Sara J. Henry: Ein Herzschlag bis zum Tod

Psychokrimi um einen kleinen Jungen

Die freie Journalistin Troy ist auf dem Weg zu einer Theatervorstellung, als sie mitten auf dem Lake Champlain beobachtet, wie von der entgegenkommenden Fähre etwas oder jemand ins Wasser fällt. Für den Bruchteil einer Sekunde meint sie, ein Kind gesehen zu haben, und springt ohne weiter nachzudenken hinterher. Unter abenteuerlichen Umständen gelingt es ihr, den in ein Erwachsenensweatshirt eingeknoteten kleinen Jungen zu retten. Da offensichtlich niemand das Kind vermisst, nimmt sie es mit zu sich nach Lake Placid und beginnt behutsam, ihn zu befragen. Langsam fasst Paul, der französischsprachige, sechsjährige Junge, Vertrauen und beginnt bruchstückhaft zu erzählen. Und Troy beschließt, auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen, damit Paul keinesfalls an die Menschen ausgeliefert wird, die ihn umbringen wollten…

Dieser Erstling der Amerikanerin Sara J. Henry ist kein Thriller, wie es der Verlag angibt, sondern ein sehr spannender, dramatischer und gefühlvoller Psychokrimi mit einem für mich absolut überraschenden Ende.

Sara J. Henry: Ein Herzschlag bis zum Tod. dtv 2013
www.dtv.de

Robert Brack: Die rote Katze

Empfehlenswerter historischer Krimi mit technischen Schwächen

Wer gerne historische Krimis liest, ist mit diesem zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Hamburg, Schwerpunkt St. Pauli, spielenden Buch bestens bedient. Die Schilderung der Zeit- und Lebensumstände ist großartig gelungen und die Charaktere sind glaubhaft und facettenreich angelegt. Obwohl der Krimi mit einem Paukenschlag, der Ermordung einer Revue-Tänzerin, beginnt, wird das Tempo dann der Zeit angepasst und die Ermittlungen laufen für unser heutiges Verständnis gemütlich. Das habe ich keinesfalls als negativ empfunden, im Gegenteil fand ich die ausführliche Schilderung jedes Ermittlungsschritts und der neuen Ermittlungsmethoden (Fingerabdrücke) ausgesprochen interessant, aber wer einen Thriller erwartet, sollte die Hände von diesem Buch lassen. Ebenfalls gut gefallen haben mir die Rückblenden in das Leben des soeben von der Marine in den Polizeidienst übergewechselten Protagonisten Heinrich Hansen und seiner Jugendfreunde. Es ist sehr spannend zu erleben, was aus der Jugendbande der Piraten geworden ist.

Dass ich trotzdem nur 4 von 5 Sternen vergebe, ist erstens dem Umstand geschuldet, dass die sehr häufigen fehlerhaften Zeilenumbrüche bei diesem jetzt nur als E-Book erschienen Titel, den es 2005 schon mal als Taschenbuch gab, den Lesefluss erheblich stören. Auch ist die Darstellung auf dem Bildschirm nicht immer korrekt. Zweitens stört es mich als Buchhändlerin erheblich, dass der Titel für nur 3,99 Euro „verramscht“ wird. Mühelos könnte ich das Buch als gedrucktes Taschenbuch für ca. 10 Euro verkaufen und als E-Book für 2 Euro weniger. Weder Verlag noch Buchhandel können von diesen Preisen leben, warum also diese ruinöse Preisgestaltung?

Robert Brack: Die rote Katze. Midnight 2015
midnight.ullstein.de

Jennifer Clement: Gebete für die Vermissten

Wo bleibt die Hoffnung?

Trotz aller Zeitungsmeldungen – so hoffnungslos und brutal wie in diesem Buch geschildert hätte ich mir die Situation in Mexiko doch nicht vorgestellt. Ein Land im Würgegriff der Drogenkartelle, in dem ein (Frauen-)Leben nichts wert ist, geschildert aus der Sicht eines jungen Mädchens, das keine Kindheit hatte, auf erschreckend fatalistische Art und Weise. Schade nur, dass das Ende relativ offen bleibt. Gerne hätte ich erfahren, wie es mit Ladydi und ihrem Kind weitergeht!

Jennifer Clement: Gebete für die Vermissten. Suhrkamp 2014
www.suhrkamp.de

Rainbow Rowell: Eleanor & Park

Fünf Sterne und mehr…  

Wenn man ein Buch in der Hand hält, das perfekt gestaltet ist und von überall her nur mit Lob überschüttet wurde, hat man Angst davor, beim Lesen enttäuscht zu werden. Jedenfalls ging es mir vor dem Lesen so. Aber zum Glück war die Angst unbegründet, denn dieser Jugendroman hat wirklich jedes positive Wort, das über ihn gesagt wurde, verdient. Und am liebsten hätte ich beim Lesen mit dem Textmarker angestrichen, so schön sind einzelne Passagen und Sätze!

„Das Leben ist ein Mistkerl“, schimpft Eleanor gegen Ende des Romans, aber kann man das wirklich sagen, wenn man eine solche Liebe erlebt hat? Eleanor und Park lernen sich im Schulbus kennen. Eleanor hat ein Jahr in einer Pflegefamilie verbracht und ist jetzt in ihre richtige Familie zurückgekehrt, zu ihrer Mutter, ihren Geschwistern und dem Stiefvater. Die Verhältnisse dort sind untragbar. Der Stiefvater, Alkoholiker und drogensüchtig, schlägt die Mutter und demütigt die verunsicherten Kinder. Die Wohnverhältnisse und die gesamte finanzielle Situation der Familie sind katastrophal, so dass Eleanor schon allein durch ihre Kleidung zum Gespött der neuen Schulkameraden werden muss. Park, der hübsche Halbkoreaner, ebenfalls Außenseiter, lässt sie zwar aus Mitleid im Bus neben sich sitzen, baut aber eine Mauer zwischen ihnen auf, die erst nach und nach fällt. Er scheint aus einer perfekten Familie zu kommen, doch auch dort gibt es Brüche und Probleme, die erst auf den zweiten Blick sichtbar werden.
Wie Park und Eleanor trotz ihrer großen Verschiedenheit zueinander finden und sich doch auch wieder verlieren(?), erzählt die Autorin Rainbow Rowell meisterhaft einfühlsam und trotzdem völlig ohne jeden Kitsch und ohne Klischees. Dass abwechselnd aus Sicht beider Protagonisten erzählt wird, aber zum Glück nicht in der oft so holprigen Ich-Form, macht das Buch noch spannender und unmittelbarer. Und nicht zuletzt ist dem Hanser-Verlag zu danken für einen druckfehlerfreien Text und eine ästhetisch rundherum ansprechende Gestaltung sowie der Übersetzerin für die gute Sprache, die ich besonders bei einem Jugendroman für enorm wichtig halte!

Rainbow Rowell: Eleanor & Park. Hanser 2015
www.hanser-literaturverlage.de