Ernst Paul Dörfler: Nestwärme

  Machen wir’s den Vögeln nach…

„Birdwatching“, Neudeutsch für Vogelbeobachtung, wird  nicht nur in Großbritannien und den USA, sondern auch bei uns in Deutschland immer beliebter. In den Zugwiesen meiner Heimatstadt am Neckar findet man inzwischen zu jeder Jahreszeit zahlreiche Vogelliebhaberinnen und -liebhaber. Einen zugleich informativen, unterhaltsamen und in launigem Stil verfassten Beitrag dazu leistet das Sachbuch Nestwärme von Ernst Paul Dörfler. Der 1950 geborene Autor ist promovierter Ökochemiker, gehörte der Umweltbewegung der DDR an, schrieb mit Zurück zur Natur deren Kultbuch, für dessen Veröffentlichung sein Lektor Kopf und Kragen riskierte, und stand jahrelang unter Beobachtung der Staatssicherheit. Vor allem aber ist er Vogelliebhaber durch und durch von Kindesbeinen an, ein Umstand, den man auf jeder der 280 Seiten spürt. Deshalb geht es ihm nicht ausschließlich um Wissensvermittlung und sein Buch ist kein Biologieunterricht auf Papier mit Merkkästen, Tabellen, Hervorhebungen und Literaturverzeichnis. Vielmehr möchte Dörfler ein Bewusstsein schaffen für eine gefährdete Spezies gemäß dem Motto: Nur was man kennt und liebt, das schützt man auch.

Vogelbeobachtung im eigenen Garten: Ein Meisenjunges kurz vor dem Verlassen des Nistkastens. © M. Busch

In 15 Kapiteln, die so fantasievolle, manchmal flapsige Überschriften wie „Was Vögel können (und was nicht)“, „Aufs Marketing kommt’s an“, „Ein Hoch auf den Rollentausch“ oder „Fit, schön und gesund“ tragen, lässt Dörfler uns an seinem unbegrenzt scheinenden Wissensschatz teilhaben. Meistens beginnen die Kapitel oder Unterkapitel mit einer Bestandsaufnahme aus der Welt der Menschen, die für mich manchmal ein wenig zu lang ausfällt, um sodann zu den Vögeln überzuleiten – eine zweifellos originelle Vorgehensweise. Wie steht es mit dem Hörvermögen hier wie dort, wie mit der Rollenverteilung, wie mit der Einvernehmlichkeit des Geschlechtsverkehrs und wie mit dem Schlafbedürfnis? Bekanntes, Neues und absolut Verblüffendes wechseln sich ab, jede These wird mit einer Vielzahl an Beispielen belegt und Streitfragen wie die nach dem Glücks- und Leid-Empfinden werden als solche benannt und diskutiert. Schade, dass man sich bei dieser Informationsfülle sicher vieles nicht merken kann! Dank modernster Technik wie Besenderung und Satelliten-Telemetrie sowie weltweiter Forschungen wissen wir heute sehr viel mehr über die Sinnesleistungen der Vögel, ihre Intelligenz und Persönlichkeit, ihr Sozialleben, ihre Sprache, ihr Schlafverhalten, den Vogelzug und den Überlebenskampf in einer sich dramatisch verändernden Umgebung. Und genau hier setzt Dörflers eindringlicher Appell an:

Der Mensch muss sich erst noch als Teil der Natur begreifen. Die nötige Intelligenz hätte er. Er nutzt sie bisher allerdings mehr für die Ausbeutung der Natur als für deren Bewahrung. Was der Vogel instinktiv richtig macht, macht die moderne menschliche Gesellschaft wissentlich falsch. Bislang überwiegt die Untergrabung der natürlichen Lebensgrundlagen. Es ließe sich ändern, wenn wir uns die Vögel mit ihren Prinzipien zum Vorbild nähmen und unser Eingebettetsein im Haushalt der Natur verinnerlichten und respektierten. (S. 279/80)

Ein Sachbuch für vogelkundlich interessierte Laien und nicht zuletzt dank der entzückenden Schwarz-Weiß-Zeichnungen von Ute Bartels auch ein wertiges Geschenk.

Ernst Paul Dörfler: Nestwärme. Hanser 2019
www.hanser-literaturverlage.de

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