Kazuo Ishiguro: Was vom Tage übrig blieb

Bilanz eines Butlerlebens

Vieles hat sich seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges im Leben des altgedienten Butlers Stevens auf dem englischen Landsitz Darlington Hall verändert. Auf Lord Darlington, dessen Familie über 200 Jahre im Besitz des Gutes war, ist ein amerikanischer Eigentümer gefolgt. Neuartige Pflichten, ein leichterer Umgangston und ein auf ein Minimum reduzierter Stab von Bediensteten stellen völlig neue Anforderungen an ihn, denen er sich als Mensch mit einer natürlichen Abneigung gegen Veränderungen nur schwer gewachsen fühlt.

Im Juli 1956 schlägt sein neuer Arbeitgeber ihm vor, während seiner Abwesenheit eine kleine Reise zu unternehmen, und gestattet ihm sogar die Nutzung seines Automobils. Nach längerem Zögern nimmt Stevens an und beschließt, die in den 1930er-Jahren als Haushälterin in Darlington Hall beschäftigte Miss Kenton in Cornwall zu besuchen und eventuell zu einer Rückkehr zu bewegen. Die sechstägige Reise ohne dienstliche Verpflichtungen gibt ihm die Zeit, über sein Leben, verpasste Gelegenheiten, seinen Stolz auf die geleistete Arbeit in einem vornehmen Haus, in dem die Großen ein und ausgingen und er der Narbe am Rad der Geschichte oft sehr nahe kam, aber auch über seine bedingungslose Loyalität zu einem Dienstherrn, der auf zweifelhafte Weise in die Politik zwischen den Weltkriegen verstrickt und nach 1945 ein gebrochener Mann war, nachzudenken. Und immer wieder beschäftigen ihn auch seine beiden Lieblingsthemen: die Würde des Butlers und die Frage, wann ein Butler ein Großer seines Fachs ist.

Gert Heidenreich ist für mich einer der besten deutschen Hörbuchsprecher, so auch bei dieser glücklicherweise ungekürzten Lesung von Kazuo Ishiguros Roman „Was vom Tage übrig blieb“ mit etwa zehn Stunden auf acht CDs, in denen er dem Butler seine Stimme leiht. Vor allem bei den Dialogen zeigt er sein großes Können, aber auch bei den ungewollt komischen Szenen des Berichts. Obwohl der Funke bei mir noch nicht von Beginn an übergesprungen ist, denn ich musste mich an die äußerst umständliche, verlangsamte Denk- und Erzählweise von Stevens erst gewöhnen, hat mich die Tragik seines verpassten Lebens und der bedingungslosen Unterordnung immer mehr gepackt. Mehrfach musste ich an Mr. Carson, den Butler auf Downton Abbey, denken, der wohl ähnlich empfand und formulierte wie Stevens, aber eine ungleich leichtere Aufgabe hatte. Beide verkörpern für mich den englischen Butler schlechthin, loyal bis zur Selbstaufgabe.

Kazuo Ishiguro, geboren 1954 in Nagasaki und britischer Schriftsteller japanischer Herkunft, hat 2017 den Literaturnobelpreis unter anderem für diesen außergewöhnlichen Roman erhalten, der 1989 bereits mit dem Booker Prize ausgezeichnet wurde. Wer Spaß an den feinen Nuancen der Sprache, Sinn für das britische Lebensgefühl und ein bisschen Ausdauer hat, wird dieses Hörbuch garantiert mögen.

Kazuo Ishiguro: Was vom Tage übrig blieb. Gelesen von Gert Heidenreich. Random House Audio 2017
www.randomhouse.de

Jessie Sima: Das kleine Walhorn

Zwei Welten

Nach Emmi und Einschwein von Anna Böhm aus dem Oetinger Verlag gibt es jetzt im Loewe Verlag Das kleine Walhorn von Jessie Sima. Beide Titel nehmen das gerade so beliebte Einhorn-Thema auf, gehen aber wesentlich kreativer, humorvoller und vor allem kitschfreier damit um als die einschlägigen Mädchenbuch-Serien.

Wer wünscht sich nicht eine so entspannte Familie, die angesichts des ganz und gar aus der Art geschlagenen Nachwuchses so cool bleibt? Nori, der kleine Narwal-Sohn, hat einen viel zu kurzen Stoßzahn, das Narwal-Essen schmeckt ihm nicht und er ist ein lausiger Schwimmer. Doch nachdem es seine Familie nicht stört, beschließt Nori, dass auch ihm seine Andersartigkeit nichts ausmacht.

Vielleicht wäre es immer so weitergegangen, wenn Nori nicht eines Abends von einer Strömung erfasst worden wäre, die ihn Richtung Land spülte. Und was stand dort auf dem Felsen vor dem Vollmond? Ein geheimnisvolles Glitzerwesen, das genau aussah wie er. Ein Land-Narwal?

Das bezaubernd illustrierte Bilderbuch von Jessie Sima, in dem alle Tiere stets ein Lächeln auf den Lippen tragen, bringt bereits Kindern ab drei Jahren die Themen Toleranz, Identität, Zugehörigkeit und Familie auf sehr verständliche, kindgerechte Weise nahe. Die teils großformatigen, teils wie eine Filmsequenz gezeichneten Illustrationen passen wunderbar zu den kurzen, oft witzigen Texten und Sprechblasen. Ein ebenso einfaches wie geniales Happy End sorgt dafür, dass Nori sich nicht zwischen Meer und Land entscheiden muss. Auf einer Doppelseite am Ende des Buches vereinen sich das Beste und Witzigste aus dem Meer und vom Land – allein für diese wimmelige Illustration lohnt sich das Vorlesen und Anschauen schon!

Jessie Sima: Das kleine Walhorn. Loewe 2018
www.loewe-verlag.de

Johan Bargum: Nachsommer

„Nachher sieht alles gleich anders aus“

Das ungleiche Brüderpaar Olof und Carl Axelsson steht im Mittelpunkt des kleinen Romans von Johan Bargum, geboren 1943 und einer der bekanntesten finnlandschwedischen Autoren. Mit sparsam gesetzten Worten und in kleinen, einfachen Sätzen erzählt der Ich-Erzähler Olof von der Wiederbegegnung mit Carl am Totenbett der Mutter nach langem Schweigen. In den späten Augusttagen, während die Mutter im Ferienhaus auf Vidarnäs, einer Schäre im Gürtel von Sibbo, dahinsiecht, rekapituliert Olof mit wenigen Strichen  sein ganzes bisheriges Leben. Nach dem frühen Tod des Vaters stand er immer im Schatten seines jüngeren, aber ab der Pubertät größeren, stärkeren, charmanteren und durchsetzungsfähigeren Bruders, der von der Mutter stets bevorzugt wurde. Carl erinnerte sie an ihren Mann, weswegen sie ihn stets gegen Olof verteidigte, ihn über die Maßen beschützte, ihn aber auch mit ihrer Liebe erdrückte und einengte, eine unheilvolle Beziehung. Olof hatte und hat eine Höllenangst vor dem Bruder, ließ sich von ihm den Schneid abkaufen und fasste auch nach dem frühen Weggang aus dem Elternhaus nie richtig Fuß im Leben. Während Carl erfolgreich die Handelshochschule absolvierte, Karriere in der IT-Branche in den USA machte und heiratete, brach Olof sein Studium ab, hatte halbherzige Affären, litt unter den eigenen Schwächen und seinem Phlegma. Nur einmal hätte er seinem Leben vielleicht eine andere Wendung geben können, doch damals, vor dreizehn Jahren, hat er aus Feigheit und Angst gekniffen und Carls Verlobte Klara, mit der er drei unvergessliche Tage und Nächte verbracht hatte, mit dem Bruder in die USA auswandern lassen.

Johan Bargums Roman Nachsommer ist eine der kleinen Perlen des Literaturbetriebs, nach denen ich immer suche, die aber so schwer zu entdecken sind. Wieder einmal ist es ein Buch aus Skandinavien, herausgegeben vom mareverlag, nach Eis der Finnlandschwedin Ulla-Lena Lundberg die zweite Übersetzung von Karl-Ludwig Wetzig, die mich so stark berührt und eine so große Schönheit ausstrahlt. Die melancholische Atmosphäre der spätsommerlichen Schärenlandschaft, die leise Schilderung großer Gefühle in verdichteter Erzählweise mit Raum für eigene Deutungen,  die Aufdeckung von Lügen und das Erkennen eigener Unzulänglichkeiten liefen wie ein Film vor meinen Augen ab.

Erzählt wird nicht, wie es nach diesen Spätsommertagen weitergeht, sondern nur, unter welchen veränderten Vorzeichen es weitergeht. Einige Parameter im Leben der Protagonisten sind andere geworden, aber ob sie etwas daraus machen können, bleibt unserer Fantasie überlassen.

Johan Bargum: Nachsommer. mare 2018
www.mare.de

Gert Loschütz: Ein schönes Paar

Wortlosigkeit

Normalerweise schätzen Autoren die Frage nach der autobiografischen Grundlage ihrer Romane nicht, im Falle von Ein schönes Paar von Gert Loschütz ist dagegen bekannt, dass die Geschichte auf dem elterlichen Schicksal basiert. Der Schöffling Verlag hat den Roman, in dem es aufgrund der „Wortlosigkeit“ der Protagonisten viele Lücken und Vermutungen gibt, mit einem sehr stimmigen Cover versehen, das genau diese Sprachlosigkeit ausstrahlt.

Als die Eltern des Ich-Erzählers Philipp Karst kurz hintereinander versterben, der Vater Georg in seinem Haus, die Mutter Herta in einem Altersheim, löst das bei ihm den Wunsch aus, ihrem Leben noch einmal nachzuspüren. Einst galten sie als „schönes Paar“, die letzten über 40 Jahre jedoch lebten sie getrennt. Der Sohn, Fotograf, meint, „dass das ganze Erzählen nur einen einzigen Sinn hat: die auf keinem Film überlieferten Bilder aufzubewahren.“ Ich hatte darüber hinaus den Eindruck, dass er auf der beharrlichen Suche nach einem Hinweis für eine Annährung zwischen ihnen war, entgegen aller sichtbarer Zeichen, und es scheint am Ende nicht ganz ausgeschlossen, dass er ihn gefunden hat.

Gert Loschütz siedelt den Beginn der Geschichte in der fiktiven Kleinstadt Plothow in Brandenburg an, wo sich die Eltern 1939 kennenlernten. Herta, die hübsche, modeaffine junge Schneiderin, träumte von einer Karriere als Mannequin, Georg war Berufssoldat und sofort verliebt. 1942 wurde geheiratet, 1945 kam Georg aus dem Krieg zurück nach Plothow, etablierte sich auf einer leitenden Stelle im örtlichen Stahlwerk und wurde Parteimitglied. Während Herta aus Angst vor der DDR-Politik ihre Zukunft im Westen sah, wäre Georg geblieben, wenn ihn im Frühjahr 1957 nicht ein brandgefährlicher Brief zur überstürzten Flucht gezwungen hätte. Herta kam mit dem Sohn Philipp nach, das ersparte Geld in Form einer hastig erstandenen Exakta-Kamera im Gepäck, ein Kauf, der eine Kette von Ereignissen auslöste und kurz darauf in der neuen Heimat Tautenburg zum endgültigen Bruch führte. 29 Jahre blieb die Mutter fern und schickte nur Karten ohne Absender an den Sohn, bevor sie überraschend in den Ort zurückkehrte und schließlich nach einem psychischen Zusammenbruch im Heim landete.

Der Ich-Erzähler steht beiden Eltern distanziert gegenübersteht, nennt sie beim Vornamen, führte nie mehr als oberflächliche Gespräche mit ihnen und geht selbst keine feste Beziehung ein. Dass er mehr für sie empfand, konnte ich lediglich aus der Tatsache erahnen, dass er sich ihre Wiederannäherung so sehr wünschte.

Dass Gert Loschütz nicht nur Romane, sondern auch Gedichte verfasst, wird an vielen Stellen im Text sichtbar, seine Tätigkeit als Drehbuchautor spürt man besonders während der dramatischen Szenen kurz vor und während Georgs Flucht in den Westen, die besonders gelungen sind. Schade nur, dass Philipp die Geschichte gar so sachlich erzählt, ein bisschen mehr Empathie hätte ich mir gewünscht.

Viele offene Fragen haben die Eltern mit ins Grab genommen, trotzdem ist der Roman sehr interessant zu lesen und daher empfehlenswert.

Gert Loschütz: Ein schönes Paar. Schöffling & Co. 2018
www.schoeffling.de

Joanna King: Vier Schwestern

Die Folgen des Verlassens und Verlassenwerdens

Eine junge Frau, gemalt vom amerikanischen Pop Art-Künstler Alex Katz, schmückt das Cover des Debütromans Vier Schwestern der in Neuseeland geborenen Autorin Joanna King. Es scheint die jüngste der vier Schwestern sein, die namenlose, in London lebende Ich-Erzählerin. Ihre Augen sind hinter der Sonnenbrille nicht zu erkennen, ihr Gesichtsausdruck ist ein wenig geheimnisvoll. Aus ihrer Sicht erfahren wir, was sich beim Treffen der vier Schwestern in der malerischen Landschaft der Cinque Terre abgespielt hat. Aber nicht nur das, auch Rückblicke in die Jugend gewährt sie uns und berichtet, wie es nach dem Treffen für sie und die zweitjüngste Schwester Rose weitergegangen ist.

Rose war die Initiatorin des Wiedersehens nach langer Zeit. Sie, die mit ihrem amerikanischen Ehemann in Florenz lebt, hatte die beiden älteren Schwestern Jess und Ngaio aus Neuseeland und – mit einigen Schwierigkeiten – auch die Ich-Erzählerin für zwei Wochen in den Küstenort Corniglia gelockt. Ungeachtet alter Spannungen, die sich aus ihrer Verschiedenheit, aber vor allem auch der Trennung der Eltern und der unterschiedlichen Parteinahme der Schwestern ergab, sollte ein entspanntes Wiedersehen gefeiert werden. Anders als die drei älteren Schwestern bezieht die Ich-Erzählerin aus Vorsicht eine separate Unterkunft und vermeidet von Beginn an, mit Jess und Ngaio alleine Zeit zu verbringen. Rose und sie blieben damals im Alter von 17 bzw. 14 Jahren bei der traumatisierten Mutter zurück, als der Vater nach jahrelangen Auseinandersetzungen die Familie verließ, und sie teilen ihre Geheimnisse. Jess und Ngaio wohnten bei der Trennung der Eltern vor 20 Jahren bereits nicht mehr zuhause und hatten einen anderen Blick auf die Ereignisse. Jess, als erklärter Liebling des Vaters, schlug sich eindeutig auf dessen Seite und gibt der Mutter bis heute die Schuld an der „Vertreibung“ des Vaters.

Eine Woche lang geht alles gut, nach der Wiedersehenseuphorie bleiben Streitereien zunächst aus. Doch dann verschwindet plötzlich Rose. Alles scheint möglich: ein absichtliches Verschwinden, ein Missverständnis, ein Unfall oder sogar Selbstmord. Nicht nur über die Bedeutung und die Gründe für ihr Verschwinden herrscht Uneinigkeit unter den drei Zurückgebliebenen, plötzlich sind alle alten Konfliktpunkte wieder da.

Sosehr es sich anhört, als ob das zentrale Thema dieses teilweise sehr fesselnden Romans die Spannungen unter den Schwestern wäre, für mich standen vielmehr die Themen „Verlassen“ und „Verlassenwerden“ im Mittelpunkt. Jede der vier Protagonistinnen und der Personen in ihrem Umfeld hat solches erlebt, alle haben unterschiedlich darauf reagiert und Verletzungen davongetragen, die nicht verheilt sind.

Gehadert habe ich manchmal mit der strikten Ich-Perspektive, zu gerne hätte ich auch die Sicht von Jess und Ngaio oder die eines neutralen Beobachters erfahren.

Ich kann diesen stilistisch guten Roman, den ich gerne gelesen habe, allen empfehlen, die die pittoreske Landschaft der Cinque Terre erleben, in die Dynamik menschlicher Beziehungen eintauchen und über viele interessante Sätze nachdenken möchten, und die nicht erwarten, dass am Ende jeder Schicksalsfaden abschließend verknüpft ist.

Joanna King: Vier Schwestern. mare 2018
www.mare.de

Antal Szerb: Reise im Mondlicht

Eine Reise in die pubertäre Vergangenheit

Kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs befindet sich Mihály, ein Mann Mitte 30, mit seiner Frau Erzsi auf Hochzeitsreise durch Italien. Sie hat seinetwegen ihren Mann, der sie glühend liebt, verlassen. Während Mihály, der nach seinem Studium der Religionswissenschaften nicht ganz freiwillig in das Budapester Familienunternehmen eingestiegen ist, mit ihr seine Konformität bestätigen will, sucht Erzsi in Mihály eben das Unangepasste.

Zu Beginn ihrer Reise in Venedig scheint noch alles gut zu laufen, doch dann treffen sie in Ravenna János Szeptneki, einen ehemaligen Klassenkameraden Mihálys, den er nie besonders schätzte. Mit ihm kommt die Erinnerung an die Jugend zurück, vor allem an die Freundschaft mit dem aus so anderen Verhältnissen entstammenden Tamás Ulpius und dessen exaltierter Schwester Éva. Die Erinnerung an die Jugend und an alles, was hätte sein können, kehrt mit solcher Macht zurück, dass Mihály – absichtlich oder unabsichtlich – in Terontola in den falschen Zug steigt und die Reise ohne Erzsi fortsetzt. Die Schatten der Vergangenheit lassen ihn nun nicht mehr los.

An der Stimme von Heikko Deutschmann, der die im Text durchaus vorhandene Ironie bei der gekürzten Lesung auf fünf CDs in 398 Minuten sehr gut zur Geltung bringt, hat es nicht gelegen, dass dieser ungarische Klassiker von Antal Szerb (1901 – 1945) aus dem Jahr 1937 mich nicht mitreißen konnte. Vielmehr waren es die Voraussehbarkeit der Handlung, der sehr konstruierte Romanaufbau mit den sich aneinanderreihenden Zufällen, die wie mit der Schablone gezeichneten Personen und der mir unsympathische Protagonist, die mir das Zuhören etwas verleidet haben. Selbstmitleid, andauernde Nabelschau und Ich-Bezogenheit liegen mir weder bei realen Menschen noch bei Romanfiguren. Auch die morbide Todessehnsucht, die über dem Roman liegt, ist nicht nach meinem Geschmack. Sehr interessant war dagegen die beschriebene Reise durch Italien, die mich für den Rest teilweise entschädigt hat.

Antal Szerb: Reise im Mondlicht. Gelesen von Heikko Deutschmann. Hörbuch Hamburg 2004
www.hoerbuch-hamburg.de

Anna Böhm & Susanne Göhlich: Emmi & Einschwein – Einhorn kann jeder!

Mach das Beste draus!

Um es gleich vornweg zu sagen: Emmi & Einschwein – Einhorn kann jeder! von Anna Böhm mit den umwerfend humorvollen Illustrationen von Susanne Göhlich hat mich vollauf begeistert. Es ist ein Kinderbuch, das die Realität mit Fantasy-Anteilen anreichert, das Thema Mobbing in der Schule ernst und kindgerecht aufnimmt, dabei aber witzig und optimistisch ist, und so viele liebenswerte, großartig ausgearbeitete Charaktere hat, dass das Lesen ein Mordsvergnügen ist. Drittklässler können das Buch allein bewältigen, ab sechs Jahren eignet es sich bereits zum Vorlesen. Trotz des rosa-lastigen Covers und der Einhorn-Thematik bin ich überzeugt, dass auch Jungs mit diesem Buch einen Riesenspaß haben können – also bitte nicht abschrecken lassen!

Emmi Brix, die mit ihrer sympathischen Familie in der Elfe-Sabine-Straße 7 in Wichtelstadt wohnt, fiebert ihrem zehnten Geburtstag entgegen, an dem sie wie alle ihr Fabeltier bekommen soll. Bei ihrem Vater war es der Blaue Drachlinger Henk, der so wunderbar Feuer spucken kann, ihre Mutter hat den Zweifühligen Blütenspatz Peregrin de Pellegrin, genannt Pieps, der immer Blüten ausstreut, ihre große Schwester Meike die Klinge Wildkatze Mexi und Emmi wünscht sich nichts sehnlicher als ein Einhorn. Eigentlich darf man sich nichts wünschen, denn „es kommt, wie es kommt“ (Papa) und man muss „das Beste draus machen“ (Opa), aber Emmi hat einen besonderen Grund: Mit diesem sehr seltenen, niedlichen Fabeltier möchte sie in der Schule endlich richtig dazugehören, beliebt sein und von der dominanten Antonia in die geheime Drachenhalle eingeladen werden. Und hat sie nicht von einem Einhorn geträumt und solche Träume sollen in Erfüllung gehen? Doch natürlich kommt es anders. Am Fabeltag erscheint zwar ein Tier mit einem Horn, aber es ist ein Fettmoppel mit einem runden Rüssel, einem Ringelschwanz und kleinen Schlappohren, kurz: ein EINSCHWEIN! Mit diesem unmagischsten, peinlichsten aller Fabeltiere kann Emmi sich niemals in die Schule trauen, deshalb sinnt sie auf eine List…

Es herrlich mitzuverfolgen, wie Emmi das kleine Einschwein nach dem ersten großen Entsetzen liebgewinnt, wie es das Leben der Familie aufmischt, wie es sich Emmis Sorgen anhört, wie es versucht, ihr aus der Patsche zu helfen, wie sie einen Plan aushecken und wie es ihr beisteht, als sie durch den gefährlichen Herrn Bockel mit seinem Spuckewurm und die intrigante Antonia in allergrößte Gefahr gerät.

Anna Böhm erzählt die Geschichte ausgesprochen gekonnt und mit großer Empathie. Nach wenigen Sätzen und ohne dass ausschweifende Erklärung notwendig wären, tauchen Leser und Zuhörer in die Welt von Wichtelstadt ein. Dort geht es mal traurig, mal schreiend komisch zu und am Ende wird es so spannend und dramatisch, dass man das Buch kaum noch aus der Hand legen kann!

Und die beste Nachricht zum Schluss: Einhorn kann jeder! ist kein einmaliges Vergnügen, sondern der Auftakt zu einer Reihe um Emmi & Einschwein aus dem Oetinger Verlag.

Anna Böhm & Susanne Göhlich: Emmi und Einschwein – Einhorn kann jeder! Oetinger 2018
www.oetinger.de

Julian Gough & Jim Field: Rotzhase & Schnachnase – Möhrenklau im Bärenbau

Ein aufregender Wintertag

Bär und Hase sind Nachbarn, und so nutzt Rotzhase den Winterschlaf von Schnarchnase aus, um deren Vorräte zu klauen. Als Bär davon mitten im Winter erwacht, beginnt sie trotzdem, gut gelaunt einen Schneemann zu bauen. Hase dagegen ist ein Griesgram, weiß alles besser, speist Bär mit seiner schrumpeligsten, schlabberigsten, gammeligsten Möhre ab und ist sich zu fein, um bei Bärs Schneemann mitzubauen. Doch Bär lässt sich den Spaß nicht verderben und als sie Rotzhase vor dem  Wolf rettet, werden beide doch noch dicke Freunde.

Bestechend an diesem Vorlese- und Erstlesebuch sind die schwarz-grau-weiß-blauen Illustrationen von Jim Field, die sich so wohltuend vom grellbunten Bilderbuch-Allerlei abheben. Wirklich jede Szene des kleinformatigen Buches ist großzügig bebildert und die Gesichtsausdrücke der Tiere spiegeln sehr deutlich ihre jeweilige Gemütslage wider.

Die kurzen Textsequenzen von Julian Gough in großer Schrift mit zumeist einfachem Vokabular können bereits ab dem Ende der ersten Klasse bewältigt werden, zum Vorlesen eignet sich das Buch bereits ab etwa vier Jahren.

Neben den Themen Freundschaft und Eigentum geht es auch um die unterschiedlichen Ernährungsweisen der Tiere und deren Folgen: Welche Nahrung hat wieviel Energie? Warum wäre der Wolf manchmal lieber Vegetarier? Und warum müssen Hasen ihre eigenen Köttel fressen?

Gestolpert bin ich darüber, dass „Bär“ eine Bärendame ist und folgerichtig das Personalpronomen „sie“ verwendet wird. Eleganter und besser verständlich wäre für mich die Übersetzung „Bärin“.

Möhrenklau im Bärenbau – wobei Hase eigentlich keine Möhren, sondern Honig, Lachs und Käfereier mopst – ist der erste Band einer humorvollen Reihe um das ungleiche Duo „Rotzhase & Schnachnase“ aus dem Magellan Verlag. Auf weitere Abenteuer kann man sich freuen!

Julian Gough & Jim Field: Rotzhase & Schnachnase – Möhrenklau im Bärenbau. Magellan 2018
www.magellanverlag.de

J. Courtney Sullivan: All die Jahre

Ein unheilvolles Familiengeheimnis

J. Courtney Sullivan, US-amerikanische Autorin und Journalistin, hat in ihren Romanen eine Vorliebe für Familientreffen. In Sommer in Maine treffen verschiedene Familienmitglieder überraschend im gemeinsamen Ferienhaus zusammen, in All die Jahre ist es ein Todesfall, der alle zusammenführt. In beiden Romanen zeigt sich, dass zulange geschwiegen wurde und das Bewahren von Geheimnissen nur Unheil gebracht hat.

1957 kommen die Schwestern Nora und Theresia Flynn aus Westirland, County Clare, nach Boston, wo Noras ehemaliger Nachbar und Verlobter Charlie Rafferty sie erwartet. Nicht aus Liebe ist die 21-jährige Nora gekommen, sondern um ihrer jüngeren, begabten Schwester ein Schicksal in der Strickfabrik zu ersparen. Während Nora, die Theresa schon immer die Mutter ersetzt hat, schüchtern, still und ängstlich ist und die Eheschließung mit Charlie hinauszögert, genießt Theresa die neuen Freiheiten und hat den Kopf voller Träume. Als sie ungewollt schwanger wird, gibt es für Nora nur eine Alternative: Theresa wird das Kind heimlich bekommen und Charlie und sie werden es als ihr eigenes ausgeben.

Patrick, Theresas Sohn, wächst zusammen mit Noras und Charlies Kindern John, Bridget und Brian auf. Nie werden sie ihnen das Geheimnis enthüllen, doch spürt Patrick schon als Jugendlicher, dass etwas nicht stimmt. Obwohl er im Mittelpunkt steht, worunter vor allem John leidet, ist er doch einsam und das schwarze Schaf der Familie, wild und unbeherrscht. Nora kämpft für ihn, aus der schüchternen Frau ist eine Löwin geworden, aber sie kann nicht verhindern, dass Patrick zu viel trinkt und schließlich 2009, zu Beginn des Romans, bei einer Autofahrt unter Alkoholeinfluss ums Leben kommt. Zur Beerdigung sagt sich überraschend auch Theresa an, die seit 1960 als Schwester Cecilia in der Abtei der Unbefleckten Empfängnis in Vermont lebt, und von deren Existenz keines der Geschwister weiß.

Sehr gut gefallen haben mir die Rückblenden in die Zeit von 1957/58, als die Schwestern Irland verlassen, und in das Leben der irisch-katholischen Einwanderer in die USA. Interessant beschrieben ist auch der Weg Theresas ins Kloster, ihre anfänglichen Zweifel, ihre Wut darüber, dass man ihr – wie allen zu dieser Zeit ungewollt Schwangeren – keine Wahl gelassen hat, und ihre trotz dieses anhaltenden Schmerzes gefundene Lebenszufriedenheit. Schwieriger fand ich dagegen Nora, die so viele Opfer gebracht, und trotzdem durch ihre Strenge, ihren Ernst, ihre Sprachlosigkeit und die verzweifelte Wahrung ihres Geheimnisses bis hin zum Bruch mit ihrer Schwester, sich und ihre Kinder nicht glücklich gemacht hat.

J. Courtney Sullivan hat wieder einen interessanten, gut zu lesenden, sehr unterhaltsamen Familienroman geschrieben über eine Familie, in der „die Wahrheit… verspätet, zufällig, unter Alkoholeinfluss oder überhaupt nicht ans Tageslicht“ kommt. Am Ende bleibt manches offen, doch keimt an vielen Stellen Hoffnung auf.

J. Courtney Sullivan: All die Jahre. Deuticke 2018
www.hanser-literaturverlage.de

Annejet van der Zijl: Die amerikanische Prinzessin

„Courage all the time“ – Nie den Mut verlieren!

Während der Recherchen zu ihrer Dissertation über Prinz Bernhard der Niederlande stieß die Historikerin und Autorin Annejet van der Zijl 2009 auf den Namen der Amerikanerin Allene Tew, der „ein wenig mysteriösen amerikanischen Tante“ des Prinzgemahls der holländischen Königin Juliane. Spontan beschloss sie, über diese Frau, deren Leben wie ein „phantastischer, dramatischer, farbenprächtiger Film“ war, ein Buch zu schreiben. Am Ende sind es, wie sie selbst im Nachwort schreibt, drei Bücher in einem geworden: „Es ist eine wundersame Lebensgeschichte, die so voller Wendungen steckt, dass sie sich für mich fast wie ein Abenteuerroman anfühlt. Es kann auch als kleine Geschichte Amerikas gelesen werden. Und schließlich ist es meine sehr persönliche kleine Studie über die Frage: Wie geht man mit Verlusten um.“ Und genau diese rundum geglückte Kombination hat mich an dieser Biografie, die eben sehr viel mehr als ein nacherzähltes Leben ist, so begeistert.

Allene Tew wurde 1872 als Nachfahrin der zweiten Generation einer erfolgreichen Pionierfamilie am Chautauqua-See im Bundesstaat New York geboren, doch war ihr Vater der einzige in der Familie, der nicht mühelos in die großen Fußstapfen der ersten Generation trat. Ausgestattet mit auffallender Schönheit, einem beachtlichen Durchsetzungswillen und voller Interesse für die Welt und die Menschen, schaffte sie einen kometenhaften Aufstieg und hinterließ bei ihrem Tod 1955 ein Vermögen von 24 Mio. Dollar. Fünf Ehen führte sie, wovon sie die ersten beiden hauptsächlich ihrer Schönheit verdankte, die dritte, einzig wirklich glückliche, der Liebe, und für die vierte und fünfte war vor allem ihr inzwischen erworbenes Vermögen ausschlaggebend. Die Verluste, die sie erlitt und überlebte, hätten anderen den Lebensmut geraubt, nicht so jedoch Allene. Wie ein Stehaufmännchen erzwang sie stets einen positiven Fortgang, verlor nie die Freude am Leben und fand gemäß ihrem Motto: „Courage all the time – nie den Mut verlieren“ immer wieder eine Form des Glücks, sei es in einer neuen Ehe, in Reisen, in ihren zahlreichen Immobilien in den USA oder Frankreich oder in den „Ersatzkindern“, deren sie sich nach dem Tod der eigenen Kinder annahm, darunter der jungen Bernhard zur Lippe-Biesterfeld.

Doch wie bereits gesagt, ist Die amerikanische Prinzessin viel mehr als nur die Lebensgeschichte einer beeindruckenden Frau. Da sie ein Luxusnomadenleben führte, ist es auch mehr als nur eine amerikanische Geschichte. Durch ihre Aufenthalte in England und Frankreich, ihre Ehen mit einem deutschen Prinzen und einem russischen Grafen und ihre enge Verbindung zum niederländischen Königshaus als Patin der Ex-Königin Beatrix, ist es auch eine europäische Geschichte.

Annejet van der Zijls Biografie einer Frau, deren Leben man nicht abenteuerlicher hätte erfinden können, liest sich spannend, leicht und sehr unterhaltsam, und hat mich angesichts der unglaublichen Fakten immer wieder aufs Neue überrascht. Dabei vermeidet die Autorin jede Sensationshascherei und bleibt streng bei dem, was sie in den zahlreichen, im Quellenverzeichnis aufgeführten Büchern und der amerikanischen Presse über Allene Tew finden konnte. Zwei Bilderbogen, ein Personenregister, ein Stammbaum und eine Landkarte runden das absolut gelungene Buch aus dem Theiss Verlag ab, das ich mit großem Gewinn und Vergnügen gelesen habe.

Annejet van der Zijl: Die amerikanische Prinzessin. Theiss 2018
www.wbg-wissenverbindet.de