Alain Claude Sulzer: Doppelleben

  Eine doppelte Tragödie

Die Brüder Edmond (1822 – 1896) und Jules (1830 – 1870) Goncourt kannte ich bisher nur dem Namen nach für ihre zahlreichen gemeinsamen Tagebücher, als Mitbegründer des Naturalismus und als Initiatoren des wichtigsten französischen Buchpreises, des Prix Goncourt, der seit 1903 von der Académie Goncourt vergeben wird. Der biografische Roman Doppelleben des Schweizer Autors Alain Claude Sulzer vermittelte mir nun Einblick in ihr Leben und Schaffen, auch wenn es sich ausdrücklich nicht um eine Biografie handelt. Er spielt hauptsächlich während des letzten Lebensjahrzehnts von Jules, angereichert um zahlreiche Rückblenden und einen kurzen Abschnitt über Edmonds 26 Jahre währendes Leben nach dem Tod des jüngeren Bruders. Inhaltliche Schwerpunkte sind die Entstehungsgeschichte ihres gemeinsamen Romans Germinie Lacerteux und der langsamen Syphilistod von Jules.

Brüderliche Symbiose
Das wunderschöne Cover mit einem Ausschnitt aus dem Gemälde „Le Cercle“ von Jean Béraud zeigt einen Salon, wie ihn die Brüder Goncourt hätten bewohnen können, bourgeois, gemütlich und vor allem ruhig, ein entscheidendes Kriterium für diese stets vom Lärm ihrer Umgebung gequälten, überaus empfindsamen und verschrobenen Schöngeister. Für ihre Behaglichkeit sorgte, da sie beide nie verheiratet waren, sich stets selbst genügten und sogar die Geliebte teilten, Personal. Langjährige Haushälterin war Rosalie Malingre, genannt Rose, die mit 17 Jahren 1837 vom Land nach Paris kam. Nach dem Tod ihrer Mutter, der ihnen ein reichliches Erbe und lebenslanges Auskommen bescherte, blieb Rose als Haushälterin bei ihnen und sie ertrugen ihre mangelhaften Kochkünste, ließen sich von ihr umsorgen und bewachen, „knurrend … wie ein alter Kettenhund“ (S. 92), behandelten sie allerdings eher wie einen Gegenstand denn als Lebenswesen:

Sie war so diskret wie ein Tisch oder ein Schrank, sie gehörte so unverrückbar zu ihnen und ihrer Wohnung wie ein Möbelstück oder eine Tür, die man täglich unzählige Male öffnete und schloss, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, warum man es tat und ob es nötig war, es zu tun. (S. 91)

© B. Busch

Stoff für einen Roman
Folglich waren sie, die sich in ihren mehrere Tausend Seiten umfassenden, an die Nachwelt gerichteten Tagebüchern als so überaus genaue Beobachter ihrer Umgebung präsentieren, erstaunt und entsetzt, als sie nach Roses Tod im Jahr 1862 von deren dramatischem Doppelleben erfuhren. Dem schnellen Verzeihen und der Begleichung ihrer Schulden folgte der Entschluss, das Geschehen zum Roman zu verarbeiten: Germinie Lacerteux (1865), ist laut Wikipedia „die Geschichte eines Dienstmädchens, das quasi idealtypisch alles Gute und Böse erlebt, das einem Dienstmädchen widerfahren kann“, Roses angereicherte Lebensgeschichte also, die Sulzer wiederum als die wahre wiedergibt.

Ein Martyrium
Neben dieser Episode thematisiert Doppelleben Jules‘ 20 Jahre währende Syphiliserkrankung, die ihm, dem kultivierten Mann der Worte, allmählich alles für die Brüder Wichtige raubte: Sprache, Geist, Verstand, Handschrift, Erinnerung, Manieren und gesellschaftlichen Umgang. Alain Claude Sulzer spart hier nicht mit Details und schildert ausführlich Jules‘ Siechtum, aber auch Edmonds Mit-Leiden und sein beständiges Negieren und Verdrängen der Diagnose.

Ein empfehlenswerter historischer Roman
Während der zeitpolitische Kontext sehr gut einfließt, hätte ich gerne noch mehr über das gesellschaftliche Umfeld und das Schreiben der Goncourts erfahren. Überzeugend ist der Roman mit der doppelten Tragödie und dem doppeldeutigen Titel trotzdem, auch wegen seiner apart altmodischen Sprache und dem ruhigen Erzählfluss.

Alain Claude Sulzer: Doppelleben. Galiani Berlin 2022
www.galiani.de

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