Saša Stanišić: Herkunft

  Ein Plädoyer für das Dazugehören

Im Frühjahr 2009 besuchte Saša Stanišić mit seiner Großmutter das 13-Seelen-Dorf Oskoruša in den bosnischen Bergen, Heimat seiner Vorfahren. Es war der erste Anstoß, sich mit seiner Herkunft zu beschäftigen: „Bevor ich den Friedhof in Oskoruša sah, hatte ich mir aus Herkunft im Sinne familiärer Abstammung nichts gemacht.“ Zunächst war das Thema für ihn eher peinlich, weil vermeintlich rückständig und destruktiv, denn die „Herkunftsfolklore“ und der „Zugehörigkeitskitsch“ hatten während des Balkankriegs sein Geburtsland, den Vielvölkerstaat Jugoslawien, ausgelöscht. Zusammen mit seiner bosnisch-muslimischen Mutter, einer studierten Politologin, musste Stanišić 1992 nach Deutschland fliehen, der serbische Vater folgte ihnen ein halbes Jahr später nach Heidelberg. Die Eltern „schufteten sich traurig“ in einer Großwäscherei und auf dem Bau und kamen 1998 ihrer Ausweisung in das ethnisch gesäuberte Višegrad an der Drina zuvor, indem sie nach Florida auswanderten.

Als Saša Stanišić mit 14 Jahren nach Heidelberg kam, war er Teil einer „Statistik der Gegenwart am Rand einer ehrwürdigen Stadt… Wir waren Kriminalität, Jugendarbeitslosigkeit, Ausländeranteil.“ Er sprach kein Deutsch, schämte sich für seine Armut, litt unter der ständigen Angst vor Abschiebung und stemmte sich gegen die Vorurteile, „aggressiv, primitiv, illegal“ zu sein. Anders als für seine Eltern wurde die neue Heimat für ihn zu einer Erfolgsgeschichte. Er stürzte sich in die neue Sprache, fand Freunde an der ARAL-Tankstelle in Emmertsgrund, wo die Herkunft keine Rolle spielte, schaffte es aus der Förderklasse mit Schwerpunkt Spracherwerb zum Abitur mit Leistungskurs Deutsch, absolvierte ein Studium, erhielt schließlich – aufgrund des Vertrags für seinen ersten Roman – die ersehnte Aufenthaltsgenehmigung, die den Eltern verwehrt geblieben war, und besitzt heute einen deutschen Pass.

Für mich war diese Erzählung über ein schwieriges Ankommen in einer neuen, nämlich meiner Heimat der stärkste Teil des Romans und hat mich mit tiefer Bewunderung erfüllt. Gleichzeitig habe ich mich gefragt, wie ich, wie wir alle, damals auf die jugoslawischen Flüchtlinge reagiert und sie wahrgenommen haben – sicher nicht wertschätzend und offen genug. Der zweite, für Stanišić wahrscheinlich wichtigere Teil der Geschichte ist der alten Heimat, seinen Wurzeln und seinen Großeltern gewidmet, vor allem der Großmutter väterlicherseits, die in Višegrad geblieben war: „Als meine Großmutter Kristina Erinnerungen zu verlieren begann, begann ich, Erinnerungen zu sammeln.“ In der zweiten Jahreshälfte 2018, kurz vor deren Tod und danach, brachte er sie für diesen lesenswerten, hochaktuellen Roman zu Papier. Nicht nur um die Bewahrung der Erinnerung ging es ihm dabei, sondern auch um das Brückenschlagen zu seiner verstreuten Familie und gegen die Entfremdung: „Ich schiebe Geschichten als Übersprungshandlungen zwischen uns.“

Ich habe diesen sehr positiven, anrührenden, humorvollen Roman, auf dessen letzten Seiten der Leser spielerisch-zufällig den Fortgang der Handlung selbst bestimmen kann, als ein glühendes Plädoyer für das Dazugehören gelesen, als Warnung vor Ausgrenzungen, als Mahnung gegen die „Fetischisierung von Herkunft und gegen das Phantasma nationaler Identität“. Die Abschweifungen, „Modus meines Schreibens“, habe ich Saša Stanišić, der so virtuos mit der deutschen Sprache umzugehen vermag, gerne verziehen. Zurecht steht Herkunft auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2019.

Saša Stanišić: Herkunft. Luchterhand 2019
www.randomhouse.de

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