Ewald Frie: Ein Hof und elf Geschwister

  Die stille Revolution

Neben vielen anderen Literaturauszeichnungen gibt es seit 2021 den Deutschen Sachbuchpreis für das beste Sachbuch des Jahres, ausgewählt von der Stiftung Buchkultur und Leseförderung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Ausgezeichnet wird ein herausragendes Sachbuch in deutschsprachiger Originalausgabe, das Impulse für die gesellschaftliche Auseinandersetzung gibt. Der Siegertitel 2023, Ein Hof und elf Geschwister von Ewald Frie, stand bereits vorher fest auf meiner Leseliste. Der Text setzt sich aus persönlicher Perspektive und Fakten zusammen, deren Quellen im 20 Seiten umfassenden Anhang akribisch dokumentiert sind, „ein Grenzfall, von Wissenschaft wie von Familiensinn“ (S. 16) und ein Glücksfall im Bereich des erzählenden Sachbuchs.

Münsterland statt Pazifik
Es spricht für die große Flexibilität von Ewald Frie, geboren 1962, Professor für Neuere Geschichte an der Universität Tübingen, dass er während der Coronazeit wegen der Einschränkungen der Reise- und Recherchemöglichkeiten von einem Projekt über die Geschichte des Pazifiks auswich auf eine bereits länger bestehende Idee: die Entwicklung der Landwirtschaft in Deutschland ab den 1940er-Jahren. Am Beispiel der eigenen Familiengeschichte auf einem Hof in einer Bauernschaft im stark katholisch geprägten Münsterland zwei Kilometer abseits des Dorfes Nottuln untersuchte Ewald Frie den Umbruch des bäuerlichen Lebens. Grundlage waren Nachforschungen im hofeigenen und in örtlichen Archiven sowie das Studium von 20 Jahrgängen des Landwirtschaftlichen Wochenblatts und zeitgenössischer Literatur, vor allem aber Interviews mit seinen zehn Geschwistern. Diese Protokolle sind vor allem deshalb so ergiebig, weil deren Geburtsdaten zwischen 1944 und 1969 weit auseinanderliegen. Ihre Kindheiten waren dadurch sehr unterschiedlich und sie vermitteln dementsprechend in den von ihnen beschriebenen Familienszenen völlig unterschiedliche Sichtweisen auf das bäuerliche Leben:

In ihnen spiegelt sich die Geschichte der Bundesrepublik, aus dem ungewöhnlichen Blickwinkel einer katholischen Bauernfamilie jenseits des Dorfes. Elf Geschwister erleben Wandel: von Familie und Bauerngesellschaft, von Arbeit und Fest, von Katholizismus und Alltagsreligiosität, von Essen und Trinken von Spiel und Schule. (S. 14)

© Hintergrund: M. Busch, Collage: B. Busch

Neue Wege
Erlebten die älteren Kinder noch die Zeit der Knechte und Mägde und der körperlichen Schwerstarbeit, die Hochphase der Rindviehzucht mit den dazugehörigen Zuchtviehmärkten, waren stolz auf den Vater, einen erfolgreichen, angesehenen Landwirt und von ganzem Herzen Bauer, hatten kaum Sozialkontakte zum Dorf, durften nicht in den Fußballverein und waren zuhause als Arbeitskräfte unentbehrlich, schämten sich die jüngeren für den Stallgeruch und hörten allmählich auf, Bauernkinder zu sein. 1972 fand letztmals eine traditionelle Hofübergabe vom Vater an den ältesten Sohn statt, gefördert vom Staat, der den Wandel zum nun propagierten Einmannbetrieb unterstützte. Nur der älteste Bruder blieb in der Landwirtschaft, alle anderen verließen den bäuerlichen Sektor. Sehr eindrücklich ist der Einfluss der katholischen Kirche und insbesondere des 1971 eingeführten BAföGs auf die Bildungsbiografien beschrieben. Den größten Anteil an der erfolgreichen Ausbildung aller Kinder hatten allerdings die Eltern, vor allem die Mutter:

Alle sollten genau das machen, wofür sie eine besondere Neigung verspürten. (S. 143)

Innovative Geschichtsschreibung
Nicht nur der Inhalt dieses zu recht preisgekrönten, nur 169 Textseiten umfassenden Sachbuchs hat mich beeindruckt, sondern insbesondere auch sein Ton: unaufgeregt und klar, voller Dankbarkeit und Wertschätzung für die Leistung der Eltern, aber ohne nostalgische Verklärung und ohne jeden Anflug von Überheblichkeit.

Die Jury nennt Ewald Fries Buch „ein inspirierendes Beispiel für innovative Geschichtsschreibung“, ein lehrreiches, mitreißendes, glänzend geschriebenes und unterhaltsames ist es dazu.

Ewald Frie: Ein Hof und elf Geschwister. C.H. Beck 2023
www.chbeck.de

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