im ersten und dritten Teil steht Hadias Hochzeit im Mittelpunkt, der zweite führt zurück bis zur Kindheit der Eltern, im vierten erzählt ausführlich Rafik, der nicht über die Entfremdung von Amar hinwegkommt. Wer wird einst die Totenwaschung vornehmen und die erste Handvoll Erde in sein Grab werfen, beides Frauen nicht erlaubt?

Sehr interessant ist die Innenansicht einer schiitischen Familie, deren starre Lebensweise so inkompatibel zum US-amerikanischen Freiheitsideal scheint, obwohl viele der genannten Konfliktpunkte in Nicht-Einwandererfamilien genauso vorkommen. Rafik und Laila sind nicht ultrakonservativ, Hadia und Huda legen ihr Kopftuch nach 9/11 auf Wunsch des Vaters vorsichtshalber ab, Hadia studiert fünf Fahrtstunden entfernt, der von ihr ausgewählte Ehemann wird akzeptiert, obwohl er weder Schiit ist noch Urdu spricht, doch darf sie keineswegs zeigen, dass es sich um Liebesheirat handelt. Alles dies ist mit viel Herzblut beschrieben, doch verliert sich die Autorin in zu vielen Wiederholungen, sodass sich bei mir ein gewisser Überdruss einstellte. Ein strenges Lektorat mit starken Kürzungen, eine schärfere Fokussierung auf die kulturell bedingten Konfliktpunkte und ein Glossar für die kursiv gedruckten religiösen oder kulinarischen Begriffe hätte ich mir gewünscht.

Trotz dieser Kritik werde ich auch dem nächsten Buch von Fatima Farheen Mirza eine Chance geben, denn die Autorin hat viel zu erzählen.

Fatima Farheen Mirza: Worauf wir hoffen. dtv 2019
www.dtv.de

Katharina Peters: Fischermord

  So viele Verdächtige…

Fünf der sieben Vorgängerbände zu Fischermord aus der Rügen-Krimi-Serie habe ich gelesen, alle haben mir gut gefallen, aber dieser achte ist in meinen Augen der beste. Durchgängige Spannung bis ganz zuletzt, jede Menge Verdächtige, sehr detailliert beschriebene Ermittlungen durch ein  harmonisch arbeitendes Team, eine ebenso schlüssige wie überraschende Auflösung, die aber nicht vom Himmel fällt, und je eine kleine Prise Privatleben der Ermittlerin und regionales Flair sind die Zutaten, die ihn für mich zu einem rundum gelungenen Krimi machen.

Zu Beginn sieht alles nach einem überraschenden Selbstmord des erfolgreichen Pferdehof-Besitzers Torsten Fischer in der Nacht vor seinem 55. Geburtstag aus. Doch das Bauchgefühl der leitenden Rügener Kommissarin Romy Beccare und die Ergebnisse der Spurensicherung sprechen gegen einen Suizid. Als dann auch noch klar wird, dass alle Dokumente des Opfers vor dem Kauf des Hofes 1995 gefälscht sind, lässt sich der vorgesetzte Leiter des Kriminalkommissariats in Stralsund, Romys frischgebackener Ehemann Jan Riechter, von der Dringlichkeit weiterer Ermittlungen überzeugen. Schnell wird klar, dass sich im Umfeld des Pferdehofs in den letzten Jahren überdurchschnittlich viele Unglücksfälle ereignet haben: Vor acht Jahren verschwand die 15-jährige Tochter des Verwalters spurlos, vor einem Jahr wurde eine Freundin des Sohnes von Torsten Fischer nachts von einem Transporter überfahren, nach den Beteuerungen des Unfallgegners in Selbstmordabsicht, und eben jener Sohn liegt inzwischen nach einem Überfall Unbekannter im Wachkoma. Zufall? Oder hängt alles irgendwie zusammen? Wer und wo war Torsten Fischer vor 1995? Jedenfalls wird schnell klar, dass der angesehene und erfolgreiche Macher und Familienvater keineswegs so beliebt war, wie es zunächst schien: „Dutzende von Menschen haben ein Motiv.“ Bevor Romy Beccare und ihr Team, zu dem nun auch die in den Polizeidienst zurückgekehrte Ex-Kommissarin Ruth Kranold aus dem Vorgängerband Strandmord gehört, den Fall aufklären können, geschieht ein zweiter Mord. Hat der gleiche Täter noch einmal zugeschlagen? Was verbindet die Opfer?

Katharina Peters schreibt ihre sehr durchdachten, bodenständigen Krimis in einer einfach zu lesenden, nie platten Sprache. Fischermord ist voller überraschender Wendungen und lebt daneben von einer oft unkonventionellen, temperamentvollen Kommissarin mit italienischen Wurzeln, die immer offen für neue Ideen und Ermittlungsansätze ist. Wie alle Bände der Reihe lässt er sich problemlos unabhängig lesen, allerdings verfolge ich sehr gerne auch die im Hintergrund mitlaufenden Entwicklungen in Romys Privatleben.

Katharina Peters: Fischermord. Aufbau 2019
www.aufbau-verlag.de

Michael Ende & Wieland Freund: Rodrigo Raubein und Knirps, sein Knappe

Die rundum gelungene Vollendung eines Michael-Ende Fragments

Es erfordert Mut, das Romanfragment eines weltbekannten Autors zu vollenden. Der Verlag Thienemann, dem die ersten drei Kapitel Michael Endes (1929 – 1995) zu diesem Buch vorlagen, hat mit dem Kinderbuchautor Wieland Freund eine hervorragende Wahl getroffen. Herausgekommen ist mit Rodrigo Raubein und Knirps, sein Knappe ein wunderschönes, zeitloses, fantasievolles Vorlesebuch für Kinder ab sechs Jahren, das für Zuhörer und Vorlesern gleichermaßen eine große Freude ist. Einen Bruch habe ich nicht bemerkt, vielmehr werden alle Möglichkeiten der ersten Kapitel konsequent genutzt und die Handlung stimmig weitergeführt. Selbst die neu hinzugekommenen Figuren sind in den Anfangskapiteln bereits als Marionetten vorhanden.

Was wird aus einem Jungen, der nicht weiß, was Angst ist, und der den Unterschied zwischen Gut und Böse nicht kennt? Er kann nicht erwachsen werden, das ist heute so, und das war auch im finsteren Mittelalter so, zu der Zeit, in der die Geschichte spielt. Hastrubel Anaximander Chrysostomos Dick, genannt Knirps, beschließt deshalb, sich vom berüchtigten Raubritter Rodrigo Raubein das Fürchten lehren zu lassen. Eines Nachts reißt er aus dem Wagen seiner braven Puppenspieler-Eltern aus. Er ahnt nicht, dass Rodrigo Raubein keineswegs der ist, als der er scheinen will, denn: „Er hatte das Aussehen eines bösen Fleischerhundes und die Seele eines Gänseblümchens.“ Als Knirps in der Schauderburg auf dem Haarzuberg im Bangwald ankommt und Rodigo Raubein um eine Anstellung als Knappe bittet, hat der Gemüse und Kakteen züchtende Raubritter wider Willen Angst um seine sorgsam gepflegte Tarnung und schickt ihn erst einmal in die weite Welt, wo er als Probe seiner Fähigkeiten ein gefährliches Verbrechen begehen soll. Wild entschlossen zieht Knirps los…

Aus diesen drei hinterlassenen Ende-Kapiteln hat Wieland Freund – sozusagen als Geschenk zu Michael Endes 90. Geburtstag – eine spannende Abenteuergeschichte gemacht mit einem ängstlichen Puppenspieler-Elternpaar, einer pfiffigen Prinzessin, einem melancholischen König, einem bitterbösen, machtgierigen Zauberer, einem einfältigen Drachen und natürlich den beiden Protagonisten. Ein kluger Papagei namens Sokrates begleitet das Geschehen und versucht, aus einem alten Geschichtenbuch den Fortgang des Abenteuers zu entnehmen, um Knirps an einer späteren Stelle der Handlung abzupassen, eine erzähltechnisch ausgesprochen witzige Idee. Daneben gibt es eine zweite Ebene, in der es um Wahrheit und Lüge, Mut und Angst und darum geht, wie man zu einem selbstbestimmten Leben gelangen kann: „Aber es ist eben gar nicht so einfach, zu tun, was man will. Oft braucht man lange, um es herauszufinden, und manchmal braucht man dazu auch ein bisschen Glück“.

Regina Kehls Illustrationen sind farbenprächtig und passen gut zu diesem klassisch anmutenden Text. Leider finden sich kleinere Ungenauigkeiten, die es gerade in einem Kinderbuch nicht geben sollte, beispielsweise sind die Augen von Knirps laut Text blau, nicht braun, und die Prinzessin trägt eigentlich ein silbernes Diadem, keine goldene Krone.

Ein wundervolles Vorlesebuch und eine uneingeschränkte (Vor-)Leseempfehlung!

Michael Ende & Wieland Freund: Rodrigo Raubein und Knirps, sein Knappe. Thienemann 2019
www.thienemann-esslinger.de

Jane Austen: Northanger Abbey

Romanheldin wider Erwarten

„Niemand, der Catherine Morland als Kind gekannt hatte, wäre auf den Gedanken gekommen, dass sie zur Romanheldin bestimmt sei.“ So beginnt Jane Austens (1775 – 1817) postum erschienener Roman Northanger Abbey, der mit Motiven des von der Protagonistin so geliebten Schauerromans spielt.

Catherine Morland verbringt ihre ersten Lebensjahre als viertes von zehn Kindern eines Geistlichen und seiner Frau in einem Pfarrhaus auf dem Land. Mit 15 Jahren verbessert sich nicht nur ihr unscheinbares Äußeres, aus dem ehemals ungestümen Mädchen wird eine Büchernärrin, die Helden-, Liebes- und vor allem Schauerromane verschlingt. Mit Hilfe der Bücher träumt Catherine sich weg aus ihrem abgeschiedenen, ereignislosen Leben hinein in eine Welt aus Leidenschaft und Abenteuer. Als sich ihr dank eines befreundeten Ehepaars die Möglichkeit zu einem Aufenthalt im exklusiven Bath bietet, greift sie dankbar zu. Zwei junge Frauen dienen sich ihr als Freundinnen an und zwei junge Männer werben um sie, doch dem unerfahrenen Mädchen mangelt es zunächst an der erforderlichen Menschenkenntnis. Während ihr Bauchgefühl sich in Bezug auf die jungen Männer als richtig erweist und sie den gutaussehenden jungen Geistlichen Henry Tilney von Beginn an dem aufdringlichen Schwätzer John Thorpe vorzieht, muss sie bei der Wahl der Freundin schmerzliche Erfahrungen machen. Als Henry Tilney, seine Schwester Eleanor und ihr Vater General Tilney sie auf den Familiensitz Northanger Abbey einladen, freut sie sich einerseits auf einen Ort ähnlich denen ihrer geliebten Schauerromane, andererseits auf das Zusammensein mit Henry. Doch zunächst kommt alles anders. Die herrliche Abtei mit ihren gotischen Flügeln birgt keineswegs das von Catherine vermutete düstere Familiengeheimnis und nach vergnügten Tagen schickt der General sie unvermittelt und ohne Begründung nach Hause. Doch Jane Austen wäre nicht Jane Austen, wenn es nicht doch noch zu einem Happy End käme…

Obwohl mir Emma und Stolz und Vorurteil bezüglich ihrer Liebesgeschichten noch etwas besser gefallen, ist doch kein anderer von Jane Austens Romanen so hochironisch wie Northanger Abbey. Sowohl die angenehm modern wirkende Übersetzung von Andrea Ott als auch die Sprecherin Fritzi Haberlandt betonen diesen humorvollen Stil, so dass ich beim Zuhören großen Spaß vor allem an der Sprache hatte. Schade, dass es kein Booklet gibt und das Hörbuch in sechseinhalb Stunden auf sechs CDs nur eine gekürzte Fassung umfasst. Ich hätte Fritzi Haberlandt, die Catherines anfängliche Naivität und ihre beeindruckende Entwicklung sehr glaubhaft vermittelt, gerne auch länger zugehört.

Jane Austen: Northanger Abbey. Gelesen von Fritzi Haberlandt. Random House Audio 2017
www.randomhouse.de

Camilla Grebe & Åsa Träff: Durch Feuer und Wasser

„Dieser ganze Fall… ich weiß nicht, da scheint es nur Opfer zu geben.“

Der Krimireihe des schwedischen Schwesternduos Camilla Grebe und Åsa Träff bleibe ich treu, seit mich 2011 der erste Band Die Therapeutin restlos begeistert hat. Bei jedem neuen Buch mit der sympathischen Psychologin Siri Bergman ist Verlass auf solide Spannung, eine durchdachte Handlung, sorgfältig ausgearbeitete Charaktere und gute Unterhaltung.

Im Mittelpunkt dieses fünften Bandes, den man auch unabhängig lesen kann, stehen Pflegekinder. Zum einen wird der Leidensweg eines Jungen durch Pflegefamilien und eine Wohngruppe verfolgt, der 1985 als Siebenjähriger unabsichtlich den Tod seiner Eltern und seiner kleinen Schwester verursacht hat. Zum anderen geht es im aktuellen Fall um die Entführung zweier Pflegekinder aus ihren Pflegefamilien, der neunjährige Nova-Li und ihres sechsjährigen Bruder Liam. Wer wusste außer der drogensüchtigen, psychisch kranken, aggressiven leiblichen Mutter und deren zwielichtigem Freund, wo die Kinder lebten? Wer postet Fotos der Kinder im Netz? Was haben die beiden verschwundenen Frauen mit dem Fall zu tun, die ebenfalls auf den Fotos zu sehen sind?

Siri Bergman, Mitglied in einer Täterprofilgruppe der Kripo Stockholm und inzwischen eigentlich schon ein wenig abgehärtet, trifft dieser Fall bis ins Mark, denn ihr eigener Sohn ist genauso alt wie Liam. Belastend ist außerdem ihre schwere Ehekrise, ausgelöst durch ihren Seitensprung mit einem Kollegen, und das nach einem Vertrauensbruch gestörte Verhältnis zu ihrer ehemals besten Freundin Aina.

Der Reiz dieser typisch skandinavischen Krimireihe liegt für mich einerseits darin, dass die Fälle psychologisch immer sehr interessant sind und die Ermittlungsarbeit im Team detailliert beschreiben wird. Andererseits verfolge ich auch gerne das bewegte Privatleben der Protagonistin, das einen guten Ausgleich zu Verbrechen und Gewalt bietet und mir immer wieder Gelegenheit zum Durchatmen gibt. Allerdings war der Kriminalfall dieses Mal eindeutig der stärkere Teil des Buches, die Wendungen im Privaten schienen mir etwas zu abrupt. Gefallen hat mir, dass dieser Krimi für skandinavische Verhältnisse mit erstaunlich wenig Blut auskommt, die psychische Gewalt wiegt dagegen umso schwerer. Die kurzen Kapitel mit den Schauplatz- und Zeitwechseln drücken aufs Tempo und steigern die Spannung, die Sprache ist eher einfach, aber angenehm zu lesen. Dass sich spätestens mit Beginn des letzten Drittels die Auflösung allmählich abzeichnet, hat mein Lesevergnügen nicht getrübt.

Ich freue mich jetzt schon auf den sechsten Band der Reihe, wenn die großen Veränderungen in Siri Bergmans Leben Wirklichkeit werden.

Camilla Grebe & Åsa Träff: Durch Feuer und Wasser. btb 2019
www.randomhouse.de

Lars Mytting: Die Glocke im See

  Auftakt zu einer stimmungsvollen norwegischen Familientrilogie

Die titelgebende Glocke dieses ersten Bandes einer norwegischen Familientrilogie ist Teil eines sagenumwobenen Glockenpaars. Einst hat sie ein Bauer aus dem Gudbrandsdal im Andenken an seine beiden jung verstorbenen siamesischen Zwillingstöchter, zwei Meisterinnen der Teppichwebkunst, gießen lassen. Weil er das gesamte Silber seines Hekne-Hofs dafür mit eingeschmolzen hat, werden diesen „Schwesterglocken“ übernatürliche Kräfte nachgesagt: Sie läuten bei drohendem Unheil von alleine.

Astrid Hekne ist eine Nachfahrin dieser Schwestern und lebt auf diesem durch den Verlust des Familiensilbers verarmten Hof. 1880 ist sie 20 Jahre alt, eine rastlose, wissensdurstige junge Frau mit einem ausgeprägten eigenen Willen, die bereits zwei Bewerber abgewiesen hat. Sie möchte nicht das übliche Schicksal der Frauen im Gudbrandsdal teilen: Kinder gebären und sich zu Tode schuften. Etwas verändern in diesem unzugänglichen, rückständigen Tal möchte auch der neue junge Pfarrer Kai Schweigaard. Niemand soll mehr – wie gerade geschehen – in der viel zu kleinen Kirche erfrieren, deshalb möchte er statt der alten Stabkirche eine moderne, größere und komfortablere Kirche bauen. Das alte Gebäude soll abgebaut und nach dem Willen der sächsischen Königin Carola in Dresden neu errichtet werden, Kirche und Glocken sollen den Neubau finanzieren helfen. Dazu schickt man aus Sachsen den jungen Architekturstudenten Gerhard Schönauer nach Norwegen, der die alte Kirche zeichnen und das Unternehmen begleiten soll. Unvorstellbar für Astrid, dass Butangen die Schwesterglocken, die seit Jahrhunderten zum Dorf gehören, verlieren soll. Während Astrid sich für den Verbleib der Glocken einsetzt, kämpfen die beiden Männer um ihre Gunst.

Der 1968 im Gudbrandsdal geborene Lars Mytting hat diesen historischen Roman so kunstvoll gewebt wie die legendären Hekne-Schwestern ihre unvergleichlichen Teppiche. Sehr stark sind die Passagen, in denen das entbehrungsreiche Leben der Menschen und die Natur beschrieben werden, aber auch die Mystik, die ich sonst nicht so schätze, passt wunderbar in diesen ebenso poetischen wie höchst melancholischen Roman. Ausgesprochen interessant sind die Passagen über die Architektur der Stabkirchen und die Frage, was schwerer wiegt: Denkmalschutz oder das Streben nach Fortschritt und Lebensqualität. Stellenweise wurde es mir aber zu gefühlvoll und die Dreiecksgeschichte zwischen Astrid, Kai und Gerhard hätte für meinen Geschmack gerne etwas weniger Raum einnehmen dürfen.

Ich habe mir diesen Roman von Beate Rysopp ungekürzt auf zwei MP3 CDs in knapp 14 Stunden vorlesen lassen und habe mich dabei sehr gut unterhalten. Lediglich ein Booklet habe ich vermisst. Der Sprecherin mit ihrer warmen, angenehmen Stimme und einer guten Intonation ist es zu verdanken, dass es an einigen Stellen nicht zu rührselig wird, die Mystik hebt sie dagegen hervor.

Für mich war Die Glocke im See ein gelungener Auftakt zu einem literarischen Norwegen-Jahr, das auf der Frankfurter Buchmesse 2019 seinen Höhepunkt finden wird. Ich freue mich auf die weiteren Bände dieser Trilogie, denn selbstverständlich will ich wissen, wie es der nächsten Generation und den Schwesterglocken weiter ergeht.

Lars Mytting: Die Glocke im See / Gelesen von Beate Rysopp. steinbach sprechende bücher 2019
www.sprechendebuecher.de

Anna Böhm & Susanne Göhlich: Emmi & Einschwein – Ganz vorn mit Horn!

  Hornlinge unter sich

Juhu, das Einschwein ist zurück mit dem inzwischen dritten Band der Reihe Emmi & Einschwein. Jeder Band kann unabhängig gelesen oder vorgelesen werden, trotzdem empfiehlt sich in meinen Augen die Lektüre aller Teile in der richtigen Reihenfolge. Wer mit Einhorn kann jeder beginnt, erfährt, wie Emmi als Fabeltier zum zehnten Geburtstag nicht etwa das heiß ersehnte Einhorn, sondern ein Einschwein bekommt, ein Schwein mit Horn, mit dem sie lebenslang durch ein Fabelband verbunden bleibt. Nach dem ersten Schock erkennt sie schnell, dass ihr keckes, liebenswertes Fabeltier ein wahrer Hauptgewinn ist. Im zweiten Band, Im Herzen ein Held, müssen die beiden dann ihrer Freundin Antonia bei der Rettung ihres Fabeltiers helfen und geraten dabei in ein spannendes, nicht ungefährliches Abenteuer. Im neuesten Band nun, Ganz vorn mit Horn, hat Emmi es satt, dass Einschwein mit seinem Horn immer nur Chaos zaubert, sobald es niesen muss. Da kommt die Nachricht über ein echtes Einhorn in Wichtelstadt gerade recht, denn von ihm erhofft Emmi sich Nachhilfestunden für ihr Chaos-Schwein. Doch sie ist nicht allein auf der Suche nach dem Einhorn, alle sind hinter diesem besonderen Tier her. Vor allem Miri März, die Besitzerin der Wichtelstädter Brausewerke, schreckt vor nichts zurück, um das Einhorn unter Vertrag zu bekommen. Und so gibt es statt Unterricht eine Einhorn-Rettungsaktion, bei der sich prompt zeigt, was Einschwein alles kann…

Anna Böhm erzählt auch dieses Mal wieder eine spannende, witzige Geschichte mit tollen Charakteren, allen voran natürlich Einschwein, das immer seinem Herzen folgt. Wie nebenbei zeigt sie anhand des schüchternen Einhorns die Schattenseiten des Promilebens und die Bürde der falschen Erwartungen. Umwerfend komisch ist wieder einmal die Szene am Esstisch von Emmis Familie mit den Geschwistern und diversen Fabeltieren. Neu kennengelernt und sofort ins Herz geschlossen habe ich die patente Wisch- und Waschbärin Herta, daneben gibt es ein Wiedersehen mit vielen alten Bekannten. Wie immer stammen die kleinen, ausdrucksstarken Schwarz-Weiß-Zeichnungen von Susanne Göhlich und auch hier habe ich einen Favoriten: Einschwein im Ballettröckchen über der Latzhose mit Wollfadenmähne und einem zweifelnden Gesichtsausdruck.

Die Bände der Reihe Emmi & Einschwein sind ideales Vorlesefutter für Kinder ab sechs Jahren und Lesefutter ab der dritten Klasse oder für Erwachsene wie mich, die Spaß an sprachlich guter, ausgesprochen fantasievoller Kinderliteratur haben.

Anna Böhm & Susanne Göhlich: Emma & Einschwein – Ganz vorn mit Horn! Oetinger 2019
www.oetinger.de