Ein Leben, überdunkelt von der Vergangenheit

„Alles wird jetzt zusammengekratzt“ heißt es in Ralf Rothmanns 2015 erschienenem Roman Im Frühling sterben, als die Freunde Walter Urban und Friedrich „Fiete“ Caroli im Februar 1945 von der Waffen-SS zwangsrekrutiert werden. Walter ist Melkergeselle, Fiete nach seinem Rauswurf aus dem Gymnasium Melkerlehrling auf einem Holsteinischen Gut. Beide sind 17, lassen ihre Mädchen zurück und kommen nach nur drei Wochen Grundausbildung ins ungarische Kampfgebiet. Während Walter als Fahrer hinter der Front bleibt, schickt man Fiete mitten hinein. Früh schon denkt der zarte Junge, der so gut mit Kühen umgehen, seine Zunge aber nicht hüten kann, an Flucht, die ihm der vernünftigere Walter angesichts des kurz bevorstehenden Kriegsendes ausreden kann. Doch während Walter, für einige Tage beurlaubt, das Grab seines in der Nähe gefallenen Vaters sucht, setzt der verwundete Fiete seinen aussichtslosen Plan in die Tat um. Bei Walters Rückkehr ist Fiete bereits verurteilt und Walters Stube soll das Urteil vollstrecken.
Ralf Rothmann bettet die Geschichte von Walter und Fiete in eine Rahmenhandlung ein. Walter, inzwischen 60 Jahre alt, hat nie über den Krieg gesprochen, der ihn bis in seine Träume verfolgt. Nach 30 Jahren als Bergmann ist er in der Frührente dem Alkohol verfallen und im finalen Stadium einer Krebserkrankung. Er hat selten gelächelt, war stets ernst, beliebt, aber ohne Freunde. „Überdunkelt von der Vergangenheit“ war sein Leben, die Beziehung zu seinem Sohn, einem Schriftsteller, der die Rahmenhandlung aus der Ich-Perspektive erzählt, distanziert. Doch was der Vater nie erzählen konnte, erzählt nun der Sohn.
Das Besondere an diesem Roman, Antikriegs- und Vater-Sohn-Geschichte, von der wir nicht wissen, ob sie ganz oder teilweise autobiografisch ist, ist das Fehlen jeglicher Wertung. Die Frage nach einer Schuld wird vollständig in das Ermessen des Lesers gestellt. Großartig sind vor allem Rothmanns Dialoge, beispielsweise bei der Zwangsrekrutierung, dem Gnadengesuch Walters an den Sturmbannführer, beim Abschiedsbesuch mit Fiete oder mit dem Gutsverwalter bei Walters Heimkehr. Bei den geschilderten Kriegsverbrechen und Orgien hätte ich dagegen auf manches Detail gerne verzichtet, eine diskretere Schilderung ist für mich oft eindrücklicher. Insgesamt hat mich der Roman jedoch sehr berührt, mehr noch die Rückblende als die knappe, trotzdem wichtige Rahmenhandlung. Poetisch und wunderschön ist Rothmanns Sprache, etwa wenn es über die Stille heißt: „Eine Stille, die noch zunahm, wenn man sie bemerkte.“
Den Sprecher Thomas Sarbacher kenne ich aus seinen knappen Lesungen im Schweizer Literaturklub, der für mich besten Literatursendung im Fernsehen, und schätze ihn sehr. Nun konnte ich ihm sechs CDs und ca. 400 Minuten lang zuhören und habe das sehr gern getan. Thomas Sarbacher fängt die Stimmungen des ungekürzt wiedergegebenen Romans ausgezeichnet ein und liest besonders die vielen Dialoge sehr lebendig, teilweise sogar im jeweiligen Dialekt.
Ralf Rothmann: Im Frühling sterben. Gelesen von Thomas Sarbacher. Hörbuch Hamburg 2015
www.hoerbuch-hamburg.de

Mattis Hansen ist wahrlich nicht zu beneiden. Kaum setzt er eine seiner genialen Ideen in die Tat um, missversteht ihn sein gleichermaßen fantasie- wie humorloser Klassenlehrer und schreibt einen Beschwerdebrief an die Eltern. Anstatt sich die Geschichte aus Mattis‘ Sicht anzuhören, sammelt die Mutter die „Lügenbriefe“ lieber in einem schwarzen Aktenordner und prophezeit ihrem achtjährigen Sohn eine Karriere als Schwerverbrecher. Doch zum Glück ist Mattis schon in der 3c und kann die Wahrheit zu den Briefen, die seine Mutter partout nicht hören will, aufschreiben: „Damit Mama sie lesen kann. Und nicht mehr an den Schwerverbrecher glaubt. Sondern wieder an mich.“





Passend zum Fontanejahr 2019 und während einer zweiwöchigen Fahrradtour durch seine Heimat Brandenburg wollte ich gerne eine Biografie über Theodor Fontane lesen. Ich war daher zunächst enttäuscht, dass das dafür ausgewählte Buch von Katharina Grätz Alles kommt auf die Beleuchtung an. Theodor Fontane – Leben und Werk nur zu einem Fünftel der gut 260 Seiten Lebensbeschreibung ist. Danach geht es im zweiten Teil um „Fontanes realistische Romanpoetik“ in den Kapiteln drei bis neun um einzelne Werke, unterteilt in „Historische Romane“, „Kriminalerzählungen, Mordgeschichten“, „Eheromane“, „Standesromane“, „Zeitromane“ sowie „Lyrik und Balladen“. Gelesen habe ich die beiden ersten Kapitel, dazu die Einleitungen zu den Kapiteln drei bis neun und die Werkanalysen zu Effi Briest, meinem ehemaligen Abiturthema und mir daher wohlvertraut, zu Unwiederbringlich, einem durchaus interessanten Eheroman, dessen ausufernde Schilderung des deutsch-dänischen Konflikts mir aber viel abverlangt hat, und zum Kriminalroman Unterm Birnbaum, den ich parallel dazu gelesen habe.
Im Rahmen der Feiern zum Fontanejahr 2019 konnte ich am 23.04.2019 in der Kulturkirche Neuruppin eine großartige Lesung von Rainald Grebe und Tilla Kratochwil mit Briefen der Eheleute Fontane erleben. Alles kommt auf die Beleuchtung an hat mich darauf gut vorbereitet.
