Edgar Selge: Hast du uns endlich gefunden

  Und schreiben kann er auch

Eine Familie ist eine Wiege, ein Gefängnis, ein Giftschrank, ein Hafen. (aus: „Eine gewöhnliche Familie“ von Sylvie Schenk)

Edgar Selge ist als großartiger Film- und Theaterschauspieler bestens bekannt. Nun hat er sich – wie seine Kollegen Robert Seethaler, Joachim Meyerhoff, Matthias Brandt, Christian Berkel oder Andrea Sawatzki – als Schriftsteller betätigt. Ein langgehegtes Vorhaben, wie er selbst sagt, das er aber erst in den letzten vier bis fünf Jahren tatsächlich begonnen und nun, während der Pandemie, vollendet hat. Es ist ein autofiktionales Romandebüt, keine Autobiografie, in dem der Protagonist und Ich-Erzähler nicht zufällig Edgar heißt. In kurzen Episoden mischen sich Erlebtes und Erfundenes, wobei es mich überhaupt nicht störte, das eine nicht vom anderen unterscheiden zu können. Meist ist der 1948 geborene Edgar zwölf Jahre alt, manchmal wird aber in nicht-chronologischer Abfolge vor- und zurückgeblendet und die Stimme des Kindes wird immer wieder von der des 73-jährige Autors überlagert. Dass es trotzdem jederzeit passt, ist dem meisterhaften Erzähler Edgar Selge zu verdanken, der berichtet, reflektiert, fragt, oft keine Antwort findet und spürbar schwer an seiner Kindheit trägt.

Bildungsbürgertum im Nachkriegsdeutschland
Im Hause von Dr. Edgar Selge, Gefängnisdirektor der Jugendstrafanstalt Herford und leidenschaftlicher Hobbypianist, lebt die Familie „praktisch zwischen zwei Hauskonzerten“ (S. 9). Geladen sind auch Gefangene, die bei dieser Gelegenheit die von ihnen hergestellten Möbel im Hause ihres Chefs bewundern. Auch der nur mittelmäßige Klavierschüler Edgar junior sitzt im Publikum und beobachtet hellwach das Geschehen.

© B. Busch

Seinen Eltern dienen Musik, Literatur und Kunst zur Verdrängung der Vergangenheit und als Beweis für Kontinuität:

Der Krieg ist verloren, der Nationalstolz im Eimer, die Nachkriegszeit haben sie überstanden, mit Ach und Krach, aber die Kultur ist übrig geblieben. Davon sind sie überzeugt. Auch wenn kein jüdischer Künstler mehr im Land ist. (S. 18)

Edgar junior bedauert, dass er den Krieg im Gegensatz zu seinen beiden älteren Brüder verpasst hat:

Der Krieg ist die Zeit, wo alles passiert ist. Alle zehren vom Krieg. Alle beziehen ihre Kraft aus dieser Zeit. Auch wenn sie sich davon abstoßen. Nur ich habe keine Erinnerungen. (S. 89)

Ein Vorgeschmack auf die 68er-Generation
Umso heftiger befeuert er die politischen Diskussionen bei Tischgesprächen zwischen den im Nationalsozialismus sozialisierten Eltern und den kompromisslos-progressiven Brüdern. Lieber sterben will der Vater, als von den Sozis regiert werden, und rastet wegen einer Bundestagdebatte zur Aufhebung der Verjährungsfrist von Nazimorden aus. Als Leiter des Zuchthauses Werl fraternisierte er so offen mit den dort einsitzenden Ex-Wehrmachtsoffizieren wie Kesselring, von Falkenhorst oder von Manstein, dass die Briten ihn entließen. Ein persönlicher Dank dieser Kriegsverbrecher steht im familieneigenen Bücherschrank.

Warum! Er! Mich! Schlägt!
Mehr noch als unter gelegentlichen sexuellen Übergriffen leidet der sensible Edgar unter den väterlichen Prügelattacken, die ihm mit Gewalt Moral einbläuen sollen. Trotzdem schützt er den Vater:

Ich will nicht zugeben, von jemandem geschlagen zu werden, den ich liebe. Und noch weniger will ich zugeben, dass seine Schläge meine Liebe nicht ausgelöscht haben.
Ich will nicht einer sein, der den liebt, der ihn schlägt. (S. 131)

Eine unbedingt lesenswerte deutsche Familiengeschichte der Nachkriegszeit, bravourös geschriebene, lakonisch und bisweilen witzig, unaufdringlich, mitreißend, unter die Haut gehend und mit einem Epilog, der garantiert niemand unberührt lässt.

Edgar Selge: Hast du uns endlich gefunden. Rowohlt 2021
www.rowohlt.de

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