Tessa Hadley: Zwei und zwei

  Vier sind genug – drei sind einer zu viel

Late in the Day lautet der Originaltitel des siebten Romans der britischen Autorin Tessa Hadley, und tatsächlich ist es bereits spät im Leben der Protagonisten, um Korrekturen vorzunehmen. Zwei Ehepaare der englischen Mittelklasse Ende 50 mit Ambitionen im künstlerischen Bereich stehen im Mittelpunkt, zwei scheinbar stabile, gewöhnliche Ehen. Doch mit dem überraschenden Tod eines von ihnen gerät das wohlaustarierte Beziehungsgeflecht der vier besten Freunde völlig aus den Fugen, denn: Drei sind plötzlich einer zu viel.  

Damals und heute
Um die komplizierte Verflechtung der vier Protagonisten Alex, Christine, Zachary und Lydia zu verstehen, geht Tessa Hadley weit in deren Vergangenheit zurück. Vier der sieben Kapitel sind Momentaufnahmen von vor etwa dreißig, zwanzig und zehn Jahren, beginnend mit der Zeit des Kennenlernens, dann mit der Eröffnung von Zacharys Galerie in einem ehemaligen Londoner Kirchengebäude und zuletzt mit einem gemeinsamen Urlaub in Venedig. Jede dieser Rückblenden zeigt, dass die Paarbildung auch anders hätte verlaufen können.

Die vier Unzertrennlichen
Christine und Lydia waren dickste Freundinnen seit Schulzeiten, studierten und lebten gemeinsam, als sie die beiden ebenso eng verbundenen Alex und Zachary kennenlernten. Die melodramatisch veranlagte Lydia stakte damals erfolglos den verheirateten Alex, Sohn tschechischer Dissidenten, Pessimist und ambitionierter Verfasser von Gedichten, Christine hatte eine Affäre mit dem fürsorglichen, zugewandten Zachary, der sie zur Aufgabe ihrer Dissertation zugunsten der Kunst animierte. Doch es kam anders: Lydia heiratete Zachary, Christine Alex und die vier bildeten fortan ein unzertrennliches Quartett – bis zu Zacharys Tod. Anstatt in der Trauer noch enger zusammenzufinden, gerät das scheinbar stabile Gerüst ihres Kartenhauses mehr und mehr ins Wanken:

Ohne Zachary ist unser aller Leben in Unordnung geraten. Gerade ihn durften wir auf keinen Fall verlieren.

Wenig Empathie, aber ein messerscharfer Blick
Zwei und zwei
ist ein sorgfältig komponierter Roman mit zwei einschneidenden Ereignissen, eines zu Beginn – Zacharys Tod – und ein zweites in der Mitte, das ich hier zwar nicht verraten möchte, das sich aber früh erahnen lässt. Gerade diese perfekte Anordnung ist aber für mich auch der Schwachpunkt des Buches, wirkt doch alles wie am Reißbrett konstruiert und ich hätte mir mehr Empathie und weniger Distanz der Autorin gewünscht. Entsprechend fiel es auch mir schwer, Wärme für die Figuren aufzubringen, nicht zu verwechseln mit Sympathie. Am ehesten gelingt es noch für den verstorbenen Zachary, der sich für die anderen einsetzte und eigene Bedürfnisse zurückstellte, und für die zurückhaltende, reflektierte, von ihrem Mann unterschätzte Künstlerin Christine, die im letzten Drittel deutlich an Format gewinnt. Alex dagegen ist und bleibt ein vom Leben enttäuschter, schwacher und narzisstischer Charakter, ebenso wie Lydia, die sich eher treiben lässt, als zu handeln. Was Tessa Hadley ausgezeichnet gelingt, ist das Aufzeigen von Wirkkräften und Abhängigkeiten innerhalb der Beziehungen, sei es in Vierer-, Dreier- oder Zweierkonstellationen.

Der feine graue Leineneinband mit den symbolhaft angeordneten Kirschen, von denen eine nur halb zu sehen ist, passt außergewöhnlich gut und das Buch liegt mit seinem etwas kleineren Format beim Lesen ausgezeichnet in der Hand.

Tessa Hadley: Zwei und zwei. Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Kampa 2020
kampaverlag.ch

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