Sarah Crossan: Eins

Normalerweise ganz glücklich zusammen

Grace und Tippi sind nicht einfach nur eineiige Zwillinge, sie sind von der Hüfte abwärts zusammengewachsen und teilen sich u. a. ein paar Beine, den hinteren Teil des Darms und die Geschlechtsorgane. Doch die Wahrnehmung durch ihre Umgebung ist eine gänzlich andere als ihre
Selbstwahrnehmung. Während die Menschen um sie herum sie bemitleiden, verspüren Grace und Tippi nicht den Wunsch, getrennt zu sein („Es ist wirklich nicht so schlimm. So ist es eben immer schon gewesen. Wir kennen es nicht anders. Und ehrlich gesagt, sind wir normalerweise ganz glücklich zusammen.“). Wohl aber möchten sie als zwei verschiedene Individuen wahrgenommen werden, denn trotz ihrer äußerlichen Ähnlichkeit sind sie zwei verschiedene Menschen mit recht unterschiedlichen Charakteren, die jedoch im völligen Gleichklang leben (müssen). Ist eine krank, liegt die andere mit im Bett, geht eine zum Therapeuten, setzt die andere solange Kopfhörer auf und hört laut Musik, raucht eine, so muss die andere genauso mit den Folgen leben.

16 Jahre lang haben ihre Eltern die beiden zuhause unterrichten
lassen, um ihnen die Konfrontation mit einer neugierigen,
sensationslustigen Umwelt zu ersparen („… nicht jeder ist ein
Arschloch, meint Tippi. Aber in unserer Gegenwart verwandelt sich jeder
in eins.“)
. Nun sind die finanziellen Reserven aufgebraucht, der Vater
arbeitslos und trinkt zu viel und Grace und Tippi müssen eine private
Schule besuchen.

Aus dem Leben dieser beiden Sechzehnjährigen, ihrer Eltern, ihrer
balletttanzenden, magersüchtigen Schwester und der Großmutter erzählt
Grace, die Vernünftigere, Ruhigere der Zwillinge. Sie berichtet
unaufgeregt vom Leben zweier ungewöhnlicher Teenager, die einfach nur
als „normal“ betrachtet werden wollen. Und schließlich erzählt sie
davon, wie sie beide ganz plötzlich vor einer gefährlichen Entscheidung
stehen… Immer wieder musste ich beim Lesen an Jodi Picoult denken, die
ähnliche Stoffe für ihre Romane wählt, diese dann aber anders
aufbereitet, indem sie aus der Sicht mehrerer Betroffener berichtet.

Gäbe es einen Preis für die fantasievollste, passendste
Covergestaltung, so würde ich diesen ohne Zweifel an Yvonne Hüttig
vergeben, die einen umwerfenden Einband gestaltet hat: auf dem weißen
Cover eine pinkfarbene Silhouette eines Mädchenkopfes, auf dem
durchsichtigen Umschlag dasselbe spiegelbildlich in Türkis, in der
Überlappung ein doppelter Kopf – perfekt!

Warum der Roman, der aus extrem kurzen Kapiteln mit oft nur wenigen
Sätzen besteht, wie ein moderner Lyrikband gesetzt wurde, ist mir bis
zum Schluss nicht klar geworden. Im Normalsatz würde er sicher nur ein
Drittel bis ein Viertel der Seiten umfassen und ist damit auch für
weniger geübte Leserinnen der Zielgruppe 12 bis 15 Jahre gut zu
bewältigen.

Die junge Engländerin Sarah Crossan hat einen interessanten und
berührenden Roman über ein Schicksal geschrieben, über das ich mir
bisher wenig Gedanken gemacht habe und dessen viele Konsequenzen mir
beim Lesen erst nach und nach bewusst wurden. Es ist kein Sachbuch,
keine ethische Abhandlung und kein literarisch herausragendes Werk, aber
trotzdem eine lohnende Lektüre – nicht nur für Teenager.

Sarah Crossan: Eins. Mixtvision 2016
mixtvision.de

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