Celeste Ng: Kleine Feuer überall

Mutterschaft

Zwei ganz unterschiedliche Lebensentwürfe prallen im zweiten Roman von Celeste Ng (sprich: Ing), Kleine Feuer überall, aufeinander. Elena Richardson ist wie Shaker Heights, der Vorort von Cleveland, in dem bereits ihre Großeltern lebten und den sie selbst nur zum Studium für kurze Zeit verlassen hat: durch und durch geplant, reglementiert, geordnet. Sie und ihr Mann haben vier Kinder, zwei Häuser, vier Autos, ein kleines Boot und Angestellte für die perfekte Abwicklung des Alltags. Elena wählt demokratisch, denkt in Maßen fortschrittlich und ist der Überzeugung, dass die Welt nur richtig funktioniert, wenn man feste Regeln einhält. Einziger Wermutstropfen ist die jüngste Tochter Izzy, 14 Jahre alt, die sich seit der Schwangerschaft an keine Regel hält und das schwarze Schaf der Familie ist, impulsiv, kompromisslos und „dazu geboren, andere in Rage zu bringen“, vor allem ihre Mutter. Das ererbte Zweithaus in der Winslow Road stellt Elena als eine Form der Nächstenliebe für eine niedrige Miete Leuten zur Verfügung, „die es verdienen“. Die sorgfältig ausgewählten neuesten Bewohnerinnen sind die Fotokünstlerin Mia Warren und deren 15-jährige Tochter Pearl. Mia und Pearl führen ein Nomadenleben, besitzen nur, was sie in ihrem VW Golf transportieren können, sind seit Pearls Geburt 46 Mal umgezogen und leben, was Elena zugleich fasziniert und beunruhigt, nach eigenen Regeln. Doch dieser Umzug soll ihr letzter sein, Mia hat Pearl endlich versprochen, sesshaft zu werden.

Mit der Freundschaft zwischen der begabten Pearl und dem ebenfalls 15-jährigen Moody Richardson beginnt die immer stärkere Verflechtung zwischen den einzelnen Mitgliedern der ungleichen Familien, die schließlich in die zu Beginn des Romans geschilderte Tragödie mündet: Izzy hat viele kleine Feuer im Haus ihrer Familie gelegt und Mia macht sich mit Pearl wieder einmal auf den Weg. Doch schon lange bevor das Haus der Richardsons in Flammen aufgeht, gab es diese kleinen Feuer, sie loderten in der Vergangenheit der beiden Familien, in ihrer Umgebung und direkt in ihren Herzen.

Mutterschaft in all ihren Spielarten ist für mich das zentrale Thema dieses amerikanischen Gesellschaftsromans, der während der Clinton-Ära angesiedelt ist. Verschiedene Auffassungen über das Muttersein spielen genauso eine Rolle wie ungewollte Schwangerschaft, unerfüllter Kinderwunsch, Leihmutterschaft, Kindesaussetzung, Adoption und Kindesentführung. Während sich Celeste Ng für meinen Geschmack im ersten Drittel des Buches etwas zu viel Zeit für die Vorstellung ihrer Protagonisten lässt, nimmt es ab dann sehr an Fahrt auf, greift weit in die Vergangenheit zurück, verschränkt die verschiedenen Handlungsstränge sehr gekonnt und ist flüssig und packend erzählt. Die Autorin schlüsselt die Gründe, die zur Tragödie geführt haben, minutiös auf und wird dabei der Rolle jedes Mitglieds der beiden Familien gerecht.

„Manchmal muss man alles abbrennen und von vorn anfangen“ sagt Mia irgendwann zu Izzy, nicht ahnend, wie wörtlich das Mädchen diese Bemerkung nehmen würde. Genau dieser Neuanfang steht am Ende allen Beteiligten bevor.

Celeste Ng: Kleine Feuer überall. dtv 2018
www.dtv.de

Ulrich Trebbin: Letzte Fahrt nach Königsberg

Schnapsidee oder Husarenstück?

Angezogen vom Cover und dem verheißungsvollen Titel Letzte Fahrt nach Königsberg wollte ich diesen Debütroman des BR-Hörfunkjournalisten und Gestalttherapeuten Ulrich Trebbin unbedingt lesen und hatte das richtige Gespür. Das Buch hat mich mit den ersten Sätzen des Prologs in seinen Bann gezogen, tief berührt und aufgewühlt habe ich es nach dem Epilog zugeklappt.

Inspiriert von der Lebensgeschichte seiner Großmutter, auf deren Sekretär bis zu ihrem Tod 2009 das Sepiafoto eines jungen Mannes stand, der nicht ihr geschiedener Hinrich war, erzählt Ulrich Trebbin nicht nur ein Flüchtlingsschicksal, sondern auch ein Stück deutsche Geschichte. Er tut dies so einfühlsam, detailliert und bildmächtig, dass Königsberg und die Ostseeküste der Jahre 1932 bis 1945 sehr lebendig vor meinen Augen erstanden sind – die Architektur, die Natur und die Menschen gleichermaßen.

Mit dem frühen Tod des geliebten Vaters, eines vermögenden Weinhändlers, endet für die 13-jährige Ella Aschmoneit 1932 die unbeschwerte Königsberger Kindheit. Die in Geldangelegenheiten ahnungslose Mutter lässt sich beim Erbe über den Tisch ziehen, was für Ella den Besuch der Höheren Handelsschule anstatt des humanistischen Gymnasiums bedeutet, Sekretärin anstatt Ärztin. Als sie wieder Boden unter den Füßen hat, trotzt sie lebenslustig dem Schicksal ab, was es ihr bieten kann: Radtouren am Haff, Liebeleien, Kinobesuche und Kasinobälle. Ihre Passion ist das hingebungsvolle Präparieren von Schmetterlingen.

Nachdem ihre erste große Liebe, der gleichaltrige Victor, der „Fixstern in ihrem Universum“, zaghaft und unentschlossen bleibt, entscheidet sie sich bei Kriegsausbruch nach langem zweifelndem Abwägen für den heftig um sie werbenden, kühlen Hamburger Historiker Hinrich Jensch, eine „töricht vernünftige Heirat“. Mit zwei Kleinkindern verlässt sie Königsberg nach der Zerstörung durch britische Bomber und zieht im Herbst 1944 zu ihrer Schwester nach Potsdam. Doch die Erinnerung an die vielen Weckgläser in ihrem Keller, Schweinebraten, Blutwurst, Gänseleberpastete, eingelegtes Kraut, Gemüse, Obst, Mus und Marmelade, lässt ihr keine Ruhe, und so kehrt sie ein letztes Mal zurück in eine dem Untergang geweihte Stadt. Ihre gefährliche „Königsberger Hamsterfahrt“, angetreten ohne Erlaubnis ihres Mannes, entzündet einen nicht mehr zu kittenden Dissens in ihrer Ehe.

Letzte Fahrt nach Königsberg ist ein Roman, keine Biografie, bei dem jedes Wort Gewicht hat, und bei dem mir vor allem die tiefe Zuneigung des Autors zu seiner Protagonistin unglaublich gut gefallen hat sowie die nicht-chronologische Erzählweise in einzelnen Zeitfenstern. Das letzte, 1948 im Westen spielende Kapitel und der Epilog 2009 haben mir die Tränen in die Augen getrieben, obwohl der Roman ganz gewiss weder rührselig noch kitschig ist. Vielmehr ist es ein Buch über eine beeindruckende Frau, die unter widrigsten Bedingungen das Beste aus ihrem Schicksal macht. Meine Empfehlung: unbedingt lesen!

Ulrich Trebbin: Letzte Fahrt nach Königsberg. btb 2018
www.randomhouse.de

Marie Reiners: Frauen, die Bärbel heißen

Unverhofft kommt oft

Kann ein Tag, der mit dem Fund eines perfekten Stöckchens für ihre Mischlingshündin Frieda beim Morgenspaziergang beginnt, zum Albtraum werden? Er kann, wenn das Stöckchen wie in diesem Fall im Auge einer männlichen Leiche steckt. Von diesem Moment an geht es im Leben der Bärbel Böttcher, 54, arbeitslose Tierpräparatorin, früh verwaist, ledig, ohne Kinder und alleinlebend, drunter und drüber. Sie, deren Hauptverbindung zur Außenwelt bisher die Verkaufsshows eines Shoppingsenders waren, muss die Polizei in Person von Kommissar Lichtblau verständigen, Stunden auf dem Kommissariat verbringen und bekommt dafür nicht einmal das ersehnte Stöckchen überlassen. Am Nachmittag steht die frischgebackene Witwe vor ihrer Tür und attackiert sie mit dem Elektroschocker und einem Ausbeinmesser. Wenige Stunden später hat Bärbel zwei Gefangene und zwei Leichen an der Backe und in den kommenden zehn Tagen passiert mehr, als in den vorhergehenden 54 Jahren. Dabei geraten nicht nur Bärbels beschauliche Gegenwart und ihre Zukunft ins Wanken, auch ihre Vergangenheit stellt sich plötzlich ganz anders dar…

Das Krimidebüt Frauen, die Bärbel heißen der mir bisher unbekannten Drehbuchautorin Marie Reiners ist absolut schräg, irrwitzig, bitterböse, voller schwarzem Humor und witziger Dialoge. Oft hat es mich an die von mir sehr geschätzten Romane von Ingrid Noll erinnert. Männer kommen nur als Rand- bzw. Witzfiguren vor, von den weiblichen Wesen kann man allenfalls die im völligen Gegensatz zu ihrer Besitzerin kontaktfreudige Frieda als normal bezeichnen. Aus der Schrulligkeit Bärbels speist sich ein großer Teil der Komik, denn ihr Mangel an Empathie, ihre Skurrilität, ihre fehlende Sozialisation und die daraus resultierende Unvorhersehbarkeit ihrer Reaktionen und Handlungen sind urkomisch. Allerdings macht sie ungewollt eine Entwicklung durch, denn das abrupte Ende ihres Eremitendaseins bleibt für sie nicht ohne Folgen.

Die Schauspielerin Katja Riemann liest den Roman auf sechs CDs in etwas über acht Stunden absolut überzeugend. Ich habe ihr die skurrile, emotionslose Ich-Erzählerin Bärbel zu jeder Zeit voll und ganz abgenommen. Allerdings hätten ein paar Kürzungen dem (Hör-)Buch in meinen Augen gutgetan.

Obwohl die Morde befriedigend aufgeklärt werden, wäre eine Fortsetzung der Geschichte durchaus denkbar. Mich würde das weitere Schicksal Bärbels und Friedas jedenfalls interessieren und ich wäre lesend oder hörend ganz bestimmt wieder dabei!

Marie Reiners: Frauen, die Bärbel heißen. Gelesen von Katja Riemann. Argon 2018
www.argon-verlag.de

Kristin Hannah: Die Nachtigall

Leichter Unterhaltungsroman über zwei Frauen im besetzten Frankreich 1939 bis 1945

Im sehr empfehlenswerten Nachwort zu „Die Nachtigall“ schreibt die 1960 geborene US-amerikanische Autorin Kristin Hannah: „Allzu oft werden die Geschichten von Frauen im Krieg übersehen oder vergessen. Frauen neigen dazu, aus dem Kampf zurückzukehren, zu schweigen und mit ihrem Leben weiterzumachen. Die Nachtigall ist ein Roman über diese Frauen und die waghalsigen, gefährlichen Entscheidungen, die sie getroffen haben, um ihre Kinder und ihre Lebensart zu retten.“ Den Frauen im besetzten Frankreich 1939 bis 1945 ein Denkmal zu setzen und die Leser zum Nachdenken darüber anzuregen, wie sie selbst in einer solchen Situation handeln würden, ist die Intention ihres Romans. Beides ist ihr gut gelungen. Allerdings hätte ich mir gewünscht, die Handlung wäre weniger gefühlvoll und melodramatisch aufbereitet gewesen und die Sprache weniger einfach. Und doch: Wer einen spannenden, emotionalen, leichten Unterhaltungsroman zu diesem Thema lesen möchte, wird ihn hier finden.

Im Mittelpunkt stehen die Schwestern Vianne und Isabelle. Nach dem Tod der Mutter und der Weigerung des aus dem Ersten Weltkrieg traumatisiert zurückgekehrten Vaters, Verantwortung für sie zu übernehmen, stehen beide mit 14 bzw. 4 Jahren fast alleine da. Während die eher brave, angepasste Vianne früh heiratet und eine Tochter bekommt, durchlebt die impulsive, leidenschaftliche Rebellin Isabelle eine Odyssee durch Klöster und Internate.

Mit der Besetzung durch die Wehrmacht und die französische Kapitulation ändert sich schlagartig beider Leben. Vianne muss ihre Tochter Sophie in Carriveau im Loiretal alleine durchbringen und mit Einquartierung, Entlassung aus dem Schuldienst, Lebensmittel- und Brennstoffmängel zurechtkommen und versucht, möglichst unauffällig zu überleben. Isabelle schließt sich – aufgerüttelt durch eine Rede Général de Gaulles – der Résistance an und bringt als legendäre „Nachtigall“ bei unzähligen Pyrenäenüberquerungen zu Fuß abgeschossene britische, kanadische und US-amerikanische Piloten über Saint-Jean-de-Luz zum britischen Konsulat nach San Sebastián. So sehr Vianne Isabelles gefährliches Treiben fürchtet und ablehnt, kann auch sie angesichts der Verschleppung der Juden aus ihrer Umgebung nicht untätig bleiben.

Kristin Hannah malt ein sehr detailliertes Bild des besetzten Frankreich und verzichtet auf eine völlige Schwarz-Weiß-Malerei. Sehr geheimnisvoll ist die Rahmenhandlung um eine alte Amerikanerin französischer Herkunft, die 1995 eine Einladung nach Paris zu einem Treffen zu Ehren der „Nachtigall“ erhält. Erst auf den letzten Seiten habe ich Gewissheit erhalten, um wen es sich dabei handelt, und das Schicksal der Schwestern bei Kriegsende völlig verstanden.

Kristin Hannah: Die Nachtigall. Aufbau 2017
www.aufbau-verlag.de

Arthur Isarin: Blasse Helden

Antons beste Jahre

Am 18. März 2018 wurde Wladimir Putin für eine vierte Amtszeit als Präsident der Russischen Föderation wiedergewählt. Angesichts seiner halbdemokratischen, halbautoritären Regierungsweise sprechen westliche Kritiker von Putinismus. Wer verstehen möchte, warum sich dieser ehemalige KBG-Mitarbeiter in Russland großer Zustimmung erfreut, könnte im Roman Blasse Helden des unter Pseudonym schreibenden Arthur Isarin Antworten finden.

In sieben Episoden begleiten wir den Protagonisten Anton durch das Russland der Jahre 1990 bis 1999, dem Jahr, als Putin erstmals als Ministerpräsident vereidigt wurde. Anton ist Deutscher, studierter Ökonom, profunder Kenner und Liebhaber russischer Literatur und Musik und arbeitet in Moskau für einen russischen Kohle- und Stahlkonzern. Zu Beginn 32 Jahre alt, ist er nach Russland gekommen, „um mehr zu erleben als in London oder New York“. Er fühlt sich frei, genießt die Privilegien, die sich für ihn nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion auftun, beutet als Parasit das Land aus und „lebt zum ersten Mal nicht mehr vorläufig“: „Diese Stadt war für ihn geschaffen, sie verzieh alles, auch seinen Mangel an Grundsätzen, Substanz und Tiefe.“ Es ist die beste Phase seiner Existenz: „Er fühlte sich wohl in Russland, in seiner überbezahlten Position, die ihm alles ermöglichte, wovon ein zur Faulheit neigender Mann seiner Herkunft mit durchschnittlichen Fähigkeiten nur träumen konnte.“ Für Anton zählt nur das Geld, das er für Frauen, Theater- und Konzertbesuche der ersten Kategorie mit vollen Händen ausgibt. Korruption ist sein alltägliches Geschäft, er interessiert sich nicht für Politik, lebt in einer surrealistisch anmutenden Blase und schaut beim Überlebenskampf der Massen gerne weg. Immerhin hat er einige wenige Grundsätze: Er beteiligt sich nicht am Handel mit Drogen, Waffen und Frauen.

Ich habe mich mit dem Einstieg in diesen Episoden-Roman nicht leichtgetan, denn Isarin setzt eine Menge Wissen um die neuere russische Geschichte und Politik voraus, und auch die Anspielungen auf die russischen Klassiker habe ich mangels Vorkenntnissen leider nicht immer verstanden. Mit zunehmender Lektüre haben mich der Gang der Handlung und die Atmosphäre des Romans aber immer mehr gefesselt, bis zum Ende 1999, als der „blasse Held“ Anton sich entscheiden muss. Das Volk hat endgültig genug von Korruption, der Macht der Oligarchen, dem Krieg im Kaukasus und der Expansion von McDonald’s. Mit dem Aufstieg Putins kommen alte KGB-Funktionäre wieder in Amt und Würden und einer von ihnen stellt Anton vor die Wahl: entweder Teil des neuen, aufsteigenden Russlands und noch reicher werden oder den russischen Traum aufgeben. Für Anton ist es die Entscheidung zwischen Geld und Freiheit.

Auch wenn das Lesen dieses Romans sich für mich manchmal wie Arbeit angefühlt hat, hat sich die Mühe doch eindeutig gelohnt. Neben den Einblicken in die 1990er-Jahre der untergegangenen Sowjetunion habe ich viele Anregungen zum Lesen russischer Klassiker bekommen. Auf einige Sexszenen, vor allem zu Beginn des Romans, hätte ich gerne verzichtet, aber die Ironie Isarins hat mich immer wieder laut auflachen lassen, wenn er beispielsweise die sich nach einem Anschlag in einem Restaurant unter dem  Tisch versteckten Gäste beschreibt: „Unter dem Tisch hatte sich eine idyllische Szene entwickelt, die entfernt an Manets ‚Frühstück im Grünen‘ erinnerte.“

Arthur Isarin: Blasse Helden. Knaus 2018
www.randomhouse.de

Daniel Napp: Achtung, hier kommt Lotta

Sehr pfiffige Geschichten

Als Jugendliche habe ich im Französischunterricht Le Petit Nicolas, die Geschichten von René Goscinny mit den Illustrationen von Jean-Jacques Sempé, geliebt. Achtung, hier kommt Lotta von Daniel Napp erinnert mich besonders von der Art der Schwarz-Weiß-Zeichnungen, aber auch vom Text her an diesen Kinderbuchklassiker, obwohl nicht aus der Ich-Perspektive von Lotta erzählt wird. Beides sind nahezu erwachsenenfreie Geschichten, drehen sich um alltägliche Erlebnisse und stellen die kindliche Wahrnehmung in den Mittelpunkt.

Neun Geschichten um die Grundschülerin Lotta Hahnenburger enthält der Band, daneben sind ihr kleiner Bruder Theo und ihre beste Freundin Nicole die weiteren Akteure. Lotta hat eine besondere Begabung dafür, sich in unbequeme Situationen zu manövrieren, obwohl sie das eigentlich gar nicht will. Doch als überaus pfiffiges Mädchen findet sie jedes Mal eine überraschende Lösung, während ihr Bruder meist nur ein Wort pro Geschichte beisteuert und trotzdem oft den Sieg davonträgt.

Die Episoden sind sehr warmherzig und mit einem Augenzwinkern erzählt, verblüffen immer wieder durch Lottas Cleverness und machen einfach Spaß, zum Vorlesen ab sechs, zum Selberlesen wegen der relativ umfangreichen Textmenge ab der dritten Klasse. Schade, dass es bisher bei diesem erstmals 2011 erschienenen Band geblieben ist, ich würde mich über eine Fortsetzung sehr freuen!

Der Verlag Beltz & Gelberg bietet zu diesem Buch eine Lehrerhandreichung für die Klassen drei bis vier an.

Daniel Napp: Achtung, hier kommt Lotta. Gulliver 2014
www.beltz.de/kinder_jugendbuch/marken/gulliver

Barbara Bierach: Schweigegelübde

Mehr Probleme als Haare auf dem Kopf

Mit Emma Vaughan, Inspector bei der irischen Polizei im 25 000 Einwohner-Städtchen Sligo an der Westküste, möchte man nicht tauschen. Die alleinerziehende Mutter eines Teenagers hat es schwer, Beruf und Erziehung unter einen Hut zu bringen. Ihr Ex-Mann, von dem sie sich aufgrund häuslicher Gewalt längst hat scheiden lassen, sitzt wegen seiner Vergangenheit bei der IRA in Untersuchungshaft und es droht eine Anklage wegen Terrorismus. Ihm verdankt sie auch ihre Schmerzmittelabhängigkeit, denn die Folgen eines Autounfalls zehn Jahre zuvor bekämpft sie regelmäßig mit Oxycodon, einem verschreibungspflichtigen Medikament, das sie sich auch schon illegal aus der Asservatenkammer beschafft hat. Das ausstehende Ergebnis eines von ihrem Chef angeordneten Drogentests schwebt daher wie ein Damoklesschwert über ihr. Zu allem Überfluss interessiert ihr Kollege James Quinn sich mehr für die junge Empfangssekretärin als für sie und der ungelöste sogenannte Fitzpatrick-Mord an einem protestantischen Vikar, Gegenstand von Band eins, Lügenmauer, hat ihr Kritik und eine Strafversetzung eingebracht. Doch wenigstens die wird aufgehoben, als aus dem Sligo General, dem örtlichen Krankenhaus, ein Hinweis auf verdächtige Todesfälle kommt. Acht Patienten sind dort innerhalb kurzer Zeit ohne diesbezügliche Vorerkrankung an Herzversagen gestorben. Schnell erhärtet sich der Verdacht, dass ein Todesengel am Werk ist, und Emma darf in die Detective Unit zurückkehren.

Ich hatte mich aufgrund eines vergangenen und eines bevorstehenden Irland-Urlaubs besonders wegen des landeskundlichen Flairs für diesen Krimi entschieden. Da die Autorin Barbara Bierach in Sligo lebt, hatte ich auf  viel Lokalkolorit gehofft und bin in dieser Beziehung voll auf meine Kosten gekommen. Landschaftsbeschreibungen, teils ernsthafte, teils komische Beobachtungen über die Eigenheiten der Iren und die Nachwirkungen der unruhigen Vergangenheit des Landes spielen neben der Krimihandlung eine zentrale Rolle in diesem komplexen Buch. Die Ermittlerin Emma Vaughan, eine Frau, die mit beiden Beinen auf dem Boden steht, die nichts von Esoterik hält, auch mal unkonventionell arbeitet, gegen Dienstvorschriften verstößt, und der Menschen wichtiger sind als Fallstatistiken, war mir von Anfang an mit all ihren Schwächen sympathisch.

Es klingt vielleicht seltsam, aber die im Verlagstext im Vordergrund stehenden Krankenhausmorde hatten für mich keine zentrale Bedeutung, zumal ich die Auflösung schon relativ früh erahnt habe. Viel interessanter war der ungelöste Fitzpatrick-Mord, dessen Motiv tief in die Abgründe der 1960er-Jahre zurückreicht und ein tragisches Stück irischer Geschichte enthüllt.  Die diesbezüglichen Ermittlungen führen im letzten Drittel des Krimis zu einer dramatischen Zuspitzung, viel mehr als die Mordserie im Krankenhaus. Obwohl ich erst mit diesem zweiten Band in die Serie eingestiegen bin, konnte ich diesem Handlungsstrang problemlos folgen. Ich werde nun aber Band eins nachholen und bin auch in Zukunft gerne wieder in Sligo dabei.

Barbara Bierach: Schweigegelübde. Ullstein 2018
www.ullstein-buchverlage.de

Kristine Bilkau: Eine Liebe, in Gedanken

Abschiede

2015 habe ich mit einer Mischung aus Neugier, Erstaunen und Faszination den Debütroman Die Glücklichen der 1974 geborenen Autorin Kristine Bilkau über den sozialen Druck und die Abstiegsängste der Generation 30+ gelesen. Ihr zweiter Roman, Eine Liebe, in Gedanken, hat mich nun sogar noch mehr begeistert, vielleicht deshalb, weil ich der Ich-Erzählerin altersmäßig näherstehe und die Frage, wann ein Leben geglückt ist, ungemein spannend finde.

Die Ich-Erzählerin, Architektin, Ehefrau und Mutter in den Vierzigern, ist von einem doppelten Verlassenwerden betroffen: Zuerst stirbt ihre Mutter Antonia, dann verlässt die Tochter Hanna nach dem Abitur das Haus. Während sie selbst eine harmonische Ehe führt und ihr Leben von Zielstrebigkeit und Beständigkeit geprägt ist, streben bzw. strebten Hanna und Antonia nach Freiheit. Prägend für das Leben der Mutter war ihre Liebe zu Edgar Janssen als junge Frau: Für ihn setzte sie einst alles auf eine Karte und „hat verloren in einer Zeit, in der Frauen dieser Mut nicht verziehen wurde“. Als 26-Jährige stand sie ohne Arbeit und ohne Wohnung da, den bohrenden Fragen der eigenen Mutter ausgesetzt, mit gepackten Kisten und neu angefertigtem Hochzeitskostüm, doch das versprochene Flugticket für Hongkong traf nicht ein. Nach einem Jahr des Wartens löste sie die Verlobung.

Zwei geschiedene Ehen, eine weitere kurzfristig abgesagte Hochzeit und eine Tochter sind die Bilanz von Antonias Leben. War es erfüllt? Dieser Frage versucht die Tochter nachzuspüren und dazu möchte sie einmal jenen Edgar Janssen treffen, der jeden Spätsommer aus Hongkong in sein Elternhaus zurückkehrt. Sie will ihn zwingen, sich an ihre Mutter zu erinnern und über sie und ihre Liebe zu reden. Sie möchte mehr erfahren, als es ihrer Mutter bei ihrem letzten Treffen 2006 gelungen ist.

Besonders gut gefallen hat mir an diesem Roman, dass er aus Sicht der Tochter erzählt wird, dass das Schicksal der Mutter in den sehr gut erlebbaren 1960er-Jahren im Mittelpunkt steht und der Aufbruch der dritten Generation in Person von Hanna anklingt. Dass die Ich-Erzählerin eine Ausstellung von Werken der finnischen Malerin Helene Schjerfbecks (1862 – 1946) vorbereitet und en passant deren Leben und Werk eingeflochten und mit der Handlung verschränkt wird, ist ein zusätzliches Bonbon und hat mich mit einer sehr interessanten Künstlerbiografie vertraut gemacht.

Ich kann Eine Liebe, in Gedanken als leisen, äußerst sensibel erzählten Roman in einer wunderbaren Sprache und passend zurückhaltender Gestaltung durch den Luchterhand Literaturverlag wärmstens und ohne Einschränkungen empfehlen. Für mich ist es eine große Entdeckung im Literaturfrühling 2018.

Anlässlich von „Leipzig liest“, dem Beiprogramm zur Leipziger Buchmesse, durfte ich die Autorin Kristine Bilkau im März 2018 bei einer Lesung im kleinen Kreis und im Gespräch mit der sehr empathischen und gut vorbereiteten Deutschlandfunk Kultur-Redakteurin Gesa Ufer erleben. Danke an beide für den großartigen Abend!

Kristine Bilkau: Eine Liebe, in Gedanken. Luchterhand 2018
www.randomhouse.de

Emily Ruskovich: Idaho

Nichts als unbearbeitete Fragen

Dreh- und Angelpunkt des Debütromans Idaho der jungen US-Amerikanerin Emily Ruskovich ist eine Familientragödie. Im August 1995 unternimmt die Familie Mitchell, Vater Wade, Mutter Jenny sowie die sechs- und neunjährigen Töchter May und June, im Pick-up einen Ausflug zum Mount Loeil, um Holz für den Winter zu machen. Völlig unvermittelt erschlägt die Mutter May mit einem Axthieb, June flüchtet in den Wald und bleibt verschollen.

Emily Ruskovich erzählt die Geschichte der Familie über fast 50 Jahre schlaglichtartig, beginnend 1973 bis 2025. Die nicht-chronologisch geordneten Kapitel tragen Jahreszahlen als Überschrift, eine Erzählweise in Puzzleart, die ich eigentlich sehr mag. Auch sprachlich hat mir die Geschichte gut gefallen und die Idee, die Betroffenen immer aus der Sicht anderer zu schildern, hätte interessant sein können.

An der Art, wie die Autorin Wades frühe Demenzerkrankung ab ca. 2000 schildert oder das sich durch die einsetzende Pubertät von June verändernde Verhältnis zu ihrer kleinen Schwester, wird deutlich, wie genau sie beobachtet und wie gut und empathisch sie feine Nuancen in Worte umsetzen kann. Gefallen haben mir auch die Naturbeschreibungen. Die Szenen aus dem Gefängnisalltag Jennys und ihrer Mitgefangenen sind trotz ihrer Ausführlichkeit noch interessant. Sehr schwierig einzuordnen war für mich die zweite Frau Wades, die Klavierlehrerin Ann, die er nur zehn Monate nach dem Mord an May und dem Verschwinden Junes geheiratet hat, und die der psychischen Belastung nicht gewachsen ist. Daneben gab es aber auch Handlungsstränge, die für mich keinerlei Bedeutung hatten, wie die Kinderlosigkeit eines in Tatortnähe lebenden Ehepaars oder der Unfall eines Schülers von Ann und dessen weiteres Leben. Im Gegenteil hatte ich nach dem sehr verheißungsvollen Romanbeginn immer mehr den Eindruck, dass Emily Ruskovich ein gegebenes Versprechen, nämlich die Ursachen der doppelten Tragödie zu beleuchten, nicht einlösen konnte und dies mit kryptischen Andeutungen und immer neuen Abschweifungen verschleiert werden sollte. Ich habe gewiss keinen Krimi mit einer perfekten Auflösung erwartet und kann mit dem einen oder anderen losen Faden durchaus leben, aber wenn gar keine Anstrengung unternommen wird, Antworten näher zu kommen, fühle ich mich als Leserin verschaukelt. Wenn es zum Thema nichts zu sagen gibt („Es ist einfach passiert.“), muss man dann einen Roman darüber schreiben? Da ich nichts erfahre, was mir Anhaltspunkte für eigene Überlegungen geben könnte, ist mir das nicht nur zu wenig, ich war sogar verärgert.

Schade um die Lesezeit, die ich besser hätte nutzen können. Normalerweise sind Romane des Hanser Verlags eine Bank für mich, in diesem speziellen Fall leider ausnahmsweise nicht. Alternativ empfehle ich Dann schlaf auch du von Leïla Slimani mit einer ähnlichen Ausgangssituation, aber wesentlich gelungenerer Umsetzung.

Emily Ruskovich: Idaho. Hanser Berlin 2018
www.hanser-literaturverlage.de

Markus Orths & Kerstin Meyer: Das Zebra unterm Bett

Jeder ist anders

Aufgepasst: Falls es unter dem Hochbett niest und hustet, könnte ein Zebra ins Zimmer geklettert sein. Jedenfalls ist das bei Hanna so, die gerade mit ihren beiden Papas, Papa Paul und Papa Konrad, umgezogen ist und in ihrer neuen Schule die zweite Klasse besucht. Da sie sich dort noch ziemlich einsam fühlt, kommt Bräuninger, so der Name des sprechenden Zebras, gerade recht, denn so braucht sie ihre Papas für Schulweg nicht mehr. Doch während sich die Klassenkameraden über den Vierbeiner freuen, sind die Lehrerin und der verbiesterte Direktor trotz dessen offensichtlicher Begabung für Rechnen, Schreiben, Turnen und Fantasiereisen und seiner problemlosen Eingliederung in die Klasse gar nicht begeistert. Schließlich sieht die Schulordnung ein sprechendes Zebra nicht vor!

Wie der Tag mit dem Zebra in der Schule Hannas Selbstbewusstsein und ihre Selbständigkeit stärkt und ihr sogar einen neuen Freund beschert, erzählt Markus Orths locker und lustig. Die Art, wie nebenbei und unaufdringlich von der Norm abweichende Familienformen einfließen, finde ich sehr gelungen. Warum Hanna allerdings von ihren „homosensationellen“ Vätern, ihrem „leidlichen“ Vater und davon, dass sie „adoptioniert“ wurde erzählt, ist mir rätselhaft. Es klingt vielleicht für Erwachsene lustig, aber was sollen Erstleser, die die Begriffe vielleicht gar nicht kennen, damit anfangen? Auch die wiederholte Werbung für Nutella hat mich gestört, Schokoladenaufstrich wäre neutral gewesen.

Kerstin Meyer hat das Buch fröhlich-bunt illustriert, wobei ich die Zeichnungen des Zebras und der Erwachsenen sehr gelungen und aussagekräftig finde, während mir die Kindergesichter überhaupt nicht gefallen.

Alles in allem ist Das Zebra unterm Bett trotz dieser Kritikpunkte eine nette, sehr fantasievolle Lektüre zum Vorlesen ab sechs Jahren oder zum (begleiteten) Selberlesen ab Ende der zweiten Klasse.

Markus Orths & Kerstin Meyer: Das Zebra unterm Bett. Moritz 2016
www.moritzverlag.de