Kirsten Boie: Heul doch nicht, du lebst ja noch

  Stadt in Trümmern – Zukunft in Trümmern?

Nach Dunkelnacht 2021 gibt es einen weiteren Jugendroman von Kirsten Boie, der im Jahr 1945 angesiedelt ist: Heul doch nicht, du lebst ja noch. Während Dunkelnacht vor dem Hintergrund realer Vorkommnisse in den letzten Kriegstagen im bayerischen Penzdorf spielt, geht es nun um drei Jugendliche im zerbombten Hamburg während einer Juniwoche nach der Kapituation. Obwohl sie vollkommen verschiedene Geschichten haben, einen sie nun Hunger, Verluste und Zukunftsängste.

Drei sehr empfehlenswerte Jugendromane über das Kriegsende und die Nachkriegszeit von Kirsten Boie. © B. Busch

Drei Perspektiven
Traute, Bäckerstochter und eben dem Puppenspiel entwachsen, scheint es vergleichsweise noch am besten zu gehen. Sie leidet jedoch unter dem Verlust ihrer Spielkameradinnen und der Enge in ihrer Wohnung durch die Einquartierung einer ostpreußischen Familie.

Hermann, der 14-jährige ehemalige HJ-Führer, sieht mit Hamburgs Kapitulation vom 3. Mai 1945 seine Ideale verraten und hasst die „Tommys“ ebenso wie seinen Vater, der im Krieg beide Beine verloren hat, jammernd und schimpfend auf dem Küchensofa festsitzt und ihn und die Mutter terrorisiert. Alle zwei Stunden muss Hermann ihn ins Zwischengeschoss zur Gemeinschaftstoilette tragen, ohne Hoffnung auf eine eigene Zukunft.

Der ebenfalls 14-jährige Jakob ahnt in seinem Versteck in einer Häuserruine nichts vom Ende des Krieges. Er hat zuerst seinen „jüdisch versippten“ Vater verloren, dann wurde seine ihres arischen Schutzes beraubte Mutter mit dem letzten Transport im Februar 1945 nach Theresienstadt deportiert. Als sein Helfer nicht mehr kommt, muss Jakob sein Versteck verlassen, um nicht zu verhungern.

Vor der Kulisse der zerbombten Stadt treffen die drei Jugendlichen aufeinander: Jakob, der sich als „deutscher Junge“ ausgibt, Traute, die sich mit einem gestohlenen Brotlaib das Mitspielen bei den Jungen erkaufen will, und Hermann, für den die Gerüchte über die Judenvernichtung „Feindpropaganda“ sind. Nebenfiguren wie Adolf, dessen Schwester auf der Flucht verlorenging, oder Max, dessen Vater als Sozi im KZ einsaß, werfen Schlaglichter auf weitere Schicksale und lassen auch Hermann und Traute nachdenklich werden:

Irgendwer muss etwas gewusst haben […] (S. 156)

Höchst empfehlenswert
Die 1950 geborene Kirsten Boie spielte als Kind wie selbstverständlich in den Trümmern Hamburgs und wuchs mit den Geschichten über den Alptraum der Nachkriegszeit auf. Indem sie heutigen Leserinnen und Lesern zeigt, dass nicht nur die verfolgten Kinder, sondern auch alle anderen schwer unter den Kriegsfolgen litten, möchte sie Jugendliche vor dem Abdriften nach rechts bewahren – ohne pädagogischen Zeigefinger, aber mit einer eindeutigen Mission. Wie immer findet die von mir hochgeschätzte Autorin dafür klare Worte und schreckt auch vor schwierigen Themen nicht zurück: Hermann ekelt sich vor dem Vater, der einnässt und die Mutter allabendlich bedrängt, hat jedoch zugleich Gewissensbisse wegen seiner Wut und es gibt einen Selbstmord. Doch wie immer trifft Kirsten Boie dafür genau den richtigen Ton und geht empathisch auf alle Figuren ein. Obwohl die Sprache und das ausführliche Verzeichnis von Begriffen und Ereignisse exakt auf die Zielgruppe ab 12 Jahren zugeschnitten sind, empfehle ich den Roman ausdrücklich auch für Erwachsene.

Das Ende hält für fast alle zumindest einen Hoffnungsschimmer bereit, sauber historisch recherchiert wie alles im Roman, völlig kitschfrei und doch zu Tränen rührend:

Alles ist anders. Und wer weiß. Vielleicht wird wirklich alles gut. (S. 177)

 Kirsten Boie: Heul doch nicht, du lebst ja noch. Oetinger 2022
www.oetinger.de

 

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