Christoph Poschenrieder: Ein Leben lang

  Was macht Freundschaft aus?

Der sogenannte Münchner „Parkhausmord“ von 2006 an einer Millionärin lieferte Christoph Poschenrieder die Anregung zu seinem fiktionalen Roman Ein Leben lang. Was zunächst wie einer der derzeit beliebten True-Crime-Krimis wirkt, ist vielmehr das Psychogramm einer Clique, der lauten Freundesgruppe des Tatverdächtigen, deren Treue über den Schuldspruch mit dem Prädikat „besondere Schwere der Schuld“ hinaus währt. Erst in zweiter Linie interessiert sich Poschenrieder für die brutale Tat selbst und das Whodunit.

Die fiktive Bearbeitung
15 Jahre nach dem Mord an einem reichen Unternehmer und 13 Jahre nach der Verurteilung seines Neffen in einem langwierigen Indizienprozess lässt eine Journalistin die fünf Mitglieder seiner engsten Freundesgruppe in getrennten Sitzungen für ein eventuelles Buchprojekt erzählen:

Fünf Blickwinkel, fünf Mal Vergessen, fünf Mal Erinnern, fünf Mal das Gleiche und am Ende doch nicht dasselbe. (S. 22)

Sebastian („der Boss“), Till („der Stellvertreter“), Benjamin („der Beflissene“), Sabine („die schnippische Altkluge“) und Emilia („die Allesumsorgende“, S. 91) waren sofort fest von der Unschuld ihres im Roman namenlosen Freundes („der Spaßmacher“) überzeugt. Obwohl sie zum Zeitpunkt des Mordes bereits um die Dreißig und nur noch in loser Verbindung waren, formierten sie sich spontan neu:

Wir haben uns – quasi ein Reflex – darauf verständigt, dass er es nicht war. Eigentlich ohne Worte. Es war klar, und keiner musste das sagen. (Benjamin, S. 59)

© B. Busch


Ein Roman in Montagetechnik
Die kurzen Erzählsequenzen, überschrieben mit dem Namen des Berichtenden, werden von Beiträgen des Anwalts, des Gefangenen sowie Memos der Journalistin unterbrochen. Man erfährt von ihrer Freundschaft in einer typischen Vorstadtsiedlung und vom Alleinstellungsmerkmal des Freundes: dem reichen Erbonkel, Fluch und Segen zugleich, denn er mischte sich maßgeblich und unangenehm in sein Leben ein.

Nach der Festnahme setzten die Freunde auf der Suche nach dem „wahren Täter“ Himmel und Hölle in Bewegung, versuchten, die Berichterstattung zu beeinflussen, und erklärten den Justizapparat zum befangenen Feind.

Den euphorischen Tatendrang stellte ein zermürbender Prozess auf eine lange Geduldsprobe, dessen von der Clique empfundene Kleinteiligkeit sich beim Lesen sehr gut überträgt. Erschreckende Indizien tauchten auf, aber auch unerklärliche Fakten, die den Optimismus immer wieder anheizten. Trotzdem und trotz des bestehenden Drucks innerhalb der Gruppe ließen sich aufkommende Zweifel nicht verhehlen, insbesondere als überraschend andere Unaufrichtigkeiten des Freundes ans Tageslicht kamen.

Viele offene Fragen
Obwohl ich zusammenhängende Texte in Romanen bevorzugen, sorgt die geschickt eingesetzte Montagetechnik mit den sich immer wieder in Nuancen widersprechenden Aussagen für einen Sog, dem ich mich nicht entziehen konnte. Natürlich schwebt die Frage von Schuld oder Unschuld des Freundes über allem, doch stand die Gruppendynamik für mich deutlich im Vordergrund: Was ist Freundschaft? Wie weit muss Loyalität gehen? Kann ein Mörder ein Freund bleiben? Kämpft die Clique nur um des Freundes oder auch um ihrer selbst willen? Sabine, promovierte Astronomin, klug, reflektiert, direkt, sarkastisch und für mich das ehrlichste Gruppenmitglied, stellt nach dem Prozess die vielleicht interessanteste Frage:

Wäre das vielleicht alles anders gelaufen, wenn wir unserem Freund nicht von Anfang an den Heiligenschein verpasst hätten? Könnte es sein, dass wir ihn in diese Rolle [..] hineingezwungen haben? (S. 276)

Ein Leben lang ist ein empfehlenswerter Roman mit viel Diskussionspotential, der einen garantiert grübelnd zurücklässt.

Christoph Poschenrieder: Ein Leben lang. Diogenes 2022
www.diogenes.ch

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