Joaquim Maria Machado de Assis: Dom Casmurro

Brasilianischer Klassiker

Brasilien war Gastland der Frankfurter Buchmesse 2013 und dem Verlag Manesse verdanken wir es, dass ein Roman eines der großen Autoren Lateinamerikas des 19. Jahrhunderts, Machado de Assis (1839 – 1908), aus diesem Anlass neu übersetzt erschienen ist.

Als einsamer alter Mann, der mit dem Spitznamen „Dom Casmurro“ (casmurro = eigenbrötlerisch) leben muss, erzählt Bentinho seine Lebensgeschichte, die zugleich die Geschichte seiner Liebe zum Nachbarsmädchen Capitu ist. Viele Widerstände müssen die beiden überwinden, denn ein Gelübde seiner Mutter bestimmt Bentinho zum Priester, und nur mit einer List gelingt es, dieses zu umgehen. Glückliche Jahre verbringt das junge Paar, bis Bentinho eines Tages die verblüffende Ähnlichkeit zwischen seinem Sohn und seinem besten Freund bemerkt…

Joaquim Maria Machado de Assis: Dom Casmurro. Manesse 2013
www.randomhouse.de

Natasha Solomons: Als die Liebe zu Elise kam

Ein Hauch von Downton Abbey

Ihr behütetes Leben in Wien muss Elise im Jahr 1938 gegen eine Stelle als Hausmädchen in England eintauschen. Mit der Perlenkette ihrer Mutter, dem neuesten, in einer Viola versteckten Manuskript ihres Vaters und „Mrs. Beeton’s Household Management“, der Bibel jedes englischen Hausangestellten im Gepäck, reist sie nach Tyneford in Dorset, wo der freundliche Mr. Rivers sie beschäftigen will. Während Elise mühsam lernt, Fußböden zu bohnern, Silber zu polieren und Mahlzeiten stilgerecht zu servieren, verzehrt sie sich in Sorge um ihre Eltern, deren sichergeglaubtes Visum für die USA auf sich warten lässt. Doch als Kit, der Sohn des Hauses, zu Besuch kommt, scheint sich Elises Schicksal zu wenden…

Ein Schicksals- und Liebesroman vor dem Hintergrund von Krieg und Emigration mit schönen Landschaftsbeschreibungen und ein wenig „Downton-Abbey-Atmosphäre“, in dem zuletzt alles ganz anders kommt als gedacht.

Natasha Solomon: Als die Liebe zu Elise kam. Rowohlt 2013
www.rowohlt.de

Mardi McConnochie: Wenn das Meer die Liebe trägt

Zu weit hergeholt

Diese Liebesgeschichte ist mir sehr fremd geblieben, denn die beiden Protagonisten sind einfach zu unterschiedlich, und dem Autor gelingt es nicht, zu vermitteln, was sie verbindet. Auf der einen Seite Marina, das begnadete Klaviertalent, auf der anderen Seite Stead, der Seemann, die nach nur drei gemeinsam verbrachten verliebten Tagen jahrelang auf der ganzen Welt nacheinander suchen, ist mir als Story einfach zu weit hergeholt.

Gut gefallen hat mir der Teil, in dem Marinas Aufenthalt in einem Heim für ledige Mütter in England und der Verlust ihres Kindes geschildert werden, ein Schicksal, das sie damals mit vielen Frauen teilte. Dieser Teil der Geschichte ist sehr gut erzählt und geht unter die Haut. Alles andere hat mich wenig berührt.

Mardi McConnochie: Wenn das Meer die Liebe trägt. List 2013
www.ullsteinbuchverlage.de

Susanne Falk: Das Wunder von Treviso

Ein humorvoller Roman für die Hängematte

In Treviso, einem verschlafenen Nest irgendwo in Norditalien, gibt es keinerlei Attraktionen. Die Läden schließen nach und nach, die Jungen ziehen in die Stadt und dem Friseur sterben die Kunden weg oder sie haben kaum noch Haare. Da kommt der pfiffige Priester Don Antonio auf die Idee, die alte Madonnenstatue so zu präparieren, dass sie rote Tränen weint. Der einsetzende Presserummel und der Pilgerstrom reißen das Dorf zwar aus seiner Lethargie, doch es gibt Neider und der Vatikan wird aufmerksam…

Ein locker-leichter Debütroman, kurzweilig, amüsant, voller liebenswerter Protagonisten und mit einer entzückenden Liebesgeschichte im Schatten der Haupthandlung.

Susanne Falk: Das Wunder von Treviso. Kindler 2011
www.rowohlt.de/verlage/kindler

Donna Milner: Der Tag, an dem Marilyn starb

Ein Plädoyer für die Wahrheit

Nach River hat die kanadische Autorin Donna Milner mit Der Tag, an dem Marilyn starb ihren zweiten Roman vorgelegt. Auch dieses Mal zeigt sie, welch fatale Folgen Schweigen haben kann.

Howard ist einer der kanadischen Soldaten, die 1945 nach vier Jahren Krieg und Gefangenschaft aus Hongkong zurückkehrten, traumatisiert vom Schicksal der umgekommenen Kameraden und den Misshandlungen der Japaner an der Zivilbevölkerung. Er trägt schwer an einer geheimen Schuld, die er im Alkohol ertränkt. Mit viel Verständnis und Stärke meistert seine Frau Lucy den Alltag der fünfköpfigen Familie. Als sie jedoch 1962 ums Leben kommt, gerät alles ins Wanken…

Aus der Sicht der elfjährigen Tochter Ethie und mit Hilfe von Rückblenden erzählt Donna Milner wieder eine berührende Familiengeschichte, deren deutscher Titel leider schlecht gewählt ist.

Donna Milner: Der Tag, an dem Marilyn starb. Piper 2010
www.piper.de

Carolina de Robertis: Perla

Ein faszinierender, stimmiger Roman der leisen Töne

Meisterhaft erzählt war schon ihr Debüt Die unsichtbaren Stimmen, doch nun zeigt Carolina De Robertis, dass sie auch den magischen Realismus beherrscht wie Isabel Allende oder García Márquez.

Hintergrund von Perla ist das Schicksal der während der argentinischen Militärdiktatur mehr als 30.000 Verschwundenen und ihrer geraubten, in linientreue Offiziersfamilien übereigneten Kinder. Auch Perla, Psychologiestudentin, behütet aufgewachsen, muss sich in einem langwierigen, schmerzhaften Prozess dieser Wahrheit stellen.

Ein faszinierender, stimmiger Roman der leisen Töne.

Carolina de Robertis: Perla. Krüger 2012
www.fischerverlage.de

Harold Cobert: Ein Winter mit Baudelaire

Ein herzerwärmendes Buch für kalte Wintertage

Als Philippes Frau ihn nach der Trennung aus der gemeinsamen Wohnung wirft und er kein Hotelzimmer findet, geht es rasch abwärts. Er verliert seinen Führerschein und seine Arbeit und seine geschiedene Frau verwehrt ihm ohne Wohnsitz den Umgang mit seiner Tochter. Kurze Zeit kann Philippe noch von seinen Ersparnissen leben und den Schein aufrecht erhalten, doch bald teilt er das harte Leben der Pariser Obdachlosen und die letzten Kontakte zu seinem alten Leben reißen ab. Er verbringt seine Tage mit der Suche nach einem geeigneten Schlafplatz und verwertbaren Abfällen in den Mülltonnen. Doch gerade als seine Lage hoffnungslos erscheint, läuft ihm der kleine Streuner Baudelaire zu und mit ihm kommt wieder Hoffnung in Philippes Leben. Er wird plötzlich von den Menschen, die bisher durch ihn hindurchgesehen haben, wieder wahrgenommen und findet Hilfe in einem Obdachlosenasyl auf einem Schiff, wo sich Ärzte, Juristen und Sozialarbeiter ehrenamtlich um Menschen wie ihn kümmern.

Eine poetisch erzählte Geschichte, die unter die Haut geht.

Harold Cobert: Ein Winter mit Baudelaire. Piper 2011
www.piper.de

Sara J. Henry: Ein Herzschlag bis zum Tod

Psychokrimi um einen kleinen Jungen

Die freie Journalistin Troy ist auf dem Weg zu einer Theatervorstellung, als sie mitten auf dem Lake Champlain beobachtet, wie von der entgegenkommenden Fähre etwas oder jemand ins Wasser fällt. Für den Bruchteil einer Sekunde meint sie, ein Kind gesehen zu haben, und springt ohne weiter nachzudenken hinterher. Unter abenteuerlichen Umständen gelingt es ihr, den in ein Erwachsenensweatshirt eingeknoteten kleinen Jungen zu retten. Da offensichtlich niemand das Kind vermisst, nimmt sie es mit zu sich nach Lake Placid und beginnt behutsam, ihn zu befragen. Langsam fasst Paul, der französischsprachige, sechsjährige Junge, Vertrauen und beginnt bruchstückhaft zu erzählen. Und Troy beschließt, auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen, damit Paul keinesfalls an die Menschen ausgeliefert wird, die ihn umbringen wollten…

Dieser Erstling der Amerikanerin Sara J. Henry ist kein Thriller, wie es der Verlag angibt, sondern ein sehr spannender, dramatischer und gefühlvoller Psychokrimi mit einem für mich absolut überraschenden Ende.

Sara J. Henry: Ein Herzschlag bis zum Tod. dtv 2013
www.dtv.de

Robert Brack: Die rote Katze

Empfehlenswerter historischer Krimi mit technischen Schwächen

Wer gerne historische Krimis liest, ist mit diesem zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Hamburg, Schwerpunkt St. Pauli, spielenden Buch bestens bedient. Die Schilderung der Zeit- und Lebensumstände ist großartig gelungen und die Charaktere sind glaubhaft und facettenreich angelegt. Obwohl der Krimi mit einem Paukenschlag, der Ermordung einer Revue-Tänzerin, beginnt, wird das Tempo dann der Zeit angepasst und die Ermittlungen laufen für unser heutiges Verständnis gemütlich. Das habe ich keinesfalls als negativ empfunden, im Gegenteil fand ich die ausführliche Schilderung jedes Ermittlungsschritts und der neuen Ermittlungsmethoden (Fingerabdrücke) ausgesprochen interessant, aber wer einen Thriller erwartet, sollte die Hände von diesem Buch lassen. Ebenfalls gut gefallen haben mir die Rückblenden in das Leben des soeben von der Marine in den Polizeidienst übergewechselten Protagonisten Heinrich Hansen und seiner Jugendfreunde. Es ist sehr spannend zu erleben, was aus der Jugendbande der Piraten geworden ist.

Dass ich trotzdem nur 4 von 5 Sternen vergebe, ist erstens dem Umstand geschuldet, dass die sehr häufigen fehlerhaften Zeilenumbrüche bei diesem jetzt nur als E-Book erschienen Titel, den es 2005 schon mal als Taschenbuch gab, den Lesefluss erheblich stören. Auch ist die Darstellung auf dem Bildschirm nicht immer korrekt. Zweitens stört es mich als Buchhändlerin erheblich, dass der Titel für nur 3,99 Euro „verramscht“ wird. Mühelos könnte ich das Buch als gedrucktes Taschenbuch für ca. 10 Euro verkaufen und als E-Book für 2 Euro weniger. Weder Verlag noch Buchhandel können von diesen Preisen leben, warum also diese ruinöse Preisgestaltung?

Robert Brack: Die rote Katze. Midnight 2015
midnight.ullstein.de

Jennifer Clement: Gebete für die Vermissten

Wo bleibt die Hoffnung?

Trotz aller Zeitungsmeldungen – so hoffnungslos und brutal wie in diesem Buch geschildert hätte ich mir die Situation in Mexiko doch nicht vorgestellt. Ein Land im Würgegriff der Drogenkartelle, in dem ein (Frauen-)Leben nichts wert ist, geschildert aus der Sicht eines jungen Mädchens, das keine Kindheit hatte, auf erschreckend fatalistische Art und Weise. Schade nur, dass das Ende relativ offen bleibt. Gerne hätte ich erfahren, wie es mit Ladydi und ihrem Kind weitergeht!

Jennifer Clement: Gebete für die Vermissten. Suhrkamp 2014
www.suhrkamp.de