Per Petterson: Pferde stehlen

  Selbst entscheiden, wann es weh tut

 

Zu den Auszeichnungen, auf die ich mich fast blind verlassen kann, gehört neben dem französischen Prix Goncourt der Bokhandlarprisen, der Preis der norwegischen Buchhändler für das beste Buch des Jahres. Meine Erwartungen an das 2003 prämierte Buch Pferde stehlen des 1952 geborenen Norwegers Per Petterson waren dementsprechend hoch und haben sich vollständig erfüllt.


Ein Aussteiger
Im Alter von 67 Jahren, drei Jahre nach dem Unfalltod seiner Frau, hat sich der Ich-Erzähler Trond Sander kurz vor der Jahrtausendwende mit seiner Hündin in ein renovierungsbedürftiges Häuschen an einem See in Ostnorwegen zurückgezogen. Es soll seine letzte Station sein. Die Nachrichten interessieren ihn nicht mehr, er hat weder Fernseher noch Telefon und nicht einmal seine Töchter kennen seinen Aufenthaltsort:

Mein ganzes Leben lang habe ich mich danach gesehnt, allein an einem Ort wie diesem zu sein. Auch in schönsten Zeiten, und die waren nicht selten. […] Ich hatte Glück. Doch auch dann, zum Beispiel inmitten einer Umarmung, wenn mir jemand Worte ins Ohr flüsterte, die ich gerne hörte, konnte ich mich plötzlich weit weg sehnen an einen Ort, an dem es einfach nur still war. (S. 11)

Konfrontation mit der Vergangenheit
Jäh durchbrochen wird die Ruhe, als er in seinem einzigen Nachbarn Lars Haug wiedererkennt, der ihn an eine längst abgehakt geglaubte Vergangenheit bindet. Mit Lars kommt die Erinnerung an den Sommer 1948 zurück, den Trond mit seinem Vater in einer anderen Hütte in einem anderen Dorf nahe der schwedischen Grenze verbrachte. Er glaubte damals, der Vater, der nach dem Einmarsch der Deutschen immer wieder für Wochen oder gar Monate verschwand und danach jedes Mal mehr verändert zu seiner Familie nach Oslo zurückkehrte, würde den Sommer ihm zuliebe dort verbringen. Erst allmählich begreift er, dass der Vater sich in seiner Abwesenheit von zuhause ein alternatives Leben an eben diesem Ort aufgebaut hatte und welche Rolle die schöne Mutter seines besten Freundes, Lars‘ Bruder Jon, dabei spielte. Am Ende dieses Sommers hatte er beide verloren, den bewunderten Vater genauso wie Jon, und war ein Stück erwachsener geworden.

Spiel und Ernst
Der Titel des Romans ist doppeldeutig gewählt: „Pferde stehlen“ ist nicht nur das gemeinsame Spiel von Jon und Trond, es ist auch das Codewort der Widerstandskämpfer, für die Tronds Vater und Jons Mutter tätig waren. Wie in Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger und Die Unsichtbaren von Roy Jacobsen, die ich seit dem Gastlandauftritt Norwegens auf der Frankfurter Buchmesse 2019 gelesen habe, spielt der Nachrichten- und Menschenschmuggel über die norwegisch-schwedische Grenze eine bedeutsame Rolle.

Einmal lesen reicht hier nicht
Pferde stehlen
ist vieles in einem: ein wunderbares Buch über das Leben in der skandinavischen Natur, ein historischer Roman über die Besatzungszeit, eine berührende, diskrete Liebesgeschichte, ein Vater-Sohn-Roman und einer über das Erwachsenwerden. Ohne Pathos und überflüssige Worte – so wie Trond und Lars nach der Versicherung des gegenseitigen Wiedererkennens nie ein Wort über Vergangenes verlieren – vereint Petterson vor dem Hintergrund einer großartigen nordischen Kulisse die großen Themen des Lebens: Schuld, Vertrauen, Enttäuschung, Verlust, Liebe, Einsamkeit, Alter und Tod.

Per Petterson: Pferde stehlen. Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger. Carl Hanser 2006
www.hanser-literaturverlage.de

 

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2014
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