Roy Jacobsen: Die Kinder von Barrøy

  Zurück auf Barrøy

 

Im Herbstprogramm 2021 der Verlage habe ich mich auf einen Roman besonders gefreut: Die Kinder von Barrøy setzt als vierter Band die Barrøy-Saga von Roy Jacobsen fort. Zum Gastlandauftritt Norwegens auf der Frankfurter Buchmesse 2019 erschienen die ersten drei Teile unter dem Titel Die Unsichtbaren in einem Sammelband im Verlag C.H. Beck, für mich ein absolutes Messe-Highlight.

© B. Busch

Der erste Teil, der wie der Sammelband Die Unsichtbaren heißt, erzählt vom Leben einer Familie auf der fiktiven, windumtosten und lebensfeindlichen Schäreninsel Barrøy vor der nordnorwegischen Helgelandküste in den Jahren 1913 bis 1928 und der Kindheit von Ingrid Barrøy, der Protagonistin aller Bände. Ihre Stärke, ihr Mut, ihr Durchsetzungsvermögen und Verantwortungsbewusstsein als rechtmäßige Insel-Erbin fesseln mich mittlerweile seit fast 900 Seiten.

Im zweiten Teil, Weißes Meer, kommt 1944/45 der Zweite Weltkriegs auf die abgelegene Insel, Flüchtlinge aus der Finnmark, angeschwemmte Ertrunkene und ein schwerverletzter russischer Kriegsgefangener, Alexander, den Ingrid unter Lebensgefahr rettet und von dem sie schwanger wird.

Im dritten Teil, Die Augen der Rigel, durchquert Ingrid 1946 vergeblich mit der Tochter Kaja ein kaum befriedetes Nachkriegs-Norwegen auf der Suche nach Alexander.

Der vierte Teil
Ingrid ist heimgekehrt nach Barrøy , wo inzwischen mehr Menschen leben als je zuvor: vierzehn Familienangehörige, darunter sieben Kinder. Das Personenverzeichnis am Ende des Buches führt sie lobenswerterweise auf für alle, die die Vorgängerbände nicht mehr ganz präsent haben, denn wir sind sofort mitten im Geschehen.

Auch etwa fünf Jahre nach Kriegsende sind Narben sichtbar, Geheimnisse unentdeckt:

Ist auch auf Barrøy der Krieg zu Ende?
Nicht ganz. (S. 54)

Ingrid kann Alexander nicht vergessen, Kriegs-Kollaborateure leben unbehelligt und das Schicksal führt ein „Deutschenbalg“, den fünfjährigen Mathias, genannt Mattis, nach Barrøy. Trotz des täglichen Überlebenskampfes nimmt Ingrid ihn bedenkenlos auf:

Sie konnten ihn ja auch nicht gut ins Meer werfen. (S. 36)

Ein Kommen und Gehen herrscht von etwa 1950 bis 1960 auf Barrøy und Norwegen verändert sich. Zwergschulen sollen einer zentralen Schule weichen, in Briefen aus Oslo tauchen unbekannte Begriffe wie „Freizeit“, „Dreizimmerwohnung“ oder „Wohnungsbaugenossenschaft“ auf und ein Fahrrad kommt auf die Insel, doch bestimmen weiterhin Jahreszeiten und Natur das Leben: das Eintreffen des Herings und der Eiderenten, das Säen, Pflanzen und Ernten, die gefährliche winterliche Fahrt zum Fischfang auf den Lofoten.

Nur eine Mutter
Viel treffender als der deutsche Titel ist der norwegische Originaltitel Bare en mor (Nur eine Mutter), denn im Mittelpunkt steht klar eine durch mütterliche Gefühle veränderte Ingrid:

Sie sieht […] die Zerbrechlichkeit des Lebens. Ingrid ist schwach geworden, nicht durch Krieg oder Leben oder Verlust der Liebe und Alexanders, aber davon, Mutter zu sein, eine neue, zitternde Angst, die diese Tiefe ihr vorhält. (S. 139)

Schwach erschien sie mir allerdings nie, eher verletzlich. Sie kämpft um die Adoption, um Mattis‘ finanzielle Belange, um die Zukunft Barrøys und lässt doch gehen, wer die Insel verlassen will. Nach einer völlig unerwartet eintretenden Katastrophe bleibt Ingrid aufrecht – zum Wohle ihrer Kinder.

Aus einem Guss
Die Kinder von Barrøy ist eine nahtlose Fortsetzung der atemberaubenden Barrøy-Saga, ebenso warm, glaubwürdig, intensiv und inhaltsreich wie die Vorgängerbände. Man spürt, dass der 1954 geborene Roy Jacobsen die Sommer seiner Kindheit auf einer ebensolchen Insel, der Heimat seiner Mutter, verbrachte und lange in Nordnorwegen lebte. Interessante Charaktere, ultraknappe dialektale Dialoge voll Ungesagtem, Beschreibungen von Natur, altem Handwerk und gesellschaftlichen Veränderungen, die Sicht auf die brutale Zerbrechlichkeit des Lebens und die außergewöhnliche Frauenfigur haben mich sofort wieder in Bann gezogen.

So überraschend diese Fortsetzung für mich kam, so sehr bin ich nun überzeugt, dass es weitergeht, ja weitergehen muss. Ich freue mich schon jetzt darauf!

Roy Jacobsen: Die Kinder von Barrøy. Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs und Andreas Brunstermann. C.H. Beck 2021
www.chbeck.de

 

Weitere Rezension zu Teil 1 bis 3 der Barrøy-Saga von Roy Jacobsen auf diesem Blog:

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