Stine Pilgaard: Meter pro Sekunde

  Im Käfig aus Kind und Wind

Von den drei Romanen der 1984 geborenen Dänin Stine Pilgaard schwärmen nicht nur die dänische Literaturkritik und Buchpreis-Jurys, sie sind auch beim heimischen Lesepublikum höchst beliebt. Ihr drittes Buch Meter pro Sekunde von 2020, das im Frühjahr 2022 als Spitzentitel im zweiten Programm des jungen Kanon Verlags auf Deutsch erscheint, war in ihrem Heimatland sogar der erfolgreichste Roman der letzten Jahre. Übersetzt hat ihn Hinrich Schmidt-Henkel, der hier die schwere Aufgabe hatte, einen sehr dänischen Text dem deutschen Publikum verständlich zu machen. Seine Hinweise hinten im Buch empfehle ich zum besseren Verständnis vorab zu lesen.

Auf dem Kriegspfad der Gespräche
Eine Ich-Erzählerin in den Dreißigern berichtet in Meter pro Sekunde über ihr Leben als junge Mutter nach dem Umzug von der Stadt ins ländliche, von Wind und Windrädern geprägte Westjütland, als „Anhang“ eines Literaturlehrers an der Heimvolkshochschule in Velling. In solchen Internatsschulen können junge Däninnen und Dänen nach ihrem Schulabschluss ein kostenpflichtiges Jahr verbringen, zur Orientierung und Sinnfindung, um Kurse in verschiedenen Fachrichtungen zu belegen und Kontakte zu knüpfen. Das Lehrpersonal lebt mit seinen Familien auf dem Schulgelände, Mahlzeiten werden gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülerinnen eingenommen und der „Anhang“ bestmöglich integriert.

Doch genau das fällt der Ich-Erzählerin schwer. Sie scheitert in diesem „Land der kurzen Sätze“ an den schweigsamen Einheimischen:

Hier draußen läuft so was einfach ein bisschen anders, sagt die Schulleiterin […]. Freundschaften entstehen aus Notwendigkeit, sie sind wie ein Straßengraben, wenn man pinkeln muss, ansonsten hält man an sich. (S. 193)

© B. Busch

Trotz des Konversationstrainings mit ihrem Partner und einem Journalisten gibt es auf ihrem „Kriegspfad der Gespräche“ immer wieder Rückschläge:

Es wirkt, als würden die anderen dichter zusammenrücken, während ich selbst weiter weggeschoben werde, über einen Rand hinaus auf einen Abgrund aus Einsamkeit zu. (S. 20)

 Ich fühle mich gefangen, sage ich, ich komme mir vor wie in einem Käfig aus Kind und Wind. (S. 198)

Ein Mix aus drei Textsorten
Zwischen Episoden über beispielsweise ihre einzige Freundin, die Tagesmutter, die Schuldirektorin und die unzähligen Fahrstunden sind Briefe aus der Kummerkastenecke der örtlichen Tageszeitung gestreut, in denen die Ich-Erzählerin als „Orakel“ endlich kreativ mit den Westjütländern in Kontakt kommt, sowie Songtexte, die sie in Anlehnung an ein in Dänemark sehr populäres Liederbuch für Heimvolkshochschulen auf bekannte Melodien zusammen mit einem anderen „Anhang“ verfasst.

Eine anstrengende Protagonistin
Dänische Kritiken loben besonders den Sprachwitz und die humoristischen Alltagsbeschreibungen im Roman. Stellenweise habe ich sie auch gefunden, vor allem in den Abschnitten voller Selbstironie über die Sucht junger Eltern, unablässig über ihre Kinder zu reden, die schlaflosen Nächte oder wenn das angesagte Kinderwagenmodell sich dem Zusammenklappen widersetzt. Allerdings fehlte mir das tiefere Verständnis für die Protagonistin, die endlos um sich selbst kreist. Sehr gut möglich, dass das Buch jüngere Frauen mehr begeistert. Mir wurden die Episoden jedenfalls zu redundant und der permante Zigarettenkonsum aller und überall passt für mich weder zum Milieu noch zum Land. Den dänischen Hype um Stine Pilgaards plotarmen Roman kann ich daher schwer nachvollziehen, obwohl mich einzelne Szenen, Sprachbilder, Charakterzeichnungen und Kummerkasten-Antworten durchaus amüsierten.

Haptisch ein Genuss
Herausragend ist die hochwertige Gestaltung innen und außen mit dem drei Viertel bedeckenden roten Schutzumschlag, unter dem sich die jütländische Landschaft versteckt.

Stine Pilgaard: Meter pro Sekunde. Aus dem Dänischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Kanon 2022
kanon-verlag.de

Gert Loschütz: Ballade vom Tag, der nicht vorüber ist

  Ein Rückwärtsgucker und  Nichtdrüberwegkommenwoller

Gert Loschütz, geboren 1946 in Genthin, kam 1957 mit seinen Eltern in den Westen. Für seinen 2018 erschienenen Roman Ein schönes Paar stand das Schicksal seiner Familie Pate. Auch der Roman Flucht aus dem Jahr 1990, 1988 zunächst als Hörspiel Ballade vom Tag, der nicht vorüber ist erschienen und nun unter diesem Titel im Verlag Schöffling 2022 neu aufgelegt, ist autobiografisch inspiriert. Im Mittelpunkt steht ein Ich-Erzähler, der auch 28 Jahre nach seiner Flucht als Zehnjähriger in den Westen nicht zur Ruhe kommt.

Ein schicksalhaftes Datum
Karsten Leiser
wird den Maitag Ende der 1950er-Jahre, als er ohne jedes für ihn erkennbare Vorzeichen und damit ohne jede Möglichkeit, Abschied zu nehmen, mit seinen Eltern in den Westen flieht, nie vergessen. Plothow, die fiktive Kleinstadt im Havelland, die auch in Ein schönes Paar Herkunftsort der Familie war, ist für ihn Kindheit, Sehnsuchts- und Erinnerungsort zugleich. Obwohl die Mutter genau wie der Vater in den Westen gewollt hatte, will sie dort nicht ankommen, genau so wenig wie der Sohn. Als die Mutter erkrankt und exakt ein Jahr nach der Flucht stirbt, wird das Datum für Karsten zur Obsession:

Es ist etwas Merkwürdiges, mit den Gedanken immer zum gleichen Tag zurückkehren zu müssen und alles, was danach geschehen ist, auf ihn zu beziehen. (S. 20)

… daß ich von nun an damit rechnete, daß jedes Unglück auf diesen Tag falle. (S. 83)

© B. Busch

Weder seine häufigen Grenzübertritte als Reisejournalist noch seine Hotelübernachtungen können den Gedanken an das damalige Passieren der Grenze und die erste Nacht im Hotel an jenem Maitag auslöschen. Seine Partnerschaften scheitern. An den Jahrestagen, die er mal in Italien, mal in Irland, mal im Zug nach Berlin verbringt, kommt es zu rätselhaften Unglücken, tatsächlichen oder herbeifantasierten, und er wird sein Trauma genau so wenig los wie den alten Koffer.

Lügen oder Wahrheit
Im erste Viertel des in kurzen Absätzen ohne Kapiteleinteilung verfassten Romans fürchtete ich zu scheitern, zu unklar waren mir viele Andeutungen, zu durcheinander die Episoden in Italien, in Irland und zuletzt am 28. Jahrestag auf einer Zugfahrt nach Berlin, alles einem „Du“ erzählt, das die Lebenspartnerin Vera meint. Dann allerdings wurden im Mittelteil der Geschichte Fäden verknüpft, wiederkehrende Motive bekamen einen Sinn, die Abschnitte wurden länger und die Erzählteile über die Flucht, die Erkrankung und den Tod der Mutter und die Qualen in der Schule las ich gern. Zu meinem Bedauern brachte das letzte Viertel aber wieder mehr Verwirrung als Klarheit und ich wurde es müde, Szene für Szene auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen, einzuordnen und zu deuten. Karsten, der Mann, der nie über die Entwurzelung und den vermeintlichen Verrat der Eltern hinwegkommt, nie versucht, deren Beweggründe nachzuvollziehen und stattdessen ausschließlich um sich selbst kreist und sich in seiner Traurigkeit suhlt, ging mir zunehmend auf die Nerven. Vera spricht vor der Trennung treffend von „Rückwärtsgucken“, „Nichtdrüberwegkommenwollen“ und einer “Chimäre, der er den Namen seiner Geburtsstadt gegeben hat“ (S. 192/193).

Ballade vom Tag, der nicht vorüber ist scheint mir eher Männer- als Frauenroman zu sein und verlangt viel Verständnis für einen selbstmitleidigen Protagonisten. Wer gerne interpretiert und lose Fäden liebt, wird damit glücklich. Allen anderen empfehle ich Ein schönes Paar, sprachlich ebenso herausragend, aber weniger selbstmitleidig, rätselhaft und konstruiert.

Gert Loschütz: Ballade vom Tag, der nicht vorüber ist. Schöffling & Co. 2022
www.schoeffling.de

 

Weitere Rezension zu einem Roman von Gert Loschütz auf diesem Blog:

Edvard Hoem: Die Geschichte von Mutter und Vater

  Eine sehr besondere Liebesgeschichte

Die meisten Begebenheiten dieses Buches sind authentisch, aber sie sind mit der Stimme des Schriftstellers erzählt, so, wie er es vor sich sieht, nach dem, was er gesehen und geträumt hat. (Quellen, S. 220)

 

Der familienbiografische Roman Die Hebamme des 1949 an der norwegischen Westküste geborenen Schriftstellers und Theaterregisseurs Edvard Hoem über seine Ururgroßmutter begeisterte mich 2021. Die Geschichte von Mutter und Vater, auf Deutsch erstmals 2007 erschienen und zuvor in Norwegen – nicht zuletzt wegen eines Tabuthemas – ein großer Erfolg, führt in die neuere Hoemsche Familiengeschichte und ist mindestens ebenso lesenswert. Beide Bücher sind zugleich Zeitdokumente über das bäuerliche Leben in West-Norwegen im 19. Jahrhundert beziehungsweise während und nach dem Zweiten Weltkrieg.

Zwei verletzte Seelen
Edvard Hoems Vater Knut Hoem war als drittem Sohn einer frommen kleinbäuerlichen Familie die Übernahme des Hofes Bakken in Ytre Hoem nahe Molde nicht in die Wiege gelegt. Er sträubte sich lange erfolglos dagegen, als durch widrige Umstände plötzlich doch die Reihe an ihm war, denn Bauer wollte er nie werden. Viel mehr interessierte den 1917 geborenen unfreiwilligen Hoferben die protestantische Laienbewegung. Zwei Jahre lang besuchte er die Bibelschule der Inneren Mission in Oslo und reiste ab 1941 zwischen der Kartoffelernte im Herbst und der Aussaat im Frühjahr über 40 Jahre als Laienprediger auf seinem Fahrrad zum Zwecke der Erweckung durch die Täler Westnorwegens. Eine gescheiterte Verlobung – auch hierfür war der ungeliebte Hof ursächlich – beschädigte seinen Ruf. Schande hatte auch die 1924 geborenen Kristine Nylund aus der Nähe von Lillehammer, Edvards Mutter, über sich gebracht, als sie nach einem Liebesverhältnis mit einem deutschen Soldaten 1945 ein „Deutschenkind“ zur Welt brachte. Für die Hochzeit 1947 waren also keineswegs romantische Gefühle ausschlaggebend, und doch entstand durch Vertrauen und Glaube im Verlauf eine große Zuneigung, die mich beim Lesen tief berührte. Schon als Kind muss Edvard das gespürt haben:

Mama, liebst du den Papa? fragte ich Mutter einmal in meiner fernen Kindheit. […] Dann sagte sie mit fremder Stimme das, was mich fünfzig Jahre lang nicht loslassen sollte: «Ich hatte Vater nicht lieb, als ich mit ihm zusammenkam, aber ich habe ihn liebgewonnen, weil er beständig war, beständig und treu, und das ist genauso wichtig wie Liebe.» (S. 7, 8 und 9)

Familiengeschichte und Zeitdokument
Edvard Hoem recherchiert für seine Romane akribisch, in diesem Fall unter anderem in Hunderten Notizbüchern seines Vaters, und ergänzt den Rest mittels Fantasie, was er „heraufbeschwören“ nennt. Genau diese Mischung aus nüchtern-faktischem Bericht und zärtlich-wertschätzendem Nachspüren macht seine nie indiskreten oder sentimentalen erinnerungsliterarischen Romane für mich so wertvoll.

© B. Busch

Neben der Familiengeschichte und dem Bericht über die Laienprediger-Bewegung interessierte mich besonders der historische Hintergrund der deutschen Besatzung Norwegens, um die es auch in anderen herausragenden Romanen wie Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger, Pferde stehlen von Per Petterson oder Die Unsichtbaren von Roy Jacobsen geht. Dass nicht alle Norwegerinnen und Norweger Rache an den „Deutschenflittchen“ wollten, bewiesen Kristines Dorfnachbarinnen, als sie ihr nach der Geburt „Rømmegraut“ brachten und damit Wohlwollen und Mitgefühl für ihr Unglück zum Ausdruck brachten, ebenso wie der junge Prediger, der alle überraschte: „Ich kann sie doch nehmen.“  (S. 146)

Mit Heimatland. Kindheit gibt es noch einen weiteren familienbiografischen Roman Edvard Hoems auf Deutsch, den ich unbedingt ebenfalls lesen möchte.

Edvard Hoem: Die Geschichte von Mutter und Vater. Aus dem Norwegischen von Ebba D. Drolshagen. Insel 2009
www.suhrkamp.de/verlage/insel-verlag-s-22

Abbas Khider: Der Erinnerungsfälscher

  Zwischen Realität und Fiktion

Zweimal war Said Al-Wahid seit seiner Flucht in seiner irakischen Heimat: nach dem Sturz der Diktatur, heimlich, während in Deutschland sein Asylverfahren lief und in den Straßen von Bagdad das Chaos amerikanischer Soldaten herrschte, und zwei Jahre später, kurz vor dem Ausbruch des Bürgerkriegs. 2014 wird er plötzlich ein drittes Mal nach Hause gerufen: Sein jüngerer Bruder Hakim teilt ihm mit, dass ihre Mutter im Sterben liegt. Said, der gerade auf dem Weg von einer Podiumsdiskussion in Mainz zurück nach Berlin ist, begibt sich umgehend zum Frankfurter Flughafen:

Said Al-Wahid hat seinen Reisepass überall dabei, egal, wohin er geht. Er hat ihn bei einem Podiumsgespräch in Mainz dabei und auch im Supermarkt um die Ecke. (S. 25)

Auf seiner Reise nach Bagdad begleiten ihn Gedanken an seine vier Jahre dauernde Fluchtodyssee, seine ersten Jahre in Deutschland mit befristeten und unbefristeten Aufenthaltsgenehmigungen, Abschiebungsandrohungen, Widerrufsverfahren, Duldung und schließlich der Einbürgerung, bürokratischen Schikanen bis heute und einem ständigen Gefühl der Unsicherheit:

In der Fremde gibt es keine Himmelsrichtungen. (S. 8)

© B. Busch

Traumata
Dabei ist Saids Integration eine Erfolgsgeschichte: Abitur am Studienkolleg und Studium an der Philosophischen Fakultät in München als einziger arabischer Student, Jobs zur Finanzierung, Ehe mit Monica, einer deutschen Sozialarbeiterin aus einer Mittelschichtsfamilie, der zweijährige Sohn Ilias und erste schriftstellerische Erfolge. 

Worüber er mit niemandem sprechen kann, sind die „Minenfelder“ im Gedächtnis, der als Verräter hingerichteten Vater, über den geschwiegen werden musste, die im Bürgerkrieg mit ihrer Familie getötete Schwester und die traurige Mutter, die mit Krisen umgehen kann, nicht jedoch mit glücklichen Momenten. All dies beeinträchtigt sein Erinnerungsvermögen:

Said scheiterte bei jedem Versuch, einen längeren Text zu verfassen. Es war grauenhaft. (S. 47)

Erst als er beginnt, die Gedächtnislücken mit Fiktion zu füllen, erlebt er einen „Schreibdurchfall“.

Der Erinnerungsfälscher des deutsch-irakischen Autors Abbas Khider ist mit gerade einmal 124 Seiten leider ein sehr kurzer Roman. Albtraumhafte Flucht aus einem desolaten Land, Ankommen in Deutschland, das auch den integrationswilligsten Schutzsuchenden immer neue bürokratische Felsbrocken in den Weg rollt, Rassismus und Vorurteile in der neuen sowie schwierige Besuche in der alten Heimat, wo sich auch Jahre nach dem Sturz der Diktatur nichts zum Besseren entwickelt, sind seine Themen.

Mehrwert der Perspektive
Wie bei Herkunft von Saša Stanišić oder Eine Formalie in Kiew von Dmitrij Kapitelman liegt der besondere Wert von Abbas Khiders Roman für mich in der Perspektive des Migranten, der aus eigener Anschauung schreibt. Zwar betont er in Interviews, dass Der Erinnerungsfälscher ein literarisches Werk und keine Biografie sei, sein eigenes Schicksal als 1973 in Bagdad geborener Autor, seine Flucht 1996 nach mehreren Gefängnisaufenthalten und die Ankunft in Deutschland 2000 liefern jedoch erkennbar die Vorlage. 

Dass man trotz der traurigen Thematik bei der Lektüre nicht verzweifelt, liegt am gelungenen Wechsel zwischen nüchtern wiedergegebenen Fakten und Poetik, den originellen Sprachbildern, dem Wortwitz und Humor und dem immer durchscheinenden Optimismus. Unfassbar, dass Abbas Khider erst mit 27 Jahren die deutsche Sprache erlernt hat!

Sowohl für die deutsche Literatur als auch für die politische Debatte hierzulande sind Stimmen wie die von Abbas Khider eine große Bereicherung. Höchste Zeit also für mich, auch seine vier früheren, etwas umfangreicheren Romane kennenzulernen.

Abbas Khider: Der Erinnerungsfälscher. Hanser 2022
www.hanser-literaturverlage.de

 

Weitere Rezensionen zu autobiografisch inspirierten Migrationsromanen auf diesem Blog:

    

Auður Ava Ólafsdóttir: Miss Island

  Zusammen ist man weniger allein

Denke ich an Island, fallen mir Vulkane, Fischerei, Islandpferde und die alten Isländersagas ein. Spätestens seit dem Gastlandauftritt auf der Frankfurter Buchmesse 2011 unter dem Titel „Sagenhaftes Island“ bewundere ich die für ein Land mit nur knapp 360.000 Einwohnern hohe Zahl von Autorinnen und Autoren. Daneben gilt Island aber heute – wie alle nordischen Länder – als Vorbild in Toleranz, Geschlechtergerechtigkeit und liberaler Haltung gegenüber LGTBQ, immerhin gibt es gleichgeschlechtliche Ehen bereits seit 2010.

Über eine völlig andere gesellschaftliche Realität in den 1960er-Jahren, als sexuelle Übergriffe auf Frauen alltäglich und akzeptiert waren, Schriftstellerinnen misstrauisch beäugt wurden, Homosexuelle unter polizeilicher Beobachtung standen und farbige US-Soldaten als unerwünscht galten, erzählt die 1958 geborene Isländerin Auður Ava Ólafsdóttir in ihrem 2019 mit dem Prix Médicis étranger für den besten ausländischen Roman des Jahres ausgezeichneten Buch Miss Island.

Strenge gesellschaftliche Normen
1942
wird Hekla auf einem Bauernhof im westisländischen Dalir geboren und von ihrem vulkanbegeisterten Vater nach einem solchen benannt. Mit 21 Jahren zieht es sie samt Schreibmaschine, englischsprachiger Ulysses-Ausgabe und Romanmanuskript nach Reykjavík. Sie träumt von einer Zukunft als Schriftstellerin und Zugehörigkeit zum Stammtisch der männlichen Poeten im Café Mokka. Doch 1963 sieht die isländische Gesellschaft ganz anderes für Frauen vor: Teilnahme an Miss-Wahlen und Familiengründung. Heklas Freundin Ísey, die als jungverheiratet Mutter inzwischen in einer Kellerwohnung in Reykjavík lebt und eigentlich auch gerne schreiben würde, hadert mit ihrem Schicksal:

„Du ziehst hinaus in die Welt, und ich bliebe hier und hoffe, dass der Fischhändler den Schellfisch in ein Gedicht oder einen Fortsetzungsroman einwickelt.“ (S. 191)

Und noch ein Freund lebt seit Kurzem in der Hauptstadt: Jón John, vaterloses Besatzungskind, hübschester Junge von Dalir und ständiges Opfer von Hass und Spott, weil er immer schon die Nähmaschine den Spielen der Kameraden vorzog. Für den schwulen jungen Mann ist das Leben in Reykjavík nicht einfacher als auf dem Land:

„Wir gelten als Knabenschänder. […] Wir werden anspuckt. Wer ein Telefon hat, wird nachts angerufen und bekommt Morddrohungen.“ (S. 55)

© B. Busch

Sein Traum von einer Arbeit als Kostümschneider beim Theater oder in einem Modehaus scheint noch ferner als Heklas:

„Auch wenn die Welt keinen Platz für einen Schwulen hat, Hekla, dann hat sie Platz für eine Schriftstellerin.“ (S. 234)

Aufbruch zu neuen Ufern
In Ermangelung isländischer Vorbilder liest Hekla Bücher ausländischer Schriftstellerinnen wie Harper Lee, Silvia Plath, Simone de Beauvoir oder der soeben in Deutschland (wieder-)entdeckten Tove Ditlevsen. Eines immerhin kann Island ihr bieten: Buchhandlungen überall, gut sortierte öffentliche Bibliotheken und alte Isländersagas sogar in den Bücherschränken der entlegensten Gehöfte, die vor allem auch gelesen werden.

Wenig spürt man dagegen 1963 auf Island von Martin Luther King, John F. Kennedy oder den Beatles, die anderswo die Menschen bewegen. Jón John hält nichts auf seiner Insel und Hekla folgt ihm, nachdem ihre Beziehung zu Starkaður, einem Dichter mit Schreibhemmung, an Kollegenneid und mangelndem Verständnis gescheitert ist.

Aber ist auf dem Festland wirklich alles besser? Welche Zugeständnisse werden auch dort nötig?

Miss Island ist ein ebenso gut zu lesender wie informativer, nicht wehleidiger Roman über Diskriminierung, Träume, Begeisterung, Zielstrebigkeit, Mut und eine der berührendsten Freundschaften, die ich je in der Literatur gefunden habe. Mit jeder Seite wächst die Lust auf mehr isländische Bücher, vor allem von Frauen.

Auður Ava Ólafsdóttir: Miss Island. Aus dem Isländischen von Tina Flecken. Insel 2021
www.suhrkamp.de/verlage/insel-verlag-s-22

Damon Galgut: Das Versprechen

  Zerfall

2020 ging der wichtigste britische Literaturpreis, der Booker Prize, vergeben für das beste Buch in englischer Sprache, an einen Debütroman: Shuggie Bain von Douglas Stuart. Der Preisträger des Jahres 2021 war dagegen bereits zum dritten Mal nominiert: Damon Galgut, geboren 1963 in Südafrika. Für seinen Roman Das Versprechen bekam er den Preis nun erstmals zugesprochen und reiht sich ein in eine Serie afrikanischer Preisträger 2021: Literaturnobelpreis für Abdulrazak Gurnah, Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für Tsitsi Dangarembga und Prix Goncourt für Mohamed Mbougar Sarr, um drei weitere zu nennen.

Vier Jahrzehnte, vier Präsidenten, vier Beerdigungen
Im Zentrum von Galguts Roman steht die weiße südafrikanische Mittelstandsfamilie Swart. Nach vier ihrer fünf Mitglieder sind die vier Teile benannt: „Ma“, eigentlich Rachel, „Pa“, eigentlich Herman Albertus, genannt Manie, „Astrid“ und „Anton“. Jeder Teil spielt in einem anderen Jahrzehnt, beginnend 1986 in der Endphase der Apartheit unter Frederik Willem de Klerk. Die jüngste Tochter der Swarts, die dreizehnjährige Amor, wird zur Beerdigung ihrer Mutter aus dem Internat abgeholt. Es gibt Unruhen in den Townships, der Ausnahmezustand sowie eine Nachrichtensperre sind verhängt und die Familie versammelt sich an ihrem Wohnsitz, einer Farm außerhalb Pretorias. Salome, die schwarze Hausangestellte und hingebungsvolle Pflegerin der Mutter in ihren letzten Lebensmonaten, bleibt aus Rassegründen von der Trauerfeier ausgeschlossen.

Für Amor beginnt nach dem Tod der Mutter ein Kampf für die Umsetzung eines Versprechens, das der Vater seiner Frau kurz vor deren Tod gegeben hat: Salome soll für ihre Verdienste das kleine Haus erhalten, in dem sie mit ihrem Sohn lebt.

Auch in den weiteren Teilen, die nach dem Ende der Apartheit unter der Präsidentschaft von Nelson Mandela 1995, unter Thabo Mbeki 2004 und Jacob Zuma 2018 spielen, kommen die verbliebenen Familienmitglieder in der zunehmend herunterkommenden Farm zu Beisetzungen zusammen. Jede findet nach einem anderen Ritus und unter anderen gesellschaftlichen Vorzeichen statt. Parallel zu den politischen Umwälzungen im Land zerfällt die Familie und immer steht das unerfüllte Versprechen im Raum, das aller Leben beeinflusst.

© B. Busch

Wenig Grund für Optimismus
Analog zur derzeitigen politischen Situation Südafrikas durchzieht auch den Roman vorwiegend Tristesse, scheitern doch alle Figuren an den eigenen Träumen, am Alkohol, an den sich ändernden Lebensbedingungen im Land, an ihren Versprechen – nicht nur an dem für Salome – oder verschreiben sich einem spirituellen Heilsbringer. Trotzdem gibt es gleich ein ganzes Bündel von Gründen, warum ich Das Versprechen so überaus gerne gelesen habe und mich über die Wahl der Jury freue. Die Idee, die Handlung anhand von Beerdigungen zu erzählen, ist ebenso originell wie brillant umgesetzt, die Verbindung zwischen der politisch-gesellschaftlichen Entwicklung Südafrikas und der Familiengeschichte funktioniert bestens und die Ambivalenz der Familienmitglieder und Nebenfiguren ist, soweit sie als Schwarze nicht „unsichtbar“ bleiben, stimmig herausgearbeitet. Besonders beeindruckt hat mich die außergewöhnliche Erzähltechnik mit einem Bewusstseinsstrom im Präsens in einer stimmlichen Kakophonie wechselnder Perspektiven sowie der direkten Ansprache mal der Figuren, mal der Leserinnen und Leser, reichlich gewürzt mit Humor, Ironie und Sarkasmus. Ein Roman also, der mir nicht nur Spaß gemacht und mich unterhalten, sondern mir die neuere Geschichte Südafrikas nähergebracht hat:

Denn die Familie Swart hat so gar nichts Besonderes oder Bemerkenswertes, o nein, sie gleicht der Familie von der Nachbarfarm und der Nachbarfarm der Nachbarfarm, nur ein gewöhnlicher Haufen weißer Südafrikaner, und wenn du es nicht glaubst, brauchst du nur einmal darauf zu achten, wie wir sprechen. […] Unsere Seele ist irgendwie verrostet, regenfleckig und verbeult, und das hört man unserer Stimme an. (S. 278)

Damon Galgut: Das Versprechen. Aus dem südafrikanischen Englisch von Thomas Mohr. Luchterhand 2021
www.penguinrandomhouse.de

 

Weitere Rezensionen zu Romanen, die mit dem Booker Prize ausgezeichnet wurden, auf diesem Blog:

  

Abdulrazak Gurnah: Das verlorene Paradies

  Paradies oder Hölle?

Es ist fast die Regel, dass ich beim Namen des neuen Nobelpreisträgers oder der Nobelpreisträgerin für Literatur ahnungslos mit den Schultern zucke, so auch 2021 bei Abdulrazak Gurnah. Allerdings weckte die für alle unerwartete Wahl dieses Mal sofort mein Interesse, waren doch die Stimmen einhellig positiv, der Prämierte in den ersten Interviews sehr sympathisch und sowohl die Thematik seiner Werke als auch die Region, in der sie angesiedelt sind, klangen sehr verheißungsvoll. Ich freute mich daher sehr, dass der Penguin Verlag pünktlich zur Preisverleihung im Dezember 2021 Gurnahs 1994 für den Booker Prize nominierten Roman Das verlorene Paradies in einer sehr geschmackvoll gestalteten Ausgabe mit großzügigem Druck und Lesebändchen wieder auf Deutsch zugänglich machte.

© B. Busch

Der Schauplatz: Ostafrika um 1900
Ostafrika war lange vor der Kolonialisierung durch Engländer und Deutsche ein Schmelztiegel der Nationen, Kulturen, Sprachen und Religionen. Afrikaner, Araber und Inder lebten zwar nicht friedlich, aber in gewachsenen Strukturen nebeneinander. Diese keineswegs perfekte Welt kurz vor ihrer endgültigen Zerstörung steht in Das verlorene Paradies im Mittelpunkt, nicht die europäischen Kolonialmächte, die sich bereits überall im Land breitmachen.

Yusuf
Mitten in dieser Welt wächst Yusuf auf, Sohn armer Eltern aus dem Landesinneren, dessen Erwachsenwerden wir miterleben. Seine Kindheit endet abrupt in seinem zwölften Lebensjahr, als er einem reichen arabischen Kaufmann als Pfand zufällt. Er muss ihm in eine große Stadt am Meer folgen, dort in seinem Laden arbeiten und ihn später auf seinen Handelszügen zu den „Wilden“ begleiten. Der hübsche junge Mann erregt Aufsehen und weckt die Begierde von Männern und Frauen gleichermaßen. 

Erst allmählich begreift Yusuf, dass der Geschäftsmann nicht, wie er dachte, sein Onkel, sondern sein Seyyid, sein Herr, ist, und dass er, der immer von Albträumen gequält wird, nie die ersehnte Freiheit erlangen wird:

„Sie haben uns dazu erzogen, ängstlich und gehorsam zu sein, sie zu ehren, selbst wenn sie uns missbrauchen.“ (S. 303)

Das Einzige, was in dieser von Gewalt, Derbheit, Obszönität und Hierarchien geprägten Männerwelt paradiesisch erscheint, ist der Garten des Seyyid:

Das Haus, in dem wir wohnten, hatte einen wunderschönen Garten, mit einer hohen Mauer rundherum. Mit Palmen und Orangenbäumen und sogar Granatäpfeln und Wasserrinnen, mit einem Teich und duftenden Sträuchern. (S. 88/89)

Für Leserinnen und Leser mit Vorwissen
Mit Abdulrazak Gurnah hat das Nobelpreiskomitee einen 1948 im ostafrikanischen Sansibar geborenen Autor auszeichnet, der bereits 1967 als Bürgerkriegsflüchtling nach Großbritannien kam, dort bis zu seinem Ruhestand Professor für Anglistik und postkoloniale Literatur war, seine zehn Romane auf Englisch verfasste und sich heute für andere Flüchtlinge einsetzt.

Ohne Vorkenntnisse über die Region und die Zeit erschloss sich mir Gurnahs Erzählabsicht nur schwer, obwohl der Roman vordergründig nicht kompliziert zu lesen ist. Zum besseren Verständnis hätte ich unbedingt ein ausführliches Vorwort über die politische und gesellschaftliche Situation in Ostafrika um 1900 sowie die Koranbezüge des Textes und eine Landkarte gebraucht, um die vielen Orte, Episoden und die von gegenseitiger Geringschätzung geprägten Dialoge besser einordnen zu können. Trotz aller euphorischer Kritiken des Feuilletons gehört Das verlorene Paradies für mich deshalb zu den Romanen, die man durchaus lesen kann, um eine unbekannte Welt und einen empathisch gezeichneten Protagonisten kennenzulernen, die man jedoch nicht unbedingt lesen muss.

Abdulrazak Gurnah: Das verlorene Paradies. Aus dem Englischen von Inge Leipold. Penguin 2021
www.penguinrandomhouse.de

Walko: Rob & Jonny

  Was im Leben wirklich zählt

Wer will schon Tag und Nacht für andere schuften, wenn er oder sie auch ein schönes Leben führen und all die großartigen Orte dieser Welt entdecken könnte? Der kleine Roboter Rob 1 jedenfalls will kein Diener sein und haut deshalb klammheimlich aus der Fabrik ab, kurz bevor er verkauft wird. Nun steht ihm die große weite Welt offen! Mit einem Jumbo-Jet macht er sich auf nach London. Wie er dort mit seiner Neugier, seinen ganz speziellen Roboterfähigkeiten, seinem guten Herzen und seinem Einfallsreichtum an einem ereignisreichen Tag nicht nur die Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten entdeckt, sondern im Straßenhund Jonny auch noch einen Freund fürs Leben und bei ihm sogar ein neues Zuhause findet, erzählt Walter Kössler alias Walko wie gewohnt humorvoll, herzerwärmend und ebenso detailreich wie fantasievoll und liebevoll illustriert.

Der Schwerpunkt liegt bei diesem Kinderbuch für kleine Zuhörerinnen und Zuhörer ab fünf Jahren, das den Auftakt zu einer neuen Reihe bildet, nicht auf der Spannung, sondern auf der Freundschaftsgeschichte, den Londoner Sehenswürdigkeiten und der Erkenntnis, dass man sein Schicksal selbst in die Hand nehmen muss. Dazu braucht es Mut, Pfiffigkeit und vor allem ein Herz auf dem rechten Fleck, alles Eigenschaften, über die Rob in großem Maße verfügt. Robs technische Fähigkeiten und sein Wissen bieten darüber hinaus den ein oder anderen zusätzlichen Erkenntnisgewinn. Ob sich das 48 ungezählte Seiten umfassende Buch allerdings als Erstleserlektüre eignet, hängt sehr vom jeweiligen Kind ab: Die hübsch anzusehende Schrift ist keine Fibelschrift, es gibt keine Kapiteleinteilung und auf einigen Seiten ist die Zeilenmenge für Leseanfängerinnen und –anfänger sehr groß. Hilfreich sind in jedem Fall die vielen Bilder, die das Textverständnis unterstützen, mal seitenfüllend, mal als kleine Erinnerungsfotos mit Bildunterschrift, die Robs vollautomatische Augenkamera für sein eingebautes Erinnerungsalbum fotografiert.

© M. Busch

Für mich erreicht Rob und Jonny zwar nicht ganz den Zauber von Walkos abenteuerlicher Reihe Hase und Holunderbär, ich kann es zum Vorlesen jedoch trotzdem sehr empfehlen. Wer könnte schon einer Geschichte widerstehen, in der es am Ende eines aufregenden Tages heißt:

Zu zweit machte alles einfach viel mehr Spaß. Und Rob freute sich auch. Für ihn begann jetzt ein herrliches, freies Leben. Eins, wie man es sich herrlicher nicht vorstellen kann. A wonderful life, wie man in London sagt.

Walko: Rob & Jonny. Coppenrath 2022
www.coppenrath.de

 

Weitere Rezensionen zu Kinderbüchern von Walko auf diesem Blog:

 

Meine Lese-Highlights 2021

Die Erfindung des Buchdruckes ist das größte Ereignis der Weltgeschichte. (Victor Hugo)

© B. Busch

Meine liebsten Bücher 2021 sind nicht alle in diesem Jahr erschienen, sie haben mich aber im Laufe des Jahres am nachhaltigsten beschäftigt und sind zu Freunden geworden. Mein Kriterium ist dabei weder, dass die Bücher sich bereits über lange Zeit als Klassiker bewährt haben, noch die Überzeugung, dass sie auch in hundert Jahren noch gelesen werden. Es ist eine subjektive Auswahl von Titeln, die für mich im genau richtigen Augenblick kamen.

Von oben nach unten:

Sabine Bohlmann & Kerstin Schoene: Der kleine Siebenschläfer – Gleich ist alles wieder gut. Thienemann 2019
Tove Ditlevsen: Kindheit. Aufbau 2021

Tove Ditlevsen: Jugend. Aufbau 2021
Tove Ditlevsen: Abhängigkeit. Aufbau 2021
Edvard Hoem: Die Hebamme. Urachhaus 2021
Henning Ahrens: Mitgift. Klett-Cotta 2021
Leïla Slimani: Das Land der Anderen. Luchterhand 2021
Thomas de Padova: Nonna. Insel 2020
Monika Helfer: Vati. Carl Hanser 2021
Charles Lewinsky: Melnitz. Diogenes 2021
Kirsten Boie: Dunkelnacht. Oetinger 2021
Marianne Philips: Die Beichte einer Nacht. Diogenes 2021
Eva Menasse: Dunkelblum. Kiepenheuer & Witsch 2021
Matthias Jügler: Die Verlassenen. Penguin 2021
Roy Jacobsen: Die Kinder von Barrøy. C.H. Beck 2021
Richard Wagamese: Das weite Herz des Landes. Blessing 2020
Edgar Selge: Hast du uns endlich gefunden. Rowohlt 2021

Allen Besucherinnen und Besuchern auf meinem Blog wünsche ich ein gesundes, frohes 2022!

Richard Wagamese: Das weite Herz des Landes

  Ein kaputtes Leben

Coronabedingt war Kanada unter dem Motto „Singular Plurality – Singulier Pluriel“ 2020 und 2021 Gastland der Frankfurter Buchmesse. Meine schönsten Entdeckungen in dieser Zeit waren Die Unschuldigen von Michael Crummey und Das weite Herz des Landes von Richard Wagamese (1955 – 2017), einem der wichtigsten indigenen Autoren Kanadas. Wie er in seiner Danksagung schreibt, wurde der Roman, der 2014 unter dem Originaltitel Medicine Walk erschien, „in langen Nächten der Selbsterforschung und Reflexion“ geboren.

Der letzte Weg
Franklin gehört den kanadischen First Nations an, wuchs aber bei einem alten weißen Farmer auf. Erst mit sieben Jahren erfährt er, wer sein leiblicher Vater ist: Eldon Starlight, Halb-Ojibwe, Wanderarbeiter, verwahrloster Alkoholiker ohne Halt und Bezug zu den eigenen Traditionen: 

„Das Indianerzeug ist irgendwie hinten runtergefallen, weil wir so damit beschäftigt waren, in der anderen Welt den Kopf über Wasser zu halten.“ (S. 60)

Während der fürsorgliche Alte den Jungen alles lehrt, was er für ein freies Leben mit und in der Natur braucht, enttäuscht ihn sein Vater bei jedem der sporadischen Zusammentreffen. Doch als Eldon Anfang der 1970er-Jahre den Tod nahen fühlt, bittet er seinen sechzehnjährigen Sohn, ihn zum Sterben auf einen 60 Kilometer entfernten Bergkamm zu begleiten und lockt ihn mit einem Versprechen:

„Du sollst mich mit dem Gesicht nach Osten begraben“, sagte der Vater. „Im Sitzen, wie einen Krieger.“
„Du bist kein Krieger.“ […]
Er wandte sich dem Jungen zu, schwankte ziemlich, stützte sich haltsuchend auf die Tischplatte und sah seinen Sohn aus halb geschlossenen Lidern an. „Früher schon“, sagte er. „Davon muss ich dir erzählen. Muss dir vieles erzählen.“ (S. 32/33)

© B. Busch

Mit dem sterbenden Vater auf dem Rücken seines Pferdes macht Franklin sich zu Fuß auf den Weg ins Hinterland von British Columbia. Eine atemberaubende Natur, Franklins Erinnerungen an seine Kindheit auf der Farm mit den immer ausgedehnteren Ausflügen alleine in die Wildnis sowie Eldons Erzählung bilden den Kern dieses sehr berührenden Romans, in dem eigentlich nicht viel passiert, der aber trotzdem von einer starken Spannung getragen wird. Eldons Geschichte ist voller Dramatik: Sein Vater fiel im Zweiten Weltkrieg, als Eldon dreizehn Jahre alt war, fortan musste er als Tagelöhner an wechselnden Orten schuften. Seine ungeplante Flucht weg von der Mutter und sein persönliches Trauma aus dem Koreakrieg versuchte er im Alkohol zu ertränken. Als unerwartet das Glück anklopfte, versagte er. Nicht nur Franklins anfängliche Wut auf den Vater schlägt während der abenteuerlichen Reise in Mitleid um, sondern auch meine.

„Geschichten zu teilen heißt Dinge zu verändern“ (S. 228)
Obwohl Eldon schon als Kind die Magie des Geschichtenerzählens erlebte, kann er selbst sich erst kurz vor seinem Tod dem Sohn öffnen:

„Es lag immer eine Last auf ihm, als würde er Kornsäcke bergauf schleppen, aber er hat nie davon gesprochen.“ (S. 273)

Anrührend, aber nie rührselig
Das weite Herz des Landes ist eine äußerst bewegende, bild- und sprachmächtige Geschichte über die heilende Wirkung des Erzählens, über Zugehörigkeit und Traditionen, Familienbande und Fürsorge, Schuld und Vergebung, Rassismus und Naturverbundenheit. Mir hat dieses Kammerspiel mit den drei männlichen Protagonisten und den starken Dialogen ausnehmend gut gefallen. Es ist eines der Bücher, die mir nachhaltig im Gedächtnis bleiben.

Richard Wagamese: Das weite Herz des Landes. Aus dem kanadischen Englisch von Ingo Herzke. Mit einem Nachwort von Katja Sarkowsky. Blessing 2020
www.penguinrandomhouse.de

 

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