Rebecca Hunt: Everland

„Hauptsache, es geht gut aus, alles andere ist nicht wichtig“

Zwei Feldforschungsexpeditionen in die Antarktis stehen im Mittelpunkt des zweiten Romans der 1979 geborenen Britin Rebecca Hunt. Ging es in ihrem Debüt Mr. Chartwell um Winston Churchill und dessen Depressionen in Gestalt eines schwarzen Hundes, so sind in ihrem 2017 auf Deutsch im Verlag Luchterhand mit einem bestechend schönen Cover erschienen Roman Everland menschliche Beziehungen im Angesicht existenzieller Bedrohungen und der Umgang mit der Wahrheit ihr Thema. Abwechselnd und in kurzen Kapiteln erzählt Rebecca Hunt von den einzigen beiden Expeditionen zur fünf Quadratmeilen großen, fiktiven Antarktisinsel Everland, durchgeführt 1913 und zum hundertjährigen Jubiläum 2012.

Im März 1913 bricht vom britischen Dreimaster Kismet aus ein dreiköpfiges Team zur Erforschung der Insel auf: Napps, der erste Offizier und Leiter der Expedition, der erfahrene Matrose Millet-Bass und der vom Kapitän zur allgemeinen Überraschung und Missbilligung ausgewählte Dinners, ein völlig unerfahrener und schwächlicher Wissenschaftler. Nach zwei Wochen soll die Kismet sie wieder abholen, doch steht die Unternehmung von Beginn an unter keinem guten Stern, denn Stürme, Eis und die erforderliche Reparatur der Kismet werfen alle Pläne über den Haufen. Was sich auf der Insel tatsächlich abspielte, meint die Nachwelt aus dem Tagebuch des Kismet-Kapitäns zu wissen und das Drama wurde sogar aufwühlend verfilmt mit einer klaren Einteilung des Teams in Gut und Böse, die sich hauptsächlich auf Napps Aussage in einem Brief an seine Frau stützt: „Es gibt nichts, was ich nicht tun würde, um zurückzukehren, nichts, womit ich nicht leben könnte, wenn es mich nur nach Hause bringt.“

100 Jahre später, im November/Dezember 2012, ist wieder ein Dreierteam unterwegs mit der Aufgabe, die Pinguin- und Robbenpopulation sowie den Gletscher zu untersuchen. Decker, erfahrener Biologe und Leiter der Expedition, die tüchtige Feldassistentin Jess und die vollkommen unerfahrene Wissenschaftlerin Brix. Eine ähnliche Konstellation? Immerhin ist die technische Ausrüstung ungleich besser, es steht nicht der arktische Winter, sondern der Sommer vor der Tür und es besteht ein ständiger Funkkontakt zum Basislager Aegeus. Und doch bleiben die Naturgewalten unberechenbar.

Die wahren Hintergründe der Katastrophe von 1913, die Rebecca Hunt nach und nach enthüllt, waren für mich spannender als die neue Geschichte, auch wenn die zwischenmenschlichen Reibereien aufgrund der Tatsache, dass alles sich nach dem schwächsten Glied der Kette zu richten hat, in beiden Teams interessant waren. Die Frage, ob es sich lohnt, sein Leben aufs Spiel zu setzen, um das eines anderen Menschen zu retten, ist 1913 genauso aktuell wie 2012 und wirkt vor der imponierenden Kulisse des ewigen Eises umso eindringlicher. Bedauert habe ich lediglich die Tatsache, dass es mir kaum gelang, eine empathische Beziehung zu den Protagonisten aufzubauen.

Rebecca Hunt: Everland. Luchterhand 2017
www.randomhouse.de

Ilse Bintig & Anke Dammann: Die schönsten Elfenmärchen der Brüder Grimm

Eine sehr empfehlenswerte Klassiker-Ausgabe für fortgeschrittene Erstleser

Bei Elfen habe ich bisher eher an Island gedacht, aber es gibt sie offensichtlich auch in Irland. Die Gebrüder Grimm haben die irischen Elfenmärchen, die Thomas Corfton Croker niedergeschrieben und 1825 unter dem Titel Fairy Legends and Traditions of the South of Ireland erstmals veröffentlicht hat, ins Deutsche übertragen. In der Erstlesereihe Der Bücherbär aus dem Arena Verlag wurden fünf von ihnen für Zweit- und Drittklässler bearbeitet, altersgerecht nacherzählt und in Fibelschrift gedruckt.

Folgende Märchen umfasst die Sammlung:

  • „Die geheimnisvolle Flasche“, in dem Elfen einem armen Pächter aus der Not helfen und den gierigen Gutsherrn bestrafen.
  • „Der Ritt auf dem Kälbchen“ über erzürnte Elfen, die nachts keine Kuhhirten auf ihrer Wiese dulden.
  • „Die verwandelten Elfen“ mit dem alten Bauern, der fest an ihre Existenz glaubt und darüber mit zwei Schülern in Streit gerät.
  • „Fingerhütchen“, in dem die Elfen einen freundlichen und hilfsbereiten jungen Mann von seinem Buckel befreien und einen rücksichtslosen, herrischen Buckligen mit einem zweiten Buckel strafen.
  • „Das Mädchen und die Spinnerin“ über die schöne Finnja, die nicht spinnen kann, und der die Elfen dazu verhelfen, dass sie es nie wieder versuchen muss.

Sowohl die Handlungen der Märchen, die alle viel Gesprächsstoff bieten, als auch die kindgerechte Auswahl und Bearbeitung von Ilse Bintig und die reichhaltige, eher traditionelle Illustration von Anke Dammann haben mir sehr gut gefallen. Eine sehr empfehlenswerte Klassiker-Bearbeitung für fortgeschrittene Erstleser oder zum Vorlesen ab fünf Jahren und für mich eine Anregung, die Märchen demnächst einmal in der deutschen Originalausgabe der Gebrüder Grimm zu lesen.

Ilse Binig & Anke Dammann: Die schönsten Elfenmärchen der Brüder Grimm. Arena 2011
www.arena-verlag.de

Henning Mankell: Der Sandmaler

Mankells erster Afrika-Roman

Das Thema dieses kleinen Romans ist auch über 40 Jahre nach dem ersten Erscheinen noch topaktuell. Die Flüchtlinge aus Afrika führen uns Tag für Tag die anhaltenden Folgen von Kolonialismus und Ausbeutung vor Augen. Dass Henning Mankell dies bereits bei seiner ersten Afrikareise im Jahr 1972 im Alter von 24 Jahren erkannte und auf diese Weise thematisierte, ist sicherlich ein Verdienst. Es war sein zweiter Roman, lange vor den Wallander-Krimis und den großen Afrika-Büchern wie Der Chronist der Winde und Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt geschrieben, und zu Mankells Lebzeiten (1948 – 2015) wurde er nicht ins Deutsche übersetzt. Ich bin mir nicht sicher, ob er diese nachträgliche Veröffentlichung gewollt hätte, zu groß ist der Unterschied zu seinen späteren Romanen.

Zwei junge Schweden stehen im Mittelpunkt der Geschichte: Stefan und Elisabeth. Beide haben gerade Abitur gemacht, hatten während der Schulzeit eine kurze Beziehung, aber während Stefans Zukunft als Sohn reicher Eltern vorgezeichnet ist und sein Weltbild bereits zementiert scheint, ist Elisabeth auf der Suche nach ihrer Bestimmung und offen für neue Eindrücke. So ist auch ihre Motivation für eine 14-tägige Afrikareise, bei der sie sich im Herbst 1972 im Flugzeug zufällig wiederbegegnen, eine ganz unterschiedliche: Stefan möchte Meer, Wärme, schnellen Sex mit Afrikanerinnen und reichlich Alkohol, Elisabeth dagegen will durch diese mutige Reise zu sich selber finden, Neues kennenlernen und Sicherheit gewinnen. Für beide werden sich die Erwartungen schließlich erfüllen: Stefan sieht seine Vorurteile über die Einheimischen auf ganzer Linie bestätigt und lebt seinen blasierten, besserwisserischen Rassismus voll aus, Elisabeth öffnet sich für die Probleme des Landes, kann dank dieser Offenheit auch hinter die Kulissen blicken und kehrt erwachsener zurück.

Viele der politischen und gesellschaftskritischen Themen späterer Romane sind in diesem frühen Werk Henning Mankells bereits erkennbar, allerdings plumper, mit leider wenig differenzierten Charakteren und sprachlich sehr einfach. Schade auch, dass so wenig vom Flair Afrikas zu spüren ist, und dass immer nur ganz pauschal von Afrika die Rede ist, nicht von einem bestimmten Land. Zu deutlich merkt man dem Autor sein Engagement in der schwedischen 68er-Bewegung und seine gute Absicht, Missstände aufzugreifen, an, alles Dinge, die er in späteren Romanen so unvergleichlich besser, obwohl nicht weniger kritisch, beherrschte.

Als ausgesprochener Mankell-Fan bereue ich die Lektüre dieses Frühwerks definitiv nicht und werde ganz bestimmt auch weitere Neuerscheinungen lesen, egal aus welcher Schaffensperiode. Es ist durchaus interessant zu sehen, wie ein Autor zu dem wurde, was er schließlich war, auch wenn, wie in diesem Fall, der Weg dorthin ein wenig steinig war. Wer allerdings noch kein Buch von Henning Mankell gelesen hat, dem würde ich dieses nicht als Einstieg empfehlen.

Henning Mankell: Der Sandmaler. Zsolnay 2017
www.hanser-literaturverlage.de

Isabel Allende: Der japanische Liebhaber

„Das Herz ist groß, man kann mehr als einen Menschen lieben.“

Natürlich habe ich sie gelesen, die vernichtenden Kritiken über Isabel Allendes 2015 erschienenen Roman Der japanische Liebhaber. So schrieb Oliver Jungen am 17.09.2015 in der FAZ von „Groschenromanödnis und völkerpsychologischer Nonchalence“, warf Allende „Verpilcherung“ vor, ein „Vorabend-Soap“-Niveau und eine „lustlos ausgedachte Romanhandlung“, die zudem „zu wenig überraschend“ sei. Ralph Hammerthaler bezeichnete das jüngste Werk Allendes am 27.10.2015 in der Süddeutschen Zeitung als „gnadenlos heruntererzählte Trivialliteratur“ und ernannte die Autorin zur „Königin des Kitsches“.

Keines dieser Urteile kann ich nach der Lektüre nachvollziehen, obwohl ich weder Trivialliteratur noch Vorabend-Soaps schätze oder gar einen Hang zum Kitsch habe. Im Gegenteil ist dieser Roman der von mir seit ihrem Debüt Das Geisterhaus von 1982 sehr geschätzten Autorin nach einigen zwar sehr gut gemachten, aber inhaltlich weniger fesselnden Titeln wieder ein Highlight für mich, flüssig und mit großer Stilsicherheit erzählt, anrührend und mit mehrdimensionalen Charakteren, persönliches Schicksal und historische Hintergründe verbindend und voller überraschender Wendungen. Die meisten Autoren wären wahrscheinlich angesichts der Anzahl der aufgegriffenen Themen überfordert gewesen, nicht so jedoch Isabel Allende, die alles mit meisterhafter Leichtigkeit verbindet, so dass es nie zu einer erzählerischen „Abarbeitung“ wird.

Alma Belasco und Irina Bazili lernen sich 2010 in Lark House kennen, einer gehobenen Seniorenresidenz in Kalifornien. Beiden ist gemeinsam, dass sie mit sieben Jahren ihre Heimat verlassen mussten. Alma schickten die Eltern Mendel 1939 aus Polen zu Onkel und Tante nach San Franzisco, Irina kam vor einigen Jahren aus Moldawien zu ihrer Mutter in die USA. Doch während Alma zwar den Verlust ihrer Familie ertragen musste, aber bei Onkel und Tante nicht nur in materiell gesicherte Verhältnisse, sondern auch in eine Familie voller Herzenswärme kam, erlebte Irina bei Mutter und Stiefvater eine Hölle, der sie seither durch ständige Ortswechsel zu entkommen sucht. Bei Alma, die Irina für einige Stunden pro Wochen als Hilfe beschäftigt, findet die junge Frau zum ersten Mal eine Art Ruhe, kann aber der beharrlichen Werbung von Almas Lieblingsenkel Seth nicht nachgeben. Gemeinsam versuchen die Irina und Seth jedoch, Almas Geheimnis auf die Spur zu kommen. Warum ist sie 2010 mit 78 Jahren so überstürzt nach Lark House gezogen, welche Rolle spielten ihre Freunde aus Kindertagen, der Cousin Nathaniel Belasco und Ichimei Fukada, der Sohn des japanischen Gärtners, in ihrem Leben, wer schickt ihr regelmäßig Briefe und Blumen und wohin verschwindet sie immer wieder für einige Tage?

Isabel Allende erzählt die dramatischen Lebensgeschichten von Alma, aber auch von Irina, den Mendels, den Belascos und den Fukudas so flüssig und spannend, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte und immer wieder überrascht wurde. Alle Facetten von Liebe und Freundschaft werden ausgeleuchtet, emotional, aber nicht melodramatisch und hin und wieder mit der für Isabel Allende so typischen Ironie. Besonders gut gefallen hat mir außerdem der Teil über die Geschichte der japanischen Einwanderer in die USA in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, um die es auch in den tollen Büchern Wovon wir träumten von Julie Otsaka, Keiko von Jamie Ford und Schnee, der auf Zedern fällt von David Guterson geht.

Isabel Allende: Der japanische Liebhaber. Suhrkamp 2015
www.suhrkamp.de

Boris Akunin: Fandorin

Ermittlungen im Zarenreich

Am 13.05.1876 erschießt sich im Moskauer Alexandergarten vor den Augen der entsetzten Spaziergänger der 23-jährige Jurastudent und Alleinerbe eines Millionenvermögens Pjotr Alexandrowitsch Kokorin. Dass dies nicht, wie die Moskauer Neueste Nachrichten berichten, „ein bedauerlicher Vorfall, der vom herrschenden Zynismus unter der heutigen Jugend Zeugnis ablegt“ ist, davon ist der Neuling im Kriminalkommissariat, der 20-jährige Erast Petrowitsch Fandorin, Kollegienregistrator im 14. Beamtenrang, sofort überzeugt. Obwohl sein altgedienter, bequemer Vorgesetzter Xaveri Gruschin diese Meinung keineswegs teilt, erhält der ebenso naive wie eifrige Fandorin die Erlaubnis für weitere Nachforschungen und stürzt sich Hals über Kopf in diese Aufgabe. Sosehr er aber ein Geheimnis hinter dieser vermeintlichen Selbsttötung wittert, sowenig hätte er sich zu Beginn ausmalen können, welchen Umfang seine Ermittlungen schließlich annehmen würden, wie oft er sich gleich einer Katze mit sieben Leben in letzter Sekunde würde retten müssen und welch weltumspannender Verschwörung er mit Hilfe seines innovativen neuen Vorgesetzten schließlich auf die Spur kommt…

Das schüchterne, tollpatschige und ehrgeizige Stehaufmännchen Fandorin ist mir aufgrund dieser Eigenschaften und der ironisch-distanzierten Perspektive des Autors Boris Akunin schnell ans Herz gewachsen. Der erste Band der Reihe ist eine temporeiche Geschichte voller unerwarteter Wendungen, bei der man nie weiß, wer auf welcher Seite steht. Dass die Logik dabei das ein oder andere Mal auf der Strecke bleibt, ist schade, hat mich aber nicht übermäßig gestört. Dafür hat mir die Sprache, die der Handlungszeit angepasst ist, Spaß gemacht, ebenso wie die ironischen Anspielungen auf den Beamtenapparat des Zarenreichs. Mit Grigori Tschchartischwili, Moskauer Philologe, Kritiker, Essayist und Übersetzer aus dem Japanischen, schreibt ein Autor unter dem Pseudonym Boris Akunin diese historischen Krimis, dem man nicht nur seine Belesenheit, sondern auch seine Freude am Schreiben deutlich anmerkt. Das vorliegende Buch erschien im Original 1998, auf Deutsch erstmals 2001, und machte Akunin nicht nur in Russland äußerst populär.

Mir ist Fandorin durch einen glücklichen Zufall im Urlaub in die Hände gefallen. Mehr noch denn als Krimi hat es mir als Porträt der russischen Gesellschaft in der Endphase des Zarenreichs gefallen, und wenn der Aufbau Verlag es als Roman bezeichnet, soll wahrscheinlich genau dieser Aspekt hervorgehoben werden.

Boris Akunin: Fandorin. Aufbau 2003
www.aufbau-verlag.de

Camilla Läckberg: Predikanten

Blut ist dicker als Wasser

Es ist drückend heiß in Fjällbacka im Sommer 2003, als ein sechsjähriger Junge beim Spielen in den Kungsklyftan eine frische Frauenleiche und zwei Skelette entdeckt. Patrik Hedström, Kriminalpolizist bei der Tanumhede Polisstation und gerade für einige Tage im Urlaub zuhause mit seiner hochschwangeren Lebensgefährtin Erica Falck, kehrt an seinen Arbeitsplatz zurück und wird von seinem ungewöhnlich verbindlichen und gutgelaunten Chef Mellberg mit der Leitung der Untersuchungen beauftragt. Schnell kann die kleine Ermittlergruppe die Tote als die vermisste deutsche Urlauberin Tanja Schmidt identifizieren. Hinter den beiden Skeletten, die ebensolche Verletzungen und Knochenbrüche aufweisen wie die Leiche, vermuten Patrik und seine Kollegen die seit dem Sommer 1979 spurlos verschwundenen Siv Lantan, damals 19, und Mona Thernblad, damals 18 Jahre alt. Der Verdacht fiel nach ihrem Verschwinden auf Johannes Hult, ausgelöst durch eine Anzeige seines Bruders Gabriel, doch der Verdächtige nahm sich kurz darauf das Leben. Auch jetzt scheinen wieder alle Spuren zu dieser ebenso schillernden wie zerstrittenen Familie zu führen. Deren Oberhaupt, der inzwischen verstorbene Prediger einer Freikirche, Ephraim Hult, war bekannt für seine wundersamen Heilungen, für die er seine Söhne Johannes und Gabriel benutzte, bis er durch das Erbe einer dankbaren Anhängerin reich wurde. Zwar sind die beiden Familienteile heillos zerstritten, aber Blut ist bekanntlich dicker als Wasser…

Patriks Ermittlungen erfahren eine zusätzliche Dringlichkeit, als die 17-jährige Jenny Möller vermisst wird. Dreh- und Angelpunkt bleibt die Frage, ob ein Täter für mindestens drei Frauenmorde verantwortlich ist, oder ob Johannes Hult damals der Täter war und nun kopiert wird. Erica schlägt sich derweilen mit der Endphase ihrer Schwangerschaft, der erzwungenen Untätigkeit und ungebetenen Gästen herum, während alle unter der Hitze stöhnen.

Auch der zweite Band, Predikanten (deutsch: Der Prediger von Fjällbacka), der Reihe mit dem sympathischen Paar Erica Falck, Schriftstellerin, und Patrik Hedström von der Kriminalpolizei, hat mir wieder gut gefallen, auch wenn mir die ein oder andere der zahlreichen Nebenhandlungen etwas zuviel wurde. Außerdem erschien es mir nicht ganz glaubwürdig, dass im Falle der verschwundenen 17-Jährigen nicht ein viel größeres Team für die Suche gebildet wurde. In punkto Spannung kann es Camilla Läckberg aber mit den großen skandinavischen Krimiautoren problemlos aufnehmen und wie schon im ersten Band, Isprinsessan (deutsch: Die Eisprinzessin schläft), hat mir wieder die detaillierte Ausarbeitung der Charaktere besonders gut gefallen.

Mit einem Niveau von ca. B1 lässt sich der Krimi problemlos in der Originalsprache lesen, ganz ohne Wörterbuch, etwas langsamer, aber mit dem doppelten Vergnügen!

Camilla Läckberg: Predikanten. Månpocket 2013
www.alskapocket.se

Sehnsucht Italien

Eine akustische Reise von den Dolomiten bis nach Sizilien

„Eine akustische Reise von den Dolomiten bis nach Sizilien“ lautet der Untertitel zu diesen acht CDs, die in guten neun Stunden Features und Reportagen des Bayerischen Rundfunks aus den Jahren 1983 bis 2015 zum Thema Italien bieten. Da ich solche Reiseberichte im Radio besonders gerne, meist aber nur zufällig höre, war ich von der Idee dieser Zusammenstellung sofort begeistert.

Inhaltlich geht es in der Mehrzahl der Berichte nicht um die großen Sehenswürdigkeiten, wie sie Baedeker und Co. präsentieren, sondern oft um spannende Details am Rande, wie z. B. die Casa Verdi in Mailand, ein Seniorenheim nur für Musiker, um die Cittàslow-Bewegung in Orvieto oder um eine Goethe-Anekdote vom Gardasee. Und wir wären nicht in Italien, wenn es nicht in vielen Beiträgen um Küche und Keller ginge; es empfiehlt sich daher, die CDs nicht mit leerem Magen zu konsumieren!

So bunt wie die Liste der Autoren und Sprecher ist auch die Gestaltung der 34 Beiträge: nur gesprochener Text oder mit Musik und Originaltönen angereichert, ausführlicher oder knapper, eher informativ oder eher emotional, wird es eines auf jeden Fall nie in diesen über neun Stunden: langweilig.

Während der Zuhörer auf den ersten sieben CDs geografisch von Norden nach Süden reist, was man auf der beigelegten kleinen Landkarte gut nachvollziehen kann, ist CD acht den drei Persönlichkeiten Franz von Assisi, Benvenuto Cellini und Giuseppe Garibaldi gewidmet sowie dem römischen Operneklat des Jahres 1730.

Man muss kein ausgewiesener Italien-Fan sein, um die Beiträge zu genießen und dabei im ausgezeichneten Booklet zu stöbern. Beim Hören der akustischen Reiseeindrücke auf dem heimischen Sofa entsteht bestimmt der Wunsch, die ein oder andere Stadt oder Region selbst zu bereisen oder wenigstens beim Italiener um die Ecke die gepriesenen Köstlichkeiten zu testen – Sehnsucht Italien eben.

Ich hoffe sehr, dass der Hörverlag aus diesem Projekt eine Reihe macht und es in Zukunft auch Zusammenstellungen von Features und Reportagen aus anderen Ländern und Regionen geben wird, zum einmaligen Hören im Radio sind sie einfach zu schade!

Sehnsucht Italien. Der Hörverlag 2017
www.randomhouse.de

Julia Boehme & Julia Ginsbach: Tafiti und das fliegende Pinselohrschwein

Ein sehr spannendes Gänsehaut-Erdmännchen-Pinselohrschwein-Abenteuer

Tafiti und das fliegende Pinselohrschwein ist der zweite Band der Kinderbuchreihe um das pfiffige Erdmännchen Tafiti und seinen besten Freund, das Pinselohrschwein Pinsel. Die beiden Freunde haben schon so viel zusammen erlebt, dass sie auch das Gegrummel von Tafitis Opapa nicht stören kann, dem ein Erdmännchenfreund für seine Enkel lieber wäre. Doch als Pinsel Tafiti gleich zweimal aus den Fängen von Mr. Gogo, dem Adler, rettet, muss auch Opapa zugeben: Einen besseren Freund gibt es nicht für Tafiti, deshalb ernennt er ihn gleich zum Ehren-Erdmännchen.

Ein sehr spannendes Gänsehaut-Erdmännchen-Pinselohrschwein-Abenteuer von Julia Böhme, detailreich, bunt und witzig illustriert von Julia Ginsbach und dank der großen Schrift für Zweitklässler geeignet, zum Vorlesen bereits ab 5 Jahre.

Julia Boehme & Julia Ginsbach: Tafiti und das fliegende Pinselohrschwein. Loewe 2013
www.loewe-verlag.de

Gianrico Carofiglio: Reise in die Nacht

Ein herausragend anderer Krimi

Normalerweise lese ich Krimis eher selten zweimal. Bei Gianrico Carofiglios Reise in die Nacht habe ich nun eine Ausnahme gemacht, weil ich mein begeistertes Urteil aus dem Jahr 2007 überprüfen wollte, und kann es nun voll bestätigen. Dabei überzeugt mich nicht allein die Krimihandlung, bei der es nicht um polizeiliche Ermittlungsarbeit, sondern um einen Strafprozess geht, sondern vor allem auch das Privatleben des knapp 40-jährigen Ich-Erzählers und Anwalts Guido Guerrieri, der sich nach der plötzlichen Trennung seiner Frau und einem depressiven Absturz zurück ins Leben kämpft.

Dass ihm dieser Schritt gelingt, ist nicht nur seiner neuen Nachbarin Margherita, sondern vor allem dem Fall des senegalesischen Strandverkäufers Abdou Thiam zu verdanken, der beschuldigt wird, einen neunjährigen Jungen ermordet zu haben. Da Thiam die Tat vehement bestreitet, stützt sich die Anklage ausschließlich auf angeblich sichere Indizien und Zeugenaussagen, keine guten Vorzeichen für die Verteidigung, die Guerrieri trotzdem übernimmt.

Gianrico Carofiglio ist wie sein Hauptdarsteller Jurist, allerdings nicht Anwalt, sondern Anti-Mafia-Staatsanwalt in Bari, der Stadt, in der auch seine Guerrieri-Krimis spielen. Für alle, die lange Gerichtsszenen mit Zeugenvernehmungen und ausgeklügelten Plädoyers nicht schrecken, die wert auf eine gute Sprache legen und die einen differenzierten, ehrlichen, sympathischen, emotionalen Helden kennenlernen möchten, der sich, seinen Beruf und seine Mitmenschen mit viel Ironie und Sarkasmus betrachtet, der ist mit diesem ersten Band der Bari-Krimis bestens bedient.

Gianrico Carogiglio: Reise in die Nacht. Goldmann 2007
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Kirsten Wulf: Sommer unseres Lebens

Ein Revivaltrip mit Stärken und Schwächen

Die Leseprobe zu diesem Roman hat mich angesprochen, ebenso wie das stimmungsvolle, aber nicht kitschige Cover im Gegenlicht. Die Grundidee des Buches – drei Freundinnen, die sich nach einem zufälligen gemeinsamen Urlaub in Portugal vor 25 Jahren mit 50 am alten Ort zu einem Revivaltrip wiedertreffen – fand ich interessant. Die Verschiedenheit der Charaktere versprach gute Unterhaltung und die drei Zeitebenen, der Urlaub 1989 und seine Vorgeschichte, die 25 Jahre, die inzwischen ins Land gegangen sind, während derer die Frauen so gut wie keinen Kontakt zueinander hatten, und die erneute Reise 2014, bieten jede Menge Stoff jenseits des Genres „seichter Frauenroman“.

Sowohl mit 25 Jahren als auch jetzt im Alter von 50 stehen Hanne, Claude und Miriam an Wendepunkten, doch während ihnen damals noch alle Wege offenstanden, sind die Möglichkeiten nun deutlich eingeschränkt, es gilt, „den Schrott der ersten 50 Jahre aufzuräumen“. Hanne, die geschiedene Mutter von vier Kindern und marathonlaufende Yogalehrerin, Claude, die singende Barfrau in ihrem Hamburger „Duckdalben“, die nie eine Beziehung auf Dauer führen konnte, und Dr. Miriam Ferber, die emanzipierte Karrierefrau mit Familie und Hund, deren Hamsterrad sich unentwegt dreht, wollen Bilanz ziehen und die Weichen für die Zukunft stellen. Dieser Teil des Romans von Kirsten Wulf hat mir gut gefallen und liest sich locker-einfach, unterhaltsam, aber nicht flach. Mehr hätte es in meinen Augen nicht gebraucht. Leider wird im letzten Drittel des Buches dann aber eine alte Geschichte hochgekocht, die Gefühle wallen auf, es wird gezickt und kleine Dramen werden unnötig aufgeblasen.

Diesen letzten, für mich langatmigen Teil mit dem allgemeinen Happy End habe ich nur noch überflogen, in Erinnerung bleiben werden mir die schönen Eindrücke von Portugal und die drei interessanten Frauenbiografien.

Kirsten Wulf: Sommer unseres Lebens. Kiepenheuer & Witsch 2017
www.kiwi-verlag.de