Edvard Hoem: Die Hebamme

  Ein Frauenleben, eine Landschaft und fast ein Jahrhundert

Sie lebten so, wie es Menschen zu allen Zeiten in Norwegen und dem Norden getan haben: Sie lebten mit den Jahreszeiten, die gerade hier so wechselhaft waren. (S. 320)

Edvard Hoem, geboren 1949 im westnorwegischen Molde, ist als Romanautor, Dramatiker und Lyriker in seiner Heimat sehr bekannt und vielfach ausgezeichnet. Besonders erfolgreich sind seine Romane über sich und seine Vorfahren aus Romsdal, von denen auf Deutsch 2007 Die Geschichte von Mutter und Vater und 2009 Heimatland. Kindheit erschienen. Die Hebamme führt nun weiter zurück und schildert das Leben seiner Ururgroßmutter Marta Kristine Anderdatter Nesje, die von 1793 bis 1877 am Romsdalsfjord lebte und über 50 Jahre lang dort die erste staatlich bestellte Hebamme war:

Das war ein Leben. Marta Kristine Andersdatter Nesje hatte mehrere Zeitalter durchlebt, sieben Könige überlebt und unter vieren gedient. […] Sie hatte immer genug zu tun gehabt und […] mehr als tausend Kinder in Empfang genommen. (S. 335) 

Ein aufgewecktes Mädchen
Der erste Teil des Romans beginnt, als Marta Kristines Familie 1800 die Fjordseite wechselt und in eine Häuslerkate in Nesje zieht. Der Vater, Anders Knudsen, Schuhmacher und eine der beeindruckendsten Figuren des Romans, ist klug und vorausschauend und schickt seine Tochter in die Dorfschule. Dort lernt sie ihren späteren Mann Hans Nesje kennen, ihren einzigen Freund und jüngsten Sohn des Großbauern. Es ist ein langer Weg bis zur Hochzeit im Juli 1817, als sie bereits eine uneheliche Tochter von einem anderen hat und durch traumatisierende Kriegserlebnisse bei Hans der Grundstock für seine lebenslange Schwermut gelegt ist.

Marta Kristines Tür zur Welt
Beharrlich verfolgt Marta Kristine, angeregt durch den von ihr verehrten Pastor, den Plan, sich zur Hebamme ausbilden zu lassen, eine Möglichkeit, die nur „sittlichen Frauen“ offenstand. Im Herbst 1817 kann sie trotzdem als eine der Ersten einen sechswöchigen Kurs in Molde belegen.

© B. Busch

Im zweiten Teil ist Marta Kristine ordentlich zur Hebamme bestellt, wird jedoch aufgrund von Armut, Misstrauen und Aberglaube trotz der von der Kanzel verkündeten Hebammenverordnung kaum gerufen. Nachdem sie drei weitere Kinder geboren hat, wandert „Hebammen-Stina“ deshalb im Herbst 1821 600 Kilometer zu Fuß nach Christiania, dem heutigen Oslo, um ihre Qualifikation am dortigen Geburtshilfestift zu vervollständigen. Als sie nach neun Monaten zurückkehrt, hat sich Hans‘ Zustand endgültig verschlechtert.

Zehn eheliche Kinder bringt Marta Kristine zur Welt, die sie mit Hans und der Hilfe ihrer Eltern und der unehelichen Tochter in ständiger Armut in einer Häuslerkate großzieht. Obwohl sie auch Einkünfte aus der Pockenimpfung bezieht und Hans sich im Fischen versucht, verliert sie nach seinem frühen Tod fast alles an Gläubiger und muss noch einmal neu beginnen.

Der dritte Teil ist dem Leben Marta Kristines als Witwe gewidmet.

Fakten und Fiktion

Es ist ein Roman, geschrieben auf der Grundlage dokumentierter Fakten. Die Darstellung der Personen fußt auf vereinzelten, spärlichen Informationen. Niemand weiß mehr, wer sie waren. (Vorwort)

Streng chronologisch, sehr ausführlich und mit vielen Fakten aus Archiven gespickt, zeichnet Edvard Hoem auf beeindruckend glaubwürdige Weise die Welt des 19. Jahrhunderts in Norwegen. Die außergewöhnlich starke Frauenfigur, die bewegende Liebesgeschichte, die Anfänge der professionellen Geburtshilfe, das Porträt der notleidenden bäuerlichen Gesellschaft und die alles beherrschende Natur – darüber erzählt Edvard Hoem vor dem Hintergrund der Geschichte Norwegens so mitreißend gut, dass ich mich beim Lesen ganz und gar hineinverloren habe.

Edvard Hoem: Die Hebamme. Aus dem Norwegischen von Antje Subey-Cramer. Urachhaus 2021
www.urachhaus.de

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