Henning Ahrens: Mitgift

  Nur die Störche sind frei

Nicht selten nehmen Autorinnen und Autoren die eigene Familiengeschichte zum Vorbild für einen Roman. Bei Henning Ahrens, geboren 1964, Schriftsteller und Übersetzer namhafter englischsprachiger Belletristik, standen gleich mehrere Ahnengenerationen Pate für seinen Roman Mitgift:

Die Spanne reicht von meinem Urururururgroßvater (hier Hans Wilhelm Leeb) bis zu meinem Vater (hier Wilhelm Leeb junior). Ort, Beruf etc. entsprechen den Tatsachen, die Romanfiguren dagegen lassen sich nicht ohne weiteres mit ihren Vorbildern gleichsetzen. (Nachwort, S. 343)

© Hintergrund: freestockgallery.de, Gesamtbild: B. Busch

Im Zentrum steht das Jahr 1962, sieben der zweiundzwanzig Kapitel tragen die Überschrift „August 1962 – Die Totenfrau“. Diese Teile sind aus der Sicht von Gerda Derking geschrieben, einer Frau Mitte sechzig, die in einem Häuschen neben dem Hof der alteingesessenen Bauernfamilie Leeb im niedersächsischen Dorf Klein-Ilsede bei Peine lebt. Wäre sie als Arbeitertochter nicht ohne Mitgift gewesen, dann hätte Wilhelm Leeb senior damals sie und nicht die reiche Bauerntochter Käthe Kruse geheiratet. So ist sie stille, längst mit ihrem Schicksal versöhnte Beobachterin, begeisterte Leserin und Totenfrau– und hat das gewiss das bessere Los.

Im August 1962 hat sie ihre schwere Tätigkeit als Totenfrau gerade aufgegeben, als Wilhelm Leeb senior sie noch einmal holt:

«Gerda», sagt er «das kannst nur du. Ich will keine Fremden im Haus haben. Um der alten Zeiten willen? Bitte.»

So demütig kennt man den herrischen Großbauern sonst nicht, den begeisterten Nazi und SA-Mann, der freiwillig in die Ukraine zog, um als Landwirtschaftsführer der Zuckerzentrale die Heimat und die Wehrmacht zu beliefern. Die Führung des Hofes überließ er unterdessen seiner von ihm verachteten Frau und seinem sensiblen halbwüchsigen Sohn Wilhelm Leeb junior, genannt Willem. Ab März 1944 musste er mit der Wehrmacht den Rückzug antreten und landete schließlich nach Kriegsende in polnischer Gefangenschaft, aus der er erst 1949 zurückkehrte – ohne jede Spur von Reue oder Schuldbewusstsein, obwohl ihm weder die Leiden der Ukrainer, noch das Schicksal der Juden verborgen geblieben waren. Stattdessen forderte er Mitleid ein und schwang sich zum Diktator auf dem Hof auf:

Ich habe tausend Läuse zerdrückt, und was habt ihr unterdessen getan? Den Hof habt ihr verkommen lassen. Kein Geld, kein Saatgut? Unsinn: Keine Tatkraft, kein Wagemut, keine Visionen – das ist euer Problem. (S. 267)

Es ist nicht der erste Vater-Sohn-Konflikt bei den Leebs, aber keiner war so zerstörerisch:

Auf jeden Fall war es erbarmungswürdig mit anzusehen, wie der Sohn am Vater zerschellte. (S. 242)

© M. Busch

Blicke in die Vergangenheit
Seit 1699 ist der Leebsche Hof im Familienbesitz, einzelne Kapitel führen schlaglichtartig und nicht-chronologisch in die Vergangenheit zurück, in behutsam an die Zeit angepasster Sprache. Alle Generationen fühlten sich der Tradition verpflichtet, die ihnen als Mitgift in die Wiege gelegt wurde, niemand war je so frei, wie die immer wieder im Roman auftauchenden Störche. Mancher hätte gerne einen anderen Beruf ergriffen, einige waren pietistisch-fromm, einer vererbte den Besitz der Hermannsburger Mission, worauf drei Generationen ihn dort abbezahlen mussten. Wilhelm Leeb senior ist die siebte Generation in Folge – und dann?

Gänsehautgefühl
Verdient stand Mitgift auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2021 und ich hätte mir ein Weiterkommen sehr gewünscht. Die Verbindung aus Tradition und Einzelschicksal, Nachwirkungen des Nationalsozialismus, Rolle der Frauen auf dem Hof und tragischer Vater-Sohn-Beziehung, geschildert aus wechselnder Perspektive, haben mich begeistert. Obwohl das Ende früh feststand, rief das ausführliche letzte Kapitel Gänsehautgefühl bei mir hervor – deutliches Zeichen dafür, wie sehr mich Henning Ahrens in die Familientragödie verwickeln konnte.

 

Weitere Rezension zu einem Roman auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2021:

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