Uwe Timm: Ikarien

Geschichte ist nie wirklich vergangen

Uwe Timm, geboren 1940, ist für mich einer der bedeutendsten zeitgenössischen deutschen Autoren. Sein Roman Am Beispiel meines Bruders gehört zu den Büchern, die ich auf eine einsame Insel mitnehmen würde, da ich das Buch immer wieder mit der gleichen Faszination lesen und Neues entdecken kann. Dabei bewundere ich nicht nur Uwe Timms überragende Fähigkeit im Umgang mit der deutschen Sprache, auch seinem Herangehen an die deutsche Geschichte nicht als Abrechnung, sondern als Versuch, Vergangenes zu verstehen, gehört meine Bewunderung.

Nachdem ich auf der Frankfurter Buchmesse 2017 ein Interview mit Uwe Timm und eine Lesung aus seinem jüngsten Roman Ikarien erleben durfte, war die Begeisterung sofort entfacht. Ausnahmsweise habe ich in diesem Fall allerdings nicht das Buch gelesen, sondern die glücklicherweise ungekürzte Lesung gehört, eine Coproduktion von BR2 und Random House Audio, die völlig auf Musik, Geräusche und Effekte verzichtet, so dass die gesamte Konzentration auf dem Text liegt, und das ist gut so. Ulrich Noethen liest sehr zurückhaltend und erleichtert das Verständnis durch vorsichtige Betonungen und ein angenehmes Sprechtempo, so dass ich ihm sehr gerne mehr als 13,5 Stunden lang zugehört habe, ja sogar nach dem Ende spontan noch einmal mit der ersten CD begonnen habe, denn ein solcher Text lässt sich kaum beim einmaligen Hören in seiner ganzen Vielschichtigkeit erfassen.

Uwe Timm hat den Stoff für Ikarien 40 Jahre lang mit sich herumgetragen, bis er schließlich die äußere Form fand, mit der ihn erzählen konnte. Im Mittelpunkt steht der ehemalige Kommunist und Mediziner Dr. Alfred Ploetz (1860 – 1940), der Großvater von Uwe Timms Frau, der die Eugenik in Deutschland begründete, den Begriff „Rassenhygiene“ prägte und letztlich den Weg für die NS-Euthanasie ebnete. Um seine Geschichte zu erzählen, lässt Uwe Timm den deutschstämmigen jungen US-Offizier Michael Hansen 1945 ins zerstörte Deutschland kommen, wo er wegen seiner Sprachkenntnisse den Auftrag erhält, das Archiv von Ploetz zu beschlagnahmen und dessen ehemaligen Wegbegleiter, den sympathischen achtzigjährigen Anarchisten und Pazifisten, ehemals in Dachau internierten, literaturbegeisterten Kurt Wagner zu befragen. Wagner erzählt gleichermaßen seine eigene Biografie und die von Ploetz, zunächst Freund, später Ex-Freund, und liefert Mosaikstein für Mosaikstein, um den Werdegang und das Denken des Eugenikers nachzuvollziehen. Beide Männer waren als Jugendliche entbrannt für Étienne Cabets Buch Die Reise nach Ikarien, in dem dieser 1848 die Utopie einer idealen, gerechten und gleichen Gemeinschaft entwarf, in der alle Ungerechtigkeit der Natur ausgeglichen werden sollte. Ploetz und Wagner reisten 1884 nach Iowa, wo Cabets Utopie umgesetzt worden war, doch war ihr Eindruck verheerend. Ploetz jedoch hielt an der Utopie fest, nun aber überzeugt, dass zur Umsetzung eine biologische Revolution erfolgen müsse. Damit war der Grundstein für seine Forschungen an Kaninchen, seine Ideen zur „Ausjätung des Minderwertigen“ und zur Züchtung einer widerstandsfähigen Elite durch gezielte Partnerwahl  bzw. Zwangssterilisation gelegt waren. Obwohl kein Nazi der ersten Stunde, sah er doch hier die Möglichkeit zur Umsetzung seiner Ideen und übernahm nach und nach immer mehr ihres Gedankenguts.

Wieder ist es Uwe Timm hervorragend gelungen, ein wahres Stück Geschichte frei gestaltet zu erzählen, das darüberhinaus in Zeiten von Forschungen zu Designerbabys einen hochaktuellen Bezug hat. Neben der Figur Alfred Ploetz hat mich auch die sehr atmosphärische Beschreibung Deutschlands, vor allem Münchens, kurz nach Kriegsende mit den Zerstörungen, den mannigfachen menschlichen Schicksalen, aber auch den kleinen ländlichen Idyllen, die Hansen zu genießen weiß, sehr berührt.

Ein großartiger Roman und ein uneingeschränkt empfehlenswertes Hörbuch!

Uwe Timm: Ikarien. Random House Audio 2017
www.randomhouse.de

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