Matthias Jügler (Hrsg.): Wir dachten, wir könnten fliegen

  Literarische Stolpersteine für verschwundene Arten

Einer jüdischen Tradition gemäß stirbt ein Mensch zwei Mal: wenn das Herz aufhört zu schlagen und wenn sein Name zum letzten Mal gesagt, gelesen oder gedacht wird. Mit seinem Projekt „Stolpersteine“ wirkt der Künstler Gunter Demnig dem Vergessen der Opfer des Nationalsozialismus entgegen.

Literarische Stolpersteine für ausgestorbene Tiere und Pflanzen legt der Schriftsteller und Lektor Matthias Jügler mit der von ihm herausgegebenen Anthologie Wir dachten, wir könnten fliegen, mit der er, wie er im Vorwort schreibt, „Tote wiederauferstehen“ lassen will. Habitatzerstörung, Trophäenjagd, Habgier, Umweltverschmutzung, Zuzug invasiver Arten, Veränderungen im Nahrungsangebot und Klimaerwärmung sind nur einige der Gründe dafür, dass laut WWF jeden Tag 150 bis 200 Arten aussterben und in den nächsten Jahrzehnten bis zu einer Million weitere verschwinden könnten.

Eine bunte Palette von Mitwirkenden und Beiträgen
Matthias Jügler hat 20 seiner Lieblingsautorinnen und -autoren um ein Porträt einer selbst gewählten Spezies gebeten. Große internationale Namen sind darunter, John Ironmonger, John Burnside, T.C. Boyle, Helen Macdonald und Iida Turpeinen, neben bekannten deutschen wie Julia Schoch, Katerina Poladjan und Henning Fritsch, Elena Fischer, Caroline Wahl, Jackie Thomae, Clemens J. Setz, Katrin Schumacher, Alex Capus, Kim de l’Horizon, Antje Rávik Strubel, Melanie Raabe, Iris Wolff, Charlotte Gneuß und Daniela Dröscher, letztere ausnahmsweise mit einer Art am Kipppunkt, dem Formosanischen Wolkenleopard, für den noch eine geringe Überlebenschance besteht.

Für die anderen gibt es dagegen keine ernstzunehmende Hoffnung mehr: Auerochse, Stellersche Seekuh, Wandertaube, Hawaiianischer Berghibiskus, Beutelwolf, Weißwangen-Kleidervogel, Riesenalk, Brotpalmfarn, Goldkröte, Riesenvampir, Laysan-Ralle, Chinesischer Flussdelfin, Schuppenkehlmoho, Pyrenäensteinbock, St.-Helena-Olivenbaum, Kaspischer Tiger, Mituhokko und Daintree’s River banana gelten als ausgestorben und stehen beispielhaft für alle anderen. John Ironmonger fasst es in seinem Beitrag so zusammen:

Wenn alles andere verschwunden ist, bleiben manchmal nur noch Geschichten. (S. 30)

Matthias Jügler (Hrsg.): Wir dachten, wir könnten fliegen. Foto von Matthias Jügler am 14.01.2025 in Esslingen: © M. Busch. Collage: © B. Busch. Cover: Penguin.

Was verloren geht, wenn ein so unbekannter Vogel wie die Laysan-Ralle verschwindet, beschreibt Helen Macdonald in ihrem Text, der mir besonders zu Herzen ging:

Natürlich das, was die Laysan-Rallen füreinander waren. Das, was die Insel Laysan war, als es die Rallen noch gab. Und in gewisser Weise ging auch eine ganze Welt verloren – die durch ihre Augen gesehene Welt, denn jedes Tier bewohnt seine eigen phänomenale Welt, seine eigene Umwelt. (S. 152)

Abwechslungsreich und farbenfroh
Matthias Jügler hat den Autorinnen und Autoren viel Spielraum gelassen. Deshalb konnten ganz unterschiedliche Arten von Geschichten entstehen, die in ihrer Originalität und Vielfalt den besonderen Reiz dieser bewegenden Sammlung ausmachen. Auf 19 ganzseitigen, farbenfrohen, aber nicht schreienden, detailreichen, aber nicht an ein Biologiebuch erinnernden Illustrationen von Barbara Dziadosz zeigen die in diesem großformatigen Band porträtierten Tiere und Pflanzen ihre Einzigartigkeit und Schönheit.

Trotz des traurigen Themas klappt man das Buch überraschenderweise eher bereichert als entmutigt zu. Daniela Dröscher liefert dafür eine Erklärung:

Die Lage ist hoffnungslos – aber endgültig verloren ist nichts. Gerade diese Anerkennung der Unwahrscheinlichkeit setzt Kräfte frei. (S. 226)

Das vielstimmige Buch ermutigt dazu.

Matthias Jügler (Hrsg.): Wir dachten, wir könnten fliegen. 19 Geschichten über den Verlust der Arten und die Kraft der Literatur. Mit Illustrationen von Barbara Dziadosz. Penguin 2025
www.penguin.de

 

Weitere Rezensionen zu Romanen von Matthias Jügler auf diesem Blog:

   

Ruth Lillegraven: Düsteres Tal

   Die Vergangenheit kehrt zurück

Vor fünf Jahren hat sich Clara Lofthus, die smarte norwegische Ex-Justizministerin und unerkannte Serienmörderin, aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Mit ihrem neuen Partner Axel und ihren 15-jährigen Zwillingssöhnen lebt sie in Nairobi und leitet dort im Auftrag von UNICEF eine Schule.

Als der norwegische Entwicklungshilfeminister die Einrichtung besucht, kommt es zu einem brutalen Terroranschlag mit mehreren Toten. Geistesgegenwärtig und kaltblütig rettet Clara eine Gruppe von Kindern und feuert mit dem Maschinengewehr eines toten Terroristen auf die Angreifer. Schlagartig steht sie als Heldin wieder im Mittelpunkt des norwegischen Medieninteresses.

Das Comeback
Zurück in Oslo überschlagen sich die Ereignisse. Die Ministerpräsidentin beruft Clara erneut auf den Posten der Justizministerin, deren verhasste Mutter Agnes plant den Verkauf von Grundstücken auf dem familieneigenen Hof in Westnorwegen und eine fünf Jahre alte Frauenleiche wird in einem Salzfass in einer aufgegebenen Wurstfabrik gefunden.

Hier tritt der bekannte Talkshow-Moderator Erik Heier auf den Plan, dessen populäre Sendung aus Kostengründen weichen muss. Nachdem er in der letzten Sendung die charismatische, wortgewandte und schöne Vorzeige-Karrierefrau Clara zu Gast hatte, für die auch er eine große Faszination verspürt, plant er einen investigativen Podcast über cold cases, ungelöste Altfälle. Thema des ersten Projekts soll der Fall der Salzfass-Leiche sein, Sabiya Rana, einer jungen Kinderärztin pakistanischer Herkunft und Mutter dreier Kinder, die plötzlich des Dreifachmordes verdächtigt wurde und nach ihrer Entlassung spurlos verschwand. Erik Heier ahnt nicht, wie nahe er mit seinen Recherchen dem Mysterium Clara Lofthus kommt…

Ruth Lillegraven auf der Frankfurter Buchmesse 2019. © B. Busch

Psychothriller mit Sog und literarischen Qualitäten
Düsteres
Tal ist der dritte Band einer ungewöhnlichen Psychothriller-Trilogie der 1978 geborenen, 2013 mit dem Brageprisen ausgezeichneten norwegischen Lyrikerin, Belletristik- und Kinderbuchautorin Ruth Lillegraven. Ungewöhnlich ist das „normale“ Umfeld, in dem sich die skrupellose Protagonistin bewegt, ungewöhnlich die wunderbaren Naturbeschreibungen aus Westnorwegen und die detaillierten Beschreibungen politischer Prozesse, die Ruth Lillegraven aus ihrer langjährigen Arbeit im Verkehrsministerium kennt, aber auch die literarische Qualität. Aus all diesen Gründe habe ich, obwohl ich sonst kaum Thriller lese, jeden neuen Band dieser Trilogie dringend erwartet. Hervorragend gelingt es der Autorin, das Innenleben ihrer furchteinflößenden, ohne Hemmschwelle agierenden Heldin glaubhaft darzustellen, nach deren Logik jede und jeder aus dem Weg geräumt werden muss, die oder der ihr in die Quere kommt:

Es gibt keine Gerechtigkeit, aber manchmal kann man etwas tun, um das Gleichgewicht wiederherzustellen. (S. 78)

Menschlich wird die gnadenlose Protagonistin in ihrem idealistischen Einsatz für einen verbesserten Schutz für Kinder und mit ihrer Sehnsucht nach dem Hof ihrer Familie in ihrer westnorwegischen Heimat:

Ich will nach Hause. Wenn ich mit der Politik fertig bin, kann es nur diesen Weg geben […]. (S. 179)

Ruth Lillegraven: Düsteres Tal. Fotos: © M. Busch. Collage: © B. Busch. Cover: © List.

Kein Whodunit und trotzdem unglaublich spannend
Wie bei den Vorgängerbänden Tiefer Fjord und Dunkler Abgrund beruht die Spannung auch bei Düsteres Tal nicht auf der Frage nach dem Täter oder der Täterin, sondern auf dem Wie und Warum sowie der sehr besonderen Erzählweise von Ruth Lillegraven. Die 78 kurzen Kapitel mit einem Prolog bzw. Epilog aus dem Podcast werden abwechselnd von Clara, Axel und Erik Heier erzählt, was Tempo wie Dramatik gleichermaßen steigert.

Eine rundum gelungene, wendungsreiche und perfekt konstruierte Psychothriller-Trilogie mit einem für mich ebenso überraschenden wie genialen Finale.

Ruth Lillegraven: Düsteres Tal. Aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob. List 2025
www.ullstein.de/verlage/list

 

Weitere Rezensionen zu Bänden der Clara-Lofthus-Trilogie von Ruth Lillegraven:

Bd. 1
Bd. 2

 

Sorj Chalandon: Herz in der Faust

   Die Wut, die bleibt

 

2013 hat mich der Roman Die Brandungswelle der französischen Autorin Claudie Gallay begeistert, zu dem sie ein Gedicht ihres populären Landsmanns, Lyrikers, Filmemachers, Drehbuch- und Theaterautors Jacques Prévert (1900 – 1977) inspiriert hatte: „Le gardien de phare aime trop les oiseaux“.

 

Haus und Grab von Jacques Prévert in Omonville-la-Petite . © B.&M. Busch.

Einen Auftritt hat Jacques Prévert mit seinem 1934 veröffentlichten Gedicht „La chasse à l’enfant“, die Kinderjagd, auch im Roman Herz in der Faust des 1952 in Tunis geborenen französischen Journalisten und mehrfach preisgekrönten Bestsellerautors Sorj Chalandon. Im Gedicht wie im Roman geht es um die Korrektionsanstalt Haute-Boulogne auf der vom Atlantik umtosten bretonischen Belle-Île-en-Mer, einer Strafkolonie, erbaut auf einer Zitadelle Vaubans. Zwischen 1880 und 1977 wurden dort Kinder und Jugendliche von 12 bis 21 Jahren wegen kleinerer Diebstähle, Landstreicherei, als Waisen oder unerwünschte Familienmitglieder untergebracht. Zur Zeit des Romans in den 1930er-Jahren übten kriegstraumatisierte Wärter unter den Augen einer heuchlerischen Politik, Justiz und Verwaltung ungezügelt sadistische Gewalt aus. Die Insassen wurden Opfer körperlicher, sexueller und psychischer Misshandlungen durch Aufseher und Mitgefangene, drakonischer Strafen, Hunger, Vernachlässigung, demütigender Schikanen und Ausbeutung.

Aufstand und Flucht
Am 27. August 1934 kam es zu einem Aufstand und zur Massenflucht von 56 Kindern und Jugendlichen über die sechs Meter hohe Mauer. Die anschließende unbarmherzige Treibjagd durch Aufseher, Gendarmen, die „brave“ Inselbevölkerung, Touristinnen und Touristen, befeuert durch ein Kopfgeld von 20 Francs, thematisiert Jacques Prévert in seinem Gedicht.

In Sorj Chalandons Roman Herz in der Faust kann sich einer der Ausbrecher der Gefangennahme entziehen: der fiktive Jules Bonneau. Er ist, mit Ausnahme des Epilogs, Ich-Erzähler, ein Heimatloser, der im Alter von 13 Jahren 1927 in die Anstalt eingewiesen wurde und den Kampfnamen „Kröte“ trägt. Er berichtet über seinen siebenjährigen Aufenthalt unter unmenschlichsten Bedingungen, der aus ihm einen wutgetriebenen, unbeherrschten, gewaltbereiten, misstrauischen, in Rachefantasien schwelgenden und um Gerechtigkeit ringenden Jugendlichen machte. Doch entgegen seiner Beteuerungen ist Jules nicht nur hart, in seiner Faust schlägt ein Herz. Den jüngeren, zarten Waisenjungen Camille Loiseau nimmt er unter seine Fittiche und kann ihn doch auf der Flucht nicht vor Verrat schützen, ein bleibendes Mal des Schmerzes und der Scham.

Sorj Chalandon: Herz in der Faust. Fotos: © M.&B. Busch. Collage: © B. Busch. Cover: © dtv.

Jules dagegen findet auf wundersame Weise Aufnahme im Haus des sozialistischen Fischers Ronan Kadarn und seiner mutigen Frau Sophie, einer Krankenschwester der Anstalt. Aber kann, wer nur Hass und Gewalt kennt, sich im Kampf gegen die Welt und sich selbst befindet, wieder Vertrauen fassen?

Ein Schrei nach Gerechtigkeit
Sorj Chalandon bettet seinen Unterhaltungsroman um schreiendes Unrecht und eine abenteuerliche Flucht in den Kampf zwischen Linken und Rechtsextremisten im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs und die Unabhängigkeitsbestrebungen von Bretonen und Basken ein – mit eindeutig verteilten Sympathien. Die äußerst detaillierten Gewaltbeschreibungen sind zwar eher der bei der gründlichen Recherchearbeit entstandenen Wut des Autors und eigenen kindlichen Gewalterfahrung als Voyeurismus zuzuschreiben, trotzdem haben sie bei mir leider unbeabsichtigte Distanz erzeugt. Die knappe, bittere, oft brutale Sprache passt dagegen gut zu dem von inneren Kämpfen zerrissenen Ich-Erzähler, viele Szenen sind filmreif.

Wie in seinen beiden ebenfalls empfehlenswerten Romanen Am Tag davor und Verräterkind, die ich bereits kannte, widmet sich der Autor auch in Herz in der Faust einem ungeheuerlichen Thema der französischen Geschichte und gibt den Opfern von Unmenschlichkeit und Unterdrückung ein Gesicht. Zusammen mit dem unvergesslichen Protagonisten und der spannenden Dramaturgie ist der Roman trotz der wenigen genannten Kritikpunkte daher sehr lesenswert.

Sorj Chalandon: Herz in der Faust. Aus dem Französischen von Brigitte Große. dtv 2025
www.dtv.de

 

Weitere Rezensionen zu Romanen von Sorj Chalandon auf diesem Blog:

Chalandon 

William Heinesen: Noatun

  Aufbruch ins Ungewisse

Nicht aus Abenteuerlust, sondern auf der Flucht vor Perspektivlosigkeit und existenzieller Not verlässt um 1930 eine kleine Gruppe Färinger ihr Dorf am übervölkerten Fjord, wo es weder Winterarbeit noch Aussicht auf eigenes Land gibt. Sie siedeln im schwer zugänglichen, menschenfeindlichen Dødmandsdal in einer abgelegenen Bucht der Färöer, wo unter einem Geröllfeld ein in einer Ballade besungenes Schiffswrack liegen soll, dessen Tote umgehen. Nach dem Wohnort des Meeresgottes Njord nennen sie ihr neues Zuhause Noatun, Schiffsflur.

Ein Kollektivroman
In den Monaten zwischen Oktober und Februar, wenn die Männer nicht beim gefährlichen Hochseefischfang im Nordmeer unterwegs sind, wird der vorerst nur gepachtete Boden urbar gemacht, Felder werden angelegt und tageweise an der eigenen Küste gefischt. Die Vision der Familien und alleinstehenden Männer, für die sie schwere Arbeit, einfachste Bedingungen, Unsicherheit, Hunger- und Kälteperioden, Extremwetter, Schiffsunglücke, Krankheiten, Bergrutsche, Misstrauen von Seiten der Zurückgebliebenen und des Großbauern sowie Auseinandersetzungen mit der dänischen Obrigkeit in Person eines Anwalts auf sich nehmen, ist ein selbstbestimmtes Leben und die Aussicht auf eigenes Land und Vieh. Fast alle halten durch, werden heimisch und empfinden wie der Familienvater Niels Peter:

Dort unten lag das Tal im diesigen Schatten des Urefjelds. Die Häuser waren kaum auszumachen. Aber welch wunderbare Geborgenheit war es doch zu wissen: Dort wohnte man und hatte sein Zuhause. „Ich bereue nichts“, dachte er bei sich. „Noatun ist unser Ort, dort wohnen wir, dort werden wir leben und sterben.“ (S. 227)

William Heinesen: Noatun. Foto: Pixabay License. Collage: © B. Busch. Cover: Guggolz.

Nicht das Individuum, sondern das auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesene Kollektiv steht im Mittelpunkt des Romans Noatun, der Episoden aus den ersten etwa zwei Jahren nach der Landnahme erzählt. Der gemeinsame Kampf um Auskommen, Selbstbestimmtheit, Glück und die Zukunft ihrer Kinder, der unermüdliche Fleiß, die Zuversicht, Offenheit, Empathie, Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft, die erstaunliche Toleranz allen gegenüber, die mit ihrer Arbeit zum Gelingen des Unternehmens beitragen, und die Fähigkeit, aufkommende Konflikte friedlich zu schlichten, beeindrucken zutiefst. Mit dem Bau eines Leuchtturms kommen ein Hauch von Moderne, eine neue Einkommensquelle und mehr Normalität ins Tal und rückt die Zivilisation näher, ähnlich wie in der Insel-Saga Die Unsichtbaren von Roy Jacobsen beim Anschluss Barrøys an die Milchroute.

Eine großartige Wiederentdeckung
William Heinesen (1900 – 1991) gehört zu den bedeutendsten Autoren der Färöer und hat neben sieben Romanen zahlreiche Gedichte und Erzählungen verfasst. Noatun ist sein zweiter, aus dem Jahr 1938 stammender Roman, den er nicht lange nach seiner Rückkehr aus Dänemark auf Dänisch verfasste, und der bereits 1939 erstmals auf Deutsch erschien. Der 2014 gegründete Guggolz Verlag, dem inzwischen so viele wunderbare Neu- und Wiederentdeckungen aus Nord- und Osteuropa zu verdanken sind, hat Noatun von der leider kürzlich verstorbenen Inga Meincke und Verena Stössinger fantastisch neu übersetzen lassen und mit einem herausstechend schönen Cover, Anmerkungen sowie einem informativen Nachwort des Skandinavisten Klaus Müller-Wille über Autor, Werk und literarische Bezüge zu Kollegen wie Knut Hamsun (1859 – 1952) und Halldór Laxness (1902 – 1998) versehen.

Für mich ist Noatun eine bereichernde Entdeckung und ein Highlight meines Lesejahres 2025, ein rhythmisch vom Lauf der Jahreszeiten unterlegter, hoffnungsvoller, ruhig und mit bildmächtigen Naturschilderungen erzählter Roman, bei dessen Lektüre man sich selbst auf den Färöern mit ihren Sagen, kargen Landschaften, heulenden Winden, Sturmfluten, Bergstürzen und eisigen Wintern wähnt.

William Heinesen: Noatun. Aus dem Dänischen von Inga Meincke u. Verena Stössinger. Mit Nachworten von Klaus Müller-Wille u. Sólrún Michelsen. Guggolz 2025
www.guggolz-verlag.de

Katerina Poladjan: Goldstrand

   Kino auf der Couch

Rom 2024. Auf der Couch der Dottoressa Maltesta in einer Altbauwohnung liegt seit viereinhalb Monaten zweimal wöchentlich der 62-jährige Filmregisseur Elia Fontana, genannt Eli. Seinen letzten Film hat er vor zehn Jahre gedreht. Nun ersetzt ihm die Therapeutin das Publikum, wenn er aus seinem Leben erzählt. Oder sind es nur Fantasien?

Der fehlende Vater ist die große Leerstelle in Elis Leben. Seine Mutter Francesca, eine Kommunistin aus großbürgerlicher italienischer Familie, war 1961 von einer Reise zum sozialistischen Großprojekt Goldstrand an der bulgarischen Schwarzmeerküste schwanger zurückgekehrt und hatte den Erzeuger ihres Kindes, einen aus der Ukraine stammenden Bulgaren namens Felix, nie wiedergesehen. Den zweijährigen Eli ließ sie bei ihrem zeitlebens vom Faschismus überzeugten Vater und ihrer schwachen Mutter zurück. Umso erstaunlicher scheint es, was Eli über seinen Vater zu berichten weiß. Er soll 1922 als Sechsjähriger mit seinem Vater Lew, einem Philosophieprofessor, aus Odessa geflohen sein, sich als Architekturstudent in Sofia dem Kommunismus angeschlossen haben und verantwortlich für den Bau von Goldstrand sein, einem „Musterbeispiel sozialistischer Erholungsarchitektur“ (S. 38). Wahrheit? Fiktion? Und was ist mit Vera, Felix‘ älterer Schwester, die sich auf der Flucht ins Schwarze Meer gestürzt haben soll, ein nie verwundenes Trauma für Lew und Felix, das Eli übernommen hat? Eli hat ihr Verschwinden in einem Film verarbeitet und seine Tochter nach ihr benannt, aber ist nicht auch dieses transgenerationale Trauma Fiktion?

Katerina Poladjan: Goldstrand. Foto & Collage: © B. Busch. Cover: © S. Fischer.

Realität und Fiktion
Katerina Poladjan
, 1970 in Moskau geborene und seit Ende der 1970er-Jahre in Deutschland lebende, vielfach preisgekrönte Autorin, streift in ihrem sechsten Roman durch 100 Jahre europäische Geschichte und verbindet Ost und West in der Biografie ihres Protagonisten in gerade einmal 156 Seiten. Formal geben die klar strukturierten und ritualisierten Therapiesitzungen den Rahmen der ersten sechs Kapitel vor, die zugleich stark an filmische Sequenzen erinnern. Leise schleichen sich in den Text surreale Szenen ein, die bei mir zunächst Erstaunen, dann immer mehr Misstrauen auslösten. Im abschließenden siebten Kapitel verschwimmen Realität und Fiktion endgültig. Nun wird der Typus des unzuverlässigen Erzählers, der in diesem Fall ein professioneller Geschichtenerfinder ist, auf die Spitze getrieben, wie ich es nie vorher erlebt habe. Aber ist das verwunderlich bei einem Roman, der auf der berühmten, von einem italienischen Architekten aus Trienter Sandstein erbauten Potemkinschen Freitreppe in Odessa beginnt, deren Konstruktion ganz auf perspektivische Wirkung angelegt ist?

Ein kunstvolles literarisches Spiel
Überraschend leicht lässt sich der Roman lesen, trotz der Verschachtelung, der zahlreichen Bezüge zur griechischen Mythologie, zur Literatur und zur Philosophie, der Symbole, deren stärkstes der titelgebende Goldstrand ist, und dem Spiel mit Namen, selbst wenn man längst nicht alles erfasst. Der Ton schwankt zwischen Melancholie und Heiterkeit, letzteres vor allem in den Dialogen.

Was am Ende Realität, was Erinnerung, was Film und was reine Fiktion ist, bleibt der Einschätzung der Leserinnen und Leser überlassen und bietet reichlich Diskussionsstoff. Es bleibt neben starken Frauenfiguren das Bild eines einsamen, beziehungsunfähigen Mannes, geprägt von den Verwerfungen eines Jahrhunderts, eines in der Vergangenheit verharrenden Protagonisten auf der Suche nach den eigenen Wurzeln und der eigenen Identität, den nicht einmal seine Mutter versteht:

Warum musst du so bohren? Es gibt keine Geschichte vor deiner Geburt, es gibt keine Geschichte nach deiner Geburt […]. Die Geschichte bist du selbst, du brauchst keine Beglaubigung, du brauchst sie nicht, Eli. (S. 136)

Katerina Poladjan: Goldstrand. S. Fischer 2025
www.fischerverlage.de

Gaea Schoeters: Das Geschenk

   Wohin mit 20.000 Elefanten?

2006 wurde der Braunbär Bruno in Deutschland zum Politikum. Die bayerische Staatsregierung erklärte ihn zum „Problembären“ und gab ihn unter großer medialer Anteilnahme zum Abschuss frei.

Von anderer Tragweite sind die Schwierigkeiten von Bundeskanzler Hans Christian Winkler im Roman Das Geschenk der flämischen Autorin Gaea Schoeters, denn wie von Zauberhand tauchen in Berlin plötzlich 20.000 afrikanische Elefanten auf. Ein Anruf des botswanischen Präsidenten schafft Klarheit: Die Dickhäuter sind weder Terroranschlag noch Spionageangriff, sondern die Antwort auf das vom Bundestag mit deutlicher Mehrheit verabschiedete sogenannte „Elfenbeingesetz“, das die Bedingungen für den Import exotischer Jagdtrophäen beträchtlich verschärft. Das tierische Geschenk ist vergiftet:

Ihr Europäer wollt uns vorschreiben, wie wir zu leben haben. Vielleicht solltet ihr einfach mal selbst versuchen, mit Megafauna zurechtzukommen. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, Deutschland zwanzigtausend Elefanten zu schenken. (S. 34)

Liquidieren oder einsperren ist keine Option:

Jeder Elefant, dem auch nur ein einziger Stein in den Weg gelegt wird, wird sich verdoppeln. […] Alles für die Elefanten. (S. 35)

Gaea Schoeters: Das Geschenk. Fotos: © M. & M.A. Busch. Bearbeitung mittels Photopea u. Collage: © K. Pape & B. Busch. Cover: © Zsolnay.

Die Rechtspopulisten im Nacken
Winklers Hoffnung, sein Image durch medienwirksame Krisenbewältigung aufzubessern und damit den rechtspopulistischen Konkurrenten Holger Fuchs bei den anstehenden Wahlen in Schach zu halten, zerplatzt wie eine Seifenblase. Stattdessen ergeht man sich im Krisenstab in Macht- und Ränkespielen und steht hilflos den 2000 Tonnen Elefantenfäkalien pro Tag gegenüber, für deren Treibhausgase die nötigen Emissionszertifikate im schlimmsten Fall für viel Geld von Botswana erworben werden müssen, kämpft mit der Beschaffung von Wasser und Futter, demonstrierenden Müllwerkern und Bauern, Massenkarambolagen, Verwüstungen und höchst invasiven Pflanzen. Die Öffentlichkeit schwankt zwischen gefühliger Euphorie für ein neugeborenes Elefantenbaby, hysterischer Ablehnung und Unterstützung für Holger Fuchs, der sich mit Hilfe der Elefanten zunehmend profiliert. In seiner Not und auf Anraten seiner Vorgängerin beruft Winkler eine Ministerin für Elefantenangelegenheiten und verlagert die Verantwortung auf die taffe schwäbische Parteigenossin Hannelore Hartmann:

Männer bekommen meistens in stabilen Unternehmen oder Situationen Führungsposten, Frauen werden nur in Krisenzeiten solche Spitzenjobs angeboten. (S. 66)

Die neue Ministerin sprüht vor Tatendrang, stellt strenge Verhaltensregeln auf, ruft Elefantenquoten für die Bundesländer aus, lässt aus Exkrementen exklusiven Dünger für den Weltmarkt produzieren und radikalisiert sich auf ihre Weise – alles für die Elefanten!

Eine Politsatire mit realem Hintergrund
Als der botswanische Präsident Mokgweetsi Masisi am 2. April 2024 die Ankündigung machte, 20.000 Elefanten nach Deutschland zu schicken, hielten viele das für einen verspäteten Aprilscherz. Tatsächlich hatte die ebenso provokante wie absurde Ankündigung einen ernsten Hintergrund: die Überforderung seines Landes durch die zunehmende Elefantenpopulation und die postkoloniale Überheblichkeit des Westens. Gaea Schoeters, 1976 geborene Tochter eines belgischen Politikers, hat die Idee als Steilvorlage für ihren schmalen Roman Das Geschenk aufgegriffen und die Folgen von Tag 1 bis 435 äußerst fantasievoll ausgemalt. Herausgekommen ist eine klug komponierte Polit- und Gesellschaftssatire, bissig, zoologisch wie botanisch lehrreich, entlarvend und urkomisch, wobei mir das Lachen oftmals im Hals steckengeblieben ist.

Herausragend, aufrüttelnd und unbedingt lesenswert!

Interview und Lesung mit Gaea Schoeters (rechts) im Naturkundemuseum Stuttgart – Schloss Rosenstein am 3.12.2025. Moderation: Katharina Borchardt (links). © B. Busch

Gaea Schoeters: Das Geschenk. Aus dem Niederländischen von Lisa Mensing. Zsolnay 2025
www.hanser-literaturverlage.de/verlage/zsolnay-c-71

Jane Gardam: Tage auf dem Land

  Mühsal der Pubertät

Marigold Daisy Green wächst – vermutlich in der frühen zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts – in einem kalten Küstenort in Yorkshire, so abgelegen, dass man nicht einmal richtig Fernsehen empfangen kann, unter außergewöhnlichen Umständen auf. Ihre Mutter ist bei ihrer Geburt verstorben, was ihr, wie sie meint, etwas Prinzessinnenhaftes verleiht. Ihr Vater William Green, ein sanftmütiger, schweigsamer und zerstreuter Intellektueller, leitet das altmodische Jungeninternat St Wilfrid‘s. Er wird heimlich von den Schülern Bill genannt, daher Marigolds Spitzname „Bilge“, „Bills gelungene Tochter“, im Original „Bilgewater“, eine Bezeichnung für Leckwasser im Schiffsrumpf, sogenannte „Kieljauche“.

Die Aufmerksamkeit der zupackenden 36-jährigen Hausmutter Paula Rigg, einer Farmerstochter aus Dorset mit orkanhafter Durchsetzungsfähigkeit, muss sich Marigold seit ihrer Geburt mit 40 Internatsschülern teilen. Gerecht, fürsorglich, aber nicht übertrieben mütterlich, hält Paula nichts von Äußerlichkeiten und duldet keinerlei Selbstmitleid.

Vater und Tochter Green gelten als skurril, ihr Sozialleben beschränkt sich auf die Donnerstagsrunden des Vaters mit ebenso kauzigen, hochbetagten Kollegen. Marigold, die vor allem die langen, schweigsamen Schachpartien mit ihrem Vater liebt, leidet unter ihrem Außenseiterdasein und hält sich für hässlich, dumm und nicht liebenswert.

Jane Gardam: Tage auf dem Land. Foto: © M. Busch. Collage: © B. Busch. Cover: © Hanser Berlin.

Enttäuschte Hoffnungen
Als Marigold 17 Jahre alt ist und sich trotz anderer, unerkannter Alternativen ganz der Schwärmerei für den attraktiven Schulsprecher Jack Rose hingibt, kehrt ihre glamouröse und geheimnisvolle Kindheitsfreundin Grace Gathering wie eine Verheißung an ihre Schule zurück. Plötzlich fällt etwas von deren Glanz auf sie. Grace nimmt sich Marigolds Garderobe und ihrer leuchtend orangefarbenen Locken an, und als Marigold eine Wochenend-Einladung zur Familie von Jack Rose erhält, dessen Mutter angeblich ihre verstorbene Mutter kannte, scheint ein anderes Leben in greifbare Nähe zu rücken.

Doch es kommt ganz anders, denn die Besuchstage halten eine Kette von Katastrophen für Marigold bereit. Das vermeintliche Landhaus entpuppt sich als abweisende Vorortvilla mit Zahnarztpraxis, der Empfang ist kalt und vor allem ist sie nicht der einzige Gast. Turbulente Stunden mit Anklängen an Schauerromane brechen an, komödienhaft für die Leserschaft, doch voller Enttäuschungen und Ernüchterung für Marigold, die sich fortan Abstinenz von Liebe, Männern und Freundschaft schwört.

Mehr Charakterstudie als Spannungsgeschichte
Tage auf dem Land
ist eine klassische Coming-of-Age-Geschichte, im Original bereits 1976 und nun, kurz nach dem Tod der in Deutschland spät entdeckten britischen Autorin Jane Gardam (1928 – 2025), erstmals in der Übersetzung von Monika Baark auf Deutsch erschienen. Thematisch könnte man einen Jugendroman vermuten, zahlreiche literarische Anspielungen und die Fokussierung auf durchweg exzentrische Charaktere statt auf einen echten Plot machen das Buch jedoch eher zu einer Lektüre für Erwachsene.

Eine geniale Hörbuchsprecherin
Ich habe mir den trotz der Zuneigung der Autorin zu ihrer Protagonstin nie sentimentalen Roman Tage auf dem Land in der ARD-Audiothek in gut acht, meist unterhaltsamen Stunden vorlesen lassen. Die herausragende Schauspielerin und Sprecherin Sonja Beißwenger lebt die Rolle der Marigold, überbrückt Längen und unterstreicht mit ihrer Interpretation genau das, was mir an dem Buch gefallen hat: den unvergesslichen Charakter der hinreißenden Ich-Erzählerin mit ihrer fehlenden Menschenkenntnis und grotesken Weltfremdheit, ihrer herausragenden Intelligenz und Fantasie, ihrer Ehrlichkeit und Selbstironie, ihren Sehnsüchten, ihrem Snobismus und dem typisch britischen Humor in ihrem detailreichen Gedankenstrom.

Das Buch ist 2025 im Verlag Hanser Berlin erschienen.

Jane Gardam: Tage auf dem Land. Übersetzung: Monika Baark. Sprecherin: Sonja Beißwenger. Eine Koproduktion von NDR Kultur, MDR Kultur und hr2-kultur in der ARD-Audiothek. 2025
www.ardaudiothek.de

 

Weitere Rezension zu einem Roman von Jane Gardam auf diesem Blog:

Alex Schulman: 17 juni

   Flashback

Mit dem Roman 17 juni knüpft Alex Schulman thematisch an seine früheren fiktionalen Bücher Die Überlebenden und Endstation Malma an, aber auch an seine familienbiografischen Werke Skynda att älska über seinen Vater, Glöm mig über seine Mutter und Verbrenn all meine Briefe über seine Großeltern. Im Mittelpunkt steht ein einsames, schutzloses Kind aus einer dysfunktionalen Familie, dessen verdrängte Traumata tief ins Erwachsenenleben hineinwirken. Der Erwachsene möchte verstehen, wie er zu dem werden konnte, der er ist, woher seine plötzliche Wut kommt und sucht Versöhnung.

Die Wiederholung der immer gleichen Parameter, zu denen auch das vermeintlich idyllische Sommerhaus in Värmland gehört, könnte langweilig sein, fände Alex Schulman nicht immer wieder neue Versuchsanordnungen. In 17 juni sorgen ein ebenso geniales wie gespenstisches Gedankenexperiment und eskalierende Besessenheit für Spannung.

Warum?
17 juni
ist im Aufbau weniger komplex als Endstation Malma, aber ebenso raffiniert komponiert. Zwei Handlungsstränge laufen in zwei Zeitebenen parallel, bis sie schließlich zusammenfinden.

In der Gegenwart wird das unspektakläre Leben des 45-jährigen Stockholmer Lehrers Vidar Åkeby auf den Kopf gestellt, als er wie aus dem Nichts und ohne sich später daran zu erinnern einen 13-jährigen Schüler misshandelt. Vidar ist Single, sein Vater längst verstorben, die Mutter im Pflegeheim und zur älteren Schwester Tora war der Kontakt nie eng und ist nahezu eingeschlafen. Er ist nicht unglücklich, weder einsam noch besonders sozial und glaubt sich mit sich und seiner Kindheit im Reinen:

Jag var funktionell och mådde ganska bra. Det var inget med mig. (S. 28)

[Ich funktionierte und fühlte mich ziemlich gut. Mit mir war alles in Ordnung.]

Vom Schuldienst suspendiert, widmet er sich vergessenen Kartons aus der väterlichen Wohnung. Als ihm zufällig die Telefonnummer des längst aufgegebenen Sommerhauses der Familie in die Hände fällt, ruft er, einer spontanen Eingebung folgend, dort an, und sein Vater antwortet.

Fortan werden die Anrufe in die Vergangenheit zur Obsession. Einmal pro Tag zu unterschiedlichen Uhrzeiten meldet sich Vidar mit immer neuen Namen und Anliegen, spricht mit seinem Vater, seiner misstrauischen, dominanten Mutter, der desinteressierten Tora und schließlich mit seinem achtjährigen Ich. Er landet immer im gleichen Tag, dem 17. Juni 1986, und niemand kann sich an seine vorhergehenden Anrufe erinnern.

Doppelte Eskalation
Während die polizeilichen Untersuchungen drängender werden und Vidar durch Missachtung des Kontaktverbots seine Schuld noch vergrößert, arbeitet er immer besessener an der lückenlosen Dokumentation des Sommertags. Je mehr er rekonstruiert, desto sicherer ist er, dass der 17. Juni 1986 ein Schlüssel zum Verständnis seiner Gegenwart ist. An der Fototapete mit der sonnendurchfluteten Waldlichtung in seinem Wohnzimmer kleben im Koordinatensystem aus Uhrzeit und Familienmitglieder hunderte Notizzettel, aber es klafft  auch eine Lücke…

Alex Schulman: 17 juni. Hintergrundfoto: © M. Busch. Collage: © B. Busch. Cover: © Albert Bonniers Förlag.

Viele vertraute Puzzleteile
17 juni
gehört, wie alle Bücher des 1976 geborenen schwedischen Erfolgsautors, Podcasters, Kolumnisten, Theaterregisseurs und Filmemachers Alex Schulman, zum Genre ”verklighetslitteratur”, in der sich Fakten und Fiktion mischen. Man kann die autobiografischen Anteile aus dieser düsteren Kreuzung zwischen Zeitreise und Psychotherapie herauslesen, muss es aber nicht. Erschütternd sind die zärtlichen Bemühungen des Erwachsenen, das Kind zu schützen und ihm Selbstvertrauen zu geben, versöhnlich der Erklärungsansatz zu den Verletzungen der Mutter, hoffnungsvoll die Annäherung der Geschwister.

Alex Schulman auf der Frankfurter Buchmesse 2023. © B. Busch

Wer, wie ich, gerne in den Schulman-Kosmos eintaucht und Spaß am Wiederentdecken vertrauter Puzzleteilen aus früheren Büchern hat, kann sich auf die deutsche Ausgabe 2026 freuen. Ich konnte nicht warten, obwohl die Übersetzerin Hanna Granz den besonderen Schulman-Sound wunderbar trifft, habe mir den Roman sofort nach dem Erscheinen in der schönen Buchhandlung Wessman & Pettersson in Visby gekauft und ihn wie immer verschlungen.

Alex Schulman: 17 juni. Albert Bonniers Förlag 2025
www.albertbonniersforlag.se

 

Weitere Rezensionen zu Büchern von Alex Schulman auf diesem Blog:

        Schulman 

Anna Maschik: Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten

   Eingeweideschau

Ein Roman über vier Generationen einer Familie und ein ganzes Jahrhundert ist üblicherweise ein dicker Wälzer mit penibel recherchierten Details und gegebenenfalls fiktionaler Überbrückung von Leerstellen. Es geht aber auch ganz anders. Anna Maschik, 1995 geborene Autorin aus Österreich, die bisher Kurzprosa und Lyrik veröffentlicht hat, schafft ein solches Panorama auf nur 232 großzügig gesetzten Seiten in Fragmenten und lässt Leerstellen bewusst offen oder füllt sie mit magischem Realismus. Das mag ungewöhnlich klingen und ist es natürlich auch, aber es gelingt dermaßen gut, dass ihr Erstling Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten zurecht als einer von sechs Titeln auf der Longlist zum Debütpreis im Rahmen des Österreichischen Buchpreises 2025 steht.

Vier Frauen prägen die Familie
Anna Maschik konzentriert sich in ihrem von der eigenen Familiengeschichte inspirierten Roman ganz auf die Frauen. Henrike, Bäuerin auf einem Hof an der deutschen Nordsee, geboren am 1. Januar 1901, die den jüngeren Brüdern früh die Mutter und im Krieg auf dem Hof Mann und Sohn ersetzen muss, schlachtet aus Not illegal Schafe, weil die im Gegensatz zu Schweinen still sterben. Ihre Tochter Hilde will keinesfalls Bäuerin werden, heiratet einen österreichischen Soldaten und leidet unter Heimweh. Miriam, die dritte in der Reihe, entkommt nur knapp Hildes Abtreibungsversuch und erzieht ihre Tochter Alma, allwissende Ich-Erzählerin des Romans, allein.

Anna Maschik: Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten. Foto: © M. Busch. Collage: © B. Busch. Cover: © Luchterhand.

Alma wiederum spürt dem Schicksal ihrer Vorfahrinnen, aber auch der Vorfahren nach, die bei jedem Todesfall auftauchen und die Sterbenden in Empfang nehmen. Ständige Begleiterinnen sind außerdem Anna, die Hebamme, und Nora, die Totenfrau, die, wie Alma bei Miriams Tod erstmals bemerkt, „einander sehr ähnlich sehen“ (S. 230). Indem sie die Bruchstücke zusammenträgt, in den Innereien wühlt, wie Henrike einst in den Innereien der geschlachteten Schafe, ergründet sie die Auswirkungen vergangener Leben auf ihr eigenes und was ihr in die Wiege gelegt wurde:

Ich möchte mich vorstellen, ich bin Alma, und meine Erzählung ist eine Eingeweideschau. Leber, Lunge, Herz und Magen werden auf ihre Beschaffenheit untersucht. (S. 8)

Familienerbe
Vieles wiederholt sich. Henrike und Hilde singen nur für eines ihrer Kinder Schlaflieder, die benachteiligten beneiden ihre Geschwister, während diese wiederum unter ihrer Verantwortung leiden. Erst Miriam durchbricht die Kette, indem sie dem Drängen von Alma nach einem Geschwisterkind nicht nachgibt. Alle Frauen haben ein schwieriges Verhältnis zu ihren Töchtern, jedoch eine besondere Beziehung zur Natur und zu Gärten. Henrike, Hilde und Miriam sind gefangen in Sprachlosigkeit, bei Hilde und Miriam von ihren Müttern verordnet, im Buch spürbar durch unbedruckten Raum. Alma bricht dieses Schweigen, indem sie fragmentarisch die Familiengeschichte aufschreibt, in Anekdoten und in Listen, einer weiteren Besonderheit dieses Romans:

SYNONYME FÜR »FRÜHER «:
Im Norden
Im Krieg
Im Dorf
Daheim (S. 102)

Anna Maschik bei einer Lesung der Buchhandlung Uwe Mumm in der Heilig-Geist-Kirche in Pforzheim-Dillweißenstein am 20.10.2025. © B. Busch

Obwohl ich magischen Anteilen in Geschichten sonst eher kritisch gegenüberstehe, haben sie mich hier überhaupt nicht gestört, sondern im Gegenteil die Realität in eigentümlicher Weise verstärkt: ein Sohn, der die ersten 15 Jahre seines Lebens verschläft, ein anderer, der zum Wolf wird und ein dritter, der verholzt, oder Miriam, die am Ende ihres Lebens – ein wunderschönes Bild – als Zitronenbaum erblüht.

Anna Maschik ist mit ihrem innovativen, manchmal springenden Erzählstil, ihrer Sprachsensibilität und vielfältigen Metaphern ein ganz außerordentliches Debüt gelungen. Eine neue Stimme, auf deren weitere Werke ich sehr gespannt bin.

Anna Maschik: Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten. Luchterhand 2025
www.penguin.de/verlage/luchterhand-literaturverlag

Peter Huth: Aufsteiger

 Kurskorrekturen

Die Karriere des ehrgeizigen Journalisten Felix Licht kannte bisher nur eine Richtung: nach oben. Dafür hat er Familie, Privatleben und Gesundheit hintangestellt und lebt in Erwartung weiteren Aufsteigens auf zu großem Fuß. Um den Gipfel in Gestalt des Chefredakteurspostens bei der bedeutenden Wochenzeitschrift „Das Magazin“ zu erreichen, schreckt er auch vor Königsmord an seinem Mentor, Förderer und Freund Richard Leck nicht zurück, doch kommt ihm der mit der Kündigung zuvor. Seit das Blatt vom neureichen Ehepaar Christian und Charlotte Berg übernommen wurde, die ihr Riesenvermögen mit Kleidung für Neurechte gemacht haben und dieses Image nun unbedingt loswerden möchten, rückt Felix‘ Ziel in immer greifbarere Nähe, nun ist er sich seiner Sache sicher:

Er fühlte sich wie ein Alpinist, der im Schatten eines gewaltigen Berges aufgewachsen war und nun nach vielen Jahren und Aufstiegsversuchen nur noch wenige Meter bis zum Gipfel vor sich hatte, das Ziel fest im Blick. Er war viel zu nah dran, als dass er noch scheitern könnte. (S. 35)

Peter Huth: Aufsteiger. Foto & Collage: © B. Busch. Cover: © Droemer.

Verkalkuliert
Der Schlag trifft ihn ebenso unvorbereitet wie hart, plötzlich ist nicht nur Richard Leck, sondern auch Felix Licht ein alter weißer Mann. Ihm, der sich mit seinen 48 Jahren noch zum journalistischen Nachwuchs im besten Alter zählte, wird dank der Fürsprache von Charlotte Berg ausgerechnet die 31-jährige woke, schwarze Zoe Rauch vorgezogen, eine Frau mit einem „ausgezeichneten Ruf in genau dem Milieu, das das Magazin bislang strikt ablehnte“ (S. 76). Vor zwölf Jahren war sie seine begabteste Volontärin. Um ein Haar wäre er damals ihrer Schönheit und ihrem Charme erlegen und hätte für sie sein „Spießerleben“ (S. 71) riskiert. Nun ist sie plötzlich wieder da – unter umgekehrten Vorzeichen, aber ebenso anziehend. Innerhalb weniger Stunden bricht für Felix Licht alles zusammen: Karriere, Ansehen, Familie. Warum also nicht auf das Angebot des rechten Hetzbloggers und Anwalts Cornelius Sentheim eingehen und auf Diskriminierung wegen Alters, Geschlechts und Hautfarbe klagen, um wenigstens die finanziellen Probleme abzufedern?

Auf und Ab
Aufsteiger
ist ein Roman aus der Berliner Medienwelt, der mich zunächst in Bann gezogen hat. Der Prolog in den Räumen der Gerichtsmedizin macht neugierig, die Niederlage des selbstmitleidigen Ehrgeizlings Felix Licht erzeugt Schadenfreude und die Schilderung der prekären Lage der Printmedien ist interessant. Dass der 1969 geborene Autor Peter Huth heute Unternehmenssprecher bei Axel Springer ist und früher als Journalist unter anderem Chefredakteur der B.Z. und der Welt am Sonntag war, steht für tiefe Kenntnis der bundesdeutschen Medienszene.

Allerdings flaute meine Begeisterung im Mittelteil deutlich ab, denn die Diskussionen in der Redaktion und den rechtspopulistischen sozialen Medien über Klimakleber, Windkraft, Indianer, Gendersternchen und Transpersonen wirken – wenn auch nicht abschließend gelöst – entsetzlich abgedroschen. Ausgetauscht werden altbekannte Argumente, die mich  angesichts der schweren aktuellen Krisen wie Ukraine- oder Gazakrieg noch weniger ineressieren als damals und mit denen ich mich einfach nur gelangweilt habe. Gestört hat mich außerdem, dass es durchgängig nur radikale Charaktere gibt, die zudem jedes erdenkliche Klischee erfüllen: radikal ehrgeizig, geltungssüchtig, (pseudo-)feministisch, rechtspopulistisch, wertefrei, selbstmitleidig, reich…, keinerlei Grautöne, und für mich damit ohne Möglichkeit zur Anknüpfung.

Im letzten Teil hat mich die Handlung allerdings wieder eingefangen, weil die extremen Wendungen den Roman dann doch an den Rand der Satire rücken. Insgesamt war Aufsteiger daher, nicht zuletzt wegen des dynamischen Schreibstils und des Clous im Epilog, doch eine lohnende Lektüre für mich.

Peter Huth: Aufsteiger. Droemer 2025
www.droemer-knaur.de