Grégoire Delacourt: Der Dichter der Familie

Kein leichter Sommerroman

2016 hat mich Die vier Jahreszeiten des Sommers von Grégoire Delacourt als leichte, poetisch-melancholische Sommerlektüre begeistert, eine kunstvoll konzipierte Sammlung von Geschichten, die am Ende doch alle miteinander verwoben werden.

Nun war ein neuer Roman des französischen Autors angekündigt, Der Dichter der Familie, wieder mit einem sehr schön gestalteten Cover, der sich bei genauerem Hinsehen jedoch als sein nachträglich ins Deutsche übersetzter Erstling aus dem Jahr 2011 entpuppte. Was ich darin wiedergefunden habe, ist der melancholische Ton, doch fehlt ihm leider völlig die Leichtigkeit der Erzählweise, die ich bei Die vier Jahreszeiten des Sommers so geschätzt habe. Stattdessen haben wir es mit einem selbstmitleidigen Ich-Erzähler, Édouard, zu tun, der sein Leben von seinem achten Lebensjahr an bis zum Alter von 32 Jahren erzählt. Obwohl ihm aufgrund seiner schlechten Startbedingungen ins Leben das Mitleid des Lesers sicher ist – der Großvater war in Mauthausen, die Eltern trennen sich, er selbst kam wegen nicht näher beschriebener Auffälligkeiten ins Internat und der behinderte Bruder in eine Anstalt – hat mich doch mit zunehmendem Alter des Ich-Erzählers dessen Passivität, sein Sichtreibenlassen und der klagende Ton genervt. Können wir wirklich lebenslang unser Elternhaus für alle Misserfolge und Fehlentwicklungen verantwortlich machen? Dafür, dass wir das falsche Studium wählen, weil wir andere für uns entscheiden lassen, dass wir den falschen Partner heiraten, dass wir nie nein sagen, wenn wir nein meinen? Im Falle Édouards kommt allerdings erschwerend hinzu, dass ihm nach selbstverfassten kurzen Reimen im Alter von sieben Jahren die Rolle des „Dichters der Familie“ zugedacht wird, eine Messias-Erwartung zur Familienrettung, die er nie erfüllen kann, gegen die er sich aber auch nie zur Wehr setzt. Seine bedeutenden Erfolge als Werbetexter gehen dagegen nahezu unter, obwohl sie ihn und seine Familie reich machen.

Neben der schier endlosen Kette von Niederlagen in Édouards Leben hat mich die an einigen, zugegeben wenigen Stellen sehr vulgäre Sprache gestört, die sich neben durchaus poetischen Abschnitten wie Fremdkörper anfühlen. Viele Bezüge zu französischen Chansons, Filmen oder Persönlichkeiten habe ich leider trotz meiner Affinität zu Frankreich nicht verstanden. Am Ende konnte mich nicht einmal die Aussicht auf eine Veränderung zum Positiven optimistisch stimmen, zu verfahren scheinen die Schicksale der Familienmitglieder und zu eingefahren ihre Verhaltensmuster.

Vielleicht ist es nicht ganz fair, Autoren nur an ihren großen Erfolgen zu messen und mit denselben hohen Erwartungen an ihre Frühwerke zu gehen. So blieb dieser Erstling, der ganz gewiss das Attribut „Sommerroman“ nicht verdient, für mich unbefriedigend. Nichtsdestotrotz freue ich mich auf wirklich neue Titel aus der Feder Delacourts. Ob man ihm mit der nachträglichen Übersetzung seines Debüts allerdings einen Dienst erwiesen hat, halte ich zumindest für fraglich.

Grégoire Delacourt: Der Dichter der Familie. Atlantik 2017
www.atlantikverlag.de

K. A. Nuzum: Hundewinter

Ein Hund als Therapie

Dessa Dean ist elf Jahre alt und lebt mit ihrem Vater fernab der Zivilisation in einem Häuschen im Wald. Seit ihre Mutter vor ihren Augen an Unterzuckerung im Schneesturm erfroren ist, ist das Mädchen traumatisiert. Während ihr Vater seine Tage als Jäger draußen verbringt, traut sich Dessa Dean nur noch bis auf die Terrasse, dann werden ihre Ohrenschmerzen so stark, dass sie umkehren muss. Erst als ein verletzter, einsamer Hund sie zu besuchen beginnt, der Angst vor geschlossenen Räumen hat, setzt allmählich ein Heilungsprozess ein. Die Erfahrung, gebraucht zu werden, beginnt das Trauma in den Hintergrund zu drängen, und Dessa Dean wächst über sich hinaus, als es darauf ankommt…

Mit großen Erwartungen bin ich an dieses Buch gegangen, das 2011 für den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Kategorie Kinderbuch nominiert war. Nach der Lektüre bin ich zwiegespalten: Als Erwachsene finde ich den Titel rundherum beeindruckend, vo Cover über die Naturschilderungen, die ruhige, sensible Erzählweise und die Worte, die die US-amerikanische Autorin K. A. Nuzum für das Trauma und die beginnende Heilung von Dessa Dean findet. Aber ich das Buch meinen Töchtern mit elf Jahren hätte? Ehrlich gesagt eher nicht, denn dafür empfinde ich es als zu traurig und melancholisch, auch wenn das Ende hoffen lässt. Ich bin mir aber sicher, dass es ihnen heute, als junge Erwachsenen, genauso gut gefallen würde wie mir.

K. A. Nuzum: Hundewinter. Carlsen 2012
www.carlsen.de

Ingrid Noll: Kuckuckskind

Eher ein psychologisches Familiendrama als ein Krimi

„Enkel sind die Belohnung dafür, dass man die eigenen Kinder nicht erwürgt hat“, pflegt die Mutter von Anja Reinold zu sagen. Dumm nur, dass die allmählich aus dem gebärfähigen Alter herauswachsende Tochter frisch geschieden ist und so gar keine Enkel in Sicht sind! Anja, beliebte Deutsch- und Französischlehrerin an einem Gymnasium in Weinheim an der Bergstraße und Ich-Erzählerin, beginnt sich schweren Herzens allmählich von ihrem Lebenstraum „Häuschen mit Garten, glückliche Ehe, zwei Kinder“ zu verabschieden. Nach der Scheidung lebt sie in einer Wohnung, die eher einem Rattenloch gleicht, ist süchtig nach Sudokus und antriebslos. Erst als sie zufällig von einem ihrer Lieblingsschüler, dem smarten 15-jährigen Manuel, von einer schönen, freistehenden Wohnung in dessen Haus erfährt, geht es wieder aufwärts, zumal auch Manuels Vater, der getrenntlebende, alleinerziehende arbeitslose Chemiker Dr. Patrick Bernat, recht anziehend ist. Alles könnte gut werden, wenn nur nicht Anjas Freundin und Kollegin Birgit, die angeblich nie Kinder wollte, plötzlich schwanger wäre. Neid, Missgunst, Eifersucht und ein nagender Verdacht scheinen Anja fortan zu zerfressen, und sie beginnt, bei Birgits Mann Steffen Zweifel an der Vaterschaft zu säen – mit verheerenden Folgen…

Kuckuckskind aus dem Jahr 2008 ist für mich nicht Ingrid Nolls bestes Buch, aber als psychologisches Familiendrama trotzdem kurzweilig. Die Szenen im Lehrerzimmer sind urkomisch und oft bösartig, die Mutter-Tochter-Beziehung als Dauer-Duell hintergründig-witzig und die an sich wegen ihres unbeugsamen, egoistischen, missgünstigen und selbstgerechten Charakters wenig sympathische Protagonistin hat mich durch ihre Selbstrechtfertigung immer wieder fasziniert, auch wenn ich ihr deshalb noch lange kein Happy End gegönnt habe.

Obwohl ich Ingrid Nolls schwarz-humorige Krimis noch lieber mag, war das Hören dieses Romans doch ein unterhaltsames Vergnügen und ich habe lange über die Vaterschaft des kleinen Victor Augustus gerätselt. Zum Genuss beigetragen hat die sehr angenehme, tiefe Stimme von Franziska Pigulla, die den Roman auf sechs CDs und glücklicherweise ungekürzt in 409 Minuten liest.

Ingrid Noll: Kuckuckskind. Diogenes Hörbuch 2008
www.diogenes.ch

Oliver Hilmes: Berlin 1936

„Erst Olympiade glücklich zu Ende führen“

Es gehörte zur Taktik der Nationalsozialisten, auf Provokationen wie den Austritt aus dem Völkerbund und die Genfer Abrüstungskonferenz (1933) oder die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht (1935) Zeichen der Zurückhaltung und Verlässlichkeit folgen zu lassen. Nach dem Einmarsch deutscher Truppen ins entmilitarisierte Rheinland im März 1936 war dieses Signal die Ausrichtung der Olympischen Spiele in Berlin im darauffolgenden August. Hitler, Goebbels und ihren Getreuen gelang es mit Hilfe dieses Sportgroßereignisses noch einmal, sich durch eine perfekte Inszenierung und Organisation und ein beeindruckendes Ambiente als friedliebende und verlässliche Partner der Völkerfamilie zu präsentieren. Viele wollten das kommende Unheil nicht sehen, ließen sich von minimalen Zugeständnissen wie der Alibi-Jüdin Helene Mayer im deutschen Fechtteam, dem Verschwinden des Hetzblattes Der Stürmer aus dem Straßenbild Berlins und der vorübergehenden Duldung von Jazz und Swing täuschen, obwohl die Exilpresse längst über die Existenz von Konzentrationslagern berichtete. Während der Spiele war der Bau des KZ Sachsenhausen im Gang und die Legion Condor landete zur Unterstützung von Francos Nationalisten in Spanien, aber: „Erst Olympiade glücklich zu Ende führen“ war laut Goebbels Tagebucheintrag die Vorgabe des Führers.

Oliver Hilmes berichtet in 16 Kapiteln streng chronologisch über die Tage vom ersten bis sechzehnten August 1936 und in einem weiteren unter der Überschrift „Was wurde aus…?“ über das spätere Schicksal seiner verschiedenen Protagonisten. Daneben gibt es einen ausführlichen Anhang mit Anmerkungen, Quellen- und Literaturverzeichnis sowie Bildnachweisen. Es geht dem Autor nicht in erster Linie um sportliche Leistungen, obwohl natürlich auch sie einigen Raum einnehmen, sondern vielmehr um das Ambiente der Spiele, die Feste und Begegnungen, die Anweisungen der Reichspressekonferenz, die Tagesmeldungen der Polizei, die Presseberichte, Goebbels hochinteressante Tagebucheinträge, die ungeschönt die wahren Absichten der Diktatur enthüllen, die Spitzen  der Gastronomie und des Nachtlebens, die Diplomaten, NS-Größen und Künstler, darunter Thomas Wolfe, Victor Klemperer, Thomas Mann und Leni Riefenstahl (von Carl Zuckmayer als „Reichsgletscherspalte“ tituliert) und um die Einzelschicksale Unbekannter.

Noch ein letztes Mal gelang es den Nazis mit Hilfe der Olympiade im Sommer 1936, das Deutsche Reich als weltoffene Metropole zu präsentieren und die „herrliche Welt des Scheins“ zu zelebrieren. Oliver Hilmes, Historiker und Verfasser mehrerer erfolgreicher Biografien, entlarvt diese Scheinwelt in seinem 2016 zum 80. Jahrestag erschienen Buch, indem er mosaikhaft Ereignisse, Berichte und Schicksale herausgreift und in unterhaltsamer, manchmal sogar humorvoller, aber vor allem informativer Weise miteinander verbindet.

Oliver Hilmes: Berlin 1936. Siedler 2016
www.randomhouse.de

Edwidge Danticat: Kein anderes Meer

„Chèche lavi“ – auf der Suche nach dem besseren Leben

Der Roman Kein anderes Meer beginnt und endet an Claire Limyè Lanmè Faustins siebtem Geburtstag. In acht Kapiteln entrollt sich die Lebensgeschichte mehrerer Personen in den zehn Jahren zuvor. Wie Edwidge Danticat diese Schicksale miteinander verwebt und vor allem wie sie sie erzählt – die klug durchdachte Choreografie greift immer ein Ereignis auf und erzählt dann dessen Vorgeschichte – ist das ganz Besondere an diesem Roman. Gleich Kugeln auf einem Billardtisch begegnen sich ihre Figuren, streifen sich nur im Vorübergehen oder prallen hart zusammen, ändern die Richtung und streben wieder auseinander. Es erfordert Konzentration und Mitdenken vom Leser, doch die Mühe lohnt sich, weil Edwidge Danticat auf ihre stille, unspektakuläre Art Bewegendes zu berichten hat.

Claire Limyè Lanmè, was soviel bedeutet wie Claire vom Meereslicht, ist die Tochter eines armen haitianischen Fischers aus der fiktiven Küstenkleinstadt Ville Rose und dem Volksglauben nach ein „revenan“, da ihre Mutter bei ihrem Eintreten in die Welt starb. Ihr Vater traut sich ihre Erziehung nicht zu: „Er wollte etwas so Wichtiges wie die Zukunft seiner Tochter nicht dem Zufall überlassen.“ Deshalb möchte er sie in Obhut der reichen Stoffhändlerin Gaëlle geben, die ihrerseits ihren Mann bei einer Schießerei und ihre Tochter durch einen Unfall verloren hat. Überhaupt leiden alle Figuren in diesem Roman unter Tod, Gewalt, Vergewaltigung, Bestechung und Korruption, unter fehlender Gerechtigkeit, Selbstjustiz, Naturgewalten, mangelnden Möglichkeiten, starren sozialen Hierarchien und der Auswanderung von Angehörigen und Freunden in die USA. Dabei scheint es Reichen, die „nie auch nur ein paar Regentröpfchen abbekommen“, nicht viel besser zu ergehen als den Bitterarmen, auch wenn sie wenigstens ihre Kinder nicht aus materieller Not als „restavek“ weggeben müssen.

Dem poetischen Erzählstil, dem „chèche lavi“ aller Protagonisten, also dem unermüdliche Streben nach einem besseren Leben, und dem einigermaßen versöhnlichen Ende ist es zu verdanken, dass Edwidge Danticats Roman nicht zu melancholisch und depressiv wirkt. Die Autorin, die 1969 in Port-au-Prince geboren wurde, wuchs zunächst in Haiti auf und konnte im Alter von zwölf Jahren ihren vor dem Duvalier-Regime geflohenen Eltern in die USA folgen. Ihren erstmals auf Deutsch 2015 bei Hanser erschienen Roman, der nun mit farbenprächtigem Cover als Taschenbuch bei Aufbau vorliegt, empfehle ich gerne weiter. Ausgesprochen interessant waren für mich die Einschübe in kreolischer Sprache, die sich fast wie eine französische Lautschrift lesen. Lediglich der Titel Kein anderes Meer blieb mir rätselhaft, denn der englische Originaltitel Claire of the Sea Light ist poetischer und somit passender.

Edwidge Danticat: Kein anderes Meer. Aufbau 2017
www.aufbau-verlag.de

Andreas Franz: Eisige Nähe

Mafiöse Strukturen

Hans Schmidt, seit 25 Jahren der „Mann für Notfälle“, tritt genauso unauffällig auf, wie sein Name es suggeriert. Er bewegt sich sicher in den besseren Kreisen, führt ein finanziell gesichertes Dasein in Lissabon und Kiel, begeht regelmäßig Auftragsmorde und ist einer der gesuchtesten, da effektivsten und geheimnisvollsten Mörder. Nun plant er seinen finalen Auftritt in Kiel, doch anders als bisher ist er dieses Mal persönlich involviert. Der Kampf gegen Frauen- und Kinderhandel ist sein eigenes Anliegen und das seiner ersten Auftraggeberin, mit der er seit seinem ersten Mord nicht nur geschäftlich verbunden ist.

Sören Henning und Lisa Santos, privat wie dienstlich ein perfekt eingespieltes Paar, ermitteln in Kiel im Fall eines ermordeten Musikproduzenten und seiner jugendlichen Geliebten, die in grotesk inszenierter Pose aufgefunden wurden, am Tatort die ominöse DNA einer unbekannten Frau, die seit Jahren immer wieder nachgewiesen wird. Da der Fall ein großes Medienecho auslöst, wird eine Soko mit 30 Beamten zusammengestellt und vom Oberstaatswalt eine Frist von sieben Tagen für die Aufklärung gesetzt. Als die Tat dann vermeintlich ganz schnell geklärt werden kann und der angebliche Mörder tot ist, werden alle weiteren Nachforschungen untersagt. Doch Sören Henning und Lisa Santos ermitteln mit Duldung ihres Chefs heimlich weiter und stoßen auf mafiöse Strukturen und einen Sumpf aus Korruption…

Andreas Franz (1954 – 2011) wurde vor allem durch seine Krimis populär: mit den Reihen um Hauptkommissarin Julia Durant aus Frankfurt, um Hauptkommissar Peter Brandt aus Offenbach und um das Duo Henning/Santos aus Kiel. Eisige Nähe ist der dritte Band der Kiel-Reihe und zugleich eines seiner letzten Bücher. Originell ist der Kurzauftritt der Frankfurter Ermittlerin Julia Durant. Ansonsten war mir der Krimi, der erste aus seiner Feder für mich, zu sehr von Verschwörungstheorien durchzogen und relativ früh habe ich geahnt, wer an der Spitze der Organisation stehen muss. Auch war der Epilog zu melodramatisch und die Dialoge hätten gerne etwas weniger banal sein dürften.

Trotzdem hat mich das Hörbuch, auf sechs CDs in 418 Minuten zurückhaltend und mit angenehmer Stimme gelesen von Stephan Benson, gut unterhalten. Die ermittelnden Kommissare aus Kiel sind sympathisch und beeindrucken durch ihre Hartnäckigkeit und ihren Instinkt, ohne deshalb unglaubhaft zu wirken. Der psychologisch interessanteste Aspekt des Buches war jedoch das Verschwimmen der Grenzen zwischen Gut und Böse beim Serienmörder Hans Schmidt, bei dem ich mich einer gewissen Sympathie nicht erwehren konnte.

Andreas Franz: Eisige Nähe. lübbe audio 2010
www.luebbe.de

Paul Maar: Das Sams und die Wunsch-Würstchen

Erstlesespaß mit dem Sams

Büchersterne heißt die Erstlesereihe des Oetinger Verlags, die es in drei Lesestufen gibt: für die 1. Klasse, 1./2. Klasse und 2./3. Klasse. Die Besonderheit an dieser Reihe ist die Vielzahl von sehr bekannten Autoren, wie z. B. Astrid Lindgren, Paul Maar, Kirsten Boie, Erhard Dietl und vielen anderen.

Das Sams ist einfach immer spitze, ob als Vorlese- oder Erstlesebuch, als Hör-CD oder sogar als Film. Für die Büchersterne-Ausgabe Das Sams und die Wunsch-Würstchen wurde ein Kapitel aus dem Buch Am Samstag kam das Sams zurück für Leseanfänger der 1./2. Klasse sprachlich bearbeitet, in großer Schrift und im Flattersatz gesetzt, vom Autor neu illustriert und mit vielen Leserätseln und -spielen am Ende ergänzt.

In der Geschichte wird erzählt, wie das Sams und Herr Taschenbier ein vornehmes Restaurant besuchen und das Sams wieder einmal alles so gründlich missversteht und sich so unmöglich benimmt, dass sie schließlich gehen müssen, ohne gegessen zu haben. Wie sie dank der Wunschpunkte dann auch an der Würstchenbude zu einer sehr exklusiven Mahlzeit kommen und was die vornehmen Restaurantgäste stattdessen serviert bekommen, wird so lustig erzählt, dass garantiert alle ihren Spaß daran haben!

Paul Maar: Das Sams und die Wunsch-Würstchen. Oetinger 2016
www.oetinger.de

Astrid Lindgren: Lustiges Bullerbü

Bullerbü für Erstleser

Büchersterne heißt die Erstlesereihe des Oetinger Verlags, die es in drei Lesestufen gibt: für die 1. Klasse, 1./2. Klasse und 2./3. Klasse. Die Besonderheit an dieser Reihe ist die Vielzahl von sehr bekannten Autoren, wie z. B. Astrid Lindgren, Paul Maar, Kirsten Boie, Erhard Dietl und vielen anderen.

Viele Erstleser kennen die Geschichten aus Bullerbü wahrscheinlich schon aus Bilder- oder Vorlesebüchern, von Hör-CDs oder als Film. Hier können sie nun eine Geschichte selbst lesen, denn die Büchersterne-Ausgabe für die Lesestufe 1./2. Klasse hat einen Auszug aus dem Klassiker von Astrid Lindgren sprachlich bearbeitet, in großer Schrift und im Flattersatz gesetzt und mit vielen Leserätseln und -spielen am Ende angereichert. Ich war angenehm überrascht, wieviel trotz der Bearbeitung vom Charme des Originaltextes erhalten geblieben ist, wozu sicherlich auch die bekannten Illustrationen von Ilon Wikland beitragen.

In sechs Kapiteln werden die Alltagsabenteuer der Bullerbü-Kinder vorgestellt und Lisa erzählt vom Frühling, vom Aufpassen auf Klein-Kerstin, vom Schulweg, von ihrem Lämmchen Pontus, vom Widder Ulrich und vom Mutigsein.

Ein wunderschönes Erstlesebuch!

Astrid Lindgren: Lustiges Bullerbü. Oetinger 2015
www.oetinger.de

Kirsten Boie: Ein Hund spricht doch nicht mit jedem

Törtel, der Problemlöser

Büchersterne heißt die Erstlesereihe des Oetinger Verlags, die es in drei Lesestufen gibt: für die 1. Klasse, 1./2. Klasse und 2./3. Klasse. Die Besonderheit an dieser Reihe ist die Vielzahl von sehr bekannten Autoren, wie z. B. Astrid Lindgren, Paul Maar, Kirsten Boie, Erhard Dietl und vielen anderen.

Kirsten Boies Geschichte Ein Hund spricht doch nicht mit jedem ist für die Lesestufe 2./3. Klasse konzipiert und hat damit schon mehr Text und ein fortgeschrittenes Leseniveau. Trotzdem gibt es noch auf fast jeder Seite textunterstützende Illustrationen, die Schrift ist groß und deutlich und die Kapitel umfassen jeweils nur wenige Seiten.

Lisa geht in die dritte Klasse und ist traurig, weil sie weder ein Haustier haben darf, noch beim Schulfest etwas vorführen kann. Doch dann bekommt sie plötzlich den Mischlingshund Törtel für fünf Tage zur Pflege anvertraut, der sogar sprechen und rechnen kann – aber das glaubt ihr natürlich keiner. Aber Törtel sorgt dafür, dass Lisa besser rechnen lernt und dass sie beim Schulfest alle toll finden. Als sie mit ihrem schönen blauen Kleid auf der Bühne steht, ist sie vielleicht sogar fast das glücklichste Kind der Welt.

Die Geschichte über große Kindersorgen und den Wunsch nach Zugehörigkeit, in typischer Kirsten-Boie-Manier witzig und einfühlsam erzählt, von Silke Brix wie immer pfiffig illustriert, ist ein sehr empfehlenswertes Erstlesebuch, das auch Jungs gefallen könnte.

Kirsten Boie: Ein Hund spricht doch nicht mit jedem. Oetinger 2017 www.oetinger.de

Klaus-Peter Wolf: Totenstille im Watt

Ein Serienkiller, aber doch kein Krimi

Klaus-Peter Wolf ist vor allem für seine Ostfriesenkrimis um die Kommissarin Ann Kathrin Klaasen aus Norden bekannt, die regelmäßig die Spiegel-Bestsellerlisten stürmen. Inzwischen sind seit 2007 elf Bände erschienen, im Februar 2018 soll der nächste folgen.

Nun hatte Klaus-Peter Wolf aber anscheinend Lust auf etwas Neues, ohne jedoch ganz von Vertrautem abzuweichen: eine Romanserie um den Arzt Dr. Bernhard Sommerfeldt, kürzlich nach Norddeich zugezogen, in der auch Ann Kathrin Klassen eine nicht unbedeutende Nebenrolle spielt. Aber Achtung, es sind keine Krimis, obwohl mehr Blut fließt, als man es von einem Roman erwarten würde.

Der neue Protagonist, Dr. Bernhard Sommerfeldt, taucht eines Tages in Norddeich auf und eröffnet dort eine Hausarztpraxis. Niemand ahnt, dass er bisher Johannes Theissen hieß, sein Medizinstudium zugunsten der zwangsweisen Übernahme des elterlichen Bamberger Textilunternehmens an den Nagel hängen musste, im Sumpf der Modebranche kläglich scheiterte und bei Nacht und Nebel Eltern, Frau, Betrieb und Schulden verließ. Der verhassten Enge seines alten Lebens und der Gefühlkälte seiner Familie entflohen, ist er wild entschlossen, sich mit falschen Papieren eine völlig neue Existenz in Ostfriesland aufzubauen. Und noch einen zweiten Vorsatz hat er gefasst: Er möchte kein Opfer mehr sein, sondern die Dinge selbst in die Hand nehmen, und dafür schreckt er auch vor Mord nicht zurück. Wer würde hinter dem allseits beliebten Hausarzt, Büchernarr und Lebensgefährten der netten Grundschullehrerin schon einen planvoll und kaltblütig agierenden Serienkiller vermuten? Oder ahnt seine neue Patientin, die Kommissarin Ann Kathrin Klaasen, die mit der Aufklärung der Fälle befasst ist, etwas?

Für mich war Totenstille im Watt das erste Buch von Klaus-Peter Wolf und ich habe mich lange mit der Sprache schwergetan, vor allem mit dem Mangel an Nebensätzen. Einerseits wurde dadurch mein Lesefluss gebremst, andererseits passt der Stil für mich überhaupt nicht zu einem Ich-Erzähler, der ein ausgesprochener Liebhaber klassischer Literatur und Dichtung ist.

Trotzdem hat mich der Roman zunehmend gut unterhalten, nicht zuletzt wegen des gelungenen Ostfrieslandflairs. Der Reiz der Geschichte speist sich für mich darüber hinaus aus der Erzählperspektive, da die Sicht auf die Handlung so völlig auf die Wahrnehmung von Sommerfeldt eingeschränkt bleibt. Seine Rechtfertigungen vor sich selbst und sein Grübeln darüber, ob die berühmte Kommissarin mit der überragenden Aufklärungsquote ihn bereits unter Verdacht hat, waren es auf jeden Fall wert, den Roman zu lesen.

Klaus-Peter Wolf: Totenstille im Watt. Fischer 2017
www.fischerverlage.de