Anne von Canal: Mein Gotland

  Mit leichtem Gepäck

Als ich 2017 mit großer Freude den Roman Whiteout von Anne von Canal las, ahnte ich nichts von unserer gemeinsamen Leidenschaft: Gotland. Eine Begegnung dort war bisher ausgeschlossen, denn was für uns die Sommerinsel ist, ist für Anne von Canal ihr Winterparadies. Während wir kommen, wenn die Ostsee ein „freundliches“, „sommerliches“ Meer ist, in dem wir auf unseren ausgedehnten Radtouren gerne an menschenleeren Stellen baden, kennt die Autorin sie als „rauen“, „faltigen“ und „gewaltigen“ Gesellen, der bisweilen den Fährbetrieb unterbindet und die Insel komplett abschneidet.

Gotlands Fahne. © M. Busch

Was wir jedoch beide gleichermaßen lieben, sind der „Trost in dieser alten Landschaft“ und das „natürliche Einsamkeitsvorkommen“, das es, liebe Anne von Canal, auch im Sommer gibt, wenn man nicht gerade durch die mittelalterlichen Gassen von Visby schlendert. Unzählige Sätze in diesem wunderbaren Buch kann ich bedenkenlos unterschreiben, aber einer trifft ganz besonders gut auf mich zu:

Nach Gotland reise ich mit leichtem Gepäck. (S. 32)

© B. Busch

Wer Gotland liebt wie ich, geht nicht furchtlos an ein Buch über diesen Sehnsuchtsort. Wird die Insel so beschrieben, wie man sie kennt? Können andere Reisende die Seele, die man diesem Herzensplatz zuschreibt, überhaupt spüren? Die richtigen Worte für das Unsagbare finden? Entspannung schon nach wenigen Sätzen: Anne von Canal ist eine Meisterin ihres Fachs. In zehn Kapiteln über Menschen, Natur, Orte und Ereignisse erzählt sie nicht nur Geschichten über Gotland, sondern lässt uns den Wind um die Nase wehen, die Gischt spritzen, das Eis knacken und die Stille hören und kommt sich dabei selbst näher:

 

Kommen wir am Ende gar nicht des Ortes wegen, sondern nur, um uns selbst zu finden? (S. 58)

Da ist beispielsweise die Bugspitze eines deutschen Frachtschiffs, die in Norsholmen an der Nordspitze Fårös aus dem Meer ragt, die „Villa Villekulla“, Außendrehort der Pippi-Langstrumpf-Filme und heute im Vergnügungspark Kneippbyn aufgebaut, das Haus Ingmar Bergmans auf Få, der Kultort Kutens Bensin, Mischung zwischen Schrottplatz, Museum und Musikkneipe, das Lager Lingen in Havdhem, in dem deutsche und baltische Soldaten 1945 strandeten, bevor Schweden viele nach einer fragwürdigen Entscheidung an die UdSSR auslieferte, die Sommerfrische Fridhem der lungenkranken Prinzessin Eugénie oder zuletzt das große Konzert Klockrent, bei dem am 8. Juni 2013 alle über 200 Glocken der 92 alten Landkirchen und des Visbyer Doms zusammen musizierten.

Kutens Bensin. © M. Busch
Fridhem. © M. Busch

 

Eine Lieblingsgeschichte kann ich schwer benennen, aber das imaginäre Interview mit Ingmar Bergman, eine märchenhafte Liebschaft in Fridhem und das unvergleichliche Konzert haben mich besonders berührt.

Die Landkirche von Hörsne, die das Konzert eröffnete. © M. Busch
Der Dom S:t Maria zu Visby. © M. Busch

 

Zwischen den Kapiteln finden sich lesenswerte Betrachtungen zum Wesen von Inseln und dem, was sie in uns auslösen.

Am liebsten hätte ich noch während der Lektüre die Koffer gepackt, um mit dem wunderschön gestalteten 134-Seiten-Büchlein Altbekanntes wiederzusehen, Neues zu entdecken und wie immer mit dem ersten Schritt von der Fähre in einer anderen Welt anzukommen.

© M. Busch
© M. Busch

Vielen Dank, liebe Anne von Canal, für diese poetischen, atmosphärischen „Erzählungen von Wind, Zeit und Einsamkeit“, die mir zum Lesehighlight am Jahresende wurden. Vielleicht treffen wir uns ja doch irgendwann zu Milchkaffee und Saffranspannkaka – in „unserem“ Gotland-Sommer oder in „Ihrem“ Winter?

Der Schlusssatz aus Whiteout passt ebenso gut zu Mein Gotland:

Dies ist ein Ort, an dem Zweifel enden.

Anne von Canal: Mein Gotland. mare 2020
www.mare.de

 

Weitere Rezension zu einem Roman von Anne von Canal auf diesem Blog:

2 Kommentare

  1. Welch wundervolle Rezi! Da packt mich auch gleich die Reiselust und so konnte ich trotz Corona ein wenig in Gedanken verreisen. Frohe Weihnachten Dir!

Schreibe einen Kommentar zu Barbara Busch Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.