„Es ist nichts so fein gesponnen, ‛s kommt doch alles an die Sonnen.“

Inspiriert durch die Feiern zu Theodor Fontanes 200. Geburtstag und eine zweiwöchige Fahrradtour durch seine Heimat Brandenburg im Mai 2019 habe ich mir einen seinen vier Kriminalromane noch einmal vorgenommen: Unterm Birnbaum. Er entstand in den Jahren 1883 bis 1885, wurde zunächst als Fortsetzungsroman in der Gartenlaube veröffentlicht und von der Literaturkritik, wie Irene Ruttmann im sehr informativen Nachwort schreibt, „als Nebenwerk eingestuft“ und „mehr getadelt als gewürdigt“. Ich teile diese Geringschätzung nicht, sowohl die gelungene Täterpsychologie als auch die sehr atmosphärische Beschreibung des Dorflebens und der Dörfler haben mir ausgezeichnet gefallen. Wer allerdings von einem Kriminalroman eine genaue Beschreibung der Straftat erwartet, wird hier enttäuscht, denn der Mord, um den sich alles dreht, wird konsequent ausgespart.
Den seit zehn Jahren im Oderbruchdorf Tschechin ansässigen Kaufmann und Gastwirt Abel Hradscheck drücken schwere Schulden, verursacht durch sein mangelndes kaufmännisches Geschick, Glücksspiel, Trinkerei und den Lebensstil seiner Frau Ursel, die es gern „besser und eleganter“ hat. Als sich für November 1831 der Schuldeneintreiber Szulski aus Krakau, der „Polsche“, ankündigt, wird es für die Eheleute eng und Ursel droht gar mit Selbstmord im Falle eines Bankrotts. Der Fund des verwesten Leichnams eines französischen Soldaten unter seinem Birnbaum bringt Abel auf die Idee zu einem Mord. Bis ins Detail und mit sehr viel krimineller Energie plant er die Tat, bei der Ursel, die ehemalige Schauspielerin, ihn trotz anfänglicher Skrupel tatkräftig unterstützt. Alles läuft wie am Schnürchen, die Ermittlungen gegen Abel verlaufen dank der ausgeklügelten Tatvorbereitungen im Sand, dem Dorfklatsch gebietet der Pfarrer Einhalt und Abel kann das Gefängnis rehabilitiert verlassen. Doch was er nicht bedacht hat, sind die Schuldgefühle, seine und die seiner Frau, die beide nicht mehr zur Ruhe kommen lassen.
Zuletzt führen nicht das Geschick der Ermittler und schon gar nicht die Menschenkenntnis des Pfarrers zur Entlarvung des Täters, sondern dessen Gewissensbisse und Angstvisionen, die ihn von der so perfekt durchdachten Dramaturgie abweichen lassen. Ein höheres Gericht gleicht die Unzulänglichkeit der irdischen Justiz somit aus.
Theodor Fontane (1819 – 1898) lebte selbst einige Jahre im Oderbruch und hörte bei seinen Recherchen für die Wanderungen durch die Mark Brandenburg die Geschichte von einem im Oderbruchdorf Dreetz verscharrten französischen Soldaten, die ihn nicht mehr losließ.
Ein sehr empfehlenswerter, alles andere als verstaubter Krimi-Klassiker.

Theodor Fontane: Unterm Birnbaum. Reclam 2018
www.reclam.de
Passend zum Fontanejahr 2019 und während einer zweiwöchigen Fahrradtour durch seine Heimat Brandenburg wollte ich gerne eine Biografie über Theodor Fontane lesen. Ich war daher zunächst enttäuscht, dass das dafür ausgewählte Buch von Katharina Grätz Alles kommt auf die Beleuchtung an. Theodor Fontane – Leben und Werk nur zu einem Fünftel der gut 260 Seiten Lebensbeschreibung ist. Danach geht es im zweiten Teil um „Fontanes realistische Romanpoetik“ in den Kapiteln drei bis neun um einzelne Werke, unterteilt in „Historische Romane“, „Kriminalerzählungen, Mordgeschichten“, „Eheromane“, „Standesromane“, „Zeitromane“ sowie „Lyrik und Balladen“. Gelesen habe ich die beiden ersten Kapitel, dazu die Einleitungen zu den Kapiteln drei bis neun und die Werkanalysen zu Effi Briest, meinem ehemaligen Abiturthema und mir daher wohlvertraut, zu Unwiederbringlich, einem durchaus interessanten Eheroman, dessen ausufernde Schilderung des deutsch-dänischen Konflikts mir aber viel abverlangt hat, und zum Kriminalroman Unterm Birnbaum, den ich parallel dazu gelesen habe.
Im Rahmen der Feiern zum Fontanejahr 2019 konnte ich am 23.04.2019 in der Kulturkirche Neuruppin eine großartige Lesung von Rainald Grebe und Tilla Kratochwil mit Briefen der Eheleute Fontane erleben. Alles kommt auf die Beleuchtung an hat mich darauf gut vorbereitet.




Im März 1946 kehrt die wohlhabende Witwe Mrs. Giulia Masca in das piemontesische Dorf Borgo di Dentro zurück, aus dem sie 45 Jahre zuvor schwanger und fast mittellos geflohen war. Damals hatte sie für ihre überstürzte Flucht ein Ticket dritter Klasse auf einem Überseedampfer gekauft, nun kommt sie in einer Erste-Klasse-Kabine in Genua an. Während ihr Sohn Michael angeblich in Geschäftsangelegenheiten für die familieneigenen „Groceries“ unterwegs ist, bleibt ihr Zeit für einen Besuch in ihrem Geburtsort. Doch was will sie überhaupt in Borgo di Dentro, wo sie die ersten 20 Jahre ihres Lebens bitterarm verbracht und nach drei Grundschuljahren von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang für einen Hungerlohn in der Spinnerei geschuftet hat, die Hände in einer Schüssel mit gekochten Seidenraupen im siedenden Wasser? Was, wenn sie ihrer damals besten Freundin, Anita Leone, wiederbegegnet, in deren Familie sie die Geborgenheit fand, die ihre Mutter ihr nicht bieten konnte? Wegen Anitas doppeltem Verrat hat sie während des großes Streiks Borgo di Dentro im Februar 1901 verlassen. War es Feigheit oder Mut? „Die Vergangenheit gibt es nicht“ ist zu Giulia Mascas Lebensmotto geworden, doch im Dorf trifft sie auf genau diese Vergangenheit.

