Eva Menasse: Dunkelblum

  Phänomenologie des Schweigens

Als „letzte hochtrabende Führerbunker-Phantasie“ (S. 259) plante das Oberkommando der Wehrmacht den sogenannten Südostwall als Bollwerk gegen die Rote Armee von den Weißen Karpaten bis an die Drau. Unter den zum Bau Zwangsverpflichteten waren 30.000 bis 40.000 ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter, von denen viele bei Massenhinrichtungen am Kriegsende starben. Traurige Berühmtheit erreichte das Massaker von Rechnitz, bei dem in der Nacht vom 24. auf den 25. März 1945 während eines Festes der Nazi-Kollaborateurin Gräfin Margit von Batthyány, geborene Thyssen, etwa 200 jüdische Zwangsarbeiter erschossen wurden. Im Gegensatz zu anderen Orten wurde das Rechnitzer Massengrab nie gefunden und die unerhörten Vorkommnisse wurden Stoff verschiedener Filme, Sachbücher, Romane und Theaterstücke.

Basierend auf den historischen Fakten hat die 1970 in Österreich als Tochter eines jüdischen Vaters geborene Eva Menasse ihren Roman Dunkelblum konzipiert. Die fiktive Kleinstadt im österreichischen Burgenland direkt an der ungarischen Grenze war bis zum Brand des Schlosses 1945 gräflicher Familiensitz. Im alten Teil von Dunkelblum, den Nikolaus Heidelbach im Vor- und Nachsatz illustriert hat, scheint die Zeit still zu stehen:

Ohne großen Dekorationsaufwand hätte man hier Filme drehen können, die die lang vergangenen Zeiten zeigten. (S. 29)

Livestream mit Eva Menasse und Ursula März aus dem Literaturhaus Hamburg am 31.08.2021. © B. Busch

Ruhestörungen
Eine Idylle ist Dunkelblum jedoch keineswegs:

In Dunkelblum lastete es von unten. (S. 44)

Wo man in Dunkelblum mit dem Fingernagel kratzt, kommt einem eine Schandtat entgegen. (S. 371)

Das Schweigen, das so lange ein „gedeihliches Zusammenleben“ (S. 326) garantierte, gerät im Spätsommer 1989 bedrohlich ins Wanken: Ein Fremder kommt und stellt unangenehme Fragen, langhaarige Wiener Studierende der Zeitgeschichte restaurieren den verwahrlosten jüdischen Friedhof, der Stadel der argwöhnisch beäugten Bio-Winzerfamilie Malnitz brennt ab, der homosexuelle Außenseiter Rehberg recherchiert für eine Ortschronik derweil seine Helferin Eszter Lowetz überraschend verstirbt, Drohbriefe kursieren, über ein Ortsmuseum und die Wasserversorgung wird gestritten, Flocke Malnitz, die in alten Geschichten „stierlt“, verschwindet spurlos, die Grenze zu den „Drüberischen“ wird plötzlich durchlässig und bei Grabungen nach Quellen taucht eine alte Leiche auf. Das alles stört die beinahe vergessene „lokale Schicksalsbestie“ in ihrem „Dornröschenschlaf“ (S. 15) und bringt den Interimsbürgermeister Koreny ins Grübeln:

Er hatte nicht geahnt, wie wenig es brauchte, um alles miteinander zu verknüpfen. Nur ein bisschen Phantasie und es pickte zusammen, Phantasie funktionierte offenbar wie Mörtel oder Montagekleber, sogar das Abgelegenste fügte sich ein. Wo hinein? In eine jahrzehntelange Verschwörung des Grauens. (S. 441)

Nicht das Massaker steht im Mittelpunkt dieses herausragenden Romans, sondern das Schweigen danach:

Und daher ging es quasi direkt nach den alten Römern mit den Russen weiter, mit der erbärmlichen, demütigenden Nachkriegszeit […] Vom Leid, der Not und den Verbrechen gegen die Mädchen und Frauen erzählten die Alten so bereitwillig, wie sie vom unmittelbaren Davor schwiegen. (S. 196)

Ein Lesehighlight 2021
In kurzen Kapiteln stehen unzählige verschiedene Figuren im Mittelpunkt, was mich ohne Personenregister (dafür mit Glossar der Austriazismen) sehr gefordert hat: Nazis, wie der Stratege Dr. Alois Ferbenz und der gefürchtete Schläger Horka, Mitläufer, Profiteure der Arisierung jüdischen Eigentums wie die Hotel-Besitzerin Resi Reschen, Rückkehrer wie der Jude Antal Grün, Opfer von Fememorden und Täter. Zusammen mit der schwarzhumorigen Erzählweise begeisterten mich jedoch genau diese Vielstimmigkeit der filigran gezeichneten, oft ambivalenten Figuren und der historische Hintergrund. Warum dieses pralle Kleinstadtpanorama nicht zur engsten Auswahl für den Deutschen Buchpreis 2021 gehört, ist mir rätselhaft.

Am Ende finden die vielen Fäden höchst gekonnt zusammen – aber halt:

Das ist nicht das Ende der Geschichte. (Schlusssatz S. 512)

Eva Menasse: Dunkelblum. Kiepenheuer & Witsch 2021
www.kiwi-verlag.de

 

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.