Irmgard Kramer & Carola Sturm: Ein Löwe unterm Tannenbaum

  Weihnachtswunder werden wahr

Unterschiedlicher könnten die beiden Vorlesebücher, die ich in diesem Advent gelesen habe, gar nicht sein, obwohl sie beide für kleine Zuhörer ab etwa sechs Jahren, zum Selberlesen ab der dritten Klasse gedacht sind. Der kleine Weihnachtsteufel und der verflixte Wunschzettel von Anna Lott ist ein schräges Weihnachtsbuch mit modernen, teils comicartigen Illustrationen von Nikolai Renger, Ein Löwe unterm Tannenbaum von Irmgard Kramer dagegen eine klassisch-gefühlvolle Weihnachtsgeschichte mit wahren Weihnachtswundern am Ende und niedlichen, konventionellen Schwarz-Weiß-Rot-Illustrationen von Carola Sturm. Beide Bücher werden ihr Publikum ganz sicher finden und beide verkürzen auf ganz unterschiedliche Weise in 24 Kapiteln das Warten auf Weihnachten.

Mit dem kleinen Stofflöwen im „Laden für eh fast alles“ hat es im Dezember eine besondere Bewandtnis. Der zottelige, kuschelige Kerl mit den flauschigen Pfoten, den honiggelben Katzenaugen, der glänzenden Schnauze, den sieben Barthaaren, dem Pinselschanz und dem roten Lederband mit Herz erwacht am ersten Dezember und muss bis zum Heiligen Abend um Mitternacht einen Käufer gefunden haben, der ihn liebgewonnen hat. Dank eines uralten magischen Vertrags darf er lebendig bleiben, wenn er bis dahin nicht zurückgegeben wurde. Nun will er das unbedingt schaffen, denn er hat keine Lust auf ein weiteres Jahr in seiner unbequemen Kiste. Mittels einer klitzekleinen Erpressung bringt er ausgerechnet den eigenbrötlerischen Griesgram und ehemaligen Rockmusiker Richie dazu, ihn zu kaufen, obwohl der absolut nichts von Kindern und Stofftieren hält. Lieber lebt er allein in seiner Kate im Wald. So sieht es zunächst nicht nach einem Happy End aus, denn Richie als Vegetarier hat nichts zu essen für den Löwen im Haus und ist auch wenig angetan von all dem Quatsch in Löwes Kopf. Doch allmählich bröckelt Richies harte Fassade, nicht zuletzt durch das beherzte Eingreifen der neunjährige Lenja aus dem Nachbarhaus und ihrem Freund Robert.

Der Kampf des kleinen Weihnachtslöwen um Liebe und Zuneigung und seine tiefe Verzweiflung, als sein Vorhaben zu scheitern droht, ist herzallerliebst dargestellt, sowohl im Text als auch in den Illustrationen. Klingt kitschig? Ist auch ein bisschen kitschig, aber wann, wenn nicht in der Weihnachtszeit, darf es ein wenig rührselig sein? Daneben ist die Geschichte aber höchst spannend, abenteuerlich und manchmal sogar gruselig, wenn Lenja und der Löwe durch den dunklen Wald laufen. Lenjas kleine Schwester Mia, meine persönliche Lieblingsfigur in dieser Geschichte, die mich an meine jüngste Tochter erinnert, sorgt immer wieder für lustige Momente, ebenso wie die in bester Absicht ausgeführten Streiche des kleinen Löwen.

Und wie es sich für eine echte Weihnachtsgeschichte gehört, wartet am Schluss gleich ein mehrfaches Happy End: „In jener Nacht schliefen sie alle sehr lange nicht ein. Sie spürten dem Glück hinterher. Diesmal hatte es den Löwen nicht im Stich gelassen. Und es war zu Richie gekommen. Und irgendwie zu allen. Kein Wunder. Es war ja Weihnachten.“

Irmgard Kramer & Carola Sturm: Ein Löwe unterm Tannenbaum. Loewe 2018
www.loewe-verlag.de

Nikolai Gogol: Aufzeichnungen eines Irren

Verlust der Realität

In Tagebuchform lässt uns Nikolai Gogol (1809 – 1852) teilhaben am langsamen Abgleiten des 42-jährigen Titularrats Poprischtschin. Als kleiner, mittelloser Beamter ohne Erfüllung im Beruf, der sich erfolglos hochzudienen versucht, verliebt er sich ebenso rettungs- wie hoffnungslos in die Tochter seines Vorgesetzten. Während er zunächst nur Dinge hört und sieht, die kein anderer wahrnimmt, verliert er Stück für Stück immer mehr den Bezug zur Realität, bis er  sich schließlich für den König von Spanien hält. Auch die Daten seiner Tagebucheinträge, die zu Beginn noch korrekt zu sein scheinen, geraten immer surrealer. Er landet schließlich in der Irrrenanstalt, einem Ort, den er ebenfalls nicht mehr realistisch einordnen kann.

Die vollständige Lesung der Erzählung Aufzeichnungen eines Irren aus dem Erzählband Arabesken von 1835 umfasst einschließlich zweier kurzer Musikeinspielungen von Leoš Janáček eine Dauer von 77 Minuten. Der Sprecher Gerd Udo Feller verleiht dem Text, den er eher wie einen Bühnenmonolog vorträgt, eine ganz besondere Intensität, die ich wahrscheinlich beim Lesen nicht so tief empfunden hätte.

Nikolai Gogol: Aufzeichnungen eines Irren. Sprecher: Gerd Udo Feller. Naxos 2000
www.naxos.de

Japanese Art in a Global Context : Collection Roswitha Schulz

  Japanische Druckkunst der Gegenwart – mehr als Lampions und Samurai

Private Sammlungen sind bedauerlicherweise oft nicht zugänglich. Dies gilt auch für die Kollektion japanischer Kunst von Roswitha Schulz. Nach ihrem Studium der Sprachen und der englischen Literatur war sie in einem Automobilunternehmen tätig. Während eines mehr als siebenjährigen Aufenthalts in Japan in den Jahren 2009  bis 2016 entdeckte sie ihre Liebe zur Kunst ihres Gastlandes. Über 200 Kunstgegenstände hat sie bei ihrer Rückkehr nach Deutschland mitgebracht, Gemälde, Drucke, Seidenkimonos und andere Objekte. Grundlage ihrer Erwerbungen waren nicht finanzielle oder spekulative Überlegungen, sondern stets ihr persönlicher Geschmack, weshalb die Sammlung einen individuellen Blick auf die Kultur Japans darstellt und keinen systematischen Ansatz verfolgt. Hierin liegt für mich ihr Reiz. Ich hatte das Glück, einige ihrer Schätze persönlich gezeigt zu bekommen und freue mich deshalb besonders über den soeben erschienenen Katalog, in dem ich viele der mir bekannten Drucke entdeckt habe, fotografisch und drucktechnisch hervorragend wiedergegeben. Der wunderschöne Softcover-Band zeigt eine Auswahl von 33 Druckobjekten aus der Sammlung Roswitha Schulz und erschien anlässlich einer leider ebenfalls nicht allgemein zugänglichen Ausstellung Japanese Art in a Global Context in Berlin.

Die abgebildeten Kunstwerke aus den Jahren 1986 bis 2017 stellen eine interessante Mischung aus verschiedenen druckgrafischen Verfahren auf unterschiedlichen Materialien dar, teils farbig, teils schwarz-weiß. Als Laie auf dem Gebiet der japanischen Kunst war ich vor allem über die Vielfalt der Motive überrascht. Neben traditionellen Motiven wie Schriftzeichen, Kirschbaum, Lampion, Mädchen im Kimono und Schwert, die ich so erwartet hatte, gibt es auch Bilder, die überraschend vertraut wirken, beispielsweise Winterlandschaften mit Blockhütten und Holzstapeln oder Tulpen.

Für mich ist dieser Katalog ein spannender erster Einblick in die japanische Kunst der Gegenwart, der Lust macht, ihn immer wieder in die Hand zu nehmen und sich eingehender mit dem Land und seiner Kunst zu beschäftigen. Beim mehrfachen Betrachten waren immer wieder andere Bilder meine Favoriten, mal der Holzschnitt „Usuzumi 1500-year cherry tree“ mit seinen unzähligen kleinen Blüten von Kazue Inoue, mal „One Blade of Grass, One Blossom“ von Toko Shinoda, eine Lithografie mit abstrakter Kalligrafie, mal die leuchtend roten Tulpen auf Taika Kinoshitas Holzschnitt „Get Back-108-Y“. Für Japaner dürfte es interessant sein, einen Einblick in die Wahrnehmung ihrer Kunst und die Auswahl durch eine deutsche Sammlerin zu sehen.

Mit acht Werken ist die heute 86-jährige Künstlerin Kazue Inoue vertreten. Durch die von ihr selbst in einem sehr aufwändigen, alt-überlieferten Verfahren hergestellte Druckerschwärze erreichen ihre Objekte eine überragende Leuchtkraft. Die bereits 105-jährige Künstlerin Toko Shinoda, deren Bilder in Museen auf der ganzen Welt hängen, ist mit drei Werken vertreten.

Neben den 33 abgebildeten Kunstwerken mit Nennung des Künstlers oder der Künstlerin, des Titels, der Technik, der Nummer und der Auflagenhöhe, des Entstehungsjahres und des Formats gibt es ein englischsprachiges Vorwort des ehemaligen Chairman von Mitsubishi Keisuke Egashira und eine ebenfalls englischsprachige kurze Vita der Sammlerin. Der stilvoll gestaltete Umschlag mit den roten und goldenen Kranichen rundet den sehr empfehlenswerten Katalog ab, dem die Freude seiner Schöpferin an ihrer Sammlung deutlich anzumerken ist.

Der Katalog kann zum Preis von 40 EUR bestellt werden über: Order-Japanese-Art-Catalogue@t-online.de.

Japanese Art in a Global Context : Collection Roswitha Schulz / Editor: Roswitha Schulz-Kirchmann. Reprographics & Lithography: Günter König. 2018

Anna Lott & Nikolai Renger: Der kleine Weihnachtsteufel und der verflixte Wunschzettel

Verflixt und verteufelt – was für ein vorweihnachtliches Tohuwabohu!

Eigentlich ist alles wunderbar geregelt. In vier Leuchttürmen leben der Weihnachtsmann, die Weihnachtsengel, die Halloweenteufel und die Osterhasen mit genau geregelten Dienstzeiten. Was aber passieren kann, wenn ein flugunerfahrener kleiner Weihnachtsengel in die Scheibe des Halloweenturms kracht und einen kleinen Teufel in der Adventszeit aus seinem Schlaf reißt, erzählt dieses so ganz andere Weihnachtsbuch Der kleine Weihnachtsteufel und der verflixte Wunschzettel von Anna Lott. Otibuk, der kleine Teufel, der eigentlich nicht böse sein will, verlässt seinen Turm außerhalb seiner Dienstzeit, entdeckt das Treiben der Weihnachtsengel, lernt den Weihnachtsmann kennen und mischt sich, anstatt wie angeheißen in seinen Turm zurückzukehren, in die Wunschzettel-Einsammelaktion ein. Dass er dabei auch noch Jannikes Wunsch erfüllt und ihren Bruder Philipp mitnimmt, hätte keinesfalls passieren dürfen, denn Wegwünsch-Wünsche sind böse Wünsche und werden niemals erfüllt! Als Jannike ihren Bruder unbedingt zurückhaben will, ist das Chaos perfekt. Es braucht zwischendurch sogar die Unterstützung der Osterhasen und am Ende das Vergesslichkeitspulver des Weihnachtsmanns, damit es in diesem Jahr ein richtiges Weihnachtsfest geben kann.

Mit ihren 24, zwischen vier und acht Seiten umfassenden Kapiteln ist dieses Vorlesebuch der ideale Begleiter durch den Advent, wenn man etwas schräge, außergewöhnliche und garantiert kitschfreie Geschichten liebt. Da muss ein Sarg mal als Schlitten, mal als Schiff herhalten, die bösen Teufel treiben ihr Unwesen mit der Weihnachtsdekoration und ein kleiner Weihnachtsengel lernt, dass man manchmal besser seinen Verstand gebrauchen sollte, als stur alle Regeln einzuhalten. Entsprechend sind die Illustrationen von Nicolai Renger witzig-schräg und richtige Hingucker, lediglich die Engel sind mir teilweise zu comicartig geraten. Hübsch verziert sind die 24 Kapitelüberschriften mit einer entsprechenden Anzahl von Sternen und die Seitenzahlen, die mit Weihnachtsbäumen unterlegt sind. Nicht so gelungen finde ich allerdings den Namen des kleinen Protagonisten, denn Otibuk geht mir beim Vorlesen einfach nicht von der Zunge und ich kann ihn mir leider auch nicht merken.

Mit der Altersempfehlung von sechs bis acht Jahren liegt der Verlag im unteren Bereich aufgrund der Komplexität der Geschichte richtig, nach oben sehe ich aber keine Begrenzung und bin überzeugt, dass auch ältere Kinder und die erwachsenen Vorleser diese Geschichte gebannt verfolgen werden. Am Ende war ich traurig, als ich das Buch ausgelesen hatte, und rege hiermit eine Oster-Fortsetzung an, da die Osterhasen dieses Mal nur am Rande auftauchen durften.

Anna Lott & Nikolai Renger: Der kleine Weihnachtsteufel und der verflixte Wunschzettel. dtv junior 2018
www.dtv.de

Olivier Guez: Das Verschwinden des Josef Mengele

  Tatsachenroman über einen Kriegsverbrecher auf der Flucht

Wie konnte es geschehen, dass der berüchtigte Lagerarzt von Auschwitz, der die Gefangenen an der Rampe selektierte, Hunderttausende in den Tod schickte oder als „verwendungsfähiges Menschenmaterial“ für seine medizinischen Experimente auswählte, bis zu seinem natürlichen Tod am 7. Februar 1979 verhältnismäßig unbehelligt in Südamerika lebte? Der französische Journalist, Buch- und Drehbuchautor Olivier Duez spürt in seinem Roman, und nur als solchen konnte und wollte er dem „makaberen Leben des Nazi-Arztes möglichst nahekommen“, seinem Schicksal des Dr. Josef Mengele ab 1949 nach. Akribisch zeichnet er alle Stationen auf und nennt die Helfer. Kein anderer Nazi auf der Flucht genoss eine solche Unterstützung, die Günzburger Familie, der Kindheitsfreund und Familienvertraute Hans Sedlmeier und ein weitverzweigtes Netz von Nazi-Seilschaften vor Ort hielten ihm lebenslang die Treue und Informanten in der deutschen Polizei schützten die Helfer in der Heimat.

Obwohl er auf der amerikanischen Kriegsverbrecherliste stand, gelang es Mengele, nach 1945 zunächst auf einem Bauernhof in Bayern unterzutauchen und 1949 nach Argentinien zu fliehen, wo Perón sein Land Abertausenden von Nazis, Faschisten und Kollaborateuren öffnete. Während dieser ersten Jahre auf der Flucht war, wie Guez Teil eins des Romans überschreibt, Mengele „Der Pascha“, er hatte Freiheit, Geld und Erfolg. Kaum zu glauben ist, dass er 1956 unter falschem Namen in Günzburg zu Besuch war und kurz darauf sogar im westdeutschen Konsulat in Buenos Aires einen Pass mit seinem richtigen Namen erhielt. Nach einer schmerzhaften Scheidung konnte er auf Wunsch des Vaters, eines angesehenen Günzburger Bürgers und Besitzers einer weltweit operierenden Agrartechnikfabrik, eine Ehe mit der Frau seines verstorbenen Bruders eingehen. Erst mit Peróns Sturz, den Aktivitäten des deutschen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer sowie der Entführung Eichmanns durch den Mossad nach Israel mit Verurteilung und Hinrichtung beginnt im zweiten Teil des Romans, „Die Ratten“, Mengeles „Höllenfahrt“, ein Katz- und Maus-Spiel zunächst in General Stroessners Paraguay, dann ab 1960 in Brasilien. Von Angst zerfressen, ein gehetztes Tier, verbrachte der Unbelehrbare, der „exzentrische Manipulant“, diese letzten Jahre. Im dritten Teil, „Das Phantom“, geht es um die stückweise Entdeckung der Wahrheit in den letzten 35 Jahren.

Bei der Schilderung von Mengeles Angstzuständen, seinem Verfolgungswahn und seinen immer armseligeren Lebensbedingungen stellte sich bei mir eine  Genugtuung ein, die jedoch nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass für die Überlebenden seiner Verbrechen und die Hinterbliebenen der Opfer ein Prozess mit einer Verurteilung elementar wichtig gewesen wären. Dass es nie dazu kam, ist sowohl einer Verkettung unglücklicher Umstände und einer Verschiebung von Prioritäten innerhalb des israelischen Geheimdienstes als auch dem unentschuldbaren Willen zur Reintegration von Führungskräften und Handlangern des Nationalsozialismus in der BRD geschuldet. Mengeles Mentoren Eugen Fischer und Otmar Freiherr von Verschuer verhalf das wie vielen anderen zu Ansehen.

Guez‘ Roman liest sich flüssig und präsentiert die Ergebnisse seiner Recherchearbeit, deren Umfang man anhand der langen Literaturliste erahnen kann, gekonnt. Lediglich eine deutlichere Kennzeichnung der fiktionalen Anteile dieses in Frankreich mit dem Prix Renaudot ausgezeichneten Tatsachenromans und Bestsellers hätte ich mir gewünscht.

Dem Buch vorangestellt ist ein Zitat von Czesław Miłosz: „Ihr, die ihr Leid über den einfachen Mann brachtet, ihr, die ihr über sein Leid lachtet, fühlt euch nicht sicher. Der Dichter erinnert sich.“ Gut so!

Olivier Guez: Das Verschwinden des Josef Mengele. Aufbau 2018
www.aufbau-verlag.de

John Galsworthy: Die Forsyte Saga

Sagenhafte 2443 Minuten allerbeste Unterhaltung

Ein wenig Respekt hatte ich zugegebenermaßen vor dem Umfang dieses ungekürzten Hörbuchs des englischen Klassikers Die Forsyte Saga schon, denn 32 CDs mit insgesamt 2443 Minuten, umgerechnet mehr als 40 Stunden, waren für mich ein absoluter Hörrekord! Aber dann: keine Minute Langeweile, kein Überdruss und im Gegenteil Trauer, als es schließlich zu Ende war.

Zwischen 1906 und 1921 erschien dieser Romanzyklus, ein Gesellschafts- und Familienporträt, der 1886 beginnt und 1920 endet. Seinem Verfasser John Galsworthy (1867 – 1933) bescherte er einen Bestsellererfolg und 1932 den Literaturnobelpreis.

Im Mittelpunkt der Geschichte aus der Zeit der Blüte und des Niedergangs der viktorianischen Epoche steht die fiktive Familie Forsyte, Vertreter der oberen Mittelschicht, die fast alle einen ausgeprägten Sinn für Besitz aufweisen. Vor dem Hintergrund von Kriegen, wechselnden Hut-, Kleider- und Einrichtungsmoden, bahnbrechenden Erfindungen und Umwälzungen in der Politik, der Moral und der Kunst erzählt John Galsworthy von den Hochzeiten, Scheidungen, Geburten und Todesfällen in vier Generationen genauso wie von ihren Konflikten, Tragödien und Intrigen, ihrem Sinn für Schönheit, ihren Leidenschaften, Triumphen und Niederlagen. All dies wird auf köstliche Art beobachtet und kommentiert an der Forsyte-Börse im Wohnzimmer der Tanten Juley und Hester in der Bayswater Road. Diese fein-ironischen Szenen gehören für mich zu den Höhepunkten der Saga.

Dreh- und Angelpunkt des Romans sind eine missglückte Ehe und ein Unglückshaus. Soames Forsyte, Vertreter der dritten Generation und behaftet mit dem „echt forsyteschen Mangel an Herzlichkeit“, ein reicher Anwalt, der sich komplett über seinen Besitz definiert, hat der schönen Irene zwar durch seine Beharrlichkeit die Einwilligung in eine Ehe abgetrotzt, doch Irene begreift schnell, welchen Fehler sie begangen hat. Die unglückselige Verbindung und der Bau ihres Hauses sind Ursache vieler Turbulenzen in der weitverzweigten Familie, beschleunigen ihre Auflösung und haben Auswirkungen bis in die nachfolgende Generation.

An den Hörbüchern des Freiburger Audiobuch Verlags schätze ich besonders die hervorragenden Interpreten und die sorgfältig konzeptierten Booklets. Vor der Leistung des Sprechers Thomas Dehler habe ich größten Respekt, denn ich konnte ihm ohne Ermüdungserscheinungen über diese lange Zeit zuhören. Er bringt den oft ironischen Ton des Buches fantastisch zur Geltung und verleiht mit nur minimalen Stimmmodulationen jeder Person eigene Nuancen. Im Begleitheft wiederum war der Stammbaum eine große Hilfe, denn ohne ihn wäre ich bei der ersten CD an der Vielzahl der Familienmitglieder verzweifelt. Interessant ist außerdem John Galsworthys Vorwort zum Buch, das man nach dem Hören noch besser versteht. Es schließt mit den Worten: „Wenn der bessere Mittelstand mit anderen Klassen dazu bestimmt ist, in Amorphie überzugehen, liegt er hier, in diesen Seiten konserviert unter Glas zur Schau für alle, die in dem weiten, schlecht angelegten Museum der Literatur umherstreifen. Hier ruht er in seiner eigenen Atmosphäre: dem Streben nach Besitz.“ Großartig und ein Muss, nicht nur für Fans von Downton Abbey!

John Galsworthy: Die Forsyte Saga. Gelesen von Thomas Dehler. Audiobuch 2017
www.audiobuch.com

Alex Rühle & Axel Scheffler: Zippel, das wirklich wahre Schlossgespenst

„Wenn du mal nicht weiterweißt, hilft dir oft ein guter Geist“ (gar nicht so altes Geistersprichwort)

Gespenster in alten Burgen und Schlössern kennen wir spätestens seit Otfried Preußlers kleinem Gespenst sehr genau, aber dass Gespenster auch in alten Türschlössern hausen können, wenn sie nur ölig, rußig und staubig genug sind, war mir ebenso neu wie dem etwa achtjährigen Paul. Der findet eines Tages bei der Rückkehr von der Schule Zippel, das Gespenst aus dem Türschloss. Schlagartig wird sein Leben interessanter, denn Zippel ist ein unternehmungslustiger Geist voller Quatsch und lustiger Ideen im Kopf, nimmt alles wörtlich und versteht dadurch vieles falsch, reimt gerne lustige Verse, imitiert täuschend ähnlich Stimmen und befreit Paul von den lästigen Quälereien seiner furchteinflößenden Klassenkameraden Tim und Tom. Doch als das alte Türschloss von Pauls Wohnung ausgetauscht werden soll, ist guter Rat teuer, denn neue Schlösser haben nur Schlitze und Zippel ist schließlich kein Schlitz-, sondern ein Schlossgespenst! Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet die etwas unheimliche alte Nachbarin Frau Wilhelm Paul und Zippel als Einzige versteht und ihnen aus der Patsche hilft?

Kinderbuchfiguren, die schüchternen oder gemobbten Kindern oder Erwachsenen helfend unter die Arme greifen, gibt es jede Menge, genannt seinen hier Paul Maars unvergleichliches Sams, Kirsten Boies Nix oder Anna Böhms Einschwein. An sie alle erinnert Zippel und doch hat Alex Rühle eine eigenständige Geschichte geschaffen, die einerseits den Humor des Zielpublikums trifft, andererseits aber auch schwierige Themen wie beispielsweise Mobbing oder Vorurteile anspricht. Axel Scheffler hat in seinem unverwechselbaren Stil witzige, wunderbar passende, teils ganzseitige Illustrationen, teils kleine Verzierungen beigesteuert, die genau den Ton des Textes treffen.

Ein sehr empfehlenswertes, humorvolles, gar nicht gruseliges Vorlesebuch für Jungs und Mädchen ab fünf Jahren oder zum Selberlesen ab der dritten Klasse.

Alex Rühle & Axel Scheffler: Das wirklich wahre Schlossgespenst. dtv junior 2018
www.dtv.de

Gabriel Tallent: Mein Ein und Alles

Eine starke Heldin

Nein, dies ist wahrlich kein „schönes“ Buch. Es hat mich verstört, schockiert und angesichts des teilweise abstoßenden Vokabulars an die Grenzen dessen geführt, was ich noch lesen möchte und kann. Trotzdem hätte ich zu keiner Zeit abbrechen können, zu groß war der Sog, zu raffiniert der Spannungsbogen, der sehr lange viele Varianten für den Schluss zuließ. Gabriel Tallent leuchtet die psychologischen Hintergründe einer pathologischen Vater-Tochter-Beziehung so gekonnt aus, dass etwas gänzlich Unbegreifliches allmählich verständlich wird.

Die 14-jährige Julia, genannt Turtle, wächst abgeschieden in den Wäldern Nordkaliforniens unweit von Mendocino in einer atemberaubenden, wilden Natur auf. An ihre Mutter, die bei einem Unfall oder durch Selbstmord ums Leben kam, hat sie kaum Erinnerung, einzige Bezugsperson ist – neben dem Großvater, den sie nur selten sieht – ihr Vater. Der ist traumatisiert durch eine lieblose Kindheit und den Tod seiner Frau. Er lässt sein Haus verwahrlosen, lebt als Einsiedler von Gelegenheitsjobs, hegt sein Waffenarsenal und bildet Turtle von Kind an zur Meisterschützin aus, liest Bücher wie Humes Eine Untersuchung über die Prinzipien der Moral, glaubt an den bevorstehenden Weltuntergang und ist „vom Gesellschaftsvertrag zurückgetreten“. Seine Tochter ist sein „Ein und Alles“, vollständig sein Besitz. Mit einer perfiden Mischung aus Liebe und Drohung setzt er sie unter Druck, demütigt sie durch körperliche Gewalt, unvorstellbaren Sadismus und fortgesetzte sexuelle Übergriffe und zerstört, was ihr wertvoll ist. Obwohl Turtle viele Zeichen dieser Misshandlung zeigt und besonders ihre Lehrerin die drei starken Warnsignale Frauenfeindlichkeit, Abschottung und übertriebene Vorsicht erkennt, greift doch niemand ein. Turtle selbst wiegelt ab und weist alle gut gemeinten Hilfsangebote zurück. Als sie jedoch mit Jacob und Brett erstmals Freunde findet und ein weiteres, jüngeres Mädchen ins Haus kommt, setzt ein Wandel ein, denn nun spürt sie Verantwortung für andere. Ihrem krankhaft besitzergreifenden, brutalen Vater bleibt das nicht verborgen und es kommt zur finalen Konfrontation.

Der außergewöhnliche Ton, in dem der 1987 geborene US-Amerikaner Gabriel Tallent diesen Debütroman verfasst hat, und die starke Heldin Turtle machen dieses Buch zu etwas Besonderem. Als hätte sie den Panzer einer Schildkröte übersteht Turtle die unvorstellbaren Torturen, wächst zu einem toughen jungen Mädchen heran und findet instinktiv ihren Weg. Immer wieder flieht sie vor ihrem Zuhause in die Natur, in den Wald und ins Wasser, wo sie sich lebendig fühlt. Widerstreitende Gefühle von Liebe, Hass und Selbsthass zerreißen sie beinahe, zwanghaft reinigt sie immerzu ihre Waffen, aber ihre ungeheure Kraft und ihr Überlebenswille treiben sie voran.

Ähnlich wie Jeanette Walls Schloss aus Glas oder Hanya Yanagiharas Ein wenig Leben lässt mich dieser schmerzhaft zu lesende Roman über eine Kindheit jenseits des Vorstellbaren sprachlos zurück. Die Frage, inwieweit man selbst Zeichen erkennen und eingreifen würde, hat mich während der Lektüre und danach stark beschäftigt. Zurecht stand das Buch 2017 trotz kontroverser Diskussionen monatelang auf US-amerikanischen Bestsellerlisten.

Gabriel Tallent: Mein Ein und Alles. Penguin 2018
www.randomhouse.de

Jörg Maurer: Im Schnee wird nur dem Tod nicht kalt

Showdown in der Halfpipe und andere Skurrilitäten

Einsame, beschauliche bayerische Alpenwelt? Eine friedliche Hüttensause zur Feier des zehnjährigen Bestehens der Ermittlertruppe? So war es geplant, doch leider wird die als Auszeit von der Verbrechensbekämpfung geplante, unbeschwerte Party am ersten Weihnachtsfeiertag zum Alptraum. Denn in der Hütte befinden sich nicht nur die von Kriminalhauptkommissar Hubertus Jennerwein eingeladenen Teammitglieder, der Polizeiobermeister Franz Hölleisen, die Recklinghauser Austauschkommissarin Nicole Schwattke, der Spurensicherer Hansjochen Becker, die Polizeipsychologin Maria Schmalfuß, das ehemalige Teammitglied Ludwig Stengele, die Gerichtsmedizinerin Dr. Verena Vitzthum, der allseits beliebte Vorgesetzte Oberrat Dr. Ulrich Rosenberger sowie zwei Überraschungsgäste, sondern auch 1,5 kg Sprengstoff. Als Jennerwein endlich die verdeckten Zeichen der Gerichtsmedizinerin versteht und sie dank gut eingeübter außersprachlicher Kommunikationsfähigkeiten unbemerkt an seine Teamkollegen weitergeben kann, bleibt nicht viel Zeit zum Handeln. Ein Glück, dass er sich trotz tödlicher Bedrohung wieder einmal blind auf jeden Einzelnen verlassen kann!

Wer Jörg Maurer kennt, weiß, dass der Kabarettist und Bestsellerautor es nicht bei einer Handlung belässt. Doch obwohl ich den Humor, die Komplexität und die Skurrilität seiner Alpenkrimis eigentlich liebe, wurde es mir in diesem elften Band der Reihe doch ab und an etwas zu viel. Unterhaltsam war jedoch ein zweiter Krimistrang, der sich durch das ganze Buch zieht: der Rückblick ins Jahr 1980, als der Elftklässler Jennerwein bei einer rätselhaften, ausgeklügelten Serie von Stinkbomben- und anderen olfaktorischen Anschlägen zum ersten Mal ermittelte.

Im Gegensatz zu anderen Bänden der Serie, bei denen ich von der ersten Seite an meinen Spaß hatte, hat es bei Im Schnee wird nur dem Tod nicht kalt fast 150 Seiten gedauert, bis ich richtig in die Handlung hineinfand. Dafür hat mich jedoch das letzte Drittel entschädigt, wo ein nun richtig in Fahrt gekommener Jörg Maurer in unnachahmlicher Art und Weise einen Showdown in der Halfpipe serviert und Jennerwein und Schwattke in James-Bond-Manier auf einen Schlitten setzt. Hauptziel seines Spottes sind dieses Mal die Snowboarder, deren abstruse Unterhaltungen alleine schon die Lektüre lohnen. Drohnen haben genauso einen Auftritt wie die angeblich unverwüstliche Dummy-Dame Gisela und mancher alte Bekannte aus den früheren Bänden hat seinen Auftritt. Gefreut habe ich mich besonders über die Graseggers, inzwischen mit neuem Geschäftsmodell, die eine kleine, aber durchaus lebensrettende Nebenrolle spielen.

Ob das Team nach den zahlreichen erlittenen Blessuren, die „noch nie so übel ausgefallen sind wie diesmal“, überhaupt bald wieder ermitteln kann? Feiern muss man jedenfalls in Zukunft anderswo, denn die Hütte hat diese  Sause nicht überlebt…

Jörg Mauer: Im Schnee wird nur dem Tod nicht kalt. Fischer Scherz 2018
www.fischerverlage.de/verlage/fischer_scherz

Das Sams und die Helden der Kinderbücher

Eine wunderbare Gelegenheit, das Sams und viele andere Helden der Kinderbücher hautnah zu erleben, bietet das Historische Museum der Pfalz Speyer im Rahmen einer höchst empfehlenswerten Familien-Ausstellung des Jungen Museums. Dabei ist es den Machern auf einmalige Art und Weise gelungen, Kinder wie Erwachsene gleichermaßen anzusprechen und die Bücher lebendig werden zu lassen.

Begeistert hat mich bereits die Auswahl, die zu Ehren von Paul Maars 80. Geburtstag getroffen wurde, eine überaus gelungene Mischung aus Klassikern und moderner Kinderliteratur. Ich selbst hätte sie ganz ähnlich getroffen, ergänzt vielleicht noch um Irina Korschunows Die Wawuschels mit den grünen Haaren und Max Kruses Urmel aus dem Eis. Ich habe Bücher wiedergefunden, die ich selbst in meiner Kindheit geliebt habe und bis heute liebe, Bücher, die mich und meine Kinder beim Vorlesen begeistert haben, und neuere Kinderbücher, die sicher bald zu den Klassikern gehören werden.

Selbstverständlich beginnt die Ausstellung mit einer Verbeugung vor dem Jubilar und seinem Sams. Beide führen auf dem witzig-informativen Audioguide zusammen durch die gesamte Ausstellung, das Sams wie immer gesprochen von ChrisTine Urspruch. Die erste Manuskriptseite des ersten Sams-Bandes, die alte Schreibmaschine und die Grafiken von Paul Maar haben mich besonders fasziniert, während Kinder sicherlich den Sams-Taucheranzug und die Wunschmaschine spannender finden. An über 20 interaktiv gestalteten Schauplätzen erlebt man als großer oder kleiner Besucher außerdem Astrid Lindgren (Pippi Langstrumpf und Michel in der Suppenschüssel), Cornelia Funke (Tintenherz), Erich Kästner (Pünktchen und Anton), Michael Ende (Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer), Otfried Preußler (Das kleine Gespenst, Die kleine Hexe und Der kleine Wassermann), Kirsten Boie (Der kleine Ritter Trenk), Boy Lornsen (Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt), Julia Donaldson (Der Grüffelo), Angela Sommer-Bodenburg (Der kleine Vampir),  Erhard Dietl (Die Olchis sind da) und Ellis Kaut (Meister Eder und sein Pumuckl) sowie die Illustratoren Winnie Gebhardt, Barbara Scholz, Axel Scheffler und Amelie Glienke. Ich kann unmöglich alle Höhepunkte aufzählen und die zwei Stunden, die ich in dieser Ausstellung zugebracht habe, waren eigentlich viel zu kurz für die vielen Details. Einige meiner zahlreichen Highlights möchte ich dennoch gerne herausheben: Der für verschiedene Kinderbuchhelden mit ihren Lieblingsspeisen gedeckte Tisch hat mich zum Rätseln verführt, denn wer hatte nochmal eine Vorliebe für „Butterbrot mit kleiner Maus“? Der Film über die Herstellung von Kinderhörbüchern und die Möglichkeit, selbst eine kleine Hörbuchsequenz zu produzieren, waren sehr interessant, ebenso wie die anschaulichen Erläuterungen zur Herstellung der genialen Pumucklfilme mit Gustl Bayerhammer. Die Originalfiguren von Robbi, Tobbi und ihrem Fliewatüüt aus dem Puppenfilm des WDR haben viele Erinnerungen geweckt, der Spaziergang auf dem Grund des Mühlenweihers mit einem Blick in die Hütte des kleinen Wassermanns war besonders stimmungsvoll.

In Abwandlung von Elke Heidenreichs „Lesen!“ möchte ich allen Kinderbuchliebhabern ein „Besuchen!“ zurufen. Wie wäre es mit einem Ausstellungsbesuch als Nikolaus- oder Weihnachtsgeschenk? Aber Achtung: Leider ist am 06.01.2019 bereits Schluss.

Nachtrag vom 26.11.2018: Genialerweise wurde die Ausstellung inzwischen bis zum 05. Mai 2019 verlängert!

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