Edvard Hoem: Die Geschichte von Mutter und Vater

  Eine sehr besondere Liebesgeschichte

Die meisten Begebenheiten dieses Buches sind authentisch, aber sie sind mit der Stimme des Schriftstellers erzählt, so, wie er es vor sich sieht, nach dem, was er gesehen und geträumt hat. (Quellen, S. 220)

 

Der familienbiografische Roman Die Hebamme des 1949 an der norwegischen Westküste geborenen Schriftstellers und Theaterregisseurs Edvard Hoem über seine Ururgroßmutter begeisterte mich 2021. Die Geschichte von Mutter und Vater, auf Deutsch erstmals 2007 erschienen und zuvor in Norwegen – nicht zuletzt wegen eines Tabuthemas – ein großer Erfolg, führt in die neuere Hoemsche Familiengeschichte und ist mindestens ebenso lesenswert. Beide Bücher sind zugleich Zeitdokumente über das bäuerliche Leben in West-Norwegen im 19. Jahrhundert beziehungsweise während und nach dem Zweiten Weltkrieg.

Zwei verletzte Seelen
Edvard Hoems Vater Knut Hoem war als drittem Sohn einer frommen kleinbäuerlichen Familie die Übernahme des Hofes Bakken in Ytre Hoem nahe Molde nicht in die Wiege gelegt. Er sträubte sich lange erfolglos dagegen, als durch widrige Umstände plötzlich doch die Reihe an ihm war, denn Bauer wollte er nie werden. Viel mehr interessierte den 1917 geborenen unfreiwilligen Hoferben die protestantische Laienbewegung. Zwei Jahre lang besuchte er die Bibelschule der Inneren Mission in Oslo und reiste ab 1941 zwischen der Kartoffelernte im Herbst und der Aussaat im Frühjahr über 40 Jahre als Laienprediger auf seinem Fahrrad zum Zwecke der Erweckung durch die Täler Westnorwegens. Eine gescheiterte Verlobung – auch hierfür war der ungeliebte Hof ursächlich – beschädigte seinen Ruf. Schande hatte auch die 1924 geborenen Kristine Nylund aus der Nähe von Lillehammer, Edvards Mutter, über sich gebracht, als sie nach einem Liebesverhältnis mit einem deutschen Soldaten 1945 ein „Deutschenkind“ zur Welt brachte. Für die Hochzeit 1947 waren also keineswegs romantische Gefühle ausschlaggebend, und doch entstand durch Vertrauen und Glaube im Verlauf eine große Zuneigung, die mich beim Lesen tief berührte. Schon als Kind muss Edvard das gespürt haben:

Mama, liebst du den Papa? fragte ich Mutter einmal in meiner fernen Kindheit. […] Dann sagte sie mit fremder Stimme das, was mich fünfzig Jahre lang nicht loslassen sollte: «Ich hatte Vater nicht lieb, als ich mit ihm zusammenkam, aber ich habe ihn liebgewonnen, weil er beständig war, beständig und treu, und das ist genauso wichtig wie Liebe.» (S. 7, 8 und 9)

Familiengeschichte und Zeitdokument
Edvard Hoem recherchiert für seine Romane akribisch, in diesem Fall unter anderem in Hunderten Notizbüchern seines Vaters, und ergänzt den Rest mittels Fantasie, was er „heraufbeschwören“ nennt. Genau diese Mischung aus nüchtern-faktischem Bericht und zärtlich-wertschätzendem Nachspüren macht seine nie indiskreten oder sentimentalen erinnerungsliterarischen Romane für mich so wertvoll.

© B. Busch

Neben der Familiengeschichte und dem Bericht über die Laienprediger-Bewegung interessierte mich besonders der historische Hintergrund der deutschen Besatzung Norwegens, um die es auch in anderen herausragenden Romanen wie Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger, Pferde stehlen von Per Petterson oder Die Unsichtbaren von Roy Jacobsen geht. Dass nicht alle Norwegerinnen und Norweger Rache an den „Deutschenflittchen“ wollten, bewiesen Kristines Dorfnachbarinnen, als sie ihr nach der Geburt „Rømmegraut“ brachten und damit Wohlwollen und Mitgefühl für ihr Unglück zum Ausdruck brachten, ebenso wie der junge Prediger, der alle überraschte: „Ich kann sie doch nehmen.“  (S. 146)

Mit Heimatland. Kindheit gibt es noch einen weiteren familienbiografischen Roman Edvard Hoems auf Deutsch, den ich unbedingt ebenfalls lesen möchte.

Edvard Hoem: Die Geschichte von Mutter und Vater. Aus dem Norwegischen von Ebba D. Drolshagen. Insel 2009
www.suhrkamp.de/verlage/insel-verlag-s-22

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