Sandra Grimm & Anja Grote: Der kleine Flohling

Keiner ist ohne Talent

Am letzten Tag der Grundschule erhalten alle Littelkinder die Zuweisung zu einer Talentklasse in der Littelschmiede nach den Ferien, nur Flohling nicht, denn bei ihm hat sich bisher kein Talent gezeigt. Eigentlich macht ihm das nichts aus, denn er ist ein zufriedenes, kluges, aufmerksames Littelkind, das alle zum Lachen bringt und immer fröhlich ist. Traurig macht ihn nur die Sorge, die er bei seinen Eltern spürt: „Eigentlich ist es mir egal… Aber irgendwie sind alle ganz besessen davon. Und langsam glaube ich auch, dass mir etwas fehlt.“ Ist es möglich, dass er für keine Tätigkeit besonders begabt ist und überall nur Chaos stiftet? Flohling beschließt, Lilvis, die Weise des Nordens, aufzusuchen, um Rat bei ihr zu finden. Zusammen mit dem Familienspatz Pilfink, seiner Freundin Lisbet und der Kröte Krotte macht er sich auf den beschwerlichen, gefährlichen Weg durch die Littelwälder, das Winterdorf, das Hügeldorf, zum Nordfluss und die Silbernen Berge hinauf. Viele spannende Abenteuer erleben die vier, begegnen Tieren, Muskis, Gnormen, Risser, Scharren und sogar einem Riesen, bis sie schließlich zu Lilvis gelangen. Doch am Ende muss Flohling sein Talent ganz alleine finden…

Der kleine Flohling von Sandra Grimm ist ein rundherum gelungenes Vorlesebuch für Kinder ab etwa fünf Jahren, das gut verständlich, spannend und stimmig von Freundschaft, Zusammenhalt, Hilfsbereitschaft, Mut und Selbstfindung erzählt. Vorleser wie Zuhörer werden zum Miträtseln eingeladen, hoffen mit dem sympathischen Flohling und bangen um ein gutes Ende der gefahrvollen Reise. Sehr gut gefallen hat mir auch die Haltung von Littels Eltern, die ihrem Sohn Flügel geben, indem sie volles Vertrauen in ihn setzen und ihm die abenteuerliche Wanderung erlauben. Die bunten, stimmungsvollen Illustrationen von Anja Grote erinnern mich ein wenig an Mangas, vor allem bei den ausdrucksstarken Gesichtern mit den großen Augen. Die Bilder gehen über den Text hinaus und ergänzen ihn ausgezeichnet, da die Autorin sich vornehmlich auf das Innenleben ihrer Figuren und die Handlung konzentriert.

Sandra Grimm & Anja Grote: Der kleine Flohling. Oetinger 2018
www.oetinger.de

Sarah Henshaw: Mein wunderbares Bücherboot

Eine Frau, ein Kanalboot, viele Bücher

Die meisten Buchkäufer haben es inzwischen hautnah erlebt: Größere wie kleinere inhabergeführte Sortimente, die meist mit viel Herzblut, Kreativität, Leidenschaft, literarischem Sachverstand geführt wurden, schließen oder werden von Ketten geschluckt. Übrig bleiben der Onlinehandel, Wühltische in  Lebensmittel- oder Drogerieketten und die immer mehr oder weniger gleichen Filialisten, in denen ich weder gerne einkaufen noch arbeiten möchte. Erschwerend kommen der erneute Rückgang der Umsätze auf dem Buchmarkt 2017, der Anstieg der E-Book-Quote und die abnehmende Kundenfrequenz in vielen Städten hinzu. In Großbritannien, wo die Autorin Sarah Henshaw mit ihrem Bücherboot unterwegs war, fehlt darüber hinaus die Buchpreisbindung, die in Deutschland zum Schutz des Kulturguts Buch glücklicherweise weiterhin besteht.

Die junge Journalistin Sarah Henshaw hat sich 2009 trotzdem ihren Lebenstraum einer eigenen Buchhandlung erfüllt, auf einem 18 Meter langen Kanalboot im Hafen von Burton-upon-Trent nahe Birmingham. Neben Kosteneffizienz erhoffte sie sich von diesem ungewöhnlichen Geschäftsmodell mehr Kunden, eine Rechnung, die im ersten Jahr aufging. Doch bereits nach zwei Jahren stand die „Book Barge“ vor dem finanziellen Aus, der Schuldenberg wuchs trotz Sieben-Tage-Wochen und zahlreichen Veranstaltungen. Als die Beziehung zu ihrem langjährigen Partner hauptsächlich wegen ihrer unternehmerischen Situation in die Brüche ging, beschloss Sarah Henshaw zu handeln und begann im Mai 2011 eine Reise über Englands Kanäle, um sich aus ihrer persönlichen Notlage zu befreien und auf den desaströsen Zustand des stationären Buchhandels aufmerksam zu machen. Zumindest letzteres scheint ihr gelungen zu sein – die immer größere mediale Beachtung im Laufe ihrer Unternehmung spricht dafür.

In ihrem Buch Mein wunderbares Bücherboot erzählt Sarah Henshaw in teilweise humorvollen Anekdoten von dieser Reise, von den 1700 zurückgelegten Kilometern, ihrem Kampf mit 707 Schleusen, ihren unzähligen Begegnungen, ihren 1172 Buchverkäufen und 223 Tauschgeschäften, bei denen sie Bücher gegen ein Bett, eine Mahlzeit, einen Haarschnitt oder was immer sie gerade brauchte, eintauschte. Wenig erfährt man dagegen über die Landschaft, die bei ihrer Reise offensichtlich keine große Rolle spielte. Gut gefallen haben mir ihre Betrachtungen zur Literatur genauso wie der fiktive Brief an den Amazon-Chef Jeff Bezos, weniger folgen konnte ich ihren philosophischen Versuchen. Cover, Vorsatzpapier und Layout passen ausgesprochen gut zum Stil des Buches, die gezeichnete Landkarte sieht hübsch aus und erleichtert die Orientierung und das Vorwort von Torsten Woywod kann ich so unterschreiben.

Ein Wort noch zu Sarah Henshaws Herangehensweise an den Buchhandel, die sie selbst zurecht als „naiv“ bezeichnet. So sehr die Liebe zur Literatur für diesen Beruf wünschenswert ist, bleibt es doch eine kaufmännische Tätigkeit und Grundkenntnisse in Betriebswirtschaft sowie eine fundierte buchhändlerische Ausbildung sind unerlässlich. Sarah Henshaw hat so manches auf bittere weil kostspielige Art gelernt, aber ich hatte das Gefühl, dass mir ihre finanzielle Misere mehr Bauchschmerzen bereitet hat als ihr.

Alles in allem ist das Buch als flammendes Plädoyer für den unabhängigen  stationären Buchhandel und als Zeugnis der Literaturliebe sehr zu begrüßen, man sollte allerdings keinen genauen Reisebericht erwarten.

Sarah Henshaw: Mein wunderbares Bücherboot. Eden Books 2018 www.edenbooks.de

Lindsey Fitzharris: Der Horror der frühen Medizin

Meilensteine der Medizingeschichte

Als der Chefchirurg des University College Hospital London, Robert Liston, am 21. Dezember 1846 einen Patienten bei einer Operation mit der neuen Äther-Narkose aus den USA betäubte, neigte sich das Zeitalter der unvorstellbaren Qualen auch in Großbritannien dem Ende zu. Eines der beiden großen Hindernisse der Chirurgie war damit beseitigt, wohingegen sich das andere durch die nun vermehrt durchgeführten Eingriffe noch verschlimmerte: die enorme postoperative Mortalitätsrate durch Infektionen aller Art. Einer von Listons Zuschauern bei der legendären Operation sollte sich dieses Problems lebenslang beharrlich widmen und es schließlich lösen: der Medizinstudent Joseph Lister.

Joseph Lister wurde 1827 in eine strenggläubige Quäkerfamilie geboren. Sein Vater, der ihn lebenslang fürsorglich begleitete und unterstützte, erlangte weltweite Anerkennung durch Erfindungen im Bereiche der Optik und der Weiterentwicklung der Mikroskopie. 1844 ging Joseph Lister zum Studium der Geisteswissenschaften nach London, sattelte später um auf die Medizin und begann mit der ersten erfolgreichen Operation 1851 und der Approbation 1852 seine große Chirurgenkarriere. Doch zu einer Zeit, als ein Soldat auf dem Schlachtfeld von Waterloo eine größere Überlebenschance hatte, als jemand, der sich ins Krankenhaus begab, war eine erfolgreiche Operation erst der halbe Sieg. Joseph Lister machte die Ursachensuche für Infektionen zu seiner Lebensaufgabe und sah das bei Medizinern heftig umstrittene Mikroskop als Schlüssel für seine Forschung. Nach der Zwischenstation Edinburgh erhielt Joseph Lister seine erste Professur in Glasgow, ging später als Professor und Nachfolger seines Lehrers und Schwiegervaters James Syme nach Edinburgh zurück und wurde 1877 zum Professor für klinische Chirurgie ans King’s College London berufen.

Das größte Problem im Kampf gegen die Wundinfektionen war, dass man sich ihr Entstehen nicht erklären konnte. Inspiriert von den Forschungen des französischen Chemikers Louis Pasteur kam Joseph Lister zu dem Schluss, dass mikroskopisch kleine Organismen für die Infektionen verantwortlich wären, und entwickelte daraus ab Mitte der 1860er-Jahre die Desinfektion mit Karbolsäure. Nach und nach desinfizierte er zuerst die Wunden, sorgte für die Behandlung der Chirurgenhände und Instrumente mit Karbolsäure und entwickelte neue Fäden, zunächst heftig angefeindet durch Kollegen vor allem in Großbritannien und den USA. Doch der dramatische Rückgang der Sterberate in den Krankenhäusern mit seinen Hygienemaßnahmen überzeugte schließlich auch seine schärfsten Gegner und brachte ihm gegen Ende seines Lebens Orden und den Titel eines Barons.

Das Sachbuch der in Medizingeschichte promovierten Britin Lindsey Fitzharris Der Horror der frühen Medizin wirkt zwar durch Titel und Cover eher reißerisch, basiert aber rein auf Fakten und beschreibt die durchaus vorhandenen Gräuel und schaurigen Details nicht aus Effekthascherei, sondern nur, soweit es für eine umfassende Darstellung des Themas geboten ist. Obwohl es schwerpunktmäßig eine fundierte Biografie Joseph Listers ist, erfährt man auch sehr viel über die Geschichte der Chirurgie und die Zustände im Großbritannien der industriellen Revolution mit den verheerenden Lebens- und Arbeitsbedingungen in den Großstädten. Das Buch ist für Laien gut verständlich geschrieben, hat mich umfassend, spannend, äußerst unterhaltsam und aus britischer Sicht über ein sehr interessantes Thema informiert und lässt mich die Segnungen der modernen Medizin nun umso mehr schätzen.

Lindsey Fitzharris: Der Horror der frühen Medizin. Suhrkamp 2018
www.suhrkamp.de

Jeffrey Archer: Kain und Abel

Zwei Männer – zwei Schicksale – eine Fehde

Am gleichen Tag des Jahres 1906 werden auf zwei Kontinenten zwei Jungen unter gänzlich verschiedenen Umständen geboren. William Lowell Kane kommt in Boston als Sohn eines reichen Bankiers und Liebling seiner Eltern und Großmütter mit dem sprichwörtlichen „goldenen Löffel“ zur Welt. Er ist ehrgeizig und zeigt bald sein Finanzgenie, indem er bereits als Jugendlicher erfolgreich mit Aktien experimentiert. Mit seinem Erfolg in Harvard und dem Einstieg in die Bank erfüllt er die Erwartungen seiner Familie. Einzige Wermutstropfen sind der frühe Tod seines Vaters beim Untergang der Titanic 1912 und die zweite Ehe seiner Mutter mit dem betrügerischen Henry Osborne, den er sich lebenslang zum Feind macht.

Abel Rosnovski, am selben Tag in Slonim in Polen geboren, wird als elternloses Findelkind von einer armen Wildhüterfamilie aufgenommen und erhält den Namen Wladek Koskiewicz. Als sich Wladeks intellektuelle Begabung früh manifestiert, holt der Baron Rosnovski ihn in sein Schloss. Zusammen mit ihm und dessen Sohn erlebt Wladek die Besetzung durch die deutsche Wehrmacht, während der die Schlossbewohner inhaftiert werden. Alleine übrig wird Wladek nach Kriegsende von den Sowjets in ein sibirisches Lager verschleppt. Eine mehr als abenteuerliche Flucht führt ihn schließlich auf einem Einwandererschiff in die USA, wo er sich unter dem Namen Abel Rosnovski seinen amerikanischen Traum erfüllt: den Aufbau der Baron-Hotelkette.

Die Wege der beiden Männer werden sich von ihrer ersten zufälligen Begegnung Anfang der 1920er-Jahre an immer wieder kreuzen und bald verbindet sie ein lebenslanger, grenzenloser Hass und der Wille, den Gegenspieler zu vernichten.

Der Brite Jeffrey Archer, geboren 1940, dessen Leben und Politkarriere selbst Stoff für einen Roman abgäben, gehört zu den Bestsellerautoren der Gegenwart, trotzdem kannte ich bisher keines seiner Bücher. Er veröffentlichte diesen ersten Teil der Kain-und-Abel-Trilogie 1979 erstmals und überarbeitete ihn 2009. In acht Zeitabschnitten wird von der Geburt der beiden Protagonisten bis zu deren Tod 1967 erzählt, von ihrem Zwist, ihren Erfolgen und ihren Niederlagen.

Obwohl ich das Geschehen manchmal zu vorhersehbar, schwarz-weiß und melodramatisch fand und die Sprache doch eher einfach ist, hat mich das Zuhören über 16 Stunden gut unterhalten. Insbesondere Abels Verschleppung nach Sibirien, seine Flucht, die Welt des amerikanischen Bankwesens und der zeitgeschichtliche Kontext waren interessant. Auch wenn das Hörbuch eine gekürzte Fassung des Romans darstellt, muss man nicht auf jedes Wort achten, vielmehr eignet es sich bestens für lange Autofahrten oder bei der Hausarbeit. Der Sprecher, Richard Barenberg, liest die beiden MP3-CDs so angenehm, dass ich ihm gerne über viele Stunden zugehört habe. Die unterschiedlichen Stimmfärbungen für verschiedene Personen bringen Farbe in den Text, lediglich die Frauenstimmen klangen mir etwas zu karikaturhaft.

Jeffrey Archer: Kain und Abel. Gelesen von Richard Barenberg. Random House Audio 2018
www.randomhouse.de

Sarah Welk & Anne-Kathrin Behl: Lasse in der ersten Klasse

 Endlich Schulkind

Wie fast alle Kinder fiebert Lasse sehnsüchtig seinem ersten Schultag entgegen. Doch zuerst muss ein Ranzen gekauft werden und die Mutter bastelt eine Weltraumschultüte. Und dann ist der erste Schultag auch schon da. Zum Glück kommt seine mutige Freundin Rica in seine Klasse, die ihm so manches Mal aus der Patsche hilft. Angesichts der großen Jungs, die nicht zimperlich mit den Erstklässlern umgehen, kann Lasse Unterstützung gut gebrauchen. Aber als der Schulfotograf kommt und die Kinder noch einmal ihre Schultüten mitbringen sollen, muss Lasse sich ganz alleine helfen…

Das Vorlesebuch Lasse in der ersten Klasse von Sarah Welk eignet sich wunderbar zum Vorlesen vor der Einschulung und zum Verkürzen der Wartezeit. Falls die Kinder sich dann noch für das Thema interessieren, können sie es dank der großen Fibelschrift ab Ende der zweiten Klasse auch selbständig lesen oder jüngeren Geschwistern vorlesen. Die sechs Kapitel sind gut verständlich geschrieben und greifen Themen auf, die Kinder vor dem ersten Schultag interessieren. Anne-Kathrin Behl hat das Buch farbenfroh illustriert, gut passend zum Text und mit Gesichtern, die Gefühle deutlich widerspiegeln. Dass sie dem fahrradfahrenden Lasse einen Helm aufgesetzt hat, freut mich besonders, denn leider ist das in Kinderbüchern oft nicht der Fall.

Sehr gut gefallen hat mir der respektvolle Umgang der Erwachsenen mit den Kindern, sei es die Verkäuferin im Ranzengeschäft, die Mutter oder die nette Lehrerin, Frau Kastanienkötter, die ihren Schülern die Schulregeln nachdrücklich aber liebevoll vermittelt. Auch Lasses erfrischende Ehrlichkeit, selbst wenn es um seine Schwächen geht, macht beim Lesen Spaß.

Einziger Kritikpunkt sind für mich die grammatikalisch falschen Weil-Sätze („Weil jetzt komme ich ja erst mal in die Schule“). Die Autorin möchte damit Lasses Sprache noch authentischer machen, was aber in meinen Augen gar nicht nötig ist, da sie den Tonfall des Jungen ohnehin sehr gut trifft. Natürlich sprechen viele Kinder (leider!) so, aber möchten wir ihnen beim Vorlesen nicht die korrekte Sprache näherbringen, die sie auch in ihren Aufsätzen anwenden müssen?

Trotz dieser Einschränkung kann ich das Buch als vergnügliche Vorbereitung auf den „Ernst des Lebens“ sehr empfehlen.

Sarah Welk & Anne-Kathrin Behl: Lasse in der ersten Klasse. arsEdition 2018
www.arsedition.de

Frank Goldammer: Vergessene Seelen

Hunger und Not kennen keine Moral

Frank Goldammers historische Dresden-Krimis gehören inzwischen zu den Serien, bei denen ich keinen Band mehr verpassen möchte. Mehr noch als an den gut aufgebauten, spannenden und schlüssig aufgeklärten Kriminalfällen und dem sympathischen, integren, aber nicht fehlerlosen Ermittler Max Heller liegt das am historischen Hintergrund. War es beim ersten Band, Der Angstmann, die Zerstörung Dresdens im Februar 1945 und bei Band zwei, Tausend Teufel, das Leben unter der sowjetischen Besatzung 1947, so ist Band drei, Vergessene Seelen, im Sommer 1948 angelangt. Der Wiederaufbau kommt nur sehr schleppend voran, Mangelwirtschaft und Wohnungsnot erzeugen immer mehr Unmut und viele gehen in den Westen. Da Hunger und Not keine Moral kennen, sind die Hauptverbrechen Einbrüche und Diebstähle, meist von Banden verübt.

Doch im Juni 1948 bekommen Max Heller und sein Assistent Werner Oldenbusch es gleich mit mehreren Toten zu tun, darunter der 14-jährige Albert Utmann. Die Zustände in dessen Familie, die unter einem kriegstraumatisierten, gewalttätigen Vater leidet, setzen Max und seiner Frau Karin ungewöhnlich heftig zu. Bei den Ermittlungen zu den Todesumständen stoßen die Kommissare nicht nur auf eine Mauer des Schweigens in der Schule, bei den Kameraden und in der Familie des Opfers.  Auch sonst will  niemand mit der Polizei und den Behörden zusammenarbeiten, denn das Vertrauensverhältnis ist gestört. Sicher scheint, dass Albert und andere Jugendliche in den illegalen Handel mit Lebensmittelkarten, Lebensmitteln, Zigaretten und Medikamente verstrickt sind – aber wer steckt dahinter? Liegt darin wirklich der Schlüssel zur Aufklärung der Todesfälle? Und wie hängen die Toten zusammen?

So viele Themen schneidet Frank Goldammer an, dass man sie gar nicht alle aufzählen kann, aber trotzdem wirkt das Buch nie oberflächlich. Besonders interessant für mich als Westdeutsche ist die Ostperspektive, denn Ereignisse wie beispielsweise die Währungsreform kannte ich bisher aus den Erzählungen meiner Großeltern und aus der Schule nur aus Westsicht. Auch die Entwicklung von Hellers Söhnen verfolge ich seit dem ersten Band mit Aufmerksamkeit. Nach dem Krieg ist Erwin im Westen geblieben, studiert Jura und schickt Pakete voller Schätze über Schweden nach Hause, während der verbitterte, verschlossene Klaus im Kampf gegen seine Kriegs- und Nazi-Dämonen SED-Mitglied geworden ist, schnell Karriere gemacht hat und mit fragwürdigen Methoden nach Saboteuren, Spionen und subversiven Elementen fahndet. Dabei kommt er sogar in Konflikt mit der Arbeit seines Vaters, die er zu unterbinden versucht, wo sie seinen eigenen politischen Ermittlungen in die Quere kommen.

Der Showdown, begleitet von Blitz und Donner nach langer Hitzeperiode, hat mich dann noch einmal sehr überrascht und ich musste die letzten Seiten zweimal lesen, um auch wirklich nichts zu verpassen.

Wer einen gut geschriebenen, leserfreundlich gedruckten, ausgesprochen atmosphärischen Roman über die unmittelbare Nachkriegszeit in Ostdeutschland lesen möchte, dem kann ich dieses Buch nur sehr empfehlen, egal ob Krimileser oder nicht.

Frank Goldammer: Vergessene Seelen. dtv 2018
www.dtv.de

Henning Mankell: Der Sprengmeister

Ein ganzes Arbeiterleben

Beim Tod Henning Mankells 2015 habe ich es sehr bedauert, dass es in Zukunft keine neuen Bücher eines meiner Lieblingsautoren mehr geben würde. Als 2017 dann Der Sandmaler, ein Frühwerk aus dem Jahr 1974, erstmals auf Deutsch erschien, war ich nicht sicher, ob man ihm damit einen Dienst erwiesen hatte, denn der Roman kam mir vergleichsweise sprachlich unreif vor. Doch mit Der Sprengmeister wurde nun sein Debütroman aus dem Jahr 1973 übersetzt, der mir viel besser gefiel und stilistisch bereits ein „echter Mankell“ ist. Ob es daran liegt, dass Henning Mankell 1997 sprachliche Änderungen darin vorgenahm? Inhaltlich zumindest blieb das Buch unverändert, da er zurecht keine Notwendigkeit für Korrekturen sah. Dieser Roman, den er mit 25 Jahren schrieb, greift bereits die sozialpolitischen Themen seines späteren Werkes auf, ist politisch aber radikaler.

Erzählt wird das Leben des Sprengmeisters Oskar Johansson, geboren 1888 in Norrköping als Sohn und Enkel von Arbeitern, der im Juni 1911 bei Sprengungen für einen Eisenbahntunnel eine Detonation aus nächster Nähe nur durch ein Wunder überlebt. Der namenlose Ich-Erzähler lernt ihn erst kennen, als Oskar, Witwer und pensioniert, seine Sommer bis zu seinem Tod im April 1969 in einer umgebauten Sauna auf einer Insel im äußeren Stockholmer Schärengarten verbringt. Er schildert in nicht-chronologischer Abfolge und ohne ein überflüssiges Wort einerseits eigene Beobachtungen, andererseits gibt er wieder, was Oskar ihm über sein Leben erzählt hat. Das Ergebnis seiner Arbeit beschreibt der Ich-Erzähler so: „Die Erzählung über Oskar ist wie ein Eisberg. Man sieht nur einen kleinen Teil. Der Großteil ist unter der Oberfläche verborgen. Dort befindet sich die größte Masse Eis, die dem Berg das Gleichgewicht im Wasser verleiht und ihn stabil dahingleiten lässt.“ Uneinig sind sich Erzähler und Protagonist über Oskars Bedeutung: Während Oskar darauf beharrt, nichts Besonderes zu sein, ist der Erzähler vom Gegenteil überzeugt.

Doch was ist das Besondere an diesem Arbeiterleben im Schweden des vorhergehenden Jahrhunderts? Mit Sicherheit das Sprengstoffunglück, das er schwer körperlich versehrt überlebt. Unbeugsam arbeitet er dennoch ein Jahr später wieder als Sprengmeister, mit Unterbrechungen durch Arbeitslosigkeit bis zu seiner Rente im Jahr 1954. Breiten Raum im Roman nimmt das politische Engagement Oskars ein, für das ihn der Vater 1910 aus dem Haus wirft, denn einen Sozialisten mag er nicht dulden. Oskars Traum von einer gerechteren Gesellschaft führt ihn zunächst in die sozialdemokratische Partei, doch als ihm „zu wenig in zu langer Zeit“ geschieht, tritt er aus, wird Kommunist und ist bis zuletzt von einer bevorstehenden Revolution überzeugt.

Den Titel meiner Rezension, „Ein ganzes Arbeiterleben“, habe ich nicht zufällig gewählt. Immer wieder fühlte ich mich an Robert Seethalers herausragenden Roman Ein ganzes Leben erinnert, auch wenn dessen Protagonist Andreas Egger weit weniger aufbegehrt als Oskar Johansson.

Henning Mankell: Der Sprengmeister. Zsolnay 2018
www.hanser-literaturverlage.de/verlage/zsolnay-deuticke

Anna Carls: Die Stunde des Opfers

Rachefeldzug

Fast wäre ich auf diesen Krimi gar nicht aufmerksam geworden, denn der Name Anna Carls war mir neu. Die Krimiautorin Barbara Wendelken, die sich hinter diesem Pseudonym verbirgt, kenne ich allerdings sehr gut, gehören ihre Ostfrieslandkrimis um das sympathische Ermittlerduo Renke Nordmann/Nola van Heerden doch zu meinen Lieblingskrimis. Ich schätze ihren Ideenreichtum, die komplexen Handlungen mit vielen Perspektivwechseln, die Lebendigkeit ihrer Personen- und Ortsbeschreibungen, die zuverlässig schlüssigen Auflösungen ohne kurz vor Schluss eingeführte Täter, den angenehmen Schreibstil und natürlich die Spannung. Um mit dem letzten Punkt zu beginnen: Die Stunde des Opfers ist hochspannend von der ersten bis fast zur letzten der 334 Seiten, ein richtiger Pageturner also.

Die Zahl der Handlungen scheint zunächst schwer zu überblicken. Da gibt es abwechselnd Briefe mit der Anrede „liebste Gloria“, Szenen im Obdachlosenmilieu, in einer Seniorenresidenz und mit verschiedenen Personen im Mittelpunkt. Dominierend ist allerdings die in der Ich-Form verfasste Geschichte von Rebekka Windmöller, 36 Jahre, Redakteurin beim Oldenburg-Kurier, alleinerziehende Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter und lange unfreiwillig alleinstehend. Mit ihrem neuen Lebensgefährten Jamal, den sie erst seit vier Monaten kennt, erträumt sie sich nun ein harmonisches, geordnetes Familienleben nach dem Vorbild ihrer perfekten älteren Schwester, auch wenn ihr Umfeld skeptisch reagiert. Doch plötzlich ist er spurlos verschwunden und sie muss sich fragen und fragen lassen, wie gut sie diesen Mann überhaupt kannte. Wer ist Jamal wirklich und was hat er mit der toten Frau zu tun, die kurze Zeit später auf ihrer Terrasse liegt?

Dem neuen Oldenburger Hauptkommissar Adrian Sandersfeld eilt der Ruf eines beliebten Starermittlers voraus, doch an seinem neuen Arbeitsplatz schlagen ihm Skepsis und Ablehnung entgegen. Seine Flucht aus Berlin wegen eines privaten Desasters belastet ihn schwer, genau wie das feindliche Klima am neuen Arbeitsplatz, was sich in seinem Verhalten bei den Ermittlungen deutlich niederschlägt. Dabei wäre eine gute Zusammenarbeit so wichtig, denn im beschaulichen Universitätsstädtchen Oldenburg häufen sich die Morde, und die Tote auf Rebekkas Terrasse ist nur das erste Opfer eines anscheinend von rasender Wut und glühendem Hass getriebenen Täters. Wer verfolgt hier einen planmäßigen Rachefeldzug, was verbindet die Opfer und wo ist Jamal?

Zwar war mir Rebekka Windmöller manchmal zu blauäugig, wenn sie beispielsweise das Türschloss erst nach mehreren Anläufen auswechselte, und ich konnte nicht verstehen, warum sie noch unter Jamals Verschwinden leidend bereits ein Auge auf ihren attraktiven Kollegen wirft, doch hat dies der Spannung keinen Abbruch getan. Was Adrian Sandersfeld betrifft, so könnte ich mir eine Fortsetzung dieses zunächst wohl als Einzeltitel geplanten Krimis gut vorstellen, denn diese Figur hat vor allem gegen Ende sehr viel Potential.

Anna Carls: Die Stunde des Opfers. Piper 2018
www.piper.de

Meg Wolitzer: Das weibliche Prinzip

Zwei Sorten von Feministinnen

Greer Kadetzky, schüchtern, extrem ehrgeizig und begabt, nimmt 2006 18-jährig ihr Studium am Ryland College auf. Dass es nicht Yale geworden ist, wofür sie und ihr ebenso zielstrebiger Freund Cory die Zulassung bekommen hatten, liegt an der Nachlässigkeit, mit der ihr Vater die Anträge für die Finanzierung ausgefüllt hat. Nun ist Greer zu ihrer Enttäuschung in einem Provinzcollege gestrandet, Cory studiert in Princeton.

Drei Ereignisse zu Beginn ihres Studiums werden für Greers Zukunft prägend: die Freundschaft zu Zee, der sexuelle Übergriff eines Kommilitonen und der Vortrag von Faith Frank, der 63-jährigen charismatischen Gallionsfigur des Feminismus, der für Greer zu einem Erweckungserlebnis wird.

Die US-Amerikanerin Meg Wolitzer erzählt in Das weibliche Prinzip von einer 13 Jahre währenden Periode der Selbstfindung Greers bis zum Jahr 2019. Wie in einer Fieberkurve schnellt die Temperatur bei ihrer Begegnung mit Faith Frank nach oben, steigt während ihres Studiums und ihrer Tätigkeit in deren Stiftung weiter an und endet mit der Entzauberung des Idols, als Faith Frank in Greers Augen zu viele Kompromisse schließt. Mit der Loslösung kann Greer ihren eigenen Weg gehen und wird selbst zur gefeierten Bestsellerautorin und Stimme der Frauenbewegung.

Das weibliche Prinzip ist ein leicht zu lesender Roman mit einem spannenden Thema und meine Erwartungen waren durch die hervorragenden Besprechungen der Vorgängerwerke hoch. Dass der Funke letztlich nicht ganz übergesprungen ist, hat mehrere Ursachen. Hauptsächlich enttäuscht hat mich die Oberflächlichkeit, mit der das Thema Feminismus behandelt wird. In den ersten beiden Dritteln hätte eine deutliche Straffung dem Buch außerdem in meinen Augen gutgetan. Bedauerlicherweise konnte ich die Gründe für Greers Faszination nicht nachvollziehen, nur glauben, nicht spüren. Ein weiterer Kritikpunkt ist die gleichförmige Sprache für alle, sei es Studentin oder ältere Frau. Leider kann ich nicht beurteilen, ob das ein Problem des Originals oder der Übersetzung ist.

Was mir viel besser gefallen hat, sind die Schicksale der Nebenfiguren. Greers Freund Cory, der seine beginnende Karriere nach einer familiären Katastrophe der Familie opfert, „nicht wegläuft, sondern hilft“, ist „in gewisser Weise ein großer Feminist“. Ebenso sympathisch war mir Greers loyale und treue Freundin Zee, die von Greer übel hintergangen wird, lange nach ihrer Bestimmung sucht und aus eigener Kraft einen Weg findet. Am Ende erkennt Zee: „Ich glaube, es gibt zwei Sorten von Feministinnen. Die berühmten und den ganzen Rest, all jene, die still und gewissenhaft ihre Arbeit erledigen, ohne viel Anerkennung zu ernten, die niemanden haben, der ihnen täglich sagt, wie toll sie sind.“ In diesem Roman sind die Letztgenannten meine Helden.

Über das harmonische Ende kann man sicher geteilter Meinung sein, sehr schön fand ich aber, dass mit der Teilnahme Greers am Women’s March für Frauen- und Menschenrechte am 21.01.2017, dem Tag nach der Amtseinführung Donald Trumps, die aktuelle Politik Einzug in den Roman hält.

Meg Wolitzer: Das weibliche Prinzip. DuMont 2018
www.dumont-buchverlag.de