Theodor Fontane: Unterm Birnbaum

  „Es ist nichts so fein gesponnen, ‛s kommt doch alles an die Sonnen.“

Inspiriert durch die Feiern zu Theodor Fontanes 200. Geburtstag und eine zweiwöchige Fahrradtour durch seine Heimat Brandenburg habe ich mir einen seinen vier Kriminalromane noch einmal vorgenommen: Unterm Birnbaum. Er entstand in den Jahren 1883 bis 1885, wurde zunächst als Fortsetzungsroman in der Gartenlaube veröffentlicht und von der Literaturkritik, wie Irene Ruttmann im sehr informativen Nachwort schreibt, „als Nebenwerk eingestuft“ und „mehr getadelt als gewürdigt“. Ich teile diese Geringschätzung nicht, sowohl die gelungene Täterpsychologie als auch die sehr atmosphärische Beschreibung des Dorflebens und der Dörfler haben mir ausgezeichnet gefallen. Wer allerdings von einem Kriminalroman eine genaue Beschreibung der Straftat erwartet, wird hier enttäuscht, denn der Mord, um den sich alles dreht, wird konsequent ausgespart.

Den seit zehn Jahren im Oderbruchdorf Tschechin ansässigen Kaufmann und Gastwirt Abel Hradscheck drücken schwere Schulden, verursacht durch sein mangelndes kaufmännisches Geschick, Glücksspiel, Trinkerei und den Lebensstil seiner Frau Ursel, die es gern „besser und eleganter“ hat. Als sich für November 1831 der Schuldeneintreiber Szulski aus Krakau, der „Polsche“, ankündigt, wird es für die Eheleute eng und Ursel droht gar mit Selbstmord im Falle eines Bankrotts. Der Fund des verwesten Leichnams eines französischen Soldaten unter seinem Birnbaum bringt Abel auf die Idee zu einem Mord. Bis ins Detail und mit sehr viel krimineller Energie plant er die Tat, bei der Ursel, die ehemalige Schauspielerin, ihn trotz anfänglicher Skrupel tatkräftig unterstützt. Alles läuft wie am Schnürchen, die Ermittlungen gegen Abel verlaufen dank der ausgeklügelten Tatvorbereitungen im Sand, dem Dorfklatsch gebietet der Pfarrer Einhalt und Abel kann das Gefängnis rehabilitiert verlassen. Doch was er nicht bedacht hat, sind die Schuldgefühle, seine und die seiner Frau, die beide nicht mehr zur Ruhe kommen lassen.

Zuletzt führen nicht das Geschick der Ermittler und schon gar nicht die Menschenkenntnis des Pfarrers zur Entlarvung des Täters, sondern dessen Gewissensbisse und Angstvisionen, die ihn von der so perfekt durchdachten Dramaturgie abweichen lassen. Ein höheres Gericht gleicht die Unzulänglichkeit der irdischen Justiz somit aus.

Theodor Fontane (1819 – 1898) lebte selbst einige Jahre im Oderbruch und hörte bei seinen Recherchen für die Wanderungen durch die Mark Brandenburg die Geschichte von einem im Oderbruchdorf Dreetz verscharrten französischen Soldaten, die ihn nicht mehr losließ.

Theodor Fontane: Unterm Birnbaum. Reclam 2018
www.reclam.de

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