Jean-Philippe Blondel: Ein Winter in Paris

Plötzlich ist alles anders

Ein Brief erinnert Victor, Lehrer am Gymnasium und erfolgreicher Romanautor, glücklicher Ehemann und Familienvater, an eine unvergessene Katastrophe 30 Jahre zuvor. Er war damals knapp 19, Student im Vorbereitungskurs für den Concours, die Aufnahmeprüfung für eine der Grandes Écoles. Obwohl kein Überflieger innerhalb dieser Elite, hatte er zu seinem eigenen Erstaunen die Versetzung ins zweite Jahr geschafft, allerdings ohne jeden sozialen Kontakt, immer außen vor und als Provinzler aus bildungsfernem Elternhaus unsichtbar. Doch nun, im Herbst 1984, hatte er einen Schüler der Eingangsklasse kennengelernt: Mathieu, mit dem ihn nicht nur – wie er selbst meint – die gleiche Zigarettenmarke verbindet, sondern in meinen Augen auch die gleiche Einsamkeit und das Gefühl, am falschen Ort zu sein. Bevor die beiden sich jedoch näher kennenlernen und gerade als er ihn zu seinem Geburtstag einladen will, springt Mathieu im Schulhaus in den Tod: „…das Schimpfwort, der Schrei, der dumpfe Aufprall, das Kreischen der Bibliothekarin… Es war unser ganz persönlicher Horrorfilm.“ Das Drama reißt Victor aus seiner Unsichtbarkeit, denn als vermeintlicher Freund des Opfers ist er plötzlich gefragt: „Mein Leben hatte sich ordentlich bevölkert.“ Plötzlich interessiert sich der Klassenprimus für ihn, eine umschwärmte Studentin wird seine Freundin, Mathieus Vater sucht bei ihm nicht nur Erklärungen, sondern einen Ersatz für seinen Sohn, und er erlangt Macht über den verhasstesten Lehrer der Anstalt.

Es ist nicht ganz einfach, zu beschreiben, was mich an Ein Winter in Paris  begeistert hat. Einmal ist es natürlich Jean-Philippe Blondels kritische Betrachtung der unmenschlichen Bedingungen in den Vorbereitungskursen auf den Concours, die er aus eigener Erfahrung kennt. Die Mischung aus Drill, brutalem Leistungsdruck, erbarmungsloser Konkurrenz, Erwartungshaltung der Eltern und Arroganz vieler Lehrer ist für sensible Jugendliche schwer erträglich. Der Selbstmord Mathieus führt in der Schule nicht zu einem Innezuhalten, zur Suche nach Erklärungen oder gar zum Überdenken der Methoden und die Schüler rebellieren gegen dieses Schweigen nicht. Andererseits fand ich aber auch die Unterschiede zwischen Parisern und „Provinzlern“, also dem Rest der französischen Bevölkerung, interessant, der erstaunlicherweise noch schwerer wiegt als das soziale Gefälle. In erster Linie ist es jedoch der Reifungsprozess Victors, über den er selbst in der Rückschau melancholisch, doch ohne Pathos reflektiert. Großartig ist sein Gespräch mit Mathieus Mutter, die ihm klarsichtig seinen Profit aus der Tragödie vor Augen führt, ihm vorwirft, beim Vater den Toten ersetzen zu wollen, und ihm unmissverständlich klarmacht, dass er niemanden retten muss und kann und stattdessen mit dem eigenen Leben beginnen soll.

Dieses kleine, noch nicht einmal 200 Seiten starke Büchlein mit dem sehr gut zur Stimmung passenden Schwarz-Weiß-Cover ist ein ruhig erzählter, einfühlsamer Roman über das Erwachsenwerden, Eltern-Kind-Beziehungen, Einsamkeit und den Wunsch dazuzugehören, unmenschliche Bildungseinrichtungen, Schuldgefühle und Trauer, Ursachenforschung für einen Selbstmord und über das Leben mit einer traumatischen Erfahrung.

Jean-Philippe Blondel: Ein Winter in Paris. Deuticke 2018
www.hanser-literaturverlage.de

Sabine Kalwitzki & Betina Gotzen-Beek: Zottel tanzt Ballett

Extra-Applaus für Zottel

Nina liebt ihren kleinen Hund Zottel, auch wenn der immer mal Quatsch macht. Zottel ist klug, zerfetzt Papas Zeitung, verbuddelt Mamas Schal im Blumenbeet, singt zu Ninas Flötenspiel, übt mit ihr tanzen – nur zur Ballettaufführung darf er leider nicht mit. Aber Zottel wäre nicht Zottel, wenn er nicht einen Weg in den Ballettsaal fände, und so bekommt er am Ende einer fröhlich-ungewöhnlichen Aufführung sogar Extra-Applaus.

Zottel tanzt Ballett von Sabine Kalwitzki gehört als Teil der Reihe Lesespatz zur zweiten Stufe der Loewe Leseleiter. Mit fünf kleinen Kapiteln, großer Fibelschrift, kurzen Zeilen im Flattersatz, Abschnitten mit maximal fünf Zeilen und vielen lustig-bunten Illustrationen von Betina Gotzen-Beek ist es gut als erste Lektüre für Leseanfänger geeignet. Auch wenn das Thema und das pinkfarbige Cover wahrscheinlich eher Mädchen ansprechen – lachen können hier auch Jungs.

Sabine Kalwitzki & Betina Gotzen-Beek: Zottel tanzt Ballett. Loewe 2007
www.loewe-verlag.de

Dmitry Glukhovsky: Text

  Was bleibt?

Bei russischer Literatur denke ich gewöhnlich eher an Klassiker als an zeitgenössische Autoren, deshalb war ich sehr gespannt auf diesen siebten Roman des 1979 in Moskau geborenen Dmitry Glukhovsky. Sein internationaler Millionenbestseller Metro hätte mich als dystopische Science-Fiction-Trilogie nicht interessiert, aber dieser neue Roman Text klang vielversprechend. Dass er mich jedoch so sehr fesseln würde, hat mich überrascht. Vielleicht liegt es daran, dass Text  Dostojewskis immer aktuelle Frage nach Schuld und Sühne – oder in der modernen Übersetzung Verbrechen und Strafe – in modernem Gewand wiederaufwirft.

Sieben Jahre Straflager Solikamsk, von denen jedes dreifach zählte, liegen hinter dem Ex-Studenten Ilja, als er 2016 in seinen Heimatort Lobnja bei Moskau zurückkehrt. Er verdankt sie einem korrupten jungen Beamten, Pjotr Chasin, der ihm bei einer Drogenkontrolle Kokain untergeschoben hat. Nur die Mutter hat Ilja die Treue gehalten, hat an den nun 27-jährigen Sohn und dessen Zukunft geglaubt, doch als er heimkehrt, ist sie gerade einem Herzinfarkt erlegen. Die Kohlsuppe für ihn steht noch in der geplünderten Wohnung, rührendes Indiz der Wiedersehensfreude. Seine Ex-Freundin, die er bei der Razzia gegen die Zudringlichkeiten Chasins verteidigt hat, ist längst anderweitig liiert, der beste Freund fremd geworden. Was ihm bleibt, ist der Hass auf Chasin, „das Schwein“, inzwischen Major. In der ersten Nacht in Freiheit sucht Ilja ihn angetrunken auf, stellt ihn zur Rede, ersticht ihn aus schierer Verzweiflung im Affekt und entsorgt die Leiche unter einem Deckel der Kanalisation. Sein iPhone nimmt er mit und dank der darauf gespeicherten Chats, Mails, intimen Bilder und Videos wird er sich in den nächsten Tagen in Chasins Leben hacken, dessen Rolle weiterspielen und über den Toten in der Kanalisation sagen: „Da oben, da spiele ich dich, und ich weiß gar nicht mehr, wo du aufhörst und wo ich anfange.“ Nun ist Ilja der, der Chasins Angelegenheiten regelt, mit dessen zunehmend besorgteren Mutter, der schwangeren Freundin Nina, dem wütenden Vater und den Kontaktleuten aus dem Drogenmilieu kommuniziert und entscheidende Weichen stellt. Einige Tage lassen sich alle hinhalten, denn der Major tauchte immer wieder ab, beruflich oder wegen dubioser Geschäfte. Doch dann zieht sich die Schlinge um Ilja immer enger zusammen, denn „Ilja war allein, sie unendlich viele“.

Was mich beim Lesen so begeistert hat, ist die personale Erzählweise rein aus Iljas Sicht, die nur durch die Textnachrichten der Handypartner unterbrochen wird. Obwohl kein Krimi, war die Handlung für mich doch unglaublich spannend und hat mich wie ein Sog erfasst. Auch wenn das Zusammenbasteln von Chasins Leben aus digitalen Puzzleteilen manchmal etwas konstruiert wirkt, hat mich das kaum gestört. Die fortschreitende Verschmelzung Iljas mit seinem Peiniger ist psychologisch dafür umso besser gelungen, besonders wenn Ilja vergisst, dass Nina nicht seine, sondern die Freundin seines ermordeten Kontrahenten ist. Alles gipfelt in einem finalen Gewissenskonflikt und im Showdown, in dem es nur Verlierer gibt.

„Es gibt Menschen, von denen bleibt etwas, und von anderen Menschen bleibt nichts“, schließt dieser ebenso düster-bedrückende wie großartige Roman. Menschen wie Ilja, die dem System Putin chancenlos ausgeliefert sind, gehören zu den Letzteren.

Dmitry Glukhovsky: Text. Europa Verlag 2018
www.europa-verlag.com

Michael Ondaatje: Kriegslicht

Der Krieg nach dem Krieg

1992 erschien Michael Odaatjes größter Romanerfolg Der englische Patient, im Juli 2018 ausgezeichnet als bester Roman in 50 Jahren Man Booker Prize. Die großartige Verfilmung aus dem Jahr 1996 schaue ich mir immer wieder gerne an. Seinen mittlerweile achten Roman, Kriegslicht, habe ich nun gehört: ungekürzt, auf zwei MP3-CDs, in 512 Minuten. Anschließend war ich am 18.09.2018 bei „Lesung und Gespräch“ im Literaturhaus Stuttgart, einer von Tobias Döring moderierten Veranstaltung mit dem 1943 in Sri Lanka geborenen kanadischen Autor. Neben dem Vergnügen, Michael Ondaatje lesen und über seinen Roman sprechen zu hören, haben mir vor allem zwei seiner Aussagen beim Textverständnis geholfen: Zum einen möchte er nur 70 Prozent des Geschehens erzählen, die restlichen 30 Prozent soll der Leser bzw. Zuhörer selbst erbringen, so dass meine offenen Fragen keineswegs in fehlender Konzentration begründet liegen, zum anderen hat er zu Beginn des Schreibens keinen festen Plan für die Handlung, was für mich die manchmal etwas ziellos scheinenden Abläufe erklärt.

Im noch nicht wieder zur Ordnung zurückgekehrten Nachkriegs-London des Jahres 1945 erfahren der 14-jährige Ich-Erzähler Nathaniel und seine kaum ältere Schwester Rachel, dass die Eltern für etwa ein Jahr geschäftlich nach Singapur gehen, ein Umstand, den er im Anfangssatz so beschreibt: „Im Jahr 1945 gingen unsere Eltern fort und ließen uns in der Obhut zweier Männer zurück, die möglicherweise Kriminelle waren.“ Waren die Familienbande schon vorher nicht eng, so reißt dieser Bruch den Geschwistern den Boden unter den Füßen weg. Nichts scheint mehr sicher, erst recht, als sie den gepackten Überseekoffer der Mutter im Keller entdecken. Für die Geschwister beginnt eine Zeit mit dem „Falter“ und dem „Boxer“, während der sich ihr Elternhaus mit Fremden bevölkert und Nathaniel den Boxer bei seinen nächtlichen Schmuggelfahrten mit Windhunden und geheimnisvollen Kisten auf den dunklen Seitenkanälen der Themse begleitet. Es ist eine Zeit der Abenteuer, der Sehnsucht, des Erwachsenwerdens und der erwachenden Sexualität. Dramatische Ereignisse bewegen die Mutter schließlich zur Rückkehr, zur Aufgabe ihres gefährlichen Lebens und zum Rückzug in ihr Elternhaus in Suffolk.

Erst als die Mutter längst tot ist, beginnt Nathaniel 1959 mit der gezielten Spurensuche. Seit er für das Außenministerium arbeitet und Zugang zu Geheimdienstarchiven erhält, findet er immer mehr Puzzleteile. Zusammen mit seinen spärlichen Erinnerungen werden sie zwar nie ein umfassendes Bild ergeben, doch kann er Einblicke sowohl ins Leben seiner Mutter zu gewinnen, als auch seine eigene Vergangenheit und die Menschen, mit denen er in Berührung kam, mit neuen Augen sehen.

Frank Stieren, den ich bisher nicht kannte, liest den sehr lyrischen Text langsam, sehr deutlich, ruhig, mit minimalen Nuancen in den Dialogen und mit einer ausgezeichnet zum Roman passenden Intonation. Wenn er an manchen Stellen auf das Absenken der Stimme am Satzende verzichtet, hebt er virtuos das Nebelhaft-Geheimnisvolle, Andeutungsschwangere der Handlung hervor.

In ihren letzten Lebensjahren ist die Mutter anderer Stimmen überdrüssig geworden, mit Ausnahme von Romanen, „in denen die Handlung manchmal wild abschweifte, um dann doch in den letzten zwei, drei Kapiteln mühelos zu einem Ende zu finden“. Ich denke, sie hätte Kriegslicht gemocht.

Michael Ondaatje: Kriegslicht. Sprecher: Frank Stieren. Audiobuch 2018
www.audiobuch.com

Ralf Junkerjürgen: Jules Verne

Der rastlose Erfinder des Wissenschaftsromans

Es gibt ganz unterschiedliche Gründe, warum ich zu einem Buch greife: manchmal ist es das Cover, manchmal der Autor, der Titel oder das Thema. Nicht selten ist es aber der Verlag, in diesem Fall der inzwischen zur Wissenschaftlichen Buchgesellschaft gehörende wbg Theiss Verlag, der für mich ein Garant für interessante, gut recherchierte, für Laien verständliche Biografien aus der Feder fachkundiger Autoren geworden ist. So bin ich auf diese Biografie von Jules Verne gestoßen, dessen wichtigste innovative Leistung die Erfindung des Wissenschaftsromans war, der am meisten übersetzte französische Autor, dessen Werk nicht zuletzt wegen der zahlreichen Verfilmungen trotz ihres veralteten Wissensstands bis heute populär ist.

Ralf Junkerjürgen, Professor für romanische Kulturwissenschaft an der Universität Regensburg, legt den Schwerpunkt seiner 260 Seiten umfassenden Biografie Vernes auf dessen produktivste und originellste Schaffenszeit von 1862 bis 1875 und unterwirft fünf bedeutende Werke der genaueren Betrachtung: Fünf Wochen im Ballon (1863), Reise zum Mittelpunkt der Erde (1864), 20 000 Meilen unter den Meeren (1869/70), In 80 Tagen um die Welt (1872) und Die geheimnisvolle Insel (1874/75). Neben Inhaltsangaben geht es dabei um Vernes Arbeitsweise und den zeitgeschichtlichen Hintergrund für die Entstehung. Besonders interessant war diese Betrachtung für mich bei In 80 Tagen um die Welt, seinem größten Publikumserfolg. Hier steht der Plot um das Thema Pünktlichkeit im engen kulturhistorischen Zusammenhang mit der Beschleunigung des Alltags durch die Industrialisierung.

Doch natürlich geht es nicht nur um Jules Vernes umfangreiches Werk, das hauptsächlich aus den über 60 Bänden der Reihe Außergewöhnliche Reisen besteht. Viel Raum gewährt Junkerjürgen denen, die großen Einfluss auf Vernes Laufbahn als Schriftsteller hatten: seinem Vater Pierre, seinem Entdecker, Förderer, Verleger und Freund Pierre-Jules Hetzel und den literarischen Vorbildern James Fenimore Cooper, E.T.A. Hoffmann und Edgar Allan Poe. Das von Bescheidenheit, Frömmigkeit und Fleiß durchdrungene bürgerliche Elternhaus in Nantes, in das Verne 1828 hineingeboren wurde, prägte ihn, dazu kam die Neugier des Nicht-Wissenschaftlers auf die Neuerungen seiner Zeit, die er Jugendlichen und Erwachsenen zur Bildung und Unterhaltung vermitteln wollte. Zunächst unpolitisch, wurde er nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 zum Nationalisten, doch waren seine Stoffe, Handlungsorte und Protagonisten international, was für eine weite Verbreitung seiner Romane sorgte. Interessanterweise kondolierte bei Vernes Tod 1905 zwar der deutsche Kaiser Wilhelm II, nicht aber der französische Staat. Großen Raum in der Biografie nimmt außerdem der lebenslange belastende Konflikt mit seinem schwierigen Sohn Michel ein, den Junkerjürgen in der erdrückenden Übermacht des berühmten Vaters begründet sieht.

Nur an wenigen Stellen konnte ich Junkerjürgens Interpretationen nicht folgen, wenn er beispielsweise im Korkenzieherkirchturm der Kopenhagener Erlöserkirche und in Lavakanälen Sexualsymbole erkennt. Ab und zu wurde es mir auch mit den Fremdwörtern zuviel, wenn etwa die Hundertjahrfeier der Französischen Revolution zur „Zentenarfeier“ wird. Doch waren solche Kritikpunkte selten in einer für mich äußerst informativen, anschaulich bebilderten und unterhaltsam zu lesenden Biografie, die ich auch allen empfehlen kann, die wie ich weder gute Kenner noch ausgesprochene Fans von Jules Vernes Werk sind.

Ralf Junkerjürgen: Jules Verne. wbg Theiss 2018
www.wbg-wissenverbindet.de

Astrid Lindgren: Weihnachten in Bullerbü

Wenn Inga fast Bauchschmerzen bekommt

Büchersterne heißt die Erstlesereihe des Oetinger Verlags, die es in drei Lesestufen gibt: für die 1. Klasse, 1./2. Klasse und 2./3. Klasse. Die Besonderheit dieser Reihe ist die Vielzahl an sehr bekannten Autoren, wie beispielsweise Astrid Lindgren, Paul Maar, Kirsten Boie und Erhard Dietl. Vor einiger Zeit habe ich hier bereits den Band Lustiges Bullerbü besprochen, nun also Weihnachten in Bullerbü.

Viele Erstleser kennen die unvergleichlichen Geschichten aus Bullerbü wahrscheinlich schon aus Bilder- oder Vorlesebüchern, von Hör-CDs oder als Film. Hier können sie nun eine Geschichte selbst lesen, denn die Büchersterne-Ausgabe für die Lesestufe 1./2. Klasse hat einen Auszug aus dem Klassiker von Astrid Lindgren sprachlich bearbeitet, in großer Schrift und im Flattersatz gesetzt und mit vielen Leserätseln und -spielen am Ende angereichert. Ich war angenehm überrascht, wieviel trotz der Bearbeitung vom Charme des Originaltextes erhalten geblieben ist, wozu sicherlich auch die vielen bekannten Illustrationen von Ilon Wikland beitragen.

In fünf Kapiteln begleiten wir die Erzählerin Lisa und die anderen sechs Bullerbü-Kinder durch eine sehr stimmungsvolle, erwartungsgeladene Weihnachtszeit: wie sie Weihnachtsgarben für die Vögel aufstellen, Pfefferkuchen backen, Feuerholz holen, Weihnachtsbäume aussuchen, Weihnachtslieder singen, Geschenke verpacken und schließlich das ersehnte Fest feiern. „Alles ist so schön weihnachtlich, dass ich fast Bauchschmerzen bekommen“, sagt Inga, und ich kann das bestätigen: Ein bisschen kribbelt es tatsächlich.

Ein wunderschönes Erstlesebuch!

Astrid Lindgren: Weihnachten in Bullerbü. Oetinger 2015
www.oetinger.de

Buchblog-Award 2018

Ich bin überglücklich über einen Platz unter den ersten Fünf beim Buchblog-Award 2018 in der Kategorie „Allesleser“. Herzlichen Dank an alle, die mir ihre Stimme gegeben haben! Die Sieger werden am 12.10.2018 auf der Frankfurter Buchmesse bekanntgegeben, die Daumen dürfen also gerne gedrückt bleiben.

Alex Capus: Königskinder

Beharrlichkeit und Beständigkeit

Eine Nacht eingeschneit im Auto auf dem Jaunpass, weil man wie Tina und Max aus purem Übermut die Absperrung einfach umfahren hat, ist eigentlich keine angenehme Vorstellung. Trotzdem hätte ich beim Lesen gerne mit Tina getauscht, denn Max ist ein so begnadeter Geschichtenerzähler, dass mir beim Zuhören auch bei 12 Grad Innentemperatur warm ums Herz geworden wäre.

Was er Tina erzählt, um die Zeit bis zur Rettung zu verkürzen und keine Panik aufkommen zu lassen, ist belegt, soweit es um die äußeren Daten und den groben Ablauf der Handlung geht. Alex Capus hat sie in Schweizer Archiven und sogar in Versailles recherchiert, wo sie in den Briefen und Tagebüchern einiger Adeliger Spuren hinterlassen hat. Helden dieser Erzählung sind der arme Kuhhirte Jakob Boschung und Marie-Françoise Magnin, Tochter eines reichen Bauern, aus dem Greyerzerland. Ihrer Liebe steht zehn Jahre lang Maries Vater im Weg, doch ihrem geduldigen Beharren und ihrer unerschütterlichen Beständigkeit muss auch dieser „ungehobelte Grobian“ schließlich nachgeben. Freilich braucht es dafür den Einsatz einer wahrhaftigen Prinzessin, der Schwester Ludwigs des XVI., in deren Diensten Jakob 1789 kurz vor dem Ausbruch der Französischen Revolution als Kuhhirte stand. Während die Welt aus den Fugen geriet, revoltierende Bauern die Schlösser und Klöster niederbrannten, in Paris hungernde Kleinbürger die Waffenarsenale der Polizei plünderten und Versailles sich langsam entvölkerte, konnten Jakob und Marie am 26.05.1789 auf dem Puppenstuben-Bauernhof der Prinzessin endlich heiraten.

Nun könnte man befürchten, die märchenhaft anmutende Geschichte wäre gar zu kitschig. Diese Klippe umschifft Alex Capus gekonnt durch die kritischen Kommentare und Zwischenfragen Tinas, die immer genau zum richtigen Zeitpunkt kommen. Außerdem verhindert der leichte, humorvolle und dichte Erzählstil, der die romantischen Details nicht unnötig vertieft, dass man nicht zu sehr ins Schwelgen gerät. Mit den Schlussworten „Na also… Geht doch.“ überlässt uns Alex Capus dann unserer Fantasie und unseren Träumen sowohl bezüglich Tina und Max als auch Jakob und Marie.

Der kleine, knapp 200 Seiten umfassende Roman Königskinder ist keine tiefschürfende Auseinandersetzung mit den Problemen unserer Zeit, sondern ein warmherziges, optimistisches Buch, wie ich es von Zeit zu Zeit unbedingt brauche und sehr gerne verschenke.

Alex Capus: Königskinder. Hanser 2018
www.hanser.de

Mick Herron: Slow Horses

Ein Ausflug ins Londoner Agentenmilieu

Geheimdienstthriller gehören normalerweise nicht zu meiner bevorzugten Lektüre, genauso wenig wie ich  James-Bond-Filme mag. Für ein Buch des Diogenes Verlags mache ich jedoch auch gerne ab und zu einen Ausflug in ein anderes Genre und habe es letztlich nicht bereut, auch wenn ich vermutlich trotzdem nicht zur Wiederholungstäterin werde.

Das Besondere an Slow Horses ist nicht der Fall als solcher, bei dem ein Neunzehnjähriger entführt und mit der Enthauptung vor laufender Kamera gedroht wird. Viel spannender war für mich das Szenario, in das der britische Autor Mick Herron das Verbrechen einbettet. Nicht die Zentrale des britischen Inlandsgeheimdienstes MI5 in Regent‘s Park und ihre Topagenten stehen hier im Mittelpunkt, sondern Slough House, ein verkommenes Gebäude, in das die „Schmutzflecken in der Geschichte des Secret Service“ abgeschoben werden, die Versager, die zu Recht oder zu Unrecht Degradierten. Deren verschiedene Geschichten, die einen beträchtliche Teil des Thrillers einnehmen, habe ich am liebsten gelesen. Diese „Gefallenen“ werden von der Zentrale mit Routinearbeiten zermürbt, von Informationen ausgeschlossen, unterfordert, zur Kapitulation gedrängt. Einer dieser Versager ist der junge, einst vielsprechende Agent River Cartwright, der nach einem spektakulär verpatzten Übungseinsatz nun ein klägliches Dasein fristet, ein anderer sein Chef Jackson Lamb, König von Slough House, ein ungewaschener Despot ohne Manieren. Lamb ist die Hauptfigur der Reihe, deren erster Band nun auf Deutsch erschienen ist.

Mit der Entführung nimmt der Thriller deutlich an Fahrt auf, doch konnten mich das Ultimatum, das Verwirrspiel um die Entführer, das Rätsel um einen ins rechte Milieu abgerutschte Ex-Starreporter und die Intrigen, Manipulationen und Lügen innerhalb des MI5 nicht wirklich packen. Dazu trägt auch die flapsige Sprache der Dialoge bei, die auf mich so gänzlich unwahrscheinlich wirkt, dem Genre aber vermutlich entspricht. Gefallen hat mir dagegen, wie die Einzelkämpfer des Slough House im Angesicht der Gefahr und gegen die Zentrale zum Team zusammenwachsen und die Hoffnung auf Rehabilitation ihren Ehrgeiz anspornt. Obwohl flüssig geschrieben, braucht es beim Lesen eine ganze Menge Konzentration und ab und zu einen Blick in das äußerst hilfreiche Personenregister, um den Überblick über die Agentenschar und das aus unterschiedlichen Perspektiven erzählte Verwirrspiel zu behalten.

Wer gerne Geheimdienstthriller liest und das Besondere sucht, könnte bei dieser Reihe genau richtig sein.

Mick Herron: Slow Horses. Diogenes 2018
www.diogenes.ch