Johan Borgen: Lillelord

  Klüfte und Spalten

Der Roman Lillelord aus dem Jahr 1955 ist der erste Teil einer Trilogie, dem Hauptwerk des Journalisten, Literaturkritikers, Dramaturgen und Schriftstellers Johan Borgen (1902 – 1979), und zählt zu den wichtigsten modernen Klassikern Norwegens. Im Mittelpunkt steht Wilfred Sagen, ein Junge aus den besten Kreisen von Kristiania, dem heutigen Oslo, der mit seiner verwitweten Mutter in einem herrschaftlichen Haus mit Blick über die Frognerbucht auf die Halbinsel Bygdøy und das Schloss Oscarshall lebt.

Der Blick aus Lillelords fiktivem Elternhaus über die Frognerbucht auf die Halbinsel Bygdøy und Schloss Oscarshall. © B. Busch

Doppelleben
Wer Wilfred Sagen, den Lillelord genannten 14-Jährigen mit den langen Locken, im ersten der 21 Kapitel bei einem der regelmäßigen Familiendinner mit Onkeln und Tanten erlebt, sieht einen außergewöhnlich wohlerzogenen, an alle familiären Spielregeln angepassten, intelligenten, eher kindlichen Jungen. Und doch ahnt man die Maskerade gegenüber der Mutter, Onkeln, Tanten und dem Dienstmädchen und sieht die versteckte Ironie. Wie ausgeprägt sein Doppelleben allerdings ist, erstaunt dann aber doch: Nicht nur schwänzt er die Schule, bedient sich in der mütterlichen Geldkassette, fälscht das Haushaltsbuch und die Korrespondenz mit seiner exklusiven Privatschule, er begibt sich auch in Stadtteile, von denen er nach Meinung seiner Mutter nichts ahnt. Dort lebt er seine dunkle Seite aus, wütet  durchtrieben, gewissenlos, kaltblütig und erschreckend brutal. Dabei hilft ihm, dass er als mütterlicher Augapfel diese fast nach Belieben manipulieren und aufkommende Zweifel im Keim ersticken kann und der allgemeine Respekt vor der höheren Klasse jeden Verdacht gegen ihn unterdrückt.

Skulptur im Frognerpark Oslo von Gustav Vigeland (1869-1943), dort aufgestellt zwischen 1923 und 1943. © B. Busch

Verwöhnt und vernachlässigt
Auf der Suche nach seinem wahren Ich, „der Sehnsucht nach dem Eigenen“ (S. 26)und nach Grenzen, im verzweifelten Kampf um Anerkennung und im Strudel der erwachenden Sexualität folgen wir Wilfred über etwa ein Jahr. Während ihn die Mutter mit ihrer „indolenten Abscheu vor allem Unbehaglichen“ (S. 169) am liebsten auf ewig als Kind sähe, will er vehement die Fesseln der Kindheit abstreifen. Einerseits überbehütet und verwöhnt, ist er andererseits vernachlässigt und einsam, es fehlt die Vaterfigur. So gerne er in verschiedene Rollen schlüpft, so sehr bewundert er alle, die „frei von allem So-tun-als-ob“ (S. 240) leben.

Ein lesenswerter moderner Klassiker
Johan Borgen, lange dem Kommunismus verbunden, porträtiert in Lillelord nicht nur die gespaltene Persönlichkeit eines Jugendlichen aus dem gehobenen Bürgertum, sondern zeigt auch eine zutiefst gespaltene Gesellschaft kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Ich hatte das Glück, den Beginn des Romans während eines Osloaufenthalts zu lesen mit Wilfreds Stadtviertel und dem Drammenveien direkt vor Augen. Die ersten zwei Drittel haben mir sehr gut gefallen, das letzte zog sich etwas in die Länge. Trotzdem möchte ich irgendwann die Bände zwei und drei, Die dunklen Quellen (1956) und Wir haben ihn nun (1957) lesen, besonders aus Neugier auf Wilfreds politische Positionierung im Ersten beziehungsweise Zweiten Weltkrieg.

Der Verlag Fischer Taschenbuch hält die Trilogie dankenswerterweise mit einigen Tagen Vorlauf lieferbar. Es handelt sich allerdings um den unveränderten Reprint einer älteren Ausgabe, eng und bis an die Ränder bedruckt, manchmal unscharf und schwer offen zu halten, was mein Lesevergnügen leider getrübt hat.

Johann Borgen: Lillelord. Aus dem Norwegischen von Alken Bruns. Fischer 2015
www.fischerverlage.de

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