Der Krieg nach dem Krieg

1992 erschien Michael Odaatjes größter Romanerfolg Der englische Patient, im Juli 2018 ausgezeichnet als bester Roman in 50 Jahren Man Booker Prize. Die großartige Verfilmung aus dem Jahr 1996 schaue ich mir immer wieder gerne an. Seinen mittlerweile achten Roman, Kriegslicht, habe ich nun gehört: ungekürzt, auf zwei MP3-CDs, in 512 Minuten. Anschließend war ich am 18.09.2018 bei „Lesung und Gespräch“ im Literaturhaus Stuttgart, einer von Tobias Döring moderierten Veranstaltung mit dem 1943 in Sri Lanka geborenen
kanadischen Autor. Neben dem Vergnügen, Michael Ondaatje lesen und über seinen Roman sprechen zu hören, haben mir vor allem zwei seiner Aussagen beim Textverständnis geholfen: Zum einen möchte er nur 70 Prozent des Geschehens erzählen, die restlichen 30 Prozent soll der Leser bzw. Zuhörer selbst erbringen, so dass meine offenen Fragen keineswegs in fehlender Konzentration begründet liegen, zum anderen hat er zu Beginn des Schreibens keinen festen Plan für die Handlung, was für mich die manchmal etwas ziellos scheinenden Abläufe erklärt.
Im noch nicht wieder zur Ordnung zurückgekehrten Nachkriegs-London des Jahres 1945 erfahren der 14-jährige Ich-Erzähler Nathaniel und seine kaum ältere Schwester Rachel, dass die Eltern für etwa ein Jahr geschäftlich nach Singapur gehen, ein Umstand, den er im Anfangssatz so beschreibt: „Im Jahr 1945 gingen unsere Eltern fort und ließen uns in der Obhut zweier Männer zurück, die möglicherweise Kriminelle waren.“ Waren die Familienbande schon vorher nicht eng, so reißt dieser Bruch den Geschwistern den Boden unter den Füßen weg. Nichts scheint mehr sicher, erst recht, als sie den gepackten Überseekoffer der Mutter im Keller entdecken. Für die Geschwister beginnt eine Zeit mit dem „Falter“ und dem „Boxer“, während der sich ihr Elternhaus mit Fremden bevölkert und Nathaniel den Boxer bei seinen nächtlichen Schmuggelfahrten mit Windhunden und geheimnisvollen Kisten auf den dunklen Seitenkanälen der Themse begleitet. Es ist eine Zeit der Abenteuer, der Sehnsucht, des Erwachsenwerdens und der erwachenden Sexualität. Dramatische Ereignisse bewegen die Mutter schließlich zur Rückkehr, zur Aufgabe ihres gefährlichen Lebens und zum Rückzug in ihr Elternhaus in Suffolk.
Erst als die Mutter längst tot ist, beginnt Nathaniel 1959 mit der gezielten Spurensuche. Seit er für das Außenministerium arbeitet und Zugang zu Geheimdienstarchiven erhält, findet er immer mehr Puzzleteile. Zusammen mit seinen spärlichen Erinnerungen werden sie zwar nie ein umfassendes Bild ergeben, doch kann er Einblicke sowohl ins Leben seiner Mutter zu gewinnen, als auch seine eigene Vergangenheit und die Menschen, mit denen er in Berührung kam, mit neuen Augen sehen.
Frank Stieren, den ich bisher nicht kannte, liest den sehr lyrischen Text langsam, sehr deutlich, ruhig, mit minimalen Nuancen in den Dialogen und mit einer ausgezeichnet zum Roman passenden Intonation. Wenn er an manchen Stellen auf das Absenken der Stimme am Satzende verzichtet, hebt er virtuos das Nebelhaft-Geheimnisvolle, Andeutungsschwangere der Handlung hervor.
In ihren letzten Lebensjahren ist die Mutter anderer Stimmen überdrüssig geworden, mit Ausnahme von Romanen, „in denen die Handlung manchmal wild abschweifte, um dann doch in den letzten zwei, drei Kapiteln mühelos zu einem Ende zu finden“. Ich denke, sie hätte Kriegslicht gemocht.
Michael Ondaatje: Kriegslicht. Sprecher: Frank Stieren. Audiobuch 2018
www.audiobuch.com

Büchersterne heißt die Erstlesereihe des Oetinger Verlags, die es in drei Lesestufen gibt: für die 1. Klasse, 1./2. Klasse und 2./3. Klasse. Die Besonderheit dieser Reihe ist die Vielzahl an sehr bekannten Autoren, wie beispielsweise Astrid Lindgren, Paul Maar, Kirsten Boie und Erhard Dietl. Vor einiger Zeit habe ich hier bereits den Band Lustiges Bullerbü besprochen, nun also Weihnachten in Bullerbü.

John Banville war nach Donal Ryan der zweite bedeutende zeitgenössische irische Autor, den ich während meines Irland-Urlaubs gelesen habe. Sein Stil ist bedeutend literarischer, dafür gibt es weniger Lokalkolorit als bei seinem Kollegen Ryan.
Als im Januar 2016 der schlimmste Schneesturm seit Menschengedenken mit den tiefsten Temperaturen seit 1869 in New York tobt, verweben sich während dreier Tage die Leben von Lucía, Richard und Evelyn unwiderruflich miteinander. Ihr gemeinsames Anliegen ist es, eine Leiche und einen Lexus verschwinden zu lassen, obwohl sie mit beiden nicht zu tun haben – ein bei diesen Wetterbedingungen schwieriges Unterfangen für bislang unbescholtene Zeitgenossen ohne einschlägige Erfahrungen. An den kalten Abenden erzählen sie sich ihr Leben, so ehrlich, wie sie es bisher nie getan haben.
Auf Reisen lese ich gerne Literatur aus meinem Reiseland und in Irland ist meine Wahl inzwischen schon zum zweiten Mal auf Donal Ryan gefallen. Vor zwei Jahren war es Die Gesichter der Wahrheit, ein Potpourri irischer Stimmen zur Zeit der Finanzkrise 2008, nun, während einer Hausbootfahrt auf dem Shannon, Die Sache mit dem Dezember. Beide Bücher spielen im County Tipperary und somit auf unserer Bootsroute, vermitteln aber ein sehr viel derbes irisches Flair, als wir es erlebt haben.